Stuttgart
- Erst recht mit ihrer 14.
Ausgabe konsolidierten sich die österlichen
Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus: neue
Tendenzen neben vertrauten Stars, Musik aus der
Region als auch internationales Flair.
Schließlich war wieder der Südfunk mit von der
Partie, zwar nicht mit Fernsehen
"live", sondern mit
Radio-Aufzeichnungen für "S2 Kultur".
Den Anfang des fünftägigen Festivalreigens
machte 1998 das "SDR Allstar Quintett"
mit kultiviertem Modern Jazz. Zunächst hörte
man betuliche Balladen, bis Henning Sieverts
virtuos ein wendiges Kontrabaß-Solo zupfte. Bei
der Eigenkomposition "Cool Relations"
von Klaus Graf (Alt- und Baritonsaxophon) ging es
heiß zur Sache, als dann in flotter Bebop-Manier
Ernst Hutter die Posaune rasant in den höchsten
Tönen blies. Pianist Klaus Wagenleiter und
Schlagzeuger Michael Kersting komplettierten
kompetent das Team, welches alsbald eine
Namensänderung vorzunehmen hat - der SWR läßt
grüßen...
Noch vor einem Jahrzehnt tourte der australische
Trompeter James Morrison europaweit in einer von
einem amerikanischen Zigarettenkonzern
gesponserten Big Band. Mittlerweile macht der
Jazzer aus dem Känguruh-Kontinent als
blechblasender Multiinstrumentalist große
Sprünge. Auf der normalen Trompete zwitschert er
ausdauernd in der obersten Lage, sodaß der
kanadische Spitzenstürmer Maynard Ferguson
eigentlich neidisch werden müßte. Ganz groß
kommt Morrison auf der Piccolo-Trompete heraus,
wenn er fugativ-kontrapunktische Linienführungen
eines Johann Sebastian Bach mit den Harmonien des
Standards "Autumn Leaves" kombiniert.
Erstaunlich, über welch geradezu athletisch
ausgeformte Mundmuskulatur Morrison verfügt:
seine Lippen passen sich flugs auch dem
Mundstück der Zugposaune an.
"Entspannung" findet das australische
Tausendsassa bei einem computerisierten
MIDI-Blasinstrument mit Blockflötenansatz und
dreiventiligem Trompetengriffsystem oder bei ein
paar beiläufigen Akkorden am Flügel. The Show
must go on, man fühlt sich bei einer derartigen
Sucht nach Rekorden fast schon im olympischen
Sydney: auch ein recht "soft"
eingesetztes Flügelhorn zählt zum
instrumentalen Arsenal. Zudem kann man die
Trompete clownesk rotieren lassen -
Ventilmaschine nach unten.
Trotz alledem: die Musik an sich kam nicht zu
kurz. Besonders der Gitarrist Peter Sog führte
in rockjazzige Gefilde, während sich der Bassist
Pierre Boussaguet und der Schlagzeuger Ali
Jackson weniger profilierten. Ein eingespieltes
Quartett, ganz fixiert auf den imponierenden
Showmaster.
Courtney Pine, geborener Engländer
jamaikanischer Abstammung, wandelte einst
stilistisch in den Fußstapfen von John Coltrane.
Nun hat sich der drahtlos verstärkte Saxophonist
dem Zeitgeist angepaßt: "hip" hopst
der 34jährige mit einem Techno-Jazz daher. Sein
ebenfalls farbiger Vinylplattenscratcher DJ Pogo
reagiert rhythmisch furios auf die Vorgaben des
Alt und Tenor spielenden Bandleaders (und läßt
die simple Musik des künstlernamensähnlichen
eidgenössischen Sängers DJ Bobo schnell
vergessen). DJ Sparki (Hardware, Samples) und
Drummer Robbie Fordjour sorgten im Theaterhaus
ebenfalls für einen neumodischen Sound.
Erdverbundenes dagegen lieferten die Vokalistin
Mary Pierce und der Gitarrist Cameron Pierre.
Pines Sextett "Underground" animierte
das Publikum erwartungsgemäß zu tänzelnden
Aktivitäten.
Nachdem das Eröffnungskonzert programmatisch
"Kräftige Töne" versprochen hatte,
hieß es am zweiten Abend schlicht
"Albert". Der Frankfurter Posaunist
Mangelsdorff, der am 5. September 70 Jahre alt
werden wird, bezeichnet Stuttgart inzwischen als
seine "zweite Heimat". Eine lange
Freundschaft verbindet ihn mit dem Pianisten
Wolfgang Dauner und dem Theaterhaus-Macher Werner
Schretzmeier, der Albert Mangelsdorff vor
Jahrzehnten in ambitionierte TV-Jugend-Sendungen
brachte und dann bei der Organisation vom
"United Jazz + Rock Ensemble" half.
Künstlerische Solidität und Offenheit verbindet
der Bundesverdienstkreuzträger auf
eindrucksvolle Weise - folgerichtig nur, daß der
Dauergast des Osterfestivals mit einer eigenen
Veranstaltung gewürdigt wurde und die Halle 1
schnell ausverkauft war.
