Klangfahrer - Humanity. Neue CD bei Mons Records.
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Thomas Siffling / Daniel Prandl
Ballads
Jazz´n´Arts JnA 5010

Der Bassist Dieter Ilg hat Dieter mit seinen grandiosen Bearbeitungen deutscher Volkslieder auf der 1997 erschienen Trio-CD „Folksongs“ eine Vorreiterrolle übernommen und mit jener Einspielung höchstes Lob geerntet. Nun hat der Mannheimer Trompeter und Flügelhornspieler Thomas Siffling im Duo mit dem Pianisten Daniel Prandl seine CD „Ballads“ vorgelegt, auf der er ebenfalls Volksliedern neuen Atem einhaucht und mit Sicherheit gleichermaßen Lorbeeren einheimsen wird.
Der Trompeter, der sich bisher vor allem dem Nu-Jazz verschrieben hatte, konzentriert sich dieses Mal voll und ganz auf den „reinen“ Jazz. Diese ruhige und entspannte Musik harmoniert vorzüglich mit dem warmen und sensiblen Ton und den meist schwebenden Klängen auf den Blasinstrumenten sowie den verspielten und verträumten Linien auf dem Flügel.

Die Motive von „Lalelu“, von „Alle Vögel sind schon da“ oder „Hänschen klein“ klingen vertraut und anheimelnd, werden im Verlauf des Spiels variiert und aufgelöst, ohne aber ihre Grundstimmung zu verlieren. Reizvoll sind zudem die Tempi, in denen das Duo die Themen neu formt. Ohne Bruch und stimmig integriert in dieses Konzept sind außerdem Eigenkompositionen der beiden Künstler wie „Remember“, „Abendlied“oder „Elegie“.

„Ballads“ zählt ohne Zweifel in ihrer Reife und Abgeklärtheit zu einer der ästhetischsten und schönsten Einspielungen der zurückliegenden Zeit. Sie ist gerade wegen ihrer Verwurzelung in der Tradition und der Intimität des Zusammenspiels ungeheuer aufregend.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer



Cécile Verny Quartet
„keep som secrets within“
Minor Music MM 801139


Cécile Verny hat eine originäre Art entwickelt, ihren Jazzgesang zu präsentieren. Gefühlvoll, aber nie sentimental. Reif und aus ihren persönlichen Erlebnissen resultierend, sind ihre Texte, abwechslungsreich und ausdrucksstark ihre Interpretationen. In dieser Eigenständigkeit ist sich die Sängerin, deren familiären Wurzel in Frankreich und der afrikanischen Elfenbeinküste liegen, treu geblieben, hat sich wechselnden souverän „Moden“ entzogen.

Auch die neue CD mit dem treffenden Titel „keep som secrets within“ steht in dieser Tradition. So hat Cécile Verny selbstverständlich wieder ein paar französische Texte eingestreut und wie in „J´en ai bien assez“ den Chanson-Touch mit der Jazz-Phrasierung verschmolzen. Ihre Stimme reicht von der lebhaften Extrovertiertheit bis zum sanft-melancholischen Blick nach innen. „Herzerwärmend und kitschfrei“ lobt die Plattenpromotion ihre Kunst zu Recht.

Nuancen- und abwechslungsreich, aber ohne große Überraschungseffekte ist „keep som secrets within“. Das gilt auch für die solide Begleitband, in der der Bassist einige harmonisch reizvolle Soli zupft. Das Cécile Verny Quartet bietet niveauvolle und herzerwärmende Unterhaltung, die sich wohltuend von vielen gleichartigen Produktionen im Hauptstrom des Jazz abhebt – für ein wohliges Erschauern reicht es, nicht aber für Herzklopfen, wie beispielhaft „Song for the loved ones“ belegt.
 

Klaus Mümpfer
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Susan Weinert
„Thoughts and Memories“
Toughtone TTR 2305-2

Die Gitarristin Susan Weinert ist eine Meisterin des filigranen Klangfarbenspiels. Dies zeigt sich besonders in den rein akustischen Aufnahmen wie auf ihrer neuesten CD „Thoughts and Memories“, zu der sie den Duo-Sound mit einem impressionistischen Rhythmusgeflecht des Percussionisten David Kuckhermann unterlegt und zugleich abrundet.

Mit der elektrischen Gitarre kann Susan Weinert in groovendem Spiel aggressiv treiben, auf dem akustischen Instrument wirkt ihr Spiel stärker introvertiert und selbst in den schnelleren Stücken wie in „A Week in June“ relaxed. Ihr Personalstil ist so ausgeprägt, dass man sie bereits bei den ersten Single-Notes identifizieren kann. Die Gitarre mit den Nylon-Saiten klingt warm und so verschmilzt ihr Klang geradezu mit dem melodiösen und fast sanften Sound des Kontrabasses ihres Ehemannes und musikalischen Partners Martin Weinert. Er ist ein Künstler, dessen entscheidenden Beitrag zum Klangbild man wohl erst registrieren würde, wenn er fehlte. Wie kreativ sein Spiel ist, zeigt sich in den Soli wie in dem schnellere „Go on“ und vor allem sowohl gestrichen als auch gezupft in finalen „Liftime Duo“. In die sonstigen sensiblen Interaktionen fügt sich Kunckhermann mit fein abgestimmtem Hand- und Fingerdrumming ein.

„Thoughts and Memories“ ist – wie der Titel vermuten lässt – eine besinnliche und vor allem ästhetisch wunderschöne Einspielung, die zur „inneren Ruhe“ (so einer der Titel) einlädt, ohne zugleich einlullend oder eintönig zu sein. Es ist vielmehr ein „an- und aufregender“ Genuss dem ausfeilten und raffinierten Spiel des Trios vom ersten bis zum letzten Ton zuzuhören.



 
 

Klaus Mümpfer
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Alexander von Schlippenbach
Live in Berlin
Jazzwerkstatt jw 2003


Die Improvisationen des Pianisten Alexander von Schlippenbachs gleichen einem stetigen Energiefluss. Mit mühsam gebändigter Kraft meißelt der 1938 in Berlin Geborene die Akkorde in die Tasten. In rasenden Läufen wie in leisen suchenden Single-Notes entwickelt von Schlippenbach ungestüme Energie, die sich auf die Mitspieler überträgt – sei es das Trio mit dem Saxophonisten Evan Parker und dem Schlagzeuger Paul Lovens oder gar die Großformation des 1966 gegründeten und bis heute weiterentwickelten Globe Unity Orchestras.

Mit einer im September 2008 in Ton und Bild aufgenommenen DVD werden auf fast zwei Stunden komprimiert die drei im deutschen Free-Jazz seit 1964 stilbildenden Facetten des vielfach geehrten Pianisten, Bandleaders und Komponisten live dokumentiert: Alexander von Schlippenbach solo, im Trio und mit dem Globe Unity-Orchestra.

Über die Musik mehr zu schreiben, bedeutete, die Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb sei die bildhafte Umsetzung auf einer DVD in den Vordergrund gestellt. Der Film intensiviert zwar das akustische Erlebnis, doch zur adäquaten Umsetzung der Musik in Bilder reicht ein Abfilmen der Musiker nicht aus. Vielleicht war ein solcher Film gar nicht angestrebt. Weil die Musik aber so aufregend und emotional attackierend über die gesamte Zeit die Spannung, aufrecht erhält, sieht der Zuschauer über die Immobilität der Kameraführung hinweg. Mehr Schnitte und Abwechslung zwischen Totalen und Großaufnahmen würden schon befriedigen – ganz abgesehen davon, dass etwa in der Trio-Passage nicht der Schlagzeuger oder Pianist gezeigt werden sollten, wenn gerade der Saxophonist seine bekannten endlosen Zirkular-Läufe bläst und Großaufnahmen könnten die Spannung im Gesicht des Pianisten bei seinen energetischen Explosionen unterstreichen. Mehr Bewegung erfasst der Kameramann naturgemäß bei den Stücken des Globe Unity Orchestras und seiner Solisten.

Die DVD aus der Berliner Jazzwerkstatt ist deshalb vor allem als Dokumentation und akustischer Überblick zuempfehlen. Interessant ist auch das Interview Christian Broeckings im Booklet – vor allem wegen der klugen und informativen Antworten von Schlippenbachs, die oftmals weit über die eigentliche Frage hinausweisen.
 

Klaus Mümpfer
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Daniel Schenker
Jardim Botanico
Musiques Suisses MGB Jazz 2


Der botanische Garten des Schweizer Trompeters Daniel Schenker ist mit viel Kreativität angelegt und sorgfältig gepflegt. Im Neo-Bop beheimatet, pflanzt der 1963 geborene Musiker mit auserlesenem Geschmack geschmückte Klang-Beete, die zugleich dekorativ und sensibel ausgestaltet sind. Schenker ist ein Poet und Lyriker auf seinem Instrument. Seine Einfühlsamkeit geht selbst in den schnellen Stücken wie „Cascade“ und „Leaving the post“ nicht verloren – auch wenn er wie im Letzteren die Stakkati mit spitzem und kraftvollem Ansatz bläst. Typisch für ihn und sein Quartett mit dem Schlagzeuger Elmar Frey, dem Bassisten Dominique Girod und dem mitreißenden Pianisten Stefan Aeby ist jedoch eher „KL blue“, in dem er lyrisch und licht mit der gestopften Trompete an den frühen Miles Davis oder Chet Baker erinnert. Eine klassische Ballade im klassischen Quartett ist „Moon Palace“, das Schenker getragen und warm auf dem Flügelhorn eröffnet, während ihn Aeby mit einigen hingetupften Single Notes begleitet, bevor der Pianist zu einem verspielten Solo mit perlenden Melodieläufen kommt. Im Titelstücke baut das Quartett über verzwickten Rhythmen mit ostinaten Harmoniegriffen auf dem Bass weite Spannungsbögen, in die sich Drummer Frey organisch mit einem vielschichtigen Solo einfügt.


Die Musik des Schenker-Quartetts swingt elegant und raffiniert, ohne dass Emotionen darunter leiden. Der Zuhörer kann sich entspannen und genießen. Gewiss, das ist alles nicht neu, aber langweilt dank der Virtuosität und Spielfreude keinen Moment.


 

Klaus Mümpfer
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Eric Schaefer
Henosis
Traumton 4536


Der Schlagzeuger, Elektroniker und Komponist Eric Schaefer belegt mit seinem Kammermusik-Zyklus „Henosis“, dass die Innovationen auf dem weiten Feld des zeitgenössischen Jazz vor allem in den Grenzbereichen zu entdecken sind. Die Frage, ob die 13 Stücke für ein Kammermusikensemble noch dem Jazz oder eher der E-Avantgarde zuzuordnen sind, stellt sich beim Anhören nicht mehr. Hier treffen sich ein frei improvisierendes Quintett, „free“ bis hin zum Geräuschhaften, und das Athena Streichquartett mit notierten Passagen; also zwei Welten, die bei aller Freiheit durch die innere Logik der Kompositionen zusammengehalten werden – was vor allem in „Vilnius Antiphon“, dem neunten der 13 Stücke, deutlich wird.


Das Ergebnis konnte gelingen, weil alle Musiker sich mit größtmöglicher Offenheit aufeinander zu bewegen und sensibel kommunizieren. Michael Thieke und Uwe Steinmetz lassen Saxophone und Klarinetten jubilieren und tanzen, Carsten Daerr unterlegt auf dem Piano die Streicher mit Akkordeinwürfen und Single-Notes.Die oftmals pointilistischen Klanggemälde verklingen mal leise in gestrichenen Bass-Sounds und Glöckchenklang oder brechen sich wie in „Geogramma“ eruptiv in Kollektiven beider Gruppen Bahn.


Eric Schaefer selbst nimmt die Gelegenheit zu einem eher konventionellen und melodiösen Solo erst in „Doppelstern“, dem zehnten Satz des suitenartig angelegten Werkes wahr. Anschließend darf bei „Sphaira“ Bassist Oliver Portratz sich im Solo harmonisch verrenken, um in Altered Perspective“ dem Streichquartett mit einer geradezu klassischen getragenen Stimmung Platz zu machen, die dann doch tonal ungebunden von gezupften und angerissenen Saiten aufgebrochen wird.
„Henosis“erzwingt intensives Zuhören, was dank der Spannungsbögen und des Klangfarbenreichtums sowie des reizvoll kontrastierenden Instrumentariums leicht fällt. Diese 13 Stücke für Kammerensemble (und frei improvisierende Jazzer) hat auch die Jury des SWR-Jazzpreises überzeugt, die Eric Schaefer in diesem Jahr die Auszeichnung zukommen lassen.

Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
Ossicles
NORCD10100, OZ 034 CD ozella


„Norskjazz no“ oder „norwegischer Jazz“ hatte der Saxophonist Karl Seglem eine frühere CD genannt. Der Künstler, der auch Goat Horns (Ziegenhörner) spielt und in seinen Gruppensound die Hardanger Fiddle integriert, weitet den Klangkosmos ständig aus, überschreitet Stilgrenzen und bleibt in allem doch in der Folklore seiner norwegischen Heimat tief verwurzelt.
Auf seiner neuesten CD „Ossicles“ verbindet er die skandinavische Folk-Tradition mit der verwandten gälischen Melodik und Rhythmik etwa in „Det Siste Norske Trolet“, bezieht aber auch fernöstliche Motive und Harmonien mit ein, wenn er eine Komposition den pakistanischen Musikern Saghir Ali und Mohammad Ashger widmet, oder er nimmt Anleihen in Westafrika auf bei „The Ornes Song“. Dazu hat Der Bandleader zu seinem eh schon außergewöhnlichen Instrumentarium rundet die Klangfarben mit der westafrikanischen Ngoni und dem Antilopenhorn ab und hat gleich drei Percussionisten geholt.
In dieser Melange aus Reggae-Rhythmen, pakistanischen und afrikanischen Metren, allesamt auf der Grundlage skandinavischer und gälischer Folklore und eingebettet in Elektronik, wirkt nichts aufgesetzt oder fremd. Alles ist stimmig zu einem Gesamtklang verschmolzen, der ins Ohr geht – ganz so wie es der Titel Ossicles oder „Gehörknöchelchen“ verspricht. Ohne diese drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers im Mittelohr wäre der Mensch kaum zum Hören fähig. Dass Seglem paradoxerweise in der nordischen Kühle Emotionen glühen lässt, ist wohl das Geheimnis der assoziativen Kraft und Direktheit, mit der seine Musik anspricht. Er habe bei den Aufnahmen magische Momente erlebt, sagt Seglem. Diese Magie und Mystik teilt sich dem Zuhörer mit und lässt ihn nicht wieder los.
 

