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Kumpf´s Kolumnen
Klarinette

Jazzopen Stuttgart 2006

Manchmal ist sogar Jazz dabei

Von der Mangelsdorff-Gedenkfeier bis zu Willy DeVille

 

 

Von der noblen Liederhalle hat sich das Stuttgarter Sommer-Jazzfestival in diesem Jahr abgenabelt. Zum Hauptspielort haben die Veranstalter nun den freiluftigen Pariser Platz erkoren, welcher inzwischen durch Opernaufführungen beim „World New Music Festival“ sozusagen kulturell geadelt worden ist. Setzt man da jetzt endgültig auf Pop-Masse anstatt auf Jazz-Klasse? Trotz alledem: Die Eröffnungsveranstaltung fand im Saale statt, nämlich beim neuen Kooperationspartner Theaterhaus: „Tribute to Albert Mangelsdorff“.

Bei Werner Schretzmeiers Internationalen Jazztagen sollte Albert Mangelsdorff dort an Ostern letzten Jahres zusammen mit dem United Jazz + Rock Ensemble auftreten. Doch der an Leukämie schwer erkrankte Posaunist musste absagen und empfahl seinen Meisterschüler Stefan Lottermann als Ersatz. Am 25. Juli 2005 verstarb dann 76jährig die Lichtgestalt und das Synonym des deutschen Jazz.

Ganz genau ein Jahr später versammelten sich im Stuttgarter Theaterhaus seine Freunde und Fans – Musiker und Publikum gleichermaßen, um dem doch stets freundlich und bescheiden gebliebenen „Albertus Magnus“ zu gedenken.

Den Anfang machte Mangelsdorffs langjähriger Partner im Duo, bei den diversen German All Stars, im späteren Quintett und beim „United“, Wolfgang Dauner. Der Stuttgarter Pianist brachte den Braunschweiger Posaunisten Nils Wogram mit auf die Bühne der Hall T2. Und da rieb mancher sich verwundert die Ohren: Ist Albert wieder auferstanden? Denn Wogram hat die von dem Frankfurter Virtuosen entwickelten Multiphonics, bewerkstelligt durch gleichzeitiges Blasen und Singen ins Instrument hinein, mit erstaunlicher Leichtigkeit weiter verfeinert. 1972, im Geburtsjahr von Nils Wogram, brachte Mangelsdorff auf dem Label MPS die Platte „Trombirds“ heraus, und davon interpretierte der Niedersachse solistisch „Yellow Hammer“. Wogram integrierte hierbei die von Mangelsdorff perfektionierte Zirkularatmungstechnik, die quasi endlose Töne ermöglicht. Außerdem setzte er – wie einst der Posaunenweltmeister – gerne den rotbraunen Gummidämpfer ein.

Wolfgang Dauner rühmte seinen vormaligen Spielgefährten auf impressionistisch-romantische Weise, wobei er vom Calypso bis zum Flamenco tänzelte. Für Albert Mangelsdorff galt ja das Rhythmische als das essentielle Element, und auch der Free Jazz musste bei ihm swingen. Im Duo ließen Wogram und Dauner, beginnend mit „Hut ab!“, verschiedene Mangelsdorff-Kompositionen aufleben. Dauner: „Seine Musik bleibt!“

Nach der Konzertpause präsentierte das Jazzensemble des Hessischen Rundfunks drei hinterbliebene Mitstreiter des legendären Albert-Mangelsdorff-Quintetts der 60er Jahre (Altist Günther Kronberg verstarb ja schon 1977): Schlagzeuger Ralf Hübner, Bassist Günter Lenz und Saxofonist Heinz Sauer. Freilich: Das Requiem auf den am 5. September 1928 geborenen Künstler verlief insgesamt nicht allzu ergreifend.

Interessant aber, wie Stefan Lottermann den elegant-luftigen Ton seines Lehrherrn adaptiert hat. Lyrisch und behutsam am Piano agierte der wieder in Deutschland wohnende Amerikaner Bob Degen.

