
Von Hans Kumpf
Nach den politischen Umwälzungen in Europa ab Ende der 80er
Jahre gehört beim Jazz ein stimmiges Wechselspiel zwischen Polen
und dem nun vereinigten Deutschland längst zur Normalität. Die
brisant-prickelnde Atmosphäre vom polnischen Katakomben- und
Underground-Jazz ist längst passé. Nach wie vor kommt man in der
gemeinsamen Geschichte der swingenden Art aber trotzdem oft auf
anno 1957 zurück. Und Namen wie die der deutschen Brückenbauer
Werner Wunderlich (Baden-Baden) und Bert Noglik (Leipzig) sowie
die in Deutschland lebenden polnischen Musiker Vitold Rek
(Kontrabass), Janusz Stefanski (Schlagzeug), Vladislav Sendecki
(Piano) und Leszek Zadlo (Saxofon) tauchen immer wieder auf. Die
Vokalistin Urszula Dudziak und der Trompeter Tomasz Stanko, in
seinem Heimatland vielmals zum „Jazzmusiker des Jahres“ gewählt,
genießen im Westen geradezu Kultstatus. Zwei Fachzeitschriften
informieren seit Jahrzehnten in Wort und Schrift ausführlich von
der Szene im jeweiligen Nachbarland, nämlich das „Jazz Forum“
(Warschau) und das „Jazz Podium“ (Stuttgart). In Sachen Jazz
hätte es des offiziellen deutsch-polnischen
Nachbarschaftsvertrags vom 17. Juni 1991 nicht bedurft – die
swingenden Beziehungen liefen auch zuvor meist sehr harmonisch.

Ganz groß an die polnische Öffentlichkeit - und wortwörtlich auf
die Straße - gelangte der Jazz 1956 beim ersten nationalen
Festival im Seebad Sopot. Für den internationalen Touch sorgten
dabei eine tschechoslowakische und eine englische Formation.
Dank des überwältigenden Erfolgs wagten es die studentischen
Organisatoren, im Folgejahr die Festivität erheblich
auszuweiten. Nun dienten dem wieder einwöchigen „II Festiwal
Muzyki Jazzowej“ vom 14. bis 21. Juli 1957 als
Veranstaltungsorte sowohl die berühmte Waldoper als auch ein
Sportstadion und eine Werfthalle in der Nachbarstadt Danzig
Gleich mehrere Bands aus Deutschland wurden hierzu eingeladen,
und dies kam zwölf Jahre nach Ende der furchtbaren Okkupation
und des Krieges einer politischen Sensation gleich, nämlich die
West-Berliner "Spree City Stompers" und unabhängig davon diverse
Musiker aus Frankfurt, dominiert von den Bläsern Albert und Emil
Mangelsdorff sowie Joki Freund. Eingefädelt hatte den hessischen
Beitrag, der unter den Namen „Two Beat Stompers“, „Emil
Mangelsdorff Swingtett“, „Joki Freund Quintett“ und „Frankfurt
All Stars“ firmierte, Jazz-Experte Werner Wunderlich. Wunderlich
hatte während seiner Kriegsgefangenschaft in Warschau die
Sprache des Landes erlernt und dann rege Verbindungen mit der
dortigen Jazzszene gehalten.

Werner Wunderlich
Keine Frage: 1957 geriet zu einem markanten Neuanfang in der
deutsch-polnischen Jazzgeschichte. Auch nach mehr als einem
halben Jahrhundert bleibt dieses Meeting mit der damals
begonnenen gegenseitigen Zuneigung stets präsent – so musiziert
der nimmermüde Saxofonist Emil Mangelsdorff (geboren 1925) in
seinem Quartett aktuell mit zwei seit den 80er Jahren in
Deutschland lebenden Polen, nämlich mit dem Bassisten Vitold Rek
und dem Schlagzeuger Janusz Stefanski.