Klaus Mümpfer
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www.jazzpages.com/Muempfer

Norbert Stein „Pata Horns & Drums“
Silent Sitting Bulls
Pata Music 20


Das Saxophon schreit schrill, das Euphonium grummelt in den Tiefen, die Flöte sirrt und flirrt, das Schlagzeug füllt den musikalischen Raum der drei Bläser, die umeinander spielen und parlieren mit einem treibenden Pulse. Der Komponist und Musiker Norbert Stein folgt auch mit seinem neuen Quartett „Pata Horns & Drums“ der surrealen und irrealen Logik des Dada-Philosophen Alfred Jarry im weiten Feld der paranormalen Pataphysik.


Die Mehrstimmigkeit der in den Klangfarben kontrastierenden Instrumente Tenorsaxophon, Flöte und Euphonium mündet hin und wieder in kreisenden Unisonopassagen, die treibenden wilden Klänge einer „Nondual Action“ in sanfte, Passagen zur Eröffnung von „Paradise Lost“, bevor dieser scheinbare Wohlklang zerfasert und wieder zusammengeführt wird oder in ein tänzerisches Solo des Euphoniums mündet. In „Schleuderhonig“ assoziiert die Flöte das Summen von Bienen. Ob nun freitonal oder in klassischer Harmonie, archaisch oder kunstvoll, immer ist die Musik berstend lustvoll und erfüllt von abgründigem Humor.
Der Komponist spielt mit Klangfarben, die die Musiker ausweiten und auskosten. Gleiches gilt für die vielfältigen Metren, mit denen erfrischende Abwechslung geschaffen wird, wenn die Interaktionen mal in die Gefahr der Routine geraten. Verspieltheit kennzeichnet ein Duo des Percussionisten und Flötisten in „This is you“, verdeckter Swing“ Teile von „Quantum Mechanics“, umspielendes Geschnatter und traditionelle Ästhetik sowie ein faszinierendes Trommelsolo Passagen von „Miao & Chiao“.


Mit „Silent Sitting Bulls“ schaffen Stein und seine „Pata Horns & Drums“ eine vielschichtige und vor allem unterhaltsame Melange aus Avantgarde und Tradition, die mehrfaches Anhören samt Klangforschung erfordert und lohnt.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer



Barrelhouse Jazzband
Live in Concert BR
alpha Video-DVD

Bezug und Info: Musikagentur Dieter Nentwig

Der Senior der deutschen Konzertveranstalter, Fritz Rau, lobt die Stilsicherheit und Authentizität sowie die technische Souveränität der Frankfurter Barrelhouse Jazzband. Die langlebigste Band des frühen Jazz in Deutschland hält die Tradition der schwarzen Musik aus New Orleans am Leben, schenkt ihr neue Vitalität, indem sie sich neben der erfrischenden Aufbereitung von Klassikern von Jelly Roll Morton über Paul Barbarin bis Duke Ellington zu eigenen und eigenständigen Kompositionen inspirieren lässt, ohne das Erbe zu verleugnen. Nun kann die Barrelhouse Jazzband und ihre Musik in Bild und Ton bei einem „Hauskonzert“ (so Fritz Rau) erlebt werden.

Ein Live-Mitschnitt von der 40. Internationalen Jazzwoche in Burghausen macht dies möglich. Nach einem liebevollen Vorwort von Fritz Rau beginnt das Konzert mit der mitreißenden Luley-Komposition „Boogie für Mr. H.H.“, die den Solisten Raum für ihre musikalischen Ausflüge einräumt. Stargast im zweiten Teil des Konzertes ist die hervorragende Sängerin Harriet Lewis unter anderem mit dem Traditional „I´m on my Way“. Das Repertoire des Band in dieser Aufzeichnung reicht von Mortons „Pearls“ bis Ellingtons Gospel „Out South“ oder Barbarins „Bourbon Street Parade“ sowie einer Reihe Kompositionen der Bandmitglieder. Charmant wie gewohnt moderiert Band-Leader Reimer von Essen das Programm und lehrt amüsant die Jazzgeschichte anhand von Anekdoten.

Neben dem musikalischen bietet der Mitschnitt auch einen optischen Genuss. Nicht immer wird die Kamera bei Konzert-Aufzeichnungen so sachkundig geführt wie hier, wechselt der Blick zwischen Nahaufnahmen und Totalen. Insofern erlebt der Zuschauer die Künstler näher als oftmals im Konzert selbst. Auch der Ton der Techniker des Bayerischen Rundfunks ist ohne Fehl und Tadel. Als „Zugabe“ finden die Fans auf der DVD eine Show mit Fotos in Schwarzweiß und Farbe aus den Jahrzehnten der Bandgeschichte. Die DVD „Barrelhouse Jazzband Live in Concert“ ist ein Highlight. Sie kann uneingeschränkt empfohlen werden und sollte nicht nur bei Fans der Frankfurter Band im Regal stehen.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer


David Orlowsky + Singer Pur
Jeremiah
SONY 88697757372


Nach Jan Garbareks „Officium“ mit dem Hilliard Ensemble, kombiniert nun auch der Klarinettist David Orlowsky sein Einfachrohrblasinstrument mit antiken Klerikalgesängen. In den heiligen Hallenräumen (Himmelfahrtskirche in München) verschmilzt akustisch das althergebrachte Vokale mit mehr oder weniger Improvisiertem – ohne stilistische Divergenzen, gediegene Homogenität herrscht vor. Auf feierliche Palestrina- und Gesualdo-Kompositionen setzt Orlowsky dezente Klezmer-Kantilenen, die sich nie egozentrisch und vorlaut über das historische Material erheben. Ein Crossover-Manöver, welches keineswegs ins Schleudern kommt. Und wenn bei dem zeitgenössischen Opus „Lux aeterna“ von Matan Porat (Israel) gehäuft Dissonanzen und Clusterliches auftauchen, entsteht trotzdem ein gefühlter Wohlklang. Diszipliniert und intonationsreinst agiert das aus Regensburg stammende Sextett „Singers Pur“, mit Akkuratesse und Subtilität spielt der 1981 in Tübingen geborene David Orlowsky seine Klarinetten.
 

Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm 

Brasilianisches im Kaisersaal
Saxofonist Jochen Feucht spielte auf der Comburg eine CD ein
www.bossalibre.com

Nicht zum ersten Mal wurde im altehrwürdigen Kaisersaal der Comburg eine CD aufgenommen. Der Saxofonist Jochen Feucht zeigte sich nach einem seiner dortigen Auftritte von Raum, Ruhe und Ambiente so begeistert, dass er an Ort und Stelle unbedingt eine geplante CD einspielen wollte.

Schwäbisch Hall. In mittelalterlichem Gemäuer, in welchem schon der Kaiser (und vielleicht auch Mozart) zu Gast war, erklang Ende August letzten Jahres zunächst ganz „unöffentlich“ Brasilianisches. Allesamt Kompositionen des Pianisten Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim (1927 – 1994), der ja durch “The Girl from Ipanema“, „Desafinado“, „One Note Samba“ und „Água de beber“ weltberühmt und reich wurde. Diese Hits präsentiert Jochen Feucht zwar gerne in Konzerten, doch auf dem Silberling sind diese nicht zu hören. Also kein gieriges Schielen auf kommerziellen Erfolg mittels unausweichlicher Ohrwürmer. Stattdessen wurden Titel wie „Só Tinha De Ser Com Você“, „Chora Coração“, „Por Toda Minha Vida“, „O Grande Amor“ und “Anos Dourados“ bearbeitet, interpretiert und improvisatorisch abgerundet.

Der ebenfalls aus der Region Stuttgart kommende Gitarrist Boris Kischkat vollführt mit dem Holzbläser Feucht ein bestens eingespieltes Duo mit dem Namen „Bossa Libre“, doch für ihre Digitalproduktion auf der Comburg konnten die beiden Schwaben noch zwei originale Brasilianer gewinnen, nämlich die – an Astrud Gilberto erinnernde – Vokalistin Viviane de Farias mit dem typischen Timbre einer fein gehauchten Mädchenstimme und den stets dezent agierenden Perkussionisten Mauro Martins. Die diversen Quartett-Variationen sorgen für reichliche Klangfarben und für viel Abwechslung.

Bossa Nova entstand ja vor einem halben Jahrhundert aus der Verbindung mit Samba und Cool Jazz und bestach von Anfang an durch Leichtigkeit des Seins, durch graziles Feeling und durch Transparenz. Zu Markennamen hierfür wurden der Komponist Antônio Carlos Jobim und der US-amerikanische Saxofonist Stan Getz, der jedoch keineswegs von Jochen Feucht imitiert wird.

Überragende und munter improvisierende Figur auf der CD mit dem Titel „Por Toda Minha Vida“ („Für mein ganzes Leben“) ist Jochen Feucht (41) auf Tenor- und Sopransaxofon, Querflöte und Bassetthorn, einer Tenorklarinette also. Weltmusikalisch erfahren ist Feucht schon, bereiste er doch bereits als Mitglied vom Landesjugendjazzorchester wiederholt Südostasien und war so auch 1990 auf der indonesischen Insel Bali. Als kongenialer Gitarren-Begleiter fungiert bei Konzerten und auf dieser Compact-Disc der einfühlsame Boris Kischkat, der ansonsten seine Brötchen als Musikschullehrer verdient.

Auf der Plattenhülle bedankt sich Jochen Feucht extra bei „Hans-Reiner Soppa, der uns spontan und unbürokratisch die Räume in der Comburg, einem wunderschönen romanischen Kloster bei Schwäbisch Hall, zur Verfügung gestellt hat“. Als Tonmeister fungierte übrigens Adrian von Ripka, bekannt durch die renommierten „Bauer Studios“ in Ludwigsburg.

Jochen Feucht hat seine CD im Eigenvertrieb heraus gebracht, und bei ihm direkt kann man diese auch bestellen: info@jochen-feucht.de. Weitere Informationen über diese Scheibe und mp3-Hörbeispiele sind im Internet unter www.bossalibre.com abzurufen.
 

Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm 

Mina Agossi
Just like a Lady
naïve

Es ist stets doof, sich von Vorurteilen leiten zu lassen. Mir ist der Lapsus gerade mit Madam Agossis neuer CD „Just like a lady“ passiert, die doch einige Tage unbeachtet in einer Ecke ungehört vor sich hin dämmerte. Mina Agossi hörte ich vor einigen Jahren einmal live: die Jazz-Legende Archie Shepp hatte sie 2007 beim Eröffnungskonzert des Enjoy Jazz Festivals im Schlepptau und mein Eindruck war seinerzeit „na ja“ – hätte es nicht unbedingt gebraucht…

Sehr erfreulich ist ihr aber ihre aktuelle CD geraten. Auch weil sie so einigen „Jazz-Ballast“ einfach über Bord geworfen hat und damit der Gefahr entgangen ist, zum x-ten Billie-Ella-Abbey - Klon zu werden. Was Mina Agossi tatsächlich präsentiert ist eine Mischung von Pop, Chanson, schrägem Sprechgesang und doch – glücklicherweise – einer großen Prise Jazz, was Phrasierung, Improvisation und „Spielfreude“ angeht. Perfekt abgerundet wird das Musik-Gericht mit fein abgestimmten Gewürzen: mit einer manchmal herzerwärmend störrischen E-Gitarre und Steeldrums spielen mit, als wär’s ein anständiges Instrument.

Trotz aller Varianten und bei aller Verschiedenheit der Stile gibt Minas markante Stimme der Platte den einheitlichen Guss. Und so passt das eben aufs Schönste zusammen:  überaus originelle Interpretationen von wahrlich unterschiedlichen, bekannten Standards (And I Love Her, When The Saints…) und weniger Bekannten, ebenso wie manchmal erfreulich gegen den Strich gebürstete Eigenkompositionen.

Am Ende der Aufnahmen gräbt sie dann doch ganz tief zu den Jazz Wurzeln, im herrlich federleicht daher swingenden Rope-A-Dope . Klasse.

Würde ich Sterne vergeben, es wäre eine Handvoll.
 

Frank Schindelbeck
jazz@jazzpages.com
www.schindelbeck.de

Klangfahrer
Humanity
Mons Records MR 874 496


„Klangfahrer“ ist in der Tat ein treffender Name für die vier Soundtüftler Thomas Berndt (Piano), Johannes Flamm (Saxophone), Berd Kistemann (Bass) und Gerd Breuer (Schlagzeug) aus der Region Aachen. Charakteristisch für die Klangfahrer ist der süffige Sound, der von den selbst in Stakkati sangbaren Läufen auf dem Saxophon und den oftmals perlenden Notenketten auf dem Piano geprägt und von dem stets präsenten, vorwärtstreibenden Schlagzeug sowie einem marschierenden Bass in rhythmischem Fluss gehalten wird.

Neben schnelleren Stücken in bester Bebop-Tradition wie „Norwegian Elks“ mit einem kraftvollen Saxophon- und dem griffigen Piano-Solo stehen kammermusikalische Preziosen wie „Soundscape“mit einem sanften, reizvollen Duo von melodiöser Bass-Linie und verspielten Single-Notes-Schnüren, dem ein lyrisches Saxophon-Solo folgt. Das Stück assoziiert mehr die Atmosphäre einer pastellfarbenen nordischen Landschaft als die kraftvolle Elch-Komposition. So grooven die Vier mal mit eruptivem und überblasenem Saxophon über einer hymnischen Piano-Passage, mal becircen sie den Zuhörer in „Abschied“ mit hingetupften Tönen sowie einem beseelten Saxophonlauf, ein wenig Melancholie und Trotz.

