Welke Rosen aus Athen und mitswingende Philharmoniker
Für
Jazz-Puristen blieb zumindest der Eröffnungstag des bedeutenden
Stuttgarter Sommerfestivals ziemlich uninteressant. Da trug es gleich
zu Beginn "Slim Man", ein aus Maryland stammender und
Bassgitarre zupfender Sänger mit großem Tonumfang, mit seinem
Kommerz-Star-Gehabe zu dick auf. Im Hegelsaal des Kultur- und
Kongresszentrums Liederhalle trällerte er Liedchen von "Love and
Happiness", und ein Großteil des Publikums gefiel sich im
stupiden Mitklatschen. Gleichfalls nach vorgefertigten Mustern verfuhr
Michael Lington, ein Däne in den USA, auf seinem Altsaxofon – eine
abgekartete Intensität. Mehr Individualität verströmte nach mehr
als einer Stunde der Kopf dieser Band: Randy Crawford. Nach wie vor
besticht die prominente Lady durch mädchenhaftes Timbre und
herzliches Vibrato. Im stets gleichartigen Tempo trug sie seelenvolle
Pop-Balladen in eigener und fremder Sache vor, beispielsweise
"Streetlife", "What A Difference A Day Makes"
sowie "Knocking on Heaven’s Door". Kreative
Scat-Improvisationen? Fehlanzeige.
Ganz ähnlich im Stimmenklang ging es "open air" mit der 28-jährigen Vokalistin Joy Denalane – viel zu lange - weiter. Die Tochter eines Südafrikaners und einer Berlinerin hätte eher auf eine gehobenere Pop-Veranstaltung als auf ein ambitioniertes Jazz-Festival gepasst. Und da konnten auch der Gitarrist Frank Kuruc und der flötende Trompeter Sebastian Studnitzky nicht mehr und Besseres ausrichten.
Erst
nach Mitternacht kam im Innenhof des riesigen Bürokomplexes der
Landesbank Baden-Württemberg, die als Hauptsponsor von
"JazzOpen" fungiert, der unverwüstliche Klaus Doldinger
(Jahrgang 1936) zum Zuge. Der erfolgreiche Filmkomponist bringt am
Instrument nach wie vor freudig vollen Einsatz und bläst kraftvoll
ins Tenorsaxofon. Bei seinem "Passport RMX" benannten
Neun-Mann-Ensemble schließt er sich glaubwürdig dem HipHop-Zeitgeist
an und lässt den quirligen "Tab Two"-Trompeter Joo Kraus
und DJ Heli mitspielen.
Bei den beiden Samstagkonzerten schnitt
die Produktionsfirma EuroArts für das SWR-Fernsehen und eine
DVD-Veröffentlichung mit. Absolute Highlights waren hier jedoch nicht
zu verzeichnen und aufzuzeichnen. Fünf Pianisten präsentierten sich
solo und letztendlich im kollektiven Zusammenspiel zu zehn Händen an
zwei Flügeln. Junior Mance war der Senior der Tastenvirtuosen: fester
Swing, ein nettes "Georgia On My Mind", listiges und
lustiges "Fingerhakerln" als Tremolo auf dem selben Ton.
Minimalistische und folkloristische Klanggefilde entwarf der Brite
Alex Wilson, eher blass blieben die beiden weißen Amerikaner Jeoff
Keezer und Bill Charlap. Subtile Raffinesse entwickelte dagegen Jacky
Terrasson, Sohn eines Franzosen und einer
Afroamerikanerin,
besonders wie er "Over The Rainbow" rhythmisch, melodisch
und harmonisch sezierte.
Ganz anders der Judy-Garland-Evergreen bei Nana Mouskouri: Nach vertrauter Art eine Schmalz triefende Schnulze. Festival-Macherin Elke Balzer ist mit der Schlagersängerin seit zehn Jahren befreundet, und der griechische Weltstar wollte "JazzOpen" tatkräftig unterstützen. 1999 tat Nana Mouskouri es mit einem von ihr finanziell geförderten Nachwuchswettbewerb, 2002 erinnerte sie (sich) an eine genau vierzig Jahre zuvor in den USA bewerkstelligte Jazzplatten-Produktion. Kein Geringerer als Quincy Jones agierte seinerzeit als Produzent.
