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Alexander ´Sandi´ Kuhn
The Ambiguity of Light

JazzNArts JnA 6213

„Sandi Kuhn ist ein technisch brillanter Saxophonist, der mit harmonisch orientierter, energiegeladener Spielweise und ausgereifter Musikalität überzeugt. Seine Kompositionen sind kleine Meisterwerke, die er für seine eigenen Formationen schreibt. Ihm ist daher der baden-württembergische Jazzpreis des Jahres 2013 zuzusprechen“, erklärte Professor Bernd Konrad, selbst ein Saxophonist, als Vorsitzender die Entscheidung der Jury.

Kuhns Kompositionen scheinen auf den ersten Gehöreindruck recht harmlos. Sie bewegen sich gewohnten Klangraum und sind dramaturgisch überschaubar. Wenn der Göppinger Saxofonist Alexander "Sandi" Kuhn und seine Mitstreiter Schlagzeuger Axel Pape, Jens Loh am Kontrabass sowie der Gitarrist Syberen van Munster und Vibraphonist Julius Heise mit der Sängerin Song Yi Jeon die Kompositionen interpretieren, verblüfft die Klangästhetik vor allem, wenn die Sängerin in „Growing“ oder der Vibraphonist im lyrisch verspielten „Branches“ eingreifen.. Angenehmes Wohlgefühl bleibt bei solch melodischer Schlichtheit selbst dann bestehen, wenn Kuhn seine Saxophone leicht überbläst und die fantastische Rhythmusgruppe drängend das Stück vorantreibt. Insgesamt wird der Charakter der Einspielung von Leichtigkeit und Transparenz bestimmt.
Wenn der junge Preisträger die Kompositionen auf seiner CD "The Ambiguity Of Light" interpretiert, dann schälen sich aus dem Gruppenklang Stimmen und Soli heraus, die mit Kreativität und Virtuosität zu fesseln vermögen. Als Beispiel sei die Vocalkunst in „Leaving“ oder im Duo mit dem Vibraphon in „Long time, no see“ genannt. Harmonisch reizvoll ist das Bass-Solo im selben Stück. Sensibel gehen anschließend Saxophon und Stimme aufeinander ein. So entsteht ein magischer Klang beseelter Intimität. Voller Gefühl ist auch der sanfte Klang des Saxophons im nachfolgenden „Sustainable Happiness“.

„ The Ambiguity of Light“ ist eine CD, die zwar keine Klangexperimente bietet, bei der der Zuhörer aber auf hohem Niveau relaxen kann. Dazu tragen sicher auch der Touch von Soul bei, den Kuhn in sein Saxophonspiel integriert sowie das zurückhaltende Spiel vor allem von Gitarre und Schlagzeug. Die CD ist eines jungen Landes-Jazzpreisträgers würdig.

Klaus Mümpfer
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Partyka Brass
The Day After Christmas

Mons records MR 874533

Der Bass-Posaunist und Tubist Ed Partyka ist ein Klangtüftler par exellence. Der Mann kommt aus Chicago, war unter anderem Mitglied des Vienna Art Orchestras, lehrt an den Musikhochschulen in Mainz, Graz und Luzern. Es gibt kaum eine renommierte Bigband in Deutschland, mit der nicht zusammengearbeitet hat. So wundert es nicht, dass die CD „They da after Christmas“ Musiker und Kompositionen aus der hr-Bigband präsentiert.

Man darf sich nicht vom Titel der CD abschrecken lassen. Die Klangfarbenspiele und Soundexperimente haben nichts mit Weihnachten zu tun. Die Stücke sind eher eine Mischung aus zeitgenössischer Musik und Jazz und wurden eigens für dieses Projekt mit den sieben Bläsern geschrieben. Ed Partyka entschied mit seinen Freunden, dass sie den Komponisten keinerlei stilistische Vorgaben machen wollten. Das spiegelt sich in der Vielfalt der Musik wider, die die Trompeter (Tobias Weidinger, Bill Forman, Axel Schlosser), Frenchhorn (Christine Chapman), und Posaunenspieler (Adrian Mears) sowie Ed mit Tuba und Bass-Posaune und als Gast der Posaunist Johannes Lauer intonieren.

Es sind eher konventionelle (im weiten Sinne) und melodische Stücke zu hören wie Oliver Leichts Komposition "Little late song“ oder schräg neutönerische wie Axel Schlossers rumtollendes „Dwayne´s brain“. Mal sind Posaunen-Ostinati der zentrale Angelpunkt, mal beleben Stakkati den flächigen Bläsersound. Kompositionen wie John Hollenbecks „Circular ruins“ kommen treibend und stampfend daher. Geradezu klassisch und orchestral erklingt der Epilog zur letzteren Komposition. Besonders aufregend und reizvoll erklingt Ed Partykas „Utviklingssang“ mit Variationen über der Bassposaune und elektronischen Einsprengseln.
„The day after christmas“ ist eine außergewöhnliche und erregende Kostbarkeit, die man mehrfach anhören sollte, um alle ironische Feinheiten – beispielweise in Carla Bleys Arrangement von „Sanata Claus is coming to town“ - „, romantische Charakterzüge, musikalische Abenteuerlust und überbordende Spielfreude zu entdecken und zu genießen.

Klaus Mümpfer
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Albie Donelly´s Supercharge
„The best of“

7M-051-2

Albie Donellys Stimme ist geprägt vom britischen Rhythm & Blues, sein Saxophonspiel stets erfüllt mit Soul-Power. Messerscharfe Bläsersätze und satte Grooves setzen sich in den Gehörgängen fest und gehen in die Beine. Er spielt energiegeladene Stücke wie „Them changes“ mit Hammond-Grundierung und rauem Blues. Dieses mitreißende Stück lohnt schon den Kauf der CD. Der Sänger und Saxophonist kann aber auch wie in „Fool that I am“ mit warmer Stimme zu filigranem Gitarrenspiel Balladen interpretieren oder wie in „I need you tonight“ ein soulgetränktes Saxophon blasen. Dass nach dem treibenden „Them changes“ eine beseelte langsame Bearbeitung von „Naima“ dient zwar der Abwechslung, kann aber kann aber auch stören.

Man wird beim Anhören der CD „The thrill has gone!“ mit den größten Hits der zurückliegenden 35 Jahre von Albie Donnellys Supercharge nachvollziehen, dass die Band in Sachen Rhythm´n´Blues sowie Swing und Good Times Rock´nRoll ´zu den prägenden Live-Formationen zählt. Typisch und bezeichnend für viele Stücke ist der Titel „Get up and dance“. Ein wenig ist dabei dem Flötenspiel eines Ian Anderson entliehen. Auch andere Stücke wie das popige „After the show“ oder das abschließende „Play some fire“ sorgen für einen „deja vue“-Effekt. Nichts desto trotz werden sie beim Live-act das Publikum zu rhythmischen Körperzuckungen verführen.


Ihren Ruf als Bühnenformation prägte die 1974 gegründete und später erneuerte Band nicht zuletzt als Vorgruppe von „Queen“ vor mehr als 100 000 Zuhörern beim Hyde-Park Festival. Nach vielen „Ups and Downs und mehr als 2000 Auftritten lebt der Liverpooler Albie Donelly heute im westfälischen Heiligenhausen und wird mit seiner wohl sechsten Generation an Musikern – diesmal aus Deutschland – bei Jazz-Festival Bingen swingt 2013 spielen.

Klaus Mümpfer
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„60 JAHRE BARRELHOUSE JAZZBAND – LIVING THE MUSIC“

Zusammengestellt von Michael Ehret und Frank Selten
Herausgegeben von der Barrelhouse Jazzband in einer limitierten Edition von 750 Exemplaren. 120 Seiten, inklusive Jubiläums-CD, deutscher Text, Format: 28,5 x 26,0 cm, durchgängig in Farbe, Offset, Schutzumschlag


Die Barrelhouse Jazzband aus Frankfurt feiert in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag. Ihr 40-jähriges Bestehen hatte die älteste und bekannteste Formation des traditionellen Jazz in Deutschland mit einem von Horts Lippmann herausgegebenen Buch auf rund 140 Seiten mit bebilderten Texten begangen. Zum 60-Jährigen, legt die Barrelhouse jetzt einen großformatigen, prächtigen Bildband vor.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Band – leider auch durch Todesfälle - manchen neuen Musiker in ihren Reihe aufgenommen, ihr Repertoire erweitert und ist doch geradezu erdverbunden ihren Wurzel im Jazz New Orleans, dem frühen Swing und der Musik aus den anderen Zentren der uramerikanischen Musik treu geblieben.
Der neuen Bildband zeichnet die Geschichte der Barrelhouse Jazzband nicht auf einer Zeitachse nach –auch wenn die ersten Seiten mit der Aufzählung insgesamt 47 Mitgliedern aus sechzig Jahren damit einleiten. Auf 120 Hochglanzseiten werden die zurückliegenden Jahrzehnte seit dem Erscheinen des ersten Buch in einzelne Kapitel aufgefächert. Von den Gästen sowie den großen und kleinen Tourneen oder den eigenen Kompositionen und Vorbildern über die treuesten Veranstalter, die Schallplatten- und CD-Hüllen sowie Plakate des Barrelhouse-Freundes Günther Kieser bis zu den lustigen, sehr persönlichen Fotos „Off the record“ reicht das Spektrum.

„Living the music“ ist der Titel des ebenso informativen wie unterhaltsamen Bilderbuches samt einer eingehefteten CD der Barrelhouse Jazzband mit den Sängerinnen Brenda Boykin und Harriet Lewis. Es ist, wie die Bandmitglieder Michael Ehret und Frank Selten schreiben, „Ein buntes Familienalbum“. Die beiden Autoren haben mehrere hundert Fotos aus teils privatem Besitz oder den Archiven von Fotografen und Agenturen zusammengetragen. Nicht zu vergessen Dieter Nentwig, dessen Agentur die Band seit Jahrzehnten unter ihre Fittiche genommen hat.
Es bereitet großen Spaß, die bunten Bilder der immerhin 44 Sängerinnen, die mit der Band auftraten, anzuschauen oder in den netten Anekdoten die zahlreichen Tournee und Kreuzfahrten der Band mitzuerleben. Dazu zählt auch die Geschichte vom „höchstgelegenen Jazzkonzert der Welt“ in 3812 Metern über dem Meeresspiegel in Bolivien – bei dem die Band mit Sauerstoffgeräten ausgerüstet wurde.
Abgeschlossen wird der prachtvolle und sehenswerte Bildband mit einem Blick auf New Orleans, „die Geburtsstätte unserer Musik“, und mit Statements unter anderem der Jazzlegende Eubie Blake, des Kritikers Wolfgang Sander und des Promoters Fritz Rau.


Das Buch kann bei Frank Selten, fs@frankselten.de oder Tel. 069-46999344 bestellt werden. Es wird verschickt, nachdem 30,50 Euro (25,00 Euro zzgl. 5,50 Euro für Porto und Verpackung) auf folgendem Konto eingegangen sind:

Kontoinhaber: Roman Klöcker / Barrelhouse Jazzband
Sparkasse Mainz (BLZ: 55050120), Ktn.: 1200687885

 

Klaus Mümpfer
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The Bassface Swing Trio + Ralf Hesse
LC 05699

„Das ist Trio-Musik, wie sie meiner Ansicht nach klingen soll“, kommentiert der Pianist Thilo Wagner beim Konzert das Spiel des Bassface Swing Trios, in dem er selbst am Flügel sitzt. Hier in der Rüsselsheimer Jazzfabrik wurde die CD des Trios mit dem Gast-Trompeter Ralf Hesse live mitgeschnitten.

Der Pianist des Emil Mangeldorff-Quartetts und Bigband-Leiter ist ein Poet des melodischen Spiels mit einer Vorliebe für flinke Triller sowie fließende Läufen. Der Swing des Trios bleibt von Experimenten des neuen Jazz unberührt Dies ist pure Ästhetik und lupenreiner Swing, der in die Beine geht sowie auf höchstem Niveau unterhält. Dem Trio zur Seite steht Ralf Hesse mit Trompete und Flügelhorn, Gründer eines Ensembles mit dem bezeichnenden Namen „Sunday Night Orchestra.“

Hesse pflegt einen warmen und runden Ton. Typisch ist seine Komposition „Found an lost“, die Wagner mit verspielten Single-Note-Linien auf dem Flügel einleitet. Gedämpft klingt Hesse selbst in Stakkato-Läufen auf der gestopften Trompeter etwa in einem Up-Tempo-Stück wie „Billy Boy“ in der Bearbeitung von Red Garland. Diese Komposition mit den zahlreichen Breaks des Schlagzeugers Florian Hermann, den kommentierenden Akkordeinwürfen des Pianisten und dem straight marschierenden Bass von Jean-Philippe Wadle interpretiert das Trio, auf eine zeitlose und gleichzeitig erfrischende Weise.