Zunächst standen einige zeitlose Titel von Hübner, Sauer, Lottermann und Lenz auf dem Programm, wobei der Beitrag von Günter Lenz doppeldeutig erscheinen musste. „25th of July“ markiert nämlich sowohl den Todestag Albert Mangelsdorffs als auch den Geburtstag des komponierenden Bassisten (Jahrgang 1938). Heinz Sauer, nunmehr ebenfalls im honorigen Rentenalter, stieß bei aller Beseeltheit erneut wie ein junger Wilder ins Tenor.

Mit den Mangelsdorff-Hits „Thema Mal Drei“ und „Certain Beauty“ erinnerten die fünf Mann an den abstrakten Bop und an den Cool Jazz. Toleranz und eine große stilistische Bandbreite – dies war ja für Albert Mangelsdorff symptomatisch.
 

Nach dem Songwriter Randy Newman offenbarten die populistischen Jazzopen auf dem Pariser Platz inmitten des Bankenareals am Hauptbahnhof endlich so zwischendurch einen anerkannten Jazzer. Herbie Hancock lieferte in der Vergangenheit – sei es im rein „Acoustic“-Ensemble oder mit elektrifizierter Band – stets beste musikalische Qualität. Wie der Zeit vergeht: Der Miles-Davis-Alumnus ist inzwischen 66 Jahre alt, und allerorten bewundert man ihn wegen seiner jugendlichen Frische.

Auch er tourte im Sommer anno 2006 durch Europa. Seine bewährten Erfolgsstücke „Actual Proof“, „Maiden Voyage“, „Chameleon“ und „Cantaloupe Island“ gewinnt der musikalische Tausendsassa mit seinem aktuellen Quintett stets neue Facetten ab. Eine wahre Weltmusik, von akustischer Zartheit bis zur explosiven Elektronik – und trotzdem irgendwie homogen. Tastenkünstler Hancock selbst agierte am konventionellen Konzertflügel und hochtechnisiert am Synthesizer sowie mit Computern. Als gezielten Showeffekt setzte er schlussendlich sein Umhängekeyboard ein.

Bassgitarrist Mathew Garrison, Sohn des Coltrane-Kontrabassisten Jimmy Garrison, und der auch die indischen Tabla-Trommeln traktierende Schlagzeuger Richard Barshay sorgten differenziert für die komplexe rhythmische Basis. Eine feine klassische Klangfarbe fügte die Geigerin Lilith Haydn, die zuweilen noch synchron zu ihren Instrumentalmelodien sang, hinzu.

Fusion verkörperte der musikalische Weltbürger Lionel Loueke auf faszinierende Art. Der in Benin aufgewachsene Gitarrist studierte in der Elfenbeinküste, in Frankreich und in den USA. Seine Gitarre mutierte er mit elektronischer Hilfe soundmäßig zu eienm E-Piano oder zur Stegharfe Kora der westafrikanischen Griots um. Zudem kam er in Body-Percussion-Parts auf seine ethnischen Wurzeln zurück und betätigte sich noch als Sänger. Trickreich wieder sein mittels Vocoder fabrizierter Chorgesang.

Eingeleitet wurde der regenfreie Konzertabend durch die farbige Berlinerin Joy Denalane, die schon vor vier Jahren bei den Jazzopen gastierte. 2003 landete sie mit ihrem sentimentalen „Kinderlied“ in der Hitparade. Zum Business gehört bei ihr, das eigene Familienleben ausgiebig zu Markte zu tragen. Jetzt das zweite Baby, die deutsche Mutter gestorben, die wie der Vater aus Südafrika stammenden Schwiegereltern mit im Konzert. Primitive Publikumsanmache und manipulatives Wir-Gefühl. Da durfte die Fangemeinde von den Stühlen aufstehen und tänzelnd mitträllern. So manche postklimakterische Schwäbin geriet da aus dem Häusle.