Anstatt "Weiße Rosen aus Athen" bringe die Griechin nun Jazz aus New York, frohlockten im Vorfeld die Massenmedien. Gewiss, für ein Jazz-Festival eine PR-wirksame Attraktion. Der 67-jährigen Künstlerin mit den schwarz erhaltenen langen Haaren und der charakteristischen Brille legten im Hegelsaal gepflegte Hausfrauen reiferen Alters dankend Rosen und andere floristische Gebinde zu Füßen.
Freilich:
die vorab gepriesene Welturaufführung ging schief. Zwar hatte Nana
Mouskouri in Interviews betont, sie beanspruche nicht das Signet der
Jazzsängerin, zumal sie des Improvisierens nicht mächtig sei. Jetzt
mangelte es der bescheiden auftretenden und sichtlich nervösen
Vokalistin an den elementaren Voraussetzungen der Intonationsreinheit
– hörte sie auf der Bühne etwa sich und die Band schlecht? Ihr
ausgedehntes Vibrato und die opernhaft artikulierten Langtöne wirkten
reichlich deplaziert. Das Gesuch der alten Dame, mal wieder
Jazz-Standards zu interpretieren, darunter gerne Ellington-Titel,
wurde "live" also nicht von berauschendem Erfolg gekrönt.
Keineswegs relaxt war die Mouskouri und man konnte als Alternative
beispielsweise von eine Dee Dee Bridgewater träumen, die souverän
ein Jazzorchester noch anspornt.
Umso mehr überzeugte die "Berlin Radio Big Band", die aus dem Jazzorchester des "Radios im amerikanischen Sektor" (RIAS) hervorgegangen ist. Unter der kompetenten Leitung des aus Konstanz stammenden und in Esslingen aufgewachsenen Pianisten Ralf Schmid spielten die Perfektionisten gewitzte Arrangements von einer an Gil Evans erinnernden Soundsensibilität. Der Beifall für die fulminanten Solisten übertönte vielfach den Gesang von Nana Mouskouri. Ein erfreuliches Wiedersehen und Wiederhören gab es mit etlichen "Schwaben", die mittlerweile in der Bundeshauptstadt jazzen, nämlich mit dem versierten Trompeter Ingolf Burkhardt, dem kurzfristig verpflichteten Bassisten Markus Bodenseh und vor allem mit dem mexikanischen Posaunisten Joe Gallardo, der einst bei Erwin Lehn tätig war.
Kammermusikalisches
und Sinfonisches offerierte der letzte Tag der "JazzOpen".
Wurde das Festival ohnehin auf drei Tage dezimiert, so erfolgten
weitere Einsparmaßnahmen mit der Doppelverpflichtung von Künstlern.
So präsentierten am Sonntagnachmittag der wendige Hannoveraner
Pianist Jens Thomas zusammen mit dem beständigen Frankfurter
Saxofonisten Christof Lauer zunächst gediegene Cover-Versionen von
Sting-Kompositionen, insgesamt eine interessante Balance von
Introvertiertheit und ekstatischen Momenten. Gleichfalls
Kammermusikalisches entboten im zweiten Programmteil Gregor Hübner
(Violine), sein Bruder Veit Hübner (Kontrabass) und der amerikanische
Pianist Richie Beirach. Von romantisierender Gefühlswelt bis zum
irisierenden Cluster – Crossover allenthalben. Der nimmermüde
Altsaxofonist Charlie Mariano (78) sorgte als Gast letzten Endes für
Seelentiefe und Altersweisheit.