Als im Februar 1997 das Festival in Olsztyn/Allenstein 40 Jahre
Jazz-Partnerschaft zwischen den beiden Ländern würdigen und
feiern wollte, wurde dieses honorige Ansinnen von den deutschen
Kulturbürokraten nicht adäquat unterstützt. Stargast sollte
Posaunist Albert Mangelsdorff sein. In der finanziellen und
organisatorischen Unsicherheit kamen als Repräsentanten der im
Sommer 1957 an der Ostsee aufgetretenen deutschen Formationen
dann immerhin Emil Mangelsdorff und der Posaunist Hans Wolf
Schneider. Mit dabei wieder im völkerverbindenden Einsatz war
auch Werner Wunderlich. Seine polnischen Freunde erinnerten sich
noch lebhaft an die "Geheimgespräche", welche seinerzeit in
Sopot die beiderseitigen Jazzaktivitäten weiter in die Wege
geleitet hatten. Für seine „Verdienste um die polnische Kultur“
ist Wunderlich später – sogar in der schwierigen Ära der
doppelten Kaczynski-Regentschaft! - mit dem „Ehrenorden des
polnischen Kulturministers“ ausgezeichnet worden. Mit Genugtuung
registrierte Werner Wunderlich, der noch in seinem neunten
Lebensjahrzehnt per Radiosendungen über die Jazzaktivitäten in
Polen informiert, dass ihn das „Jazz Forum“ auf der Titelseite
der Septembernummer 2000 als „ambasador polskiego jazzu“, als
„Botschafter des polnischen Jazz“, würdigte.

Werner Wunderlich und Andrzej Wasylewski
Anderseits verteilten auch deutsche Diplomaten bedeutungsvolle
Orden. Dem Multiinstrumentalisten und Komponisten Andrzej
Kurylewicz (1932-2007), wie seine singende Ehefrau Wanda Warska
1956 und 1957 in Sopot dabei, wurde im April 2001 von
Deutschlands Mann in Warschau mit dem „Verdienstkreuz 1. Klasse“
bedacht.
2007, zum 50jährigen Jubiläum der polnisch-deutschen
Sopot-Begegnung, geglückte das „Jazz Forum“ seine Leser nicht
nur mit einem Reprint des Programmhefts von 1957, sondern
wartete noch mit einer CD mit historischen Tondokumenten auf –
14 Tracks von 75 Minuten Gesamtdauer.
In die deutsche Sopot-Delegation von 1957 integrierte sich neben
dem farbigen New-Orleans-Klarinettisten Albert Nicholas als
weiterer Amerikaner der professionell gut gelaunte Bill Ramsey,
der ja nicht nur billige Schlager zu singen vermag. Von seiner
Wahlheimat aus brach er wiederholt nach Polen auf, um dort zu
konzertieren. 2001 tat sich Bill Ramsey bei einem Festival mit
dem renommierten „Jazz Band Ball Orchestra“ zusammen, und das
klingende Resultat gab es alsbald als CD-Beilage vom „Jazz
Forum“. Zuvor hatte bei dem 1962 in Krakau gegründeten Ensemble
als singender Gast aus Deutschland Sylvia Droste fungiert.
Aber auch in Deutschland erinnerte man sich konzertant und
dezidiert an das markante Jazztreffen von Sopot, zwar nicht in
einem „runden“ Jubiläumsjahr, sondern am 26. Mai 2005 aus Anlass
des binational ausgerufenen „Deutsch-Polnischen Jahres“. In
Frankfurt am Main ist längst der Schlagzeuger Janusz Stefanski
heimisch geworden, und er initiierte die in der Alten Oper
durchgeführte Veranstaltung mit dem englischen Titel „German
Polish Jamboree. Three Jazz Generations 1957-2005“. Die
ergrauten Brückenbauer der 50er Jahre trafen sich ebenso wie die
„mittlere“ Generation und der hoffnungsvolle Nachwuchs. Nun
wurden von polnischer Seite u.a. Adam Pieronczyk, das Wasilewski
Trio und Anna Serafinska sowie die Sopot-Veteranen Jan Ptaszyn
Wroblewski und Roman Dylag gewonnen. Podiumsgespräche und die
Präsentation von Filmdokumenten vertieften den Blick zurück. Das
deutsche „Jazz Podium“ brachte über dieses „Geman Polish
Jamboree“ einen zweiseitigen Vorbericht, und das polnische „Jazz
Forum“ protokollierte die Veranstaltung gar auf sechs Seiten.
