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Alexandra Lehmler
No Blah Blah
Jazz´n´Arts, JnA 5712
www.alexandralehmler.de
„Schleierwolken“ nennt Alexandra Lehmler die abschließende Komposition
ihrer neuen CD „No Blah Blah“. Sie wird hoffentlich dem Kritiker kein
Blah-Blah vorwerfen, wenn er diesen Titel bei der Musik der Saxofonistin
assoziiert. Es liegt nämlich nicht allein am Einsatz des Sopransaxofons an
der Stelle des gewohnten Alt, dass das Spiel der Mannheimerin und ihrer
Mitmusiker insgesamt klar und schwebend, in weiten Linien cantabel und
melodisch klingt. So wie die transparenten und feinen Schleierwolken am
Sommerhimmel. Auch wenn sie mal zum Baritonsaxofon greift, bleibt die
Grundstimmung – so auch im zunächst getragenen „Opener“ mit seinem
expressiven gestrichenen Bass - bei aller Melancholie heiter und
optimistisch. „Vicious Circle“ wiederum bildet mit dem harmonisch
fantasievollen, teilweise gestrichenen Kontrabass, den sonoren
Akkordgriffen von Daniel Prandl auf dem Piano und dem grundierenden
Posaunenteppich sowie Solo von Michael Flury einen reizvollen Kontrast zu
den überwiegend hell timbrierten übrigen Kompositionen.
Oftmals klingen die Kompositionen verspielt und romantisch, besonders wenn
Bruno Böhmer im genannten „“Schleierwolken“ zu liedhaften Läufen und
zarten Bassverzierungen die Notenlinien aus dem Piano perlen lässt. Sie
bewegen sich aber auch pulsierend am Rand des freien Spiels wie in „Nach
der Rodung“. Alexandra Lehmler ist den Weg zu einem eigenen Personalstil
konsequent fortgeschritten und legt mit der neuen CD ein kleines Kunstwerk
mit vielen gelungenen und mitreißenden Klangfarbenspielen vor.
Das beginnt schon mit der Eröffnung „Feeling round“, das mit Ostinati auf
Saxofon und Piano sowie treibend mit Percussion voranschreitet -
energetisch und kraftvoll sowie zugleich beschwingt und tänzerisch. Auch
wenn die Saxofonistin auf dem Cover einen roten Monteursanzug trägt und
die Promotion von männlichen Attributen schreibt, so ist die Musik dank
der bestimmenden Leaderin und Komponistin vor allem typisch weiblich. Zum
Glück hat die Saxofonistin auf ihrem Weg acht sensible männliche Begleiter
– darunter den in „Felina by night“ brillierenden Gitarristen Frank Möbus
– gefunden, die ihr diesen unverkennbaren Sound ermöglichen.
Klaus Mümpfer
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Manfed Bründl Silentbass
Tip of the tongue
Laika Records, LC 07577
Für den „Jazz-Papst“Joachim Ernst Berendt war Peter Trunk „der beste
Bassist des deutschen Jazz. Das blieb er ein Leben lang.“ 1974, ein Jahr
nach dem Unfalltod des Bassisten gedachten Harry Miller, Buschi Niebergall,
Peter Kowald und Ali Haurand mit einem Bass-Workshop des Kollegen und
Musikers, der älteren Jazz-Fans als Mitglied legendären Albert
Mangelsdorff-Quintetts für ewig im Ohr bleibt. Jetzt hat Manfred Bründl,
selbst ein stilbildender Bassist am emanzipierten Instrument, mit einer CD
dem früh verstorbenen Kollegen seine Referenz mit hörbarem Respekt und
Verehrung erwiesen.

Peter Trunk, Photo: Klaus Mümpfer
„Tip of the tongue“ ist mehr als nur eine Widmung. Bründl hat, so schreibt
er im Booklet, viele Zitate aus dem Spiel Trunks übernommen und in seine
eigenen Kompositionen eingebaut. Er entdeckte die Musik des Bassisten aus
den 60er Jahren neu. Er übertrug ihre Stimmungen und Intentionen in eine
zeitgemäße Form, die in Erinnerung an die Frühzeit des deutschen Free-Jazz
zwischen 1964 und 1970 logisch und konsequent erscheint.
Hugo Read spielt ein äußerst expressives und emotionales, manchmal sogar
singendes Altsaxofon, Rainer Böhm pendelt am Piano zwischen perlenden
Läufen und freiem Tasten-Spiel und Jonas Burgwinkel lässt sein Schlagzeug
treibend pulsieren. Zusammengehalten werden die teils eruptiven, teils
melancholisch ruhigen Kompositionen durch den hintergründig stützenden
Bass Bründls, der dann in seinen Soli mit reizvollen Harmoniefolgen und
melodiösen Linien eine ganz eigene Ästhetik pflegt.
Sincerely S.T.“ widmet Bründl Stella Banks, die – wie ihr Bruder Patrick
Pitelli in einem ergreifende Brief an Manfred Bründl schreibt – nie über
den Tod von Peter Trunk hinweggekommen ist. Die Komposition geht auf
Trunks „“Sincerely P.T.“ zurück.
Die CD mit der gelungenen Balance von Tradition und Free wäre bei Peter
Trunk sicher auf große Gegenliebe und der Bassist Manfred Bründl auf
ebenso große Anerkennung gestoßen.
Klaus Mümpfer
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Host Jankowski Quartett
Swinging Explosion
HGBS 20020 LP
Mit einer eher harmlos beschwingten Schwarzwaldfahrt katapultierte sich
der Pianist, Komponist und Bandleader Horst Jankowski 1965 in die
englischen und amerikanische Hitparaden. Sein „Walk in the Black Forest“
brachte ihm den Beinamen „Meister Schwarzwaldfahrt“ ein. Mit einem
technisch virtuosen Spiel auf den Tasten, sprudelnden Ideen, kreativen
Verzierungen und der frisch-frechen Art des Zitierens reihte er sich
damals in die Riege der besten europäischen Pianisten ein. Im Alter von
nur 62 Jahren ist Horst Jankowski 1998 an Krebs gestorben.
Die Schallplattenfirma MPS ist eng mit ihrer Heimat im Schwarzwald
verbunden. Da ist es nur logisch, dass der Nachfolger HGBS Musikproduktion
mit einer bislang unveröffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 1971 an den
Pianisten erinnert, der in diesem Jahr 75 geworden wäre. Die Stücke waren
1971 bei MPS eingespielt, aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen nie
veröffentlicht worden. Jetzt hat der Sohn des Firmengründers
Brunner-Schwer sie aus dem Archiv ausgegraben und mit je vier Stücken auf
die zwei Seiten einer Vinyl-Platte gepresst. „Swinging Explosion“ des
Horst Jankowski-Quartetts mit dem Gitarristen Sigi Schwab, dem Bassisten
Hans Rettenbacher und dem Schlagzeuger Lala Kovacec belegt, wie swingend,
elegant und spritzig, ja modern, Jankowski und Kollegen damals
musizierten.
So erscheint der Klassiker „How high the moon“ mit Metrenwechsel,
groovenden Pianoläufen und einem E-Bass Spiel in einem durchaus
zeitgemäßen Gewand. Nachdenklich und verspielt präsentiert Jankowski „A
gentle good bye“ und mit Blues-Touch interpretiert der Pianist die „Honeysuckle
rose“. Fernab jeglicher Showattribute, die dem Entertainer wegen seiner
Film und Fernseh-Auftritte zu Lebzeiten angekreidet wurden, präsentiert „Swinging
Explosion“ Jankowski als lupenreinen Jazzer – was bei Aufnahmen mit dem
legendären Produzenten Brunner-Schwer zu erwarten war.
Klaus Mümpfer
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Christian Broecking:
„Der Marsalis-Komplex – Studien zur Gesellschaftlichen Relevanz
des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007“
Broecking Verlag, Berlin, 216 Seiten, 49,90
Euro (ISBN 978-3-938763-32-2).
Ist der Jazz Ausdruck des Protestes, wie
Fans in Europa besonders mit dem Aufkommen des Free Jazz es so
gerne interpretieren? Ist die „schwarze Musik“ Ausdruck einer
„Black Community“, wie selbst amerikanische Kritiker oftmals
behaupten? Der Jazz-Liebhaber, Soziologe und Journalist
Christian Broecking ist dieser Frage in zahlreichen Gesprächen
mit Musikern nachgegangen. In einem Buch, das aus einer
Dissertation über „Studien zur Gesellschaftlichen Relevanz des
afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007“ an der TU Berlin
hervorgegangen ist, hat er die Antworten wissenschaftlich
ausgewertet und aufbereitet. Die Ergebnisse bergen manche
Überraschungen.
Ausgangsposition war die Auseinandersetzung
um die politische Relevanz, den gesellschaftlichen Nutzen und
die Definition des Jazz in der Kontroverse und den
Neotraditionalismus, den der Musiker Wynton Marsalis samt dessen
Familie in den 90er Jahren predigte. Broecking kommt bei seinen
Interviews und deren Auswertung zum Schluss, dass die durch
Marsalis repräsentierte gesellschaftliche und kulturelle Utopie
eines neotraditionalistischen Aufbruchs während des
Untersuchungszeitraumes nicht realisiert werden konnte.
Auf mehr als 200 Seiten stellt der Autor
nach einem einleitenden Rückblick zu den gegensätzlichen
Einschätzungen Theodor W. Adornos und Joachim Ernst Berendts
über den Freiheitsgedanken des Jazz sowie Überlegungen zur
Oppositionsrolle der Musik und der Community, 16 ausgewählte
Interviewpartner vor, deren Aussagen er in seine Untersuchung
einfließen lässt. Das Aufgebot reicht von Free-Jazz-Pionier
Ornette Coleman bis Wynton Marsalis, dem erfolgreichen
Repräsentanten der Neotradition und Organisator des in
Musikerkreisen nicht unumstrittenen Lincoln-Centers. Die
Interviews selbst sind nicht abgedruckt, so dass der Leser sich
auf die Interpretation verlassen muss, die Broecking zieht,
wobei er kurze, eingestreute Zitate zur Verfügung stellt.
Dessen ungeachtet enthalten die
Zusammenfassungen der jeweiligen Untersuchungskategorien
interessante, viele erwartete, aber auch teilweise überraschende
Aussagen. Die Interviewpartner bestätigen beispielsweise die
Marktherrschaft der Weißen in der Musikindustrie sowie andere
Rassismuserfahrungen. Der Jazz wird zwar als progressive Kraft
erlebt, von den Gesprächspartnern jedoch (mehrheitlich?) nicht
als politische Plattform begriffen. Interessant ist es vor
allem, aus der wissenschaftlichen Distanz heraus die kontroverse
Diskussion zwischen den Neotraditionalisten und den
Avantgardisten nachzuvollziehen.
Es reicht zwar, die jeweiligen
Zusammenfassungen der Fragekomplexe zu lesen, dennoch sind die
in den Kapiteln eingefügten Zitate im Detail erhellender und
verdeutlichen das heterogene Meinungsgefüge beim vorgegebenen
Thema.
Klaus Mümpfer
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Wedeli Köhler Ensemble
Hommage à Django
7 Jazz, 7J-010-2
Musikerkollegen nannten ihn respektvoll „den Meister“. Der Geiger und
Gitarrist Wedeli Köhler ist am 16. August nur wenige Wochen vor der
Veröffentlichung seiner gelungenen Einspielung „Hommage à Django“ im Alter
von 62 Jahren gestorben. Nach einer achtjährigen Pause verschafft ihm
diese CD ein würdiges Andenken und belegt, dass er einer der besten Geige
des Jazz in der Reinhardt-Tradition gewesen ist.
Wedeli Köhler schöpft aus drei Quellen: dem Swing Jazz des legendären
Django Reinhardt, wie etwa „Danube“ mit seinen schönen rhythmischen
Wechsel oder die Interpretation von „Sweet Georgia Brown“ auf der CD
belegen. Zweitens aus dem französischen Swing Valse, dem Musette, in „Waltz
für Prinzo“ und drittens der osteuropäischen Ziguener-Folklore, dem
Csardas, – besonders ausgeprägt mit Schmelz in „Ungarisch traditional 1“
und Dramatik in „Ungarisch traditional 2“. Entspannt und elegant phrasiert
der Meister, getragen und gefühlvoll in „Georgia on my mind“ oder „Out of
nowhere“, beschwingt und schnell in „I found my baby“ oder „Hungaria“.
Mitreißender Swing, lyrische Improvisation und melodische Inspiration
verbinden sich bei ihm in einem unverkennbaren Personalstil.
Mit Mano Guttenberger an der Sologitarre, seinem Sohn Sascha Reinhardt an
der Rhythmusgitarre und BrankoArnsek am Kontrabass hat Wedel Köhler für
seinen Gypsy Jazz kongeniale Partner gefunden.
„Zimto Fantasia“ präsentiert einen sensiblen Sascha Reinhardt an der
Gitarre. Aus der Reihe fällt die abschließende Trio-Aufnahme mit dem
Pianisten Benjamin Reinhard, dem Bassisten Bruno und Elamer Balogh mit dem
Hackbrett Zymbal.
Klaus Mümpfer
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 Kicks
& Sticks Voice and Kicks & Sticks Landes Jugend Jazz Orchester Hessen
„Didn´t we“
Click Records WD 2011
„Satin Doll“, die berühmte Komposition von Duke Ellington und Billy
Strayhorn mit ihrem schlichten riffartigen Thema ist seit ihrem
Entstehungsjahr 1954 sicherlich schon hunderte Mal interpretiert worden.
Dass solche Klassiker nicht unterzukriegen sind, beweisen auf ihrer CD „Didn´t
we“ die Sängerinnen Lisa Herbolzheimer, Julia Pellegrini, Stephanie
Neigel und Juliette Brousset auf erfrischende Weise. Die vier
Vokalistinnen sind Mitglieder der Kicks & Sticks Voices, die der Chef
des Hessischen Landes Jugend Jazzorchesters, Wolfgang Diefenbach, als
Ergänzung des Instrumental-Ensembles gegründet hat. Beim Anhören der
vielstimmigen Arrangements, der leidenschaftlichen und einfühlsamen
Interpretationen sowie der nahezu perfekten Zusammenarbeit von Band und
Sängern steht fest: Dies ist eine gelungene Schöpfung.
Die Kicks & Sticks, zählen gewiss zu den besten jungen Bigbands der
Republik. Die Kicks & Sticks Voices sind ihnen ebenbürtig. Da kommt
ihnen zugute, dass Darmon Meader, Kopf der New York Voices, ihnen die
Arrangements zur Verfügung gestellt hat und die hessischen Vokalisten
ihre Reifeprüfung in einem Meisterkurs der Amerikaner glänzend bestanden
haben.
Mitreißend ist schon der schmissige, scatgleiche Opener „Sing, Sing,
Sing“, leicht beschwingt die Latin-Komposition „Don´t you worry ´bout a
thing“. Ein wenig überladen wirkt die A-Capella-Interpretation „Away in
a Manger“ mit Brousset und Neigel, die in anderen Stücken stimmlich
faszinieren. Stephanie Neigel trifft in ihrem Solo des Joni
Mitchel-Songs „Blue“ mit sanften und einfühlsamen Balladenton die
Verletzlichkeit der Nummer. Mit seidenweichem und eindringlichem Ton
überzeugt Juliette Brousset in „Johnny One Note“, Cindy Weinholds reißt
mit kraftvoller Soul-Stimme und im Duo mit Christopher Klassen im
schnellen „Smack Dab in the Middle“ mit.
Kompakte und wohlklingende unisono sowie vor allem mehrstimmige
Vokalssätze werden von den Musikern des Orchesters unterstreichend
begleitet. Volumen und Kraft der Bigband runden Transparenz und
Stimmfarbigkeit des Jazzgesangs ab. Diefenbach hat sich bei der
Zusammenführung der bewährten Kicks & Sticks mit den Voices ein
Gesamtwerk geschaffen, das die Qualitäten beider Teile vereint.
Klaus Mümpfer
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Lajos Dudas & Hubert Bergmann
What’s Up Neighbor?
Jazz Sick Records 9002 JSAV
In guter Nachbarschaft
Als der Lajos Dudas (70) nach seiner eigentlichen Berufszeit im
rheinischen Neuss an den Bodensee umzog, lernte der umtriebige
Klarinettist in seiner neuen Wahlheimat Überlingen einen musikalischen
Nachbarn kennen, nämlich den Pianisten und Komponisten Hubert Bergmann
(Jahrgang 1961). Dieser ist eigentlich in der Zeitgenössischen
Konzertmusik zu Hause, hat in Frankfurt am Main jedoch auch Jazz
studiert.
Auf ihrer (in amerikanischem Englisch betitelten) CD „What’s Up Neighbor?“
improvisieren die Beiden nun über zehn Stücke hinweg zumeist in
hyperaktiver Virtuosität. Die freitonale Musik verläuft linear und ist
mit viel „drive“ versehen. Nicht nur „Bop Bee“ orientiert sich da am
rhythmisch akzentuierten Bebop. Aber man erinnert sich auch an die
Blues-Tradition („Forgotten Blues Is Like…“) und an Dudas‘ am 10. Juni
2011 verstorbenen ungarischen Landsmann György Szabados (Piano). Nur ein
Stück verbreitet etwas mehr Ruhe: „The Inner Space Of Silent“.
Die zwei Schnellspieler praktizieren ad hoc wie selbstverständlich eine
engverzahnte Interaktion, ohne sich irgendwie sklavisch zu imitieren.
Hubert Bergmann geht drängt blockakkordisch vorwärts und setzt sein
Instrument – wie Dudas – insgesamt konventionell ein, favorisiert er
doch ansonsten ein „prepared piano“. So entsteht eine freundliche
Avantgarde wie einst und jetzt bei den Brüdern Rolf und Joachim Kühn.
Man hätte sich zur größeren Abwechslung von Lajos Dudas und Hubert
Bergmann beim kommunikativen Musizieren auch Kollektivimprovisationen
mit punktuellen Strukturen und klangforschenden Sounds vorstellen
können, aber dies war eben nicht gewollt.
Hans Kumpf
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Sven Bergmann Quartett
Seasons
Wunderbar Records WJ 001
„Seasons“ von Sven Bergmann ist das Jazz-Debut von Wunderbar-Records in
Bochum. Die Musik des Quartetts um den Pianisten Bergmann ebenfalls als
wunderbar einzustufen wäre etwas übertrieben. Dennoch ist „Seasons“ ein
gefälliges und unterhaltsames sowie hörenswertes Album mit vorzüglichen
Musikern. Spielwitz und –lust bestimmen die elf Kompositionen des
Pianisten aus dem Ruhrpott.
Die Stücke fließen elegant und swingen im Hauptstrom des Jazz oder lassen
wie das rhythmisch groovende“ Simoom“ die Füße unwillkürlich mitwippen.
Tom Arthurs pendelt mit Trompete und Flügelhorn zwischen dem coolen Miles
Davis wie in „Quiet Moon“ und dem hitzigen Chuck Mangione: Er bläst aber
auch expressive Stakkati wie in dem anregendsten, weil sich dem freien
Spiel nähernden, „Cro Magnon“. Stefan Werni lässt seinen Bass zumeist
flott marschieren, zeigt in seinen Soli zudem kreative Harmonieläufe.
Schlagzeuger Bill Elgart glänzt wie üblich mit diffenzierter Dynamik etwa
in einem Solo bei „SpyGirls“ und fasziniert bei dem genannten frei
pulsierenden „Cro Magnon“ in einem reizvollen Duo mit dem Pianisten.
Quartett-Chef Bergmann swingt perlend bis groovend, antwortet sensibel in
Duos mit tastenden Single-Notes.
Die „Seasons“ bieten eine abwechslungsreiche und frische sowie vitale
Musik, die dramaturgisch geschickt zwischen Balladen und Up-Tempo-Stücken
wechselt. „Seasons“ ist ein Album, das auf einem ansprechenden
künstlerischen Niveau den modernen Mainstream kurzweilig zum Erklingen
bringt. Dem Promotion-Text zufolge soll Jasper van´t Hof beim Anhören
„restlos begeistert“ gewesen sein.
Klaus Mümpfer
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Duo Haag / Schwaller
Sun´s coming out
Contact: mail@thomas-haag.de
Der Titel „PerGuit“ ist Programm für das Duo mit dem Gitarristen Thomas
Haag und dem Percussionisten Frank Schwaller. Groovend und attackierend
treiben sich Gitarre und Schlagzeug gegenseitig an. Mit schwebenden und
flächigen Sounds assoziieren die beiden Musiker in Dark Clouds“ dräuende
Gewitter und düstere Stimmungen, die sich zum Finale in sanften Wölkchen
auflösen. Die Komposition „Sun´s coming out“ ist ebenso Programmmusik wie
die beiden vorhergehenden Titel. Dieses Mal verbindet sich in den
Klanggemälden die Schwebungen der E-Gitarre mit dem hellen Klang einer
tönernen Trommel.
Diese elektronischen Soundtüfteleien und Geräuschcollagen sind die eine
Seite im musikalischen Schaffensprozess des Duos, das in der ungewohnten
Instrumentierung einen eigenen Personalstil entwickelt hat. Die andere
Seite ist der Tradition geschuldet. Sie outet sich in ästhetischen,
filigranen Gitarrenläufen und geordneten Rhythmen mit swingendem
Latin-Touch oder wie im abschließenden „An Archtop´s tale“ mit verspielten
Lyrismen. Dennoch entsteht bei dieser facettenreichen und emotionalen
Klangreise nicht der Eindruck eines stilistischen Bruchs. Zu sehr sind die
sensiblen Interaktionen der beiden Musiker miteinander verwoben.
Sie repräsentieren lediglich zwei Seiten einer Medaille. Für die Musik
gilt, was für die Künstler zutrifft und sich in dem Titel „Side by Side“
manifestiert. Die Symbiose von Virtuosität und Kreativität lässt keine
Langeweile aufkommen – auch wenn - wie in „Horizon´s Dream“ - die
Klangwolken-Variationen und ostinaten Rhythmusfiguren eine verkürzende
Konzentration vertrügen.
Klaus Mümpfer
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Claus Boesser-Ferrari / Thomas Siffling
Duologix
Jazz ´n ´arts, JnA 5411
Das Duo verlangt im Jazz ein sensibles Aufeinandereingehen – ganz gleich
ob die beiden Künstler in der Seelenverwandtschaft übereinstimmen oder ob
sie sich musikalisch aneinander reiben möchten. Der Gitarrist Claus
Boesser-Ferrari ist ein begnadeter Solist auf seinen Gitarren. Seine
sanften und filigranen Läufe faszinieren ebenso wie seine
Sound-Experimente und Klangfarbenspiele mit Hilfe der Elektronik. Der
Trompeter Thomas Siffling ist ein Ästhet und Romantiker, der virtuos seine
Atemtechnik und die Tonbildung auf der variablen und anpassungsfähigen Hub
van Laar-Oiram-Trompete einsetzt.
Es sei ihm ein Anliegen gewesen, sich mit einem Musiker im Duo zu treffen,
um in der Auseinandersetzung einen „sehr weiten Klangkörper zu bauen“,
sagt Boesser-Ferrari. Die erste Probe sei zugleich das erste Konzert
gewesen. Wer nun das Ergebnis auf der CD „duologix“ hört, kann
nachvollziehen, dass diese Begegnung der beiden sensiblen wie vielseitigen
und eigenständigen Künstler ein Glücksfall war.
Aus bekannten Hits wie dem Beatles-Song „Come together“ oder Mongo
Santamarias „Afro Blue“ und Bill Frisells „Ghost Town entstehen ebenso wie
aus den Eigenkompositionen des Duos zumeist fragile Klangebilde aus zarten
Akkordfolgen oder melodiösen Single-Note-Läufen auf den Gitarren sowie
teils sphärischen Sounds auf der Trompete. Boesser-Ferrari reibt und
scratched die Saiten seiner Instrumente, klopft auf den Korpus, zupft
percussiv oder verfremdet die Klänge mit der Elektronik. Siffling lässt
die Trompete blubbern, fügt Hall bei, bläst sie in rasenden Stakkati bei „Afro
Blue“, haucht ins Instrument, formt impressionistisch gefärbte Melodien,
warm und rund wie in „Coming home“. In „Tired tiger“ weckt er gar
Assoziationen an den frühen Miles Davis.
„duologix“ ist ein abwechslungsreiches Album, das durch kontrastierende
und dennoch harmonisierende Spielweisen vor allem in den drei „Dialogen“
eine innere Logik erhält. Das macht diese musikalische Entdeckungsreise
spannend und zugleich entspannend.
Klaus Mümpfer
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Vein
plays Porgy & Bess
Unit Rcords UTR 4284
George Gershwin´s Porgy & Bess“ ist fest in der Geschichte des Jazz
verankert. Ob „Summertime“ oder „It ain´t necessarily so“, es gibt
ungezählte Interpretationen der Songs aus der Negeroper. Das Schweizer
Trio „Vein“ mit den Brüdern Michael Arbenz am Flügel und Florian Arbenz am
Schlagzeug sowie dem Bassisten Thomas Lähns kommt aus der Klassik und
liebt Opern. Es hat sich nun auch dem Gershwin-Werk genähert. Doch wer
Vein kennt, weiß dass das Trio die Songs keineswegs werksgetreu sondern
allenfalls werksgerecht, jedenfalls eigenwillig, umsetzt.
Schon die Ouvertüre belegt, dass die drei Musiker eine gänzlich neue
Interpretation erfunden haben. Das schlichte Wiegenlied „Summertime“ ist
kaum mehr wiederzuerkennen, denn Vein reduziert es auf seinen melodischen
und harmonischen Kern, um darauf neu aufzubauen. Die Melodie von „I got
plenty of nuttin´“ hingegen ist vom ersten Ton an vertraut. Vein zaubert
daraus einen stampfenden Boogie mit treibendem Piano und groovenden
Bassläufen, wechselt zwischendurch das Metrum und die Stimmung, um zu
einem überraschenden Schluss zu kommen.
Bassist Lähns streicht sein Instrument mal in tiefsten Lagen, mal legt er
wie in „Crab-Man“ violingleiche Free-Linien drüber. Pianist Michael Arbenz
greift zarte und suchende Single-Note-Tupfer in „I love you Porgy“ oder
explodiert in schnellen und attackierenden Läufen. Sensibel und meist
kraftvoll trommelt Florian Arbenz. In einer kurzen eigenen Solo-„Summertime“-Version
erhält er die Gelegenheit, das rhythmische Gerüst aufzudecken. Das Trio
verschmilzt in der Regel zu einem Klangkörper, in dem mal das Piano, mal
der Bass die harmonische Struktur vorgibt, ohne dass ein Instrument
dominant wirkt. So entsteht ein komplex-vertracktes, aber subtil
ausbalanciertes musikalisches Gefüge.
Ungewöhnlich ist die Up-Tempo-Version von „It ain´t necessarily so“ unter
Einbeziehung freitonaler und pulsierender Avantgarde. Insgesamt hat das
Schweizer Trio mit seiner „Porgy & Bess“-Adaption ein witzig-skurriles
Album vorgelegt, das swingend bis free, klangmalerisch und eigenständig,
von energetisch bis lyrisch die interpretatorischen Möglichkeiten des
Originals auslotet und dabei immer wieder mit Überraschungen aufwartet.
Klaus Mümpfer
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Paquito D´Rivera, Christopher Dell, WDR-Bigband
Benny Goodman revisited
Connector Records 59882-2
Der Saxofonist und in jüngerer Zeit vor allem Klarinettist Paquito
D´Rivera zitiert in seinen Erläuterungen zur CD, die er Benny Goodman
gewidmet hat, den legendären Künstler mit den Worten, dass ein gutes
Arrangieren wie ein neues Komponieren sei. Dieser Satz trifft in vollem
Umfang auf die Arrangements des Chefdirigenten der WDR-Bigband, Michael
Abene zu – wie der Hörer bereits nach der Neufassung des Klassikers „Sing,
Sing, Sing“ bestätigen wird.
Paquito D´Rivera fühlt sich seit seiner Jugend mit Benny Goodman
verbunden. Dessen Carnegie-Hall-Concert, das ihm sein VaterTito
vorspielte, beeindruckte den Knaben so nachhaltig, dass Goodman ihn nie
mehr losließ. Nun hat der inzwischen 73-jährige Musiker mit den Wurzeln in
Kuba gemeinsam mit Abene und der Kölner Bigband Kompositionen
durchforstet, die den musikalischen Weg Goodmans markiert haben und die
„nach modernen Arrangements verlangten“.
Das Ergebnis ist eine großartige Hommage an den King of Swing. Die
Arrangements treffen den Kern der Musik ohne museale Ambitionen. Der Sound
der Bigband ist unverkennbar und zeitgemäß. D´Rivera interpretiert mit der
Souveränität und Hingabe eines reifen und großartigen Solisten. Er bläst
in „Goodbye“ sowie „Memories of you“ sanft und beseelt, aber mit der
notwendigen Dynamik auch in leisen Passagen. In schnellen Stücken wie „Let´s
dance“ lässt er die Klarinette jubilieren und zupacken. Ausdrucksstark
blasen die Saxofonisten, doch Glanzpunkte setzt vor allem der Vibrafonist
Christopher Dell - wie einst Lionel Hampton bei Benny Goodman. Das
Orchester begleitet D´Rivera routiniert und gleichzeitig sensibel,
technisch virtuos und vital. Abene und seine Musiker beweisen erneut, dass
Routine nicht mit Langeweile verbunden sein muss.