Für dieses Konzept exemplarisch ist das Hesse-Arrangement von Bert Kaempfers Trompeten-Schnulze „Strangers in the night“ im Walzer Rhythmus. Dem dunkel timbrierten Thema auf dem Flügelhorn folgt eine Zerlegung der Harmonien und der Melodie. Wagner greift das Thema auf dem Piano auf, wandelt es ebenfalls bis auf die Grundstrukturen ab und setzt es wieder zusammen. Flügelhorn und Piano treffen sich irgendwann in einer kurzen Uni-sono-Passage und lassen das Stück ausklingen. In ausgiebigen Soli verrät der Bassist unerschöpfliche Fantasie bei harmonischen Wendungen und verzierenden Linien.

Ray Browns „Dejection Blues“ mit dem Ruf-Antwort-Spiel von Trio und Trompete belegt, dass die Combo sich in der Tradition von Brown, Gene Harris und Oscar Peterson wohl fühlt. Mit rasenden Akkordreihen baut Wagner Spannungsbögen, die er durch geschickte Breaks auflöst , während Hesse seine Trompete geschwätzig und mit spitzen High-Note-Schreien erzählen oder gebrochen hauchen lässt.

 

Klaus Mümpfer
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Beat Clint
Konnex Records KCD 5289

Beat Clint ist grundsätzlich ein schlichtes Trio aus Bass, Drums und E-Piano. Dieser Charakterisierung im Pressetext zur CD kann der Zuhörer auch nach mehrmaligem Konsum der Musik uneingeschränkt zustimmen. Auch die auf den Inhalt hinweisenden Schlagworte wie Krautrock, Beat, Improvisation, Dub, Minimalismus, Psychedelic und Maschinenrhythmus können zur Beschreibung herangezogen werden. Ob diese Merkmale allerdings einen spannenden Hörgenuss garantieren, ist sicher eine sehr subjektive Einschätzung. Ich kann jedenfalls beim Anhören der gewiss aus dem Rahmen fallenden Improvisationen weder „kreativ“ noch „kurzweilig“ assoziieren.

Beat Clint bietet mit seinen 13 Miniaturen ein Sammelsurium an Sounds, Geräuschen und Rhythmen an, hinter dem gewiss ebenso ernsthaftes Bemühen um ungewohnte Klangfarben wie eine Portion Humor zu stecken scheinen. Doch wenn sich hier die Elektronik an psychedelischen Sounds entlang hangelt, dann klingt mir dies zu eintönig und spannungslos. Ich bin versucht, sarkastisch zu fragen, ob deshalb Beat Clint kein Titel für die CD eingefallen ist. Hier mag das Trio mit dem Keyboarder Thilo Schoelpen, dem Bassisten Peter Issig und dem Schlagzeuger Sebastian Winne, das musikalisch sicher mehr Potential hat, in einer Sackgasse gefangen zu sein.
 

Klaus Mümpfer
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Ernie Watts Quartet
Oasis
Laika 3510279.2

Ernie Watts hat stilistisch nahezu alle Epochen des Jazz nachvollzogen und in sein Spiel integriert. Wie in seinem amerikanischen ist Watts zentrale Figur auch in seinem langjährigen europäischen Quartett, mit dem Pianisten Christof Sänger, dem Bassisten Rudi Engel und dem Schlagzeuger Heinrich Koebberling. „Musik ist die Oase, in der der Saxophonist Erne Watts lebt“, heißt es im Pressetext. Und „Oasis“ ist der Titel der CD des Quartetts, die einen vorzüglichen Eindruck von der Reife und der Souveränität des 68jährigen Musiker gibt. Kongeniale und einfühlsame Partner sind ihm dabei die jungen deutschen Kollegen sowohl den den eruptiven Hardbop-Stücken wie in den emotionalen Balladen.
 

Mit der Eleganz und Kraft des Meisters zeigt Watts einerseits mit warmem Ton und in weit geschwungenen kantablen Linien ein angeborenes Feeling für Balladen, in den schnellen, leicht überblasenen Stakkato-Läufen die Emotionalität und Spiritualität eines John Coltrane. Faszinierend ist sei aufgerautes Finale in „Blackbird“ – ganz abgesehen davon, dass man die Beatles-Komposition wohl noch nie so spannungsgeladen gehört hat.
Rudi Engel ist ein verlässlicher Begleiter auf dem Kontrabass, aber auch, wie seine langen Soli in „Konbanwa“ oder in „BassGeige“ belegen, ein einfallsreicher Solist mit verzwickten harmonischen Wendungen und Verzierungen. Pulsierend fordert Koebberling in der ausgedehnten Intro zu „Oasis“ den Saxophon-Meister in einem Duo heraus und Christof Sänger zeigt sich bei seinem mal drängenden, repetitiven Spiel und den schnellen Läufen ebenso wie bei seinen relaxt fließenden Linien als ebenbürtiger Partner. Blendend ist Sängers energiegeladene Samba-Komposition „Palmito“, in dem er Watts zu intensiven Stakkati herausfordert. Im abschließenden, mitreißenden „Shaw Nuff“ belegt das Quartett neben den solistischen Leistungen, dass seine Mitglieder auch zu virtuosen Interaktionen fähig sind. Ein Glück dass Musiker wie Ernie Watts und seine jungen Kollegen solche Oasen als musikalische Jungbrunnen nutzen.

Klaus Mümpfer
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Grünes Blatt
Thirteen Ways”

Unit Records UTR 4291

Ist es Jazz, Avantgarde, Folklore? Die Frage ist müßig, wenn das Schweizer Quintett „Grünes Blatt“ seine eigenwilligen Interpretationen rumänischer Volkslieder präsentiert. Fernab jeglicher Folklore-Sentimentalität sucht die Schweizer Formation um den Kontrabassisten Dominique Girod mit der Vokalistin Irina Ungureanu aus Bukarest neue Formen im Umgang mit dem archaischen Liedgut. Klänge werden ausgelotet, Extreme verbunden, um die schlichten Melodien mit neuem Leben zu füllen. Es gibt besinnliche und melodische Momente wie bei „Nu-l dau pe azi pentru maine“. Die ganze Melancholie des Balkans spiegelt sich bei „Leagana-se frunza-n soare“ sich in der modulationsreichen Stimme von Ungureanu wider – die bei anderer Gelegenheit kindhaft klar zu ostinaten Linien auf der Gitarre ertönt.

Oftmals aber herrschen freie und atonale Improvisationen vor, in denen der Trompeter Matthias Spillmann, die Pianistin Vera Kappeler, der Gitarrist Urs Vögeli, Violinistin Nina Eleta und Bassist Dominique Girod gemeinsam mit der Vokalistin in den experimentellen Free Jazz eintauchen, die Instrumentalstimmen zerfasern und die menschliche Stimme zum vokalisierenden Instrument wird. Oder es gibt Kompositionen wie die „Seven variations of a Christmas song“, in denen beide Extreme kontrastieren. In „Interlude“ gluckst und pulst es zum gestrichenen Kontrabass, während die Stimme flirrt und gurrt. Die Band vereint auf diese Weise polarisierend Tradition und Avantgarde, Sanftes mit Eruptivem. Die Musik verlangt geöffnete Ohren und offene Sinne sowie den Mut, sich auf Neuartiges einzulassen.

Die Aufnahme belegt erneut, dass musikalische Fortschritte am ehesten in den Grenzbereichen von Jazz, Tradition und Avantgarde anzutreffen sind. „Foaie Verde“ – Grünes Blatt – mit diesem formelhaften Ausruf beginnen viele rumänische Volkslieder, deren Texte sich oft nicht an Personen richten, sondern an die Natur. Es ist faszinierend, die „13 Wege“ des danach benannten Quintetts zu beschreiten, weil der Zuhörer wunderbar auf abenteuerliche Entdeckungsreise gehen kann. In einem Faltblatt zur CD findet der Interessent die Original-Texte und ihre Übertragung ins Deutsche.
 

Klaus Mümpfer
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Henning Wiegräbe /Peter Lehel Quartett
Bone Talks
Finetone FTM 8030

Es ist dieses Mal keine Symbiose von Klassik und Jazz. Der Posaunist Henning Wiegräbe ist zwar ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Alter Musik, der sich in der Regel im musikalischen Umfeld von Renaissance und Barockmusik bewegt (wo die Posaune eine hervorgehobene Rolle spielte). Doch hin und wieder wünscht sich ein Klassiker (vor allem nach grenzüberschreitenden Erfahrungen), aus seinem Revier auszubrechen.
Der Jazzmusiker Peter Lehel hatte 2008 im Rahmen eines Kompositionsauftrages ein „Concertino für Posaune und Orchester“ für Wiegräbe geschrieben und damit eine ebenso intensive wie fruchtbare Zusammenarbeit begründet, die nun quasi als Fortsetzung der Partnerschaft in der CD „Bone Talks“ ihren Niederschlag fand.
Herausgekommen ist ein musikalisches Zusammenspiel, das relaxed und entspannt, aber doch voller innerer Spannung sensible Interaktionen von Wiegräbe, Lehel, dem Pianisten Uli Möck, dem Bassisten Mini Schulz und dem Percussionisten Dieter Schumacher präsentiert.


Das Programm bilden Jazzkompositionen von Peter Lehel, die er speziell für diese Besetzung schrieb und in denen er die Qualitäten und Besonderheiten der einzelnen Musiker heraushebt. Die Werke pendeln zwischen Swing und Jazz-Ballade, Funk, Jazz-Rock und europäischer Klassik. Wiegräbe bläst vor allem samtweiche und fließende Läufe, beweist in Tonansatz und –färbung souverän, dass ein klassisch geschulter Bläser auch im Jazz zuhause sein kann. Lehel spielt zumeist melodische und sangbare Linien. Hin und wieder kontrastieren wechselnd freiere und expressivere Improvisationen des einen zum anderen Instrument oder die Stücke grooven vehement wie in „Bb-Flat-A-Loogoo“. Insgesamt herrscht in diesem gradlinigen Mainstream jedoch Ästhetik - so beispielhaft in dem abschließenden „Reflective Mood“ vor.
 

Klaus Mümpfer
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Caroll Vanwelden: Sings Shakespeare Sonnets
Jazz´n´Arts / In Akustik, JnA 6012

„Solange Ohren hören, Augen sehn,
besteht mein Lied, wirst du im Lied bestehn!“, Mit diesen Worten übertrug der Dichter-Kritiker Karl Kraus eines der Shakespeare-Sonnets. In Ergänzung schreibt die Pianistin, Sängerin und Komponistin Caroll Vanwelden zu ihrer neueste Einspielung „Caroll Vanwelden sings Shakespeare Sonnets“: „Als ich Shakespeare las, schufen seine Worten in meinem Kopf Melodien. Und ich wollte diese Gefühle in der Musik mit meinem Publikum teilen“.
 

16 Sonette hat die Belgierin aus dem 154 Klanggedichte fassenden Werk des englischen Dichters aus dem Jahr 1609 vertont und interpretiert sie mit ausdrucksstarker und einfühlsamer Stimme. Mal sanft und unisono mit dem Flügelhorn von Thomas Siffling, mal drängend und schnell zu den Stakkato-Läufen der Trompete, mal sensibel zum harmonisch ausgefeilten Solo des Bassisten Mini Schulz oder eindringlich zur Percussion von Markus Faller, dem gestrichenen Bass und dem Flügelhorn – der Sängerin gelingt es in der Tat ihrem eigenen Anspruch zu genügen und den Worten von Karl Kraus gerecht zu werden.
Die Sängerin Caroll Vanwelden am Flügel erreicht gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern ein Maß an Intensität, Emotionalität und Ausdruckskraft, die den Sonetten eine neue Dimension verleihen.

Durch die Vertonung rückt sie den großen Dichter über vier Jahrhunderte hinweg unversehens in die Nähe berühmter Jazzlibrettisten. Es wäre vermessen, die Psychologie zu bemühen, um zu erklären, warum die Belgierin die Stimmung des Autors mit ihrem Gesang so treffend interpretiert: Das Objekt der „Shakespeare Sonnets“ ist nämlich ganz unüblich ein junger Mann.
Jedenfalls hat die Künstlerin eine originäre und kunstvolle Präsentationsform gefunden, die die Herzen der Zuhörer gefangen nimmt und uneingeschränkte Bewunderung verdient.
 

