
George Duke bestimmte die Musikgeschichte mit wie kaum ein
anderer. Viele Jahrzehnte hat der Keyboarder, Produzent und Komponist unzähliger
Stil prägender Stücke einen festen Platz in der Szene. Seine brillante
Verschmelzung von Jazz, Funk, Rhythm & Blues, Soul und Latin sowie die
Erforschung und Klangfülle der unterschiedlichsten Tasteninstrumente haben einen
Alleinstellungsanspruch. Die Konzerte seiner jüngsten Tournee, bei der er auch
in der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ Station machte, belegen, dass George Duke mit
seiner Band noch immer das Publikum mitzureißen vermag. Da spielt er am Flügel
romantische Balladen explodiert mit wuchtigen Akkordgriffen in groovenden
Up-Tempo-Stücken an den Keyboards, liefert sich mit dem Bassisten Michael Manson
dichte Duelle, während Drummer Gordon Campbell über einem durchlaufenden Beat
ein vielschichtiges Rhythmusgeflecht trommelt und Gitarrist Jef Lee Johnson
seine Gitarre in Glissandi aufheulen lässt. Mehr als zwei Stunden ist vor allem
bei den Medleys aus vielen Jahren seines musikalischen Schaffens Party-Stimmung
angesagt, wenn das Publikum in den engen Sitzreihen des Theaters gar zu tanzen
versucht.
„Komm mit“, fordert George Duke, während seine Mitspieler ihre Instrumente für
den Soundcheck spielen. „Erledigen wir das mit dem Interview gleich“, sagt er
und ergreift die Initiative. „Bevor Du die üblicherweise erste Frage stellst;
ja, es gefällt mir gut hier. Und: Warum ich hier bin? Ich erhalte eine Menge
E-Mails aus Deutschland. Aber ich habe schon viele, viele Jahre nicht mehr hier
gespielt.“
Frage: Du hast in den vergangenen Jahren vor allem andere Künstler, wie
Deine Cousine Dianne Reeves, Billy Cobham oder Al Jarreau produziert. Was hat
Dich bewogen, eine eigene Band zur formieren und mit eigener Musik auf Tour zu
gehen?
Duke: Ich habe nun 20 oder 25 Jahre
produziert und viel Zeit im Studio verbracht. Doch mit der Dämmerung der
Plattenindustrie etwa durch das Internet, hat sich viel und dynamisch verändert.
Ich habe bewusste Anstrengungen mit dem Aufbau meines eigenen Labels (BPM
records) unternommen, um die Entwicklung in den Griff zu bekommen. Da zählt es
nun wirklich. Schließlich liebe ich mein Leben und will dem Publikum zeigen, was
ich als Musiker realisieren kann.
Frage: Was wirst Du auf dieser Tour spielen?
Duke: Die Musik wird die ganze Bandbreite
widerspiegeln: die Vergangenheit, die mittlere Periode und die Gegenwart. Wir
spielen Jazz und Rock, Funk und Soul, Latin-Music - eben alles was ich in meine
Musik gepackt habe.
Frage: Wie kam es zu dieser Gruppe?
Duke: Die Band besteht seit etwa zwei
Jahren. Der Drummer ist auf der Tour zwar ein anderer, denn mein regulärer
Dummer Ron Bruner jr. steht nicht zu Verfügung. Aber Gordon und ich haben
bereits vor Jahren zusammen gespielt. Er ist zurückgekommen und harmoniert
fantastisch mit der aktuellen Band.
Frage: Du hast Dein eigenes Label „BPM“ Big Piano Music gegründet, weil Du
darauf bestehst, dass die Musiker die Kontrolle über das haben müssen, was sie
schaffen. Wie stark ist Dein Einfluss als Produzent auf die Künstler, die Du
produzierst?
Duke lacht: Zunächst einmal bin ich bei
meinem Label der einzige Künstler. Aber das Geschäft ist so seltsam geworden,
dass es schwer ist, andere Künstler zu finden.
Frage: Nochmals die Frage nach dem Einfluss des Produzenten auf die
Künstler.
Duke: Was die anderen Künstler betrifft, so
hängt dies von ihnen ab. Es ist sicher ein Unterschied, ob ich Miles Davis,
Barry Manilow und Anita Baker produziere oder meine Cousine Dianne Reeves. Jeder
Fall muss individuell gesehen und behandelt werden. Mein Einfluss beschränkt
sich im Grunde darauf, die kreative Atmosphäre für die Künstler zu schaffen, in
der sie ihre Grenzen erforschen können. Du musst wissen, ich produziere
schließlich für sie und nicht für mich.