Schon im Jahre 2000 wurde in der Alten Oper ausgiebig polnisch
gejazzt, da damals bei der Internationalen Buchmesse als
„Gastland“ Polen diente. Jazzmusik aus Polen erfreut sich in
Deutschland längst eines wohlklingenden Namens. Fielen in den
60er Jahren besonders agile Oldtimer-Bands auf, die gerne auch
in kleinen Lokalen spielten, so überraschen mittlerweile die
Gäste aus dem Osten mit eigenständigem zeitlosem Jazz, oft mit
Rockeinflüssen vermengt.

Zadlo, Leszek-Sendecki, Adzik-Debski,
Krzesimir-Berendt
Am 19. Juli 1998 widmete das Festival "Jazz Open Stuttgart" dem
vielseitig aktiven Joachim-Ernst Berendt zum (fast verjährten)
75. einen ganzen Abend. Der deutsche „Jazzpapst“ reiste 1957 im
Tross von Werner Wunderlich nach Sopot mit (und verbreitete im
Nachhinein gerne die schaurige Mär, die Eisenbahnwagen seien –
wie einst bei Lenins Trip von der Schweiz zur Oktoberrevolution
– verplombt gewesen), lernte dort den Pianisten und später als
Roman Polanskis Filmkomponist berühmt gewordenen Krzysztof
Komeda kennen – und lud diesen dann wiederholt nach Deutschland
zu Rundfunk-, TV- und Plattenproduktionen ein. Ein ausgedehnter
Programmpunkt der Berendt-Feierlichkeiten war hier Polen
vorbehalten. Pawel Brodowski, Chefredakteur der Zeitschrift
"Jazz Forum", und die Sängerin Urszula Dudziak, die zusammen mit
dem trompetenden (Komponisten-Filius) Markus Stockhausen
musizierte, bedankten sich in aller (Fernseh-)Öffentlichkeit für
die Bemühungen Berendts um die polnische Jazzszene. Mittlerweile
sind wichtige Konzertteile mittels DVD nachzuerleben („Best of
Jazz Open Stuttgart 1998“), dabei auch das Robert Majewski
Quintett.

Urszula Dudziak in ihrer New Yorker Wohnung
Ökonomisch ergiebig und künstlerisch fördernd schien der
deutsche Markt für viele polnische Jazzmusiker allemal. So
erklärte einst Urszula Dudziak, dass es für sie und ihren
(damaligen) Ehemann Michal Urbaniak wichtig gewesen sei,
frühzeitig von dem Stuttgarter Intercord-Label "Spiegelei"
produziert worden zu sein. Inzwischen hatte sie längst mit ihrer
(oftmals raffiniert elektronifizierten) Stimme Weltruhm erlangt
und ihre Wohnsitze in die USA und nach Schweden verlegt. Die
Idee zum Projekt "Vocal Summit", in dem sie auch mit dem
späteren Pop-Hitparaden-Star Bobby McFerrin kooperierte, ging
gleichfalls von Deutschland aus.

Noch in bester Erinnerung ist für den Trompeter Tomasz Stanko,
dass er 1964 vom Norddeutschen Rundfunk zu ausgedehnten
Aufnahmen nach Hamburg verpflichtet wurde. Die in München
ansässige Plattenfirma ECM stellte den individuell herzhaft-herb
intonierenden Blechbläser immer wieder groß heraus, sei es
zusammen mit dem Trio des Pianisten Marcin Wasilewski oder
seinem „nordischen“ Quintett. Außerdem sorgte das wie ECM in
München ansässige Label ACT dafür, dass sich polnische Pianisten
wie Pawel Kaczmarczyk, Vladyslav alias Wladyslaw alias Vladislav
alias Adzik Sendecki (in der Schweiz wohnhaft und in Hamburg als
Keyboarder der NDR Big Band tätig) und Leszek Mozdzer auf dem
Weltmarkt (noch) besser positionieren konnten.