Klaus Mümpfer
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Chris Hopkins & Bern Lhotzky
Partners in Crime

Echoes of Swing-Produktion EOSP4510 2

Chris Hopkins und Bernd Lhotzky haben mit ihrer mehrfach preisgekrönten Formation „Echoes of Swing“ im traditionellen Jazz einen hervorragenden Ruf als Virtuosen auf dem Piano erworben, den sie seit gut zwei Jahrzehnten auch als Tasten-Duo verteidigen. Die beiden Stride-Pianisten führen nunmehr mit der CD „Partners in Crime“ ihre erfolgreiche vierhändige Interaktionen von der CD „Tandem“ fort. Und wieder faszinieren die Künstler mit Spielfreude und Frische und zirzensischer Technik. Musikalisch pendeln sie zwischen Boogie-Drive Up-Tempo-Stride und besinnlichen Balladen. Sie würdigen George Gershwin mit einer sensiblen Interpretation von „I got plenty o´nuttin´“ oder Dave Brubeck mit einem „Five 4 Elise“ auf der Basis Ludwig van Beethovens. Im Repertoire haben sie daneben Kompositionen von Duke Ellington wie „Doi´the Voom Voom“, James P. Johnsons „Jingless“ oder Willie „The Lion“ Smiths „Sneakaway“. Und dies mit ständig neuen und überraschenden Phrasen, humorvoll und geschmackssicher.

In bester Tradition der frühen Stride-Pianisten stellt das Duo die Chris-Hopkins-Komposition des Titelsongs „Partners in Crime“ vor. Ob Hopkins dabei an die gleichnamige Science-Fiction-TV-Serie gedacht hat, bleibt offen. Sicher ist hingegen, dass das Bewahren der Tradition für die beiden Klavier-Virtuosen durchaus zukunftsweisend sein kann. Für Freunde des traditionellen Klavierjazz schafft die neue CD jedenfalls unterhaltsame und kurzweilige Entspannung bis zu den letzten Akkorden des schnellen „Apanhei te Cavaquinho“.
 

Klaus Mümpfer
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Mardi Gras.BB´
Crime Story Tapes

Hazelwood HAZ 088

„Normal“ war der schräge Jazz des parodierenden Bläserensembles „Mardi Gras BB“ noch nie. Witzige Experimente sind ihr Wahrzeichen auch bei der neuesten Produktion, die das Genre des „film noir“ auf die Schippe nimmt. Mit ihrem zehnten Album „Crime Story Tapes“ setzt die exzentrische Gruppe ihre bisherige musikalische Linie konsequent fort. Skurrile Miniaturen erfreuen das Herz der Zuhörer.

Wieder hält ein erzählerischer Leitfaden die zwölf eigenwilligen Miniaturen zusammen, reiht sie in einer Story auf, in der Mardi Gras-„Erzähler“ Doc Wenz als mäßig erfolgreicher Detektiv Philip Marlowe mit dem hintergründigen Humor eines Woody Allan durch die 40er-Jahre-Szenerie führt. Die dissonanten Bläsersätze und rhythmisch lockeren Percussionsparts erhalten durch die Turntable-Einlagen von DJ Mahmut ihren Retro-Anstrich und werden zugleich in die Gegenwart transponiert. Die Musik der Mardi Gras BB charakterisiert die wunderlichen Typen der Story wie den indischen Illusionisten, die österreichische Emigrantin, den Mafia-Sprössling, die skandalumwitterte Hollywood-Schönheit und den Privatdetektiv trefflich.

Die „Crime Story-Tapes sind eine erquickende nostalgische Liebeserklärung an den „Big Apple“ New York. Abwechslungsreich und pfiffig sowie mit ausgelassener Musikalität auf höchstem Niveau erfreut die Mardi Gras BB wie schon mit den Vorgängereinspielungen „Von Humboldt Picnic“ und „Alligatorsoup“ nicht nur die Freunde ausgefallener Klangcollagen.
 

Klaus Mümpfer
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Daniel Prandl
Fables & Fiction
Jazz ´n´ Arts JnA 5912
www.danielprandl.de


Daniel Prandl erzählt mit seinem Quartett Geschichten, die den Zuhörer mit auf die Reise durch eine musikalische Landschaft melodiöser Fülle nehmen. Der aus dem jazzigen Burghausen stammende und in Mannheim lebende Pianist ist ein Lyriker, der auch in schnellen, fließenden Läufen stets der Ästhetik verpflichtet bleibt. Diesem Ideal fühlen sich auch seine Mitmusiker auf „Fables & Fiction“ verpflichtet. Axel Kühn zupft seinen Bass sanft und melodisch sowie mit harmonischer Raffinesse in “Mignon“, in dessen Thema Prandl verspielt, ja fast verträumt, einführt, das dann aber im Mittelteil kraftvoller pulsiert. Wolfgang Fuhr bläst sein Saxophon in „Kleine Fabel“ mit lyrischer Hingabe, während ihn Prandl mit hingetupften Noten untermalt. Mit der Klarinette zaubert Fuhr in „Eos Tränen“ Klezmer-Melancholie. Stets dezent und einfühlsam passt sich Schlagzeuger Kristof Körner den Kollegen an.

Sein Gefühl für guten Geschmack, Stilsicherheit und souveräne Technik ebenso wie Up-Tempo-Stücke - etwa „Janus“ - und schnelle Passagen mit vehement swingenden Pianoläufen und Saxophonlinien, die an die Klassiker des Modern-Jazz erinnern, sorgen dafür, dass die Musik nicht in Gefühlsduselei abgleitet. Im Gegenteil, groovende Kompositionen wie das Eröffnungsstück „The Hatter“ im ungeraden Fünf-Viertel-Metrum oder „Jussuf von Theben“ bauen mit Ostinati sowie expressiven Läufen trotz gebremster Kraft weite Spannungsbögen.

Er habe seine Inspirationen aus Gedichten von Else Lasker-Schüler, Franz Kafka oder Gottfried Benn gezogen, sagt Daniel Prandl. Glücklicherweise hat Prandl nicht die Lyrik direkt vertont, sondern lässt dem Zuhörer Raum für Interpretationen und Imaginationen. Dennoch ist den Texten wohl zu verdanken, dass solch poetischer Klavierjazz entstehen konnte.
 

Klaus Mümpfer
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Volker Engelberth Trio
Perpetuum
Unit Records UTR 4378
www.volkerengelberth.com


Klaviertrios gibt es im Jazz – auch im zeitgenössischen - en masse. Das Volker Engelberth-Trio, ist eines, das sich von vielen schon dadurch unterscheidet, dass der Pianist Volker Engelberth (der dem Trio zwar seinen Namen verleiht), Bassist Arne Huber und Schlagzeuger Silvio Morger gleichberechtigt miteinander kommunizieren. So entsteht ein geschlossener und von innerer Logik bestimmter moderner kammermusikalischer Jazz mit ruhiger, fast meditativer Grundstimung.

Der Zuhörer kann sich wie bei „Der Blauwal“ in suchende, ja tastende Single-Note-Linien des Pianisten versenken, die dezent von Bass und Schlagzeug grundiert werden. Dennoch wird zwischendurch die Harmonie durch freies Spiel nahezu unmerklich aufgelöst, um gleich wieder in pulsierende Interaktionen zu münden. Verspielt, aber immer klar akzentuiert mit einem filigranen und harmonisch reizvollen Bass-Solo wird das Titelstück „Perpetuum“ eingeleitet, von Ostinato durchsetzt interpretiert das Trio „Bonsai“ mit Klassik-Touch.
Dass das Trio vehement swingen kann, belegten die drei Musiker mit dem schnelleren „The Green Board“ und später mit „Johnish“. Spannung erzeugt Pianist Engelberth mit retardierendem Spiel und verschleppten Takten in seinen Läufen, die er zeitweise percussiv aus den Tasten hämmert.

Schlagzeuger Morger erwidert wie in „Johnish“ mit frei pulsierendem Spiel. Engelberth unterstreicht hin und wieder das komplexe Trommelspiel mit bedächtigen Akkordeinwürfen. So wechseln die Stücke zwischen ruhigem Fluss und treibenden bis groovendem Spiel bei relaxter Grundhaltung.

„Perpetuum“ ist also keine der üblichen Trio-Einspielungen. Sich in diese Musik zu versenken, birgt keineswegs die Gefahr, wegzudämmern. Dazu offenbart sie trotz ihrer hintergründigen Harmonie und Ästhetik zu viele spannende Momente – beispielhaft in „Awakening“. Im abschließenden „Familiar Places“ blitzt für kurze Momente sogar Keith Jarrett auf.
 

Klaus Mümpfer
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Roman Klöcker / Michael Ehret
Circle of Swing – Hello Brenda
Laika Records 3510278-2


Die Hoagy Carmichael-Komposition „Stardust“ aus dem Jahr 1927 ist ein Hit-Phänomen. Gleiches gilt für den Altsaxophonisten Jesse Jones Jr., den „Vater des Scat-Hop, einer Mixtur aus Soul, Jazz, Rhythm & Blues. Auf der CD „Hello Brenda“ im Rahmen des Projekts „Circle of Swing“ bietet die Komposition als Ballade dem Saxophonisten reichlich Raum für ,melodische und süffige Linien sowie dem Pianisten Christof Sänger für lyrische Läufe. Roman Klöcker, neben dem Schlagzeuger Michael Ehret einer der beiden Initiatoren von „Circle of Swing“, besticht mit einem filigranen und verträumten Solo auf der Gitarre.


Mit dem Titel „Hello Brenda“ ehrt das Projekt die Sängerin und Montreux-Preisträgerin Brenda Boykin, die sich scattend und singend vorzüglich in den Swing der alten Schule integriert. Mal vokalisiert sich frech und virtuos wie in „On the sunny side oft he Street“, singt rasant zu rasenden Läufen Sängers in „Bye Bye Blues“ und im Duett mit Jones. Oder sie intoniert einfühlsam und emotional wie in „On Green Dolphin Street“. Sensible und sichere Begleiter sind ihr der wandelbare Pianist Christof Sänger sowie „Swing-Altmeister“ Thilo Wagner, der mit seinem „Bassface Swing Trio“ das gleiche Ziel verfolgt wie Klöcker und Ehret: nämlich unverfälschten, swingenden Jazz aus dem Hauptstrom der Musik zu präsentieren.
Dieses Ziel erreichen die Jazzer mit überzeugender Stilsicherheit, Musikalität und technischer Brillanz. Klangfarbenprägend ist dabei oftmals das Vibraphon von Christoph Aupperle und im abschließenden „Body & Soul“ Matt Perrine mit dem Sousaphon in Duos mit Brenda, Klöcker und Sänger. Für eine solide Basis sorgen rhythmisch stützend der Schlagzeuger Ehret sowie Martin Gjakonovski und Perrine an den Kontrabässen. In „Soft Shoe“ leiht Tony Lakatos der Aufnahme seine unverwechselbare Saxophonstimme. Erfrischend bluesig rau und soulgetränkt erklingt die Rollins-Komposition „Doxy“.


Das Zusammenspiel der Musiker, die sich entweder als Mitglieder der Barrelhouse Jazzband oder aus den Barrelhouse-Galas kennen, gibt keinen Anlass zur Kritik. Für Swing-Freunde bietet „Hello Brenda“ relaxtes Vergnügen pur. Es ist eine Freude zu hören, dass „Circle of Swing“ ein langfristig angelegtes Musikprojekt ist.
 

Klaus Mümpfer
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Tosha
Whatever
Wunderbar records WJ 004


Die CD „Whatever“ von Anton Peisakhovs Gruppe „Tosha“ ist gewiss nur im weitesten Sinn als Jazz einzuordnen. Der 28 Jahre alte Cellist, der seit geraumer Zeit in der Formation Pili Pili des holländischen Tastenzauberers Jasper van´t Hof spielt, vereint in seinem meditativ und beseelt klingenden Spiel Folklore aus zahlreichen, meist fernöstlichen, Ländern. In seinen Kompositionen ist die Melancholie seiner russischen Heimat ebenso herauszuhören wie die Erfahrungen als Cellist in der israelischen Philharmonie und die Erlebnisse eines Aufenthaltes in Indien. Glücklicherweise kann Peisakhov selbst in Naturklang-Interpretationen, Vogelschrei-Assoziationen und gefühlsschwangeren Streich-Passagen das Abgleiten in Kitsch vermeiden.
 

Der Komponist verwendet in den Liner Notes den Begriff der „Folklore imaginaire“ und versteht darunter die Verschmelzung der Klangsprachen verschiedener Länder, realer Regionen und imaginärer Landschaften. So gesehen, hat er Recht. Auch wenn diese Musik kein Jazz im engeren Sinn ist, so nimmt sie mit dem gestrichenen und gezupften Cello, der filigranen Percussion und den exotischen Gesängen gefangen.
 

Gestrichene Cello-Passagen scheinen zu schweben und verweben die Stimmungen mit der Klassik, ostinate Rhythmusfiguren, tänzerischer Schwung wie in „ha yo yo way yo“, perlende Marimba-Klänge und erdige Basslinien schlagen dann doch wieder Brücken zum Folk-getränkten Jazz. Zuhörer die sich auf diese Musik einlassen, kann Tosha durchaus zum sich-Hineinversenken zur Trance verführen.
 

