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Kumpf´s Kolumnen
Klarinette

Kagels und Stockhausens Rituale

Das Darmstädter Institut für Neue Musik feierte seinen 50. Geburtstag

Darmstadt - Als vor 50 Jahren das Darmstädter Institut für Neue Musik und Musikerziehung gegründet wurde, war dies im Nachkriegsdeutschland eine der wenigen Möglichkeiten, sich methodisch-didaktisch, instrumental und wissenschaftlich mit der zeitgenössischen Tonkunst auseinanderzusetzen. Der Zulauf zu den im Frühjahr stattfindenden Hauptarbeitstagungen war vor zwei Jahrzehnten noch enorm. Doch inzwischen wurden Neue Musik und auch der Jazz in die Musikhochschulen integriert, viele Avantgardisten von einst sind bereits im Rentenalter.

Als Publikumsmagneten sollten heuer Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen dienen. Beide präsentierten in persona ganz unterschiedliche Beiträge zum diesjährigen Kongreß-Thema "Musik und Ritual" an. Der am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires geborene Mauricio Kagel analysiert und entlarvt gerne die Sprache der Deutschen, so auch vor zwanzig Jahren in dem preisgekrönten Hörspiel "Der Tribun" für einen politischen Redner, Marschklänge und Lautsprecher. Castro oder Mielke oder sonstwer war die Frage. Die Realität kann mitunter komischer und absurder sein als die kabarettistische Vorlage. Immerhin stammelte der unfreiwillige Kagel-Interpret und Stasi-Boss Erich Mielke am 13. November 1989 in der Wende-Volkskammer "Ich liebe doch alle - alle Menschen", wogegen eigentlich Kagels Urtext "Ich liebe euch" lautete. Mauricio Kagel, der im Hessischen Staatsarchiv selbst ans Rednerpult trat, muß auf ihm zustehende Tantiemen verzichten, aber er kann sicher sein, daß beim kommenden Bundeswahlkampf rituelles Geschwafel aus Politikermund vielfach ernstgenommen wird. So gewitzt plump wie die Sprüche waren die von dem Komponisten beigefügten akustischen Beigaben: virtueller Applaus elektronisch erzeugt und abgerufen, Militärkapelle auf Knopfdruck.

Karlheinz Stockhausen saß (im Audimax der Technischen Universität Darmstadt) wieder persönlich am Mischpult, und seine Aufführungen werden traditionsgemäß ohnehin zum gestrengen Ritual. Die singende Flötistin Kathinka Pasveer zelebrierte in Darmstadt neben "Inori - Anbetung für zwei Solisten und Tonband" (Uraufführung 1974 in Donaueschingen) noch ausdauernd und auswendig den musikanalytischen "Vortrag über HU". Kult-Figur Stockhausen feiert am 22. August seinen 70. Geburtstag.

"Rituelle Aspekte des Musiklebens" zeichnete der gesellschaftskritische Heinz-Klaus Metzger in seinem Referat nach. Metzger hob hervor, daß heutzutage die meiste Musik mittels Lautsprecher rezipiert werde. Früher sei der Rundfunk noch hochkulturelles Zentrum für Neue Musik gewesen, heute ordne er sich dem Diktat der Unterhaltungsmusik unter. Musik habe hier die Funktion, Verkehrsdurchsagen zu umrahmen und müsse zu den Abgasen passen...

Seminare beschäftigten sich beispielsweise mit "GothicMozartsHipHopElvisForever" - Entertainment und Ritual", "Die theologische Musik Olivier Messiaens" und der musikalischen Sozialisation von Jugendlichen. Außerdem gab es wieder Instrumentalkurse, Workshops und ein vom Instituts-Vorsitzenden Prof. Johannes Fritsch geleitetes Komponisten-Kolloquium.
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Hans Kumpf, 12. April 1998

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