Von 1966 bis 2002 gab es in Nürnberg alle zwei Jahre das
Festival "Jazz Ost West", kontinuierlich wurde dieses mit
polnischen Musikern bestückt - ständiger Stammgast sozusagen war
Tomasz Stanko. Zudem sorgt der unverwechselbare Stanko bei
"JazzBaltica", der swingenden Festivität in Kiel und Salzau, für
eine hochwertige Konstante.
Nicht zu unterschätzen war zu Zeiten des Kalten Krieges das
"Jazz Jamboree" in Warschau. Ähnlich wie Nürnberg diente es früh
als Drehscheibe und Informationsbörse. Das polnische Festival
ermöglichte vor dem Wendejahr 1989 unzählige deutsch-deutsche
Kontakte - bei Musikern, Journalisten und angereisten Zuhörern.
Christoph Dieckmann übrigens beschrieb im Oktober 2005 bei der
Eisenacher Tagung „Jazz in der DDR – Jazz in Osteuropa“
humorvoll seine aufregenden „Wallfahrtgeschichten“ nach Warschau
zum „Jazz Jamboree“. Polen und der Jazz gerieten für die
Ostdeutschen damals für ein Sinnbild der Freiheit.
Zum Bindeglied der internationalen Jazzgemeinde und besonders
auch zwischen der BRD und der DDR avancierte die in der
polnischen Hauptstadt editierte Zeitschrift "Jazz Forum". 1967
(ein Jahrzehnt nach Sopot!), als auf polnische Initiative die
Europäische Jazzföderation entstand, wurde diese in einer
englischen Version zum systemübergreifenden Organ einer sich
frei und unabhängig fühlenden Jazz-Welt. Fünf Jahre lang - bis
zur Einführung des Kriegsrechts 1981 - gelang es zudem, eine
deutschsprachige Ausgabe herauszubringen. Experten wie Bert
Noglik und Rolf Reichelt reisten zum Übersetzen regelmäßig aus
der Deutschen Demokratischen Republik an. Mit der Doppelnummer
5/6-1992, 66 Seiten im DIN-A-4-Format, ausgeliefert erst Anfang
1993, verabschiedete sich das "Jazz Forum" in der englischen und
somit weltweit verstandenen Version. Wirtschaftliche Zwänge
machten diesen Schritt notwendig - eben eine Kehrseite der
politischen Öffnung. Im Untertitel nennt sich die polnische
Monatspostille jedoch bis heute im internationalen Englisch „The
European Jazz Magazine“.
Auch das „Jazz Jamboree“ in Warschau verlor in den letzten
Jahren an (internationaler) Bedeutung. Dafür wurde 2008 in
Deutschland nach polnischem Namensvorbild das „European Jazz
Jamboree Berlin“ ins Leben gerufen. Allerdings: Eine äußerst
breite Palette länderübergreifender Jazzbegegnungen gab es Ende
Mai 2009 bei dem ebenfalls von Uli Blobels „Jazzwerkstatt
Berlin-Brandenburg“ organisierten Deutsch-Polnischen Festival
„Sounds – No Walls – Friends & Neighbours in Jazz“. Zum
20jährigen Jubiläum des Mauerfalls wurden bedeutende Bands aus
Vergangenheit und Gegenwart eingeladen sowie viel miteinander
improvisiert und diskutiert. Die umfangreiche Liste der
beteiligten Musiker umfasste das Marcin Wasilewski Trio, das
polnische Quintett Kattorna mit dem deutschen Gastkollegen
Ernst-Ludwig Petrowsky (Saxofon), das Silke Eberhard Trio mit
Adam Pieronczyk, Mateusz Kolakowski (Solo-Piano), das Zbigniew
Namyslowski Quintett, das Friedhelm Schönfeld Trio plus Lev
Shpigel (Trompete), die Ulrich Gumpert Workshop Band, Vitold Rek
als Solobassisten, das amerikanisch-polnische Billy Harper -
Piotr Wojtasik Quintet, das Kayla Quintett sowie den
Klarinettisten Theo Jörgensmann mit den Oles-Zwillingen Marcin
am Bass und Barolomej am Schlagzeug. Bereits mehrere CDs hat
dieses länderübergreifende Trio vorgelegt.