Mangelsdorff mal drei: in unterschiedlichen
Formationen demonstrierte Albert seine wache
Musizierfreude. Mit dem afroamerikanischen
Sopran- und Tenorsaxophonisten Chico Freeman
verbündete er sich auf Blues-Basis, und mit dem
von dem Schweizer Reto Weber inszenierten
dreiköpfigen "Percussion Orchestra"
unterstrich er sein Interesse sowohl an swingend
rhythmischer Intensität als auch an
fernöstlicher Kultur. Als Weber und seine beiden
Kollegen M. Balasubramoniam und Djamchid
Chemirani mit asiatischen Windbögen ein
obertonreiches "OM" grundierten, blies
Mangelsdorff mittelalterlich-choralhaft
Paraphrasen auf "Es sungen drei Engel"
und "Scarborough Fair". Dem Quintett
gelang insgesamt doch der stilistische Spagat
zwischen Amerika und Asien.
Mit dem Trompeter Claus Stötter vollführte
Mangelsdorff dann im zweiten Set eine neue
Variante der Kunst des Duos. Oft lieferte der
Altmeister mit seinem durch gleichzeitiges Blasen
und Singen bewirkte mehrstimmige
Interferenztönigkeit das harmonische Fundament
für das sehr melodiöse Spiel des Newcomers. Als
beide schließlich (umweltfreundlichen
Abflußrohr-frei-)Gummi-Dämpfer einsetzten, kam
mit wah-wah-Effekten geräuschhafter Free Jazz
auf.
Avantgardistische Elemente auch im Quintett mit
bei Wolfgang Dauners "Hongkong Fu": Von
europäischer Harmonik und metrisch-rhythmischer
Ordnung befreit, traktierte der Komponist das
Pianoforte mit clusterhaften Handkantenschlägen
und ließ auch seine Kollegen klangzerstörisch
agieren. Freilich: allgemeiner Wohlklang
dominierte bei aller musikalischer Dichte.
Saxophonist Christof Lauer stieß wieder einmal
(Coltrane-)hymnisch in die Saxophone; Dieter Ilg
(Baß) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug)
glänzten gleichfalls mit Furiositäten.
Was der Rai-Pop-Sänger Khaled auf einem
renommierten Jazz-Festival zu suchen hat, fragte
ich mich schon 1989, als der Algerier bei einer
von einer Brauererei gesponserten "African
Dance Night" vor vielen alkholisierten Fans
an Pfingsten in Moers auftrat. Seinen geplanten
"live act" bei den letztjährigen
Stuttgarter JazzOpen sagte der unstete Star
kurzfristig ab, aber im Theaterhaus war er nun
zur Stelle. Wenn etwas Jazzmäßiges in seiner
Musik zu orten ist, dann nur bei ein paar
Instrumentalisten (Trompete, Saxophon, Posaune).
Ansonsten zog der 1960 bei Oran geborene Araber,
den seine Marktstrategen eifrig zum
Widerstandskämpfer gegen Militärregierung und
Fundamentalisten hochstilisieren, vor allem
Emigranten aus den Maghreb-Staaten an.
Aufmüpfigkeit und Zügellosigkeit im
Lebenswandel wird bei Khaled zur kommerziellen
Masche - da paßt noch bestens ins Bild, daß
sein Management (allen Pressefreiheiten zum
Trotz) ein weitgehendes Fotografierverbot
verhängte.
Zwei Novitäten hatten die Theaterhaus-Jazztage
diesmal parat. Zunächst wurden da mit
"surprise acts" tönende Wundertüten
offeriert. Die erste eingeplante Überraschung
fiel allerdings finanziellen Sparmaßnahmen zum
Opfer. Im Rahmen der
"Baden-württembergisch/polnischen
Kulturbegegnungen 1997/98" wollte
Saxophonist Bernd Konrad zusammen mit dem
Trompeter Tomasz Stanko, der Vokalistin Urszula
Dudziak und dem Schlagzeuger Janusz Stefanski auf
jazzende Art bilaterale Eintracht beweisen - doch
die Landesregierung rückte keine Gelder heraus.
Eine "Jazz Lounge" in einer kleineren
Nebenhalle animierte an den Biertischen weniger
zum Schwätzen als zum konzentrierten Zuhören in
kammermusikalischer Atmosphäre.
Elektronifizierte Klanglandschaften malte hierbei
der Cellist Fried Dähn, unterstützt durch den
sensiblen Schlagwerker Manfred Kniel. Der von dem
Gitarristen Paul Shigihara begleitete Vokalist
Peter Fessler, dessen Timbre man durch den
Trio-Rio-Ohrwurm "New York - Rio -
Tokyo" kennt, fesselte durch stimmliche
Variabilität, Improvisationsfreudigkeit und
Gestaltungsstärke. Weniger kreativ und dafür
konventioneller ging Tags darauf der Pianist
Patrick Tompert mit seinem Trio vor, und ein
Quintett um den Altsaxophonisten Klaus Graf und
dem Trompeter Sebastian Studnitzky huldigte dem
souligen Jazz von Cannonball und Nat Adderley.
Als Attraktionen für die letzten beiden
Festivaltage standen Nguyen Le, Aziza
Mustafa-Zadeh, Charlie Mariano, Ali Takase und
Michel Portal auf dem Programm. Ein Bericht
darüber ist (in Kürze) nachzulesen bei http://www.sdr.de/tv/jazz/podium/artikel.html. |
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