Das Cover von Anton Peisakhovs „Tosha“ wurde von dem bekannten, mittlerweile auf Mallorca lebenden Künstler Karl Renz gemalt. Das Label Wunderbar Records vertreibt in der Edition Kunst und Musik eine auf 99 Exemplare limitierte und von Renz handsignierte Poster-Auflage des Gemäldes vom CD-Cover. (CD und Cover-Poster sind für 35 Euro zuzüglich 4,90 Euro Versandkosten bei Wunderbar-Records in Bochum zu bekommen; www.wunderbar-records.de)

 

Klaus Mümpfer
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Jazz Connection
High Standards Volume 1
Grand Pulse Records


Jazz Connection ist ein spielfreudiges und musikalisch höchst inspiriertes Trio in der klassischen Besetzung von Piano, Bass und Schlagzeug sowie eine virtuose Sängerin mit einem Stimmumfang, der über mehrere Oktaven reicht. Die Mezzosopranistin Jill Gaylord sang an den Theatern in Wien und Wiesbaden. In der Formation Jazz Connection kommunizieren mit ihr sensibel der Pianist Wolfgang Thomas, der Bassist Sascha Teuber und Schlagzeuger Wahan Cherbettchian.

Jazz Connection schöpft sein Repertoire aus dem reichen Schatz des American Songbooks. Mit raffinierten und subtilen Arrangements hauchen die Musiker und die Sängerin den Standards neues Leben ein. Thomas nutzt die Klangfarben seines Keyboards um passend auch mal Hammond-Sound-Teppiche zu legen, Teuber fasziniert in seinen Solo-Läufen mit reizvollen Harmonievariationen und Cherbettchian vermag selbst in Up-Tempo-Stücken filigran und differenziert zu trommeln.

Spannend wie die Modulationsfähigkeit und Ausdrucksstärke der Sängerin, ihre reife Jazzphrasierung und Scat-Technik sind die Improvisationen der drei Partner an den Instrumenten. Die ausgezeichnet produzierte CD führt den Zuhörer von Billie Holidays „God bless the child“ über „Stella by starlight“ zu Clifford Browns „Joy Spring“ und Leon Russels „This Masquerade“ mitreißend durch die Welt der bekannten Standards. Für die Freunde des klassischen Jazz bietet die CD „High Standards“ ungetrübtes Vergnügen.
 

Klaus Mümpfer
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Herrmann Kock /Moritz Grenzmann
Introducing „2Man Group“


„Drum ´n ´Bass“ ist eigentlich ein Begriff aus der elektronischen Tanzmusik. Puren Drum and Bass als Duo in einem sensiblen interaktiven Geflecht spielen der Schlagzeuger Hermann Kock und der Bassist Moritz Grenzmann. Hier sind zwei ausgebuffte Solisten am Werk, die ihr Spiel miteinander verschränken. Die Produktion verbindet ostinate Grooves und Polyrhythmik auf dem Schlagzeug mit Tapping auf dem Bass, bei dem Moritz Grenzmann gleichzeitig Basslinien und Akkorde zupft.

Es entstehen musikalisch ausgefallene Schmuckstücke, die eine immanente Schönheit selbst in den hin und wieder monotonen Passagen verraten. Andere Stücke wie „Like someone in love“ sind schon äußerlich auf Wärme, Melodie und Wohlklang angelegt. „Afro fields“ entfaltet im rhythmischen Fluss und in der wenige Akkorde umfassenden Melodielinie eine schlichte Ästhetik. Stücke wie die „Heftige Unwucht“ grooven vehement, wie man es bei einem Duo aus Bass und Schlagzeug erwartet, baut Spannungen mit drängenden Ostinati auf und treibt dramaturgisch mit einem schnellen Duo aus Bass-Stakkato sowie Drums auf den Höhepunkt zur. Kock schiebt ein kurzes Drum-Solo wie „Five Stones“ oder ein mitreißend melodisches Trommelspiel auf fein abgestimmten Fellen wie in „Studie 5“ dazwischen.


Einige der Songs sind auskomponiert, andere erst Ideen, die aber schon voller Leben in die Richtung weisen. Im Zusammenspiel von Drumset und Bass erobern Herrmann Kock und Moritz Grenzmann die Welt rhythmische Schichtungen und elektronischen Soundspielereien.
Kontrastierend erklingen „Taunus“ mit fast maschineller Stupendität sowie das abschließende „Afro Blue“ mit melodischen Klangfarbenspielen.
Die CD „Introducing“ ist noch eine Demo und dokumentiert eine Phase in einem Entwicklungsprozess, der zum Jahreswechsel mit einer ausgefeilten und kompositorisch erweiterten Einspielung abgeschlossen werden soll. (Kontakt: 0177-7425856)
 

Klaus Mümpfer
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Jörg Seidel
…singin´, swingin´& scattin´ about love
Swingland Records 0014

„Singing, swinging & scatting“ bringt die Beschreibung der neuen CD des Gitarristen und Sängers Jörg Seidel auf den Punkt. „About Love“ ist dabei eine treffende Ergänzung, wenn man die Balladen „My melancholy Baby“ „Only You“, das lebhafte „We´re in love“ oder das schnelle und gescattete „It´s a sin to tell a lie“ hört. Mit seiner CD stellt sich der in Bremerhaven lebende und aus Österreich kommende Künstler mit seinem Swing-Trio als einer der gegenwärtig herausragenden Jazz-Singer vor. Der amerikanische Jazzkritiker Ernest Luther lobt zu Recht die außergewöhnlich ausdrucksstarke Stimme, die stets swingende Bebop-Phrasierung, das präzise Timing und die fast schon artistische Art der Improvisation beim Scatten.


Gemeinsam mit „the Vienna Conection“ bestehend aus dem Pianisten Aaron Wonesch, dem Bassisten Johannes Strasser, dem Dummer Walter Gassmann und der Saxophonisten-Legende Heinz von Herrmann hat Seidel ein Programm zusammengestellt, das trotz einer Schlagseite zum verspielten und kammermusikalischen Balladenton nicht eintönig wird. Aaron Wonesch lässt die Melodielinien aus dem Piano perlen, tupft verträumte Noten zum harmonisch reizvollen Solo des Bassisten, der sein Instrument ansonsten dezent stützend marschieren lässt. Das Schlagzeug streicht federnd die Felle und das Saxophon „singt“ sonor für den melancholischen Liebling. Das Faszinosum dieser Musik liegt natürlich auch an der feinen und einfühlsamen Rhythmusgruppe, vor allem aber an der Interpretationskunst des Sängers, der ebenso sanft und schmeichelnd wie humorvoll singend und scattend die zehn Songs mit Bravour bewältigt.
Man hört, dass Seidel ein großer Fan von Nat King Cole ist. Gesungen hat der Gitarrist schon immer, aber seine Konzentration auf die Stimme in den zurückliegenden Jahren verschafft ihm nach eigenen Worten eine besondere Befriedigung: „Ich kann die Melodie singen, aber ich kann beim Scatten auch improvisieren.“ „About love“ ist filigraner Bar-Jazz für Verliebte im positiven Sinn, aber nicht nur für sie.
 

Klaus Mümpfer
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Chris Hopkins presents Dan Barret´s
International Swing Party feat. Butch Miles

Echoes of Swing Productions EOSP 4508-2 und 4509-2

Da schlägt das Herz aller Freunde des traditionellen Swing-Jazz höher. Das Oktett dieser zweiteiligen live aufgenommenen Swing-Party aus einer Tournee des Pianisten und Saxofonisten Chris Hopkins gemeinsam mit dem weltweit angesehenen Posaunisten und Bandleader Dan Barrett lässt die Swing-Musik der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhundert wieder aufleben. Cole Porter´s „Let´s do it“ ist ebenso zu hören wie Duke Ellington´s „Montevideo“ und Count Basie´s berühmter „One 0´clock jump“. In manchen Arrangements geht Barrett sogar noch weiter zurück – bis zu Fats Waller und seinem „Keeping out of mieschief now“, in dem Gitarrist und Banjo-Spieler Eddie Erickson sogar singen darf, oder Sidney Bechet´s „Waste no tears“. Die Musiker musizieren mit hörbarer Spielfreude. In Verbindung mit der technischen Präzision und engagierter Musikalität, fällt es dem Fan schwer, sich zu entscheiden, was er mehr bewundern soll: Die Interpretationen der Musiker oder die Zeitlosigkeit der Kompositionen in der dargebotenen Form.

 
Zwei Stücke sollten aus der Reihe vorzüglicher Präsentationen herausgehoben werden. Porters „Let´s do it“, in dem Barrett auf der Posaune einfühlsam den warmen Gesang der Bassistin Nicko Parrott begleitet und Ellingtons „Montevideo“, das Hopkins auf dem Piano improvisiert und von dem Schlagzeuger Butch Miles begleitet wird – der sich wiederum in Jon Hendricks „King“ solistisch austoben darf.
Mitgeschnitten wurden die beiden CDs beim Abschlusskonzert der Tournee „International Swing Party 2010“ in Neu-Ulm. Die erste CD dokumentiert schwerpunktmäßig Head-Arrangements sowie spontne Improvisationen, der zweite Teil des Konzerts außergewöhnlich Arrangements des Oktetts mit vier Bläsern. Bonus-Tracks auf beiden CDs wurden bei einem ausverkauften Konzert in Bochum aufgenommen. Sie klingen noch besser als die Stücke auf Neu-Ulm. Die beiden CDs werden die Fangemeinde von Chris Hopkins, aber auch von Dan Barrett mit Sicherheit anwachsen lassen.
 

Klaus Mümpfer
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Barrelhouse Jazzband
Creole Spirit; live beim 16. Dixieland Jubilee

Chaos CACD 8376

Musik aus den Quellen des Jazz hat die Frankfurter Barrelhouse Jazzband bereits vor Jahrzehnten für sich entdeckt und liebevoll gepflegt. Die Liebe ging so weit, dass Bandmitglieder wie der Trompeter und Sänger Horst Schwarz und Bandleader sowie Klarinettist/Saxofonist Reimer von Essen authentisch im Sinne der kreolischen Musiker aus New Orleans komponierten.
 

Die Kreolen, zumeist Nachkommen französischer Einwanderer und ihrer farbigen Mätressen besuchen oftmals höhere Schulen oder gar Konservatorien. Sie gründeten eigene Theater und Society-Orchester, galten als kunstsinnig und lebensfreudig. In der beginnenden Ära des frühen Jazz verbanden sie afrikanische Rhythmik mit jazziger Phrasierung und Improvisation. Ihre Musik swingte in liebenswert filigraner Eleganz.
Viele Musiker, deren Kompositionen die Barrelhouse Jazzband neben eigenen Stücken präsentierte, stammen aus der kreolischen Bevölkerung und trugen französische Namen wie Barbarin, Bechet, Celestin oder Nicholas.


All diese Charakteristika kreolischer Jazzkompositionen hat die Barrelhouse bislang auch in ihren Konzerten gepflegt und frisch gehalten. Nun hat sie der beim Publikum erfolgreichen Form des frühen Jazz eigens eine CD unter dem Titel „Creole Spirit“ in Ludwigsburg live eingespielt. Die Band habe sich von der „wunderbaren Mischung aus Rhythmik und Lebensfreude der Karibik mit einer gewissen Melancholie anstecken lassen“ schreibt Leader Reimer von Essen im Covertext.
Die Band spielt mit der ihr eigenen Perfektion und Sensibilität, verbindet historische Rückblende mit zeitgenössischer Interpretation. Brillant wie gewohnt sind die Soli auf der gleißenden Trompete, der einfühlsam jubilierenden Klarinette, dem sonoren Bariton-Saxofon, dem teils rollenden, teils stride gespielten Piano, dem slappenden Bass, dem Schlagzeug mit seinem langen Ausflug, Banjo und der filigranen Gitarre.
Für die Freunde der Barrelhouse und insbesondere deren kreolischen Stücken ist diese CD ein Leckerbissen.
 

Klaus Mümpfer
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Donati Swing Ensemble
...haben Sie heut´ Zeit

(Zu beziehen über www.donati-swing.de)

Das Donati Swing Ensemble fühlt sich der Musik des Gitarristen Django Reinhardt und des Geigers Stephane Grapelli verpflichtet. Besser gesagt der Musik des „Hot Club de France“. Denn auf ihrer CD „...haben Sie heut´ Zeit“ findet sich von den beiden Legenden des Zigeuner-Swing nur die Komposition „Minor Swing“. Im Übrigen pflegen die fünf Mitglieder des Ensembles eine Mischung aus Gipsy-Swing, Eigenkompositionen und Evergreens, die vor allem bei älteren Menschen im Gedächtnis geblieben sind.

