










 |
Von der noblen
Liederhalle hat sich das Stuttgarter Sommer-Jazzfestival in
diesem Jahr abgenabelt. Zum Hauptspielort haben die
Veranstalter nun den freiluftigen Pariser Platz erkoren,
welcher inzwischen durch Opernaufführungen beim „World New
Music Festival“ sozusagen kulturell geadelt worden ist.
Setzt man da jetzt endgültig auf Pop-Masse anstatt auf
Jazz-Klasse? Trotz alledem: Die Eröffnungsveranstaltung fand
im Saale statt, nämlich beim neuen Kooperationspartner
Theaterhaus: „Tribute to Albert Mangelsdorff“.
Bei Werner Schretzmeiers Internationalen Jazztagen sollte
Albert Mangelsdorff dort an Ostern letzten Jahres zusammen
mit dem United Jazz + Rock Ensemble auftreten. Doch der an
Leukämie schwer erkrankte Posaunist musste absagen und
empfahl seinen Meisterschüler Stefan Lottermann als Ersatz.
Am 25. Juli 2005 verstarb dann 76jährig die Lichtgestalt und
das Synonym des deutschen Jazz.
Ganz genau ein Jahr später versammelten sich im Stuttgarter
Theaterhaus seine Freunde und Fans – Musiker und Publikum
gleichermaßen, um dem doch stets freundlich und bescheiden
gebliebenen „Albertus Magnus“ zu gedenken.
Den Anfang machte Mangelsdorffs langjähriger Partner im Duo,
bei den diversen German All Stars, im späteren Quintett und
beim „United“, Wolfgang Dauner. Der Stuttgarter Pianist
brachte den Braunschweiger Posaunisten Nils Wogram mit auf
die Bühne der Hall T2. Und da rieb mancher sich verwundert
die Ohren: Ist Albert wieder auferstanden? Denn Wogram hat
die von dem Frankfurter Virtuosen entwickelten Multiphonics,
bewerkstelligt durch gleichzeitiges Blasen und Singen ins
Instrument hinein, mit erstaunlicher Leichtigkeit weiter
verfeinert. 1972, im Geburtsjahr von Nils Wogram, brachte
Mangelsdorff auf dem Label MPS die Platte „Trombirds“
heraus, und davon interpretierte der Niedersachse solistisch
„Yellow Hammer“. Wogram integrierte hierbei die von
Mangelsdorff perfektionierte Zirkularatmungstechnik, die
quasi endlose Töne ermöglicht. Außerdem setzte er – wie
einst der Posaunenweltmeister – gerne den rotbraunen
Gummidämpfer ein.
Wolfgang Dauner rühmte seinen vormaligen Spielgefährten auf
impressionistisch-romantische Weise, wobei er vom Calypso
bis zum Flamenco tänzelte. Für Albert Mangelsdorff galt ja
das Rhythmische als das essentielle Element, und auch der
Free Jazz musste bei ihm swingen. Im Duo ließen Wogram und
Dauner, beginnend mit „Hut ab!“, verschiedene
Mangelsdorff-Kompositionen aufleben. Dauner: „Seine Musik
bleibt!“
Nach der Konzertpause präsentierte das Jazzensemble des
Hessischen Rundfunks drei hinterbliebene Mitstreiter des
legendären Albert-Mangelsdorff-Quintetts der 60er Jahre
(Altist Günther Kronberg verstarb ja schon 1977):
Schlagzeuger Ralf Hübner, Bassist Günter Lenz und Saxofonist
Heinz Sauer. Freilich: Das Requiem auf den am 5. September
1928 geborenen Künstler verlief insgesamt nicht allzu
ergreifend.
Interessant aber, wie Stefan Lottermann den elegant-luftigen
Ton seines Lehrherrn adaptiert hat. Lyrisch und behutsam am
Piano agierte der wieder in Deutschland wohnende Amerikaner
Bob Degen.