„Benny Goodman revisited“ ist ebenso eine Huldigung Goodmans wie ein
Dokument der Kunst des Klarinettisten und ein Beweis für die
wohlabgewogene Zusammenarbeit eines Solisten mit einer Bigband.
Klaus Mümpfer
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Perfume e Caricias
Produced by Meeco
Connector Records 59877-1
So klingt Jazz für Verliebte und zum Träumen. Das ist Wohlklang und Labsal
für die Ohren und die Seele. „Perfume e Caricias“ des
britisch-französischen Komponisten Meeco erfüllt alle Kriterien des
Lounge-Jazz: Sanfte Klänge, Emotionalität, Romantik und Zerbrechlichkeit.
Dazu die butterweiche Stimme der brasilianischen Sängerin Eloisia, perfekt
hingehaucht und geflüstert. Sie streichelt mit den in Portugiesisch
vorgetragenen Songs die Seele der Zuhörer die in soften Sounds versinken
können. Das Cover-Foto spricht für sich.
Dass aus den Kompositionen Meecos dann doch mehr als nur kommerziell
entspannende Lounge-Music wird, ist vor allem den vorzüglichen, reifen und
erfahrenen Musikern zu verdanken. Eddie Henderson bläst leicht, sanft
schwebend und zugleich zupackend Trompete und Flügelhorn, lakonisch sowie
mit ausgebufften Akkordverschiebungen greift Kenny Barron in die Tasten,
harmonisch reizvoll zupft Buster Williams die Bass-Linien, dezent bleibt
Altsaxophonist Vincent Herring und letztlich ist noch der 86-jährige James
Moody mit der Querflöte zu hören. Dass nach meinem Geschmack die Musik
trotz dieser Künstler zu wenig für Abwechslung und Aufregung sorgt ist dem
Komponisten Meeco anzulasten.
Klaus Mümpfer
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Ali Haurand & Friends
Ballads
Konnex KCD 5272
Diese Balladen-Einspielung des Bassisten Ali Haurand und seiner Freunde
stammt bereits aus dem Jahr 2005. Dies mindert keineswegs die Aktualität
der Musik, die in Ihrer Schönheit auch heute noch auf der Höhe der Zeit
ist. Dass die Balladen in diesem Jahr neu aufgelegt werden, ist zwei
verstorbenen Mitgliedern des Freundeskreises um den quirligen Bassisten
und Bandleader zu verdanken. Haurand widmet sie dem im Juni 2009
verstorbenen grandiosen Saxofonisten Charlie Mariano, der wie kaum ein
zweiter emotional und beseelt sein Instrument singen ließ, sowie dem
Schlagzeuger Tony Levin, der in diesem März Abschied nahm.
Beide Künstler sind in verschiedenen Gruppierungen zu hören – entweder im
Quartett mit dem Saxofonisten Alan Skidmore, dem Pianisten Rob van den
Broek und Ali Haurand oder im Duo mit dem Bassisten. Weitere sensible
Balladenmeister auf dieser Scheibe sind der Saxofonist Gerd Dudek, der
Drummer Daniel Humair und der Flötist Jiri Stivin – alles Musiker, aus dem
Sammelbecken des seit drei Jahrzehnten äußerst lebendigen European Jazz
Ensembles.
„Ballads“ präsentiert eine Musik, in die man sich versenken kann (wie in
Stivins lyrischem „Mood“ oder Marianos „Crystal Bells“), die Emotionen
weckt und die der Zuhörer in seiner zugleich modernen und zeitlosen
Schönheit mit allen Sinnen genießen kann. Verspielt wirken die
Kompositionen vor allem durch die Begleitung des Pianisten und doch
intensiv packend durch die Saxofonisten. Und hinter allem steht straight
führend und zusammenhaltend der Bassist oder wie in Crystal Bells“ mit
einem virtuosen Solo. Mit der Wiederveröffentlichung von „Ballads“ ist
Haurand eine treffliche Würdigung der beiden verstorbenen Freunde
gelungen.
Klaus Mümpfer
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Lemke-Nendza-Hillmann
Tria Lingvo
Jazz Sick 5035 JS
„Tria Lingvo“ bedeutet im Esperanto „dritte Sprache“. Der Titel der neuen
CD des Trios mit Johannes Lemke an Saxofonen und Klarinette, Andre Nendza
an Dopelbass und Glockenspiel sowie Christoph Hillmann an Drums, der
tönernen Udu und dem Daumenklavier Kalimba trifft insofern, als die
Musiker ohne Harmonieinstrument auf der Suche nach einer eigenständigen
Ausdrucksweise sind und auch gefunden haben. Im Trio entstehen dichte und
sensible Interaktionen sowie ein ungewohntes Klangfarbenspiel. Dennoch
sind die Kompositionen eingängig und klingen durchaus vertraut.
Das Trio suche stets neue Inspirationen durch die Einbindung von Gästen,
heißt im Promotiontext. In diesem Fall sind es der Geiger Zoltan Lantos
und der Posaunist Mark Bassey. In der Verbindung von modernem Jazz und
ethnischer Folklore neigt sich bei Bassey die Waage eher zur Jazz-Seite,
bei Lantos dagegen zur Folklore. Ansprechende Beispiele sind zum einen „Mr
Funny Head“ in dem sich Lemkes Saxofon und die Posaune dialogisieren oder
einander umspielen und zum anderen „The Evergreenery“ und „Cancionita“, in
dem Lantos virtuos mit gezupfter und gestrichener Violine für ethnische
Klänge und Stimmungen sorgt. Nahezu zirzensisch wirkt in Passagen das
Duo-Spiel von Bassey und Lemke.
Beide Gäste erweisen sich als beseelte Gleichgesinnte und runden den Sound
des Trios ab, in dem Lemke für prägende Klangfarben und Hillmann für den
stets führenden rhythmischen Puls stehen. In „Promenade à trois“ sowie
„News from Wolverhampton“ und vor allem in Cancionita“ (mein Favorit auf
dieser CD) zupft Nendza in reizvollen Bass-Soli harmonisch ausgefeilte
Linien. Man muss sich in die Musik einhören, um die Raffinesse und
Feinheiten hinter der im ersten Eindruck erweckten Gleichförmigkeit zu
erfahren und zu genießen.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Christof Sänger
Crossings
Laika, 3510276.2
Internationale Stars des Jazz schätzen den deutschen Pianisten Christof
Sänger als technisch virtuosen und stilistisch ebenso vielseitigen wie
sensiblen Begleiter. Auf seiner neuen CD „Crossings“ stellt er seine
Fähigkeiten, Reife und Eigenständigkeit im Trio mit dem Bassisten Rudi
Engel und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling erneut unter Beweis. Zu
hören sind neben Standards wie Armstrongs „Struttin with some barbecue“,
Erroll Garners „Misty“ oder Cole Porters „Every thing I love“ eine Reihe
von Eigenkompositionen, die nicht immer voll überzeugen, aber durch die
Interpretationen des Trios gefallen. Sängers perlendes, zupackendes und
Time sicheres Spiel swingt stets und fasziniert durch seine federnde
Lockerheit. Der Pianist kann aber auch verquer und sperrig greifen. Art
Tatum ist ebenso verarbeitet wie Oscar Peterson oder Martin Solal. Zum
swingenden Gesamteindruck tragen der Bassist mit seinem straight gezupften
Bass und der Schlagzeuger durch seine flexible Trommel- und Besenarbeit
einen gehörigen Teil bei.
Dieses Trio kommuniziert traumhaft sicher und unterstreicht in der
sensiblen Begleitung das technisch makellose Tastenspiel, das
glücklicherweise nie zum Selbstzweck missbraucht wird, sondern selbst
altbekannte Klassiker zu neuem Leben verhelfen kann. Deutlich wird dies in
den aufeinanderfolgen Interpretationen des schnellen “Struttin“ und der
gefühlvollen Ellington-Komposition „Prelude to a kiss“. Kein Wunder, dass
Ernie Watts Sänger ebenso schätzt wie die traditionell ausgerichtete
Barrelhouse Jazzband, deren ständiger Pianist er seit dem vergangenen Jahr
ist.
„Crossings“ ist ein treffender Titel. Die Musik des Trios belegt zugleich,
dass Mainstream, wenn er inspiriert und künstlerisch auf diesem Niveau
gespielt wird, nicht langweilen muss, sondern relaxend unterhalten kann.
Klaus Mümpfer
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Sigi Dresen & friends
A part of me
Early Bird Records 01066
Wenn dies nur ein Teil des Komponisten und Musikers Sigi Dresen ist,
welche Überraschungen birgt dann noch der Rest? „A part of me“ nennt der
Hamburger Pianist und Soundtüftler seine neue CD. Die darauf gebannten
Improvisationen verraten Einiges von der Wesensart des Künstlers.
Natürlich geht es um das Klavier, Improvisation, Kommunikation,
Experimente und die Annäherung an den Jazz. Manches klingt sehr vertraut
wie „Clockwork“, das die romantische und verspielte Ader von Sigi Dresen
bloßlegt. Es ist jedoch, wie der Künstler bekennt, eine eher „klassischen
Kompositionsprinzipien“ verpflichtetes Stück, während er beim vorliegenden
Album die Improvisationsidee auf den Produktionsprozess übertragen wollte.
Dresen beschreibt im Booklet, dass vor dem Einspielen in der Regel ein
paar Harmonien, Loops oder Melodiefragmente, musikalische oder rhythmische
Schnippsel standen, die erst im Produktionsprozess gesammelt, geschnitten,
und neu geordnet wurden. Das heißt nicht, dass Zufallsprodukte entstanden,
sondern mit vorhandenen Splittern sorgfältig umgegangen wurde.
Es entstanden teil konventionell klingende Songs, teil freie und
experimentelle Collagen. Insgesamt herrscht der meditative Charakter vor,
auch wenn kurze Improvisationen wie das balladeske Zwiegespräch Episode
Nr. 8 und das folgende atonale Zwiegespräch Episode Nr. 5 in starken
Kontrast stehen. Im Zwiegespräch Nr. 7 zupft Dresen perkussiv die Saiten
des Flügels im Duo mit dem Schlagzeuger Niels Henrik Heinsohn. Sensible
Partner sind in anderen Werken mit kantablen Linien der Tenorsaxophonist
Stefan Kuchel und Trompeter Claas Ueberschär. Die abschließenden „Hymne
for five - solo“ und „Immer weiter“ sowie vor allem die tastend suchende
Ballade des Zwiegespräches Nr 4 offenbaren wiederum den romantischen Part
of Dresen. Mit „Bazz“ tritt der Pianist in eher ausgetretene Pfade der
Mixtur von Klassik und Jazz, während seine „Oboen-Fantasie“ mit exotischem
Reiz überrascht.
Glücklicherweise gerät die Vielseitigkeit der Musik nicht zur
Beliebigkeit, sondern spiegelt glaubhaft die unterschiedlichen Wesenszüge
des Künstlers wieder, wozu die Zwiegespräche besonders beitragen.
Klaus Mümpfer
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Paul Fox Collective
submerging & emerging
Jazz `n` Arts, JnA 5511
Selten treffen drei Worte so gut den Charakter einer Musik wie in diesem
Fall das Versprechen, „verständlich, groovig, melodiös“. Ebenso zutreffend
ist der Name der Formation. Denn das „Paul Fox Collective“ formt trotz
aller gehaltvollen solistischen Ausflüge einen geschlossenen, ausgewogenen
und homogenen Gruppensound, zu dem alle fünf Musiker und die Sängerin
Stephanie Neigel gleichberechtigt beitragen. Der Schlagzeuger Paul Fox
macht mit seinen knochentrockenen, knackenden und treibenden Spiel bereits
im ersten Stück deutlichdeutlich, dass sein Instrument nicht allein
“Rhythmusknecht“, sondern mit „tonangebend“ ist. Gleichzeitig gelingt es
ihm auf bewundernswerte Weise sich nicht in den Vordergrund zu drängen,
sondern die Band kongenial von Fellen und Becken aus zu führen.
Das Titelstück sowie „Crowded Places“ sind sicher Kompositionen, die die
Gefühlslage des Bandleaders widerspiegeln. Sie beginnen lyrisch und
verspielt, steigern sich im Verlauf zu expressiver Intensität und
Emotionalität. gefühlvoll und sensibel präsentiert die Mannheimer Sängerin
Stephanie Neigel „I´m sorry“, „tales within“ und „leaving it behind“.
Die Kompositionen pendeln zwischen tastender Romantik und groovender
Expressivität. Verspielte und lyrische Parts wechseln sich mit swingenden
und treibenden Up-Tempo-Passagen ab. Schwebende Sounds und ein reizvolles
Klangfarbenspiel lassen keine Langeweile aufkommen. Ostinati sorgen wie in
„Remember me“ an der richtigen Stelle für Spannung. In der Stimmung und
Reduktion auf den Kern erinnert „Interlude“ ein wenig an Keith Jarrett und
den frühen Dollar Brand. Beseelte Ästhetik strahlt die Titel-Komposition
aus. Mit Markus Ehrlich an Tenor- und Sopransaxophon, dem Gitarristen
Zacharias Zschenderlein, dem Bassisten Maurice Kuehn sowie Robert
Kesternich an Flügel und den Fender Rhodes hat Paul Fox ein Kollektiv
geschaffen, das nahezu ideal kommuniziert. Selbst ein gesprochenes Poem in
„Wandering in the park“ wirkt im Verbund mit Kesternichs Tastenspiel
keineswegs peinlich, sondern eher anrührend. Die Bandbreite des
zeitgenössischen jungen Jazz wird ausgelebt, ohne dass die Musik beliebig
klingt.
Dies Scheibe wird der Sammlung meiner Lieblinge zugeordnet, in die ich von
Zeit zu Zeit eintauche
Klaus Mümpfer
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Fattigfolket
Park
Ozella Music, OZ 038 CD
Dem jungen schwedisch-norwegischen Jazzquartett „Fattigfolket“ eilt ein
guter Ruf voraus. Sie haben auf dem renommierten Tremplin Jazz d´Avignon
Festival 2003“ einen Preis gewonnen, amerikanische Bands von der
Westkünste, wo schon immer der softere Jazz zuhause war, haben
Kompositionen der Skandinavier in ihr Repertoire aufgenommen. Nun liegt
mit „Park“ eine neue – die dritte? – Einspielung vor. Auch auf ihr bewegt
sich die Musik zwischen einer leichten Sommerprise und kühlen Windböen.
Der Trompeter Gunnar Halle, Saxofonist und Klarinettist Hallvard Godal,
Bassist Putte Johander sowie Drummer Ole Morten Sommer agieren und
reagieren sensibel und sicher. Sie kosten die Nuancen von Klangfarben und
Sounds aus. Schwebende Klänge fließen dahin, verhaltene expressive Läufe
auf Saxofon und Klarinette umspielen einander, verflechten sich oder
erklingen unisono. Immer präsent ist der Beat der Drums und stützend der
Bass. Elegische Sounds wirken verträumt und lyrisch.
Diese Musik ist so subjektiv wie wohl auch der Geschmack der Freunde des
Quartetts. Allgemein wirkt sie zu melancholisch und schwermütig. Dunkel
dräuend mit hellen Spitzlichtern wie der „Mauerpark“. Man wünscht sich
trotz vorhandener differenzierter Innenspannung ein wenig mehr Abwechslung
und Energie. Gewiss sind die Parks von der Pfaueninsel bis zum Grunewald,
denen die Kompositionen zugeordnete werden, kontrastreicher als die Musik,
die mit spröder Schlichtheit ehe für die innere Stille als für Abwechslung
sorgt.
Klaus Mümpfer
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Peter Herbolzheimer mit Rhythm Combination & Brass
sowie BuJazzO
Remembering Peter Herbolzheimer
2 CD HGBS 20017
Der Posaunist Peter Herbolzheimer hat über viele Jahre hinweg den Skoda
Jazzpreis für Jugend-Orcherster betreut und geprägt, so wie über
Jahrzehnte in der deutschen Bigband-Szene unüberhörbare Spuren
hinterlassen hat. Als „Kugelbauch“ – wie ihn seine Freunde liebevoll
nannten – im vergangenen Jahr verstarb, hat er eine große Lücke im
zeitlosen, modernen, orchestralen Jazz hinterlassen, die trotz der
großartigen Leistungen von Big-Bands wie der des hr des WDR und des NDR
nicht geschlossen werden konnte.
Jetzt hat die Schwarzwälder Plattenfirma HGBS als legitimer Nachfolger der
legendären MPS von Brunner-Schwer eine Kassette mit zwei CDs und einem
ansprechend gestalteten Booklet unter dem Titel „Remembering Peter
Herbolzheimer vorgelegt. Veröffentlich wird so erstmals auf CD das
komplette Album „My Kind Of Sunshine“, das zwei fetzige Session aus den
Anfangszeit von Herbolzheimers „Rhythm Combination & Brass enthält. Die
Aufnahmen aus den Jahren 1970 und 1971 zeigen bereits, mit welcher Kraft
eine Bigband satte Bläsersätze, treibende und groovende Rhythmen
glanzvolle Soli unterlegen kann.
Die zweite CD enthält einer Reihe Stücke des Programms „40 Jahre Bossa
Nova“ von Peter Herbolzheimer und dem BuJazzO aus dem Jahr 2005. Unter
Herbolzheimers Fittichen sind in nahezu zwei Jahrzehnten eine Reihe
bemerkenswerter und erfolgreicher Jazz-Profis hervorgegangen. 1990 spielte
in dem Orchester beispielsweise der Trompeter Till Brönner. 2005 sorgte
für das notwendige Bossa-Feeling unter anderem eine fünfköpfige
Vokalgruppe.
Als Bonustracks gibt es die Herbolzheimer-Arrangements von „Mixolydian
Highlander“ sowie ein mitreißendes „Wenn ich Dich seh“ mit Ingfried
Hoffmann und Manfred Krug. Die Live-Mitschnitte aller Stücke belegen die
beständige Arrangeurs-Qualität Herbolzheimers über vier Jahrzehnte hinweg
sowie seine hohen künstlerischen Ansprüche an die Orchester.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Lech Wieleba
Poetic Jazz: Mazur (CD PJR 2009)
„Poetic Jazz“ – dies ist keine Neuauflage von Jazz und Poesie, sondern
der Name des Quartetts des seit 1984 in Hamburg ansässigen Polen Lech
Wieleba. Und die CD namens „Mazur“ ist nicht etwa dem Dirigenten Kurt
Mazur oder der dänischen Perkussionistin Marilyn Mazur gewidmet, sondern
spielt offensichtlich auf die polnische Masuren-Landschaft an. Lieder
ohne Worte allemal, Stimmungsgemälde wie bei Filmmusik. Wenn Jan-Peter
Klöpfel sein Akkordeon zieht und drückt sowie ins Flügelhorn bläst, ist
dies jeweils mit viel Nachhall verbunden - und Assoziationen zu
Soundtracks von Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) und Irmin
Schmidt („Palermo Shooting“) kommen auf. Zuweilen fühlt man sich sogar
auch an Martin Böttcher („Winnetou“) erinnert.
Die coolen Kompositionen des Kontrabassisten Lech Wieleba bergen
allesamt erzählenden Charakter und gehen leicht ins Ohr. Musik zur
genüsslichen Unterhaltung. Vervollständigt wird die seit langem
bestehende polnisch-deutsche Formation durch den Pianisten Enno Dugnus
und den Schlagzeuger Pawel Wieleba, 1981 noch in Danzig geborener Sohn
des Bandleaders.
www.poetic-jazz.com
Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm |
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Oz Almog & Shantel
Kosher Nostra – Jewish Gangsters Greatest Hits
Essay Recordings AY CD 13
Das jüdische Museum in Berlin widmete der Verbindung von jüdischer Musik
und Jazz eine Ausstellung von Klezmer bis zum New York Underground rundum
John Zorn. Unter „Radical Jewish Culture“ geht jüdische Musik eine
Symbiose mit Jazz, Rock und Punk ein. Pitom aus Brooklyn/ NYC spielen eine
Mischung aus unkonventionellem Rock und traditioneller jüdischer Musik.
Das Quartett um den Jazzgitarristen Yoshie Fruchter definiert zwischen
Post Hardcore, Jazz und Klezmer einen eigenen Sound. Auch bei David
Krakauer und Giora Feidman sind Jazz-Einflüsse nicht zu überhören.
Doch die unterschiedlichsten Verknüpfungen reichen viel weiter zurück. In
den 20er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kontrollierten
Gangster-Syndikate in Amerika nicht nur das Geschäft mit dem verbotenen
Alkohol und Glücksspiel, sondern auch das Music-Business von den
Tanz-Revuen bis zum Jazz.
In jener Zeit existierte in den Staaten eine jüdische
Verbrecherorganisation, die in Anlehnung an die berüchtigte „Cosa Nostra“
„Kosher Nostra“ genannt wurde. Der in Frankfurt lebende Musiker Stefan
Hantel, bekannt als „Shantel“, ist dem Einfluss der Kosher Nostra auf die
Musik jener Zeit nachgegangen und hat dabei Erstaunliches zutage
gefördert. Der Sound der ausgewählten Stücke ist eine wilde Mixtur aus
Swing, Jazz, Twist, Charleston mit jiddischer Folklore, Balladen und
Gassenhauern.
Viele der Musikbeispiele, die Shantel zusammengetragen hat, faszinieren in
der ungewohnten Kombination jiddischer Texte und swingendem Jazz. Es gibt
ein Wiederhören mit Connie Francis, die ein ganzes Album jüdischer Musik
aufgenommen hat, aber auch mit Tom Jones, den Andrew Sisters und Al
Jolson, der es bis zu Bekanntschaft mit dem US-Präsidenten Calvin Coolidge
gebracht hat.
Weniger bekannt, aber eng mit dem Jazz verbunden, sind das Yiddish Swing
Orchestra oder Cleo Patra Brown, eine Vertreterin des Boogie-Piano-Stils.
Auf der CD wird geschluchzt, tremoliert, geswingt und gebluest, dass es
eine Freude ist. Auch wenn das Ganze eher unter Jazz und Jazzverwandten zu
rubrizieren wäre, hält die CD auch den Jazz-Fan gefangen.
Der audiophile Genuss dieser musikalischen Zeitreise wird in der
Zusammenarbeit von Shantel mit dem österreichischen Künstler und Wiener
Kurator Oz Almog durch ein dickes, prachtvolles und informatives Booklet
literarisch ergänzt.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer |
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Leszek Kulakowski
Code Numbers
(Music Vox Records, Vertrieb: Fonografika, Polska)
Kein polnischer Pianist, auch wenn er sich wesentlich im Jazz-Metier
betätigt, kommt ohne „Fryderyk“ Chopin aus. So hörte ich auch erstmals
(von) Leszek Kulakowski. Er nahm mit eigenem Jazz-Trio und dem
Kammerorchester der nordpolnischen Stadt Slupsk 1994 "live" die CD
"Chopin And Other Songs" auf. Ein Stück dieser Compact-Disc ist mit
"Preludium C" betitelt. Es handelt sich hierbei um das – beispielsweise
auch vom französischen Geiger Jean-Luc Ponty verjazzte - Prélude Nr. 20
in c-moll, welches Kulakowski auf dem Klavier mit regentropfenden
Tonrepetitionen beginnt, um dann immer mehr volle Orchesterkraft
hinzuzufügen. Auch andere gecoverte Chopin-Werke erinnern an das
progressive Power-Play eines Stan Kenton. Der seelenvolle und lyrische
Chopin wurde hier zum musikalischen Kraftprotz mutiert.
Jetzt brachte eine CD heraus, die doch sehr viele filigrane
Impressionismen beinhaltet: „Code Numbers“. Eine Leserabstimmung der in
Warschau erscheinenden Zeitschrift „Jazz Forum“ setzte 2010 diese Platte
in der Rubrik „Album des Jahres“ auf Platz zwei. Gemäß des Plattentitels
heißen die Titel kryptisch „52552“, „7777“ oder „55255“. Kulakowski
greift transparent in die Tasten und auch behutsam in das Flügelinnere.
Eine klangfarbliche Abrundung (und nicht mehr!) schaffen Krzysztof
Gradziuk am Schlagzeug und Piotr Kulakowski am Bass. „Free IV“ nennt
sich der Opener und „Free I“ das Finalstück – und da meint man jeweils,
das Meeresrauschen der von Kulakowskis Heimatort Slupsk (Stolp) 20
Kilometer entfernten Ostsee herauszuhören.
Wenn der auch als Klavierpädagoge tätige Leszek Kulakowski ganz eigene
Theorien über die Gesetzmäßigkeiten seines Spiels haben mag, rein
klanglich strahlt die Musik von seinem so genannten „Ensemble piccolo“
überwiegend Ruhe und Wohlbehagen aus. Keine normierte Funktionalharmonik
zwar, aber tonale Zentren. Meist agogischer Gestus und getragene Tempi,
kaum Motorik und „drive“.
Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm |
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The Dyani Project
Demo CD des Projektes „Kultur im Ghetto“, Frankfurt
Ich erinnere mich noch gut an J. E. Berendts New Jazz Meeting von 1983,
als der Bassist Johnny Dyani während des einwöchigen Workshops oftmals
lange Zeit nachdenklich, eine Zigarette rauchend, abseits saß. Drei Jahre
später begründete Johnny Dyani eine Reihe, die bis heute zu Konzerten und
Workshops führt und die sich „Jazz gegen Apartheid“ nannte. Zwar ist die
Apartheid heute weitgehend überwunden, doch Jürgen Leinhos und seine
Projektgruppe „Kultur im Ghetto“ pflegen das Andenken des im Oktober 1986
verstorbenen musikalischen Kämpfers gegen die politische Unterdrückung wie
auch die Fortführung der Konzertreihe.
Das Dyani-Project widmet sich dem Leben und der Musik des südafrikanischen
Künstlers und seiner Zeitgenossen. Mit dem Saxophonisten John Tchicai, dem
Schlagzeuger Makaya Ntshoko, dem Trompeter Harry Beckett und dem
Flügelhornisten Claude Deppa sind Weggefährten Dyanis zu hören. Seit den
90er Jahren erweitern der Vibraphonist Christopher Dell, der Saxophonist
Daniel Guggenheim, der Posaunist Allan Jacobson und der Bassist John
Edwards das Projekt.
Nun liegt als Live-Mitschnitt eines Konzertes in der Darmstädter
Knabenschule eine Demo-CD vor, die zwar nicht zu kaufen ist, die aber
Veranstalter dazu bewegen kann, jene Formation zu buchen, die die
Intensionen ihres Vorbildes trifft und dabei mit unbändiger Spielfreude
fasziniert.
„Kippieelogie“ hebt mit einem fulminanten Bass-Lauf an, der mit dem
pulsierenden Schlagzeug die Basis für freie Interaktionen der Bläser
bereitet – so wie ich es aus dem Meeting in Baden-Baden in Erinnerung
habe. „Lady Lilian Ngoyi“, das Portrait einer der weiblichen
Führungspersönlichkeiten im Kampf gegen die Apartheid wird im Mittelteil
geprägt vom freien und ekstatischen Spiel des Saxophons auf einem
Vibraphon-Teppich. Neben solchen hin und wieder ins Crescendo einmündende
Free-Passagen bestimmen die Mehrstimmigkeit der Bläser, ihre
Ruf-Antwort-Spiele, das Umranken von Melodielinien auf Saxophon und
Trompete den Sound. „Song for Biko“, den Dyani dem von der Polizei zu Tode
gefolterten Studenten- und Gewerkschaftsführer Steve Biko widmete,
erklingt fast fröhlich, tänzerisch und hüpfend, swingt nahezu
konventionell und könnte als Beispiel für Dyanis Ästhetik des Protestes
gelten. In fast allen Kompositionen des Südafrikaners findet sich die
typische hymnische Mehrstimmigkeit, die meist in der Intro oder dem Finale
auftaucht. Ein von südafrikanischer Folklore geprägter Ohrwurm ist „Roots
and Blues for Moyake“. Die Doppelbesetzung der Instrument erlaubt es,
Melodiebögen afrikanischer Farbigkeit auszubreiten, heißt es im
Promotionstext treffend.