Im Vordergrund stehen die beiden Gitarristen Wolfgang und Manuel Lang, die ihre Instrumente virtuos zupfen und sich selbst in rasanten Läufen nicht der Technik hingeben, sondern musikalisch bleiben. Sensibel beim Geigenspiel und kraftvoll tragend im Gesang präsentiert Catherine Brisch Oldies wie „Nah Neh Nah“. Thomas Nestler, der auch Mundharmonika bläst, singt das schnelle Lied von „Gisela“ teilweise mit „Satchmo-Rauigkeit. Die Gitarristen haben dabei ausgiebig Gelegenheit zum mitreißenden Wechselspiel, Brisch zu einem kurzen Geigensolo. Verspielt und mit spanischem Touch erklingt die Lang-Komposition „Bueno Vacanze“, eigenständig, reizvoll und originell geht sein„Lupus“ ins Ohr. Omer Yarmaz zupft unauffällig stützend den Kontrabass. „Sweet Georgia Brown“ darf nicht fehlen und Titi Winterstein ist die Häns´che Weiss-Komposition „Valse a Titi“ gewidmet.

Kritisch könnte angemerkt werden, dass das Donati Swing Ensemble bei der Auswahl der Stücke überwiegend kommerziell gedacht hat. Live-Konzerte der Musiker hinterlassen einen prägenderen Eindruck und vermitteln einen besseren Überblick über die Bandbreite des Könnens dieser musikalisch außergewöhnlichen und technisch versierten Gruppe aus dem Rheinhessischen.
 

Klaus Mümpfer
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Yannick Délez
Boréales
Unit Records UTR 4271

Der Schweizer Pianist Yannick Délez liebt die verspielte Romantik und Lyrismus. Auf dem Flügel erzählt er Geschichten von poetischer Eindringlichkeit. Seiner Biografie ist zu entnehmen, dass er die Kunst des Uhrmachers erlernt hat. Wahrscheinlich ist seine Präzision und Anschlagästhetik, seine Fähigkeit, Kompositionen auf den Kern zu reduzieren und wieder zusammenzufügen auf diese Erfahrungen zurückzuführen – wie beispielsweise seine Bearbeitung von Jerome Kerns „All the things you are“ verrät..

„Boréales“ nennt Délez seine neue Solo-CD. Auf ihr spielt er pointilistisch, fast minimalistisch anmutend und dennoch harmonischen Reichtum verratend. Mit Ausnahme weniger Stück wie das abschließende „Réminiscence“ arbeitet der Pianist mit hellen Klangfarben, die - wäre man in der bildenden Kunst – eine impressionistisch lichtdurchflutete Stimmung zaubern. Ostinate Tontrauben und Triller glitzern über fließenden Melodielinien.

Délez improvisiert über eine Reihe betitelter Kompositionen und lässt seine perlende sowie verspielte Tastenkunst in viele kleine Miniaturen einfließen. Da drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass er in strengen Formen improvisiert – glücklicherweise aber nie akademisch wirkt.
Auf „Boréales“ präsentiert der Schweizer Künstler eine reife, und intime, virtuos vorgetragene Musik, die selbst in balladesken Teilen immer beschwingt bleibt und von leichtläufigem Tempo vorangetrieben wird. Ich habe die CD vor der Besprechung dreimal hintereinander angehört und dennoch keinen Moment der Langeweile erlebt. So wünsche ich mir eine Solo-Einspielung.
 

Klaus Mümpfer
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Alexandra Lehmler
No Blah Blah
Jazz´n´Arts, JnA 5712
www.alexandralehmler.de

„Schleierwolken“ nennt Alexandra Lehmler die abschließende Komposition ihrer neuen CD „No Blah Blah“. Sie wird hoffentlich dem Kritiker kein Blah-Blah vorwerfen, wenn er diesen Titel bei der Musik der Saxofonistin assoziiert. Es liegt nämlich nicht allein am Einsatz des Sopransaxofons an der Stelle des gewohnten Alt, dass das Spiel der Mannheimerin und ihrer Mitmusiker insgesamt klar und schwebend, in weiten Linien cantabel und melodisch klingt. So wie die transparenten und feinen Schleierwolken am Sommerhimmel. Auch wenn sie mal zum Baritonsaxofon greift, bleibt die Grundstimmung – so auch im zunächst getragenen „Opener“ mit seinem expressiven gestrichenen Bass - bei aller Melancholie heiter und optimistisch. „Vicious Circle“ wiederum bildet mit dem harmonisch fantasievollen, teilweise gestrichenen Kontrabass, den sonoren Akkordgriffen von Daniel Prandl auf dem Piano und dem grundierenden Posaunenteppich sowie Solo von Michael Flury einen reizvollen Kontrast zu den überwiegend hell timbrierten übrigen Kompositionen.

Oftmals klingen die Kompositionen verspielt und romantisch, besonders wenn Bruno Böhmer im genannten „“Schleierwolken“ zu liedhaften Läufen und zarten Bassverzierungen die Notenlinien aus dem Piano perlen lässt. Sie bewegen sich aber auch pulsierend am Rand des freien Spiels wie in „Nach der Rodung“. Alexandra Lehmler ist den Weg zu einem eigenen Personalstil konsequent fortgeschritten und legt mit der neuen CD ein kleines Kunstwerk mit vielen gelungenen und mitreißenden Klangfarbenspielen vor.
 
Das beginnt schon mit der Eröffnung „Feeling round“, das mit Ostinati auf Saxofon und Piano sowie treibend mit Percussion voranschreitet - energetisch und kraftvoll sowie zugleich beschwingt und tänzerisch. Auch wenn die Saxofonistin auf dem Cover einen roten Monteursanzug trägt und die Promotion von männlichen Attributen schreibt, so ist die Musik dank der bestimmenden Leaderin und Komponistin vor allem typisch weiblich. Zum Glück hat die Saxofonistin auf ihrem Weg acht sensible männliche Begleiter – darunter den in „Felina by night“ brillierenden Gitarristen Frank Möbus – gefunden, die ihr diesen unverkennbaren Sound ermöglichen.
 

Klaus Mümpfer
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Manfed Bründl Silentbass
Tip of the tongue
Laika Records, LC 07577


Für den „Jazz-Papst“Joachim Ernst Berendt war Peter Trunk „der beste Bassist des deutschen Jazz. Das blieb er ein Leben lang.“ 1974, ein Jahr nach dem Unfalltod des Bassisten gedachten Harry Miller, Buschi Niebergall, Peter Kowald und Ali Haurand mit einem Bass-Workshop des Kollegen und Musikers, der älteren Jazz-Fans als Mitglied legendären Albert Mangelsdorff-Quintetts für ewig im Ohr bleibt. Jetzt hat Manfred Bründl, selbst ein stilbildender Bassist am emanzipierten Instrument, mit einer CD dem früh verstorbenen Kollegen seine Referenz mit hörbarem Respekt und Verehrung erwiesen.
 


Peter Trunk, Photo: Klaus Mümpfer


„Tip of the tongue“ ist mehr als nur eine Widmung. Bründl hat, so schreibt er im Booklet, viele Zitate aus dem Spiel Trunks übernommen und in seine eigenen Kompositionen eingebaut. Er entdeckte die Musik des Bassisten aus den 60er Jahren neu. Er übertrug ihre Stimmungen und Intentionen in eine zeitgemäße Form, die in Erinnerung an die Frühzeit des deutschen Free-Jazz zwischen 1964 und 1970 logisch und konsequent erscheint.

Hugo Read spielt ein äußerst expressives und emotionales, manchmal sogar singendes Altsaxofon, Rainer Böhm pendelt am Piano zwischen perlenden Läufen und freiem Tasten-Spiel und Jonas Burgwinkel lässt sein Schlagzeug treibend pulsieren. Zusammengehalten werden die teils eruptiven, teils melancholisch ruhigen Kompositionen durch den hintergründig stützenden Bass Bründls, der dann in seinen Soli mit reizvollen Harmoniefolgen und melodiösen Linien eine ganz eigene Ästhetik pflegt.

Sincerely S.T.“ widmet Bründl Stella Banks, die – wie ihr Bruder Patrick Pitelli in einem ergreifende Brief an Manfred Bründl schreibt – nie über den Tod von Peter Trunk hinweggekommen ist. Die Komposition geht auf Trunks „“Sincerely P.T.“ zurück.

Die CD mit der gelungenen Balance von Tradition und Free wäre bei Peter Trunk sicher auf große Gegenliebe und der Bassist Manfred Bründl auf ebenso große Anerkennung gestoßen.

Klaus Mümpfer
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Host Jankowski Quartett
Swinging Explosion
HGBS 20020 LP

Mit einer eher harmlos beschwingten Schwarzwaldfahrt katapultierte sich der Pianist, Komponist und Bandleader Horst Jankowski 1965 in die englischen und amerikanische Hitparaden. Sein „Walk in the Black Forest“ brachte ihm den Beinamen „Meister Schwarzwaldfahrt“ ein. Mit einem technisch virtuosen Spiel auf den Tasten, sprudelnden Ideen, kreativen Verzierungen und der frisch-frechen Art des Zitierens reihte er sich damals in die Riege der besten europäischen Pianisten ein. Im Alter von nur 62 Jahren ist Horst Jankowski 1998 an Krebs gestorben.

Die Schallplattenfirma MPS ist eng mit ihrer Heimat im Schwarzwald verbunden. Da ist es nur logisch, dass der Nachfolger HGBS Musikproduktion mit einer bislang unveröffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 1971 an den Pianisten erinnert, der in diesem Jahr 75 geworden wäre. Die Stücke waren 1971 bei MPS eingespielt, aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen nie veröffentlicht worden. Jetzt hat der Sohn des Firmengründers Brunner-Schwer sie aus dem Archiv ausgegraben und mit je vier Stücken auf die zwei Seiten einer Vinyl-Platte gepresst. „Swinging Explosion“ des Horst Jankowski-Quartetts mit dem Gitarristen Sigi Schwab, dem Bassisten Hans Rettenbacher und dem Schlagzeuger Lala Kovacec belegt, wie swingend, elegant und spritzig, ja modern, Jankowski und Kollegen damals musizierten.

So erscheint der Klassiker „How high the moon“ mit Metrenwechsel, groovenden Pianoläufen und einem E-Bass Spiel in einem durchaus zeitgemäßen Gewand. Nachdenklich und verspielt präsentiert Jankowski „A gentle good bye“ und mit Blues-Touch interpretiert der Pianist die „Honeysuckle rose“. Fernab jeglicher Showattribute, die dem Entertainer wegen seiner Film und Fernseh-Auftritte zu Lebzeiten angekreidet wurden, präsentiert „Swinging Explosion“ Jankowski als lupenreinen Jazzer – was bei Aufnahmen mit dem legendären Produzenten Brunner-Schwer zu erwarten war.
 

Klaus Mümpfer
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Christian Broecking:
„Der Marsalis-Komplex – Studien zur Gesellschaftlichen Relevanz des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007“

 

Broecking Verlag, Berlin, 216 Seiten, 49,90 Euro (ISBN 978-3-938763-32-2).

Ist der Jazz Ausdruck des Protestes, wie Fans in Europa besonders mit dem Aufkommen des Free Jazz es so gerne interpretieren? Ist die „schwarze Musik“ Ausdruck einer „Black Community“, wie selbst amerikanische Kritiker oftmals behaupten? Der Jazz-Liebhaber, Soziologe und Journalist Christian Broecking ist dieser Frage in zahlreichen Gesprächen mit Musikern nachgegangen. In einem Buch, das aus einer Dissertation über „Studien zur Gesellschaftlichen Relevanz des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007“ an der TU Berlin hervorgegangen ist, hat er die Antworten wissenschaftlich ausgewertet und aufbereitet. Die Ergebnisse bergen manche Überraschungen.

Ausgangsposition war die Auseinandersetzung um die politische Relevanz, den gesellschaftlichen Nutzen und die Definition des Jazz in der Kontroverse und den Neotraditionalismus, den der Musiker Wynton Marsalis samt dessen Familie in den 90er Jahren predigte. Broecking kommt bei seinen Interviews und deren Auswertung zum Schluss, dass die durch Marsalis repräsentierte gesellschaftliche und kulturelle Utopie eines neotraditionalistischen Aufbruchs während des Untersuchungszeitraumes nicht realisiert werden konnte.

Auf mehr als 200 Seiten stellt der Autor nach einem einleitenden Rückblick zu den gegensätzlichen Einschätzungen Theodor W. Adornos und Joachim Ernst Berendts über den Freiheitsgedanken des Jazz sowie Überlegungen zur Oppositionsrolle der Musik und der Community, 16 ausgewählte Interviewpartner vor, deren Aussagen er in seine Untersuchung einfließen lässt. Das Aufgebot reicht von Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman bis Wynton Marsalis, dem erfolgreichen Repräsentanten der Neotradition und Organisator des in Musikerkreisen nicht unumstrittenen Lincoln-Centers. Die Interviews selbst sind nicht abgedruckt, so dass der Leser sich auf die Interpretation verlassen muss, die Broecking zieht, wobei er kurze, eingestreute Zitate zur Verfügung stellt.

