STUTTGART. Programmatisch hatten die JazzOpen-Macher
von Anfang an den eigentlichen Jazz in den kammermusikalischen
Mozartsaal verbannt, ein Raum mit guter Akustik und beschränkter
Sitzplatzanzahl. Weder Freiluftgetöse, noch Massenveranstaltung also.
Künstlerisches Feigenblatt oder Geldmangel, dass hier zunächst die
regionale Szene präsentiert wurde? Freilich, auf der Bühne des
Liederhallen-Mozartsaals erlebte man bei den legendären „Treffpunkt
Jazz“-Konzerten auch schon Stars wie Oscar Peterson, Dizzy
Gillespie, Cecil Taylor und Stan Getz.
Das swingende Event eröffnete der Tübinger
Pianist Rainer Tempel, 2002 Jazzpreisträger des Landes Baden-Württemberg.
Der 30Jährige begrüßte die getreue Zuhörerschaft süffisant „zu
einem der Jazzkonzerte des Festivals“. Was er dann mit seinem
Quintett namens „GmbH“ bot, lässt sich als Neo-Hard-Bop
bezeichnen, vom Bandlieader solide komponiert und von der Combo
gewissenhaft interpretiert. Trompeter Axel Schlosser stieß zupackend
ins Horn, während Saxofonist Jochen Feucht auf Sopran und Tenor eher
zurückhaltend agierte. Bassist Markus Bodenseh und Schlagzeuger
Eckard Stromer, der mittlerweile in der Big Band des Hessischen
Rundfunks trommelt, bildeten eine zuverlässige Rhythmusgruppe. Bezüge
zu Musik des alten Europas gab es nur, wenn Rainer Tempel auf dem
Steinway barockale Linien in „geraden“ Achteln intonierte.
Jacques Loussier erfand einst
„Play Bach“, sein Pianistenkollege Leonid
Chizhik spezialisiert sich jetzt auf Mozart, Uri Caine verarbeitet
immer wieder Mahler – und Richie Beirach bringt dem Jazzpublikum
neuerdings den Italiener Monteverdi nahe. Geboren 1567 in Cremona,
gestorben 1643 in Venedig war der Frühbarockmeister vor allem mit
Madrigalen und der wegweisenden Oper „L’Orfeo“ hervorgetreten.
Aus dieser 1607 in Mantua uraufgeführten „Favola in musica“ nahm
sich Beirach ein schlichtes Lamento vor – mehr mit romantisierenden
Schwelgereien als mit barockem Ebenmaß. Zusammen mit Jiri
„George“ Mraz am Kontrabass und Gregor Hübner an der Violine
entstand eine homogene Musik, welche die Grenzen zwischen komponiertem
Original und swingenden Improvisationen verwischte.
Fetziger arrangiert war die
Bagatelle Nr. 3 aus op. 6 des ungarischen Tonschöpfers Bela Bartok
(1881 – 1945), der immerhin ja auch für Benny Goodman komponierte.
Nach dissonanten Cluster-Tremoli der drei Instrumente folgten
free-jazzig Punktualismen, um dann um dann in einen
kraftvoll-bluesigen Jazz zu münden. Ungarische Zigeunermusik
schimmerte durch, und die phrygische Scala des spanischen Flamencos
blieb unüberhörbar bei einer „Intimate Impression“ des kaum
bekannten katalanischen Komponisten Federico Mompou (1893 – 1987).
Auch hier das Tempo lento-langsam und fast ein Klagelied. Aus dem
ursprünglich rhythmisch hämmernden „Stabat Mater“ von Giovanni
Battista Pergolesi (1710 – 1736) machte das Jazz-Trio eine gefühlvolle
Ballade.
Schließlich doch eine neue Version
von „Play Bach“. Richie Beirach, zurzeit Professor an der
Musikhochschule Leipzig, erkannte ebenfalls, dass es sich zum
„Siciliano“ in G-Dur des Thomaskantors trefflich jazzen lässt.
Auch hier eine unverkrampfte Verbindung von klassischer Kultur mit
zeitgenössischem Improvisieren. Eine ernstzunehmende U-Musik für
Intellektuelle. Ganz im Gegensatz zu dem stampfenden Stumpfsinn, mit
dem der englischer Rapper Rob Birch mit seiner Formation „Stereo
MC’s“ zur gleichen Stunde bei der Open-Air-Veranstaltung der
JazzOpen den Innenhof der LBBW volldröhnte.