Die Formation „The Dyani-Project – a quest for Freedom“ kann bei „Kultur
im Ghetto“ (Tel. 069-621430, Mail:
jleinhos@aol.com) gebucht werden.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer |
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Vein
Vein meets Glenn Ferris
(Die CD ist exklusiv auf der
Homepage www.vein.ch
erhältlich)
Wer anders als der Posaunist Glenn Ferris
mit seiner beweglichen und luftigen Spielweise, die ihm eine mit zwei
Ventilen modifizierte Zugposaune ermöglicht, wäre ein sensibel
kommunizierender Partner des Vein-Trios? Offene Kollektive, die die
Tradition ebenso einbeziehen wie das freie Spiel und die Avantgarde, die
Experimente nicht scheut, aber auch nicht durch chaotische Ausbrüche
verschreckt, sind die Spezialität des Trios aus Basel, in dem der
Pianist Michael Arbenz zwar buchstäblich den Ton angibt, in dem Bruder
Florian pulsierend den Beat auflöst und Thomas Lähns am Bass meist
marschierend, hin und wieder straight, im Hintergrund ebenso
unverzichtbar wie unauffällig stützt.
In diese intensiven und traumhaft sicheren
Interaktionen passt sich Ferris mit beweglichem und melodischem, oft
auch expressivem und wuchtigem Posaunenspiel ein. Von nahezu
ergreifender Lyrik erscheint die schlichte, volksliedhafte Melodie in
„Rest in my peace“ zu einem verträumt wirkenden impressionistischen
Spiel des Pianisten.
Aber es gibt auch
Up-tempo-Interpretationen wie die Miles Davis-Komposition „Seven steps
to heaven“ mit freien Passagen. Dann ist es fast immer Michael Arbenz,
von dem in rasanten Läufen die befreiende Expression ausgeht –
vergleichbar einer kreisförmigen Welle, die sich ausbreitet bis sie alle
vier Musiker zu einem pulsierenden Kollektiv anregt, in dem Schlagzeug
und Posaune sich vor einem rasanten Bass-Solo duellieren. In „Blue sun“
lässt Michael Arbenz sanfte und verspielte Notenlinien aus dem Flügel
perlen, während Lähns mit einer harmonisch verzierten Melodie im
Hintergrund den Bass zupft und Ferris das Thema mit warmem Posaunenton
variiert.
Bei aller zur Freiheit drängender
Expressivität sind die Brüder Arbenz im Grunde Romantiker. Dies gilt
sicher auch für Ferris, der in „Travlin´ bone“ nach einer Trio-Passage
mit freiem Piano-Lauf, einem pulsierenden Schlagzeug und marschierenden
Bass mit seiner geschmeidigen Posaunen Ruhe ins Spiel bringt, die von
einem gestrichenen Bass betont wird. Faszinierend ist die Bearbeitung
des Traditionals „Oh happy day“ bei der in einem beeindruckenden Solo
mit Mehrstimmigkeit auf der Posaune Stimme und Instrument verschmelzen,
bevor das Trio und der Posaunist groovend fortfahren.
Spielwitz und Liebe zu Melodie, aber
zugleich auch Offenheit für ungewohnte Klänge eigenwilliger Rhythmik
kennzeichnen das Spiel von Vein und damit auch das des Gastes. Das macht
die CD „Vein meets Glenn Ferris so hörenswert.
Klaus Mümpfer
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Alexander „Sandi“ Kuhn / Kuhnstoff
Being different
Personality records PR 08
Im Booklet erläutert der Saxophonist Alexander Kuhn wortreich und
emotional Gefühle und Inspirationen, die den zehn Kompositionen seiner
CD „Being different“ zu Grunde liegen. Das Spiel des jungen, aber reifen
Künstlers ist erfüllt von der gleichen ehrlichen Emotionalität. Auf dem
Saxophon pendelt er zwischen den Polen expressiver Bebop-Tradition und
lyrischer Verträumtheit. Blues-Elemente, Jazz und Romantik verschmelzen
zu einem flirrenden, zeitgenössischen Stil der „young urban musicians“ –
geschmeidig, elegant und trotz mancher bewusster Gegenläufigkeit mit
stets fließendem Spiel.
Gleichberechtigte Partner in diesem Quintett sind der Pianist Christoph
Heckeler, Gitarrist Joachim Ribbentrop, Bassist Jens Loh und
Schlagzeuger Axel Pape. Vor allem Heckeler und Ribbentrop kommunizieren
mit Kuhn auf eine Weise, die von Seelenverwandtschaft zeugt. Da tupft
Heckeler in „Verrückte Welt I“ suchende, tastende Single-Notes in die
Tasten, verspielt und lyrisch, bevor er melodische Notenketten aus dem
Flügel perlen lässt. Ribbentrop wiederum übernimmt in „Verrückte Welt
II“ einen schnellen und zugleich ziselierten, filigranen Gitarrenlauf,
mit dem er schließlich ein expressives Saxophon-Solo kommentiert. Dann
wieder bläst Kuhn seelenvoll und sensibel ein Solo in „Geborgenheit“,
baut lange Spannungsbögen, die von schlüssiger Logik gehalten werden.
Bassist Loh erhält wie in „Different Woody´s daughter“ Gelegenheit zu
melodischen Läufen, die mit sparsamen Single-Notes des Pianisten
unterlegt werden, und überrascht in „Seneca“ mit verzwickten
harmonischen Wendungen. Von ausgesprochen ästhetischem Reiz ist das Duo
von Saxophon und Piano im Titelstück sowohl in langsamen wie in
expressiv treibenden Passagen. Axel Pape ist ein flexibel stützender
Drummer, der in „Being different“ sein melodisches Spiel im Duo mit dem
Pianisten unter Beweis stellt.
Die Stücke der CD sind pfiffig arrangiert, abwechslungsreich in den
Stimmungen und Tempi sowie vor Spielfreude sprühend. „Kuhnstoff“, so der
Name des Quintetts, lässt aufhorchen.
Klaus Mümpfer
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Gee Hye Lee
Geenius monday
HGBS 20014 CD
Wenn die Rede auf die Pianistin Gee Hye Lee kommt gerät selbst Vincent
Klink, der wortgewaltige Satiriker, Sterne-Koch und vorzügliche Jazzer
mit der Basstrompete, ins Schwärmen. „Sie ist eine schöne Exotin und
bedient die Tasten, als wäre sie unmittelbar aus Harlem oder Brooklyn in
diese „Kiste“ gehüpft“, schreibt er im Booklet zu Lee´s Erstlings-CD „Geenius
Monday“. Die Kiste ist in diesem Fall ein Stuttgarter Jazzclub, in dem
die Künstlerin aus Korea montäglich Musiker aus der Stadt und Umgebung
zum Spielen einlädt. Dabei bilden sich Formationen, die zumindest im
weiten Feld des Mainstreams keine internationalen Vergleiche zu scheuen
brauchen. Dem organisatorischen Talent und der Führungsqualität der
inzwischen schwäbelnden Exotin ist es zu verdanken, dass nun eine CD mit
14 Titeln und ebenso vielen unterschiedlichen Formationen swingend und
groovend dokumentiert, dass die Schwabenmetropole eine lebendige und
kreative Jazzszene aufweist.
Gee Hye Lee als Dreh- und Angelpunkt dieses Ereignisses drängt sich nie
in den Vordergrund, spielt sensibel angepasst mal perlend und leicht
beschwingt, bei anderen Gelegenheiten mit sparsam eingesetzten
Akkordeinwürfen oder Blockakkordschichtungen. Zu hören sind swingende
Up-Tempo-Stücke wie „Memories“, sanfte Balladen wie der „Love Song“ des
Trompeters Herbert Joos, die „Hohlwelt“ mit einem auch in den Höhen
weichen Flügelhornsolo Martin Auers, das sich zu schnellen und rauen
Stakkati steigert, die von Akkordakzenten auf dem Piano gegliedert
werden, das expressive Saxophon-Stück „E.H.E.“ oder „My heart“ mit der
Sängerin Fola Dada, leichtem Rap- sowie Bass & Drums-Touch und einem
rockigen, glissandierenden Gitarrenlauf.
38 Sängerinnen und Musiker decken ein breites stilistisches Spektrum ab.
Sie bleiben stets der Tradition verbunden, ohne auf erfrischende
zeitgemäße Einflüsse zu verzichten. Auch wenn das Wortspiel „Gee-nius
monday“ mit dem Hinweis auf Gee Hye Lee die üblichen
Markting-Übertreibung sein mag, so zeugt die CD dennoch von der
Kompetenz der Koreanerin als Pianistin und Bandleaderin sowie von der
Qualität der Musiker, unter denen sich immerhin acht
baden-württembergische Jazzpreisträger befinden. Die im
traditionsreichen Studio von Brunner-Schwer produzierte Aufnahme birgt
zwar keine Überraschungen, macht aber Lust, die Montags-Sessions der
Pianistin zu besuchen.
Klaus Mümpfer
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Jazz Pistols
Superstring
Cherrytown records CD: CTR-006
„Energy-Jazz“ nennen der Gitarrist Ivan Schäfer, der Bassist Christoph
Victor Kaiser und der Schlagzeuger Thomas Lui Ludwig des Trios Jazz
Pistols ihre temporeiche und mitreißende Jazz-Rock-Fusion. Auf der neuen
CD „Superstring“ verbinden sie in bewährter Weise Jazz und Rock mit
Anleihen aus Funk sowie Psychodelic und Soul-Sounds. Zwischen die
energiegeladenen Passagen packen die Drei auch mal langsame und
besinnliche Parts wie das melodiöse, filigrane Single-Note-Solo Schäfers
in „Rubicon“ oder eine Passage in „New One“, um gleich darauf mit
Hochgeschwindigkeitsläufen auf der Gitarre mögliche Ruhepausen zu
verdrängen.
Es findet sich kaum eine Komposition, in der nicht mehrfach Atmosphäre,
Tempo und Stimmungen gewechselt werden. Sieben-Achtel, Fünf-Viertel und
Neun-Achtel während eines Bass-Solos, bevor schließlich Drummer Thomas
Lui Ludwig in „New One“, das beispielhaft für die Jazz Pistols steht, in
Up-Tempo-Passagen knifflige und polymetrische Schlagfolgen mit
verblüffender Leichtigkeit trommelt und der nachfolgenden Gitarre die
Geschwindigkeit vorgibt. Kraftvoll und aggressiv ist Ivan Schäfer in
seinen rasenden Power-Läufen, melodiös und verhalten beim Solo in „Three
views of a secret“oder ziseliert im genannten Solo-Stück „Rubicon“.
Auffällig ist die außergewöhnliche Spieltechnik des Bassisten Christoph
Victor Kaiser, der seinen sechssaitigen Bass beidhändig mit
Fingertapping schlägt. Dann groovt er mit der linken Hand, während die
rechte spannungssteigernd gegenläufig zupft oder ostinat grundiert. In
„Chick San“ zitiert die Gitarre ganz kurz Chick Coreas Spain“, in „Berns
Rotation“ das Thema von America aus der Westside Story.
Eng verzahnt sind die Interaktionen der drei Musiker, doch bei aller
Komplexität transparent und in sich schlüssig wie bei „SMBH“, das mit
einem gradlinigen 4/4 startet, in afrikanische Rhythmen gleitet und
wieder zum rockigen Viertel-Beat zurückkehrt. Elektronik wird sparsam
und aufrauend sowie für Glissandi eingesetzt. Trocken und erdig sind die
ostinaten Bass-Riffs, die „Sex in a pan“ antreiben.
Auch wenn einige der fast ausschließlich eigenkomponierten Stücke sich
mal im Tempo zurückhalten, so bestimmen doch Groove und Dynamik den
Gesamteindruck. Auf mich wirkt in diesem Kontext die Komposition „Old
fart“ wie ein Durchhänger. Doch solche Momente sind die Ausnahme auf
dieser insgesamt spannungsgeladenen Scheibe, für die „Superstring“ ein
durchaus passender Titel ist.
Klaus Mümpfer
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Dirik Schilgen Jazz
Grooves
Plenty of...
Jazz ´n Arts JnA 4810
Es ist wohl die Mischung aus Entspanntheit und Expressivität, aus
Heiterkeit und Gelassenheit sowie aus stimmungsvollen Soli und komplexen
Tutti, die die Musik des Sextetts um den Heidelberger Schlagzeuger Dirik
Schilgen so unterhaltsam wirken lassen. Zu Recht hebt die Promotion die
Reife der Kompositionen und Arrangements des Bandleaders hervor sowie
dessen feines Gespür für Melodie und Rhythmus.
Eines der typischen, transparenten und klar strukturierten Stück ist
„Encora“, das zugleich Zeugnis ablegt für die Liebe des Percussionisten
und Drummers zur lateinamerikanischen Musik. Man hört keine platten
Samba-Klischees, sondern rockige Grooves sowie fetzige und funky
Jazz-Riffs, mit denen das Sextett den Latin-Sound souverän bearbeitet.
„Encora“ ist außerdem Beleg für das luftig leichte Schlagzeugspiel in
Verbindung mit dem Percussionisten Cris Cavazzoni.
Dass die Musik so stimmungsvoll und spannend bleibt, ist neben den
Rhythmikern Matthias Debus am Bass, Daniel Prandl am Piano und den
beiden Schlagwerkern auch den soundprägenden Bläsern Thomas Siffling mit
der Trompete sowie Matthias Dörrsam mit Sopran- und Tenorsaxophon, zu
verdanken. Vor allem Siffling besticht mit einfühlsamen Soli von
impressionistischer Klangfärbung, bläst aber in den Duos mit dem
Saxophonisten ebenso expressiv wie dieser. Oftmals unranken sich die
Linien von Trompete und Saxophon oder verbinden sich in Zweistimmigkeit.
So geschieht es in „Turtur“, wenn Pianist Prandl (der kürzlich mit
Siffling die wunderschöne Duo-Einspielung „Ballads“ vorlegte) mit
hingetupften Akkorden ein sanftes Unisono von Trompete und Saxophon
unterlegt, um anschließend ein durchsichtiges Solo Sifflings mit
Ostinati zu unterstreichen, und Debus ein melodiöses Bass-Solo zupft.
Sämtliche Stücke sind so raffiniert und ausgefeilt arrangiert, dass die
Musiker sie wie in „Back and Forth“ mit einem Trillerpfeifen-Gimmick
offensichtlich auflockern oder wie in „Soccer“ mit freien Tutti
aufbrechen, um schließlich zu einem abrupten Finale zu kommen. Ungestüme
Spiellust, die auch in den sensiblen Passagen zu spüren ist, kann sich
dann freispielen. „Plenty of...“ verspricht viel und kann das
Versprechen dank der vorzüglichen Jazz-Grooves-Besetzung halten.
Klaus Mümpfer
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Esperanza Spalding
Junjo
Connector Records 59875-2
Dass die Bassistin Esperanza Spalding im Dezember 2009 bei der
Nobelpreis Zeremonie für Barak Obama spielte, ist Beleg für die
öffentliche Hochschätzung einer Künstlerin, die bereits mit 20 Jahren
zur damals jüngsten Dozentin am Berklee College of Music in Boston
avancierte. Ihre CD „Junjo“, die seit einigen Monaten in Deutschland
vorliegt, zeigt, dass die Künstlerin zu Recht ausgezeichnet wurde,
gerade weil die Aufnahme aus dem Jahr 2006 bereits ein paar Jährchen auf
dem Buckel hat. Souverän führt die Bassistin ein Trio mit Aruán Ortiz am
Flügel und Francisco Mela am Schlagzeug.
Dieses Trio produziert einen leichten, tänzerischen Latin-Jazz, mit dem
die Begleiter ihrer musikalischen Heimat Kuba eine Referenz erweisen.
Ortiz lässt die Noten in ziselierten Ketten aus den Tasten perlen, setzt
aber auch mit Blockakkorden harte Akzente oder verschleppt Takte. Mela
trommelt flexibel in der Begleitung sanfter, melodischer Basslinien oder
groovt treibend wie in Mompanuana“. Sensibel und in traumhaft sicheren
Interaktionen kommunizieren die drei Künstler in „Two Bad“, wenn der
Bass-Lauf von Piano-Akkorden ökonomisch kontrastiert wird oder im Duo
mit dem Schlagzeug Akkorde schichtet.
Bestimmend, wenn auch sich nicht in den Vordergrund drängend, sind die
geschmeidigen und flinken Bass-Läufe Spaldings mit langen melodischen
und harmonisch reich verzierten Läufen. Ihr rhythmischer Drive ist stets
in Bewegung. Eine Spezialität der Künstlerin, die in Portland als
Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, ist die enge Verzahnung
von Gesang und Bass-Spiel. Spalding scattet mit einer warmen und klaren
Stimme, die sinnlich und emotional anspricht. Mal verschmelzen
Bass-Linien und Vokalisen in Unisonopassagen, meist aber werden sie
parallel und unabhängig nebeneinander geführt.
Die neun Stücke von Komponisten wie Chick Corea und Egberto Gismonti
sowie von Esmeralda Spalding und den beiden Mitmusikern bleiben mit
Latin-Aromen und freien Momenten immer lyrisch und der Tradition
verbunden. Das Trio produziert Musik, die nicht durch Experimente
aufregt, sondern durch Leichtigkeit und Schönheit anregt und relaxed.
Klaus Mümpfer
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Gary Fuhrmann Quintett
L´existentialiste
KCD 5254 (Konnex Records) oder über
www.garyfuhrmann.com
Verschleppungen, Akzentverschiebungen und überraschende kurzfristige
Wechsel des Metrums, Einschübe im Dreivierteltakt, sonore und zugleich
expressive Linien auf der Klarinette bis hin zu überblasenen High-Notes,
Duos von Trompete und Saxophon vor ostinaten Akkorden auf dem Piano,
Spannung durch Beharren und Treiben der Rhythmusgruppe – all dies hat
der Gary Fuhrmann in seine Erinnerungen aus Paris gepackt.
„L´existentialiste“ ist der Titel seiner neuen CD und des Openers auf
der Scheibe, die er mit dem Trompeter Martin Auer, dem Pianisten Rainer
Böhm, dem Bassisten Matthias Nowak und dem Schlagzeuger René Marx
eingespielt hat.
Manche Stücke sind temporeich und treibend, andere lyrisch und balladesk
wie „Lush Life“, was eigentlich mit „gesättigtem Leben“ zu übersetzen
wäre und der gefühlvollen Interpretation widerspricht. Aber
hintergründiger Humor prägt die meisten Stücke des Fuhrmanns, der für
dieses Spiel „mit der Faszination des ersten Taktes“ sich den Wormser
Jazzpreis verdient hat. Manchmal weist der Komponist mit einem
Buchstaben-Puzzle sogar offen darauf in – wie in „sm-roW“, dem Namen
seiner Heimatstadt rückwärts gelesen.
Spannend sind vor allem die Duette von Saxophon und Trompete, die
Ruf-Antwort-Spiele, die in Unisono-Passagen oder Zweistimmigkeit münden,
wie in „Interlude“ oder „sm-roW“. Verträumte und verspielte, perlende
Notenketten reiht Böhm in „L´océan“ und „Little stone“, die wiederum von
expressiven Saxophonläufen kontrastiert werden.
Das Quintett vermeidet mit seinem Spiel im Spannungsfeld von Bebop und
Free jeglichen Durchhänger. Selbst in schlüssigen Mainstream-Passagen
hat der Zuhörer nie das Gefühl, Ähnliches schon mal gehört zu haben.
Sogar ein gestrichenes Bass-Solo mit harmonisch reizvollen Akkordlinien
birgt in seiner vertrauten Melodie überraschende Wendungen. Bei Gary
Fuhrmann verwundert es nicht, dass er seine Erinnerungen mit einem Titel
„Heimat“ schließt, die musikalisch darauf hinweist, dass in der Brust
des Komponisten zwei Seelen wohnen, die einerseits in Wohlklang und
Tradition verwurzelt sind, andererseits nach freitonalen Experimenten
drängen.
Klaus Mümpfer
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Bastian Stein
„Gravity Point“
Double Moon Records DMCHR 71086
Bastian Stein ist so etwas wie ein junger Shooting Star in der
Jazzszene. Als Zehnjähriger war er Gasthörer an der Wiener Universität
für Musik, als 15-Jähriger studierte er Trompete. Es folgte ein
Stipendiat in New York, die Auszeichnung mit dem Hans-Koller-Jazzpreis
und Privatunterricht in Schweden bei dem renommierten Trompeten-Dozenten
Bo Nilsson. Nach so viel Ehre legt Stein mit „Gravity Point“ jetzt die
CD „Grounded vor. Die Stücke stammen fast durchweg aus der Feder des
Trompeters und verraten eine behutsame Liebe zum leicht gebrochenen
Schönklang und zur heiteren Melancholie. Der Zusammenklang von Trompete
und Flügelhorn mit den Saxophonen und Klarinetten von Christian Kronreif
(auch er Koller-Preisträger) bewegt sich im Rahmen eines swingenden
Bebop mit dichter Intensität und treibender Expressivität. Pianist
Philipp Jagschitz baut Spannungsbögen mit ostinaten Akkordfiguren oder
reiht fließende Melodielinien wie Perlen auf. Bassist Matthias Pichler
lässt sein Instrument in der Regel stützend marschieren.
Es gibt keinen Gravitationspunkt in dieser Gruppe mit ihren sicheren und
sensiblen Interaktionen. „Point of view“ besticht mit der klaren
Schönheit des Trompetenspiels, „Towards to the middle“ und „Beginning of
the end“ mit der Expression des Saxophons und den groovenden Schlägen
des Schlagzeugers Peter Kronreif. „Quiet sympathy“ strahlt jene gelobte
heiter Melancholie mit sanftem Trompetenklang und verspielten
Piano-Läufen sowie einem harmonisch klaren Bass-Solo aus. Sanfte und
transparente Klangfarben sowie schwebende Soundflächen und ein
kammermusikalisch vertrautes Ambiente laden zur Entspannung ein. Diese
Stimmung unterstreicht auch die Sängerin Angela Maria Reisinger mit
ihren Vokalisen im abschließenden Space/Time mit seinen reizvollen
Sounds. „Die CD Grounded“ lebt von unterschwelligen Spannungen und
schöner Oberfläche.
Klaus Mümpfer
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Faustino, Roder, Eberhard, Neuser
„50“
JACC Records 005
Sie haben ihre Wurzeln im Bebop, ihre improvisatorische Liebe zieht sie
jedoch mehr in die Gefilde des freien Jazz. Der seit 2000 in Berlin
lebende portugiesische Schlagzeuger Rui Faustino hat in der
Altsaxofonistin und Bassklarinettistin Silke Eberhard, dem Bassisten Jan
Roder und dem Trompeter Nikolaus Neuser drei Partner gefunden, die mit
ihm vorzüglich, traumhaft sicher kommunizieren und sich in den Soli in
ein Konzept einfügen, das die wilden Zeiten des Free-Jazz aus der Mitte
der 60er Jahre assoziiert. Das Quartett mit seinem Patchwork-Jazz kann
sich kammermusikalisch, lyrisch und leise, aber auch ekstatisch
aufbegehrend und laut ausdrücken.
Für die erstere Impression steht „Cancao da chuva“ mit teils
harmonischen, teils geräuschhaften Passagen der Bläser und des
Bassisten. Schwebende, nahezu hymnische Klänge werden vom gestrichenen
Kontrabass unterlegt und durch das Schlagzeug strukturiert. Für die
Expression typisch ist „Zero, Zero“ mit einem zweistimmigen Duo von
Neuser und Eberhard, dem Ruf-Antwort-Spiel der Bläser, wilden
Altsaxofon-Ausbrüchen und einem groovenden Schlagzeug. Harte
Dynamik-Sprünge sorgen für Spannung und Tempo. Die Musik ist
gleichermaßen abgeklärt und spontan drängend. Das abschließende „Freies
Bier“ lässt die erste Minuten lautlos verstreichen, gefolgt von einem
kurzen Bass-Perkussions-Duo, leichtem Bläser-Touch und einem
diabolischen Gelächter. Demonstrativer Unernst.
Natürlich haben Musiker wie der Pianist Alexander von Schlippenbach das
Bett für den Free Jazz in Berlin bereitet, doch kleine Formationen wie
Eberhards Quartett „Elevator Music“ oder hier die freie
Improvisationsgruppe Faustino-Roder-Eberhard-Neuser halten sie auch in
der jüngeren Generation am Leben. Die Berliner Free-Jazz-Szene bleibt
kreativ. Es lohnt sich, hinzuhören.
Klaus Mümpfer
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Ali Neander feat. Hellmut Hattler
Esc records ESC 3738
Wenn man nicht um die Integrität des Gitarristen Ali Neander wüsste,
könnte der Verdacht aufkommen, dass das jemand die Vergangenheit
ausgräbt, um allen Anhängern von Mahavishnu über Kraan bis Oregon etwas
für die nostalgieverwöhnten Ohren zu bieten. Doch man nimmt es dem
Mitbegründer der Rodgau-Monotones ab, dass er sich nach mehr als 50 CDs
unter dem Kommando anderer Künstler wie Xavier Naidoo, Edo Zanki oder
Sabrina Setlur endlich einen Jugendtraum erfüllt hat – und der beginnt
nun mal nach seinen Worten für ihn beim Jazzrock der 70er Jahre mit dem
Mahavishnu Orchestra, Weather Report oder Return to forever.
Für sein Projekt hat sich Neander mit dem Bassisten Hellmut Hattler
zusammengetan und zusätzlich Paul McCandless von Oregon sowie das junge
Schlagzeugtalent Moritz Müller gewinnen können. Auf zwei Stücken sind
außerdem der Keyboarder Ingo Bischof sowie in je einer weiteren
Komposition der Bassist Frowin Ickler und der Schlagzeuger Ollie Rubow
zu hören.
Herausgekommen ist ein dichtes und komplexes Gebräu aus rasantem
Jazzrock mit fetten Grooves, in dem Neander und Hattler tonangebend sind
und deren Drive Müller bestimmt. Dazwischen gestreut sind aber auch
atmosphärische und filigrane Klänge von exotischem Reiz, deren Farben
von den Blasinstrumenten des Oboisten McCandless geprägt werden. „Sweet
confusion“ ist der bezeichnende Titel einer Komposition mit
verschachtelten Passagen. „Last train home“ nennt Neander das
abschließende Stück seiner CD. Beides trifft für diese – vielleicht
gerade deshalb noch immer erfrischende - Hommage an den Jazzrock zu.
Klaus Mümpfer
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Wolfram Knauer (Hrsg)
Albert Mangelsdorff -Tension / Spannung
Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 11
Albert Mangelsdorff, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen
Jazz ist trotz seines internationalen Ansehens stets ein bescheiden und
seiner Heimatstadt Frankfurt treu geblieben. Der Posaunist, der das
mehrstimmige Spiel auf seinem Instrument perfektioniert und die Posaune
als Solo-Instrument etabliert hat, stand im Zentrum des 11. Darmstädter
Jazzforums unter dem Titel „Tension / Spannung“. Das Motto war bewusst
gewählt worden, denn mit Tension (1963) und auch Now Jazz Ramwong hat
sich der deutsche Jazz vom amerikanischen Vorbild abgenabelt. Das
damalige Albert Mangeldorff-Quintett wandte sich evolutionär dem neuen
europäischen Jazz zu, denn der Posaunist war, wie Wolfgang Sandner in
seinem biografischen Beitrag zu Recht betont, kein Revolutionär -
während Gunter Hampels „Heartplants“ von 1964 vielen als erste deutsche
(gemäßigte) Free-Jazz-Einspielung gilt.
In 13 Beiträgen beleuchteten Experten 2009 die verschiedenen Facetten
und Einflüsse des Musikers Albert Mangelsdorff. Neben der Person des
Künstlers und dessen Werk waren auch die Verzweigungen des neuen Jazz in
Deutschland und Europa sowie seine Verknüpfungen mit der Soziologie, der
(Plakat-)Kunst und der Historie Gegenstand der Betrachtungen. Da lag es
zum Beispiel nahe, sich mit der vokalen Expressivität im instrumentalen
Spiel zu befassen, wenn ein Musiker wie Albert Mangelsdorff mit seine
Posaune Geschichten erzählt oder eine „Lerche“ singen lässt, wenn
Vokalisten des Jazz von Norma Winston bis Al Jarreau ihre Stimme
instrumental einsetzen. In einem anderen Beitrag liest man mit
Interesse, wie Mangelsdorff und deutsche Jazzer der Musiktradition – in
diesem Fall dem Volks- und Kunstlied- begegnen. „Der rote Faden des
Forums von 2009 ist dabei letztlich die musikalische Offenheit, die
Albert Mangelsdorff vorgelebt hat“, heißt es im Nachspann.
Der Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts, Wolfram Knauer, hat die
Beiträge in einem immerhin mehr als 300 Seiten umfassenden Buch
vorbildlich zusammengefasst und als Beitrag zur Jazzforschung, Band 11,
veröffentlicht. Die Texte sowie die das Forum begleitenden Konzerte sind
durch zahlreiche Bilder dokumentiert und ergänzt.
Das Buch ist beim Wolke Verlag in Hofheim erschienen und kostet 27 Euro
(ISBN 978-3-936000-05-4)
Klaus Mümpfer
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Arturo Sandoval & WDR Big
Band
Mambo Nights
Connector Records 59886-2
Es beginnt eigentlich ganz harmlos mit ein paar Akkorden auf dem Piano.
