LUDWIGSBURG/KARLSRUHE/FREUDENSTADT/KÜNZELSAU.- 2009 feierten
die Ludwigsburger „Bauer Studios“ ihr 60-jähriges
Betriebsjubiläum. Internationale Stars wie Miles Davis und
Yehudi Menuhin standen schon vor den Mikrofonen in der
Markgröninger Straße 46, einem ehemaligen Kino. Das älteste
private Tonstudio weit und breit nimmt sich aber gerne
junger Talente an und diese auf – früher zunächst per Band,
mittlerweile auf Computer-Festplatte. Auch im PC-Zeitalter,
wo man leicht und billig Digital Recording betreiben und das
akustische Ergebnis daheim auf CD-Rohlinge brennen kann, ist
fachmännisches Knowhow vonnöten, soll ein hochwertiges
Produkt kreiert werden. Ein hohes Maß von Erfahrung ist bei
Orchesteraufnahmen erforderlich.

Big Band des Keplergymnasiums aus Freudenstadt
Der Mann am Mischpult muss da nicht nur ein versierter
Tontechniker samt untrüglichem Gehör sein – gefragt sind bei
ihm noch besonders psychologische Fähigkeiten. Kritik ja,
aber auch konstruktive Aufmunterung. Wann kann man
Intonationstrübungen und rhythmisch nicht so sehr exaktes
Zusammenspiel noch durchgehen lassen? Schließlich handelt es
sich nicht um ausgebuffte Profis, sondern um etwas nervöse
Teenager, die künstlerisch noch reifen müssen. Ja nichts
verpatzen, auf Nummer Sicher gehen, kein Risiko wagen.
Freilich: Absolut misslungene Parts lassen sich – im
Gegensatz zum live-Auftritt – im Nachhinein reparieren. Eine
hundertprozentige Perfektion lässt sich mit derart
technischen (Chips und) Tricks allerdings trotzdem nicht
erzielen. Mehrere Stunden konzentrierter Arbeit im Tonstudio
ist eine höchst anstrengende Angelegenheit – für den
Sound-Ingenieur und die Musiker gleichermaßen.

Big Band Helmholtz-Gymnasium
Die siegreichen Gruppen des baden-württembergischen
Wettbewerbs „Jugend jazzt“ durften 2008 die obligatorische
CD produzieren. Mit dabei waren selbstverständlich die
beiden erstplatzierten Jazzorchester, nämlich die Big Bands
vom Freudenstädter Kepler-Gymnasium und vom Karlsruher
Helmholtz-Gymnasium. Alsbald reisten die swingenden
Abi-Aspiranten erneut nach Ludwigsburg, um jeweils ihren
ganz eigenen Silberling einzuspielen.
In Karlsruhe setzt nun Hartmut Petri die vielfach
ausgezeichnete Jazz-Erziehungsarbeit von Horst-Günter Rothe
fort. Englisch klein geschrieben „walkin’ tiptoe“, benannt
nach der an Neal Heftis „Cute“ erinnernde Komposition von
Bert Joris, heißt die CD der Helmholtz-Gymnasiasten. Hier
wie dort subtile Fill-Ins des Drummers. Aus dem
Count-Basie-Repertoire stammt auch der viel von
Jugend-Big-Bands bemühte Reißer „Hay Burner“ von Sammy
Nestico. Beliebt und schon mehrfach auf CD vorhanden ist das
mittelalterlich choralhafte Stück „An hellen Tagen“ des
Tübinger Pianisten Rainer Tempel. Der Trompeter Thomas
Siffling, inzwischen bestens arriviert und weltweit tätig,
besuchte einst selbst das Helmholtz-Gymnasium und fungiert
bei der CD der Youngsters als komponierender und
improvisierender Star-Gast. Erschienen ist die interessante
CD auf dem Newcomer-Label „Chaos“ der „Bauer Studios“. Im
Internet (www.bauerstudios.de)
sind kurze Hörbeispiele eingestellt.

Big Band des Kepler-Gymnasiums im Studio
Zehn Jahre hat nun die Big Band des Kepler-Gymnasiums in
Freudenstadt auf dem Buckel. Ein willkommener Anlass für „La
Fiesta“ und somit, Chick Corea zu intonieren. Weitere
Ohrwürmer sind „All Of Me“, „Fever“ und „Over The Rainbow” -
und “Birdland” natürlich. Immer wieder faszinierend gibt
sich der vertrackte Hick-Hack-“Computer” von Bob Mintzer.
Posaunist Justus Heher wartet mehrfach mit selbstbewussten
Soli auf – Gratulation! Darüber kann sich nicht nur der
rührige Bandleader Christof Ruetz freuen. Eine ausgelassene
„CD-Release-Party“ fand bereits Anfang Oktober in der
Schwarzwaldstadt statt. Diese „La Fiesta“-Scheibe ist
gleichfalls auf dem Chaos-Label erschienen und bei den Bauer
Studios erhältlich.
Big Band Ganerben-Gymnasium Künzelsau
Bei „Jugend jazzt“ beteiligte sich die Big Band vom
Ganerben-Gymnasium Künzelsau noch nie. Auch hier ein
Beispiel, wie engagierte Musikpädagogen an
allgemeinbildenden Schulen oft Imponierendes zustande
bringen. Die Schützlinge von Studienrat Ralf Bechtel haben –
nur im Titel – bei ihrer Compact-Disc einen „Blackout“.
Rockiges und Fetzendes dominieren – es braucht ja nicht der
pure Jazz sein. Da wird ungeniert der 1985er Dance-Hit
„Rhythm Of The Night“ interpretiert. Neben schmissigem Latin
gibt es noch habhaften Swing. Die Hohenloher haben
vielleicht im nahen Schwäbisch Hall eine Aufführung von
„Glenn Miller“ auf der Treppe erlebt und Gefallen an den
Kommerz-Nummern „American Patrol“ und „Little Brown Jug“
gefunden, die sie nun selbst coverten. Alles geht leicht ins
Ohr, und so manche Soli würzen den Tutti-Sound.
Kein Chaos bei „Chaos“, dem Label – und schon gar nicht ein
(Helmut-Kohl’sches) „Blackout“ auf dieser CD. Und vor allem:
Respekt vor der Leistung der jungen Leute aus Freudenstadt,
Karlsruhe und Künzelsau.
.
![]()
![]()
Text und Photographie von
Hans Kumpf