2002 traten die Stuttgarter
Philharmoniker bei den JazzOpen in voller Besetzung an und musizierten
unbeschwert mit solchen namhaften Solisten wie Charlie Mariano, Randy
Brecker und Christof Lauer. Die Kooperation mit dem städtischen
Sinfonieorchester könnte zu einer Dauereinrichtung und zu einem
Markenzeichen dieses Juli-Festivals werden. Berührungsängste und
Animositäten zwischen den feinen Klassikern und etwaigen aufmüpfigen
Jazzern gehören längst der Vergangenheit an. Heutzutage herrscht ein
herzliches Einvernehmen, musikrevolutionäre Großtaten sind freilich
nicht zu erwarten.
Im Mozartsaal fanden auf dem
Podium die Streicher der wieder von Bernd Ruf einsatzfreudig
angeleiteten Philharmoniker und diverse Jazzsolisten gerade noch genügend
Platz. Der Freitagabend begann mit einem Werk des 25jährigen
Pianisten Kristjan Randalu, der 1996 bei „Jugend jazzt“ und später
auch bei „Jugend musiziert“ siegte. Der gebürtige Este, der in
Karlsruhe lebt und alsbald in New York studiert, ist zugleich strebsam
als auch talentiert. Erklärtermaßen übernimmt in seinem uraufgeführten
Opus „Nach dem Anfang vom Ende“ das Orchester nach und nach die
Improvisationsstruktur des solierenden Klaviers und „gipfelt schließlich
in einer Gruppenimprovisation“. Die vier Sätze nennen sich fast
programmmusikalisch „Der Weg weg“, „Eine Ahnung in der
Vergangenheit“ „Spielchen und Rechenschaft“ sowie
„Regenbogen“. Heftige Staccati-Aktionen, Riffs und Repetitionen,
schicksalsschwere Filmmusikattitüden, perlendes Solistenspiel und
„Minimal Music“ verbinden sich letztlich zu einem freundlichen
Gesamtkunstwerk.
Vehementer und jazziger ging
der Saxofonist Peter Lehel vor, der sich an das Land seiner Vorväter
erinnerte, nämlich an Ungarn. Seine „Hungarian Rapsody“ mündete
fulminant in ungarische Tänze, bei denen offensichtlich die Einflüsse
der Musik der Zigeuner und Juden dominierten. Der Pianist und Geiger
Gregor Hübner war in seiner puren Eigenschaft als Komponist mit von
der Partie. Den Solistenpart hatte er hierbei dem aus Luxemburg
stammenden Conga-Trommler Jerome Goldschmidt übertragen.
Vielschichtig und wuselig ging es zwischen den Streichern und dem
Perkussionisten zu, und gemeinsam ließ man noch Vokales los. Eine
harmonierende Spaßgesellschaft von Jazzern und Klassikern fürwahr.
Zuvor hatte der
Sopransaxofonist Wolfgang Fischer über das sphärische „Adagio for
Strings“ des Amerikaners Samuel Barber (1910 – 1981) improvisiert.
Als weitere Jazzinstrumentalisten waren bei dem höchst interessanten
Konzert unter dem Motto „Jazz’n’Strings“ noch der Bassist Mini
Schulz und der Schlagzeuger Markus Faller beteiligt. Begeistert und
begeisternd gab sich der auch als eloquenter Ansager fungierende
Dirigent Bernd Ruf, der ja 2001 in der Kategorie „Classical
Crossover“ für den Grammy nominiert wurde.
Als eigene Konkurrenzveranstaltung
lief unterdessen im Beethovensaal ein Konzertmarathon mit drei
amerikanischen Vokalistinnen. Akkurat, konventionell und nett gaben
sich Stacey Kent und Jane Monheit, Dunkles in Timbre und Teint bei
Cassandra Wilson. Da vermochte man schon der guten alten Ella
Fitzgerald nachtrauern, die an gleichem Ort und Stelle schon so
fulminant bewiesen hatte, dass das Primat des schöpferischen
(Scat-)Improvisierens auch für die singenden Damen im Jazz gelten
darf.
Auch beim dritten und letzten
Konzert im Mozartsaal kamen Künstler der regionalen Szene zum Zuge:
der Pianist Joerg Reiter, der Bassist Mini Schulz und der Drummer Bodo
Schopf. Dominiert wurden die Schwaben allerdings von einer
Amerikanerin. Helen Schneider, am 23. Dezember 1952 Brooklyn geboren
und bei den Ansagen ihr Alter kokett verschweigend, feierte in
Deutschland besonders Erfolge mit ihren Hauptrollen in „Evita“ und
„Cabaret“. Der Musicalstar, ein absoluter Profi, verfügt über
eine sonore Mezzosopranstimme mit ausgereiften Vibrato – und natürlich
über eine Unmenge schauspielerischer Erfahrungen.
Es verliert die 1939
entstandene Edelschnulze „Somewhere Over the Rainbow“, die seither
von Miss Piggy bis zur Techno-DJ-Queen Marusha drangsaliert wurde,
ihre sentimentale Schrecken, wenn Helen Schneider aus voller Röhre tönt.