Joy Denalane verfügt indes über eine angenehm angeraute Soul-Stimme, doch in puncto (improvisiertem) Jazz herrscht bei ihr totale Fehlanzeige. Zu sehr verharrte sie in der Mittellage, und die Songs waren zu gleichförmig aufgebaut, auch wenn „Be Real“ im Sechsachteltakt daherkam. Als Lichtblick immerhin blieb bei dem neuerdings mit einem englischen Text versehenen „Soweto“ das Solo des Keyboarders Lillo Scrimali. Ärgerlich, dass durch die überlange Performance von Joy Denalane die Gruppe von Herbie Hancock eine halbe Stunde später als geplant auf die Bühne konnte.

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Zur Einstimmung auf dem Pariser Platz im Doppelpack zunächst sehr Ohrengefälliges und Liebliches: Nach dem für die neue CD werbenden Trio „Dicke Fische“ mit dem Schlagzeuger Bodo Schopf und den singenden Gitarristen Jürgen Amman und Anjel Ferry durfte sich der junge Niederländerin San Glaser mit ihrem männlichen Begleitquartett etwas ausführlicher präsentieren. Eine nette Stimme ist der Tochter einer holländischen Mutter und eines indonesischer Vaters zu eigen, ein individuelles Timbre bei ihren unaufgeregten Balladen vermisst man derzeit noch. Asiatisches Momente etwa transferiert San Glaser in ihrem von Pop-Amerika übernommenen Gesang nicht. Wo bleibt denn da der Jazz? Diese Frage warf sich am letzten Abend der Jazz Open erst recht auf.

Als Hauptact konnte Elke Balzer vom Veranstaltungsmanagement „Opus“ relativ kurzfristig Willy DeVille und sein „Acoustic Trio“ engagieren. Der 1953 in New York als William Borsay geborene Musiker orientiert sich stilistisch jedoch nach New Orleans und erreichte als Twen mit seiner Formation „Mink DeVille“ verrückt-verrockt einige Weltberühmtheit. Südstaatenmusik mit grundlegendem Blues aber fern jeder Dixieland-Jazzigkeit ist sein Metier. Bevor er in Stuttgart noch einen Ton ins Mikrofon sang, empfahl er dem Publikum doch bitte an das amerikanische Rote Kreuz für die Opfer des Hurricanes Katrina zu spenden, er habe dies mit tausend Dollar schon selbst getan.

Als cooler Kauz krächzte er sodann die Songs aus eigener und fremder Feder tieftönig ins Mikrofon. Frank Sinatra machte es vor: Eine (nikotinreine?) Zigarette auf der Bühne erhöht angeblich die Stimmung. In langhaariger Revoluzzer-Masche inmitten der kapitalen Glaspaläste von Geldinstituten. Willy DeVille, der zumeist noch schrammelnd zaghaft seine Rhythmusgitarre bediente, schöpfte aus dem Repertoire seiner 2002 „Live in Berlin“ gemachten Unplugged-Produktionen. Zu hören waren in Stuttgart beispielsweise „It’s Too Late She’s Gone“ und das unverwüstliche „Spanish Harlem“. Gedrosseltes Tempo allenthalben.

David Kayes am mächtigen Korpusbass war bei dieser CD und DVD bereits mit von der akustischen Partie, nur beim Piano gab es einen Wechsel. Seth Farber wurde nun durch Jeff Levine ersetzt. Perfekte Routine gewiss, auf spontan-solistische Beiträge verzichteten Levine und Keyes jedoch. Die Reaktion des Publikums war nicht von enthusiastischer Euphorie geprägt – eine Zugabe nur.


Klar und gut natürlich, dass der Jazz offen ist für andere Einflüsse aus so vielen Musik-Genres. Aber seine Grundelemente wie Kreativität, „swing“„ drive“ und Improvisation müssen gewahrt werden. Für das Konzept der Jazz Open haben eingefleischte Jazzfans oft nur ein entsetztes Kopfschütteln übrig. Sollte es noch so kommen, dass die am Rande des Pariser Platzes postierten „Dixi“-Toilettenhäuschen mit ihrer „blue note“-Farbgebung das Einzige sind, das bei diesem Festival irgendwie mit dem Jazz zu tun hat?


 

 

Hans Kumpf, Text & Photographie August 2006

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