
Jazz wird oft gleichgesetzt mit Improvisation - und spontan
erbrachter Kreativität. Aber ist eine Improvisation wirklich -
ganz genau beim Wort genommen - „unvorhersehbar"? Und: Findet
tatsachlich ein unmittelbarer „Schöpfungsakt" statt?
Jazz - dies ist die Geschichte einer (sicherlich gekonnten)
Verarbeitung von Phrasen, Formeln und Klischees. Dies hat
allerdings systemimmanente Gründe. Der Musiker, quasi Komponist
und Interpret in Personalunion, muss in Sekundenbruchteilen
Entscheidungen fällen, für die ein klassischer Komponist
beträchtliche Zeit aufwenden kann.
Die musikalischen Gebrauchsmuster sind meist schon derart
internalisiert, dass man sich nur schwer von ihnen lösen kann.
Die vielen aufgenommenen Erfahrungen, eben die musikalische
Tradition, sind im Musikanten-Hirn und -Herzen fest gespeichert.
Natürlich müssen tradierte Konventionen aufrechterhalten werden,
um eine Musik als Jazz zu definieren. Das wesentliche Element
ist dabei das Spannungsverhältnis zurzeit: „swing"
kleingeschrieben und (zunächst) nicht mit dem Swing-Stil eines
Benny Goodman zu verwechseln. Dieses rhythmische Feeling ist
seit New Orleans eine Konstante im Jazz - auch im Free Jazz
wurde dies erhalten.

Freilich war und ist „swing" in diesem avantgardistischen Jazz
nicht so vordergründig wahrnehmbar, man spricht vielmehr vom
„pulse". So kann man immerhin unterscheiden, ob ein „Jazzer"
oder ein Vertreter der Neuen Musik improvisiert, auch wenn das
melodische (und harmonische) Material frei von althergebrachter
Tonalität ist.
In den sechziger Jahren kam der Free Jazz auf, eine Musik, die
ein direktes Korrelat zu der gesellschaftspolitischen
Aufmüpfigkeit der jungen kritischen Generation darstellte.
Normen, gesellschaftlicher oder musikalischer Art, wurden
intensiv hinterfragt. Je mehr Tradition an sich abgelehnt wurde,
desto mehr kam das Postulat nach Kreativität auf.
Schlagworte wie „originell", „produktiv", „sensitiv“,
„entdecken", „erfinden", „flexibel", mit denen kreatives Tun
umschrieben werden kann, gerieten auch zu den Maximen für den
Free Jazz: stets auf der Suche nach Neuem, Sturm und Drang, nach
unverbrauchtem oder noch nicht so verbrauchtem akustischen
Material. Dem Musizieren im Kollektiv kam hervorragende
Bedeutung zu. Star-Kult mit seinen hierarchischen und
autoritären Strukturen war weitgehend verpönt. Doch mittlerweile
weht der Zeitgeist im Jazz aus einer anderen Richtung. Die
Ambitionen der Jungjazzer haben sich enorm verändert. Jazzkurse
werden allerorten angeboten, das Jazzen wird verschult.
Stilistisch orientieren sich die meisten Nachwuchsswinger am
Bebop und Hard Bop, allenfalls. wird dieser Neo Bop mit
rock-rhythmischer Elektronik versetzt. Die sichere Beherrschung
des Instruments heißt nun: Das virtuos-versierte Spiel mit
Skalen in rasantem Tempo, Aneinanderreihung rhythmischer
Patterns. Nicht mehr dominiert die individuelle Kreativität.
Stattdessen: Perfektion in der Sterilität. Die Tradition von
Charlie Parker, der sich zu seiner Zeit gewiss „unerhört" und
kreativ gebärdete, wird gehegt und gepflegt.

Klar: Es gibt in der heutigen Jazz-Szene einen breiten
Stil-Pluralismus. Aber der allgemeine Trend tendiert derzeit
nicht zur Kreativität. Der Blick ist rück- oder rockwärts
gewandt - Miles Davis, der Innovator(?), darf als Musterbeispiel
hierfür gelten. Letztendlich jedoch kann keine Alternative
zwischen Kreativität und Tradition konstruiert werden. Die
kulturelle Tradition einfach abschütteln - das ist nicht zu
realisieren. Zu sehr sind wir (wir Mitteleuropäer) von ihr
geprägt, bewusst und vor allem unterbewusst. Und wenn jemand,
wie der Schreiber dieser Zeilen, in seiner musikalischen Praxis
nach kommunikativer free-jazziger Interaktion sucht, so
geschieht dies keineswegs im traditionsfreien (oder -leeren)
Raum. Einerseits wird hier Tradition weiterentwickelt,
andererseits braucht man die Kenntnis der Tradition, um sich von
ihr abzusetzen, neue Ausdrucksformen zu finden, kreativ zu sein.
(veröffentlicht in „MusikFest aktuell“, Heft 1/85, Stuttgart)
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Text und Photographie von
Hans Kumpf