An der Planung dieses von der Öffentlichen Hand wesentlich
unterstützten Festivals beteiligt war der vielfältig engagierte
Leipziger Publizist Bert Noglik, der am 10. September 2008 im
Polnischen Institut seiner Heimatstadt das „Silberne
Verdienstkreuz der Republik Polen“ erhielt. „Mit dem
Verdienstkreuz werden Bürger geehrt, die sich besondere
Verdienste um den polnischen Staat und seine Bürger mit Taten
erworben haben, die nicht zu ihren sowieso zu erledigenden
Pflichten gehören“, hieß es in der offiziellen Presseerklärung.

Konrad, Dudziak, Joos, Schwarz, Stefanski
Zahlreiche Jazz-Aktivitäten entfalteten bereits 1997/98 die
"Baden-Württembergisch/ Polnischen Kulturbegegnungen".
"Kinderkreuzzug", "Children Song", "Oberek" und "Wolszynie" - so
heißen einige Stücke, die in den Ludwigsburger "Bauer Studios"
digital auf Band gebannt wurden. Bernd Konrad, Professor an der
Stuttgarter Musikhochschule, bekam vom Land Baden-Württemberg
Geldmittel zugewiesen, um ein deutsch-polnisches Jazzensemble zu
formieren. Vor einem Auftritt bei Stuttgarts
"Südpool-Sommer-Festival" bewerkstelligte das binationale
Quintett digitale Aufnahmen, die dann im Radio gesendet wurden.
Zu einer spekulierten Plattenproduktion kam es leider nicht.
Als prominenteste Persönlichkeit der Gruppe fungierte die aus
den USA angereiste Urszula Dudziak. Zwei folkloristische Lieder
ihres Geburtslandes steuerte Urszula Dudziak zum gemeinsamen
Unternehmen bei. Bei "Oberek" handelt es sich um einen
rhythmisch verspielten Tanz im Dreivierteltakt, und die
eigentlich simple Dur-Tonleiter abwärts arrangierte sie bei
"Wolszynie" ("Wäldchen") sehr lieblich und harmonisch
anheimelnd. Die Bassklarinette von Bernd Konrad und das
Flügelhorn von Herbert Joos gelangten mit der instrumental
geführten Stimme zu einer homogenen Innigkeit.
Bei dem Werk "Kinderkreuzzug" erinnerte sich Saxofonist Konrad
des gleichnamigen Gedichts von Bertolt Brecht. Dieses
erschütternde Poem beginnt mit den Worten: "In Polen, im Jahr
Neununddreißig/ War eine blutige Schlacht/ Die hatte viele
Städte und Dörfer/ Zu einer Wildnis gemacht./ Die Schwester
verlor den Bruder/ Die Frau den Mann im Heer/ Zwischen Feuer und
Trümmerstätte/ Fand das Kind die Eltern nicht mehr." Den Inhalt
und die Atmosphäre der Brecht-Lyrik wollte Bernd Konrad dabei
nachzeichnen.