Die Geräusch-Einspielungen von Schritten auf Kies oder Kinderstimmen sind nette Gags, die zwar nicht aus dem Rahmen fallen, aber nicht notwendig wären, denn die Musik spricht durchaus für sich selbst. Stilistisch schwimmen die Klangfahrer im breiten Bett des Mainstreams, aber ihre Präsentation ist originell und unterhält mit niveauvoller Reife. Die Musik rührt an, ist tief emotional und setzt sich in den Gehörgängen fest.
 

Klaus Mümpfer
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Heinz-Peter Timmer
In Between
JazzSick JSA 7001/In Akustik


Ruhe und Entspannung können vom ersten bis zum letzten Ton fesseln, wenn sie im Spannungsfeld von klassischer Gitarre und Jazz bekannte Melodien, die eigentlich für größere Formationen geschrieben wurden, in der Transkription für das akustische Solo-Instrument neue klangliche Räume öffnen und Farben schaffen. Dazu hat der Gitarrist Heinz-Peter Timmer auf seiner neuen CD mit dem bezeichnenden Titel „In Between“ lediglich Keith Jarretts „My song“ durch Overdub quasi zum Duo und den Soundtrack des Films „Babel“ gar zum Quartett erweitert, im Grundsatz jedoch die Songs von Jarrett, Gismonti, Metheney durch seine Solo-Interpretationen auf den musikalischen Kern reduziert. Darüber hinaus hat der Künstler die sowieso schon für Solo-Gitarre geschriebenen „Folk-Jazz Ballads“ des Fingerpicking-Spezialisten Fabian Payr in seine Spielwiese integriert. Die Bearbeitung für die akustische Gitarre habe für ihn besonderen Reiz gehabt, sagt der klassisch ausgebildete Saitenkünstler. Zwar hätte man sich in manchen Interpretationen ein wenig mehr Experimentierfreude und Eckigkeit gewünscht, dennoch ist Heinz-Peter Timmer mit seiner Solo-Einspielung das Kunststück gelungen, beseelte Lyrik mit weiten Spannungsbögen zu versehen und den klassisch interessierten Zuhörer ebenso zufrieden zu stellen wie den Fan der Jazzgitarre
 

Klaus Mümpfer
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Triologic
Seasons
Mons Records MR 874481

Die Hitze des Sommers spiegelt sich in einem rasend schnellen, fingerfertigen und zugleich licht-transparenten Gitarrensolo von Thomas Andelfinger wider sowie in einem anschließenden leicht überblasenen und heißen Solo des Saxophonisten Steffen Weber. Unterstrichen wird diese Stimmung durch das pulsierende Rhythmusgeflecht des Drummers und Komponisten Rüdiger Ruppert. Getragen und sanft melancholisch eröffnet Weber den Prolog auf den Herbst, bevor das Quartett, zu dem noch unauffällig , aber stets im Hintergrund präsent, der Bassist Christoph Niemann gehört, lebhafter zu swingen anfängt. Kühle und Melancholie charakterisieren die Komposition „Winter“, in der auch der Bassist Raum für ein harmonisch passendes Solo erhält, um dann einen perlenden Gitarrenlauf zu unterlegen.


Begonnen hatte die Musik der neuen CD „Seasons“ mit einem hellen und vibrierenden Duo von Saxophon und Gitarre im Frühlingsprolog, um mit leichter Klangmalerei der Gitarre und filigranen Saxophonläufen in „Spring“ fortgeführt zu werden. Selten haben Kompositionen die Stimmungen der Jahreszeiten besser und assoziativer umgesetzt als dies „Triolgic“ mit dem einfühlsamen Gast am Saxophon vermag. In drei zusätzlichen Kompositionen kommt es wie im Up-Tempo-Stück „Bebobaluba“ zu aufregenden Duos des Gitarristen und des Saxophonisten, die überwiegend die Klangfarben bestimmen. Im langsameren „Kulala“ besticht Bassist Niemann mit einem lyrischen Solo sowie in „Not quiet“ knarrend con arco.
 

Den Begriff „Melodic Groove Jazz“ hat das Berliner Trio für seine Musizierweise kreiert. Rein intuitiv scheint dies eine treffende Beschreibung dieses insgesamt leichten und lichten, eingängig melodischen und flexibel perkussiven Spiels zu sein.
 

Klaus Mümpfer
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Martin Auer Quintet
Reflections
CARE 0198884 GLA


Die Unisono-Passagen von Trompete und Saxophon, die spannungsgeladenen Dynamiksprünge, die Wechsel von Lyrik und Ekstase sowie die Verwurzelung im Bebop mit Ausflügen ins expressive freie Spiel sind seit Jahren charakteristisch für das Spiel des Martin Auer Quintets. Spannungsbögen bauen die fünf Musiker zudem immer wieder durch geschickt eingesetzte Ostinati wie in „Wen Wen“ auf Piano und Schlagzeug. Im Laufe der Jahre sind der Trompeter Martin Auer; Saxophonist Florian Trübsbach, Pianist Jan Eschke, Bassist Andreas Kurz und Schlagzeuger Bastian Jütte stärker zusammengewachsen und haben ihren unverwechselbaren intensiven Band-Sound verdichtend ausgeprägt.

Auf der neuen CD „Reflections“ wechseln sich Up-Tempo-Stücke wie „JIB“ ausgewogen mit Balladen wie „Kassiopeia Reflektion“ (beide von Trübsbach) ab oder kraftvolles Quintett-Spiel und getragene Duos wie das von Bass und Saxophon finden sich kontrastierend in einer Komposition wie in Auers „Snir“. „El Patron“ zeichnet sich durch kraftvolle Akkordläufe auf dem Piano aus, das durch pulsierendes Drumspiel verstärkt wird, bevor Jütte im Solo polyrhythmisch brilliert und das Stück in einem expressiven Bläserduo endet. Den anderen Pol markiert eine lyrische und sanfte Intro auf dem Saxophon im Duo mit verspielten und perlenden Single-Notes auf dem Piano (Kassiopeia) oder ein melancholisch lyrisches Trompetenspiel neben einem harmonisch reizvollen Bass-Solo, das wiederum von hingetupften Tönen auf dem Piano in „Traurige Geschichte“ begleitet wird. Stimmungsmäßig dazwischen liegt ein hymnische Komposition „Ri Tan“.

„Reflections“ reflektiert die Ausdrucksbreite des modernen Jazz. Stärker als früher behaupten sich oftmals gegen- oder querläufige Piano-Power-Läufe neben den beiden Bläsern. Ein vorzüglich eingespieltes Team zeichnet originelle Stimmungsbilder, bewahrt seinen originären Klang ohne auf der Stelle zu treten.

 

Klaus Mümpfer
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Peter Bolte
The world as we knew it in 1980
merfadéz music mmcd 08


Jazzmusiker entdecken offensichtlich den Reiz von Sounds, die sich aus der Verbindung von Elektronik und dem Naturklang von Instrumenten entlocken lassen. Die Klangkünstlerin Kirsten Reese komponiert für elektronische Medien und Instrumente, der Wormser Saxophonist Gary Fuhrmann kooperiert mit dem DJ Philipp Barth, der Hamburger Saxophonist Peter Bolte mit Jim Cambell, der für die neue Bolte-CD „The World as we knew in 1980“ mit Tape-Manipulationen und elektronischem Live-Processing die Sounds zu den Klängen von Flöte, Bassflöte und Altsaxophon beisteuert. Herausgekommen ist überraschend fremdartige und zugleich vertraute Collage, die das gesamte Spektrum der Klänge und Geräusche von Maschinensounds bis fernöstliche Meditation abdeckt. Der Beipackzettel zur CD weist ausdrücklich darauf hin, das Knistern und Knacken Teil des Klangs der verwendeten Live-Elektronik sind.

Das kurze Eröffnungsstück „Gate“ ist mit seinen maschinenhaften Geräuschen das Tor zu jener engen Verzahnung von Intrumentalklängen mit elektronischen Soundflächen und Beats, die wie in „Side Two“ auch Jahrmarktsmusik, Gurgelgeräusche oder Akkordeonklänge assoziieren. Bolte bläst seine Intrumente in spitzen High-Note-Stakkati ebenso wie schwebend in sanfter fernöstliche Stimmung, sonor expressiv oder lässt seine Instrumente quietschen, knallen und schreien. Manchmal wie in „Blues“ verklingt der ruhige Fluss der Musik fast unhörbar. Dabei baut der Saxophonist mit ostinaten Klang- und Rhythmusfiguren weite Spannungsbögen. Diese Musik ist aufregend und für mich bislang einzigartig.

Für das Duisburger Festival „Traumzeit 2010“ wird Bolte das Duo mit 19 Streichern erweitern. Diesem Erlebnis darf man mit Spannung entgegensehen.
 

Klaus Mümpfer
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Sigi Schwab & Ramesh Shotham
On Stage
MelosMusik 0000802 GSM


Sigi Schwab zaubert mit seiner Gitarre ferne Welten in einen Klangkosmos, der auf der neuen CD „On Stage“ im Duo von dem aus dem südindischen Madras stammenden Ramesh Shotham vollendet wird. Der Gitarrist und der Percussionist scheinen zu klanglich verschmelzen. Der eine spielt seine Gitarren percussiv, der andere sein vielfältiges Instrumentarium mit mehreren indischen Trommeln, Schellen, Gong und Glöckchen melodisch. Und so können sie unauffällig die Rollen in der Melodieführung und im Rhythmus wechseln. Es entstehen dichte Duos, die hin und wieder nahezu unisono erklingen oder oftmals in ein aufregendes Ruf-Antwort-Spiel münden. Sigi Schwab war schon immer ein faszinierender Erzähler mit assoziativen Klanggemälden. In Ramesh Shotham hat er einen Partner gefunden, der seine Trommeln parlieren lässt und so die Geschichten Schwabs subtil und unaufdringlich ausmalt.

Seit 1994 spielen die beiden Künstler mit Unterbrechungen zusammen. Sigi Schwab, der sich schon immer von der Folklore ferner Länder von Südamerika bis Indien gefangen nehmen ließ, und Ramesh Shotham, der sich mit dem Jazz eingelassen hat, ohne jemals seine musikalischen Ursprünge aus den Augen zu verlieren, präsentieren eine rhythmisch vielschichtige Klangfülle, die keines weiteren Instrumentes bedarf und selbst in langen Stücken wie den Suitesätzen „Memento – Kalkutta-Blues“ oder „African Colours“ bis zum letzten Akkord die Spannung hält.

Sigi Schwab vermag in seinen rasenden Akkordfolgen und flirrenden Läufen ebenso wie in meditativen Single-Note-Einwürfe Kraft und Emotion, Zorn und Rücksicht, Wehmut und Freude auszudrücken. Sein Spiel ist selbst in den hart angerissenen Saiten stets filigran und sensibel. Ramesh Shotham trifft mit seinem Handspiel auf der südindischen „dholak“ und der „mridangam“ die Stimmung Indiens ebenso wie die Afrikas. Dass er in „Parvati“ der hinduistischen Göttin und Gattin Shivas mit instrumental scattender Kehlkopfakrobatik huldigt, liegt in der Natur der Sache und darf in keinem Konzert fehlen. Das Publikum des live mitgeschnittenen Konzertes belohnt die beiden musikalischen Weltenbummler mit reichem Applaus.
 

Klaus Mümpfer
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Vladyslav Sendecki
Solo Piano at Schloss Elmau
9485-2 ACT


„Ich will Farben und Klänge hören“, sagt der polnische Pianist Vladyslav Sendecki. Dass er auf seiner ersten Solo-CD Marc Chagall eine Suite widmete, unterstreicht die Seelenverwandtschaft des älteren Malers und des jüngeren Musikers. Transparent und schwebend in der Darstellung, frei in der Form und tief in der Symbolik sind die Interpretationen Sendeckis, der bereits bei meinem ersten Zusammentreffen anlässlich des New Jazz Meetings 1988 in Baden-Baden mit seiner ausschweifenden Fantasie und der Offenheit gegenüber freiem Jazz sowie zugleich der Folklore seiner polnischen Heimat beeindruckte. Seine neue Solo-CD ist eine logische Fortführung des Konzeptes, Gedanken und Gefühle direkt in Musik umzusetzen. Sendecki meistert mit der Virtuosität des klassischen Konzertpianisten und der Kreativität des Jazzimprovisators pianistische Hürden mit wahrhaft spielerischer Leichtigkeit.

 Wuchtige Anschläge kontrastieren zu schlichter Liedhaftigkeit, ein „Karparten-Blues“ zum verträumten „Wiegenlied“. Rasende Ostinati und Themenvariationen wechseln sich mit suchenden Single-Note-Linien ab, perlende Notenketten mit kraftvollen Akkordschichtungen. Skizzen meditativer Momente in „Blackbird“ entstehen während des Spielens. Sie assoziieren wie andere Stücke Schönheit, Licht und Leichtigkeit, Melancholie und drängende Leidenschaft. Und so nebenbei hebt er die Grenze zwischen Klassik und Jazz auf. „Ich möchte vor allem meine Wurzeln leben“ sagte Sendecki vor geraumer Zeit in einem Interview. Weil er diese Erfahrung offenbar mit dem Publikum teilen will, hat der Pianist für seine Einspielung dieses Mal nicht das sterile Studio, sondern den Live-Mitschnitt eines Konzertes in Schloss Elmau gewählt. Doch auch im heimischen Wohnzimmer kann man die Improvisationen uneingeschränkt genießen.
 