Dessen ungeachtet enthalten die Zusammenfassungen der jeweiligen Untersuchungskategorien interessante, viele erwartete, aber auch teilweise überraschende Aussagen. Die Interviewpartner bestätigen beispielsweise die Marktherrschaft der Weißen in der Musikindustrie sowie andere Rassismuserfahrungen. Der Jazz wird zwar als progressive Kraft erlebt, von den Gesprächspartnern jedoch (mehrheitlich?) nicht als politische Plattform begriffen. Interessant ist es vor allem, aus der wissenschaftlichen Distanz heraus die kontroverse Diskussion zwischen den Neotraditionalisten und den Avantgardisten nachzuvollziehen.

Es reicht zwar, die jeweiligen Zusammenfassungen der Fragekomplexe zu lesen, dennoch sind die in den Kapiteln eingefügten Zitate im Detail erhellender und verdeutlichen das heterogene Meinungsgefüge beim vorgegebenen Thema.

Klaus Mümpfer
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Wedeli Köhler Ensemble
Hommage à Django
7 Jazz, 7J-010-2


Musikerkollegen nannten ihn respektvoll „den Meister“. Der Geiger und Gitarrist Wedeli Köhler ist am 16. August nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung seiner gelungenen Einspielung „Hommage à Django“ im Alter von 62 Jahren gestorben. Nach einer achtjährigen Pause verschafft ihm diese CD ein würdiges Andenken und belegt, dass er einer der besten Geige des Jazz in der Reinhardt-Tradition gewesen ist.

Wedeli Köhler schöpft aus drei Quellen: dem Swing Jazz des legendären Django Reinhardt, wie etwa „Danube“ mit seinen schönen rhythmischen Wechsel oder die Interpretation von „Sweet Georgia Brown“ auf der CD belegen. Zweitens aus dem französischen Swing Valse, dem Musette, in „Waltz für Prinzo“ und drittens der osteuropäischen Ziguener-Folklore, dem Csardas, – besonders ausgeprägt mit Schmelz in „Ungarisch traditional 1“ und Dramatik in „Ungarisch traditional 2“. Entspannt und elegant phrasiert der Meister, getragen und gefühlvoll in „Georgia on my mind“ oder „Out of nowhere“, beschwingt und schnell in „I found my baby“ oder „Hungaria“. Mitreißender Swing, lyrische Improvisation und melodische Inspiration verbinden sich bei ihm in einem unverkennbaren Personalstil.

Mit Mano Guttenberger an der Sologitarre, seinem Sohn Sascha Reinhardt an der Rhythmusgitarre und BrankoArnsek am Kontrabass hat Wedel Köhler für seinen Gypsy Jazz kongeniale Partner gefunden.
„Zimto Fantasia“ präsentiert einen sensiblen Sascha Reinhardt an der Gitarre. Aus der Reihe fällt die abschließende Trio-Aufnahme mit dem Pianisten Benjamin Reinhard, dem Bassisten Bruno und Elamer Balogh mit dem Hackbrett Zymbal.
 

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Kicks & Sticks Voice and Kicks & Sticks Landes Jugend Jazz Orchester Hessen
„Didn´t we“
Click Records WD 2011

 

„Satin Doll“, die berühmte Komposition von Duke Ellington und Billy Strayhorn mit ihrem schlichten riffartigen Thema ist seit ihrem Entstehungsjahr 1954 sicherlich schon hunderte Mal interpretiert worden. Dass solche Klassiker nicht unterzukriegen sind, beweisen auf ihrer CD „Didn´t we“ die Sängerinnen Lisa Herbolzheimer, Julia Pellegrini, Stephanie Neigel und Juliette Brousset auf erfrischende Weise. Die vier Vokalistinnen sind Mitglieder der Kicks & Sticks Voices, die der Chef des Hessischen Landes Jugend Jazzorchesters, Wolfgang Diefenbach, als Ergänzung des Instrumental-Ensembles gegründet hat. Beim Anhören der vielstimmigen Arrangements, der leidenschaftlichen und einfühlsamen Interpretationen sowie der nahezu perfekten Zusammenarbeit von Band und Sängern steht fest: Dies ist eine gelungene Schöpfung.

Die Kicks & Sticks, zählen gewiss zu den besten jungen Bigbands der Republik. Die Kicks & Sticks Voices sind ihnen ebenbürtig. Da kommt ihnen zugute, dass Darmon Meader, Kopf der New York Voices, ihnen die Arrangements zur Verfügung gestellt hat und die hessischen Vokalisten ihre Reifeprüfung in einem Meisterkurs der Amerikaner glänzend bestanden haben.

Mitreißend ist schon der schmissige, scatgleiche Opener „Sing, Sing, Sing“, leicht beschwingt die Latin-Komposition „Don´t you worry ´bout a thing“. Ein wenig überladen wirkt die A-Capella-Interpretation „Away in a Manger“ mit Brousset und Neigel, die in anderen Stücken stimmlich faszinieren. Stephanie Neigel trifft in ihrem Solo des Joni Mitchel-Songs „Blue“ mit sanften und einfühlsamen Balladenton die Verletzlichkeit der Nummer. Mit seidenweichem und eindringlichem Ton überzeugt Juliette Brousset in „Johnny One Note“, Cindy Weinholds reißt mit kraftvoller Soul-Stimme und im Duo mit Christopher Klassen im schnellen „Smack Dab in the Middle“ mit.

Kompakte und wohlklingende unisono sowie vor allem mehrstimmige Vokalssätze werden von den Musikern des Orchesters unterstreichend begleitet. Volumen und Kraft der Bigband runden Transparenz und Stimmfarbigkeit des Jazzgesangs ab. Diefenbach hat sich bei der Zusammenführung der bewährten Kicks & Sticks mit den Voices ein Gesamtwerk geschaffen, das die Qualitäten beider Teile vereint.

Klaus Mümpfer
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Lajos Dudas & Hubert Bergmann
What’s Up Neighbor?
Jazz Sick Records 9002 JSAV

 

In guter Nachbarschaft

Als der Lajos Dudas (70) nach seiner eigentlichen Berufszeit im rheinischen Neuss an den Bodensee umzog, lernte der umtriebige Klarinettist in seiner neuen Wahlheimat Überlingen einen musikalischen Nachbarn kennen, nämlich den Pianisten und Komponisten Hubert Bergmann (Jahrgang 1961). Dieser ist eigentlich in der Zeitgenössischen Konzertmusik zu Hause, hat in Frankfurt am Main jedoch auch Jazz studiert.

Auf ihrer (in amerikanischem Englisch betitelten) CD „What’s Up Neighbor?“ improvisieren die Beiden nun über zehn Stücke hinweg zumeist in hyperaktiver Virtuosität. Die freitonale Musik verläuft linear und ist mit viel „drive“ versehen. Nicht nur „Bop Bee“ orientiert sich da am rhythmisch akzentuierten Bebop. Aber man erinnert sich auch an die Blues-Tradition („Forgotten Blues Is Like…“) und an Dudas‘ am 10. Juni 2011 verstorbenen ungarischen Landsmann György Szabados (Piano). Nur ein Stück verbreitet etwas mehr Ruhe: „The Inner Space Of Silent“.

Die zwei Schnellspieler praktizieren ad hoc wie selbstverständlich eine engverzahnte Interaktion, ohne sich irgendwie sklavisch zu imitieren. Hubert Bergmann geht drängt blockakkordisch vorwärts und setzt sein Instrument – wie Dudas – insgesamt konventionell ein, favorisiert er doch ansonsten ein „prepared piano“. So entsteht eine freundliche Avantgarde wie einst und jetzt bei den Brüdern Rolf und Joachim Kühn. Man hätte sich zur größeren Abwechslung von Lajos Dudas und Hubert Bergmann beim kommunikativen Musizieren auch Kollektivimprovisationen mit punktuellen Strukturen und klangforschenden Sounds vorstellen können, aber dies war eben nicht gewollt.

Hans Kumpf
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Sven Bergmann Quartett
Seasons
Wunderbar Records WJ 001


„Seasons“ von Sven Bergmann ist das Jazz-Debut von Wunderbar-Records in Bochum. Die Musik des Quartetts um den Pianisten Bergmann ebenfalls als wunderbar einzustufen wäre etwas übertrieben. Dennoch ist „Seasons“ ein gefälliges und unterhaltsames sowie hörenswertes Album mit vorzüglichen Musikern. Spielwitz und –lust bestimmen die elf Kompositionen des Pianisten aus dem Ruhrpott.

Die Stücke fließen elegant und swingen im Hauptstrom des Jazz oder lassen wie das rhythmisch groovende“ Simoom“ die Füße unwillkürlich mitwippen. Tom Arthurs pendelt mit Trompete und Flügelhorn zwischen dem coolen Miles Davis wie in „Quiet Moon“ und dem hitzigen Chuck Mangione: Er bläst aber auch expressive Stakkati wie in dem anregendsten, weil sich dem freien Spiel nähernden, „Cro Magnon“. Stefan Werni lässt seinen Bass zumeist flott marschieren, zeigt in seinen Soli zudem kreative Harmonieläufe. Schlagzeuger Bill Elgart glänzt wie üblich mit diffenzierter Dynamik etwa in einem Solo bei „SpyGirls“ und fasziniert bei dem genannten frei pulsierenden „Cro Magnon“ in einem reizvollen Duo mit dem Pianisten. Quartett-Chef Bergmann swingt perlend bis groovend, antwortet sensibel in Duos mit tastenden Single-Notes.

Die „Seasons“ bieten eine abwechslungsreiche und frische sowie vitale Musik, die dramaturgisch geschickt zwischen Balladen und Up-Tempo-Stücken wechselt. „Seasons“ ist ein Album, das auf einem ansprechenden künstlerischen Niveau den modernen Mainstream kurzweilig zum Erklingen bringt. Dem Promotion-Text zufolge soll Jasper van´t Hof beim Anhören „restlos begeistert“ gewesen sein.
 

Klaus Mümpfer
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Duo Haag / Schwaller
Sun´s coming out
Contact: mail@thomas-haag.de


Der Titel „PerGuit“ ist Programm für das Duo mit dem Gitarristen Thomas Haag und dem Percussionisten Frank Schwaller. Groovend und attackierend treiben sich Gitarre und Schlagzeug gegenseitig an. Mit schwebenden und flächigen Sounds assoziieren die beiden Musiker in Dark Clouds“ dräuende Gewitter und düstere Stimmungen, die sich zum Finale in sanften Wölkchen auflösen. Die Komposition „Sun´s coming out“ ist ebenso Programmmusik wie die beiden vorhergehenden Titel. Dieses Mal verbindet sich in den Klanggemälden die Schwebungen der E-Gitarre mit dem hellen Klang einer tönernen Trommel.

Diese elektronischen Soundtüfteleien und Geräuschcollagen sind die eine Seite im musikalischen Schaffensprozess des Duos, das in der ungewohnten Instrumentierung einen eigenen Personalstil entwickelt hat. Die andere Seite ist der Tradition geschuldet. Sie outet sich in ästhetischen, filigranen Gitarrenläufen und geordneten Rhythmen mit swingendem Latin-Touch oder wie im abschließenden „An Archtop´s tale“ mit verspielten Lyrismen. Dennoch entsteht bei dieser facettenreichen und emotionalen Klangreise nicht der Eindruck eines stilistischen Bruchs. Zu sehr sind die sensiblen Interaktionen der beiden Musiker miteinander verwoben.

Sie repräsentieren lediglich zwei Seiten einer Medaille. Für die Musik gilt, was für die Künstler zutrifft und sich in dem Titel „Side by Side“ manifestiert. Die Symbiose von Virtuosität und Kreativität lässt keine Langeweile aufkommen – auch wenn - wie in „Horizon´s Dream“ - die Klangwolken-Variationen und ostinaten Rhythmusfiguren eine verkürzende Konzentration vertrügen.
 

Klaus Mümpfer
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Claus Boesser-Ferrari / Thomas Siffling
Duologix
Jazz ´n ´arts, JnA 5411


Das Duo verlangt im Jazz ein sensibles Aufeinandereingehen – ganz gleich ob die beiden Künstler in der Seelenverwandtschaft übereinstimmen oder ob sie sich musikalisch aneinander reiben möchten. Der Gitarrist Claus Boesser-Ferrari ist ein begnadeter Solist auf seinen Gitarren. Seine sanften und filigranen Läufe faszinieren ebenso wie seine Sound-Experimente und Klangfarbenspiele mit Hilfe der Elektronik. Der Trompeter Thomas Siffling ist ein Ästhet und Romantiker, der virtuos seine Atemtechnik und die Tonbildung auf der variablen und anpassungsfähigen Hub van Laar-Oiram-Trompete einsetzt.