„Statt mit Chopin im Programm nach Berlin zu reisen, brachte
Polens Präsident einen aufregenden jungen Pianisten mit. Mit
ebenso wilden wie virtuosen Improvisationen begeisterte der
33-jährige Leszek Mozdzer sein Publikum. Da konnte nicht einmal
der Applaus für die Umarmung von Köhler und Kwasniewski
mithalten“ – So berichtete euphorisch die ansonsten kritische
„taz“ über die feierlich-prominente Eröffnungsveranstaltung des
„Deutsch-Polnisches Jahres“ im April 2005. Auch zum fulminanten
Abschluss vom „Polnischen Mai“ wenige Wochen später in Stuttgart
war der aus Danzig stammende Tastenkünstler zur Stelle. Sein
Bassist Olo Walicki und der in München geborene und derzeit in
Berlin lebende Schlagzeuger Maurice de Martin schlugen im
Theaterhaus-Konzert gleichfalls filigran sehr melodiöse und
weiche Töne an. Letztendlich ein homogenes Trio, bei dem – trotz
des reichhaltigen Notenmaterials – komponierte Parts und
Improvisationen fließend ineinander übergingen. Lyrische
Balladen waren bestimmend.
Nahtlos fügen sich die Anfangsbuchstaben der Nachnamen des
Pianisten Leszek Mozdzer, des Saxophonisten Christof Griese, des
Bassisten Horst Nonnenmacher und des Schlagzeugers Niko Schäuble
zu dem Kunstwort "Mogrinos" zusammen, und eng verzahnt ist auch
der zeitlose Mainstream-Jazz der CD (Bit Futurex FCD 7142), die
2004 als Kooperation des Berliner BlT-Musikverlags und des
Danziger Labels Futurex von Leszek Mozdzer. herauskam. Der
klassisch geschulte Tastenvirtuose hatte zunächst Aufsehen in
der Newcomer-Formation Milosc erregt, verjazzte Chopin und tat
sich schließlich auch mit dem amerikanischen Trompeter Lester
Bowie zusammen. Nun wurde eine polnisch-deutsche Jazz-Einheit
praktiziert - eine wirklich interaktionsfreudige Gruppe. Mozdzer
hat die zwischen eleganten Balladen und groovenden Blues-Nummern
wandelnden elf Eigenkompositionen des nuancierten Schlagzeugers
Schäuble und von Christof Griese, der rotzig auf dem Tenor und
dezent im Diskant auf dem Saxello agiert, gewissenhaft
einstudiert und erfüllt diese mit spontanem Leben. Der flexible
Kontrabass von Horst Nonnenmacher rundet das binationale Projekt
ab.
Völkerverständigung auf swingende und kommunikative Art.
Leszek Mozdzer auf die Frage nach seinen Erfahrungen in
Deutschland: „Ich habe mit vielen deutschen Musikern
zusammengearbeitet. Die Musiker sind wie eine riesige Familie,
wir haben eine glänzende Kommunikation miteinander. Ich mag die
Art und Weise, wie in Deutschland Musik organisiert wird. Es
stehen ziemlich gute Pianos zur Verfügung, es gibt grandiose
Konzertsäle.“
Mit mehreren Performances bereicherte das von der Philologin und
Übersetzerin Katarzyna Kumpf angeführte Projekt "Polnische Lyrik
& Jazz" die Kulturbegegnungen 1997/98 im Südweststaat.
Musikalisch unterstützt wurde die Rezitatorin von ihrem Ehemann
Hans Kumpf (Klarinette, Theremin)
und dem bereits erwähnten Vitold Rek. Unter seinem eigentlichen
Namen Witold Szczurek hatte der Kontrabassist seine Karriere in
Polen begonnen, in Deutschland erhoffte sich der in Krakau
(unter Penderecki) ausgebildete Saitenvirtuose jedoch mehr
künstlerische Anregungen. Längst hat er sich hierzulande als
Virtuose, als Dozent und als Festivalleiter in Frankfurt
etabliert.

Vitold Rek
Auf Initiative von Bert Noglik formierte Rek - in Anlehnung
dessen erfolgreichen Quartetts "East West Wind" - eigens für die
Leipziger Jazztage am 8. Oktober 1998 eine "Polish German Jazz
Connection". Mit dabei waren wiederum der Saxofonist Adam
Pieronczyk sowie Janusz Stefanski (Schlagzeug) und Corinna
Danzer (Saxofon). Die Kritik lobte sodann die enorme Spielfreude
des länderübergreifenden Unternehmens. 2005 (im
Deutsch-Polnischen Jahr!) gar hatte das Festival in der
Bach-Stadt das jazzende Polen zum dominierenden Thema.