Zunächst standen einige zeitlose Titel von Hübner, Sauer,
Lottermann und Lenz auf dem Programm, wobei der Beitrag von
Günter Lenz doppeldeutig erscheinen musste. „25th of July“
markiert nämlich sowohl den Todestag Albert Mangelsdorffs
als auch den Geburtstag des komponierenden Bassisten
(Jahrgang 1938). Heinz Sauer, nunmehr ebenfalls im honorigen
Rentenalter, stieß bei aller Beseeltheit erneut wie ein
junger Wilder ins Tenor.
Mit den Mangelsdorff-Hits „Thema Mal Drei“ und „Certain
Beauty“ erinnerten die fünf Mann an den abstrakten Bop und
an den Cool Jazz. Toleranz und eine große stilistische
Bandbreite – dies war ja für Albert Mangelsdorff
symptomatisch.
Nach dem Songwriter Randy Newman
offenbarten die populistischen Jazzopen auf dem Pariser
Platz inmitten des Bankenareals am Hauptbahnhof endlich so
zwischendurch einen anerkannten Jazzer. Herbie Hancock
lieferte in der Vergangenheit – sei es im rein
„Acoustic“-Ensemble oder mit elektrifizierter Band – stets
beste musikalische Qualität. Wie der Zeit vergeht: Der
Miles-Davis-Alumnus ist inzwischen 66 Jahre alt, und
allerorten bewundert man ihn wegen seiner jugendlichen
Frische.
Auch er tourte im Sommer anno 2006 durch Europa. Seine
bewährten Erfolgsstücke „Actual Proof“, „Maiden Voyage“,
„Chameleon“ und „Cantaloupe Island“ gewinnt der musikalische
Tausendsassa mit seinem aktuellen Quintett stets neue
Facetten ab. Eine wahre Weltmusik, von akustischer Zartheit
bis zur explosiven Elektronik – und trotzdem irgendwie
homogen. Tastenkünstler Hancock selbst agierte am
konventionellen Konzertflügel und hochtechnisiert am
Synthesizer sowie mit Computern. Als gezielten Showeffekt
setzte er schlussendlich sein Umhängekeyboard ein.
Bassgitarrist Mathew Garrison, Sohn des
Coltrane-Kontrabassisten Jimmy Garrison, und der auch die
indischen Tabla-Trommeln traktierende Schlagzeuger Richard
Barshay sorgten differenziert für die komplexe rhythmische
Basis. Eine feine klassische Klangfarbe fügte die Geigerin
Lilith Haydn, die zuweilen noch synchron zu ihren
Instrumentalmelodien sang, hinzu.
Fusion verkörperte der musikalische Weltbürger Lionel Loueke
auf faszinierende Art. Der in Benin aufgewachsene Gitarrist
studierte in der Elfenbeinküste, in Frankreich und in den
USA. Seine Gitarre mutierte er mit elektronischer Hilfe
soundmäßig zu eienm E-Piano oder zur Stegharfe Kora der
westafrikanischen Griots um. Zudem kam er in
Body-Percussion-Parts auf seine ethnischen Wurzeln zurück
und betätigte sich noch als Sänger. Trickreich wieder sein
mittels Vocoder fabrizierter Chorgesang.
Eingeleitet wurde der regenfreie Konzertabend durch die
farbige Berlinerin Joy Denalane, die schon vor vier Jahren
bei den Jazzopen gastierte. 2003 landete sie mit ihrem
sentimentalen „Kinderlied“ in der Hitparade. Zum Business
gehört bei ihr, das eigene Familienleben ausgiebig zu Markte
zu tragen. Jetzt das zweite Baby, die deutsche Mutter
gestorben, die wie der Vater aus Südafrika stammenden
Schwiegereltern mit im Konzert. Primitive Publikumsanmache
und manipulatives Wir-Gefühl. Da durfte die Fangemeinde von
den Stühlen aufstehen und tänzelnd mitträllern. So manche
postklimakterische Schwäbin geriet da aus dem Häusle.