Es sei ihm ein Anliegen gewesen, sich mit einem Musiker im Duo zu treffen, um in der Auseinandersetzung einen „sehr weiten Klangkörper zu bauen“, sagt Boesser-Ferrari. Die erste Probe sei zugleich das erste Konzert gewesen. Wer nun das Ergebnis auf der CD „duologix“ hört, kann nachvollziehen, dass diese Begegnung der beiden sensiblen wie vielseitigen und eigenständigen Künstler ein Glücksfall war.

Aus bekannten Hits wie dem Beatles-Song „Come together“ oder Mongo Santamarias „Afro Blue“ und Bill Frisells „Ghost Town entstehen ebenso wie aus den Eigenkompositionen des Duos zumeist fragile Klangebilde aus zarten Akkordfolgen oder melodiösen Single-Note-Läufen auf den Gitarren sowie teils sphärischen Sounds auf der Trompete. Boesser-Ferrari reibt und scratched die Saiten seiner Instrumente, klopft auf den Korpus, zupft percussiv oder verfremdet die Klänge mit der Elektronik. Siffling lässt die Trompete blubbern, fügt Hall bei, bläst sie in rasenden Stakkati bei „Afro Blue“, haucht ins Instrument, formt impressionistisch gefärbte Melodien, warm und rund wie in „Coming home“. In „Tired tiger“ weckt er gar Assoziationen an den frühen Miles Davis.

„duologix“ ist ein abwechslungsreiches Album, das durch kontrastierende und dennoch harmonisierende Spielweisen vor allem in den drei „Dialogen“ eine innere Logik erhält. Das macht diese musikalische Entdeckungsreise spannend und zugleich entspannend.
 

Klaus Mümpfer
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Vein
plays Porgy & Bess
Unit Rcords UTR 4284


George Gershwin´s Porgy & Bess“ ist fest in der Geschichte des Jazz verankert. Ob „Summertime“ oder „It ain´t necessarily so“, es gibt ungezählte Interpretationen der Songs aus der Negeroper. Das Schweizer Trio „Vein“ mit den Brüdern Michael Arbenz am Flügel und Florian Arbenz am Schlagzeug sowie dem Bassisten Thomas Lähns kommt aus der Klassik und liebt Opern. Es hat sich nun auch dem Gershwin-Werk genähert. Doch wer Vein kennt, weiß dass das Trio die Songs keineswegs werksgetreu sondern allenfalls werksgerecht, jedenfalls eigenwillig, umsetzt.

Schon die Ouvertüre belegt, dass die drei Musiker eine gänzlich neue Interpretation erfunden haben. Das schlichte Wiegenlied „Summertime“ ist kaum mehr wiederzuerkennen, denn Vein reduziert es auf seinen melodischen und harmonischen Kern, um darauf neu aufzubauen. Die Melodie von „I got plenty of nuttin´“ hingegen ist vom ersten Ton an vertraut. Vein zaubert daraus einen stampfenden Boogie mit treibendem Piano und groovenden Bassläufen, wechselt zwischendurch das Metrum und die Stimmung, um zu einem überraschenden Schluss zu kommen.

Bassist Lähns streicht sein Instrument mal in tiefsten Lagen, mal legt er wie in „Crab-Man“ violingleiche Free-Linien drüber. Pianist Michael Arbenz greift zarte und suchende Single-Note-Tupfer in „I love you Porgy“ oder explodiert in schnellen und attackierenden Läufen. Sensibel und meist kraftvoll trommelt Florian Arbenz. In einer kurzen eigenen Solo-„Summertime“-Version erhält er die Gelegenheit, das rhythmische Gerüst aufzudecken. Das Trio verschmilzt in der Regel zu einem Klangkörper, in dem mal das Piano, mal der Bass die harmonische Struktur vorgibt, ohne dass ein Instrument dominant wirkt. So entsteht ein komplex-vertracktes, aber subtil ausbalanciertes musikalisches Gefüge.

Ungewöhnlich ist die Up-Tempo-Version von „It ain´t necessarily so“ unter Einbeziehung freitonaler und pulsierender Avantgarde. Insgesamt hat das Schweizer Trio mit seiner „Porgy & Bess“-Adaption ein witzig-skurriles Album vorgelegt, das swingend bis free, klangmalerisch und eigenständig, von energetisch bis lyrisch die interpretatorischen Möglichkeiten des Originals auslotet und dabei immer wieder mit Überraschungen aufwartet.
 

Klaus Mümpfer
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Paquito D´Rivera, Christopher Dell, WDR-Bigband
Benny Goodman revisited
Connector Records 59882-2


Der Saxofonist und in jüngerer Zeit vor allem Klarinettist Paquito D´Rivera zitiert in seinen Erläuterungen zur CD, die er Benny Goodman gewidmet hat, den legendären Künstler mit den Worten, dass ein gutes Arrangieren wie ein neues Komponieren sei. Dieser Satz trifft in vollem Umfang auf die Arrangements des Chefdirigenten der WDR-Bigband, Michael Abene zu – wie der Hörer bereits nach der Neufassung des Klassikers „Sing, Sing, Sing“ bestätigen wird.

Paquito D´Rivera fühlt sich seit seiner Jugend mit Benny Goodman verbunden. Dessen Carnegie-Hall-Concert, das ihm sein VaterTito vorspielte, beeindruckte den Knaben so nachhaltig, dass Goodman ihn nie mehr losließ. Nun hat der inzwischen 73-jährige Musiker mit den Wurzeln in Kuba gemeinsam mit Abene und der Kölner Bigband Kompositionen durchforstet, die den musikalischen Weg Goodmans markiert haben und die „nach modernen Arrangements verlangten“.

Das Ergebnis ist eine großartige Hommage an den King of Swing. Die Arrangements treffen den Kern der Musik ohne museale Ambitionen. Der Sound der Bigband ist unverkennbar und zeitgemäß. D´Rivera interpretiert mit der Souveränität und Hingabe eines reifen und großartigen Solisten. Er bläst in „Goodbye“ sowie „Memories of you“ sanft und beseelt, aber mit der notwendigen Dynamik auch in leisen Passagen. In schnellen Stücken wie „Let´s dance“ lässt er die Klarinette jubilieren und zupacken. Ausdrucksstark blasen die Saxofonisten, doch Glanzpunkte setzt vor allem der Vibrafonist Christopher Dell - wie einst Lionel Hampton bei Benny Goodman. Das Orchester begleitet D´Rivera routiniert und gleichzeitig sensibel, technisch virtuos und vital. Abene und seine Musiker beweisen erneut, dass Routine nicht mit Langeweile verbunden sein muss.
„Benny Goodman revisited“ ist ebenso eine Huldigung Goodmans wie ein Dokument der Kunst des Klarinettisten und ein Beweis für die wohlabgewogene Zusammenarbeit eines Solisten mit einer Bigband.
 

Klaus Mümpfer
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Perfume e Caricias
Produced by Meeco
Connector Records 59877-1


So klingt Jazz für Verliebte und zum Träumen. Das ist Wohlklang und Labsal für die Ohren und die Seele. „Perfume e Caricias“ des britisch-französischen Komponisten Meeco erfüllt alle Kriterien des Lounge-Jazz: Sanfte Klänge, Emotionalität, Romantik und Zerbrechlichkeit. Dazu die butterweiche Stimme der brasilianischen Sängerin Eloisia, perfekt hingehaucht und geflüstert. Sie streichelt mit den in Portugiesisch vorgetragenen Songs die Seele der Zuhörer die in soften Sounds versinken können. Das Cover-Foto spricht für sich.

Dass aus den Kompositionen Meecos dann doch mehr als nur kommerziell entspannende Lounge-Music wird, ist vor allem den vorzüglichen, reifen und erfahrenen Musikern zu verdanken. Eddie Henderson bläst leicht, sanft schwebend und zugleich zupackend Trompete und Flügelhorn, lakonisch sowie mit ausgebufften Akkordverschiebungen greift Kenny Barron in die Tasten, harmonisch reizvoll zupft Buster Williams die Bass-Linien, dezent bleibt Altsaxophonist Vincent Herring und letztlich ist noch der 86-jährige James Moody mit der Querflöte zu hören. Dass nach meinem Geschmack die Musik trotz dieser Künstler zu wenig für Abwechslung und Aufregung sorgt ist dem Komponisten Meeco anzulasten.

Klaus Mümpfer
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Ali Haurand & Friends
Ballads
Konnex KCD 5272


Diese Balladen-Einspielung des Bassisten Ali Haurand und seiner Freunde stammt bereits aus dem Jahr 2005. Dies mindert keineswegs die Aktualität der Musik, die in Ihrer Schönheit auch heute noch auf der Höhe der Zeit ist. Dass die Balladen in diesem Jahr neu aufgelegt werden, ist zwei verstorbenen Mitgliedern des Freundeskreises um den quirligen Bassisten und Bandleader zu verdanken. Haurand widmet sie dem im Juni 2009 verstorbenen grandiosen Saxofonisten Charlie Mariano, der wie kaum ein zweiter emotional und beseelt sein Instrument singen ließ, sowie dem Schlagzeuger Tony Levin, der in diesem März Abschied nahm.

Beide Künstler sind in verschiedenen Gruppierungen zu hören – entweder im Quartett mit dem Saxofonisten Alan Skidmore, dem Pianisten Rob van den Broek und Ali Haurand oder im Duo mit dem Bassisten. Weitere sensible Balladenmeister auf dieser Scheibe sind der Saxofonist Gerd Dudek, der Drummer Daniel Humair und der Flötist Jiri Stivin – alles Musiker, aus dem Sammelbecken des seit drei Jahrzehnten äußerst lebendigen European Jazz Ensembles.

„Ballads“ präsentiert eine Musik, in die man sich versenken kann (wie in Stivins lyrischem „Mood“ oder Marianos „Crystal Bells“), die Emotionen weckt und die der Zuhörer in seiner zugleich modernen und zeitlosen Schönheit mit allen Sinnen genießen kann. Verspielt wirken die Kompositionen vor allem durch die Begleitung des Pianisten und doch intensiv packend durch die Saxofonisten. Und hinter allem steht straight führend und zusammenhaltend der Bassist oder wie in Crystal Bells“ mit einem virtuosen Solo. Mit der Wiederveröffentlichung von „Ballads“ ist Haurand eine treffliche Würdigung der beiden verstorbenen Freunde gelungen.

Klaus Mümpfer
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Lemke-Nendza-Hillmann
Tria Lingvo
Jazz Sick 5035 JS


„Tria Lingvo“ bedeutet im Esperanto „dritte Sprache“. Der Titel der neuen CD des Trios mit Johannes Lemke an Saxofonen und Klarinette, Andre Nendza an Dopelbass und Glockenspiel sowie Christoph Hillmann an Drums, der tönernen Udu und dem Daumenklavier Kalimba trifft insofern, als die Musiker ohne Harmonieinstrument auf der Suche nach einer eigenständigen Ausdrucksweise sind und auch gefunden haben. Im Trio entstehen dichte und sensible Interaktionen sowie ein ungewohntes Klangfarbenspiel. Dennoch sind die Kompositionen eingängig und klingen durchaus vertraut.

Das Trio suche stets neue Inspirationen durch die Einbindung von Gästen, heißt im Promotiontext. In diesem Fall sind es der Geiger Zoltan Lantos und der Posaunist Mark Bassey. In der Verbindung von modernem Jazz und ethnischer Folklore neigt sich bei Bassey die Waage eher zur Jazz-Seite, bei Lantos dagegen zur Folklore. Ansprechende Beispiele sind zum einen „Mr Funny Head“ in dem sich Lemkes Saxofon und die Posaune dialogisieren oder einander umspielen und zum anderen „The Evergreenery“ und „Cancionita“, in dem Lantos virtuos mit gezupfter und gestrichener Violine für ethnische Klänge und Stimmungen sorgt. Nahezu zirzensisch wirkt in Passagen das Duo-Spiel von Bassey und Lemke.
Beide Gäste erweisen sich als beseelte Gleichgesinnte und runden den Sound des Trios ab, in dem Lemke für prägende Klangfarben und Hillmann für den stets führenden rhythmischen Puls stehen. In „Promenade à trois“ sowie „News from Wolverhampton“ und vor allem in Cancionita“ (mein Favorit auf dieser CD) zupft Nendza in reizvollen Bass-Soli harmonisch ausgefeilte Linien. Man muss sich in die Musik einhören, um die Raffinesse und Feinheiten hinter der im ersten Eindruck erweckten Gleichförmigkeit zu erfahren und zu genießen.