Klaus Mümpfer
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Espen Eriksen Trio
You had me at goodbye
RCD 2096, EAN: 703366202066

Skandinavien hat im Jazz Hochkonjunktur. Vor allem Sängerinnen und Pianisten reisen derzeit von Konzert zu Konzert. Soziologen und Psychologen mögen sich die Köpfe darüber zerbrechen, warum die sanften, melodischen und oftmals popinspirierten Klänge so viel Zuspruch finden. Ist es eine gelungene Marketingstrategie, ein derzeit verbreitetes Bedürfnis der Menschen nach Harmonie oder beides.

In diesem breiten Nordland-Fluss schwimmt jetzt auch der Pianist Espen Eriksen ein, der zwar in einer Reihe Aufnahmen als Solist und Begleiter zu hören war, dieses Mal aber mit einem Trio unter seinem eigenen Namen debütiert. Die Musik des norwegischen Musikers und seiner Kollegen ist lyrisch und melodisch, eingängig und relaxed. Insgesamt typisch skandinavisch mit seinen Folk-Elementen und einem Anflug von Melancholie. So steht er in der Tradition eines Tord Gustavsen, der derzeit in Deutschland tourt, oder des verstorbenen Esbjörn Svensson, ohne diese nachzuahmen. Allerdings birgt die Musik des Trios mit Eriksen, dem Bassisten Lars Tormod Jenset und dem Schlagzeuger Andreas Bye auch keine Überraschungen. Löblich ist dagegen das künstlerische Niveau und das sensible Zusammenspiel des Espen Eriksen Trios. Perlendes Piano, harmonisch reizvolle Bassläufe und ein zurückhaltendes Schlagzeug wirken entspannend. Wer musikalischen Balsam für die Seele benötigt, wird bestens bedient.
 

Klaus Mümpfer
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Dieter Ilg
Otello
Full Fat 09

Marschrhythmen, fernes Stimmengewirr und Möwengeschrei stimmen auf das Werk ein. Seit seinem Kontrabass-Studium faszinierte die berühmte Kontrabass-Stelle im IV. Akt von Giuseppe Verdis Oper „Otello“ den deutschen Künstler, der schon einmal grenzüberschreitend deutsche Volkslieder für den Jazz umgeschrieben hatte. Dieses Mal wagte sich der Bassist an Verdis orchestrales Monumentalwerk und reduzierte es auf ein Jazz-Trio.

Das Wagnis ist gelungen. Den berühmten Feuerchor „Fuoco die gioia“ verwandeln Ilg, der Pianist Rainer Böhm und der Schlagzeuger Patrice Heral in einen mit Ostinati rhythmisch groovenden Satz. Gleiches gilt für „Inaffia l´ugola“, das Spannung durch Steigerung von Intensität und beschwörende Bass-Figuren baut, um in eine swingenden Trio-Passage sowie später in kraftvolle Tutti einzumünden.
Doch Verdis Musik ist für Ilg nur Ideengeber. Die Harmonien tauchen in jazzig abgewandelter Form auf, doch die Emotionen des tödlichen Dramas von gekränkter Eitelkeit, Eifersucht, Rache und hilfloser Liebe stecken auch in den Interpretationen des Trios. Das Trio springt dabei ständig in dynamischen Abstufungen. Böhm greift mal tastend mit Single-Notes, mal schichtet er Akkordblöcke, Heral streichelt mit den Besen die Felle oder treibt die Melodieführer drängend vor sich her. Ilg selbst zeigt bereit im Eröffnungssatz „M´ascolta“ in Duo mit Böhm raffinierte Harmonielinien und markante Akkordgriffe. Zwischendurch streicht er die Saiten geradezu klassisch. Zärtlichkeit spiegelt das Duo von Bass und Piano in „A questa Tua“ wider.

Dass der Bösewicht „Jago“ mit einem fesselnden Solo Ilgs, expresiven Clustern auf dem Piano, mit Herals heiseren Scatbeiträgen sowie gescratchten Sampels in einem treibenden Groove charakterisiert wird, ist ein weiterer Beleg für die einfühlsame Bearbeitung des Dramas. Ilgs „Otello“ hat die Messlatte für mögliche Nachfolge-Projekte hoch gelegt.

Klaus Mümpfer
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Ekkehard Jost

Gesänge gegen den Gleichschritt
Fish Music 012

November Songs
Fish Music F 013


Mitte der 70er Jahre wurde Ekkehard Jost bekannt durch das Buch „Free Jazz. Stilkritische Untersuchungen zum Jazz der 60er Jahre“. Damals war freilich nicht so sehr bekannt, dass der Musikwissenschaftsprofessor an der Justus-Liebig-Universität Gießen auch as beherzter Jazzinstrumentalist auftritt. Inzwischen ist der 1938 in Breslau Geborene emeritiert, doch zur Ruhe gesetzt hat sich Ekki Jost überhaupt nicht. Als Theoretiker bleibt er aktiv, und erst recht „in alter Frische“ als Praktiker am Baritonsaxophon. Daneben führt er sein eigenes Label „Fish Music“ weiter.



Seine beiden letzten CD-Produktionen beziehen sich auf Historisches, ohne die Gegenwart auszublenden. Da greift er erneut politisches Liedgut auf. Die „Gesänge gegen den Gleichschritt“ kommen zumeist artig im Viervierteltakt daher, doch revolutionäre Ungeduld artikuliert sich da in rotzigen Soloimprovisationen. Keine leichte Kost – und damit dem Leitthema angemessen. Mit Jost musizieren die Saxofonkollegen Wollie Kaiser und Friedhelm Schönfeld, der Posaunist Christof Thewes, der Trompeter Reiner Winterschladen sowie Dieter Manderscheid und Joe Bonica an Bass und Schlagzeug. Semantische Klarheit schafft immer wieder Dietmar Mues mit emotional aufwühlendem Textvortrag. Bei der unter die aufmüpfige Jazzmangel genommenen Musik aus fünf Jahrhunderten finden sich vertraute Hits wie „Ca ira“ und „Bella Ciao“, aber auch Eigenkompositorisches.

Gemütlicher geht es bei den „November Songs“ zu. Avantgardist Ekkehard Jost erinnert sich an seine „coolen“ Zeiten Ende der 50er Jahre in Hamburg, als Gerry Mulligan als das große Idol am Baritonsax fungierte. Neben dem CD-Opener „Lonesome Boulevard“ wurde von Meister Mulligan auch „Summer’s Over“ übernommen. Mit von der Partie sind Josts langjährige Mitspieler Dieter Manderscheid (Kontrabass) und Janusz Stefanski (Schlagzeug). Am Klavier sitzt der „Amerikaner in Frankfurt“ Bob Degen, der in seinen Improvisationen gerne in die Zitatenschatztruhe greift. Stilistisch bewegt man sich bis zum Hard Bop, wobei das Wissen um den Free Jazz nicht negiert wird. Ganz glatt kommen diese „November Songs“ keineswegs daher, eine gewisse Sprödigkeit verleiht ihnen – wie ohnehin die Anti-Gleichschritt-Gesänge - Jostsche Authentizität. Einschmeicheln gilt nicht. Von „easy listening“ kann beide Mal keineswegs die Rede sein. Gefordert ist ein emanzipierter Rezipient – ganz nach dem Wunschbild des alten Adornos…
 

Hans Kumpf
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Christian Broecking.“Klang der Freiheit.“
Interviews mit Ornette Coleman, Don Cherry und Charlie Haden.
Broecking Verlag Berlin 2010, 124 Seiten, 19.90 Euro;
(ISBN 978-3-938763-13-1

Ornette Coleman polarisierte, als er 1959/60 mit seinem Plastiksaxophon die Jazzbühne betrat und die Musik grundlegend veränderte. Viele renommierte Musiker, die ihn hörten oder mit ihm spielten, gestanden, dass es ihnen schwer fiel, sein radikales improvisatorisches Konzept zu verstehen. Der Jazzpublizist Christian Broecking hat mit dem Künstler gesprochen, der 2007 mit einem Grammy für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und den Purlitzerpreis erhielt. In diesem März vollendet Ornette Coleman sein 80. Lebensjahr.


Die ausführlichen Antworten auf Broeckings kompetente und sensible Fragen weisen auf Charakterzüge des Künstlers hin, die für Leser, die sich bislang nicht intensiv mit Coleman beschäftigten, teilweise unerwartet zum Vorschein kommen. Auch wenn seine Musik politisch und antirassistisch sei, so bestreitet Coleman, dass seine Biographie die schwarze Rasse repräsentiere. Die Schönheit seiner Kompositionen habe er „Tränen Traurigkeit und Einsamkeit“ zu verdanken, ist einer der Schlüsselsätze der für das Buch überarbeiteten Gespräche.


Abgerundet wird das Bild Ornette Colemans durch zusätzliche Interviews mit Musikern, die ihn viele Jahre begleitet haben - Don Cherry und Charlie Haden - sowie mit Statements zahlreicher Jazzer und Produzenten von Geri Allan bis David Murray. So ist für Manfred Eicher von ECM Coleman „ein Lyriker, der freie Musik poetisch gestaltet“ hat.


Christian Broecking und den interviewten Künstlern gelingt es, den Leser so sehr zu fesseln, dass er das Buch erst nach der letzten Seite aus der Hand legt.

Klaus Mümpfer
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Chris Hirson Seta Tunes
Trivial things“
Meta-records, meta 043

Im Titel-Stück „Trivial Things“ belegt der Sopransaxophonist Chris Hirson, dass seine Musik im eigentlichen Sinn von „trivial“ zwar „allgemein zugänglich“, aber keineswegs „altbekannt“ ist. Sein Spiel vermittelt in langsamen und singenden Linien exotische Stimmungen, was wohl auch Charlie Mariano dazu animiert haben könnte, die „Vielfältigkeit der Klangfärbung“ als „reinen Hörgenuss“ zu loben. In anderen Passagen und Stücken pulsiert die Musik, bläst Hirson das Instrument in expressiven Stakkati zum schnell gezupften und gradlinig marschierenden Bass sowie rasanten Pianoläufen. „Who Too“ klingt zwar zunächst vertraut und gleicht manchen anderen Kompositionen des modernen Jazz. Dennoch behält die Interpretation des vorzüglichen Quartetts mit Hirson, dem Pianisten Carsten Daerr, dem Bassisten Oliver Potratz und dem Schlagzeuger Sebastian Merk eine eigenständige Note, die im Zusammenklang mit der ausdrucksstarken und Emotionen weckenden Stimme von Mithila Motaleb noch stärkeres Eigenleben entfaltet. „Small Talk“ steht für diese originelle Richtung, die Experiment und Expression auf spannende Weise einbezieht. Mag sein, dass die fünf Künstler mit ihren jeweiligen Eigenheiten befruchtend auf die vielfarbigen Stimmungen gewirkt haben, sich ist aber auch, dass Chris Hirson mit seinem Saxophonspiel dieser nuancenreichen, spannenden und ausdrucksstarken Musik seinen Stempel aufdrückt

Klaus Mümpfer
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Christoph Busse Trio
Awaking
Laika-Records 3510251.2

Christoph Busse reiht sich mit seiner Einspielung „Awaking“ in die Reihe der klassischen Piano-Trios ein. Seine Kompositionen swingen ungemein, befriedigen melodisch das Wohlgefühl der Zuhörer. „Awaking“ ist eine niveauvolle Form des „Bar-Jazz“, wie ihn auch berühmte Pianisten gepflegt haben. Die Noten perlen aus den Tasten, der Bass marschiert , das Schlagzeug groovt. Da irritiert kein experimenteller Ausflug den Zuhörer. Das Trio schwimmt im breiten Strom des modernen Jazz, der sich entspannt genießen lässt. Pianist Christoph Busse, Bassist Sebastian Hoffmann und Schlagzeuger Thomas Hempel werden in zwei Stücken von dem Percussionisten Nené Vásquez unterstützt. Insgesamt herrscht eine balladeske Stimmung vor, die in „Refuge“ besonders ausgeprägt zum Klingen kommt. In dieses Konzept eingepackt ist auch ein „Triptychon“ „I.G.Y.“ von Donald Fagen mit Piano-Improvisationen, die an Keith Jarrett erinnern, und einem mitreißenden Bass-Lauf sowie einem groovenden Part. Zum Abschluss präsentiert das Trio „Goodbye“ von Pat Metheny. Alle anderen Kompositionen sind aus der Feder des Pianisten.

Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
NORSKjazz.no
Ozella, OZ 025 CD

„Norskjazz no“ – „norwegischer Jazz jetzt“ nennte der Saxophonist Karl Seglem sein neues Projekt, das er gemeinsam mit dem Eple Trio eingespielt hat. Die Frage, ob dies Jazz sei, amüsiert den Musiker und Komponisten, der tief in der skandinavischen Folklore verwurzelt ist. So lange der Zuhörer die Frage nach dem Jazz stelle, sei die Musik lebendig und erweitere den Erfahrungsraum, sagt er. Seglem, der mit seiner Urbs-Tour 2007 noch Goat Horns, Hardanger Fiddle und Elektronic in seine Interpretationen einbaute, beschränkt sich dieses Mal auf eine klassische, kammermusikalische Besetzung mit Tenorsaxophon, Bass, Piano und Schlagzeug.
 

Die Musik der CD steht ganz im Zeichen von Folklore und Ästhetik, in einer träumerischen Grundstimmung und zurückhaltender Intimität. Die lang gezogenen singbaren Saxophonläufe Seglems prägen den Sound, doch auch die Soli des Bassisten Sigurd Hole faszinieren mit ihrer melodischen Vielfalt und harmonischen Verzierungen. Hinzu kommt der Pianist Andreas Ulvo, der mit perlenden Lyrismen und vereinzelt an den romantischen Gestus von Keith Jarrett erinnernd, den Trio-Klang abrundet, der wiederum von Jonas Howden Sjovaag vor allem auf den Becken unaufdringlich rhythmisiert wird. Eine Komposition wir „Lull“ fällt mit seinen expressiven, treibenden Passagen fast aus dem Rahmen und passt dennoch in das Konzept. „Aret Hallar“ mit dem ausgedehnten gestrichenen Bass-Intro und dem warmen Saxophon-Sound ist daneben eines jener ohrwurmartigen Kleinode, bei denen jegliche Diskussion, ob Jazz oder nicht Jazz überflüssig wird. Diese Musik dringt in die Selle ein, ohne die Ration in Anspruch zu nehmen.
 