Bob Dylans „Just Like A Woman“ erfuhr noch durch den
orgelpunkthaften Bogenstrich von Mini Schulz eine besondere Note. Weit
mehr trickste Schulz mit seinem korpuslosen Kontrabass bei anderen Stücken,
wenn er wie Jimi Hendrix jaulte oder bei der Udo-Lindenberg-Ballade
„Sometimes I Wish“ dank Digitalspeicher die Pizzicato-Figuren aus
dem Off erklingen ließ. Der in Mannheim als Professor tätige Joerg
Reiter bediente sich modernerer Hilfsmittel, als er außer dem Flügel
noch E-Piano und Synthesizer traktierte. Subtil agierte zudem der aus
dem Hard-Rock-Metier stammende Schlagzeuger Udo Schopf. Als Zugabe
gemeinsam ein deftiger Blues: „Rock Me Baby“.
Der Kunst im kleinen Mozartsaal
folgte unmittelbar der Kommerz im Beethovensaal. Dort war das Parkett
wieder unbestuhlt, das Outfit für eine ausgelassene Party zum Finale
des Festivals. Den Reigen eröffnete Malia, vor 25 Jahren als Tochter
eines Engländers und einer Afrikanerin in Malawi geboren. Schade nur,
dass das grazile Mädchen nicht wie beispielsweise der Superstar Shadé
Authentisches vom Schwarzen Kontinent in ihr Musizieren integriert.
Zwar singt sie mit ihrer warmen Tongebung gut und geht energisch zur
Sache; zu weit gegriffenen jedoch erscheint es, wenn Malia nach ihrem
erfolgreichen Debütalbum 'Yellow Daffodils“ als „African Queen“ gefeiert und in Verbindung
zu Billie Holiday gebracht wird. Nach einer recht arabisch klingenden
Intro des Gitarristen Julien Feltin intonierte Malia Henry Mancinis Rührstück
„Moonriver“. Fetzig-furios dagegen wurde der „Stormy Weather
Blues“ abgehandelt.
Die britische Band „Incognito“ verharrte auf hohen
Intensitätsgraden: Eine kühl kallkulierte Anmache in heißem,
souligen Jazzrock. Der aus Mauritius stammende Bandleader Jean-Paul
„Bluey“ Maunick (Gitarre) gefiel sich als
Publikumgesangsanimateur. Wollt ihr den totalen Chor? Die vor der Bühne
stehenden Fans brachten dann doch in getrennten Abteilungen gekonnt
Zweistimmiges zuwege. Trompete (Dominic Glover), Posaune (Nichol
Thomson) und Saxofon (Ed Jones) lieferten knallharte Bläsersätze, während
Keli Sae und Joy Rose als aufregende Vokalsolistinnen brillierten. Vor
der Rampe allenthalben hoch erhobene Arme; zuckendes Tänzeln ging
durch die Reihen. Musik, die bewegt.
Die hohe Kunst der
Improvisation beherrscht leider nicht jede der auf den JazzOpen präsentierten
Ladies. Bei Candy Dulfer, Tochter des holländischen Jazzers Hans
Dulfer, war dies von Anfang an anders. Die jetzt 33jährige Blondine
preschte als wahres Energiebündel im Sporttrikot und auf hochhackigem
Schuhwerk hyperaktionistisch auf dem Podium herum, blies virtuos in
ihr messingmattes Altsaxofon und betätigte sich als passable Sängerin.
Sex und Sax feierten bei zündendem Funk wieder einmal fröhliche Urständ
- eine perfekt inszenierte Show samt Videoprojektionen. Das
Unterhaltungsbedürfnis der Massen wurde gestillt, auf der Strecke
blieb erneut eine wirkliche Spontaneität. Jazz sollte eben mehr sein
als dreiste Stimmungsmache, die fast schon einen faschistoiden
Charakter in sich birgt.
Wie
anders war es im Juli 1988, als ebenfalls im Beethovensaal total solo
der Stimmakrobat Bobby McFerrin auftrat. Eine wirklicher Künstler,
der achtzig Minuten lang fesselnde Musik kreierte. So ein Konzert
bleibt unvergesslich. Flüchtiger Schein dagegen prägte etliche
(jazzlose) Darbietungen der JazzOpen 2003.
Übrigens: den größten Massenzulauf verzeichnete das Konzert
von den Fantastischen Vier. Dreieinhalbtausend Leute erlebten gedrängt
und schwitzend im gediegenen Beethovensaal des Konzerthauses
Stuttgarter Liederhalle die prominenten
HipHop-Lokalmatadoren.