Joy Denalane verfügt indes über eine angenehm angeraute
Soul-Stimme, doch in puncto (improvisiertem) Jazz herrscht
bei ihr totale Fehlanzeige. Zu sehr verharrte sie in der
Mittellage, und die Songs waren zu gleichförmig aufgebaut,
auch wenn „Be Real“ im Sechsachteltakt daherkam. Als
Lichtblick immerhin blieb bei dem neuerdings mit einem
englischen Text versehenen „Soweto“ das Solo des Keyboarders
Lillo Scrimali. Ärgerlich, dass durch die überlange
Performance von Joy Denalane die Gruppe von Herbie Hancock
eine halbe Stunde später als geplant auf die Bühne konnte.
*
Zur Einstimmung auf dem Pariser Platz im Doppelpack zunächst
sehr Ohrengefälliges und Liebliches: Nach dem für die neue
CD werbenden Trio „Dicke Fische“ mit dem Schlagzeuger Bodo
Schopf und den singenden Gitarristen Jürgen Amman und Anjel
Ferry durfte sich der junge Niederländerin San Glaser mit
ihrem männlichen Begleitquartett etwas ausführlicher
präsentieren. Eine nette Stimme ist der Tochter einer
holländischen Mutter und eines indonesischer Vaters zu
eigen, ein individuelles Timbre bei ihren unaufgeregten
Balladen vermisst man derzeit noch. Asiatisches Momente etwa
transferiert San Glaser in ihrem von Pop-Amerika
übernommenen Gesang nicht. Wo bleibt denn da der Jazz? Diese
Frage warf sich am letzten Abend der Jazz Open erst recht
auf.
Als Hauptact konnte Elke Balzer vom Veranstaltungsmanagement
„Opus“ relativ kurzfristig Willy DeVille und sein „Acoustic
Trio“ engagieren. Der 1953 in New York als William Borsay
geborene Musiker orientiert sich stilistisch jedoch nach New
Orleans und erreichte als Twen mit seiner Formation „Mink
DeVille“ verrückt-verrockt einige Weltberühmtheit.
Südstaatenmusik mit grundlegendem Blues aber fern jeder
Dixieland-Jazzigkeit ist sein Metier. Bevor er in Stuttgart
noch einen Ton ins Mikrofon sang, empfahl er dem Publikum
doch bitte an das amerikanische Rote Kreuz für die Opfer des
Hurricanes Katrina zu spenden, er habe dies mit tausend
Dollar schon selbst getan.
Als cooler Kauz krächzte er sodann die Songs aus eigener und
fremder Feder tieftönig ins Mikrofon. Frank Sinatra machte
es vor: Eine (nikotinreine?) Zigarette auf der Bühne erhöht
angeblich die Stimmung. In langhaariger Revoluzzer-Masche
inmitten der kapitalen Glaspaläste von Geldinstituten. Willy
DeVille, der zumeist noch schrammelnd zaghaft seine
Rhythmusgitarre bediente, schöpfte aus dem Repertoire seiner
2002 „Live in Berlin“ gemachten Unplugged-Produktionen. Zu
hören waren in Stuttgart beispielsweise „It’s Too Late She’s
Gone“ und das unverwüstliche „Spanish Harlem“. Gedrosseltes
Tempo allenthalben.
David Kayes am mächtigen Korpusbass war bei dieser CD und
DVD bereits mit von der akustischen Partie, nur beim Piano
gab es einen Wechsel. Seth Farber wurde nun durch Jeff
Levine ersetzt. Perfekte Routine gewiss, auf
spontan-solistische Beiträge verzichteten Levine und Keyes
jedoch. Die Reaktion des Publikums war nicht von
enthusiastischer Euphorie geprägt – eine Zugabe nur.
Klar und gut natürlich, dass der Jazz offen ist für andere
Einflüsse aus so vielen Musik-Genres. Aber seine
Grundelemente wie Kreativität, „swing“„ drive“ und
Improvisation müssen gewahrt werden. Für das Konzept der
Jazz Open haben eingefleischte Jazzfans oft nur ein
entsetztes Kopfschütteln übrig. Sollte es noch so kommen,
dass die am Rande des Pariser Platzes postierten
„Dixi“-Toilettenhäuschen mit ihrer „blue note“-Farbgebung
das Einzige sind, das bei diesem Festival irgendwie mit dem
Jazz zu tun hat? |