Klaus Mümpfer
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Kristjan Randalu
Desde Manhattan
Jazz ´n Arts, JnA4209

Die Kompositionen des Pianisten Kristjan Randalu vereinen Gegensätze: Lyrik und Melancholie auf der einen Seite, treibende Rhythmen und ostinate Percussion auf der anderen Seite. Diese Gegensätzlichkeit weiß der aus Estland stammende und 2007 mit dem baden-württembergischen Jazzpreis ausgezeichnete Musiker zur Spannungserzeugung zu nutzen. Von zuhause aus zunächst klassisch ausgebildet, fand Randalu zum Jazz und eine ganz originäre Tonsprache. Dies wird gefördert durch die eigenwillige Besetzung – unter anderem mit dem aus Polen stammenden und in New York lebenden Schlagzeuger Bodek Janke, aus dessen Feder auch die herausragende Komposition dieser CD „Desde Manhattan“ stammt. Hier verbinden sich polnische Folklore, sperriges Pianospiel, ein feuriges, an avantgardistische Klangexperimenten und dennoch in osteuropäischer Tradition verwurzeltes Cello-Spiel sowie eine vielschichtige Rhythmik.


Die Ostinati auf Piano und Bass wirken zuweilen geradezu hypnotisch. Die Duos von Bass und Cello auf dem rhythmischen Drum-Teppich faszinieren in ihrer harmonischen Zusammenstellung. Als „Multikulti“ lobt der PR-Text zur CD diese musikalische Kombination aus europäischer Folklore und amerikanischem Jazz zu Recht. Vokale Einlagen oder helle und leise Cello-Klänge im Hintergrund werden geschickt platziert. Im abschließenden „Teraz“ werden gar indische Rhythmik und Vokalisen eingesetzt. Soweit es die Herkunft der Musiker angeht, treffen Estland mit Randalu und Polen mit Janke auf Spanien mit dem Bassisten Antonio Miguel und Deutschland mit dem außergewöhnlichen Berliner Cellisten Stephan Braun. Das Ergebnis ist unterhaltsam, über weite Teile sogar erregend und mitreißend.

Klaus Mümpfer
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Roland Neffe´s
Vibes Beyond
Jazzhaus Music JHM 183


„Sound of Äther“ – einen passenderen Titel hätte sich der Vibraphonist und Komponist Roland Neffe für dieses ätherische Stück mit den schwebenden Klängen und der zwar ostinaten, aber harmonisch reizvollen Bass-Begleitung nicht ausdenken können. Selbst die glucksenden Einlagen auf dem Vibraphon wirken völlig natürlich. Eine CD, auf der Vibraphon und Marimbaphon nur von einem Kontrabass und einem zurückhaltend eingesetzten Schlagzeug begleitet wird, ist sicher ein Wagnis. Roland Neffe besteht dieses Risiko mit virtuosem Einsatz seiner Instrumente. Nach dem bedächtigen „Sound of Äther“ lässt er die Marimba in „Line of Restless“, ganz wie es der Titel verspricht, vehement temporeich tanzen. „Vibes beyond“, so der Titel der CD, geht über eine reine Klöppel-Präsentation hinaus. Bestechend sind vor allem die Duos mit dem Bassisten Achim Tang – so in dem ausgedehnten „Heavy Line“ -, die der Schlagzeuger Reinhardt Winkler in diesem sensibel agierenden, kommunikativen Trio abrundet. So pendeln die Stücke auch binnenmetrisch wie in „Visionary“ zwischen verhaltener Lyrik und treibenden Grooves sowie mitunter einem Touch Avantgarde. Sie verraten Ideenreichtum und Gestaltungskraft, ohne die eine solche Kombination sicher zu eintönig wirken würde..

Klaus Mümpfer
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Engstfeld / Weiss-Quartett
Back to Blallads
Jazzsick-records / ESC 8001 JSS
 

„Was soll´s?“, fragt man sich unwillkürlich beim Blick auf die Titelliste. Muss man sich wirklich die xte Version von Gershwins „I loves you Porgy“ oder Ellingtons „Prelude to a kiss“ antun? Auch wenn zwei so renommierte und exzellente Musiker wie der Saxophonist Wolfgang Engstfeld und der Schlagzeuger Peter Weiss gemeinsam mit dem sensiblen Pianisten Hendrik Soll und dem solide stützenden Bassisten Christian Ramond den oft gehörten Standards neues Leben einhauchen? Spätestens nach dem ersten Stück stellen sich diese Fragen als unbegründet heraus. Gewiss, es bleibt ein Wagnis, eine ganze CD mit getragenen und lyrischen Balladen zu füllen, aber wenn es mit so viel Gefühl und Geschmack geschieht, dann lohnt es sich in der Tat, aufmerksam zuzuhören, um alle raffinierten Feinheiten in diesen Interpretationen zu entdecken. Engstfeld und Soll schaffen eine entspannte Atmosphäre, in der sich der warme Ton des Tenorsaxophons in all seinen Tonfärbungen voll entfalten kann. Soll ist mit seinen perlenden Linien ein kongenialer Partner, während Weiss und Ramond dezent den Rhythmusteppich unter die pastellfarbenen Klanggemälde legen. Bei aller Beseeltheit gleiten die Musiker nie in Kitschige ab. „Back to Ballads“ ist eine CD die zwar zum Träumen verleiten, aber auch außerhalb solch blauer Stunden jazzig genossen werden kann. Aufgenommen wurden die Balladen im März 2009 in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede.
 

Klaus Mümpfer
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FUNjazzquartett & Jill Gaylord
Heinrich Heine: Auf den Flügeln des (Jazz-)Gesanges
Melisma 3067

Joachim Ernst Berendt hatte in den 60er Jahren die Reihe „Jazz und Lyrik“ gepflegt, zunächst Rühmkorf Peter, später Gottfried Benn und Heinrich Heine mit der Jazzmusik verbunden und dieses Genre zur anerkannten Kunstform erhoben. „Poesie ist in Musik verwandelte Sprache“, hatte schon früh auch der amerikanische Schriftsteller Leroi Jones formuliert. Das Fun-Jazzquartett mit dem Flötisten und Saxophonisten Paolo Fornara, dem Pianisten Jo Flinner, dem Bassisten Markus Hofmann und dem Schlagzeuger Günter Gessinger hat im Wortsinn dieser Definition von Jones gemeinsam mit der Sängerin Jill Gaylord die Lyrik Heinrich Heines besser noch als ein Berendt in die Musik integriert, weil „J.E.“ den Rezitator Gert Westphal und das Attila Zoller Quartett lediglich, wenn auch vorzüglich aufeinander abgestimmt, gegenüberstellte,. „Wir haben den urdeutschen Sprachstil Heines und seine spezielle Syntax mit dem Jazz verbunden“ heißt es im Booklet, in dem sämtliche Texte abgedruckt sind. Gaylord singt mit ausdrucksstarker Stimme und Einfühlungsvermögen die Texte in sensibel angepasster Jazzphrasierung. Eingebettet sind die „Lieder“ in „singende“ und swingende Instrumental-Passagen, in denen vor allem Flöte und Saxophon Fornaras sowie die Piano-Improvisationen Flinners tonangebend sind.

Die CD übernimmt aus Heines lyrischem Intermezzo um 1822 ihren passenden Titel „Auf den Flügeln des Gesangs“, stellt zumeist die intimen, persönlichen, weniger die politischen Texte des Dichters vor. Die Produktion ist ein Genuss für die Jazzfreunde ebenso wie für die Verehrer des Spätromantikers.


 

Klaus Mümpfer
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Tomas Sauter
Magic Carpet
Catwalk CW 070003-2


Das Projekt „Magic Carpet“, mit dem der Schweizer Gitarrist Tomas Sauter und sein Quartett derzeit auf Tournee sind, ist nicht ganz neu. Aus der Besetzung der CD-Einspielung des Jahres 2006 sind die beiden im wahrsten Sinne tonangebenden Musiker Tomas Sauter und der Saxophonist/Klarinettist Domenic Landolf auch in den gegenwärtigen Konzerten dabei. Festzustellen ist, dass die Soundtüfteleien auf der CD ausgeprägter, die kontemplativen Stücke häufiger und die impressionistischen Klangfarben ausgeprägter sind. Die Klangflächen im Titelstück „Magic Carpet“ klingen beispielsweise intensiver, die Duo-Passagen von Klarinette und Gitarre dichter. In den Konzerten überwiegen die schnelleren, sich zwischen Bebop und Modern Swing bewegenden Stücke.

An die Stelle der kontrastierenden, teils atonalen Duoklänge von Klarinette und Saxophon mit der Gitarre sind oftmals Unisono-Passagen getreten. Mir persönlich gefallen die experimentelleren Collagen der CD besser – was allerdings eine Frage des Geschmacks und nicht der Qualität ist. Tomas Sauter ist ein faszinierender Techniker und Improvisator, ein Landolf ein beseelter Saxophonist. In den Konzerten ist zwar das Zusammenspiel mit dem Bassisten Schläppi harmonischer, doch die Rhythmusgruppe auf der CD mit dem Bassisten Patrice Moret und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer erzeugt mehr Spannungen, die neue den stärkeren Groove.


 

Klaus Mümpfer
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Nicolas Humbert & Werner Penzel
Brother Yusef
Air / jazzwerkstatt berlin, air 1001


Abgeschieden von der Welt lebt Yusef Lateef allein mit seinen Instrumenten und Erinnerungen in einem Haus im Wald. Die Melancholie des verschneiten Wintertages und der grauen Nebel unterstreichen die Stimmungen, die die Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel im musikalischen und optischen Porträt des Musikers eingefangen haben. Lateef erzählt in Szenen, die nahezu statisch und ohne störende Schnitte aufgenommen wurden. Er erinnert sich seine Begegnungen mit John Coltrane kurz vor dessen Tod, an sein Engagement bei Dizzy Gillespie sowie an andere Musiker. Die Erzählungen und Anekdoten zeigen Lateef als tief religiösen Menschen, der über das Leben und das Sein nach dem Tod, die Seele und das Herz sowie die eigene Stimme auf dem Instrument nachdenkt. Die Worte kommen fast stockend, aber überlegt aus dem Mund eines Künstlers, dessen „autophysiopsyic music“ aus dem eigenen geistigen, spirituellen und intellektuellen Ich entstand.


Der Film wird der Person Lateefs gerecht, ist selbst ein fotografisches Kunstwerk. Die Available-light-Technik zeigt das Profil des spielenden und singenden Yusef wie ein Schattenriss. Die Großaufnahmen des Kopfes und der Hände und die sparsame Lichtführung unterstreichen die grafische Wirkung und erleichtern es dem Zuschauer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nichts lenkt von Sujet ab. Die einzige Fremdeinspielung ist ein kurzer Mitschnitt eines Konzertes mit Cannonball Adderley. Die Intimität des Wohnraumes, in dem Lateef gefilmt wird, betont die Authentizität und strahlt wie der Musikers selbst innere Ruhe aus. Niemand stellt „dumme Fragen“. Der Porträtierte bleibt stets der Mittelpunkt. „Brother Yusef“ ist eines der eindringlichsten Musikerporträts, die ich kenne.

 

Klaus Mümpfer
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Béatrice Kahl & Gaby Schenke
99 / NDW meets JAZZ
MDL 200 152 CD

Kreuzworträtsel kennen nur eine „deutsche Pop-Sängerin“: Nena. Ihren Song von den „99 Luftballons“ hatte einst die Neue Deutsche Welle ebenso hochgespült wie „Ich will Spaß“ von Markus oder Rio Reisers „König von Deutschland“. Die Saxophonistin Gaby Schenke und die Pianistin Béatrice Kahl haben nun neun Lieder der NDW neu gefasst und zeigen, was souveräne Jazzerinnen aus den vordergründig schlichten Original-Themen in neuen Arrangements herauskitzeln können.

Den Bearbeitungen ist anzuhören, welchen Spaß dies den beiden Musikerinnen und ihren Begleitern Frank Fiedler am Kontrabass sowie Kristof Hinz am Schlagzeug und mit Elektronik bereitet hat. In Nenas „99 Luftballons“ überwiegt zunächst der Wiedererkennungseffekt, bevor sich Saxophon und Piano vom Thema entfernen, neu harmonisieren und wieder aufs Thema zurückkommen. Joachim Witts „Goldener Reiter“ galoppiert in fast freien und pulsierenden Expressionen hinweg. „Das Blech“ groovt mit treibenden Drum-Rhythmen und einem mitreißenden Rhodes-Solo sowie kurzen stakkatohaften Akkord-Ostinati vor einem gradlinigen Schlagzeug-Solo. Nahe am Original bleiben bei ihren originellen Improvisationen die Musiker in „Carbonara“
Soundfärbend ist wie bei den früheren Ausnahmen des in jahrelanger Freundschaft traumhaft eingespielten Duos das Saxophon mit seinen singbaren Linien oder kurzen überblasenen Läufen sowie das perlende und zugleich immer wieder sperrige Piano.

In drei Liedern setzt Gaby Schenke mit Coolness und spröder Erotik durchaus NDW-gerecht ihre Stimme ein. Der unbekümmerte Charme der Neuen Deutschen Welle findet sich in den anspruchsvolleren jazzigen Arrangements wieder und zeugt von der erfrischenden Vitalität auch des mainstreamigen Jazz. Herausgekommen ist eine Musik, die mit überraschenden Wendungen ganz einfach Spaß bereitet.

