

Håkon Høgemo
Für mitteleuropäische Verhältnisse unorthodox erscheint auch die
norwegische Hardanger-Fiedel. Gespielt wird das
Streichinstrument mit den vier Hauptsaiten und bis zu sechs
unter dem Griffbrett verlaufenden Resonanzsaiten von Håkon
Høgemo, der mit Seglem schon seit zwei Jahrzehnten kooperiert.
Doch Høgemo betätigt sich mehr im harmonischen Background, als
dass er sich virtuos solistisch ereifert. Und da meint man
mitunter, eine Drehleier herauszuhören.
Dem „erzählenden“ Klang der Kora-Laute ähnlich ist das ebenfalls
aus Westafrika stammende „Konting“-Zupfinstrument. Olav Torget,
der ansonsten auf der E-Gitarre viel Filigranes von sich gibt,
bedient diesen exotischen Klangerzeuger. Ein weltmusikalisches
Sammelsurium traktiert schließlich sensibel der gewitzte
Perkussionist Harald Skullerud. Bei der CD- und (audiophilen)
Vinyl-Produktion „Ossicles“ („Gehörknöchelchen“), die unlängst
das deutsche Label „Ozella Music“ auf den internationalen Markt
warf, war er nur bei einem Stück beteiligt.

Skullerud
Extra für die Tour verpflichtet wurde der Schwede Stefan
Bergman, der sich nun auch in Schwäbisch Hall mit seiner
Bassgitarre bestens in das Konzept der vier norwegischen
Kollegen integrierte und auch mal barockale Kontrapunktik
einbrachte.
Mit den sich gerne wiederholenden folkloristischen Themen
Norwegens, unaufgeregter Modalharmonik und vielen Riffs ging die
Musik leicht ins Ohr. Weit mehr als im Tonstudio vermag in einer
„live“-Situation die ausgedehnte improvisatorische Interaktion
an Bedeutung gewinnen.

Karl Seglem
Bei der zweiten Zugabe in der Hospitalkirche wurde es dann
richtig popig, rockig – und jazzig. Veranstaltet wurde der
erfolgreich verlaufene Abend gemeinsam von Kurt Hohensteins und
Werner Feuchts „Konzertkreis Triangel“, von Dietmar Winters
Jazzclub Schwäbisch Hall und von Ute Christine Bergers
städtischem Kulturbüro.
Hans Kumpf
INTERVIEW
Hans Kumpf: Die Kritiker schreiben ja viel über Ihre Musik.
Was ist für Sie das Wichtigste, welche Einflüsse verarbeiten
Sie?
Karl Seglem: In wenigen Worten kann man dies kaum erklären.
Meine Musik basiert hauptsächlich auf der Tradition der
norwegischen Volksmusik, speziell der Hardanger-Fiedel-Musik,
auf meinen Kompositionen und meine Improvisationen. Andererseits
spielte ich in den letzten zwanzig Jahren in Big Bands und
Combos eine Menge Jazzmusik. So bedeutet dies ein Mix von
Improvisationspraxis und der Erfahrung, die ich mit dem Lernen
und Unterrichten von Volksmusik gewonnen habe. Diese Dinge
möchte ich in meiner Eigenschaft als Komponist weiter entwickeln
– und auch als Tenorsaxofonist. Ich möchte betonen, dass für
mich die Improvisation sehr wichtig ist – Räume zu schaffen,
damit jeder einzelne Musiker die Möglichkeit zum Improvisieren
hat. Es ist auch einzigartig, wie ich die Hardanger-Fiedel
einsetze. In der traditionellen Musik tritt sie solistisch
hervor, bei mir jedoch übt sie eine eine „akkordische“ Funktion
aus. Ich arbeite stets weiter an meiner Konzeption. „Ossicles“
ist nun das dritte Album mit diesem Quintett. Zuvor arbeitete
ich in einem Trio – ohne Bass und Gitarre. Es dauerte also lange
Zeit, um dieses Ergebnis zu erzielen.
Hans Kumpf: Fühlen Sie sich mehr als Volksmusiker oder als
Jazzmusiker?
Karl Seglem: Ich bin ein Improvisator, und für mich bedeutet
Jazz vor allem Improvisation. Für mich ist wichtig, dass ich
Freiräume habe – und oft ist in unserer Musik nichts
vorbestimmt. Außerdem ist die Kommunikation mit dem Publikum
unabdingbar. Also: Ich bin ein improvisierender Musiker, ein
Jazzmusiker.

![]()
![]()
Text und Photographie von
Hans Kumpf