| Gerade bei den letzten österlichen
Theaterhaus-Jazztagen zeigte es sich mit dem "Moscow Art Trio", daß ein
überraschendes Festival-Highlight für Esslingen kein Novum darstellen muß. Denn das
Ensemble aus der russischen Hauptstraße trat bereits Anfang März 1991 im Kultur- und
Kommunikationszentrum "Dieselstraße" auf. Andererseits haben der Saxophonist
David Murray und die Pianistin Aki Takase gemeinsam viele Festivalerfolge verbuchen
können, auch 1995 im Stuttgarter Theaterhaus. Nun war es
interessant, die beiden in kleinerem räumlichen Rahmen zu erleben. Freilich: der Andrang
zu diesem Gastspiel war so groß, daß Konzertgänger abgewiesen werden mußten.
Besonders in Europa hat sich das Duo des Afro-Amerikaners und der
Asiatin bewährt: zwei im zeitgenössischen Jazz künstlerisch eigenständige
Persönlichkeiten mit Gemeinsinn und internationalem Verständnis. Aki Takase (Jahrgang
1948) stammt aus Osaka, erhielt als 3jährige bei ihrer Mutter klassischen
Klavierunterricht, studierte in Tokio und wirkte ab 1991 in diversen Jazzbands mit.
Mittlerweile lebt sie in Berlin und ist mit dem Pianisten und Komponisten Alexander von
Schlippenbach liiert. Phänomenal geriet ihre Kooperation mit der spanischen Sängerin
Maria Joao. Der 1955 im kalifornischen Berkeley geborene David Murray wurde ab 1976 vor
allem als Mitglied vom "World Saxophone Quartet" bekannt und trat danach mit den
unterschiedlichsten Projekten hervor - vom Solisten bis zum Big-Band-Boss.
Die Avantgardisten bereiten heutzutage gerne Traditionelles auf, und
mitunter sind derartige Cover-Versionen sehr reizvoll. Archie Shepp wandelt(e) gerne auf
Duke Ellingtons Spuren; auf den Swing-Stil und auf die Hits aus der ersten Hälfte unseres
Jahrhunderts bezieht sich vielfach auch dessen Tenorsaxophon-Kollege David Murray.
Broadway-Balladen, die ins Ohr gehen - aber dann neutönerisch aufgemischt werden. Schöne
Melodien transformieren sich zu Klangströmen ("sheets of sounds"), wobei Murray
im hymnischen und jubilierenden Gestus an den Free-Jazz-Übervater John Coltrane erinnert.
Dazu gehört eine immense Intensität, hervorgerufen auch durch akkordisches Spiel mit den
"Harmonics" und Flageolett-Gepiepse. Allerdings schien David Murray beim
Auftritt in der Dieselstraße nicht in Höchstform zu sein: viele Intonationstrübungen
störten das geschulte Ohr, etliche Quietscher entwichen unabsichtlich. Übertriebene
Präzision konnte man ebenso bei seinem vibratoreichen Baßklarinettenspiel nicht
konstatieren.
Gelassen und stets hellwach Aki Takase am Flügel. Gleichfalls ein
Spagat zwischen trivialer Tonalität und revolutionärem Free Jazz, wenn die zierliche
Dame melodiöse Lieblichkeiten handkantenschlagartig Cluster und Punktuelles folgen
läßt, um wieder zu Lyrismen zurückzukehren. In sich ruhend, aber stets zielstrebig,
baute Aki Takase in Esslingen ihre Improvisationen auf. Vielleicht konnte man hin und
wieder aus ihrem Klavierspiel Koto-Zither-Klänge ihrer japanischen Heimat heraushören.
Spanien hat sie namentlich eine Komposition gewidmet: "Valencia". Daß zudem
noch ein beschwingter Tango im Repertoire des Duos von Aki Takase mit David Murray ist,
verweist zusätzlich über die musikalische Weltoffenheit der beiden.
In einem Solo-Feature ließ Aki Takase ein paar Metallscheiben auf
den Saiten tanzen. Da rasselte und schepperte es perkussiv. Wie in der Neuen Musik von
John Cage spielte bei dieser Art von "prepared piano" der Zufall eine wichtige
Rolle. Dagegen blies David Murray bei seinem solistischen Paradestück schmiegsam und sehr
bluesig in die Baßklarinette und ließ abwärtsgerichteten Glissandi freien (Aus-)Lauf. |