 

Klaus Mümpfer
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Youssou N´Dour
Rückkehr nach Goirée
Mouna / Alive 6410330

Blues, Jazz, Gospel, Spiritual – all diese Musik wäre nicht Bestandteil der amerikanischen Kultur, wenn nicht die Afrikaner in Amerika ihre eigenen musikalischen Traditionen mit denen ihrer Unterdrücker verschmolzen hätten. Youssou N´Dour, 1959 im senegalesischen Dakar geboren, hat die afrikanischen Wurzeln in seinen Songs zwar mit Jazz und Pop angereichert, aber nie verleugnet, sondern überzeugend bewahrt. Zum „Afrikanischen Künstler des Jahrhunderts“ hat ihn deshalb das Fachblatt „Folk Roots“ ernannt.

In einer eindreiviertelstündigen Dokumentation hat der Schweizer Regisseur Pierre-Yves Borgeaud den Sänger nun auf dessen Spurensuche durch Amerika und Europa zurück in den Senegal und auf die frühere Sklaveninsel Goirée begleitet. „Rückkehr nach Goirée“ ist kein Musikvideo – auch wenn sich der Film um die Musik dreht und die Musik stets präsent bleibt. Schon die Intro erinnert an das Leid der Sklaven, ohne dass N´Dour den Zeigefinger hebt. „Rückkehr nach Goirée“ ist auch keine bittere Abrechnung mit der Sklaverei, auch wenn der Sänger am Ende dem Kurator des „Hauses der Sklaverei“ auf der Insel, Joseph Ndiaye, dafür dankt, dass er wie vielen anderen zuvor, „die Wahrheit über viele Dinge erzählt“ habe. „Rückkehr nach Goirée“ ist eine fröhliche Rückkehr mit Musikern, die N´Dour bei seinen Stationen in Atlanta, New Orleans, New York, Genf und Luxemburg eingesammelt hat. Der Kulturbotschafter gewährt in diesem „Road-Movie ebenso Einblicke in die Historie der Sklaverei wie in die faszinierende Welt des Jazz heißt es im PR-Text treffend. N´Dour ist ein Griot, ein Erzähler, der in seinen Songs im Sinne einer „oral history“ Traditionen weiterreicht.

Borgeaud ist es gelungen, eine an sich nüchterne Dokumentation mit ergreifenden und rührenden Szenen lebendig werden lassen. Eine der aufregenden Begegnungen ist die mit Amiri Baraka, der unter seinem früheren Namen LeRoy Jones mit „Blues People“, die Musik der Schwarzen im weißen Amerika, eine ebenso provozierendes wie lehrreiches Buch geschrieben hat.

Authentizität gewinnt der Film durch das einfache Abfilmen bei Außenaufnahmen, die Intimität der Drehorte bei Freunden, in Kneipen und Studios., durch die Arbeitsatmosphäre, der Vorrang vor der Aufnahme vollständiger Songs eingeräumt wird, sowie durch die Unbekümmertheit und Natürlichkeit der Darsteller. Borgeaud hat dabei ganz bewusst auf technischen Aufwand verzichtet.
Der DVD ist ein Plakat der Titel-Illustration beigefügt. Ein dünnes Booklet mit den Künstlernamen und Reisestationen wäre nützlicher gewesen. Man müsste nicht auf den flüchtigen Abspann warten oder immer wieder im Film die Pausetaste drücken.
 

Klaus Mümpfer
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Kai Schumacher spielt Frederic Rzewski
„The people united will never be defeated“
Wergo WER 6730 2

Es ist eine politische Proklamation: „The people united will never be defeated“. Der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski ist ein leidenschaftlicher Verfechter einer politischen Ästhetik. Kein Wunder also, dass er das chilenische Protestlied „El pueblos unido jemás será vencido“ in seinem Klavierwerk aufgegriffen hat, um die politische Botschaft mit geradezu altmeisterlicher Vollendung in Thema und Variationen zu verstärken.
Wenn auch der Einspielung mit dem jungen Pianisten Kai Schumacher das Original fehlt, das dieser in seinen Konzerten einführend einspielen lässt, so ist doch zu erkennen, dass Rzewski bei aller Freiheit nahe an der metrischen und harmonischen Struktur des Originals bleibt. In den in sechs Blöcken mit jeweils sechs Variationen taucht das Thea immer wider auf, entwickelt der Komponist jedoch eine Vielfalt an Ausprägungen höchster pianistischer Komplexität und gleichzeitiger Sensibilität, so dass es besonderer Virtuosität bedarf, dem Anspruch Rzewskis gerecht zu werden.
Kai Schumacher gelingt dies mit Bravour. Er pendelt mit bewundernswertem Gespür zwischen verklärten Melodien und wuchtigen Akkordexplosionen, tastet suchend nach Single-Notes, um dann wiederum in einen rasenden Lauf zu verfallen. In den „Variationen 4“ nimmt Schumacher die Dynamik bis fast zur Unhörbarkeit zurück, schließt einen perlenden Lauf an, lässt das Piano in den „Variationen 6“ ausgeprägt swingen und erinnert in zarten Melodiebögen an die folkloristischen Wurzeln, bevor er wieder zu einem geradezu aus der Klassik entnommenen Lauf ansetzt. In den folgenden „Variationen 5“ zeigt sich Schumacher als ein flinkfingriger Läufer in den höchsten Lagen des Flügels, um dann plötzlich innezuhalten, um mit zarten, sparsam gesetzten Noten und Akkorden das Thema im Marschrhythmus kraftvoll drängend aufzubauen.
Es mag dem Pianisten zugute kommen, dass er mit Jazz und Rockmusik Erfahrungen gesammelt hat. So spürt der Zuhörer auf der CD – wenn auch nicht so intensiv wie in den Konzerten – dass Schumacher die Freiräume des riesigen Klavierwerkes auszuschöpfen vermag und weit mehr als nur reproduziert.
 

Klaus Mümpfer
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Vandermark, Nagl, Thomas, Reisinger
c.o.d.e.
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„Free Jazz“ ist der Titel eines Stückes, das wie die anderen der CD „c.o.d.e.“ Erinnerungen an die Geburt des freien Jazz Anfang der 60er Jahre weckt. Ken Vandermarks Bassklarinetten-Spiel nähert sich den Akkord-Stakkati des 1964 gestorbenen Eric Dolphy, Max Nagls Altsaxophon den Eruptionen Ornette Colemans. Vor dem pulsierenden Schlagzeug von Wolfgang Reisinger und einem variablen, teil verfremdet gestrichenen Bass des Australiers Clayton Thomas umspielen die beiden Blasinstrumente einander, duellieren sich, explodieren überblasen oder vibrieren in anscheinend sanften Soli. Soundfetzen vernetzten sich in freien Passagen folgen swingenden, mehrstimmigen Duos, die der Bassist mit sparsamen Akkordeinwürfen unterlegt und die Reisinger mit „pulse“ akzentuiert.

„c.o.d.e.“ ist ein Tribut an zwei Zentralgestirne der Jazzgeschichte: an Ornette Coleman und Eric Dolphy, die beide die stilbildende Einspielung „Free Jazz“ aus dem Jahr 1960 mit geprägt haben. Von Anarchie und Chaos, die damals mit dem Begriff Free Jazz verbunden waren, kann bei „c.o.d.e.“ nicht die Rede sein. Von Freiheit und Subjektivität dagegen viel. Einige Soli, wie das des Bassisten in „something sweet, something tender“ wirken geradezu klassisch, die mehrstimmigen Duos der Bläser wie in „miss ann“ klingen sehr

Die schnellen, explosiven und ungebundenen sowie die sanften kammermusikalischen Interaktionen belegen, dass das Quartett mitreißend aufregenden freien Jazz spielen kann, indem es den Free Jazz von damals dialektisch bewahrt, überwindet und auf eine neue Stufe hebt – siehe „researching has no limits“, dessen Interpretation allein schon den Kauf dieser CD lohnt. Nagl, Vandermark, Reisinger und Thomas werden den Kompositionen, die alle von Coleman und Dolphy stammen, überzeugend gerecht.
 

Klaus Mümpfer
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Frank Sackenheim Quintett
Eurotrash
Laika Records, Kat.Nr. 3510254.2
Als „Eurotrash“ werden aus amerikanischer Sicht abfällig europäische Musik-Produktionen wie Eurodance oder Eurodisco bezeichnet. Warum sollte nicht auch europäischer Jazz nach Meinung einiger US-Jazzer Abfall sein. Der deutsche Saxophonist und Klarinettist Frank Sackenheim stellte sich dieser Herausforderung augenzwinkernd und ironisierend mit einer Einspielung, die eine solche abwertende Einstufung Lügen straft.

Zwar in der Mainstream-Tradition des Bebop verwurzelt, aber doch oft die Grenzen fließend erweiternd, bürgt Sackenheim mit seinem eingespielten Quintett für ein weites Spektrum von melancholischen, weit schwingenden Saxophonlinien bis zu nervös pulsierenden, schnellen Läufen. Faszinierend sind vor allem aber seine teils pastellartigen Klangbilder, die zweistimmigen und Unisono-Soundflächen, die er mit Saxophonen oder Bassklarinette im Duo mit Matthias Bergmann am Flügelhorn malt. „Day One“ ist ein Beispiel für diesen Personalstil eines modernen Mainstreams jenseits aller Klischees.

Eine lyrische Single-Note-Intro auf dem Piano, impressionistische Sounds über dem gestrichenen Bass von Christoph Devisscher, dann nervöse Bläserläufe vor dem pulsierenden Schlagzeug Jens Düppes stehen für musikalische Vielfalt. Lars Duppler an Piano und Fender Rhodes sorgt für melodische Soli ebenso wie im Titelstück für kratzenden Trash. Ein ausgeprägt ästhetisches Saxophon-Solo erbaut „Touch her soft lips...“. Ebenso mit Streichern und sinfonischem Touch sowie tänzerischer Leichtigkeit hat danach Dupplers Komposition „Mezzanine“ wenig mit dem gleichnamigen, düster wirkenden Hip-Hop-Klassiker der Gruppe „Massive Attack“ zu tun. Da höre ich doch lieber Eurotrash.
 

Klaus Mümpfer
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Florian Poser Vibes Trio plus Cezary Paciorek
Celestial Encounter
Acoustic Music Records Best.Nr. 319.1412.2

Die Liebe des deutschen Vibraphonisten Florian Poser zur lateinamerikanischen Musik ist seit vielen Jahren ungebrochen. Nach dem Erfolg mit „Brazilian Experience“ schien es unvermeidlich, dass jemand auf die Idee kam, Poser mit einem Akkordeonisten zu verbandeln. Verwunderlich ist es eher, dass der Vibraphonist nach eigenen Worten erst durch Christian Schröder, den Veranstalter der Konzertreihe „Jazz im Himmelreich“ zu dieser musikalischen Kombination angeregt werden musste.

Der junge, aus Danzig stammende Pole Cezary Paciorek ist zwar kein Südamerikaner, doch sein Spiel auf dem Akkordeon ist durch und durch latingetränkt. In der seltenen Kombination von Vibraphon und Akkordeon entsteht so in swingender und beschwingten Mainstream aus Jazz und Latin, der zwischen virtuosen, rasenden Läufen und sensiblen, beseelten Balladen auf den beiden Hauptinstrumenten pendelt.

Neben Poser und Paciorek sind am Bass Oliver Karstens und am Schlagzeug Thomas Hempel zu hören. In der Abmischung des Live-Mitschnitts aus Münster im März vergangenen Jahres stört mich allein das zu aufdringlich im Vordergrund stehende Schlagzeug. Da werden die kurzen nahezu perfekten Unisono- und mehrstimmigen Passagen von Akkordeon und Vibraphon zu leicht dominiert. Reiner Wohlklang ist das sanfte und getragene Titelstück am Ende des Konzertes – ein Duett, das eines Himmelreichs würdig ist.
 

Klaus Mümpfer
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Fraucontrabass
Saal 3
Klangraum KRR 046

Duos sind mit ihrer sensiblen Kommunikation besonders anfällig für jeglich Form des musikalischen Missverständnisses. Es bedarf also besonderer Einfühlsamkeit, um bestehen zu können. Eine weibliche Stimme und ein männlicher Kontrabass (so die Promotion) verdienen in dieser Kombination wegen ihrer Alleinstellung besondere Aufmerksamkeit. Das Duo „Frau Contra Bass“ hat diese Beachtung verdient.

Katharina Debus und Hanns Höhn durchforsten die Songwelt des Jazz, Soul und Pop und interpretieren die Kompositionen in neuer, mit Überraschungen durchsetzter Form. Virtuos moduliert die Sängerin ihre helle und klare Kopfstimme. Sie setzt sie instrumental ein wie in „Too high“ oder mit sanftem Balladenton wie im nachfolgenden „Shake off“. Sie kann aber auch „schmutzig rau“ wie in „Joker“ intonieren oder gar näselnd sirren. Hanns Höhn ist ihr in all diesen Experimenten ein einfühlsamer Duo-Partner, der seinen Bass mal swingend gradlinig marschieren lässt oder mit sparsamen Akkorden wie in „Take me home“ sowie mit harmonischen Wendungen und Verzierungen die Melodielinien variiert. Die Intro zu „As if you read my mind“ steht für dieses Können ebenso wie das Solo in „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ – ein Lied, das dank der Emotionalität und Ausdruckskraft der Sängerin hervorzuheben ist . Das Duo bringt, wie Höhn zu Recht sagt, die anderen Seiten der Songs zum Funkeln.
 