Doch dann legt die WDR-Bigband mit einer Wucht und Präzision los, als
sei sie mit den Latin-Rhythmen aufgewachsen. In den „Mambo Nights“ und
im Verbund mit dem High-Note-Spezialisten Arturo Sandoval auf der
Trompete verlegen die glanzvoll aufgelegten und technisch vorzüglichen
Musiker aus Köln Süd- und Mittelamerika an den Rhein. Von Mambo bis
Salsa spielen die Bläser vor einer kochend-brodelnden Rhythmusgruppe.
Mit Mongo Santamarias „Sofrito“ gelingt ein bravouröser Einstieg, bevor
in „Come Candela“ Oliver Peters die Flöte flirren lässt und Sandoval in
die hohen Lagen steigt. In „Oye como va“ unterstreicht der
„Stratosphärenbläser“ die Aussagen eines Kritikers, der einmal
feststellte, dass Sandoval in der Höhe Töne blasen kann, von denen man
glaube, dass es sie gar nicht gebe. Andererseits zeigt Sandoval in
„Mayra“, dass er in Balladen sein Instrument auch geschmeidig und warm
sowie sonor blasen kann – zumal er in Frank Chastenier einen sensiblen
Pianisten an der Seite weiß.
Dass die Bigband des WDR gleichermaßen mit solchem Druck und
tänzerischer Leichtigkeit spielen kann, ist sicher auch den überragenden
Arrangements des Leiters Michael Philipp Mossmann zu verdanken, der
zudem mit eigenen Kompositionen beweist, dass er ein besonderes Feeling
für die afrokubanische Musik hat. Beispielhaft dafür steht sein
percussives, latinisiertes Arrangement des Klassikers „Autumn Leaves“.
In Anbetracht des Ergebnisses bleibt die Zusammenarbeit der WDR-Bigband
mit Arturo Sandoval in Köln als eine Sternstunde in Erinnerung.
Vorbildlich ist auch das Booklet gestaltet.
Klaus Mümpfer
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Christof Sänger Trio
Jazzsession Offenbach
Musikhaus André , Katalog-Nummer 1111
Dass Pianist Christof Sänger sich Art Tatum zum Vorbild auserkoren hat,
verraten seine brillante Technik und sein kultivierter Anschlag, den der
Wiesbadener Pianist auch in den für ihn typischen energetischen,
präzisen und rasanten Läufen pflegt. Free-Jazz ist zwar nicht sein Ding,
doch auch im breiten Mainstream lässt sich Sänger nicht eindeutig
einordnen. Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern mit
bravouröser Sicherheit über Stilgrenzen hinweg.
Noch das Spiel seiner CD „Reflections on Art Tatum“ im Ohr, überraschen
der Pianist und sein Trio mit jazzkompatiblen Arrangements von
Kompositionen der Klassiker Mozart und Chopin sowie Interpretationen von
Standards wie Gershwins „The man I love“ und Body & Soul“. Nach einer
eigenwilligen Solo-Einleitung von Arlen´s „Over the rainbow“, in der
Sängers faszinierende Technik mit Verschleppungen, aber auch
flüssig-perlenden Notenketten, Tempo- und Stimmungswechseln aufhören
lassen, fallen Rudi Engel mit trockenen und harmonisch eleganten Läufen
auf dem Kontrabass sowie Kay Lübke mit seinem dezent stützenden
Schlagzeugspiel ein. Beachtenswert ist sein fantasievolles
Schlagwerksolo in „Poinciana“. Chopins „Prelude e-Moll“ und Mozarts
„Vogelfänger“ werden auf den harmonischen Kern reduziert und swingend
transformiert. Dabei erhält Engel auch in der Chopin-Bearbeitung
Gelegenheit für ein ausschweifendes Solo mit verzweigten harmonischen
Variationen.
Auf der CD sind Stücke aus zwei Hofkonzerten des Musikverlags André und
Offenbach vereint, die live auf der Hofbühne in Offenbach mitgeschnitten
wurden. Mozart deshalb, weil der Offenbacher Musikverlag 1799 den
gesamten handschriftlichen Nachlass Mozarts aufgekauft hatte. Zum 250
Geburtstag des Komponisten gewann der Musikverlag 2006 das Sänger-Trio
für ein Konzert mit Mozart-Adaptionen sowie drei Jahre später erneut für
ein weiteres „Jazztrio spielt Klassik bis Standards“.
Mit falscher Bescheidenheit bezeichnet Christof Sänger die Aufnahmen als
Experiment, denn die Arrangements heben sich wohltuend frisch und
unverkrampft von vielen Jazz-Klassik-Symbiosen ab. Beispielhaft soll die
Piano-Einleitung und das anschließende swingende Trio-Spiel der
Mozart-Komposition mit den rasanten Piano-Läufen und dem straight
marschierenden Bass (mit einer überraschenden harmonischen Verzierung)
genannt werden. Hier ist einem technisch virtuosen und inspirierten Trio
eine mitreißende Aufnahmen gelungen.
Die CD ist über Musikhaus und Verlag André Offenbach zu bekommen. Infos
auf
www.jazzsession-offenbach.info
Klaus Mümpfer
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Darmstädter Bigband feat
Herb Geller
Kentomania
Bezug über www.peterlinhart.de
Stan Kentons Musik war nie unumstritten. Auf der einen Seite sprach für
ihn seine Risikofreude insbesondere bei der Erprobung unkonventioneller
Instrumentierungen, auf der anderen Seite gegen ihn sein Hang zu pompös
aufgeblasenen Orchestersounds und sein Credo, dass nicht alles swingen
muss, um als Jazz definiert zu werden. Später stellte er dann doch das
fast ausschließlich aus Studenten bestehende Jazz Orchestra in Residence
vor, das vorzüglich zu swingen verstand.
In diese Tradition hat sich die Darmstädter Bigband mit ihrem
künstlerischen Leiter und Saxofonisten Peter Linhart eingeklinkt. Ihre
CD „Kentomania“ widmen die 15 Musiker dem Werk des stilbildenden
amerikanischen Orchesterleiters. „Darunter ist auch `Indiana`, den das
Ensemble seinerzeit nur live gespielt hat und der somit nie auf einen
Tonträger gepresst wurde“, sagt Linhart. Zu den Stücken, die im Geiste
Kentons gespielt werden, zählen Ohrwürmer, wie der James-Bond-Film-Song
„Live and let die“ und „Malaguena“ oder das balladeske „Send in the
clowns“ mit einem sensiblen Solo des Pianisten Steffen Stütz vor einem
getragenen und sonoren Bläserteppich, der von gleißenden Trompeten
aufgebrochen wird. In solche Klangfarben eingebettet sind auch die
warmen und melodiösen, swingenden Soli des Altsaxofonisten Herb Geller
etwa in „Django“ und „I remember you“. Spannungsreich wechseln sich auf
der CD langsame Themen wie „Decoupage“ und Up-Tempo-Stücke wie „Works“
ab, volltönende und fast bombastische Arrangements wie das
Kenton-Original „Artistry in rhythm“ mit einem treibenden und swingenden
„Indiana“, in dem Geller ein bewegliches Solo bläst.
Insgesamt ist „Kentomania“ zwar ein Denkmal für den unkonventionellen
amerikanischen Orchesterleiter, vor allem aber ein Dokument für die
professionelle Stilsicherheit und Präzision der Darmstädter Bigband, in
deren Reihe neben dem Chef Linhart selbst Musiker wie der Trompeter Ralf
Nöske, der Bassist Udo Brenner oder Bassposaunist und Bigband-Leiter
Chris Perschke spielen.
Die Darmstädter Bigband hat keinen offiziellen Vertreib und so ist die
hörenswerte CD nur über die Website „www.peterlinhart.de“ zu beziehen.
Klaus Mümpfer
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The Tigers of Love
„Un amour fou“
JazzHausMusik JHM 196
„Un amour fou“ ist ein treffender Titel für eine CD, die von der Liebe
zu einem personalisierten Jazzstil zeugt, der von der melodischen und
mehrstimmigen Tradition bis zur Einbeziehung von Geräuschcollagen im
freien Spiel reicht. Der Verzicht auf das Klavier als Harmonieinstrument
sowie das Ausleben des Duo-Spiels von Saxophon und Trompete verleihen
den Kompositionen der „Tigers of love“ mit dem Saxohonisten Alexander
Beierbach, dem Trompeter Steffen Faul, dem Bassisten Denis Jabusch und
dem Schlagzeuger Uli Jennessen eben jenen besonderen Reiz, der vor allem
aus einem kreativen Klangfarbenspiel der Bläser und der percussiven
Energie von Bass und Schlagzeug resultiert.
Es gibt zarte und impressionistisch wirkende Soundmalereien wie im
abschließenden „Very Goode“, zarte, getragene Kompositionen wie
Beierbachs „Tu Luno“ mit melodischer Bläser-Ästhetik sowie einem magisch
wirkenden Duo von ostinaten Bassfiguren und sensiblem Schlagzeug, aber
auch kraftvolle und schnelle Stücke wie „Portasound“ oder das Titelstück
Un Amour Fou“.
„Frei spielen, aber schon Stücke“ hat Beierbach vor Jahren das Konzept
des Quartetts auf den Punkt gebracht. Rhythmische Präzision und
polyphone Mehrstimmigkeit in einer klaren Struktur selbst bei freieren
Improvisationen wie in „Die Allwissende“ lassen keine Langeweile
aufkommen. Das Ausloten von Soundmöglichkeiten der Instrumente in der
Geräuschhaftigkeit und das Setzen von Kontrasten in der Verbindung mit
sich frei entwickelnden melodischen Linien bergen immer wieder
Überraschungen und heben das Quartett über viele Formationen des
zeitgenössischen Jazz hinaus. „Un amour fou“ glänzt darüber hinaus mit
Spielwitz, Humor und Unberechenbarkeit. Eine wahrhaft verrückte, aber
auch unwiderstehliche Liebe.
Klaus Mümpfer
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Joachim Staudt Quartett
„Drop in the ocean“
Personality records PR06
„Drop in the ocean“ mahnt zur Besinnung und Ruhe, in der die Kraft des
Ausdrucks liegen kann, wie auf diesem Album des Saxophonisten Joachim
Staudt. Man findet den Namen des Musikers auch unter den Stichworten „Nostalgia“
und „Dinnerjazz“, Ersteres mag zutreffen, das Zweite bestimmt nicht,
denn bei aller Traditionsverbundenheit und Romantik ist die Musik des
Quartetts mit dem gleichermaßen virtuosen Gitarristen Frank Kuruc, dem
Bassisten Axel Kühn und dem Schlagzeuger Daniel Kartmann voller Tiefe,
Seele und harmonischer Schönheit. Manche Passagen – so das filigrane
Gitarrenintro in „Long way home“ klingen zwar vertraut, doch das nimmt
ihnen nicht den ästhetischen Reiz. Der Bassist hält sich mit Ausnahme
weniger Soli wie in „December Song“ ebenso dienlich im Hintergrund wie
der flexible Schlagzeuger und bildet mit ihm ein elastisches Fundament
für die weit geschwungenen Melodiebögen von Gitarre und Saxophon.
Unaufgeregt und unspektakulär sei die Musik heißt es in der Promotion.
Aber gerade dies macht „Drop in the ocean“ so aufregend sowie zugleich
melancholisch entspannend. Das Staudt-Quartett beweist, dass
Kultiviertheit und kammermusikalische Disziplin eine gefangen nehmende
Emotionaliät nicht ausschließen.
Natürlich darf der Jazz-Fan beim Joachim Staudt-Quartett keine neuen
Sounds und experimentellen Klangfarben erwarten. Diese einfach
scheinende und doch komplexe Musik ist ganz einfach „nur“ schön und wie
in „Light on water“ von geradezu nordischer Ruhe.
Klaus Mümpfer
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Thomas Bachmann Group
Seiltänzer
Konnex KCD 5252
Der „Seiltänzer“ setzt mal bedächtig Fuß vor Fuß, springt ein anderes
Mal keck auf dem Hochseil und landet dennoch immer wieder sicher. Ganz
so geht es dem Saxophonisten Thomas Bachmann in dem gleichnamigen
Titelstück der neuen CD seines Trios mit dem Bassisten Ralf Cetto sowie
dem Schlagzeuger und Percussionisten Uli Schiffelholz. Die Musik der
Eigenkompositionen pendeln zwischen getragenem Wohlklang und
energiegeladener Up-Tempo-Expression. „Swith“ ist ein Titel, in dem der
Saxophonist schnelle Läufe hinausrotzt, der Bassist mit komplexen
Harmonieclustern seinen Bass bis ins Geräuschhafte führt und der
Schlagzeuger mit ihm zwischen Rhythmusmustern hin- und herspringt.
Bachmanns Sol mit überblasenen Stakkati erinnert an den
Bassklarinettisten Eric Dolphy, dem er mit „Dolphy Dance“ später eine
gesonderte Komposition widmet. Bachmann ist ein überaus emotionaler
Spieler, was nicht nur in den beiden Soloimprovisationen erkennbar wird.
Manche Stück scheinen weitgehend notiert zu sein, andere lassen viel
Freiraum für Improvisationen. In allen Stücken überzeugt das traumhafte
Zusammenspiel sowie die sensiblen Interaktionen in den Zwie- und
Tri-Gesprächen. „Twistin“ sowie „Wer hat Angst vor dem Schrammelblues“
sind mit nervösen und repetitiven kurzen Akkordfolgen typische Beispiel
für die eigenwillige percussive Spielweise des Trios, während das
nachfolgende „Seltsam still“ wiederum den bekannten klassisch geschulten
Saxophonisten Bachmann mit weit schwingenden getragenenen Läufen
präsentiert. Cetto begleitet dann die cantablen Linien mit einem
gitarrengleichen Bass-Spiel zur flexiblen Trommel- und Beckenarbeit.
„Ein hartes Stück Arbeit“ klingt durchaus leicht beschwingt mit dem
bestechend schönen und harmonisch reich verzierten Bass-Solo, dem
dezenten Schlagzeug-Hintergrund und den schnellen Saxophon-Läufen. Dies
ist kein Trio mit einem Vormann und zwei Mitspielern, sondern ein Team
gleichberechtigter Partner, auch in der musikalischen Aussagekraft.
Mit folkloristischem Klangfarben und tänzerischen Rhythmen windet sich
zum Schluss „Reif für die (grüne) Insel“ in die Gehörgänge. Nach einer
straight gezupften Bass-Basis folgt ein harmonisch raffinierter Lauf,
während die schnellen Bläserlinien von genregerechtem Trommelspiel
unterlegt werden.
Klaus Mümpfer
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Swing Kids
„Stella by Starlight“
(Bezug über die Immanuel Kant Schule Rüsselsheim, Evreuxring 25,
65428 Rüsselsheim, Tel- 06142 60339-0
Die lässig relaxte Einleitung des Pianisten Sebastian Groël trifft gut
den Charakter des Moten-Swing, der in seiner reduzierten Form stark an
den Klavierstil und die Riffs von Count Basie erinnert, der in seiner
Frühzeit in der Moten- Bigband in die Tasten griff. Auch das
anschließende „Bye-Bye Blackbird“ ist zwar nicht von kompositorischer
Raffinesse geprägt, aber es bildet eine harmonische Grundlage für ein
einfühlsames Solo des Posaunisten Moritz Wesp. Die IKS-Swing-Kids
verfügen über eine Vielzahl von für ihr Alter erstaunlich eigenständigen
und reifen Solisten, unter denen zweifellos die Altsaxophonistin Johanna
Klein, der noch sehr junge Fabian Dudek am Tenorsaxophon, mit Monk´scher
Anlehnung der Pianist Nico Hering in „Tristesse“, der Gitarrist
Christian Peter in „Revelation“ sowie mit Billie Holidays „God Bless The
Child“ die Sängerin Marina Galm hervorgehoben werden können. Ganz
abgesehen vom Jan Peter Linay am Schlagzeug, der mit Groël die
vorliegende CD „Swing Kids by Starlight“ produziert hat.
Die Big Band der Rüsselsheimer Immanuel Kant Schule erweckt auf ihrer
jüngsten CD „Swing Kids at Starlight“ eine Reihe bekannter Standards mit
eigenständigen Arrangements zu neuem Leben, auch wenn sich die Leiter
Jens Hunstein, Heiko Hubmann und Horst Aussenhof wie beim Finale der
Blues-Ballade „Stolen Moments“ durchaus an die Worte des Komponisten
Oliver Nelson halten, der lapidar anwies „Das Stück endet ruhig.
Makellos sind die Präzision der Einsätze, die Geschlossenheit des
kompakten und zugleich differenzierenden Bläser-Satzes in Unisono- wie
in mehrstimmigen Tutti sowie die solide Unterstützung der
Rhythmusgruppe, die mit Breaks kurze solistische Glanzlichter in den
Big-Band-Sound setzen. Dirigent Hunstein hat die Big-Band in getragenen
wie in Up-Tempo-Stücken fest im Griff. Dass die Band bei diesem
technischen Vermögen sich erfolgreich mit humorvollen Einlagen versucht,
kann der Hörer nachvollziehen, wenn die Swing Kids in „I Wanna Be Like
You“ die Laute von Tieren der afrikanischen Steppe interpretieren.
Von besonderem Reiz ist in der Ballade „Stella by Starlight“ das
Klangfarbenspiel, das das Saxophon von Markus Lihocky in einen ruhig
fließenden Bläserteppich einbettet und später umspielt, sowie der von
einem Drum-Break eingeleitete schnelle Mittelteil, nach dem die Band
wieder zum getragenen Thema zurückkommt. Gelungen ist das tänzerisch
beschwingt „Tristesse“ und vor allem das abschließende „Revelation“, das
nahezu sakral und hymnisch beginnt, um dann treibend zu grooven.
Bewiesen haben die IKS Swing Kids ihr musikalisches Können in mehreren
Wettbewerben. In diesem Jahr gewann die Band der Tom-Gaebel-Preis im
bundesweiten Skoda-Wettbewerb des Deutschen Musikrates, in den Jahre
2006, 2008 und 2010 gleich dreimal an Schul-Big-Band-Wettbewerb des
Hessischen Rundfunks. Lohn für dieses Triple waren Aufnahmen im Studio
des „hr“, wo diese vorbildlich abgemischte CD „Swing Kids by Starlight“
entstanden ist.
Klaus Mümpfer
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Massoud Godemann Trio
Open Letter
Sena music Edition (LC10545)
Selbst Free-Interaktionen mit Bogenstrichen auf den Becken und
hingetupften Single-Notes auf der Gitarre verraten den Hang des
Komponisisten und Gitarristen Massoud Godemann zur ästhetisch geprägten
Klangmalerei. Wenn dann noch wie in „OpenRange“ ein gestrichenes
Bass-Solo Assoziationen an die europäische Romantik weckt, dann
charakterisiert der oftmals lediglich als Klischee missbrauchte Begriff
von „kammermusikalischem Jazz“ die Musik des Massoud Godemann Trios im
besten Sinne des Wortes. Doch die Klangästhetik ist nur eine Seite des
persischstämmigen Hamburger Künstlers Godemann. „Graviton Blues“ zeigt
als schnelles, expressives und groovendes Stück die andere Seite der
Seele eines Komponisten, der mit seinem Instrument zu den Poeten im
zeitgenössischen Jazz zählt, der allerdings niemals die Tradition und
Verwurzelung im Swing leugnet.
Reizvoll an der neuen CD des Trios mit dem Gitarristen Massoud Godemann,
dem Bassisten Gerd Bauer und dem Schlagzeuger Michael Pahlich sind die
Kontraste, die in Kompositionen etwa von „Shades of Colour“ stecken: die
verspielte und transparente Leichtigkeit sowie der erdige und treibende
Groove – Impressionen und Expressionen zugleich. Kontraste, die von den
beiden Saiteninstrumenten getragen und vom gleichermaßen
sensibel-flexiblen wie percussiven Schlagzeugspiel unterstrichen werden.
Faszinierend sind in dem virtuos eingespielten Trio sowohl die
filigranen Soli auf der Gitarre und die harmonisch abgerundeten
Basslinien sowie die einfühlsamen Zwiegespräche Godemanns und Bauders.
Das homogene Klangbild wäre auch undenkbar ohne die dienliche
Untermalung und Unterstützung Pahlichs auf Trommeln und Becken.
Klaus Mümpfer
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Wolfgang Dauner solo
Tribute to the past
HGBS 20012 (CD und limitierte Vinylauflage)
Wolfgang Dauners „Et Cetera“
Knirsch
HGBS 20013
„Seikilos Lied“steht als Beispiel für spielerische Ökonomie und
schlichte Schönheit. Ein paar Bassakkorde, singbare Single-Note-Linien
und archetypische Melodiefragmente charakterisieren dieses nahezu 2000
Jahre alte Motiv, von dem der Pianist Wolfgang Dauner sagt, dass es
eines der ältesten vollständig erhaltenen Musikstücke sei. „Tribute to
the past“ nennt er aber nicht nur deshalb seine neue Solo-CD, die er auf
dem legendären Bösendorfer Grand Imperial des früheren MPS-Studios im
Schwarzwald eingespielt hat. Die perlenden, romantisch inspirierten,
oftmals beschwörend repetitiven, manchmal offensichtlich suchenden und
immer verspielten Tastenkünste des Musikers, der in diesem Jahr das 75.
vollendet, zaubert jene Stimmungen herbei, die die Zuhörer überkamen,
die vor Jahrzehnten die legendären Wohnzimmerkonzerte im Haus von Hans
Georg Brunner-Schwer miterleben durften.
Mit „Tribute to the past“ verneigt sich ein Pianist, der sich in
ungezählten Eigenkompositionen eigenständig und unverwechselbar
verwirklich hat, vor den großen Komponisten der Vergangenheit – vor
Jerome Kern, Richard Rogers und vor allem vor George Gershwin. „It ain´t
necessarily so“ und „Summertime“ belegen beispielsweise, wie virtuos
Wolfgang Dauner kreativ über ein Thema improvisieren kann, ohne das
Original aus dem Auge und Ohr zu verlieren. Die Soloimprovisationen sind
schlank und transparent und lassen vielleicht gerade deshalb die
Schönheit der Musik voll zur Geltung kommen.
Natürlich lässt Dauner auch die eigene Vergangenheit nicht vergessen.
„Wendekreis des Steinbocks“ bleibt - wie bei der jüngsten Tournee mit
den German Jazzmasters - auch auf der Solo-CD selbst bei der x-ten
Interpretation ein Erlebnis. Zum Schluss verneigt sich der Pianist mit
„Blue Night“ vor seinem verstorbenen Mäzen Brunner-Schwer und dankt
damit zugleich dessen Sohn Mathias, der neben der neuen Solo CD auch die
unvergessene Aufnahme „Knirsch“ mit Wolfgang Dauners „Et Cetera“ aus dem
Jahr 1972 wieder aufgelegt hat.
Klaus Mümpfer
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Echoes of Swing
Message from Mars
EOSP 4506 2
„Echoes of Swing“ ist ein treffender Name für ein Quartett, das sich
ganz dem Jazz der Zwanziger bis Vierziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts verpflichtet fühlt. Seine Musik ist gleichsam ein Echo des
Swings aus jener Zeit – allerdings aufgefrischt und so mit großem
Einfühlungsvermögen in die heutige Zeit gerettet. Dass den Zuhörer nicht
das Gefühl überkommt, in einem musikalischen Museum zu sein, liegt unter
anderem an der ungewöhnlichen Besetzung dieses Quartetts, das auf einen
Bassisten verzichtet, dafür aber gleich zwei Bläser an die Front
schickt: den Trompeter Colin T. Dawson und Chris Hopkins am Altsaxophon.
Für den rhythmischen Part sorgen der sensibel-flexible Drummer Oliver
Mewes und vor allem der vorzügliche Stride-Pianist Bernd Lhotzky mit
seinen kunstfertigen beständigen Wechseln von Bass- und Akkordgriffen
der linken Hand. Stimmungen des traditionellen Jazz unterstreichen die
Bläser mit oftmals gestopften Instrumenten.
Für Abwechslung im Programm der gerade erschienenen neuen CD „Message
from Mars“ sorgen Kontraste etwa von der Billie Holiday-Ballade „Don´t
explain“ und dem nachfolgenden Up-Tempo-Stück „Butterfly-Chase“. In den
Balladen erweist sich Dawson als beseelter Sänger, dem Hopkins mit
ebenso sanften und singenden Linien auf dem Altsaxophon antwortet.
Lhotzky, der in vielen Kompositionen, wie auch dem Titelstück, das
Quartett mit der linken Hand vorantreibt, kann sich in „Odeon“
solistische voll ausspielen, zeigt aber in anderen Stücken mit wenigen
eingestreuten Single-Notes, dass er mit der Ökonomie virtuos umzugehen
weiß.
Mal liebäugelt „Echoes of Swing“ mit Duke Ellington, dann wiederum
bearbeitet das Quartett humorvoll und frech die „Gavotte“ von
Schostakowitsch. Mit ihren originellen Bearbeitungen selten gehörter
Kompositionen aus der Jazzhistorie aber auch von so unterschiedlichen
Künstlern wie Fritz Kreisler oder Frederic Chopin kreieren die Vier
einen pointenreichen, feinsinnigen, leichtfüßigen und ungeheuer
swingenden Jazz, der auch in der dynamischen Ausgewogenheit der
Instrumente besticht. „Unser Anliegen ist es, gute Musik zu spielen und
Spaß dabei zu haben“ sagt Hopkins. Das kann der Freund des
traditionellen Jazz beim Zuhören nachvollziehen.
Klaus Mümpfer
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Papa Bue 80at80
Papa Bue Birthday Anniversary (4 CD Boxset)
Challenge Records / Storyville 1088610 (Vertrieb Sunny Moon)
1956 gründete der dänische Posaunist Arne Bue Jensen „Papa Bue´s Viking
Jazzband“. Vier Jahre später spielte er mit dieser Formation seinen
ersten großen Hit „Schlafe mein Prinschen“ (Schlafe mein Prinzchen“)
ein. 1996 feierte der Künstler mit einem Gala-Konzert im Kopenhagener
Tivoli das 40-jährige Bestehen der Band. Nun ist zum 80. Geburtstag des
Posaunisten, Komponisten und Bandleaders am 8. Mai 2010 eine Kasette mit
vier CDs erschienen, auf der fast alle bemerkenswerten Stücke der Viking
Jazzband sowie einige Einspielungen aus dem Jahr 1954 zu hören sind, als
Papa Bue in der Bohana Jazzband von Hans Borge Janson die Posaune blies.
Der Titel der Box „Papa Bue
80 at 80“ verrät bereits, dass Challenge Records / Storyville den
Altersjubilar mit je einem Stück pro Lebensjahr ehrt. Allerdings sind
mit den 80 Einspielungen lediglich die Jahre bis 1978 abgedeckt. Zu
hören ist auf der ersten CD neben der genannten Bohana Jazzband, Papa
Bue´s New Orleans Jazzband sowie die Viking Jazzband mit George Lewis.
Auf den weiteren CDs trifft die Band auf Champion Jack Dupree, Wingy
Malone, Edmond Hall, Wild Bill Davidson sowie den famosen Pianisten Art
Hodes. Unter den 80 Hits sind natürlich „The Enterainer“, Creole Love
Call“, Tailgate Ramble“, „Lazy River“und zahlreiche andere Standards,
aber auch jene kommerziellen und von den Puristen gerügten Einspielungen
von „O Sole Mio“, „Isle of Capri“ und das berühmte „Schlafe mein
Prinschen“ aus dem Jahr 1960 zu hören.
Alle Aufnahmen wurden in
Kopenhagen produziert, wobei die ältesten mit der Bohana Jazzband
klanglich den technischen Stand der 50er Jahre widerspiegeln.
Papa Bue war zweifellos stark kommerziell ausgerichtet, hat vielleicht
gerade wegen dieser publikumsorientierten Spielweise aber viel zum
Erhalt des traditionellen Jazz und seiner Dixie-Revival-Variante
beigetragen. Viel Wert legte der Bandleader auch trotz mancher
personeller Wechsel auf den swingenden und nostalgischen Sound seine
Wikinger. Dass er dies über Jahrzehnte konsequent durchhielt, davon
zeugt die Kasette.
Klaus Mümpfer
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Jazzgems
By Chance
Mons Records MR 874482
Die Flötistin Stephanie Wagner ist eine vielseitige
Künstlerin, die sich in mehreren Formationen wiederfindet und dabei in
allen ihre Persönlichkeit unüberhörbar einbringt. Das gilt für das Trio
„Jeeep“, das in diesem Frühjahr seine neue CD vorlegte. Dies gilt auch
für ihr Duo-Projekt „Jazzgems“ mit der Pianistin und Sängerin Karmen
Mikovic. „By Chance“ ist der Titel und in der Tat bieten die
geschmackvoll ausgewählten Kompositionen den beiden Künstlerinnen eine
große Chance, die Titel auf eine eigenständige Weise neu zu
interpretieren. So entstehen „Jazzjuwelen“, die dem Namen des Duos
gerecht werden.