Unzählig sind inzwischen die deutsch-polnischen Jazz-Aktivitäten
geworden. Und dies spricht für sich. Grazyna Wanat
beispielsweise entwickelte erstmals 2008 die kompakte
Konzertreihe „Polen-Allergie“, welche mit hochwertigem Jazz
etwaige Vorurteile gegenüber dem Nachbarland bekämpfen will. Das
in der Franken-Metropole sehr aktive Kulturzentrum „Krakauer
Haus“ zeichnet für diese Veranstaltung verantwortlich. Tomasz
Stanko (aufgewachsen in Nürnbergs Partnerstadt Krakau), Pink
Freud, Aga Zaryan, Filip Wisniewski, Leszek Mozdzer und weitere
Künstler aus Polen gaben sich bislang ein swingendes
Stelldichein.
In Darmstadt hat nicht nur das Deutsche Polen-Institut seinen
Sitz, sondern auch das auf das Joachim-Ernst-Berendt-Archiv
zurückgehende Jazzinstitut. Es lag natürlich nahe,
interdisziplinär zu kooperieren. So wurden dort beispielsweise
Mitte 2010 Ausstellungen mit jazzimpressionistischen Malereien
von Mira und Alex Fleischer sowie eine Festivaldokumentation von
Breslaus „Jazz nad Odra“ gezeigt. Schon 1985 hatte es im
kulturell stets aktiven Darmstadt eine konzertmäßige Neuauflage
der Berendt-Produktion mit polnischer Lyrik (meisterhaft
rezitiert von Gert Westphal) und Jazz gegeben. Als Interpreten
der aufgefrischten Komeda-Kompositionen beteiligten sich jetzt
u.a. Leszek Zadlo, Krzesimir Debski, Janusz Stefanski und Adzik
Sendecki. Der LP-Veröffentlichung folgte 1997 die CD-Version
„Der Walzer vom Weltende“, erschienen bei „Litraton“ in Hamburg.
Bei diversen Partnerschaften, seien sie bezogen auf
(Hoch-)Schulen oder Kommunen, werden auch innige Jazzbeziehungen
gepflegt. Seit 1998 existiert zwischen Neustrelitz und
Szczecinek (Neustettin) eine Städtepartnerschaft. Bei einem
Festkonzert zum 700jährigen Bestehen von Szczecinek taten sich
auf dem dortigen Marktplatz am 21. Juni 2010 gar 130 Jugendliche
aus den beiden Regionen zusammen, um das extra arrangierte
Auftragswerk „Rhythmi urbani“ unter dem Dirigat des Komponisten
Krzesimir Debski uraufzuführen. In den 80er Jahren tourte
Jazzgeiger Debski viel in Deutschland mit seiner Formation
„String Connection“, und er erinnert sich sehr gerne an diese
aufregenden Zeiten. Mittlerweile ist er besonders als
universeller Filmkomponist bekannt.
Nach dem Vorbild der jugendlichen deutsch-französischen Big Band
wurde auch ein Deutsch-Polnisches Jugendjazzorchester gegründet.
Der Landesmusikrat Niedersachsen ist bei diesem
völkerverbindenden Projekt maßgeblich verantwortlich.
Professor Bernhard Mergner leitet seit 2004 das Großensemble,
die in Würzburg lebende Würzburg lebenden Komponistin und
Vokalistin Sylwia Bialas arbeitete schon tonschöpferisch für den
Klangkörper. In Würzburg an der Musikhochschule tätig war bis zu
seiner Pensionierung der 1945 in Krakau geborene Saxofonist
Leszek Zadlo. 2003 wurde der Jazzvirtuose zum Professor ernannt,
an seinem Wohnort München übt Zadlo das Ehrenamt des
Vorsitzenden der „Gesellschaft zur Förderung der
deutsch-polnischen Verständigung e.V.“ aus. 1986 galt der Pole
mit dem deutschen Pass sogar als der „erste offizielle
Jazzlehrer in Bayern“. Außerhalb von Musikhochschulen bewährte
sich Zadlo als erfahrener Dozent bei freien Jazzkursen, sowohl
in Deutschland als auch in Polen.
