The Jazz Pages
Kumpf's Kolumnen


Osterjazz in Stuttgart: Lokalkolorit und Weltenferne


Klarinette

Seit jeher spielte Pianist Wolfgang Dauner bei Werner Schretzmeier eine Hauptrolle: früher in dessen zeitkritischen Jugendsendungen im Fernsehen, jetzt im Stuttgarter Theaterhaus. Die ersten österlichen Jazztage feierten 1985 das zehnjährige Bestehen des von Schretzmeier mitbegründeten "United Jazz + Rock Ensembles", die zweite Ausgabe des Festivals widmeten sich der "Jazzstadt Stuttgart". Wegen Geldschwierigkeiten hätte es eine Festival-Nummer 13 fast nicht gegeben, aber schließlich fand man doch noch Sponsoren, die für vierzig Prozent des Etats aufkamen, und man besann sich der Freunde vom "United Jazz + Rock Ensemble".

Dauner spielte so sehr vital in einem Quintett mit Posaunisten Albert Mangelsdorff, dem Flügelhornisten Ack van Rooyen und dem Bassisten Eberhard Weber als auch im Duo mit dem Geiger Jean-Luc Ponty. Allesamt versierte und von vielen Noten diktierte Musik.

Der Altsaxophonist Charlie Mariano war anfangs auch bei "United" bei, und jetzt verströmte der 73jährige gediegene Souveränität, wenn er eine wahrhafte "Weltmusik" zelebrierte. Sein hellwacher Begleiter Jasper van't Hof trat in Stuttgart auch wieder mit der exzessiven Vokalistin Greetje Bijma auf. Gleichfalls Wiederholungsprogramm mit der Gitarristin Leni Stern, die durch die Heirat mit Mike Stern einen großen Namen trägt, aber künstlerisch einmal mehr enttäuschte. Ihr Drummer Dennis Chambers hingegen war spitzenklasse.

Nichts Neues von den deutschen Newcomern: die Sieger eines von Daimler-Benz ausgetragenen Wettbewerbs spielten perfekt - aber zu wenig individuell. Konventionell auch die disziplinierte Bobby Burgess Big Band.

Das Wiederhören von vertrauten Musikern gefiel dem Publikum, das die 800 Sitzplätze umfaßende Halle meist gut ausfüllte. Doch einen Überraschungserfolg landete das "Moscow Art Trio". Hornist Arkady Shilkloper, Pianist Mikhail Alperin und Volkssänger Sergey Starostin vollführten eine penibel ausgetüftelte Musik - von rhythmisch hämmernden Strawinsky bis zum lärmenden Bauernhof. Szenischer Klamauk durfte auch in diesem russischen Ensemble nicht fehlen.

Ebenfalls wenig improvisierten Jazz, aber interessante Darbietungen zum Finale. Die 1961 in Wien geborene Timna Brauer sang betörend jüdische Musik speziell aus dem arabischen Raum, während das New Yorker Sextett "The Klezmatics" sich auf die temperamentvolle Weisen der osteuropäischen Juden konzentrierte.


1.4. 1997, Hans Kumpf

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