Wagners Flötenkunst
verleugnet auch im flirrenden, percussiven und leicht überblasenen Spiel
zum ebenso percussiv angeschlagenen Piano und dem passenden Gesang etwa
bei Scofields „Kool“ niemals ihren romantischen Hintergrund, der sich
wie ein roter Faden durch alle Stücke zieht. Tastend, verspielt und
verträumt eröffnet Mikovic die Ellis-Komposition „Variations for trumpet“,
Wagner fügt schwebende Flötenklänge ein, bevor die beiden Künstlerinnen
hymnisch-hypnotisch das Thema mit klarem Flötenklang zu ostinaten
Pianogriffen variieren.
„By Chance“ ist eine CD für
romantische Stunden, relaxend und dennoch aufregend („Leroy“ mit
originellem Text der Sängerin), von natürlicher Schönheit und reifer
Abgeklärtheit („Softly, as in a morning sunrise“). Ein wahrhafter Genuss
.
Klaus Mümpfer
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Abdullah Ibrahim & Ekaya
Sotho Blue
Intuition INT 3433 2
Die Verbindung von Jazz und Folklore aus Südafrika ist
untrennbar mit der Person Abdullah Ibrahims verbunden, der einst als
Dollar Brand nach Europa kam, von Duke Ellington entdeckt wurde und sich
heute diesem offenbar wieder nähert. Jedenfalls klingt seine CD „Sotho
Blues“ mit Neuinterpretationen von Songs aus den zurückliegenden 25
Jahren jazziger und ist nicht mehr von jener überbordenden Hymnik und
dem beschwörenden, repetitiven Spiel dominiert, die seine Trio-und
Solo-Einspielungen so hypnotisch wirken ließen.
Dies liegt nicht nur, aber
auch daran, dass er die Ekaya-Gruppe aus dem Beginn der 80er Jahre
wiederentdeckt hat und vier Bläser den Sound des Trios mit Bass,
Schlagzeug und ihm am Flügel ausweiten lässt. Das Titelstück weckt in
seinen Klangfarben Assoziationen an den Duke. In “Abide“ wiederum greift
der inzwischen legendäre und in seiner Art unerreichte Künstler wie
bislang in die Tasten – meditativ, poetisch und hymnisch. Insgesamt
jedoch präsentiert Ibrahim mit Ekaya einen Sound, der minimalistischer,
ja fast nüchterner anmutet, stärker swingt, Choräle, Gospel und Blues
hintergründig einbezieht und vor allem in den Soli von Posaune und
Saxophonen aber auch des Bassisten wie in Nisa eher am Jazz als an der
Afrika-Folklore orientiert ist. Ganz anders wiederum in „Mountain“ mit
dem Flötisten Cleave Guyton oder in „Glass Enclosure“.
Ekaya bedeutet für Abdullah
Ibrahim „Heimat“ im mehrfachen Sinn – Verwurzelung in der Tradition
Südafrikas und der von New Orleans. Insofern ist „Sotho Blue“
musikalisch abwechslungsreicher als zurückliegende Einspielungen, was
aber nicht bedeutet, dass jene im Vergleich an Spannung und
Emotionalität geringer zu achten wären. „Sotho Blue“ist eben nur ein
bißchen anders – vielleicht auch ein wenig „jünger“.
.
Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling / Daniel
Prandl
Ballads
Jazz´n´Arts JnA 5010
Der Bassist Dieter Ilg hat
Dieter mit seinen grandiosen Bearbeitungen deutscher Volkslieder auf der
1997 erschienen Trio-CD „Folksongs“ eine Vorreiterrolle übernommen und
mit jener Einspielung höchstes Lob geerntet. Nun hat der Mannheimer
Trompeter und Flügelhornspieler Thomas Siffling im Duo mit dem Pianisten
Daniel Prandl seine CD „Ballads“ vorgelegt, auf der er ebenfalls
Volksliedern neuen Atem einhaucht und mit Sicherheit gleichermaßen
Lorbeeren einheimsen wird.
Der Trompeter, der sich bisher vor allem dem Nu-Jazz verschrieben hatte,
konzentriert sich dieses Mal voll und ganz auf den „reinen“ Jazz. Diese
ruhige und entspannte Musik harmoniert vorzüglich mit dem warmen und
sensiblen Ton und den meist schwebenden Klängen auf den Blasinstrumenten
sowie den verspielten und verträumten Linien auf dem Flügel.
Die Motive von „Lalelu“, von
„Alle Vögel sind schon da“ oder „Hänschen klein“ klingen vertraut und
anheimelnd, werden im Verlauf des Spiels variiert und aufgelöst, ohne
aber ihre Grundstimmung zu verlieren. Reizvoll sind zudem die Tempi, in
denen das Duo die Themen neu formt. Ohne Bruch und stimmig integriert in
dieses Konzept sind außerdem Eigenkompositionen der beiden Künstler wie
„Remember“, „Abendlied“oder „Elegie“.
„Ballads“ zählt ohne Zweifel
in ihrer Reife und Abgeklärtheit zu einer der ästhetischsten und
schönsten Einspielungen der zurückliegenden Zeit. Sie ist gerade wegen
ihrer Verwurzelung in der Tradition und der Intimität des Zusammenspiels
ungeheuer aufregend.
Klaus Mümpfer
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Cécile Verny Quartet
„keep som secrets within“
Minor Music MM 801139
Cécile Verny hat eine originäre Art entwickelt, ihren Jazzgesang zu
präsentieren. Gefühlvoll, aber nie sentimental. Reif und aus ihren
persönlichen Erlebnissen resultierend, sind ihre Texte, abwechslungsreich
und ausdrucksstark ihre Interpretationen. In dieser Eigenständigkeit ist
sich die Sängerin, deren familiären Wurzel in Frankreich und der
afrikanischen Elfenbeinküste liegen, treu geblieben, hat sich wechselnden
souverän „Moden“ entzogen.
Auch die neue CD mit dem
treffenden Titel „keep som secrets within“ steht in dieser Tradition. So
hat Cécile Verny selbstverständlich wieder ein paar französische Texte
eingestreut und wie in „J´en ai bien assez“ den Chanson-Touch mit der
Jazz-Phrasierung verschmolzen. Ihre Stimme reicht von der lebhaften
Extrovertiertheit bis zum sanft-melancholischen Blick nach innen.
„Herzerwärmend und kitschfrei“ lobt die Plattenpromotion ihre Kunst zu
Recht.
Nuancen- und
abwechslungsreich, aber ohne große Überraschungseffekte ist „keep som
secrets within“. Das gilt auch für die solide Begleitband, in der der
Bassist einige harmonisch reizvolle Soli zupft. Das Cécile Verny Quartet
bietet niveauvolle und herzerwärmende Unterhaltung, die sich wohltuend
von vielen gleichartigen Produktionen im Hauptstrom des Jazz abhebt –
für ein wohliges Erschauern reicht es, nicht aber für Herzklopfen, wie
beispielhaft „Song for the loved ones“ belegt.
Klaus Mümpfer
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Susan Weinert
„Thoughts and Memories“
Toughtone TTR 2305-2
Die Gitarristin Susan Weinert ist eine Meisterin des filigranen
Klangfarbenspiels. Dies zeigt sich besonders in den rein akustischen
Aufnahmen wie auf ihrer neuesten CD „Thoughts and Memories“, zu der sie
den Duo-Sound mit einem impressionistischen Rhythmusgeflecht des
Percussionisten David Kuckhermann unterlegt und zugleich abrundet.
Mit der elektrischen Gitarre
kann Susan Weinert in groovendem Spiel aggressiv treiben, auf dem
akustischen Instrument wirkt ihr Spiel stärker introvertiert und selbst
in den schnelleren Stücken wie in „A Week in June“ relaxed. Ihr
Personalstil ist so ausgeprägt, dass man sie bereits bei den ersten
Single-Notes identifizieren kann. Die Gitarre mit den Nylon-Saiten
klingt warm und so verschmilzt ihr Klang geradezu mit dem melodiösen und
fast sanften Sound des Kontrabasses ihres Ehemannes und musikalischen
Partners Martin Weinert. Er ist ein Künstler, dessen entscheidenden
Beitrag zum Klangbild man wohl erst registrieren würde, wenn er fehlte.
Wie kreativ sein Spiel ist, zeigt sich in den Soli wie in dem schnellere
„Go on“ und vor allem sowohl gestrichen als auch gezupft in finalen „Liftime
Duo“. In die sonstigen sensiblen Interaktionen fügt sich Kunckhermann
mit fein abgestimmtem Hand- und Fingerdrumming ein.
„Thoughts and Memories“ ist
– wie der Titel vermuten lässt – eine besinnliche und vor allem
ästhetisch wunderschöne Einspielung, die zur „inneren Ruhe“ (so einer
der Titel) einlädt, ohne zugleich einlullend oder eintönig zu sein. Es
ist vielmehr ein „an- und aufregender“ Genuss dem ausfeilten und
raffinierten Spiel des Trios vom ersten bis zum letzten Ton zuzuhören.
Klaus Mümpfer
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Alexander von
Schlippenbach
Live in Berlin
Jazzwerkstatt jw 2003
Die Improvisationen des Pianisten Alexander von Schlippenbachs gleichen
einem stetigen Energiefluss. Mit mühsam gebändigter Kraft meißelt der
1938 in Berlin Geborene die Akkorde in die Tasten. In rasenden Läufen
wie in leisen suchenden Single-Notes entwickelt von Schlippenbach
ungestüme Energie, die sich auf die Mitspieler überträgt – sei es das
Trio mit dem Saxophonisten Evan Parker und dem Schlagzeuger Paul Lovens
oder gar die Großformation des 1966 gegründeten und bis heute
weiterentwickelten Globe Unity Orchestras.
Mit einer im September 2008
in Ton und Bild aufgenommenen DVD werden auf fast zwei Stunden
komprimiert die drei im deutschen Free-Jazz seit 1964 stilbildenden
Facetten des vielfach geehrten Pianisten, Bandleaders und Komponisten
live dokumentiert: Alexander von Schlippenbach solo, im Trio und mit dem
Globe Unity-Orchestra.
Über die Musik mehr zu
schreiben, bedeutete, die Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb sei die
bildhafte Umsetzung auf einer DVD in den Vordergrund gestellt. Der Film
intensiviert zwar das akustische Erlebnis, doch zur adäquaten Umsetzung
der Musik in Bilder reicht ein Abfilmen der Musiker nicht aus.
Vielleicht war ein solcher Film gar nicht angestrebt. Weil die Musik
aber so aufregend und emotional attackierend über die gesamte Zeit die
Spannung, aufrecht erhält, sieht der Zuschauer über die Immobilität der
Kameraführung hinweg. Mehr Schnitte und Abwechslung zwischen Totalen und
Großaufnahmen würden schon befriedigen – ganz abgesehen davon, dass etwa
in der Trio-Passage nicht der Schlagzeuger oder Pianist gezeigt werden
sollten, wenn gerade der Saxophonist seine bekannten endlosen
Zirkular-Läufe bläst und Großaufnahmen könnten die Spannung im Gesicht
des Pianisten bei seinen energetischen Explosionen unterstreichen. Mehr
Bewegung erfasst der Kameramann naturgemäß bei den Stücken des Globe
Unity Orchestras und seiner Solisten.
Die DVD aus der Berliner
Jazzwerkstatt ist deshalb vor allem als Dokumentation und akustischer
Überblick zuempfehlen. Interessant ist auch das Interview Christian
Broeckings im Booklet – vor allem wegen der klugen und informativen
Antworten von Schlippenbachs, die oftmals weit über die eigentliche
Frage hinausweisen.
Klaus Mümpfer
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Daniel Schenker
Jardim Botanico
Musiques Suisses MGB Jazz 2
Der botanische Garten des Schweizer Trompeters Daniel
Schenker ist mit viel Kreativität angelegt und sorgfältig gepflegt. Im
Neo-Bop beheimatet, pflanzt der 1963 geborene Musiker mit auserlesenem
Geschmack geschmückte Klang-Beete, die zugleich dekorativ und sensibel
ausgestaltet sind. Schenker ist ein Poet und Lyriker auf seinem
Instrument. Seine Einfühlsamkeit geht selbst in den schnellen Stücken
wie „Cascade“ und „Leaving the post“ nicht verloren – auch wenn er wie
im Letzteren die Stakkati mit spitzem und kraftvollem Ansatz bläst.
Typisch für ihn und sein Quartett mit dem Schlagzeuger Elmar Frey, dem
Bassisten Dominique Girod und dem mitreißenden Pianisten Stefan Aeby ist
jedoch eher „KL blue“, in dem er lyrisch und licht mit der gestopften
Trompete an den frühen Miles Davis oder Chet Baker erinnert. Eine
klassische Ballade im klassischen Quartett ist „Moon Palace“, das
Schenker getragen und warm auf dem Flügelhorn eröffnet, während ihn Aeby
mit einigen hingetupften Single Notes begleitet, bevor der Pianist zu
einem verspielten Solo mit perlenden Melodieläufen kommt. Im Titelstücke
baut das Quartett über verzwickten Rhythmen mit ostinaten
Harmoniegriffen auf dem Bass weite Spannungsbögen, in die sich Drummer
Frey organisch mit einem vielschichtigen Solo einfügt.
Die Musik des Schenker-Quartetts swingt elegant und raffiniert, ohne
dass Emotionen darunter leiden. Der Zuhörer kann sich entspannen und
genießen. Gewiss, das ist alles nicht neu, aber langweilt dank der
Virtuosität und Spielfreude keinen Moment.
Klaus Mümpfer
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Eric Schaefer
Henosis
Traumton 4536
Der Schlagzeuger, Elektroniker und Komponist Eric Schaefer belegt mit
seinem Kammermusik-Zyklus „Henosis“, dass die Innovationen auf dem
weiten Feld des zeitgenössischen Jazz vor allem in den Grenzbereichen zu
entdecken sind. Die Frage, ob die 13 Stücke für ein Kammermusikensemble
noch dem Jazz oder eher der E-Avantgarde zuzuordnen sind, stellt sich
beim Anhören nicht mehr. Hier treffen sich ein frei improvisierendes
Quintett, „free“ bis hin zum Geräuschhaften, und das Athena
Streichquartett mit notierten Passagen; also zwei Welten, die bei aller
Freiheit durch die innere Logik der Kompositionen zusammengehalten
werden – was vor allem in „Vilnius Antiphon“, dem neunten der 13 Stücke,
deutlich wird.
Das Ergebnis konnte gelingen, weil alle Musiker sich mit größtmöglicher
Offenheit aufeinander zu bewegen und sensibel kommunizieren. Michael
Thieke und Uwe Steinmetz lassen Saxophone und Klarinetten jubilieren und
tanzen, Carsten Daerr unterlegt auf dem Piano die Streicher mit
Akkordeinwürfen und Single-Notes.Die oftmals pointilistischen
Klanggemälde verklingen mal leise in gestrichenen Bass-Sounds und
Glöckchenklang oder brechen sich wie in „Geogramma“ eruptiv in
Kollektiven beider Gruppen Bahn.
Eric Schaefer selbst nimmt die Gelegenheit zu einem eher konventionellen
und melodiösen Solo erst in „Doppelstern“, dem zehnten Satz des
suitenartig angelegten Werkes wahr. Anschließend darf bei „Sphaira“
Bassist Oliver Portratz sich im Solo harmonisch verrenken, um in Altered
Perspective“ dem Streichquartett mit einer geradezu klassischen
getragenen Stimmung Platz zu machen, die dann doch tonal ungebunden von
gezupften und angerissenen Saiten aufgebrochen wird.
„Henosis“erzwingt intensives Zuhören, was dank der Spannungsbögen und
des Klangfarbenreichtums sowie des reizvoll kontrastierenden
Instrumentariums leicht fällt. Diese 13 Stücke für Kammerensemble (und
frei improvisierende Jazzer) hat auch die Jury des SWR-Jazzpreises
überzeugt, die Eric Schaefer in diesem Jahr die Auszeichnung zukommen
lassen.
Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
Ossicles
NORCD10100, OZ 034 CD ozella
„Norskjazz no“ oder „norwegischer Jazz“ hatte der Saxophonist Karl
Seglem eine frühere CD genannt. Der Künstler, der auch Goat Horns
(Ziegenhörner) spielt und in seinen Gruppensound die Hardanger Fiddle
integriert, weitet den Klangkosmos ständig aus, überschreitet
Stilgrenzen und bleibt in allem doch in der Folklore seiner norwegischen
Heimat tief verwurzelt.
Auf seiner neuesten CD „Ossicles“ verbindet er die skandinavische
Folk-Tradition mit der verwandten gälischen Melodik und Rhythmik etwa in
„Det Siste Norske Trolet“, bezieht aber auch fernöstliche Motive und
Harmonien mit ein, wenn er eine Komposition den pakistanischen Musikern
Saghir Ali und Mohammad Ashger widmet, oder er nimmt Anleihen in
Westafrika auf bei „The Ornes Song“. Dazu hat Der Bandleader zu seinem
eh schon außergewöhnlichen Instrumentarium rundet die Klangfarben mit
der westafrikanischen Ngoni und dem Antilopenhorn ab und hat gleich drei
Percussionisten geholt.
In dieser Melange aus Reggae-Rhythmen, pakistanischen und afrikanischen
Metren, allesamt auf der Grundlage skandinavischer und gälischer
Folklore und eingebettet in Elektronik, wirkt nichts aufgesetzt oder
fremd. Alles ist stimmig zu einem Gesamtklang verschmolzen, der ins Ohr
geht – ganz so wie es der Titel Ossicles oder „Gehörknöchelchen“
verspricht. Ohne diese drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers
im Mittelohr wäre der Mensch kaum zum Hören fähig. Dass Seglem
paradoxerweise in der nordischen Kühle Emotionen glühen lässt, ist wohl
das Geheimnis der assoziativen Kraft und Direktheit, mit der seine Musik
anspricht. Er habe bei den Aufnahmen magische Momente erlebt, sagt
Seglem. Diese Magie und Mystik teilt sich dem Zuhörer mit und lässt ihn
nicht wieder los.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Norbert Stein „Pata Horns
& Drums“
Silent Sitting Bulls
Pata Music 20
Das Saxophon schreit schrill, das Euphonium grummelt in den Tiefen, die
Flöte sirrt und flirrt, das Schlagzeug füllt den musikalischen Raum der
drei Bläser, die umeinander spielen und parlieren mit einem treibenden
Pulse. Der Komponist und Musiker Norbert Stein folgt auch mit seinem
neuen Quartett „Pata Horns & Drums“ der surrealen und irrealen Logik des
Dada-Philosophen Alfred Jarry im weiten Feld der paranormalen Pataphysik.
Die Mehrstimmigkeit der in den Klangfarben kontrastierenden Instrumente
Tenorsaxophon, Flöte und Euphonium mündet hin und wieder in kreisenden
Unisonopassagen, die treibenden wilden Klänge einer „Nondual Action“ in
sanfte, Passagen zur Eröffnung von „Paradise Lost“, bevor dieser
scheinbare Wohlklang zerfasert und wieder zusammengeführt wird oder in
ein tänzerisches Solo des Euphoniums mündet. In „Schleuderhonig“
assoziiert die Flöte das Summen von Bienen. Ob nun freitonal oder in
klassischer Harmonie, archaisch oder kunstvoll, immer ist die Musik
berstend lustvoll und erfüllt von abgründigem Humor.
Der Komponist spielt mit Klangfarben, die die Musiker ausweiten und
auskosten. Gleiches gilt für die vielfältigen Metren, mit denen
erfrischende Abwechslung geschaffen wird, wenn die Interaktionen mal in
die Gefahr der Routine geraten. Verspieltheit kennzeichnet ein Duo des
Percussionisten und Flötisten in „This is you“, verdeckter Swing“ Teile
von „Quantum Mechanics“, umspielendes Geschnatter und traditionelle
Ästhetik sowie ein faszinierendes Trommelsolo Passagen von „Miao & Chiao“.
Mit „Silent Sitting Bulls“ schaffen Stein und seine „Pata Horns & Drums“
eine vielschichtige und vor allem unterhaltsame Melange aus Avantgarde
und Tradition, die mehrfaches Anhören samt Klangforschung erfordert und
lohnt.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Barrelhouse Jazzband
Live in Concert BR
alpha Video-DVD
Bezug und Info: Musikagentur
Dieter Nentwig
Der Senior der deutschen
Konzertveranstalter, Fritz Rau, lobt die Stilsicherheit und
Authentizität sowie die technische Souveränität der Frankfurter
Barrelhouse Jazzband. Die langlebigste Band des frühen Jazz in
Deutschland hält die Tradition der schwarzen Musik aus New Orleans am
Leben, schenkt ihr neue Vitalität, indem sie sich neben der
erfrischenden Aufbereitung von Klassikern von Jelly Roll Morton über
Paul Barbarin bis Duke Ellington zu eigenen und eigenständigen
Kompositionen inspirieren lässt, ohne das Erbe zu verleugnen. Nun kann
die Barrelhouse Jazzband und ihre Musik in Bild und Ton bei einem
„Hauskonzert“ (so Fritz Rau) erlebt werden.
Ein Live-Mitschnitt von der
40. Internationalen Jazzwoche in Burghausen macht dies möglich. Nach
einem liebevollen Vorwort von Fritz Rau beginnt das Konzert mit der
mitreißenden Luley-Komposition „Boogie für Mr. H.H.“, die den Solisten
Raum für ihre musikalischen Ausflüge einräumt. Stargast im zweiten Teil
des Konzertes ist die hervorragende Sängerin Harriet Lewis unter anderem
mit dem Traditional „I´m on my Way“. Das Repertoire des Band in dieser
Aufzeichnung reicht von Mortons „Pearls“ bis Ellingtons Gospel „Out
South“ oder Barbarins „Bourbon Street Parade“ sowie einer Reihe
Kompositionen der Bandmitglieder. Charmant wie gewohnt moderiert
Band-Leader Reimer von Essen das Programm und lehrt amüsant die
Jazzgeschichte anhand von Anekdoten.
Neben dem musikalischen
bietet der Mitschnitt auch einen optischen Genuss. Nicht immer wird die
Kamera bei Konzert-Aufzeichnungen so sachkundig geführt wie hier,
wechselt der Blick zwischen Nahaufnahmen und Totalen. Insofern erlebt
der Zuschauer die Künstler näher als oftmals im Konzert selbst. Auch der
Ton der Techniker des Bayerischen Rundfunks ist ohne Fehl und Tadel. Als
„Zugabe“ finden die Fans auf der DVD eine Show mit Fotos in Schwarzweiß
und Farbe aus den Jahrzehnten der Bandgeschichte. Die DVD „Barrelhouse
Jazzband Live in Concert“ ist ein Highlight. Sie kann uneingeschränkt
empfohlen werden und sollte nicht nur bei Fans der Frankfurter Band im
Regal stehen.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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David Orlowsky + Singer Pur
Jeremiah
SONY 88697757372
Nach Jan Garbareks „Officium“ mit dem Hilliard Ensemble, kombiniert nun
auch der Klarinettist David Orlowsky sein Einfachrohrblasinstrument mit
antiken Klerikalgesängen. In den heiligen Hallenräumen
(Himmelfahrtskirche in München) verschmilzt akustisch das
althergebrachte Vokale mit mehr oder weniger Improvisiertem – ohne
stilistische Divergenzen, gediegene Homogenität herrscht vor. Auf
feierliche Palestrina- und Gesualdo-Kompositionen setzt Orlowsky dezente
Klezmer-Kantilenen, die sich nie egozentrisch und vorlaut über das
historische Material erheben. Ein Crossover-Manöver, welches keineswegs
ins Schleudern kommt. Und wenn bei dem zeitgenössischen Opus „Lux
aeterna“ von Matan Porat (Israel) gehäuft Dissonanzen und Clusterliches
auftauchen, entsteht trotzdem ein gefühlter Wohlklang. Diszipliniert und
intonationsreinst agiert das aus Regensburg stammende Sextett „Singers
Pur“, mit Akkuratesse und Subtilität spielt der 1981 in Tübingen
geborene David Orlowsky seine Klarinetten.
Hans Kumpf
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Brasilianisches im Kaisersaal
Saxofonist Jochen Feucht spielte auf der Comburg eine CD ein
www.bossalibre.com
Nicht zum ersten Mal wurde im altehrwürdigen Kaisersaal der Comburg
eine CD aufgenommen. Der Saxofonist Jochen Feucht zeigte sich nach einem
seiner dortigen Auftritte von Raum, Ruhe und Ambiente so begeistert,
dass er an Ort und Stelle unbedingt eine geplante CD einspielen wollte.
Schwäbisch Hall. In mittelalterlichem Gemäuer, in welchem schon der
Kaiser (und vielleicht auch Mozart) zu Gast war, erklang Ende August
letzten Jahres zunächst ganz „unöffentlich“ Brasilianisches. Allesamt
Kompositionen des Pianisten Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim
(1927 – 1994), der ja durch “The Girl from Ipanema“, „Desafinado“, „One
Note Samba“ und „Água de beber“ weltberühmt und reich wurde. Diese Hits
präsentiert Jochen Feucht zwar gerne in Konzerten, doch auf dem
Silberling sind diese nicht zu hören. Also kein gieriges Schielen auf
kommerziellen Erfolg mittels unausweichlicher Ohrwürmer. Stattdessen
wurden Titel wie „Só Tinha De Ser Com Você“, „Chora Coração“, „Por Toda
Minha Vida“, „O Grande Amor“ und “Anos Dourados“ bearbeitet,
interpretiert und improvisatorisch abgerundet.
Der ebenfalls aus der Region Stuttgart kommende Gitarrist Boris Kischkat
vollführt mit dem Holzbläser Feucht ein bestens eingespieltes Duo mit
dem Namen „Bossa Libre“, doch für ihre Digitalproduktion auf der Comburg
konnten die beiden Schwaben noch zwei originale Brasilianer gewinnen,
nämlich die – an Astrud Gilberto erinnernde – Vokalistin Viviane de
Farias mit dem typischen Timbre einer fein gehauchten Mädchenstimme und
den stets dezent agierenden Perkussionisten Mauro Martins. Die diversen
Quartett-Variationen sorgen für reichliche Klangfarben und für viel
Abwechslung.
Bossa Nova entstand ja vor einem halben Jahrhundert aus der Verbindung
mit Samba und Cool Jazz und bestach von Anfang an durch Leichtigkeit des
Seins, durch graziles Feeling und durch Transparenz. Zu Markennamen
hierfür wurden der Komponist Antônio Carlos Jobim und der
US-amerikanische Saxofonist Stan Getz, der jedoch keineswegs von Jochen
Feucht imitiert wird.
Überragende und munter improvisierende Figur auf der CD mit dem Titel „Por
Toda Minha Vida“ („Für mein ganzes Leben“) ist Jochen Feucht (41) auf
Tenor- und Sopransaxofon, Querflöte und Bassetthorn, einer
Tenorklarinette also. Weltmusikalisch erfahren ist Feucht schon,
bereiste er doch bereits als Mitglied vom Landesjugendjazzorchester
wiederholt Südostasien und war so auch 1990 auf der indonesischen Insel
Bali. Als kongenialer Gitarren-Begleiter fungiert bei Konzerten und auf
dieser Compact-Disc der einfühlsame Boris Kischkat, der ansonsten seine
Brötchen als Musikschullehrer verdient.
Auf der Plattenhülle bedankt sich Jochen Feucht extra bei „Hans-Reiner
Soppa, der uns spontan und unbürokratisch die Räume in der Comburg,
einem wunderschönen romanischen Kloster bei Schwäbisch Hall, zur
Verfügung gestellt hat“. Als Tonmeister fungierte übrigens Adrian von
Ripka, bekannt durch die renommierten „Bauer Studios“ in Ludwigsburg.
Jochen Feucht hat seine CD im Eigenvertrieb heraus gebracht, und bei ihm
direkt kann man diese auch bestellen:
info@jochen-feucht.de.
Weitere Informationen über diese Scheibe und mp3-Hörbeispiele sind im
Internet unter www.bossalibre.com
abzurufen.
Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm |
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Mina Agossi
Just like a Lady
naïve
Es ist stets doof, sich von
Vorurteilen leiten zu lassen. Mir ist der Lapsus gerade mit Madam
Agossis neuer CD „Just like a lady“ passiert, die doch einige Tage
unbeachtet in einer Ecke ungehört vor sich hin dämmerte. Mina Agossi
hörte ich vor einigen Jahren einmal live: die Jazz-Legende Archie Shepp
hatte sie 2007 beim Eröffnungskonzert des Enjoy Jazz Festivals im
Schlepptau und mein Eindruck war seinerzeit „na
ja“ – hätte es nicht unbedingt gebraucht…
Sehr erfreulich ist ihr aber
ihre aktuelle CD geraten. Auch weil sie so einigen „Jazz-Ballast“
einfach über Bord geworfen hat und damit der Gefahr entgangen ist, zum
x-ten Billie-Ella-Abbey - Klon zu werden. Was Mina Agossi tatsächlich
präsentiert ist eine Mischung von Pop, Chanson, schrägem Sprechgesang
und doch – glücklicherweise – einer großen Prise Jazz, was Phrasierung,
Improvisation und „Spielfreude“ angeht. Perfekt abgerundet wird das
Musik-Gericht mit fein abgestimmten Gewürzen: mit einer manchmal
herzerwärmend störrischen E-Gitarre und Steeldrums spielen mit, als
wär’s ein anständiges Instrument.