Klaus Mümpfer
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the norwegian wind ensemble (Leitung: Maria Schneider, Solist: Arve Henriksen)
Sketches of Spain / one night at he opera
Norwind records 2009 (DVD)


Im ersten Moment mag es verwegen anmuten, sich als Trompeter der „Sketches of Spain“ anzunehmen, da jeder Jazzfan die Aufnahme mit Miles Davis und dem Orchester von Gil Evans von 1959/1960 für immer im Ohr hat. Doch es verbietet sich, Miles Davis mit dem 1968 geborenen Trompeter Arve Henriksen zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind die Personalstile. Zudem haben sich Zeit und Musikauffassung fortentwickelt. Henriksen bläst seine Soli brüchiger, zärtlicher, heiserer, ja emotionaler als der legendäre coole Miles. Im direkten Vergleich spricht mich die Interpretation des Norwegers stärker an.
Die zweifache Grammy-Gewinnerin Maria Schneider leitet „the norwegian wind ensemble“, eigentlich ein Klassik-Orchester mit vorzüglichen Edvard-Grieg-Einspielungen, mit sicherer Hand und lässt ihm so weit die Zügel, dass es den höchst komplizierten und dennoch fließenden Evans-Arrangements neue Facetten hinzufügen kann. Wie Henriksen, unter anderem Mitglied der international renommierten Gruppe Supersilent, Erfahrungen im freien Spiel und der Avantgarde sammelte, arbeitete das Norwegian Wind Ensemble bereits mit Jazzern wie Bobby McFerrin und Nils Landgren zusammen.

Der DVD-Mitschnitt vom Konzert anlässlich des Jazzfestivals in Oslo ist aufnahmetechnisch akustisch im Multistereo-Sound einwandfrei, stößt aber bei der Kameraführung an Grenzen, wenn ein Solist so stark vor dem Orchester hervorgehoben werden muss. Kurzweiliger ist sie bei der fünfminütigen Spontan-Improvisation Arve Henriksens, bei der die kreative Potenz dieses Musikers übrigens stärker noch als bei den vorhergehenden „Sketches“ zu faszinieren vermag. Ergänzt wird diese uneingeschränkt empfehlenswerte Aufzeichnung durch ein Interview mit Maria Schneider vom 13. April 2008 in New Nork, in dem sie unter anderem erzählt, wie sie von dem Gesang der Vögel im Central Park inspiriert wird.

 

Klaus Mümpfer
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Phoenix Foundation & Lars Reichow:
„Lachst Du noch oder swingst Du schon“
Kontakt und Bestellung: www.larsreichow.de, www.phoenixfoundation.de

Der Big Band Sound ist kompakt und rund, der Bläsersatz druckvoll und zupackend, die Rhythmusgruppe legt ein swingendes und stützendes Fundament. Wer „Funky Sea, Funky Dew“, „High Maintenance“, „Ellingtons „C-Jam Blues“ oder gar Parkers „Au Privave“ hört, wird nicht vermuten, dass da ein Jugendjazzorchester spielt. Die „Phoenix Foundation“ hat unter der Leitung des Komponisten, Arrangeurs und Trompeters Frank Reichert einen Reifegrad erreicht, der Bewunderung abfordert.
Auf der neuen CD, die das Jugendjazzorchester Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem „Klaviator“ unter dem Titel „Lachst Du noch oder swingst Du schon“ eingespielt hat, lässt die rhetorische Frage des Pianisten und Kabarettisten Lars Reichow nur eine Antwort zu: Beides ist in dieser Kombination selbstverständlich. Coole und lässige Unterhaltung verspricht der Covertext dieses Live-Mitschnitts aus Mainz völlig zu Recht.
Die Zwischenmoderationen Reichows sind gespickt mit hintergründiger Ironie. Die Mitglieder der Bigband bestechen mit ausgereiften und technisch tadellosen Soli. Das gilt für die High-Note-Ausflüge der Trompeter ebenso wie für die groovenden Läufe der Bassisten und Gitarristen – oder das Piano-Solo in Parkers „Privave“. Die routinierte Satzarbeit lässt keine Mängel im „time“-Spiel erkennen. Es ist wohl auch der Spielfreude zu verdanken, dass die komplexen und teils schwierigen Arrangements so leicht klingen. Mit seinem optimistischen Vokalstück „Glücklich in Deutschland“ aus der eigenen Feder beschließt Lars Reichow diese uneingeschränkt empfehlenswerte Einspielung.

 

Klaus Mümpfer
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Ron Carter
Jazz & Bossa
Blue Note Records 50999-2-28104-27

Mit 71 Jahren blickt auch ein Jazz-Gigant offensichtlich gerne zurück. Nachdem der Bassist Ron Carter seinen früheren Bandleader Miles Davis mit einem auserwählten Programm und einer glanzvollen Tournee gewürdigt hat, ist Carter im Sommer 2009 mit einem Rückblick auf seine Zusammenarbeit mit Antonio Carlos Jobim und einem Bossa-Nova-Repertoire auf Reisen. Vorab hat der Senior am Kontrabass eine CD „Jazz & Bossa“ eingespielt, auf der er alte Bekannte versammelt. Mit von der Partie sind neben dem in vielen Stücken klangdominanten Tenorsaxophonisten Javon Jackson, dem Perkussionisten Rolando Morales-Matos und dem Pianisten Stephen Scott der famose Drummer Portinho und der virtuose brasilianische Gitarrist Guilherme Monteiro.
Unbeschwert und virtuos swingt das Ensemble in den tänzerischen Latin-Rhythmen, belebt Klassiker wie Jobims „Chega de saudade“ und „Wave“, aber auch frühere Kompositionen Carters wie „De Samba“ und „Ah Rio“ mit neuem Feuer.

Hinzu kommt eine Besonderheit, die das Album aus der Reihe von Bossa Nova-Einspielungen zum 50. Jahrestag des Durchbruchs dieser Musik hervorhebt: Es sei das Konzept dieser CD, von einer größeren Gruppe und einem vollen Sound – des Sextetts in „Salt Song“ zu immer kleineren Besetzungen zu kommen, um schließlich mit einem Solo-Spiel des Gitarristen Monteiro in „Saudade“ zu enden, schreibt Carter im Booklet. In diesem Reigen genießt der Hörer faszinierenden Dialoge zwischen dem Bassisten und dem Gitarristen, Ruf-Antwort-Spiele von Jackson und Scott sowie beseelte Ausflüge Carters auf den Saiten seines singenden Kontrabasses.

Die CD „Jazz & Bossa“ ist eine Preziose der zeitlosen und ästhetischen Verbindung von brasilianischer Folklore und inzwischen klassischem Jazz - ein wahrer Hörgenuss.
 

Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling Trio
Cruisen
Jazz`n`Arts / Soulfood JnA 4109

Eigentlich ist es müßig, über den Trompeter Thomas Siffling und seine Musik viele Worte zu verlieren. Sein warmer, melodiöser und beseelter Ton prägt die Interaktionen des bewährten Trios mit dem Bassisten Jens Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller auch dann, wenn er den Partnern viel Freiraum lässt. Ein Genuss sind unter anderem die harmonisch erfindungsreichen Bass-Soli. Auf seinem zweiten Konzeptalbum mit dem Titel „Cruisen“ hat Siffling zusätzlich Xaver Fischer mit seiner Wurlitzer und die Sängerin Veronica Harcsa eingeladen. Im Titelstück verstärkt das Wurlitzer Keyboard mit perlenden Klängen den relaxten Sound, der die gesamte Einspielung prägt. Und „One hand clapping“ verrät deutlich, wie stark der frühe Miles Davis den jungen Trompeter aus der Rhein-Neckar-Region beeinflusst hat.
„Cruisen“ wird erneut als Konzeptalbum angepriesen. Im Booklet empfiehlt der bekennende Sportwagen-Fan Siffling neun romantische und gourmet-gerechte Autorouten in Deutschland und den europäischen Nachbarländen. Wenn auch musikalisch das Konzept etwas bemüht erscheint, so kann man sich durchaus vorstellen, bei dieser loungigen und groovenden Musik, die dem Pop nahesteht, ohne jedoch die Jazz-Wurzeln außer Acht zu lassen, im offenen Cabrio die Routen abzufahren. So entspannend fließen die Klänge dahin. Die dunkle und erotische Stimme der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa steht dabei in reizvollem Kontrast zu den meist hellen und transparenten Trompetentönen des Bandleaders. Siffling ist es auch mit diesem Album gelungen, leicht verdauliche und marktorientierte Musik zu machen, ohne am hohen künstlerischen Niveau Abstriche zuzulassen


 

Klaus Mümpfer
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S:U:M
f-l-o-w
Vertrieb: allofjazz.com

Die einleitenden, zugespielten 17 Sekunden „Switch on the Coffee-Machine“ sind eher ein Gag als ein musikalischer Beitrag dieser im Mainstream schwimmenden Mixtur aus Jazz, Pop, Rock und Lounge-Sounds. Die Musik ist gefällig und fließt – wenn auch über einige wirbelnde Stromschnellen. Pianist und Produzent Sigi Dresen zeigt sich versiert in meditativen Single-Notes ebenso wie in sperrigen Akkordläufen etwa in „Mysteriums-Abteilung“, Bassist Arnd Geisen reißt die Saiten knochentrocken und spielt den E-Bass flink in melodischen Läufen wie eine Gitarre, während Niels-Henrik Heinsohn das Drum-Set pulsieren lässt. Die Stücke leben von dynamisch gestuften Spannungsbögen mit magisch wirkenden Ostinati, von gefühlvollen, anheimelnden Passagen wie in „Feel“. „f-l-o-w“ ist alles in allem eine Einspielung, die keine Überraschungen bereit hält, wobei Dresens Kompositionen „Glowing Cave“ und „Circles“ stärker in der Tradition verwurzelt sind als die Bearbeitungen fremder Stück. Dennoch vermögen sie dank der interpretatorischen Kreativität der Musiker alle mitzureißen, werden in den Soli ebenso wie im sicheren und sensiblen Zusammenspiel dreier gleichberechtigter Partner dem Anspruch der „Triokratie“ gerecht.


 

Klaus Mümpfer
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Chet Baker / Wolfgang Lackerschmid
Artists Favor
Hipjazz 004

Wie unaufgeregt spannend Jazz auch nach gut drei Jahrzehnten klingen kann, belegen die Aufnahmen aus der Zusammenarbeit des damals 50 und fast 60-jährigen Trompeters Chet Baker mit dem beim ersten Treffen noch jungen, gerade mal 23-jährigen, deutschen Vibraphonisten Wolfgang Lackerschmid. Die Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1979 und 1987 dokumentieren eine musikalische Seelenverwandtschaft der so ungleichen Musiker. Auf der einen Seite der typische fragile lyrisch-melancholische Ton des Trompetenspiels, auf der anderen der filigrane, gläserne und transparente Klang des Vibraphons. So entsteht eine Musik von zeitloser Ästhetik, relaxed, beseelt und stimmungsvoll. Sie vereint intellektuelle Logik und emotionale Tiefe.
Wie groß Vertrauen und Respekt des Älteren in die Interaktionen des Jüngeren waren, belegt die Auswahl der Kompositionen, die bis auf zwei – darunter natürlich eine Version von „Softly, as in the morning sunrise“ – aus der Feder Lackerschmids stammen, „Dessert“ ist sogar eine Gemeinschaftsarbeit von Baker und Lackerschmid.
Bei den Aufnahmen vom August 1987 sind neben anderen auch die Bassisten Günter Lenz und Rocky Knauer, bei einer Einspielung von 1979 der Gitarrist Larry Coryell, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Tony Williams zu hören. Die weiteren Aufnahmen aus diesem Jahr bestreiten der Trompeter und der Vibraphonist in leisen und traumhaft schönen, melodischen Duos, die die Seele einspinnen. „You don´t know what love is“ war eine spontane Aktion für den Soundcheck und erschien den Musikern so gelungen, dass es für die Veröffentlichung behalten wurde. Es waren, so Lackerschmid, die ersten Noten, die die beiden Musiker zusammen spielten. Ein Glück, dass es nicht dabei diesem Versuch geblieben ist.

 

Klaus Mümpfer
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Meric Yurdatapan
The Great Turkish Songbook
housemaster records LC 05699

Meric Yurdatapan, die bereits mit der Gruppe Mericimsi türkische Musik und Jazz auf originelle Weise verknüpfte, ist konsequent einen Schritt weiter gegangen: Auf ihrem zweiten Album interpretiert sie seelenvoll und inspiriert die klassische türkische Musik, die auf alte osmanische Hofmusik zurückgeht und verleiht ihr mit jazzigem Akkordgefüge sowie Rhythmik Tiefe und Fülle, die die Lieder von der Einstimmigkeit der osmanischen Kunstmusik befreien. So umranken sich der typische, etwas schwermütig wirkende Gesang mit seinen koloraturähnlichen, melismatischen Passagen und den wie Schleiftöne wirkenden Minimalintervallen in der orientalischen Tonleiter sowie die jazzige Instrumentalisierung mit einem perlenden Piano von Ulrich Bareiss, den fesselnden, harmonisch reizvollen Basslinien von Florian Werther und dem swingenden Schlagzeug von Axel Pape. Dass in der osmanischen Klassik unter anderem neben arabischen auch jüdische Einflüsse verarbeitet wurden, belegt die Komposition „Ben gamli hazan“. Viele der traditionellen und zu neuem Leben erweckten Kompositionen sind bittersüße oder sehnsuchtsvolle Lieder von der Liebe zu Personen oder etwa zu dem Istanbuler Stadtteil Kalamis. (Alle Liedtexte sind im Begleitheft im türkische und englischer Sprache nachzulesen.)

„The Great Turkish Songbook“, so der Titel der neuen CD, ist für die in Wiesbaden lebende und in Istanbul aufgewachsene Türkin eine Zeitreise in ihre Jugend, in der sie den Gesängen ihrer Großmütter lauschen durfte. Diese Musik sei, wie Meric Yurdapan sagt, „die Heimat meines Herzens“. Das hört man jedem Wort, jeder Silbe, an, die sie mit klarer und ausdrucksreicher Kopfstimme vorträgt. Dass die Sängerin die komplizierten Strukturen der Melodiebildung „makam“ und komplexer Rhythmik „usul“ vereinfacht, macht die Musik trotz der exotischen Klangfarben und Stimmungen für das westliche Ohr eingängig. Türkische Vokal-Klassik und Instrumental-Jazz verbinden sich auf faszinierende Weise, ohne dass eine der Seiten ihren Charakter aufgeben muss.

