| Ein
Klarinettenton ist bei mir kein statischer Schall
von Höhe und Dauer. Vielmehr ist er ein
"plastisches" Ereignis, ein Prozeß mit
vielen Dimensionen. Obertonvariationen machen den
"Ton" zum reichhaltigen Klanggebilde,
eine "innere" Beweglichkeit bei
Ansatzimpuls, Ausklang und insgesamt bei der
Dynamik geben ihm eine individuelle Form. Aus
Einzelklängen entstehen Motive, aus Motiven
entwickeln sich Phrasen. In Noten kann man einigermaßen
Tonhöhe und Rhythmus fixieren, weitere Parameter
sind weniger exakt zu definieren. Wacher Verstand
und freies Gefühl lassen das Hörbare zu einem
Eigenleben kommen und Stimmungsgehalte
vermitteln. Wichtig ist auch das Nicht-Hörbare,
die Pause. Der Künstler muß Zeit haben und sich
Zeit lassen. Schließlich ist auch der Rezipient
in seiner Kreativität gefordert: mit
Rationalität und Feeling soll er sich auf ein
Wechselspiel einlassen. Wie würde er in einer
bestimmten musikalischen Situation reagieren? Wie
verhält sich demgegenüber der ausführende
Künstler?
Beim gemeinsamen
Improvisieren ist Kommunikation und Interaktion
unabdingbar. Mit Gespür auf ein interessantes
Resultat muß man die eigene Linie in eine
stimmige Beziehung zu dem Spiel der Partner
bringen: Imitation und Kontrast, Fortführung und
Veränderung, Unterstützung und Neuvorschlag
etc...
Beim Musizieren zur Kunst
sind die visuell erfaßbaren Objekte die
"Partner". Freilich muß das Wissen
über deren Genese und das historische sowie
gesellschaftspolitische Umfeld existent sein.
Eine besondere Aufgabenstellung erwartete mich
hier in Göppingen-Jebenhausen in einer
ehemaligen Kirche, die u.a. Ausstattungsstücke
einer Synagoge beherbergt.
Schon oft habe ich im
Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige
Synagoge Freudental (Landkreis Ludwigsburg)
spielen können - bei Ausstellungseröffnungen
und in Duo-Konzerten mit Pianisten jüdischer
Herkunft (John Fischer, Vyacheslav Ganelin,
Leonid Chizhik).
Auch in den USA, im
Baltikum, in Rumänien, in der Schweiz und vor
allem in Rußland spielte ich mit vielen Jazzern
jüdischer Abstammung zusammen und machte etliche
Schallplattenaufnahmen. Hitler-Deutschland hat an
ihren Familien viele Verbrechen begangen,
persönlich wurden mir dafür nie Vorhaltungen
gemacht. Musik kann zur wahrhaften
Völkerverständigung beitragen, obwohl ich den
Standpunkt meines geschätzten
Klarinettenkollegen Giora Feidman, jede Musik und
jeder Musiker seien an sich "gut",
nicht teilen mag. Beispielsweise gibt es eine
rechtsradikal-faschistische Rockmusik, und
früher ging's mit Pauken und Trompeten aufs
Schlachtfeld zum eifrigen Gemetzel.
Für den zeitgenössischen
Jazzmusiker geht der "Begegnung mit dem
Fremden" eine spannungsvolle und freudige
Erwartung voraus: Lust, Neues zu lernen und
dieses in die eigene Individualität zu
integrieren. Die in einer Ausstellung
bewerkstelligte Auseinandersetzung mit dem
Holocaust erfordert auch von einem Musiker
besondere Sensibilität.
Zunächst spielte ich auf
der Empore fast unmerklich leise Töne, die
fließend in das (von Joan Baez popularisierte)
jiddische Lied "Donna, Donna" und die
Klezmer-Musik des Ostjudentums übergingen.
Partikel und Phrasen dieses Songs modifizierte
ich - und reagierte auch spontan dialogisch auf
ein Hundegebell, welches von außen in die
Jebenhausener Kirche eindrang. Bewegende Musik -
Musik in Bewegung: das Hinabschreiten der Treppe
als metrisches Kontinuum.
Fußstapfen, ganz müde und
ausgelaugt, auf dem Splitt überm Davidstern. Die
Klarinette wird mit Kleingestein als weiterem
Klangerzeuger kombiniert. Weinend, anklagend,
schluchzend, schreiend die Aktionen im Anblick
der "Leichentücher". Das Instrument
wie die menschliche Stimme: Folter und Qual
werden unmittelbar. Die totale Erschöpfung der
geschundenen Kreatur widerspiegelt sich in den
wenigen "leidenden" Tönen. Aber
angesichts der Skulpturen, die symbolisch den
Terror auf der ganzen Welt benennen, gibt es ein
Aufbäumen. Eine Gegen-Aggression - ein Kampf
gegen die Unmenschlichkeit. Erwartet hatte das
Publikum wohl eine stille Resignation, ein
wütender Klarinettenaufschrei jedoch beendete
dieses Stück.
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