Trotz aller Varianten und
bei aller Verschiedenheit der Stile gibt Minas markante Stimme der
Platte den einheitlichen Guss. Und so passt das eben aufs Schönste
zusammen: überaus originelle Interpretationen von wahrlich
unterschiedlichen, bekannten Standards (And I Love Her, When The
Saints…) und weniger Bekannten, ebenso wie manchmal erfreulich gegen den
Strich gebürstete Eigenkompositionen.
Am Ende der Aufnahmen gräbt
sie dann doch ganz tief zu den Jazz Wurzeln, im herrlich federleicht
daher swingenden Rope-A-Dope . Klasse.
Würde ich Sterne vergeben,
es wäre eine Handvoll.
Frank
Schindelbeck
jazz@jazzpages.com
www.schindelbeck.de |
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Klangfahrer
Humanity
Mons Records MR 874 496
„Klangfahrer“ ist in der Tat ein treffender Name für die vier
Soundtüftler Thomas Berndt (Piano), Johannes Flamm (Saxophone), Berd
Kistemann (Bass) und Gerd Breuer (Schlagzeug) aus der Region Aachen.
Charakteristisch für die Klangfahrer ist der süffige Sound, der von den
selbst in Stakkati sangbaren Läufen auf dem Saxophon und den oftmals
perlenden Notenketten auf dem Piano geprägt und von dem stets präsenten,
vorwärtstreibenden Schlagzeug sowie einem marschierenden Bass in
rhythmischem Fluss gehalten wird.
Neben schnelleren Stücken in
bester Bebop-Tradition wie „Norwegian Elks“ mit einem kraftvollen
Saxophon- und dem griffigen Piano-Solo stehen kammermusikalische
Preziosen wie „Soundscape“mit einem sanften, reizvollen Duo von
melodiöser Bass-Linie und verspielten Single-Notes-Schnüren, dem ein
lyrisches Saxophon-Solo folgt. Das Stück assoziiert mehr die Atmosphäre
einer pastellfarbenen nordischen Landschaft als die kraftvolle
Elch-Komposition. So grooven die Vier mal mit eruptivem und überblasenem
Saxophon über einer hymnischen Piano-Passage, mal becircen sie den
Zuhörer in „Abschied“ mit hingetupften Tönen sowie einem beseelten
Saxophonlauf, ein wenig Melancholie und Trotz.
Die Geräusch-Einspielungen
von Schritten auf Kies oder Kinderstimmen sind nette Gags, die zwar
nicht aus dem Rahmen fallen, aber nicht notwendig wären, denn die Musik
spricht durchaus für sich selbst. Stilistisch schwimmen die Klangfahrer
im breiten Bett des Mainstreams, aber ihre Präsentation ist originell
und unterhält mit niveauvoller Reife. Die Musik rührt an, ist tief
emotional und setzt sich in den Gehörgängen fest.
Klaus Mümpfer
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Heinz-Peter Timmer
In Between
JazzSick JSA 7001/In Akustik
Ruhe und Entspannung können vom ersten bis zum letzten Ton fesseln, wenn
sie im Spannungsfeld von klassischer Gitarre und Jazz bekannte Melodien,
die eigentlich für größere Formationen geschrieben wurden, in der
Transkription für das akustische Solo-Instrument neue klangliche Räume
öffnen und Farben schaffen. Dazu hat der Gitarrist Heinz-Peter Timmer
auf seiner neuen CD mit dem bezeichnenden Titel „In Between“ lediglich
Keith Jarretts „My song“ durch Overdub quasi zum Duo und den Soundtrack
des Films „Babel“ gar zum Quartett erweitert, im Grundsatz jedoch die
Songs von Jarrett, Gismonti, Metheney durch seine Solo-Interpretationen
auf den musikalischen Kern reduziert. Darüber hinaus hat der Künstler
die sowieso schon für Solo-Gitarre geschriebenen „Folk-Jazz Ballads“ des
Fingerpicking-Spezialisten Fabian Payr in seine Spielwiese integriert.
Die Bearbeitung für die akustische Gitarre habe für ihn besonderen Reiz
gehabt, sagt der klassisch ausgebildete Saitenkünstler. Zwar hätte man
sich in manchen Interpretationen ein wenig mehr Experimentierfreude und
Eckigkeit gewünscht, dennoch ist Heinz-Peter Timmer mit seiner
Solo-Einspielung das Kunststück gelungen, beseelte Lyrik mit weiten
Spannungsbögen zu versehen und den klassisch interessierten Zuhörer
ebenso zufrieden zu stellen wie den Fan der Jazzgitarre
Klaus Mümpfer
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Triologic
Seasons
Mons Records MR 874481
Die Hitze des Sommers spiegelt sich in einem rasend schnellen,
fingerfertigen und zugleich licht-transparenten Gitarrensolo von Thomas
Andelfinger wider sowie in einem anschließenden leicht überblasenen und
heißen Solo des Saxophonisten Steffen Weber. Unterstrichen wird diese
Stimmung durch das pulsierende Rhythmusgeflecht des Drummers und
Komponisten Rüdiger Ruppert. Getragen und sanft melancholisch eröffnet
Weber den Prolog auf den Herbst, bevor das Quartett, zu dem noch
unauffällig , aber stets im Hintergrund präsent, der Bassist Christoph
Niemann gehört, lebhafter zu swingen anfängt. Kühle und Melancholie
charakterisieren die Komposition „Winter“, in der auch der Bassist Raum
für ein harmonisch passendes Solo erhält, um dann einen perlenden
Gitarrenlauf zu unterlegen.
Begonnen hatte die Musik der neuen CD „Seasons“ mit einem hellen und
vibrierenden Duo von Saxophon und Gitarre im Frühlingsprolog, um mit
leichter Klangmalerei der Gitarre und filigranen Saxophonläufen in
„Spring“ fortgeführt zu werden. Selten haben Kompositionen die
Stimmungen der Jahreszeiten besser und assoziativer umgesetzt als dies „Triolgic“
mit dem einfühlsamen Gast am Saxophon vermag. In drei zusätzlichen
Kompositionen kommt es wie im Up-Tempo-Stück „Bebobaluba“ zu aufregenden
Duos des Gitarristen und des Saxophonisten, die überwiegend die
Klangfarben bestimmen. Im langsameren „Kulala“ besticht Bassist Niemann
mit einem lyrischen Solo sowie in „Not quiet“ knarrend con arco.
Den Begriff „Melodic Groove
Jazz“ hat das Berliner Trio für seine Musizierweise kreiert. Rein
intuitiv scheint dies eine treffende Beschreibung dieses insgesamt
leichten und lichten, eingängig melodischen und flexibel perkussiven
Spiels zu sein.
Klaus Mümpfer
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Martin Auer Quintet
Reflections
CARE 0198884 GLA
Die Unisono-Passagen von Trompete und Saxophon, die spannungsgeladenen
Dynamiksprünge, die Wechsel von Lyrik und Ekstase sowie die Verwurzelung
im Bebop mit Ausflügen ins expressive freie Spiel sind seit Jahren
charakteristisch für das Spiel des Martin Auer Quintets. Spannungsbögen
bauen die fünf Musiker zudem immer wieder durch geschickt eingesetzte
Ostinati wie in „Wen Wen“ auf Piano und Schlagzeug. Im Laufe der Jahre
sind der Trompeter Martin Auer; Saxophonist Florian Trübsbach, Pianist
Jan Eschke, Bassist Andreas Kurz und Schlagzeuger Bastian Jütte stärker
zusammengewachsen und haben ihren unverwechselbaren intensiven
Band-Sound verdichtend ausgeprägt.
Auf der neuen CD „Reflections“ wechseln sich Up-Tempo-Stücke wie „JIB“
ausgewogen mit Balladen wie „Kassiopeia Reflektion“ (beide von Trübsbach)
ab oder kraftvolles Quintett-Spiel und getragene Duos wie das von Bass
und Saxophon finden sich kontrastierend in einer Komposition wie in
Auers „Snir“. „El Patron“ zeichnet sich durch kraftvolle Akkordläufe auf
dem Piano aus, das durch pulsierendes Drumspiel verstärkt wird, bevor
Jütte im Solo polyrhythmisch brilliert und das Stück in einem
expressiven Bläserduo endet. Den anderen Pol markiert eine lyrische und
sanfte Intro auf dem Saxophon im Duo mit verspielten und perlenden
Single-Notes auf dem Piano (Kassiopeia) oder ein melancholisch lyrisches
Trompetenspiel neben einem harmonisch reizvollen Bass-Solo, das wiederum
von hingetupften Tönen auf dem Piano in „Traurige Geschichte“ begleitet
wird. Stimmungsmäßig dazwischen liegt ein hymnische Komposition „Ri Tan“.
„Reflections“ reflektiert die Ausdrucksbreite des modernen Jazz. Stärker
als früher behaupten sich oftmals gegen- oder querläufige
Piano-Power-Läufe neben den beiden Bläsern. Ein vorzüglich eingespieltes
Team zeichnet originelle Stimmungsbilder, bewahrt seinen originären
Klang ohne auf der Stelle zu treten.
Klaus Mümpfer
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Peter Bolte
The world as we knew it in 1980
merfadéz music mmcd 08
Jazzmusiker entdecken offensichtlich den Reiz von Sounds, die sich aus
der Verbindung von Elektronik und dem Naturklang von Instrumenten
entlocken lassen. Die Klangkünstlerin Kirsten Reese komponiert für
elektronische Medien und Instrumente, der Wormser Saxophonist Gary
Fuhrmann kooperiert mit dem DJ Philipp Barth, der Hamburger Saxophonist
Peter Bolte mit Jim Cambell, der für die neue Bolte-CD „The World as we
knew in 1980“ mit Tape-Manipulationen und elektronischem Live-Processing
die Sounds zu den Klängen von Flöte, Bassflöte und Altsaxophon
beisteuert. Herausgekommen ist überraschend fremdartige und zugleich
vertraute Collage, die das gesamte Spektrum der Klänge und Geräusche von
Maschinensounds bis fernöstliche Meditation abdeckt. Der Beipackzettel
zur CD weist ausdrücklich darauf hin, das Knistern und Knacken Teil des
Klangs der verwendeten Live-Elektronik sind.
Das kurze Eröffnungsstück „Gate“ ist mit seinen maschinenhaften
Geräuschen das Tor zu jener engen Verzahnung von Intrumentalklängen mit
elektronischen Soundflächen und Beats, die wie in „Side Two“ auch
Jahrmarktsmusik, Gurgelgeräusche oder Akkordeonklänge assoziieren. Bolte
bläst seine Intrumente in spitzen High-Note-Stakkati ebenso wie
schwebend in sanfter fernöstliche Stimmung, sonor expressiv oder lässt
seine Instrumente quietschen, knallen und schreien. Manchmal wie in
„Blues“ verklingt der ruhige Fluss der Musik fast unhörbar. Dabei baut
der Saxophonist mit ostinaten Klang- und Rhythmusfiguren weite
Spannungsbögen. Diese Musik ist aufregend und für mich bislang
einzigartig.
Für das Duisburger Festival „Traumzeit 2010“ wird Bolte das Duo mit 19
Streichern erweitern. Diesem Erlebnis darf man mit Spannung
entgegensehen.
Klaus Mümpfer
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Sigi Schwab & Ramesh
Shotham
On Stage
MelosMusik 0000802 GSM
Sigi Schwab zaubert mit seiner Gitarre ferne Welten in einen
Klangkosmos, der auf der neuen CD „On Stage“ im Duo von dem aus dem
südindischen Madras stammenden Ramesh Shotham vollendet wird. Der
Gitarrist und der Percussionist scheinen zu klanglich verschmelzen. Der
eine spielt seine Gitarren percussiv, der andere sein vielfältiges
Instrumentarium mit mehreren indischen Trommeln, Schellen, Gong und
Glöckchen melodisch. Und so können sie unauffällig die Rollen in der
Melodieführung und im Rhythmus wechseln. Es entstehen dichte Duos, die
hin und wieder nahezu unisono erklingen oder oftmals in ein aufregendes
Ruf-Antwort-Spiel münden. Sigi Schwab war schon immer ein faszinierender
Erzähler mit assoziativen Klanggemälden. In Ramesh Shotham hat er einen
Partner gefunden, der seine Trommeln parlieren lässt und so die
Geschichten Schwabs subtil und unaufdringlich ausmalt.
Seit 1994 spielen die beiden
Künstler mit Unterbrechungen zusammen. Sigi Schwab, der sich schon immer
von der Folklore ferner Länder von Südamerika bis Indien gefangen nehmen
ließ, und Ramesh Shotham, der sich mit dem Jazz eingelassen hat, ohne
jemals seine musikalischen Ursprünge aus den Augen zu verlieren,
präsentieren eine rhythmisch vielschichtige Klangfülle, die keines
weiteren Instrumentes bedarf und selbst in langen Stücken wie den
Suitesätzen „Memento – Kalkutta-Blues“ oder „African Colours“ bis zum
letzten Akkord die Spannung hält.
Sigi Schwab vermag in seinen
rasenden Akkordfolgen und flirrenden Läufen ebenso wie in meditativen
Single-Note-Einwürfe Kraft und Emotion, Zorn und Rücksicht, Wehmut und
Freude auszudrücken. Sein Spiel ist selbst in den hart angerissenen
Saiten stets filigran und sensibel. Ramesh Shotham trifft mit seinem
Handspiel auf der südindischen „dholak“ und der „mridangam“ die Stimmung
Indiens ebenso wie die Afrikas. Dass er in „Parvati“ der hinduistischen
Göttin und Gattin Shivas mit instrumental scattender Kehlkopfakrobatik
huldigt, liegt in der Natur der Sache und darf in keinem Konzert fehlen.
Das Publikum des live mitgeschnittenen Konzertes belohnt die beiden
musikalischen Weltenbummler mit reichem Applaus.
Klaus Mümpfer
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Vladyslav Sendecki
Solo Piano at Schloss Elmau
9485-2 ACT
„Ich will Farben und Klänge hören“, sagt der polnische Pianist Vladyslav
Sendecki. Dass er auf seiner ersten Solo-CD Marc Chagall eine Suite
widmete, unterstreicht die Seelenverwandtschaft des älteren Malers und
des jüngeren Musikers. Transparent und schwebend in der Darstellung,
frei in der Form und tief in der Symbolik sind die Interpretationen
Sendeckis, der bereits bei meinem ersten Zusammentreffen anlässlich des
New Jazz Meetings 1988 in Baden-Baden mit seiner ausschweifenden
Fantasie und der Offenheit gegenüber freiem Jazz sowie zugleich der
Folklore seiner polnischen Heimat beeindruckte. Seine neue Solo-CD ist
eine logische Fortführung des Konzeptes, Gedanken und Gefühle direkt in
Musik umzusetzen. Sendecki meistert mit der Virtuosität des klassischen
Konzertpianisten und der Kreativität des Jazzimprovisators pianistische
Hürden mit wahrhaft spielerischer Leichtigkeit.
Wuchtige Anschläge
kontrastieren zu schlichter Liedhaftigkeit, ein „Karparten-Blues“ zum
verträumten „Wiegenlied“. Rasende Ostinati und Themenvariationen
wechseln sich mit suchenden Single-Note-Linien ab, perlende Notenketten
mit kraftvollen Akkordschichtungen. Skizzen meditativer Momente in „Blackbird“
entstehen während des Spielens. Sie assoziieren wie andere Stücke
Schönheit, Licht und Leichtigkeit, Melancholie und drängende
Leidenschaft. Und so nebenbei hebt er die Grenze zwischen Klassik und
Jazz auf. „Ich möchte vor allem meine Wurzeln leben“ sagte Sendecki vor
geraumer Zeit in einem Interview. Weil er diese Erfahrung offenbar mit
dem Publikum teilen will, hat der Pianist für seine Einspielung dieses
Mal nicht das sterile Studio, sondern den Live-Mitschnitt eines
Konzertes in Schloss Elmau gewählt. Doch auch im heimischen Wohnzimmer
kann man die Improvisationen uneingeschränkt genießen.
Klaus Mümpfer
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Espen Eriksen Trio
You had me at goodbye
RCD 2096, EAN: 703366202066
Skandinavien hat im Jazz Hochkonjunktur. Vor allem Sängerinnen und
Pianisten reisen derzeit von Konzert zu Konzert. Soziologen und
Psychologen mögen sich die Köpfe darüber zerbrechen, warum die sanften,
melodischen und oftmals popinspirierten Klänge so viel Zuspruch finden.
Ist es eine gelungene Marketingstrategie, ein derzeit verbreitetes
Bedürfnis der Menschen nach Harmonie oder beides.
In diesem breiten
Nordland-Fluss schwimmt jetzt auch der Pianist Espen Eriksen ein, der
zwar in einer Reihe Aufnahmen als Solist und Begleiter zu hören war,
dieses Mal aber mit einem Trio unter seinem eigenen Namen debütiert. Die
Musik des norwegischen Musikers und seiner Kollegen ist lyrisch und
melodisch, eingängig und relaxed. Insgesamt typisch skandinavisch mit
seinen Folk-Elementen und einem Anflug von Melancholie. So steht er in
der Tradition eines Tord Gustavsen, der derzeit in Deutschland tourt,
oder des verstorbenen Esbjörn Svensson, ohne diese nachzuahmen.
Allerdings birgt die Musik des Trios mit Eriksen, dem Bassisten Lars
Tormod Jenset und dem Schlagzeuger Andreas Bye auch keine
Überraschungen. Löblich ist dagegen das künstlerische Niveau und das
sensible Zusammenspiel des Espen Eriksen Trios. Perlendes Piano,
harmonisch reizvolle Bassläufe und ein zurückhaltendes Schlagzeug wirken
entspannend. Wer musikalischen Balsam für die Seele benötigt, wird
bestens bedient.
Klaus Mümpfer
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Dieter Ilg
Otello
Full Fat 09
Marschrhythmen, fernes Stimmengewirr und Möwengeschrei stimmen auf das
Werk ein. Seit seinem Kontrabass-Studium faszinierte die berühmte
Kontrabass-Stelle im IV. Akt von Giuseppe Verdis Oper „Otello“ den
deutschen Künstler, der schon einmal grenzüberschreitend deutsche
Volkslieder für den Jazz umgeschrieben hatte. Dieses Mal wagte sich der
Bassist an Verdis orchestrales Monumentalwerk und reduzierte es auf ein
Jazz-Trio.
Das Wagnis ist gelungen. Den
berühmten Feuerchor „Fuoco die gioia“ verwandeln Ilg, der Pianist Rainer
Böhm und der Schlagzeuger Patrice Heral in einen mit Ostinati rhythmisch
groovenden Satz. Gleiches gilt für „Inaffia l´ugola“, das Spannung durch
Steigerung von Intensität und beschwörende Bass-Figuren baut, um in eine
swingenden Trio-Passage sowie später in kraftvolle Tutti einzumünden.
Doch Verdis Musik ist für Ilg nur Ideengeber. Die Harmonien tauchen in
jazzig abgewandelter Form auf, doch die Emotionen des tödlichen Dramas
von gekränkter Eitelkeit, Eifersucht, Rache und hilfloser Liebe stecken
auch in den Interpretationen des Trios. Das Trio springt dabei ständig
in dynamischen Abstufungen. Böhm greift mal tastend mit Single-Notes,
mal schichtet er Akkordblöcke, Heral streichelt mit den Besen die Felle
oder treibt die Melodieführer drängend vor sich her. Ilg selbst zeigt
bereit im Eröffnungssatz „M´ascolta“ in Duo mit Böhm raffinierte
Harmonielinien und markante Akkordgriffe. Zwischendurch streicht er die
Saiten geradezu klassisch. Zärtlichkeit spiegelt das Duo von Bass und
Piano in „A questa Tua“ wider.
Dass der Bösewicht „Jago“
mit einem fesselnden Solo Ilgs, expresiven Clustern auf dem Piano, mit
Herals heiseren Scatbeiträgen sowie gescratchten Sampels in einem
treibenden Groove charakterisiert wird, ist ein weiterer Beleg für die
einfühlsame Bearbeitung des Dramas. Ilgs „Otello“ hat die Messlatte für
mögliche Nachfolge-Projekte hoch gelegt.
Klaus Mümpfer
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Ekkehard Jost
Gesänge gegen den Gleichschritt
Fish Music 012
November Songs
Fish Music F 013
Mitte der 70er Jahre wurde Ekkehard Jost bekannt durch das Buch „Free
Jazz. Stilkritische Untersuchungen zum Jazz der 60er Jahre“. Damals war
freilich nicht so sehr bekannt, dass der Musikwissenschaftsprofessor an
der Justus-Liebig-Universität Gießen auch as beherzter
Jazzinstrumentalist auftritt. Inzwischen ist der 1938 in Breslau
Geborene emeritiert, doch zur Ruhe gesetzt hat sich Ekki Jost überhaupt
nicht. Als Theoretiker bleibt er aktiv, und erst recht „in alter
Frische“ als Praktiker am Baritonsaxophon. Daneben führt er sein eigenes
Label „Fish Music“ weiter.

Seine beiden letzten CD-Produktionen beziehen sich auf Historisches,
ohne die Gegenwart auszublenden. Da greift er erneut politisches Liedgut
auf. Die „Gesänge gegen den Gleichschritt“ kommen zumeist artig im
Viervierteltakt daher, doch revolutionäre Ungeduld artikuliert sich da
in rotzigen Soloimprovisationen. Keine leichte Kost – und damit dem
Leitthema angemessen. Mit Jost musizieren die Saxofonkollegen Wollie
Kaiser und Friedhelm Schönfeld, der Posaunist Christof Thewes, der
Trompeter Reiner Winterschladen sowie Dieter Manderscheid und Joe Bonica
an Bass und Schlagzeug. Semantische Klarheit schafft immer wieder
Dietmar Mues mit emotional aufwühlendem Textvortrag. Bei der unter die
aufmüpfige Jazzmangel genommenen Musik aus fünf Jahrhunderten finden
sich vertraute Hits wie „Ca ira“ und „Bella Ciao“, aber auch
Eigenkompositorisches.
Gemütlicher geht es bei den „November Songs“ zu. Avantgardist Ekkehard
Jost erinnert sich an seine „coolen“ Zeiten Ende der 50er Jahre in
Hamburg, als Gerry Mulligan als das große Idol am Baritonsax fungierte.
Neben dem CD-Opener „Lonesome Boulevard“ wurde von Meister Mulligan auch
„Summer’s Over“ übernommen. Mit von der Partie sind Josts langjährige
Mitspieler Dieter Manderscheid (Kontrabass) und Janusz Stefanski
(Schlagzeug). Am Klavier sitzt der „Amerikaner in Frankfurt“ Bob Degen,
der in seinen Improvisationen gerne in die Zitatenschatztruhe greift.
Stilistisch bewegt man sich bis zum Hard Bop, wobei das Wissen um den
Free Jazz nicht negiert wird. Ganz glatt kommen diese „November Songs“
keineswegs daher, eine gewisse Sprödigkeit verleiht ihnen – wie ohnehin
die Anti-Gleichschritt-Gesänge - Jostsche Authentizität. Einschmeicheln
gilt nicht. Von „easy listening“ kann beide Mal keineswegs die Rede
sein. Gefordert ist ein emanzipierter Rezipient – ganz nach dem
Wunschbild des alten Adornos…
Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm
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Christian Broecking.“Klang der Freiheit.“
Interviews mit Ornette Coleman, Don Cherry und Charlie Haden.
Broecking Verlag Berlin 2010, 124 Seiten, 19.90 Euro;
(ISBN 978-3-938763-13-1
Ornette Coleman polarisierte, als er 1959/60 mit
seinem Plastiksaxophon die Jazzbühne betrat und die Musik grundlegend
veränderte. Viele renommierte Musiker, die ihn hörten oder mit ihm
spielten, gestanden, dass es ihnen schwer fiel, sein radikales
improvisatorisches Konzept zu verstehen. Der Jazzpublizist Christian
Broecking hat mit dem Künstler gesprochen, der 2007 mit einem Grammy für
sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und den Purlitzerpreis erhielt. In
diesem März vollendet Ornette Coleman sein 80. Lebensjahr.
Die ausführlichen Antworten auf Broeckings kompetente und sensible
Fragen weisen auf Charakterzüge des Künstlers hin, die für Leser, die
sich bislang nicht intensiv mit Coleman beschäftigten, teilweise
unerwartet zum Vorschein kommen. Auch wenn seine Musik politisch und
antirassistisch sei, so bestreitet Coleman, dass seine Biographie die
schwarze Rasse repräsentiere. Die Schönheit seiner Kompositionen habe er
„Tränen Traurigkeit und Einsamkeit“ zu verdanken, ist einer der
Schlüsselsätze der für das Buch überarbeiteten Gespräche.
Abgerundet wird das Bild Ornette Colemans durch zusätzliche Interviews
mit Musikern, die ihn viele Jahre begleitet haben - Don Cherry und
Charlie Haden - sowie mit Statements zahlreicher Jazzer und Produzenten
von Geri Allan bis David Murray. So ist für Manfred Eicher von ECM
Coleman „ein Lyriker, der freie Musik poetisch gestaltet“ hat.
Christian Broecking und den interviewten Künstlern gelingt es, den Leser
so sehr zu fesseln, dass er das Buch erst nach der letzten Seite aus der
Hand legt.
Klaus Mümpfer
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Chris Hirson Seta Tunes
Trivial things“
Meta-records, meta 043
Im Titel-Stück „Trivial Things“ belegt der Sopransaxophonist Chris
Hirson, dass seine Musik im eigentlichen Sinn von „trivial“ zwar
„allgemein zugänglich“, aber keineswegs „altbekannt“ ist. Sein Spiel
vermittelt in langsamen und singenden Linien exotische Stimmungen, was
wohl auch Charlie Mariano dazu animiert haben könnte, die
„Vielfältigkeit der Klangfärbung“ als „reinen Hörgenuss“ zu loben. In
anderen Passagen und Stücken pulsiert die Musik, bläst Hirson das
Instrument in expressiven Stakkati zum schnell gezupften und gradlinig
marschierenden Bass sowie rasanten Pianoläufen. „Who Too“ klingt zwar
zunächst vertraut und gleicht manchen anderen Kompositionen des modernen
Jazz. Dennoch behält die Interpretation des vorzüglichen Quartetts mit
Hirson, dem Pianisten Carsten Daerr, dem Bassisten Oliver Potratz und
dem Schlagzeuger Sebastian Merk eine eigenständige Note, die im
Zusammenklang mit der ausdrucksstarken und Emotionen weckenden Stimme
von Mithila Motaleb noch stärkeres Eigenleben entfaltet. „Small Talk“
steht für diese originelle Richtung, die Experiment und Expression auf
spannende Weise einbezieht. Mag sein, dass die fünf Künstler mit ihren
jeweiligen Eigenheiten befruchtend auf die vielfarbigen Stimmungen
gewirkt haben, sich ist aber auch, dass Chris Hirson mit seinem
Saxophonspiel dieser nuancenreichen, spannenden und ausdrucksstarken
Musik seinen Stempel aufdrückt
Klaus Mümpfer
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Christoph Busse Trio
Awaking
Laika-Records 3510251.2
Christoph Busse reiht sich mit seiner Einspielung „Awaking“ in die Reihe
der klassischen Piano-Trios ein. Seine Kompositionen swingen ungemein,
befriedigen melodisch das Wohlgefühl der Zuhörer. „Awaking“ ist eine
niveauvolle Form des „Bar-Jazz“, wie ihn auch berühmte Pianisten
gepflegt haben. Die Noten perlen aus den Tasten, der Bass marschiert ,
das Schlagzeug groovt. Da irritiert kein experimenteller Ausflug den
Zuhörer. Das Trio schwimmt im breiten Strom des modernen Jazz, der sich
entspannt genießen lässt. Pianist Christoph Busse, Bassist Sebastian
Hoffmann und Schlagzeuger Thomas Hempel werden in zwei Stücken von dem
Percussionisten Nené Vásquez unterstützt. Insgesamt herrscht eine
balladeske Stimmung vor, die in „Refuge“ besonders ausgeprägt zum
Klingen kommt. In dieses Konzept eingepackt ist auch ein „Triptychon“ „I.G.Y.“
von Donald Fagen mit Piano-Improvisationen, die an Keith Jarrett
erinnern, und einem mitreißenden Bass-Lauf sowie einem groovenden Part.
Zum Abschluss präsentiert das Trio „Goodbye“ von Pat Metheny. Alle
anderen Kompositionen sind aus der Feder des Pianisten.
Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
NORSKjazz.no
Ozella, OZ 025 CD
„Norskjazz no“ – „norwegischer Jazz jetzt“ nennte der Saxophonist Karl
Seglem sein neues Projekt, das er gemeinsam mit dem Eple Trio
eingespielt hat. Die Frage, ob dies Jazz sei, amüsiert den Musiker und
Komponisten, der tief in der skandinavischen Folklore verwurzelt ist. So
lange der Zuhörer die Frage nach dem Jazz stelle, sei die Musik lebendig
und erweitere den Erfahrungsraum, sagt er. Seglem, der mit seiner
Urbs-Tour 2007 noch Goat Horns, Hardanger Fiddle und Elektronic in seine
Interpretationen einbaute, beschränkt sich dieses Mal auf eine
klassische, kammermusikalische Besetzung mit Tenorsaxophon, Bass, Piano
und Schlagzeug.
Die Musik der CD steht ganz im Zeichen von
Folklore und Ästhetik, in einer träumerischen Grundstimmung und
zurückhaltender Intimität. Die lang gezogenen singbaren Saxophonläufe
Seglems prägen den Sound, doch auch die Soli des Bassisten Sigurd Hole
faszinieren mit ihrer melodischen Vielfalt und harmonischen
Verzierungen. Hinzu kommt der Pianist Andreas Ulvo, der mit perlenden
Lyrismen und vereinzelt an den romantischen Gestus von Keith Jarrett
erinnernd, den Trio-Klang abrundet, der wiederum von Jonas Howden
Sjovaag vor allem auf den Becken unaufdringlich rhythmisiert wird. Eine
Komposition wir „Lull“ fällt mit seinen expressiven, treibenden Passagen
fast aus dem Rahmen und passt dennoch in das Konzept. „Aret Hallar“ mit
dem ausgedehnten gestrichenen Bass-Intro und dem warmen Saxophon-Sound
ist daneben eines jener ohrwurmartigen Kleinode, bei denen jegliche
Diskussion, ob Jazz oder nicht Jazz überflüssig wird. Diese Musik dringt
in die Selle ein, ohne die Ration in Anspruch zu nehmen.
Klaus Mümpfer
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Kristjan Randalu
Desde Manhattan
Jazz ´n Arts, JnA4209
Die Kompositionen des Pianisten Kristjan Randalu vereinen Gegensätze:
Lyrik und Melancholie auf der einen Seite, treibende Rhythmen und
ostinate Percussion auf der anderen Seite. Diese Gegensätzlichkeit weiß
der aus Estland stammende und 2007 mit dem baden-württembergischen
Jazzpreis ausgezeichnete Musiker zur Spannungserzeugung zu nutzen. Von
zuhause aus zunächst klassisch ausgebildet, fand Randalu zum Jazz und
eine ganz originäre Tonsprache. Dies wird gefördert durch die
eigenwillige Besetzung – unter anderem mit dem aus Polen stammenden und
in New York lebenden Schlagzeuger Bodek Janke, aus dessen Feder auch die
herausragende Komposition dieser CD „Desde Manhattan“ stammt. Hier
verbinden sich polnische Folklore, sperriges Pianospiel, ein feuriges,
an avantgardistische Klangexperimenten und dennoch in osteuropäischer
Tradition verwurzeltes Cello-Spiel sowie eine vielschichtige Rhythmik.
Die Ostinati auf Piano und Bass wirken zuweilen geradezu hypnotisch. Die
Duos von Bass und Cello auf dem rhythmischen Drum-Teppich faszinieren in
ihrer harmonischen Zusammenstellung. Als „Multikulti“ lobt der PR-Text
zur CD diese musikalische Kombination aus europäischer Folklore und
amerikanischem Jazz zu Recht. Vokale Einlagen oder helle und leise
Cello-Klänge im Hintergrund werden geschickt platziert. Im
abschließenden „Teraz“ werden gar indische Rhythmik und Vokalisen
eingesetzt. Soweit es die Herkunft der Musiker angeht, treffen Estland
mit Randalu und Polen mit Janke auf Spanien mit dem Bassisten Antonio
Miguel und Deutschland mit dem außergewöhnlichen Berliner Cellisten
Stephan Braun. Das Ergebnis ist unterhaltsam, über weite Teile sogar
erregend und mitreißend.
Klaus Mümpfer
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Roland Neffe´s
Vibes Beyond
Jazzhaus Music JHM 183
„Sound of Äther“ – einen passenderen Titel hätte sich der Vibraphonist
und Komponist Roland Neffe für dieses ätherische Stück mit den
schwebenden Klängen und der zwar ostinaten, aber harmonisch reizvollen
Bass-Begleitung nicht ausdenken können. Selbst die glucksenden Einlagen
auf dem Vibraphon wirken völlig natürlich. Eine CD, auf der Vibraphon
und Marimbaphon nur von einem Kontrabass und einem zurückhaltend
eingesetzten Schlagzeug begleitet wird, ist sicher ein Wagnis. Roland
Neffe besteht dieses Risiko mit virtuosem Einsatz seiner Instrumente.
Nach dem bedächtigen „Sound of Äther“ lässt er die Marimba in „Line of
Restless“, ganz wie es der Titel verspricht, vehement temporeich tanzen.
„Vibes beyond“, so der Titel der CD, geht über eine reine
Klöppel-Präsentation hinaus. Bestechend sind vor allem die Duos mit dem
Bassisten Achim Tang – so in dem ausgedehnten „Heavy Line“ -, die der
Schlagzeuger Reinhardt Winkler in diesem sensibel agierenden,
kommunikativen Trio abrundet. So pendeln die Stücke auch binnenmetrisch
wie in „Visionary“ zwischen verhaltener Lyrik und treibenden Grooves
sowie mitunter einem Touch Avantgarde. Sie verraten Ideenreichtum und
Gestaltungskraft, ohne die eine solche Kombination sicher zu eintönig
wirken würde..
Klaus Mümpfer
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Engstfeld / Weiss-Quartett
Back to Blallads
Jazzsick-records / ESC 8001 JSS
„Was soll´s?“, fragt man sich unwillkürlich
beim Blick auf die Titelliste. Muss man sich wirklich die xte Version
von Gershwins „I loves you Porgy“ oder Ellingtons „Prelude to a kiss“
antun? Auch wenn zwei so renommierte und exzellente Musiker wie der
Saxophonist Wolfgang Engstfeld und der Schlagzeuger Peter Weiss
gemeinsam mit dem sensiblen Pianisten Hendrik Soll und dem solide
stützenden Bassisten Christian Ramond den oft gehörten Standards neues
Leben einhauchen? Spätestens nach dem ersten Stück stellen sich diese
Fragen als unbegründet heraus. Gewiss, es bleibt ein Wagnis, eine ganze
CD mit getragenen und lyrischen Balladen zu füllen, aber wenn es mit so
viel Gefühl und Geschmack geschieht, dann lohnt es sich in der Tat,
aufmerksam zuzuhören, um alle raffinierten Feinheiten in diesen
Interpretationen zu entdecken. Engstfeld und Soll schaffen eine
entspannte Atmosphäre, in der sich der warme Ton des Tenorsaxophons in
all seinen Tonfärbungen voll entfalten kann. Soll ist mit seinen
perlenden Linien ein kongenialer Partner, während Weiss und Ramond
dezent den Rhythmusteppich unter die pastellfarbenen Klanggemälde legen.
Bei aller Beseeltheit gleiten die Musiker nie in Kitschige ab. „Back to
Ballads“ ist eine CD die zwar zum Träumen verleiten, aber auch außerhalb
solch blauer Stunden jazzig genossen werden kann. Aufgenommen wurden die
Balladen im März 2009 in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede.
Klaus Mümpfer
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FUNjazzquartett & Jill Gaylord
Heinrich Heine: Auf den Flügeln des (Jazz-)Gesanges
Melisma 3067
Joachim Ernst Berendt hatte in den 60er Jahren die Reihe „Jazz und
Lyrik“ gepflegt, zunächst Rühmkorf Peter, später Gottfried Benn und
Heinrich Heine mit der Jazzmusik verbunden und dieses Genre zur
anerkannten Kunstform erhoben. „Poesie ist in Musik verwandelte
Sprache“, hatte schon früh auch der amerikanische Schriftsteller Leroi
Jones formuliert. Das Fun-Jazzquartett mit dem Flötisten und
Saxophonisten Paolo Fornara, dem Pianisten Jo Flinner, dem Bassisten
Markus Hofmann und dem Schlagzeuger Günter Gessinger hat im Wortsinn
dieser Definition von Jones gemeinsam mit der Sängerin Jill Gaylord die
Lyrik Heinrich Heines besser noch als ein Berendt in die Musik
integriert, weil „J.E.“ den Rezitator Gert Westphal und das Attila
Zoller Quartett lediglich, wenn auch vorzüglich aufeinander abgestimmt,
gegenüberstellte,. „Wir haben den urdeutschen Sprachstil Heines und
seine spezielle Syntax mit dem Jazz verbunden“ heißt es im Booklet, in
dem sämtliche Texte abgedruckt sind. Gaylord singt mit ausdrucksstarker
Stimme und Einfühlungsvermögen die Texte in sensibel angepasster
Jazzphrasierung. Eingebettet sind die „Lieder“ in „singende“ und
swingende Instrumental-Passagen, in denen vor allem Flöte und Saxophon
Fornaras sowie die Piano-Improvisationen Flinners tonangebend sind.
Die CD übernimmt aus Heines lyrischem Intermezzo um 1822 ihren passenden
Titel „Auf den Flügeln des Gesangs“, stellt zumeist die intimen,
persönlichen, weniger die politischen Texte des Dichters vor. Die
Produktion ist ein Genuss für die Jazzfreunde ebenso wie für die
Verehrer des Spätromantikers.
Klaus Mümpfer
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Tomas Sauter
Magic Carpet
Catwalk CW 070003-2
Das Projekt „Magic Carpet“, mit dem der Schweizer Gitarrist Tomas Sauter
und sein Quartett derzeit auf Tournee sind, ist nicht ganz neu. Aus der
Besetzung der CD-Einspielung des Jahres 2006 sind die beiden im wahrsten
Sinne tonangebenden Musiker Tomas Sauter und der
Saxophonist/Klarinettist Domenic Landolf auch in den gegenwärtigen
Konzerten dabei. Festzustellen ist, dass die Soundtüfteleien auf der CD
ausgeprägter, die kontemplativen Stücke häufiger und die
impressionistischen Klangfarben ausgeprägter sind. Die Klangflächen im
Titelstück „Magic Carpet“ klingen beispielsweise intensiver, die
Duo-Passagen von Klarinette und Gitarre dichter. In den Konzerten
überwiegen die schnelleren, sich zwischen Bebop und Modern Swing
bewegenden Stücke.
An die Stelle der kontrastierenden, teils
atonalen Duoklänge von Klarinette und Saxophon mit der Gitarre sind
oftmals Unisono-Passagen getreten. Mir persönlich gefallen die
experimentelleren Collagen der CD besser – was allerdings eine Frage des
Geschmacks und nicht der Qualität ist. Tomas Sauter ist ein
faszinierender Techniker und Improvisator, ein Landolf ein beseelter
Saxophonist. In den Konzerten ist zwar das Zusammenspiel mit dem
Bassisten Schläppi harmonischer, doch die Rhythmusgruppe auf der CD mit
dem Bassisten Patrice Moret und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer erzeugt
mehr Spannungen, die neue den stärkeren Groove.
Klaus Mümpfer
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Nicolas Humbert & Werner Penzel
Brother Yusef
Air / jazzwerkstatt berlin, air 1001
Abgeschieden von der Welt lebt Yusef Lateef allein mit seinen
Instrumenten und Erinnerungen in einem Haus im Wald. Die Melancholie des
verschneiten Wintertages und der grauen Nebel unterstreichen die
Stimmungen, die die Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel im
musikalischen und optischen Porträt des Musikers eingefangen haben.
Lateef erzählt in Szenen, die nahezu statisch und ohne störende Schnitte
aufgenommen wurden. Er erinnert sich seine Begegnungen mit John Coltrane
kurz vor dessen Tod, an sein Engagement bei Dizzy Gillespie sowie an
andere Musiker. Die Erzählungen und Anekdoten zeigen Lateef als tief
religiösen Menschen, der über das Leben und das Sein nach dem Tod, die
Seele und das Herz sowie die eigene Stimme auf dem Instrument nachdenkt.
Die Worte kommen fast stockend, aber überlegt aus dem Mund eines
Künstlers, dessen „autophysiopsyic music“ aus dem eigenen geistigen,
spirituellen und intellektuellen Ich entstand.
Der Film wird der Person Lateefs gerecht, ist selbst ein fotografisches
Kunstwerk. Die Available-light-Technik zeigt das Profil des spielenden
und singenden Yusef wie ein Schattenriss. Die Großaufnahmen des Kopfes
und der Hände und die sparsame Lichtführung unterstreichen die grafische
Wirkung und erleichtern es dem Zuschauer, sich auf das Wesentliche zu
konzentrieren. Nichts lenkt von Sujet ab. Die einzige Fremdeinspielung
ist ein kurzer Mitschnitt eines Konzertes mit Cannonball Adderley. Die
Intimität des Wohnraumes, in dem Lateef gefilmt wird, betont die
Authentizität und strahlt wie der Musikers selbst innere Ruhe aus.
Niemand stellt „dumme Fragen“. Der Porträtierte bleibt stets der
Mittelpunkt. „Brother Yusef“ ist eines der eindringlichsten
Musikerporträts, die ich kenne.
Klaus Mümpfer
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Béatrice Kahl & Gaby Schenke
99 / NDW meets JAZZ
MDL 200 152 CD
Kreuzworträtsel kennen nur eine „deutsche Pop-Sängerin“: Nena. Ihren
Song von den „99 Luftballons“ hatte einst die Neue Deutsche Welle ebenso
hochgespült wie „Ich will Spaß“ von Markus oder Rio Reisers „König von
Deutschland“. Die Saxophonistin Gaby Schenke und die Pianistin Béatrice
Kahl haben nun neun Lieder der NDW neu gefasst und zeigen, was souveräne
Jazzerinnen aus den vordergründig schlichten Original-Themen in neuen
Arrangements herauskitzeln können.
Den Bearbeitungen ist anzuhören, welchen Spaß dies den beiden
Musikerinnen und ihren Begleitern Frank Fiedler am Kontrabass sowie
Kristof Hinz am Schlagzeug und mit Elektronik bereitet hat. In Nenas „99
Luftballons“ überwiegt zunächst der Wiedererkennungseffekt, bevor sich
Saxophon und Piano vom Thema entfernen, neu harmonisieren und wieder
aufs Thema zurückkommen. Joachim Witts „Goldener Reiter“ galoppiert in
fast freien und pulsierenden Expressionen hinweg. „Das Blech“ groovt mit
treibenden Drum-Rhythmen und einem mitreißenden Rhodes-Solo sowie kurzen
stakkatohaften Akkord-Ostinati vor einem gradlinigen Schlagzeug-Solo.
Nahe am Original bleiben bei ihren originellen Improvisationen die
Musiker in „Carbonara“
Soundfärbend ist wie bei den früheren Ausnahmen des in jahrelanger
Freundschaft traumhaft eingespielten Duos das Saxophon mit seinen
singbaren Linien oder kurzen überblasenen Läufen sowie das perlende und
zugleich immer wieder sperrige Piano.
In drei Liedern setzt Gaby Schenke mit Coolness und spröder Erotik
durchaus NDW-gerecht ihre Stimme ein. Der unbekümmerte Charme der Neuen
Deutschen Welle findet sich in den anspruchsvolleren jazzigen
Arrangements wieder und zeugt von der erfrischenden Vitalität auch des
mainstreamigen Jazz. Herausgekommen ist eine Musik, die mit
überraschenden Wendungen ganz einfach Spaß bereitet.
Klaus Mümpfer
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Youssou N´Dour
Rückkehr nach Goirée
Mouna / Alive 6410330
Blues, Jazz, Gospel, Spiritual – all diese Musik wäre nicht Bestandteil
der amerikanischen Kultur, wenn nicht die Afrikaner in Amerika ihre
eigenen musikalischen Traditionen mit denen ihrer Unterdrücker
verschmolzen hätten. Youssou N´Dour, 1959 im senegalesischen Dakar
geboren, hat die afrikanischen Wurzeln in seinen Songs zwar mit Jazz und
Pop angereichert, aber nie verleugnet, sondern überzeugend bewahrt. Zum
„Afrikanischen Künstler des Jahrhunderts“ hat ihn deshalb das Fachblatt
„Folk Roots“ ernannt.
In einer eindreiviertelstündigen Dokumentation hat der Schweizer
Regisseur Pierre-Yves Borgeaud den Sänger nun auf dessen Spurensuche
durch Amerika und Europa zurück in den Senegal und auf die frühere
Sklaveninsel Goirée begleitet. „Rückkehr nach Goirée“ ist kein
Musikvideo – auch wenn sich der Film um die Musik dreht und die Musik
stets präsent bleibt. Schon die Intro erinnert an das Leid der Sklaven,
ohne dass N´Dour den Zeigefinger hebt. „Rückkehr nach Goirée“ ist auch
keine bittere Abrechnung mit der Sklaverei, auch wenn der Sänger am Ende
dem Kurator des „Hauses der Sklaverei“ auf der Insel, Joseph Ndiaye,
dafür dankt, dass er wie vielen anderen zuvor, „die Wahrheit über viele
Dinge erzählt“ habe. „Rückkehr nach Goirée“ ist eine fröhliche Rückkehr
mit Musikern, die N´Dour bei seinen Stationen in Atlanta, New Orleans,
New York, Genf und Luxemburg eingesammelt hat. Der Kulturbotschafter
gewährt in diesem „Road-Movie ebenso Einblicke in die Historie der
Sklaverei wie in die faszinierende Welt des Jazz heißt es im PR-Text
treffend. N´Dour ist ein Griot, ein Erzähler, der in seinen Songs im
Sinne einer „oral history“ Traditionen weiterreicht.
Borgeaud ist es gelungen, eine an sich nüchterne Dokumentation mit
ergreifenden und rührenden Szenen lebendig werden lassen. Eine der
aufregenden Begegnungen ist die mit Amiri Baraka, der unter seinem
früheren Namen LeRoy Jones mit „Blues People“, die Musik der Schwarzen
im weißen Amerika, eine ebenso provozierendes wie lehrreiches Buch
geschrieben hat.
Authentizität gewinnt der Film durch das einfache Abfilmen bei
Außenaufnahmen, die Intimität der Drehorte bei Freunden, in Kneipen und
Studios., durch die Arbeitsatmosphäre, der Vorrang vor der Aufnahme
vollständiger Songs eingeräumt wird, sowie durch die Unbekümmertheit und
Natürlichkeit der Darsteller. Borgeaud hat dabei ganz bewusst auf
technischen Aufwand verzichtet.
Der DVD ist ein Plakat der Titel-Illustration beigefügt. Ein dünnes
Booklet mit den Künstlernamen und Reisestationen wäre nützlicher
gewesen. Man müsste nicht auf den flüchtigen Abspann warten oder immer
wieder im Film die Pausetaste drücken.
Klaus Mümpfer
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Kai Schumacher spielt Frederic Rzewski
„The people united will never be defeated“
Wergo WER 6730 2
Es ist eine politische Proklamation: „The people united will never be
defeated“. Der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski ist
ein leidenschaftlicher Verfechter einer politischen Ästhetik. Kein
Wunder also, dass er das chilenische Protestlied „El pueblos unido jemás
será vencido“ in seinem Klavierwerk aufgegriffen hat, um die politische
Botschaft mit geradezu altmeisterlicher Vollendung in Thema und
Variationen zu verstärken.
Wenn auch der Einspielung mit dem jungen Pianisten Kai Schumacher das
Original fehlt, das dieser in seinen Konzerten einführend einspielen
lässt, so ist doch zu erkennen, dass Rzewski bei aller Freiheit nahe an
der metrischen und harmonischen Struktur des Originals bleibt. In den in
sechs Blöcken mit jeweils sechs Variationen taucht das Thea immer wider
auf, entwickelt der Komponist jedoch eine Vielfalt an Ausprägungen
höchster pianistischer Komplexität und gleichzeitiger Sensibilität, so
dass es besonderer Virtuosität bedarf, dem Anspruch Rzewskis gerecht zu
werden.
Kai Schumacher gelingt dies mit Bravour. Er pendelt mit bewundernswertem
Gespür zwischen verklärten Melodien und wuchtigen Akkordexplosionen,
tastet suchend nach Single-Notes, um dann wiederum in einen rasenden
Lauf zu verfallen. In den „Variationen 4“ nimmt Schumacher die Dynamik
bis fast zur Unhörbarkeit zurück, schließt einen perlenden Lauf an,
lässt das Piano in den „Variationen 6“ ausgeprägt swingen und erinnert
in zarten Melodiebögen an die folkloristischen Wurzeln, bevor er wieder
zu einem geradezu aus der Klassik entnommenen Lauf ansetzt. In den
folgenden „Variationen 5“ zeigt sich Schumacher als ein flinkfingriger
Läufer in den höchsten Lagen des Flügels, um dann plötzlich
innezuhalten, um mit zarten, sparsam gesetzten Noten und Akkorden das
Thema im Marschrhythmus kraftvoll drängend aufzubauen.
Es mag dem Pianisten zugute kommen, dass er mit Jazz und Rockmusik
Erfahrungen gesammelt hat. So spürt der Zuhörer auf der CD – wenn auch
nicht so intensiv wie in den Konzerten – dass Schumacher die Freiräume
des riesigen Klavierwerkes auszuschöpfen vermag und weit mehr als nur
reproduziert.
Klaus Mümpfer
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Vandermark, Nagl, Thomas, Reisinger
c.o.d.e.
crack 062008020
„Free Jazz“ ist der Titel eines Stückes, das wie die anderen der CD „c.o.d.e.“
Erinnerungen an die Geburt des freien Jazz Anfang der 60er Jahre weckt.
Ken Vandermarks Bassklarinetten-Spiel nähert sich den Akkord-Stakkati
des 1964 gestorbenen Eric Dolphy, Max Nagls Altsaxophon den Eruptionen
Ornette Colemans. Vor dem pulsierenden Schlagzeug von Wolfgang Reisinger
und einem variablen, teil verfremdet gestrichenen Bass des Australiers
Clayton Thomas umspielen die beiden Blasinstrumente einander, duellieren
sich, explodieren überblasen oder vibrieren in anscheinend sanften Soli.
Soundfetzen vernetzten sich in freien Passagen folgen swingenden,
mehrstimmigen Duos, die der Bassist mit sparsamen Akkordeinwürfen
unterlegt und die Reisinger mit „pulse“ akzentuiert.
„c.o.d.e.“ ist ein Tribut an zwei Zentralgestirne der Jazzgeschichte: an
Ornette Coleman und Eric Dolphy, die beide die stilbildende Einspielung
„Free Jazz“ aus dem Jahr 1960 mit geprägt haben. Von Anarchie und Chaos,
die damals mit dem Begriff Free Jazz verbunden waren, kann bei „c.o.d.e.“
nicht die Rede sein. Von Freiheit und Subjektivität dagegen viel. Einige
Soli, wie das des Bassisten in „something sweet, something tender“
wirken geradezu klassisch, die mehrstimmigen Duos der Bläser wie in
„miss ann“ klingen sehr
Die schnellen, explosiven und ungebundenen sowie die sanften
kammermusikalischen Interaktionen belegen, dass das Quartett mitreißend
aufregenden freien Jazz spielen kann, indem es den Free Jazz von damals
dialektisch bewahrt, überwindet und auf eine neue Stufe hebt – siehe „researching
has no limits“, dessen Interpretation allein schon den Kauf dieser CD
lohnt. Nagl, Vandermark, Reisinger und Thomas werden den Kompositionen,
die alle von Coleman und Dolphy stammen, überzeugend gerecht.
Klaus Mümpfer
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Frank Sackenheim Quintett
Eurotrash
Laika Records, Kat.Nr. 3510254.2
Als „Eurotrash“ werden aus amerikanischer Sicht abfällig europäische
Musik-Produktionen wie Eurodance oder Eurodisco bezeichnet. Warum sollte
nicht auch europäischer Jazz nach Meinung einiger US-Jazzer Abfall sein.
Der deutsche Saxophonist und Klarinettist Frank Sackenheim stellte sich
dieser Herausforderung augenzwinkernd und ironisierend mit einer
Einspielung, die eine solche abwertende Einstufung Lügen straft.
Zwar in der Mainstream-Tradition des Bebop verwurzelt, aber doch oft die
Grenzen fließend erweiternd, bürgt Sackenheim mit seinem eingespielten
Quintett für ein weites Spektrum von melancholischen, weit schwingenden
Saxophonlinien bis zu nervös pulsierenden, schnellen Läufen.
Faszinierend sind vor allem aber seine teils pastellartigen Klangbilder,
die zweistimmigen und Unisono-Soundflächen, die er mit Saxophonen oder
Bassklarinette im Duo mit Matthias Bergmann am Flügelhorn malt. „Day
One“ ist ein Beispiel für diesen Personalstil eines modernen Mainstreams
jenseits aller Klischees.
Eine lyrische Single-Note-Intro auf dem Piano, impressionistische Sounds
über dem gestrichenen Bass von Christoph Devisscher, dann nervöse
Bläserläufe vor dem pulsierenden Schlagzeug Jens Düppes stehen für
musikalische Vielfalt. Lars Duppler an Piano und Fender Rhodes sorgt für
melodische Soli ebenso wie im Titelstück für kratzenden Trash. Ein
ausgeprägt ästhetisches Saxophon-Solo erbaut „Touch her soft lips...“.
Ebenso mit Streichern und sinfonischem Touch sowie tänzerischer
Leichtigkeit hat danach Dupplers Komposition „Mezzanine“ wenig mit dem
gleichnamigen, düster wirkenden Hip-Hop-Klassiker der Gruppe „Massive
Attack“ zu tun. Da höre ich doch lieber Eurotrash.
Klaus Mümpfer
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Florian Poser Vibes Trio plus Cezary
Paciorek
Celestial Encounter
Acoustic Music Records Best.Nr. 319.1412.2
Die Liebe des deutschen Vibraphonisten Florian Poser zur
lateinamerikanischen Musik ist seit vielen Jahren ungebrochen. Nach dem
Erfolg mit „Brazilian Experience“ schien es unvermeidlich, dass jemand
auf die Idee kam, Poser mit einem Akkordeonisten zu verbandeln.
Verwunderlich ist es eher, dass der Vibraphonist nach eigenen Worten
erst durch Christian Schröder, den Veranstalter der Konzertreihe „Jazz
im Himmelreich“ zu dieser musikalischen Kombination angeregt werden
musste.
Der junge, aus Danzig stammende Pole Cezary Paciorek ist zwar kein
Südamerikaner, doch sein Spiel auf dem Akkordeon ist durch und durch
latingetränkt. In der seltenen Kombination von Vibraphon und Akkordeon
entsteht so in swingender und beschwingten Mainstream aus Jazz und
Latin, der zwischen virtuosen, rasenden Läufen und sensiblen, beseelten
Balladen auf den beiden Hauptinstrumenten pendelt.
Neben Poser und Paciorek sind am Bass Oliver Karstens und am Schlagzeug
Thomas Hempel zu hören. In der Abmischung des Live-Mitschnitts aus
Münster im März vergangenen Jahres stört mich allein das zu aufdringlich
im Vordergrund stehende Schlagzeug. Da werden die kurzen nahezu
perfekten Unisono- und mehrstimmigen Passagen von Akkordeon und
Vibraphon zu leicht dominiert. Reiner Wohlklang ist das sanfte und
getragene Titelstück am Ende des Konzertes – ein Duett, das eines
Himmelreichs würdig ist.
Klaus Mümpfer
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Fraucontrabass
Saal 3
Klangraum KRR 046
Duos sind mit ihrer sensiblen Kommunikation besonders anfällig für
jeglich Form des musikalischen Missverständnisses. Es bedarf also
besonderer Einfühlsamkeit, um bestehen zu können. Eine weibliche Stimme
und ein männlicher Kontrabass (so die Promotion) verdienen in dieser
Kombination wegen ihrer Alleinstellung besondere Aufmerksamkeit. Das Duo
„Frau Contra Bass“ hat diese Beachtung verdient.
Katharina Debus und Hanns Höhn durchforsten die Songwelt des Jazz, Soul
und Pop und interpretieren die Kompositionen in neuer, mit
Überraschungen durchsetzter Form. Virtuos moduliert die Sängerin ihre
helle und klare Kopfstimme. Sie setzt sie instrumental ein wie in „Too
high“ oder mit sanftem Balladenton wie im nachfolgenden „Shake off“. Sie
kann aber auch „schmutzig rau“ wie in „Joker“ intonieren oder gar
näselnd sirren. Hanns Höhn ist ihr in all diesen Experimenten ein
einfühlsamer Duo-Partner, der seinen Bass mal swingend gradlinig
marschieren lässt oder mit sparsamen Akkorden wie in „Take me home“
sowie mit harmonischen Wendungen und Verzierungen die Melodielinien
variiert. Die Intro zu „As if you read my mind“ steht für dieses Können
ebenso wie das Solo in „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ – ein Lied,
das dank der Emotionalität und Ausdruckskraft der Sängerin hervorzuheben
ist . Das Duo bringt, wie Höhn zu Recht sagt, die anderen Seiten der
Songs zum Funkeln.