Das Markenzeichen der JazzOpen bildeten in der Vergangenheit "Themenabende", die Frank Zappa, Charlie Mariano und Joachim-Ernst Berendt gewidmet waren. Nun kristallisiert sich in Stuttgart ein einzigartiger Schwerpunkt heraus: Jazz und Sinfonik. Im vorigen Jahr kooperierte die Formation "Orbit-Experience" (um den Trompeter Sebastian Studnitzky und den Drummer Florian Dauner) mit dem Stuttgarter Kammerorchester. Heuer wurde mit den Stuttgarter Philharmonikern sinfonisch aufgerüstet. Was vor geraumer Zeit noch heftige Debatten auslöste, gereicht heutzutage zur Selbstverständlichkeit. Nämlich, dass Musik und Musiker aus den Genres Klassik und Jazz durchaus zu harmonieren in der Lage sein können. Allerdings droht bei Streicher-Plüsch, fetten Blechbläsereien, süßlichem Holz und aufgemotztem Schlagwerk stets des Gefahr des Edel-Kitsches.
Beim "Opener" demonstrierten
die Stuttgarter Philharmoniker mit dem hervorragenden Gastdirigenten
Bernd Ruf, dass in ihren Reihen jazzkundige Instrumentalisten sitzen.
Die "Two Dance Episodes" aus dem frühen
Leonard-Bernstein-Musical "On The Town", das einen
turbulenten 24-stündigen New-York-Aufenthalt dreier lüsterner
Matrosen beschreibt, gerieten furios. Erst recht dramatisch
konstruierte Jens Thomas sein dem wichtigsten italienischen
Filmkomponisten gewidmetes Opus "Morricone":.Viel
illustrative Musik samt "Sing
mir
das Lied vom Tod", ergänzt mit Free-Eskapaden des Arrangeurs als
Klaviersolist. Randy Brecker traktierte seine Trompete diesmal ohne
elektronischen Firlefanz und überraschte mit (be-)stechender Schärfe
und hoher Strahlkraft. Seine Stücke für Jazzmusiker und
Sinfonieorchester konnten jedoch nicht durch Originalität bestechen,
ähnlich ging es den mitgebrachten Stücken seines Bruders Michael
Brecker, der ja als Saxofonist der Fusion-Szene bekannt ist.
Hollywood-Klischees und Easy-Listening-Adaptionen waren bei den
rockjazzigen Oeuvres unüberhörbar.
Fulminant gerieten Uraufführungen von Gregor Hübner, der eben seine Metiers versteht. Einst wurde er als Pianist zusammen mit seinem Bruder Veit (Bass) beim baden-württembergischen Wettbewerb "Jugend jazzt" entdeckt, machte 1990 mit dem Jugendjazzorchester eine Indonesien-Tour und ist inzwischen universell aktiv und gebildet. Keine Schwierigkeiten bereitet es ihm, für einen sinfonischen Klangkörper fachgerecht tonzusetzen. Stilistische Grenzen akzeptiert der Allround-Musikus ohnehin nicht. Seine Komposition "In Memoriam Bela" greift die scharfkantigen Rhythmen des Ungarn Bartok auf, und der 1. Satz vom "Concerto For Zbiggy" würdigt den 1979 an Krebs verstorbenen polnischen Geiger und Altsaxofonisten Zbigniew Seifert. Gregor Hübner schuf ein dichtes Werk, das auf Sentimentalitäten verzichtet, und brillierte als Geigensolist. Man sah und hörte es: der gemeinsame Abend, der leider nicht in Ton und Filmbild dokumentiert wurde, hat den Jazzern und den Philharmonikern gleichermaßen Freude bereitet. Die Stadt Stuttgart tut gut daran, zukünftig speziell mit dem Programmpunkt "Jazz und Sinfonik" die "JazzOpen" finanziell und personell zu unterstützen. Zu wünschen ist dem alljährlich für Mitte Juli terminierten Festival mehr Jazz, mehr Besucher und bessere Beteiligung von Radio und TV. Und mehr große Namen dürften es auch sein...
(Juli 2002)
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Text und Photographie von
Hans Kumpf