The Great Turkish Songbook“ ist kein World-Jazz im herkömmlichen Sinn, sondern eine völlig eigenständige Musikausprägung, die von Mal zu Mal mehr gefangen nimmt.
 

Klaus Mümpfer
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Ditzner Lömsch Duo
Schwoine
fixcel records 001

Lehmann + Ditzner
Klingeltöne
fixcel records 000

Eigentlich fängt es ganz harmlos an: Ein fein swingendes kleines Schlagzeug, eine melodisch klingende Klarinette – so richtig anheimelnd, auch wenn das Instrument zwischendurch leicht überblasen wird. „Up from the skies“, jene Nummer von Jimi Hendrix, eröffnet die CD „Schwoine“ des Duos Erwin Ditzner und Bernd Lömsch Lehmann. Ein sanfter Ausklang.

Doch anschließend geht es zur Sache. Das Saxophon attackiert, das Schlagzeug setzt akzentuiert den Beat. „Die Maske“ so auch der Titel, wird gelüftet. Lömsch Lehmann lässt das Instrument aufschreien, während der Rhythmus noch stupend durchläuft. In „Nguruwe“ ist die Maske dann endgültig gefallen. Der Saxophonist malträtiert das Bariton, gurgelt, kreischt, stöhnt, schnattert und seufzt in aggressiven Stakkatoläufen. Ditzner setzt mit einem pulsierenden Drumspiel die Basis, auf der Lehmann sich in Free-Explosionen austobt – paradoxerweise kontrolliert und strukturiert – so wie man es etwa von Peter Brötzmann kennt. Freier-Jazz ja – reiner Free-Jazz wie ihn Musiker in den 60er Jahren mit der Negierung aller harmonischer und rhythmischer Bindungen gemeint haben, ist dies dennoch nicht.

Die Musik des Duos ist auf faszinierende Weise doppelbödig: Treibender Groove und raffinierte Melodiebearbeitungen wie in „In A Gadda Da Vida“ oder „Leon P.“ sind Belege für einen souveränen Umgang mit der freien Improvisation und deren Einbindung in ein dialektisch geformtes Konzept der dreifachen Aufhebung: Aufheben im Sinn der Auflösung überholter Bindungen bei gleichzeitigem Bewahren von Bewährten und Aufheben des so Gewonnen auf eine neue künstlerische Ebene.

Noch ausgeprägter ist dieses Konzept auf der CD „Klingeltöne“ mit seinen erbaulichen und skurrilen Kurzmusikstücken. Nur jeweils wenige Takte lang schnattern Saxophon und Klarinette, rhythmisiert Ditzner die unterschiedlichsten Percussionsinstrumente. Zitate zwischen Neuem – ob der Hörer der Empfehlung folgt und mit diesen Improvisationskürzeln als Klingeltöne auf dem Handy die Welt beglückt, darf bei allem Witz und Reiz dennoch bezweifelt werden.
 

Klaus Mümpfer
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Community
What´s your dream
Trion, LC 06878

Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Ökonomie. Er setzt selbst in schnellen kruzen Stakkatoläufen auf dem Flügel keinen Ton zu viel, ist immer ein nachdenklicher Spieler gewesen. Auch in dem neuen Quartett „Community“ pflegt er diese Tugend. Ob im Duo mir dem mal sensiblen, mal expressiven Trompeter Valentin Garvie (er bläst in Degens „Suite“ die im Jazz selten eingesetzte hohe Bachtrompete) oder mit dem harmonisch wendungsreichen und nie um Einfälle verlegenen Bassisten Ralf Cetto, mit seinen locker perlenden Klaviereinlassungen drängt sich Degen nie in den Vordergrund. In seiner Suite überschreitet der Pianist im Zwiegespräch mit dem pulsierenden Schlagzeuger Uli Schiffelholz (auch im absschließenden „Upstart 2“ die Grenze zu rhythmisch und harmonisch freieren Jazzläufen, um im anschließenden „Herbstwind“ nach einer eher lyrischen Passage vehement drivend mit Garvie zu swingen. „Universal Language“ wiederum belegt, dass Degen und Garvie im Bebop verwurzelt sind und Cetto zupft nach seinen begleitenden walking-Bass-Linien eines jener melodischen Soli, die von ästhetischem Feingefühl zeugen. Ähnlich melodische Ambitionen beweist Uli Schiffelholz beim Titel gebenden „What´s your Dream“ in einem Solo mit einem sorgfältig abgestimmten Drumset, bevor die Komposition mit einem sanft verwehenden Trompetenspiel ausklingt. Die CD des Quartetts mit dem älteren Bob Degen und seinen jungen Mitmusikern wird dem Gruppennamen gerecht. Dies ist eine Einheit gleichberechtigter Partner, famos aufeinander eingestimmt, jeder mit eigener Persönlichkeit und dennoch in kollektiven Spirit aufgehend. Die Musik bewegt sich zwischen Bebop bis Free, über das spanisch-inspirierte „Eso es“ in pulsierender Rhythmik bis zu sanfte Balladen wie „Für E.S.“ und fesselt vom ersten bis zum letzten Ton.

Klaus Mümpfer
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Annedore Wienert / Peter Wegele
Necessarily Two
Fluxx, LC10214

Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt interpretiert auch die Oboistin Annedore Weinert die Wegele-Komposition „Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue Klangfarben ins Spiel.

Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen, manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn. Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante Klangfarben.

Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet. „Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche. Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes Hörerlebnis.

Klaus Mümpfer
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Charles Davis & Captured Moments
Pathways
TSEE 408-0025

Die Flöte flirrt in „Blues for Saliba“, das der australische und am Bodensee lebende Flötist Charles Davis dem libanesischen Maler Saliba Douaihy gewidmet hat. Mal überblasen, mal in einem langen Lauf geradeaus voraneilend, treibt Davis den straight marschierenden Kontrabass, auf dem Steffen Hollenweger zwischendurch ein kurzes und harmonisch ausgefeiltes Solo vorlegt, sowie die perlenden Linien der Gitarre von Sven Götz in diesem Up-Tempo-Stück voran. Gleich darauf greift Davis zur Kontrabassflöte, ein Instrument, das eher percussiv, denn als Melodieinstrument eingesetzt wird, um mit überblasenen Harmonien, pfeifenden Lauten und Schleiftönen sowie in grummelndem Bass in „Flendrix“ dem Gitarristen Jimi Hendrix die Ehre zu erweisen. Im Allgemeinen jedoch herrscht auf der CD „Pathways“ kammermusikalische und getragene Stimmung vor – sanfte Lyrik und melodische Verspieltheit.

Charles Davis´ Vorliebe für indische Klassik sowie Balkan-Folklore ist in den Einspielungen der Gruppe „Enchala“ ebenso unüberhörbar und bestimmend wie in dieser neuen Aufnahme seines Trios „Captured Moments“. „Almost a Raga“ steht für die eine Ausrichtung, „Balkan Dance“ für die andere.  Die Flötentöne verschmelzen mit der Gitarre, auf der Götz die in „El Sheik“ Flamenco-Adaptionen mit arabischen Einflüssen anreichert. Davis bläst die Flöten zwar meist in ruhigen und langgezogenen Melodiebögen, setzt die Instrumente aber auch oftmals percussiv akzentuierend ein. Das Fundament liefert mit einer fast zu starken Zurückhaltung der Bass.
Das Spiel des Flötisten ist ebenso unverwechselbar wie seine Kompositionen, die trotz der musikalischen Kontinuität über viele Jahre hinweg, immer wieder gefangen nehmen.

 

Klaus Mümpfer
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Andreas Hertel Quintett
My Kind of Beauty
Klangraum Records KRR 036

Andreas Hertel ist kein Revolutionär., doch man sollte seine konventionell anmutenden Kompositionen nicht unterschätzen. Beim genaueren Hinhören entdeckt der Zuhörer geschickt verarbeitete Erfahrungen des freien Spiels, die vor allem in den Soli und Tutti mit dem Bläser Steffen Weber am Saxophon und in den attackierenden Bop-Läufen des Trompeters Heiko Hubmann, aber auch in n Kollktiven wie in „Hallo Kind“ mitklingen. Zudem gelingt es dem Komponisten und den Musikern im Unisono- sowie im mehrstimmigen Spiel reizvolle Klangfarben zu zaubern, beeindruckend etwa in „Wellen“. Die Stücke pendeln zwischen Straight-Ahead-Up-Tempo und verspielten, langsamen Balladen- so dem Jazzwalzer „Snow Day“. Ein beseeltes Duo zwischen sparsamen Pianoeinwürfen und dem harmonisch reizvollen Solo des Bassisten Florian Werther wird abgelöst durch ein klangfarblich ansprechendes Solo des Saxophonisten Weber, der dann in ein einander umspielendes Duo mit Hubmann eintritt. Axel Pape liefert zu all diesen Stücken eine unaufdringliche, aber stützende Percussionsbasis. So klingt moderner und zugleich zeitloser Jazz mit Aussagekraft und Tiefgang.
 

Klaus Mümpfer
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Jürgen Wölfer
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
Hannibal Verlag 2008
ISBN 978-3-85445-274-4

Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ ist ein wahrhaft gewichtiges Werke. Es enthält auf einer nicht angegebenen Seitenzahl immerhin 1 675 Einträge von Michael Abene bis Walter Zwingemann, auch wenn das Versprechen des Verlages, alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute zu nennen, nicht eingehalten werden kann. So fehlen — um nur zwei Beispiele zu nennen - der aus Mainz kommende und mit dem Henessey-Jazzpreis ausgezeichnete Bassist Christian von Kaphengst oder der Mannheimer Jazzpreisträger Steffen Weber, dafür werden recht neue Stars wie der Trompeter Nils Wülker oder eher regional bekannte Jazztalente wie der Posaunist Christoph Thewes vorgestellt. Die Zahl der professionellen Musiker und Musikerinnen ist in den zurückliegenden Jahrzehnten beträchtlich angewachsen — gefördert durch die Einrichtung von Jazz-Studiengängen oder Hochschulen, so dass es in der Tat unmöglich ist, alle Jazzer und mit der Jazzszene befassten Personen in Deutschland nennen zu.

Autor Jürgen Wölfer, der seit mehr als 20 Jahren in der Schallplattenbranche arbeitet hat eine immense Fleißarbeit geleistet. Er ist bescheidener als der Verlag, wenn er von einem Versuch spricht, den Jazz in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart in Lexikonform darzustellen. Dabei hat er gerade bei der sorgfältigen Bearbeitung der Jazzmusik in der früheren DDR zahlreiche Lücken geschlossen.

Da es um die Darstellung dieser Musik in Deutschland und nicht um deutsche Jazzer geht, haben eine Reihe ausländischer Musiker , die zeitweise oder für immer in Deutschland spielten, Aufnahme in das Werk gefunden. An erster Stelle sind der Saxophonist Charlie Mariano, der Pianist Mal Waldron oder der Posaunist Eje Thelin zu nennen. Ebenfalls im lexikalischen Teil führt Wölfer Plattenfirmen, Einrichtungen wie das Darmstädter Jazz-Institut und dessen Leiter Wolfram Knauer, Jazz-Kritiker und Autoren, Jazzfestivals wie das Berliner Jazzfest sowie Veranstaltungsreihen wie „Jazz at the Philharmonic“ (JatP) auf.

Im Anhang ist eine chronologische Diskografie der Jazz-Einspielungen des Labels Amiga von 1947 bis 1991 zu finden.

Die 29,90 Euro für diese umfangreiche Fundgrube für Sammler und Historiker sind gut angelegtes Geld. Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ aus dem Hannibal-Verlag sollte jeder Fan in seinem Bücherschrank stehen haben.


 

Klaus Mümpfer
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Caroline Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches
Phonector LC 13752

So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt, leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.

Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD „Jazzscetches“ – verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso zuhause fühlt wie bei Gershwin und Jarrett.

In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden, manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die „Jazzscetches“ tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im positiven Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos unter
www.caroline-wegener.de


 

Klaus Mümpfer
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Steffen Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff
Laika Records 3510239.2

„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt seinen Zweck.

Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers stammen.

Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr. Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape, überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.

Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel, Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag, der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in „Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.

 

Klaus Mümpfer
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Hops, Radtke, Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche
Radau Records 071125

Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich: carteblanche@freenet.de

Diese CD ist ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit gleichstellen darf. „Carte Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen Carsten Radtke, dem Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und Klarinettisten Christoph Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard Schilde sowie dem Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die Einspielung. Dabei swingt das Quintett mal im modernen Mainstream, pulsiert später im radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der zeitgenössischen E-Musik. Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme aus der Feder Schneiders, bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen auf, klingen teils melodisch und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch schwebend, können aber auch durch anarchische Kollektive erregen. Klangfärbend ist die zumeist die Gitarre, bei deren Spiel die Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in Erstaunen setzt – ganz gleich, ob er perlende Läufe oder suchende Single-Note-Kürzel zupft, akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow Klangflächen ausbreitet. Vom Free-Geschnatter auf Saxophon und Klarinette bis zu singbaren Linien reicht die Ausdrucksmöglichkeit Reiserers, wie auch Schilde auf den Tasteninstrumenten mit Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen oder wie im Opener mit einer hintergründigen elektronischen Soundfläche besticht. Peter Hops kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene. Nahezu klassisch ist ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er flexibel, aber Akzente setzend die rhythmische Basis oder lässt sein Percussions-Set in den freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten entdecken.

 

Klaus Mümpfer
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Jazz Reviews
 

Hier finden Sie CD-Besprechungen und weitere Reviews die mit Jazz zu tun haben.
 

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Die aktuelle Lieblingsplatte
des Webmasters:



Various: Wavelength Infinity
A Sun Ra Tribute
Rastascan Records

 

 

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Neuerscheinungen (auch hier nicht aufgeführte) stellt der Webmaster regelmäßig im Freien Radio Rhein-Neckar, bermuda funk, bei Jazzology vor.



 

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Jazzfestival Saalfelden 2010