Klaus Mümpfer
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the norwegian wind ensemble (Leitung: Maria
Schneider, Solist: Arve Henriksen)
Sketches of Spain / one night at he opera
Norwind records 2009 (DVD)
Im ersten Moment mag es verwegen anmuten, sich als Trompeter der
„Sketches of Spain“ anzunehmen, da jeder Jazzfan die Aufnahme mit Miles
Davis und dem Orchester von Gil Evans von 1959/1960 für immer im Ohr
hat. Doch es verbietet sich, Miles Davis mit dem 1968 geborenen
Trompeter Arve Henriksen zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind die
Personalstile. Zudem haben sich Zeit und Musikauffassung fortentwickelt.
Henriksen bläst seine Soli brüchiger, zärtlicher, heiserer, ja
emotionaler als der legendäre coole Miles. Im direkten Vergleich spricht
mich die Interpretation des Norwegers stärker an.
Die zweifache Grammy-Gewinnerin Maria Schneider leitet „the norwegian
wind ensemble“, eigentlich ein Klassik-Orchester mit vorzüglichen
Edvard-Grieg-Einspielungen, mit sicherer Hand und lässt ihm so weit die
Zügel, dass es den höchst komplizierten und dennoch fließenden
Evans-Arrangements neue Facetten hinzufügen kann. Wie Henriksen, unter
anderem Mitglied der international renommierten Gruppe Supersilent,
Erfahrungen im freien Spiel und der Avantgarde sammelte, arbeitete das
Norwegian Wind Ensemble bereits mit Jazzern wie Bobby McFerrin und Nils
Landgren zusammen.
Der DVD-Mitschnitt vom Konzert anlässlich
des Jazzfestivals in Oslo ist aufnahmetechnisch akustisch im
Multistereo-Sound einwandfrei, stößt aber bei der Kameraführung an
Grenzen, wenn ein Solist so stark vor dem Orchester hervorgehoben werden
muss. Kurzweiliger ist sie bei der fünfminütigen Spontan-Improvisation
Arve Henriksens, bei der die kreative Potenz dieses Musikers übrigens
stärker noch als bei den vorhergehenden „Sketches“ zu faszinieren
vermag. Ergänzt wird diese uneingeschränkt empfehlenswerte Aufzeichnung
durch ein Interview mit Maria Schneider vom 13. April 2008 in New Nork,
in dem sie unter anderem erzählt, wie sie von dem Gesang der Vögel im
Central Park inspiriert wird.
Klaus Mümpfer
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Phoenix Foundation & Lars Reichow:
„Lachst Du noch oder swingst Du schon“
Kontakt und Bestellung:
www.larsreichow.de,
www.phoenixfoundation.de
Der Big Band Sound ist kompakt und rund, der Bläsersatz druckvoll und
zupackend, die Rhythmusgruppe legt ein swingendes und stützendes
Fundament. Wer „Funky Sea, Funky Dew“, „High Maintenance“, „Ellingtons „C-Jam
Blues“ oder gar Parkers „Au Privave“ hört, wird nicht vermuten, dass da
ein Jugendjazzorchester spielt. Die „Phoenix Foundation“ hat unter der
Leitung des Komponisten, Arrangeurs und Trompeters Frank Reichert einen
Reifegrad erreicht, der Bewunderung abfordert.
Auf der neuen CD, die das Jugendjazzorchester Rheinland-Pfalz gemeinsam
mit dem „Klaviator“ unter dem Titel „Lachst Du noch oder swingst Du
schon“ eingespielt hat, lässt die rhetorische Frage des Pianisten und
Kabarettisten Lars Reichow nur eine Antwort zu: Beides ist in dieser
Kombination selbstverständlich. Coole und lässige Unterhaltung
verspricht der Covertext dieses Live-Mitschnitts aus Mainz völlig zu
Recht.
Die Zwischenmoderationen Reichows sind gespickt mit hintergründiger
Ironie. Die Mitglieder der Bigband bestechen mit ausgereiften und
technisch tadellosen Soli. Das gilt für die High-Note-Ausflüge der
Trompeter ebenso wie für die groovenden Läufe der Bassisten und
Gitarristen – oder das Piano-Solo in Parkers „Privave“. Die routinierte
Satzarbeit lässt keine Mängel im „time“-Spiel erkennen. Es ist wohl auch
der Spielfreude zu verdanken, dass die komplexen und teils schwierigen
Arrangements so leicht klingen. Mit seinem optimistischen Vokalstück
„Glücklich in Deutschland“ aus der eigenen Feder beschließt Lars Reichow
diese uneingeschränkt empfehlenswerte Einspielung.
Klaus Mümpfer
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Ron Carter
Jazz & Bossa
Blue Note Records 50999-2-28104-27
Mit 71 Jahren blickt auch ein Jazz-Gigant offensichtlich gerne zurück.
Nachdem der Bassist Ron Carter seinen früheren Bandleader Miles Davis
mit einem auserwählten Programm und einer glanzvollen Tournee gewürdigt
hat, ist Carter im Sommer 2009 mit einem Rückblick auf seine
Zusammenarbeit mit Antonio Carlos Jobim und einem Bossa-Nova-Repertoire
auf Reisen. Vorab hat der Senior am Kontrabass eine CD „Jazz & Bossa“
eingespielt, auf der er alte Bekannte versammelt. Mit von der Partie
sind neben dem in vielen Stücken klangdominanten Tenorsaxophonisten
Javon Jackson, dem Perkussionisten Rolando Morales-Matos und dem
Pianisten Stephen Scott der famose Drummer Portinho und der virtuose
brasilianische Gitarrist Guilherme Monteiro.
Unbeschwert und virtuos swingt das Ensemble in den tänzerischen
Latin-Rhythmen, belebt Klassiker wie Jobims „Chega de saudade“ und
„Wave“, aber auch frühere Kompositionen Carters wie „De Samba“ und „Ah
Rio“ mit neuem Feuer.
Hinzu kommt eine Besonderheit, die das Album aus der Reihe von Bossa
Nova-Einspielungen zum 50. Jahrestag des Durchbruchs dieser Musik
hervorhebt: Es sei das Konzept dieser CD, von einer größeren Gruppe und
einem vollen Sound – des Sextetts in „Salt Song“ zu immer kleineren
Besetzungen zu kommen, um schließlich mit einem Solo-Spiel des
Gitarristen Monteiro in „Saudade“ zu enden, schreibt Carter im Booklet.
In diesem Reigen genießt der Hörer faszinierenden Dialoge zwischen dem
Bassisten und dem Gitarristen, Ruf-Antwort-Spiele von Jackson und Scott
sowie beseelte Ausflüge Carters auf den Saiten seines singenden
Kontrabasses.
Die CD „Jazz & Bossa“ ist eine Preziose der zeitlosen und ästhetischen
Verbindung von brasilianischer Folklore und inzwischen klassischem Jazz
- ein wahrer Hörgenuss.
Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling Trio
Cruisen
Jazz`n`Arts /
Soulfood JnA 4109
Eigentlich ist es müßig, über den Trompeter Thomas Siffling und seine
Musik viele Worte zu verlieren. Sein warmer, melodiöser und beseelter
Ton prägt die Interaktionen des bewährten Trios mit dem Bassisten Jens
Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller auch dann, wenn er den Partnern
viel Freiraum lässt. Ein Genuss sind unter anderem die harmonisch
erfindungsreichen Bass-Soli. Auf seinem zweiten Konzeptalbum mit dem
Titel „Cruisen“ hat Siffling zusätzlich Xaver Fischer mit seiner
Wurlitzer und die Sängerin Veronica Harcsa eingeladen. Im Titelstück
verstärkt das Wurlitzer Keyboard mit perlenden Klängen den relaxten
Sound, der die gesamte Einspielung prägt. Und „One hand clapping“ verrät
deutlich, wie stark der frühe Miles Davis den jungen Trompeter aus der
Rhein-Neckar-Region beeinflusst hat.
„Cruisen“ wird erneut als Konzeptalbum angepriesen. Im Booklet empfiehlt
der bekennende Sportwagen-Fan Siffling neun romantische und
gourmet-gerechte Autorouten in Deutschland und den europäischen
Nachbarländen. Wenn auch musikalisch das Konzept etwas bemüht erscheint,
so kann man sich durchaus vorstellen, bei dieser loungigen und
groovenden Musik, die dem Pop nahesteht, ohne jedoch die Jazz-Wurzeln
außer Acht zu lassen, im offenen Cabrio die Routen abzufahren. So
entspannend fließen die Klänge dahin. Die dunkle und erotische Stimme
der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa steht dabei in reizvollem
Kontrast zu den meist hellen und transparenten Trompetentönen des
Bandleaders. Siffling ist es auch mit diesem Album gelungen, leicht
verdauliche und marktorientierte Musik zu machen, ohne am hohen
künstlerischen Niveau Abstriche zuzulassen
Klaus Mümpfer
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S:U:M
f-l-o-w
Vertrieb:
allofjazz.com
Die einleitenden, zugespielten 17 Sekunden „Switch on the Coffee-Machine“
sind eher ein Gag als ein musikalischer Beitrag dieser im Mainstream
schwimmenden Mixtur aus Jazz, Pop, Rock und Lounge-Sounds. Die Musik ist
gefällig und fließt – wenn auch über einige wirbelnde Stromschnellen.
Pianist und Produzent Sigi Dresen zeigt sich versiert in meditativen
Single-Notes ebenso wie in sperrigen Akkordläufen etwa in
„Mysteriums-Abteilung“, Bassist Arnd Geisen reißt die Saiten
knochentrocken und spielt den E-Bass flink in melodischen Läufen wie
eine Gitarre, während Niels-Henrik Heinsohn das Drum-Set pulsieren
lässt. Die Stücke leben von dynamisch gestuften Spannungsbögen mit
magisch wirkenden Ostinati, von gefühlvollen, anheimelnden Passagen wie
in „Feel“. „f-l-o-w“ ist alles in allem eine Einspielung, die keine
Überraschungen bereit hält, wobei Dresens Kompositionen „Glowing Cave“
und „Circles“ stärker in der Tradition verwurzelt sind als die
Bearbeitungen fremder Stück. Dennoch vermögen sie dank der
interpretatorischen Kreativität der Musiker alle mitzureißen, werden in
den Soli ebenso wie im sicheren und sensiblen Zusammenspiel dreier
gleichberechtigter Partner dem Anspruch der „Triokratie“ gerecht.
Klaus Mümpfer
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Chet Baker / Wolfgang Lackerschmid
Artists Favor
Hipjazz 004
Wie unaufgeregt spannend Jazz auch nach gut drei Jahrzehnten klingen
kann, belegen die Aufnahmen aus der Zusammenarbeit des damals 50 und
fast 60-jährigen Trompeters Chet Baker mit dem beim ersten Treffen noch
jungen, gerade mal 23-jährigen, deutschen Vibraphonisten Wolfgang
Lackerschmid. Die Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1979 und
1987 dokumentieren eine musikalische Seelenverwandtschaft der so
ungleichen Musiker. Auf der einen Seite der typische fragile
lyrisch-melancholische Ton des Trompetenspiels, auf der anderen der
filigrane, gläserne und transparente Klang des Vibraphons. So entsteht
eine Musik von zeitloser Ästhetik, relaxed, beseelt und stimmungsvoll.
Sie vereint intellektuelle Logik und emotionale Tiefe.
Wie groß Vertrauen und Respekt des Älteren in die Interaktionen des
Jüngeren waren, belegt die Auswahl der Kompositionen, die bis auf zwei –
darunter natürlich eine Version von „Softly, as in the morning sunrise“
– aus der Feder Lackerschmids stammen, „Dessert“ ist sogar eine
Gemeinschaftsarbeit von Baker und Lackerschmid.
Bei den Aufnahmen vom August 1987 sind neben anderen auch die Bassisten
Günter Lenz und Rocky Knauer, bei einer Einspielung von 1979 der
Gitarrist Larry Coryell, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Tony
Williams zu hören. Die weiteren Aufnahmen aus diesem Jahr bestreiten der
Trompeter und der Vibraphonist in leisen und traumhaft schönen,
melodischen Duos, die die Seele einspinnen. „You don´t know what love is“
war eine spontane Aktion für den Soundcheck und erschien den Musikern so
gelungen, dass es für die Veröffentlichung behalten wurde. Es waren, so
Lackerschmid, die ersten Noten, die die beiden Musiker zusammen
spielten. Ein Glück, dass es nicht dabei diesem Versuch geblieben ist.
Klaus Mümpfer
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Meric Yurdatapan
The Great Turkish Songbook
housemaster records LC 05699
Meric Yurdatapan, die bereits mit der Gruppe Mericimsi türkische Musik
und Jazz auf originelle Weise verknüpfte, ist konsequent einen Schritt
weiter gegangen: Auf ihrem zweiten Album interpretiert sie seelenvoll
und inspiriert die klassische türkische Musik, die auf alte osmanische
Hofmusik zurückgeht und verleiht ihr mit jazzigem Akkordgefüge sowie
Rhythmik Tiefe und Fülle, die die Lieder von der Einstimmigkeit der
osmanischen Kunstmusik befreien. So umranken sich der typische, etwas
schwermütig wirkende Gesang mit seinen koloraturähnlichen,
melismatischen Passagen und den wie Schleiftöne wirkenden
Minimalintervallen in der orientalischen Tonleiter sowie die jazzige
Instrumentalisierung mit einem perlenden Piano von Ulrich Bareiss, den
fesselnden, harmonisch reizvollen Basslinien von Florian Werther und dem
swingenden Schlagzeug von Axel Pape. Dass in der osmanischen Klassik
unter anderem neben arabischen auch jüdische Einflüsse verarbeitet
wurden, belegt die Komposition „Ben gamli hazan“. Viele der
traditionellen und zu neuem Leben erweckten Kompositionen sind
bittersüße oder sehnsuchtsvolle Lieder von der Liebe zu Personen oder
etwa zu dem Istanbuler Stadtteil Kalamis. (Alle Liedtexte sind im
Begleitheft im türkische und englischer Sprache nachzulesen.)
„The Great Turkish Songbook“, so der Titel der neuen CD, ist für die in
Wiesbaden lebende und in Istanbul aufgewachsene Türkin eine Zeitreise in
ihre Jugend, in der sie den Gesängen ihrer Großmütter lauschen durfte.
Diese Musik sei, wie Meric Yurdapan sagt, „die Heimat meines Herzens“.
Das hört man jedem Wort, jeder Silbe, an, die sie mit klarer und
ausdrucksreicher Kopfstimme vorträgt. Dass die Sängerin die
komplizierten Strukturen der Melodiebildung „makam“ und komplexer
Rhythmik „usul“ vereinfacht, macht die Musik trotz der exotischen
Klangfarben und Stimmungen für das westliche Ohr eingängig. Türkische
Vokal-Klassik und Instrumental-Jazz verbinden sich auf faszinierende
Weise, ohne dass eine der Seiten ihren Charakter aufgeben muss.
The Great Turkish Songbook“ ist kein World-Jazz im herkömmlichen Sinn,
sondern eine völlig eigenständige Musikausprägung, die von Mal zu Mal
mehr gefangen nimmt.
Klaus Mümpfer
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Ditzner Lömsch Duo
Schwoine
fixcel records 001
Lehmann + Ditzner
Klingeltöne
fixcel records 000
Eigentlich fängt es ganz harmlos an: Ein fein swingendes kleines
Schlagzeug, eine melodisch klingende Klarinette – so richtig anheimelnd,
auch wenn das Instrument zwischendurch leicht überblasen wird. „Up from
the skies“, jene Nummer von Jimi Hendrix, eröffnet die CD „Schwoine“ des
Duos Erwin Ditzner und Bernd Lömsch Lehmann. Ein sanfter Ausklang.
Doch anschließend geht es zur Sache. Das Saxophon attackiert, das
Schlagzeug setzt akzentuiert den Beat. „Die Maske“ so auch der Titel,
wird gelüftet. Lömsch Lehmann lässt das Instrument aufschreien, während
der Rhythmus noch stupend durchläuft. In „Nguruwe“ ist die Maske dann
endgültig gefallen. Der Saxophonist malträtiert das Bariton, gurgelt,
kreischt, stöhnt, schnattert und seufzt in aggressiven Stakkatoläufen.
Ditzner setzt mit einem pulsierenden Drumspiel die Basis, auf der
Lehmann sich in Free-Explosionen austobt – paradoxerweise kontrolliert
und strukturiert – so wie man es etwa von Peter Brötzmann kennt.
Freier-Jazz ja – reiner Free-Jazz wie ihn Musiker in den 60er Jahren mit
der Negierung aller harmonischer und rhythmischer Bindungen gemeint
haben, ist dies dennoch nicht.
Die Musik des Duos ist auf faszinierende Weise doppelbödig: Treibender
Groove und raffinierte Melodiebearbeitungen wie in „In A Gadda Da Vida“
oder „Leon P.“ sind Belege für einen souveränen Umgang mit der freien
Improvisation und deren Einbindung in ein dialektisch geformtes Konzept
der dreifachen Aufhebung: Aufheben im Sinn der Auflösung überholter
Bindungen bei gleichzeitigem Bewahren von Bewährten und Aufheben des so
Gewonnen auf eine neue künstlerische Ebene.
Noch ausgeprägter ist dieses Konzept auf der CD „Klingeltöne“ mit seinen
erbaulichen und skurrilen Kurzmusikstücken. Nur jeweils wenige Takte
lang schnattern Saxophon und Klarinette, rhythmisiert Ditzner die
unterschiedlichsten Percussionsinstrumente. Zitate zwischen Neuem – ob
der Hörer der Empfehlung folgt und mit diesen Improvisationskürzeln als
Klingeltöne auf dem Handy die Welt beglückt, darf bei allem Witz und
Reiz dennoch bezweifelt werden.
Klaus Mümpfer
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Community
What´s your dream
Trion, LC 06878
Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Ökonomie. Er setzt selbst in
schnellen kruzen Stakkatoläufen auf dem Flügel keinen Ton zu viel, ist
immer ein nachdenklicher Spieler gewesen. Auch in dem neuen Quartett „Community“
pflegt er diese Tugend. Ob im Duo mir dem mal sensiblen, mal expressiven
Trompeter Valentin Garvie (er bläst in Degens „Suite“ die im Jazz selten
eingesetzte hohe Bachtrompete) oder mit dem harmonisch wendungsreichen
und nie um Einfälle verlegenen Bassisten Ralf Cetto, mit seinen locker
perlenden Klaviereinlassungen drängt sich Degen nie in den Vordergrund.
In seiner Suite überschreitet der Pianist im Zwiegespräch mit dem
pulsierenden Schlagzeuger Uli Schiffelholz (auch im absschließenden „Upstart
2“ die Grenze zu rhythmisch und harmonisch freieren Jazzläufen, um im
anschließenden „Herbstwind“ nach einer eher lyrischen Passage vehement
drivend mit Garvie zu swingen. „Universal Language“ wiederum belegt,
dass Degen und Garvie im Bebop verwurzelt sind und Cetto zupft nach
seinen begleitenden walking-Bass-Linien eines jener melodischen Soli,
die von ästhetischem Feingefühl zeugen. Ähnlich melodische Ambitionen
beweist Uli Schiffelholz beim Titel gebenden „What´s your Dream“ in
einem Solo mit einem sorgfältig abgestimmten Drumset, bevor die
Komposition mit einem sanft verwehenden Trompetenspiel ausklingt. Die CD
des Quartetts mit dem älteren Bob Degen und seinen jungen Mitmusikern
wird dem Gruppennamen gerecht. Dies ist eine Einheit gleichberechtigter
Partner, famos aufeinander eingestimmt, jeder mit eigener Persönlichkeit
und dennoch in kollektiven Spirit aufgehend. Die Musik bewegt sich
zwischen Bebop bis Free, über das spanisch-inspirierte „Eso es“ in
pulsierender Rhythmik bis zu sanfte Balladen wie „Für E.S.“ und fesselt
vom ersten bis zum letzten Ton.
Klaus Mümpfer
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Annedore Wienert / Peter Wegele
Necessarily Two
Fluxx, LC10214
Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt
interpretiert auch die Oboistin Annedore Weinert die Wegele-Komposition
„Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den
Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte
tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo
arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den
Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue
Klangfarben ins Spiel.
Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George
Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles
fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch
beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen,
manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn.
Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It
Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten
durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante
Klangfarben.
Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen
von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der
Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer
Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht
gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht
damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der
in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen
Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet.
„Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche.
Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist
aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes
Hörerlebnis.
Klaus Mümpfer
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Charles Davis & Captured Moments
Pathways
TSEE 408-0025
Die Flöte flirrt in „Blues for Saliba“, das der australische und am
Bodensee lebende Flötist Charles Davis dem libanesischen Maler Saliba
Douaihy gewidmet hat. Mal überblasen, mal in einem langen Lauf geradeaus
voraneilend, treibt Davis den straight marschierenden Kontrabass, auf
dem Steffen Hollenweger zwischendurch ein kurzes und harmonisch
ausgefeiltes Solo vorlegt, sowie die perlenden Linien der Gitarre von
Sven Götz in diesem Up-Tempo-Stück voran. Gleich darauf greift Davis zur
Kontrabassflöte, ein Instrument, das eher percussiv, denn als
Melodieinstrument eingesetzt wird, um mit überblasenen Harmonien,
pfeifenden Lauten und Schleiftönen sowie in grummelndem Bass in „Flendrix“
dem Gitarristen Jimi Hendrix die Ehre zu erweisen. Im Allgemeinen jedoch
herrscht auf der CD „Pathways“ kammermusikalische und getragene Stimmung
vor – sanfte Lyrik und melodische Verspieltheit.
Charles Davis´ Vorliebe für indische Klassik sowie Balkan-Folklore ist
in den Einspielungen der Gruppe „Enchala“ ebenso unüberhörbar und
bestimmend wie in dieser neuen Aufnahme seines Trios „Captured Moments“.
„Almost a Raga“ steht für die eine Ausrichtung, „Balkan Dance“ für die
andere. Die Flötentöne verschmelzen mit der Gitarre, auf der Götz
die in „El Sheik“ Flamenco-Adaptionen mit arabischen Einflüssen
anreichert. Davis bläst die Flöten zwar meist in ruhigen und
langgezogenen Melodiebögen, setzt die Instrumente aber auch oftmals
percussiv akzentuierend ein. Das Fundament liefert mit einer fast zu
starken Zurückhaltung der Bass.
Das Spiel des Flötisten ist ebenso unverwechselbar wie seine
Kompositionen, die trotz der musikalischen Kontinuität über viele Jahre
hinweg, immer wieder gefangen nehmen.
Klaus Mümpfer
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Andreas Hertel Quintett
My Kind of Beauty
Klangraum Records KRR 036
Andreas Hertel ist kein Revolutionär., doch man sollte seine
konventionell anmutenden Kompositionen nicht unterschätzen. Beim
genaueren Hinhören entdeckt der Zuhörer geschickt verarbeitete
Erfahrungen des freien Spiels, die vor allem in den Soli und Tutti mit
dem Bläser Steffen Weber am Saxophon und in den attackierenden
Bop-Läufen des Trompeters Heiko Hubmann, aber auch in n Kollktiven wie
in „Hallo Kind“ mitklingen. Zudem gelingt es dem Komponisten und den
Musikern im Unisono- sowie im mehrstimmigen Spiel reizvolle Klangfarben
zu zaubern, beeindruckend etwa in „Wellen“. Die Stücke pendeln zwischen
Straight-Ahead-Up-Tempo und verspielten, langsamen Balladen- so dem
Jazzwalzer „Snow Day“. Ein beseeltes Duo zwischen sparsamen
Pianoeinwürfen und dem harmonisch reizvollen Solo des Bassisten Florian
Werther wird abgelöst durch ein klangfarblich ansprechendes Solo des
Saxophonisten Weber, der dann in ein einander umspielendes Duo mit
Hubmann eintritt. Axel Pape liefert zu all diesen Stücken eine
unaufdringliche, aber stützende Percussionsbasis. So klingt moderner und
zugleich zeitloser Jazz mit Aussagekraft und Tiefgang.
Klaus Mümpfer
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Jürgen Wölfer
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
Hannibal Verlag 2008
ISBN 978-3-85445-274-4
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ ist ein wahrhaft gewichtiges Werke. Es
enthält auf einer nicht angegebenen Seitenzahl immerhin 1 675 Einträge
von Michael Abene bis Walter Zwingemann, auch wenn das Versprechen des
Verlages, alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute zu nennen,
nicht eingehalten werden kann. So fehlen — um nur zwei Beispiele zu
nennen - der aus Mainz kommende und mit dem Henessey-Jazzpreis
ausgezeichnete Bassist Christian von Kaphengst oder der Mannheimer
Jazzpreisträger Steffen Weber, dafür werden recht neue Stars wie der
Trompeter Nils Wülker oder eher regional bekannte Jazztalente wie der
Posaunist Christoph Thewes vorgestellt. Die Zahl der professionellen
Musiker und Musikerinnen ist in den zurückliegenden Jahrzehnten
beträchtlich angewachsen — gefördert durch die Einrichtung von
Jazz-Studiengängen oder Hochschulen, so dass es in der Tat unmöglich
ist, alle Jazzer und mit der Jazzszene befassten Personen in Deutschland
nennen zu.
Autor Jürgen Wölfer, der seit mehr als 20 Jahren in der
Schallplattenbranche arbeitet hat eine immense Fleißarbeit geleistet. Er
ist bescheidener als der Verlag, wenn er von einem Versuch spricht, den
Jazz in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart in Lexikonform
darzustellen. Dabei hat er gerade bei der sorgfältigen Bearbeitung der
Jazzmusik in der früheren DDR zahlreiche Lücken geschlossen.
Da es um die Darstellung dieser Musik in Deutschland und nicht um
deutsche Jazzer geht, haben eine Reihe ausländischer Musiker , die
zeitweise oder für immer in Deutschland spielten, Aufnahme in das Werk
gefunden. An erster Stelle sind der Saxophonist Charlie Mariano, der
Pianist Mal Waldron oder der Posaunist Eje Thelin zu nennen. Ebenfalls
im lexikalischen Teil führt Wölfer Plattenfirmen, Einrichtungen wie das
Darmstädter Jazz-Institut und dessen Leiter Wolfram Knauer,
Jazz-Kritiker und Autoren, Jazzfestivals wie das Berliner Jazzfest sowie
Veranstaltungsreihen wie „Jazz at the Philharmonic“ (JatP) auf.
Im Anhang ist eine chronologische Diskografie der Jazz-Einspielungen des
Labels Amiga von 1947 bis 1991 zu finden.
Die 29,90 Euro für diese umfangreiche Fundgrube für Sammler und
Historiker sind gut angelegtes Geld. Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
aus dem Hannibal-Verlag sollte jeder Fan in seinem Bücherschrank stehen
haben.
Klaus Mümpfer
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Caroline Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches
Phonector LC 13752
So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt,
leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden
sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen
Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie
Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen
filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener
pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem
klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark
in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.
Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative
harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel
und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht
der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD „Jazzscetches“
– verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso zuhause fühlt wie
bei Gershwin und Jarrett.
In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden,
manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch
die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die „Jazzscetches“
tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im positiven
Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos unter
www.caroline-wegener.de
Klaus Mümpfer
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Steffen Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff
Laika Records 3510239.2
„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu
hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also
zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem
Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem
Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem
und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem
Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher
stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende
Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt
seinen Zweck.
Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den
ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers
stammen.
Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos
zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus
dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr.
Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen
Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape,
überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den
Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine
Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem
Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und
runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann
wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.
Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel,
Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum
Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag,
der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten
zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in
„Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Hops, Radtke, Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche
Radau Records 071125
Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich:
carteblanche@freenet.de
Diese CD ist ein treffendes Beispiel dafür,
dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit gleichstellen darf. „Carte
Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen Carsten Radtke, dem
Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und Klarinettisten Christoph
Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard Schilde sowie dem
Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die Einspielung. Dabei
swingt das Quintett mal im modernen Mainstream, pulsiert später im
radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der zeitgenössischen E-Musik.
Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme aus der Feder Schneiders,
bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen auf, klingen teils melodisch
und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch schwebend, können aber auch
durch anarchische Kollektive erregen. Klangfärbend ist die zumeist die
Gitarre, bei deren Spiel die Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in
Erstaunen setzt – ganz gleich, ob er perlende Läufe oder suchende
Single-Note-Kürzel zupft, akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow
Klangflächen ausbreitet. Vom Free-Geschnatter auf Saxophon und
Klarinette bis zu singbaren Linien reicht die Ausdrucksmöglichkeit
Reiserers, wie auch Schilde auf den Tasteninstrumenten mit
Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen oder wie im Opener mit
einer hintergründigen elektronischen Soundfläche besticht. Peter Hops
kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene. Nahezu klassisch ist
ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er flexibel, aber Akzente
setzend die rhythmische Basis oder lässt sein Percussions-Set in den
freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem
durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile
wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte
Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen
gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau
hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten
entdecken.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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