Frage: Wenn Du auf Kompositionen wie „Sudan“ zurückblickst, bei der Du
sagtest, dass Künstler sich äußern sollen, wenn die offizielle Politik schweigt,
was würdest Du aus heutiger Sicht über den Einfluss der Musik auf die Politik
oder deren Wechselwirkung sagen?
Duke: Der Einfluss war vor allem in den 90er
Jahren stärker war. Damals gab es eine ganze Bewegung, die über politische
Probleme sprach. Es strömen heute so viele Informationen in ungezählten Medien
auf die Menschen ein, dass es immer schwieriger wird, sich auf eine Sache zu
fokussieren. Aber Künstler sollten sich durchaus für politische und soziale
Fragen interessieren und sich verantwortlich fühlen, dass die im Gedächtnis der
Bevölkerung hängen bleibt.
Frage: Glaubt Du, dass Musik dazu führen kann, dass sie Menschen zum Protest
gegen Mängel in der Politik bewegt?
Duke: Auf den Punkt gebracht, ich bezweifle
dies. Und: „I´m not a political person!“
Frage: Du bist „not a political person“?
Duke: Nein, bin ich nicht. Ich mag es eigentlich nicht, mich mit Politik zu
beschäftigen. „I worked from the ground up“ Die Situation im Sudan hat mich
damals geärgert. Es war eine schlimme Situation und ich habe einen Kommentar
dazu abgegeben – durch dieses Lied, aber auch durch andere Lieder.
Frage: Glaubst Du, dass mit Präsident Obama ein positiver Wandel in Amerika
in Gang gesetzt wurde?
Duke: Nun gut, wir werden sehen. Es ist ganz
sicher ein großer Unterschied zwischen seiner Politik und der von Bush. Obamas
Einfluss auf die Politik wird sehr stark sein. Er hat viel aber Gegenwind. (Duke
vergleicht das politische Geschäft mit dem eines Filmmusikproduzenten). Obama
muss auf den Rat aller hören, aber seine eigene Stimme finden und letztlich
selbst entscheiden, denn dafür ist er gewählt worden. Ich habe lieber ihn in
diesem Büro (Oval Office), als andere, die weniger intelligent sind. Ich hoffe,
dass ich mich nicht falsch ausgedrückt habe.
Frage: Könntest Du Dir vorstellen, eine Komposition Obama zu widmen.
Duke (lacht lauthals): Das käme mir nicht in
den Sinn. Ich mache Musik für die Menschen, für mein Publikum.
Frage: Eine ganz andere Frage. Wie erinnerst Du Dich rückblickend an Deine
Mentoren Frank Zappa, Joe Zawinul oder an Jean-Luc Ponty?
Duke: Jean-Luc! Er hat mir beim Start
geholfen. Er brachte mich ins Geschäft und mit mir auch meine ganze Band, indem
er mich bei sich spielen ließ. Es waren schöne Zeiten. Es hat sehr viel Spaß
gemacht, denn er ist ein wunderbarer Künstler und exzellenter Freund. Außerdem
lehrte er mich den Wein und den Käse schätzen. (George schaut an sich herunter
und lacht ausgelasssen). Frank Zappa? Mann, wir haben nicht genug Zeit, um all
das zu sagen, was Frank für mich und meine Musik bedeutet. Er und Cannonball
Adderley sind meine bedeutendsten Mentoren im musikalischen Bereich. Sie haben
mein Talent gefördert und sich entfalten lassen. Joe Zawinul habe ich bei
Cannonball kennengelernt. Die Übernahme seines Pianisten-Jobs in der
Adderley-Band war die härteste Herausforderung. Joe war ein fantastischer
Musiker und wir wurden gute Freunde. Er war die erste Person, die nicht „black“
war, aber – mein Gott – er verstand den inneren Sinn des Blues und das ist die
Basis des Jazz. Viele Musiker sind zwar technisch fehlerfrei, aber sie erkennen
nicht die Melodie. Ich höre den Einwand, dass das Streben nach Perfektion ein
edles Ziel für jeden Pianisten sei. Das ist richtig. Aber wenn die Technik
wichtiger wird, als eine musikalische Geschichte zu erzählen oder auf eine
spontane Idee aufzuspringen, dann ist dies eine Fehlentwicklung. „The technic is
not the music“ (die Technik ist nicht die Musik). Musik ist an sich spirituell.