Dass immer wieder gemeinsame instrumentale Fortbildungen
stattfinden, dient erst recht der Völkerverständigung. Aber der
Jazz gilt eo ipso als eine internationale Musik, als eine
Sprache weitgehend ohne Kommunikationsschwierigkeiten.

Dudziak, Stockhausen
Es gibt freilich einen polnischen „Exportüberschuss“ in punkto
Gastspielreisen zu verzeichnen. Weit mehr polnische Musiker
jazzen in Deutschland als dass deutsche Jazzer in Polen
auftreten. Immerhin: Im Chopin-Jahr 2010 wurde dem gefeierten
National-Komponisten eine ganz besondere Ehre zuteil - der
Kölner Trompeter Markus Stockhausen, jazzender Sohn des
avantgardistischen Tonschöpfers Karlheinz Stockhausen,
interpretierte zusammen mit dem Pianisten Adzik Sendecki am 4.
August im Warschauer Lokal „Palladium“ etliche Werke des
Romantikers. 13 Tage später konzertierte Sendecki mit deutschen
Kollegen nochmals in Warschau. Als regulärer Tastenmann der Big
Band des Norddeutschen Rundfunks beteiligte er sich im Sala
Kongresowa bei dem Programm „Bobby meets Chopin“ mit dem
populären Vokalsolisten Bobby McFerrin. Im Mai 1911 wurde
Sendecki mit dem Hamburger Jazzpreis ausgezeichnet, was
natürlich auch in seiner alten Heimat vermerkt wurde.
Nicht zum ersten Mal hatte dabei das experimentierfreudige
Jazzorchester des NDR mit Polen zu tun. So führte es 2006 mit
dem Saxofonisten Jan Ptaszyn Wroblewski als Stargast die
Produktion „Jazz from Poland“ durch. Neben
Wroblewski-Kompositionen wurden auch Stücke von Tomasz Stanko
und Krzysztof Komeda gespielt. Von dem legendären Komeda
(1931-1969) kam nochmals „Astigmatic“ zum Zuge. Die
Originalversion mit dem Quintett des großen Filmkomponisten wird
in Polen als die beste einheimische Plattenproduktion aller
Zeiten gewertet. Und hierbei beteiligt war auch ein Deutscher:
Günter Lenz, der als Mitglied des Albert Mangelsdorff Quintetts
1965 beim „Jazz Jamboree“ gerade einen Auftritt absolviert
hatte, konnte kurzfristig als Aushilfsbassist gewonnen und ins
Studio geholt werden. Die Abonnenten vom „Jazz Forum“ bekamen
die am 25. Mai 2006 in Hamburg gefertigten Tonaufzeichnungen von
„Jazz from Poland“ auf CD verewigt kostenlos mit dem
September-Heft des gleichen Jahres geliefert.
„Polen tut Europa gut“ konstatierte Anfang Dezember 2010 in
Warschau Bundespräsident Christian Wulff. Für den Jazz bedeutet
Polen längst ein Glücksfall, darf man hinzufügen. Zu Zeiten des
Kalten Krieges wurden besonders in und von Warschau aus die
swingenden Bande zwischen Ost und West geknüpft und gepflegt.
Heutzutage ist unaufgeregte Normalität eingetreten. In Zeiten
vom gemeinsamen Europa und des Schengen-Abkommens können auch
Jazzer unbeschwert hin- und herreisen – dies eben ohne lästige
Visumspflicht und ohne Ärger mit argwöhnischen Zollbehörden,
wenn es um den leidigen Instrumententransport geht.
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Text und Photographie von
Hans Kumpf