Klaus Mümpfer
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Christof Sänger
Crossings
Laika, 3510276.2


Internationale Stars des Jazz schätzen den deutschen Pianisten Christof Sänger als technisch virtuosen und stilistisch ebenso vielseitigen wie sensiblen Begleiter. Auf seiner neuen CD „Crossings“ stellt er seine Fähigkeiten, Reife und Eigenständigkeit im Trio mit dem Bassisten Rudi Engel und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling erneut unter Beweis. Zu hören sind neben Standards wie Armstrongs „Struttin with some barbecue“, Erroll Garners „Misty“ oder Cole Porters „Every thing I love“ eine Reihe von Eigenkompositionen, die nicht immer voll überzeugen, aber durch die Interpretationen des Trios gefallen. Sängers perlendes, zupackendes und Time sicheres Spiel swingt stets und fasziniert durch seine federnde Lockerheit. Der Pianist kann aber auch verquer und sperrig greifen. Art Tatum ist ebenso verarbeitet wie Oscar Peterson oder Martin Solal. Zum swingenden Gesamteindruck tragen der Bassist mit seinem straight gezupften Bass und der Schlagzeuger durch seine flexible Trommel- und Besenarbeit einen gehörigen Teil bei.

Dieses Trio kommuniziert traumhaft sicher und unterstreicht in der sensiblen Begleitung das technisch makellose Tastenspiel, das glücklicherweise nie zum Selbstzweck missbraucht wird, sondern selbst altbekannte Klassiker zu neuem Leben verhelfen kann. Deutlich wird dies in den aufeinanderfolgen Interpretationen des schnellen “Struttin“ und der gefühlvollen Ellington-Komposition „Prelude to a kiss“. Kein Wunder, dass Ernie Watts Sänger ebenso schätzt wie die traditionell ausgerichtete Barrelhouse Jazzband, deren ständiger Pianist er seit dem vergangenen Jahr ist.

„Crossings“ ist ein treffender Titel. Die Musik des Trios belegt zugleich, dass Mainstream, wenn er inspiriert und künstlerisch auf diesem Niveau gespielt wird, nicht langweilen muss, sondern relaxend unterhalten kann.

Klaus Mümpfer
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Sigi Dresen & friends
A part of me
Early Bird Records 01066


Wenn dies nur ein Teil des Komponisten und Musikers Sigi Dresen ist, welche Überraschungen birgt dann noch der Rest? „A part of me“ nennt der Hamburger Pianist und Soundtüftler seine neue CD. Die darauf gebannten Improvisationen verraten Einiges von der Wesensart des Künstlers.

Natürlich geht es um das Klavier, Improvisation, Kommunikation, Experimente und die Annäherung an den Jazz. Manches klingt sehr vertraut wie „Clockwork“, das die romantische und verspielte Ader von Sigi Dresen bloßlegt. Es ist jedoch, wie der Künstler bekennt, eine eher „klassischen Kompositionsprinzipien“ verpflichtetes Stück, während er beim vorliegenden Album die Improvisationsidee auf den Produktionsprozess übertragen wollte. Dresen beschreibt im Booklet, dass vor dem Einspielen in der Regel ein paar Harmonien, Loops oder Melodiefragmente, musikalische oder rhythmische Schnippsel standen, die erst im Produktionsprozess gesammelt, geschnitten, und neu geordnet wurden. Das heißt nicht, dass Zufallsprodukte entstanden, sondern mit vorhandenen Splittern sorgfältig umgegangen wurde.

Es entstanden teil konventionell klingende Songs, teil freie und experimentelle Collagen. Insgesamt herrscht der meditative Charakter vor, auch wenn kurze Improvisationen wie das balladeske Zwiegespräch Episode Nr. 8 und das folgende atonale Zwiegespräch Episode Nr. 5 in starken Kontrast stehen. Im Zwiegespräch Nr. 7 zupft Dresen perkussiv die Saiten des Flügels im Duo mit dem Schlagzeuger Niels Henrik Heinsohn. Sensible Partner sind in anderen Werken mit kantablen Linien der Tenorsaxophonist Stefan Kuchel und Trompeter Claas Ueberschär. Die abschließenden „Hymne for five - solo“ und „Immer weiter“ sowie vor allem die tastend suchende Ballade des Zwiegespräches Nr 4 offenbaren wiederum den romantischen Part of Dresen. Mit „Bazz“ tritt der Pianist in eher ausgetretene Pfade der Mixtur von Klassik und Jazz, während seine „Oboen-Fantasie“ mit exotischem Reiz überrascht.

Glücklicherweise gerät die Vielseitigkeit der Musik nicht zur Beliebigkeit, sondern spiegelt glaubhaft die unterschiedlichen Wesenszüge des Künstlers wieder, wozu die Zwiegespräche besonders beitragen.

Klaus Mümpfer
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Paul Fox Collective
submerging & emerging
Jazz `n` Arts, JnA 5511

Selten treffen drei Worte so gut den Charakter einer Musik wie in diesem Fall das Versprechen, „verständlich, groovig, melodiös“. Ebenso zutreffend ist der Name der Formation. Denn das „Paul Fox Collective“ formt trotz aller gehaltvollen solistischen Ausflüge einen geschlossenen, ausgewogenen und homogenen Gruppensound, zu dem alle fünf Musiker und die Sängerin Stephanie Neigel gleichberechtigt beitragen. Der Schlagzeuger Paul Fox macht mit seinen knochentrockenen, knackenden und treibenden Spiel bereits im ersten Stück deutlichdeutlich, dass sein Instrument nicht allein “Rhythmusknecht“, sondern mit „tonangebend“ ist. Gleichzeitig gelingt es ihm auf bewundernswerte Weise sich nicht in den Vordergrund zu drängen, sondern die Band kongenial von Fellen und Becken aus zu führen.
Das Titelstück sowie „Crowded Places“ sind sicher Kompositionen, die die Gefühlslage des Bandleaders widerspiegeln. Sie beginnen lyrisch und verspielt, steigern sich im Verlauf zu expressiver Intensität und Emotionalität. gefühlvoll und sensibel präsentiert die Mannheimer Sängerin Stephanie Neigel „I´m sorry“, „tales within“ und „leaving it behind“.

Die Kompositionen pendeln zwischen tastender Romantik und groovender Expressivität. Verspielte und lyrische Parts wechseln sich mit swingenden und treibenden Up-Tempo-Passagen ab. Schwebende Sounds und ein reizvolles Klangfarbenspiel lassen keine Langeweile aufkommen. Ostinati sorgen wie in „Remember me“ an der richtigen Stelle für Spannung. In der Stimmung und Reduktion auf den Kern erinnert „Interlude“ ein wenig an Keith Jarrett und den frühen Dollar Brand. Beseelte Ästhetik strahlt die Titel-Komposition aus. Mit Markus Ehrlich an Tenor- und Sopransaxophon, dem Gitarristen Zacharias Zschenderlein, dem Bassisten Maurice Kuehn sowie Robert Kesternich an Flügel und den Fender Rhodes hat Paul Fox ein Kollektiv geschaffen, das nahezu ideal kommuniziert. Selbst ein gesprochenes Poem in „Wandering in the park“ wirkt im Verbund mit Kesternichs Tastenspiel keineswegs peinlich, sondern eher anrührend. Die Bandbreite des zeitgenössischen jungen Jazz wird ausgelebt, ohne dass die Musik beliebig klingt.

Dies Scheibe wird der Sammlung meiner Lieblinge zugeordnet, in die ich von Zeit zu Zeit eintauche

Klaus Mümpfer
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Fattigfolket
Park
Ozella Music, OZ 038 CD


Dem jungen schwedisch-norwegischen Jazzquartett „Fattigfolket“ eilt ein guter Ruf voraus. Sie haben auf dem renommierten Tremplin Jazz d´Avignon Festival 2003“ einen Preis gewonnen, amerikanische Bands von der Westkünste, wo schon immer der softere Jazz zuhause war, haben Kompositionen der Skandinavier in ihr Repertoire aufgenommen. Nun liegt mit „Park“ eine neue – die dritte? – Einspielung vor. Auch auf ihr bewegt sich die Musik zwischen einer leichten Sommerprise und kühlen Windböen.
Der Trompeter Gunnar Halle, Saxofonist und Klarinettist Hallvard Godal, Bassist Putte Johander sowie Drummer Ole Morten Sommer agieren und reagieren sensibel und sicher. Sie kosten die Nuancen von Klangfarben und Sounds aus. Schwebende Klänge fließen dahin, verhaltene expressive Läufe auf Saxofon und Klarinette umspielen einander, verflechten sich oder erklingen unisono. Immer präsent ist der Beat der Drums und stützend der Bass. Elegische Sounds wirken verträumt und lyrisch.
Diese Musik ist so subjektiv wie wohl auch der Geschmack der Freunde des Quartetts. Allgemein wirkt sie zu melancholisch und schwermütig. Dunkel dräuend mit hellen Spitzlichtern wie der „Mauerpark“. Man wünscht sich trotz vorhandener differenzierter Innenspannung ein wenig mehr Abwechslung und Energie. Gewiss sind die Parks von der Pfaueninsel bis zum Grunewald, denen die Kompositionen zugeordnete werden, kontrastreicher als die Musik, die mit spröder Schlichtheit ehe für die innere Stille als für Abwechslung sorgt.

Klaus Mümpfer
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Peter Herbolzheimer mit Rhythm Combination & Brass
sowie BuJazzO
Remembering Peter Herbolzheimer
2 CD HGBS 20017


Der Posaunist Peter Herbolzheimer hat über viele Jahre hinweg den Skoda Jazzpreis für Jugend-Orcherster betreut und geprägt, so wie über Jahrzehnte in der deutschen Bigband-Szene unüberhörbare Spuren hinterlassen hat. Als „Kugelbauch“ – wie ihn seine Freunde liebevoll nannten – im vergangenen Jahr verstarb, hat er eine große Lücke im zeitlosen, modernen, orchestralen Jazz hinterlassen, die trotz der großartigen Leistungen von Big-Bands wie der des hr des WDR und des NDR nicht geschlossen werden konnte.

Jetzt hat die Schwarzwälder Plattenfirma HGBS als legitimer Nachfolger der legendären MPS von Brunner-Schwer eine Kassette mit zwei CDs und einem ansprechend gestalteten Booklet unter dem Titel „Remembering Peter Herbolzheimer vorgelegt. Veröffentlich wird so erstmals auf CD das komplette Album „My Kind Of Sunshine“, das zwei fetzige Session aus den Anfangszeit von Herbolzheimers „Rhythm Combination & Brass enthält. Die Aufnahmen aus den Jahren 1970 und 1971 zeigen bereits, mit welcher Kraft eine Bigband satte Bläsersätze, treibende und groovende Rhythmen glanzvolle Soli unterlegen kann.

Die zweite CD enthält einer Reihe Stücke des Programms „40 Jahre Bossa Nova“ von Peter Herbolzheimer und dem BuJazzO aus dem Jahr 2005. Unter Herbolzheimers Fittichen sind in nahezu zwei Jahrzehnten eine Reihe bemerkenswerter und erfolgreicher Jazz-Profis hervorgegangen. 1990 spielte in dem Orchester beispielsweise der Trompeter Till Brönner. 2005 sorgte für das notwendige Bossa-Feeling unter anderem eine fünfköpfige Vokalgruppe.
 
Als Bonustracks gibt es die Herbolzheimer-Arrangements von „Mixolydian Highlander“ sowie ein mitreißendes „Wenn ich Dich seh“ mit Ingfried Hoffmann und Manfred Krug. Die Live-Mitschnitte aller Stücke belegen die beständige Arrangeurs-Qualität Herbolzheimers über vier Jahrzehnte hinweg sowie seine hohen künstlerischen Ansprüche an die Orchester.

Klaus Mümpfer
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Lech Wieleba
Poetic Jazz: Mazur (CD PJR 2009)


„Poetic Jazz“ – dies ist keine Neuauflage von Jazz und Poesie, sondern der Name des Quartetts des seit 1984 in Hamburg ansässigen Polen Lech Wieleba. Und die CD namens „Mazur“ ist nicht etwa dem Dirigenten Kurt Mazur oder der dänischen Perkussionistin Marilyn Mazur gewidmet, sondern spielt offensichtlich auf die polnische Masuren-Landschaft an. Lieder ohne Worte allemal, Stimmungsgemälde wie bei Filmmusik. Wenn Jan-Peter Klöpfel sein Akkordeon zieht und drückt sowie ins Flügelhorn bläst, ist dies jeweils mit viel Nachhall verbunden - und Assoziationen zu Soundtracks von Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) und Irmin Schmidt („Palermo Shooting“) kommen auf. Zuweilen fühlt man sich sogar auch an Martin Böttcher („Winnetou“) erinnert.

Die coolen Kompositionen des Kontrabassisten Lech Wieleba bergen allesamt erzählenden Charakter und gehen leicht ins Ohr. Musik zur genüsslichen Unterhaltung. Vervollständigt wird die seit langem bestehende polnisch-deutsche Formation durch den Pianisten Enno Dugnus und den Schlagzeuger Pawel Wieleba, 1981 noch in Danzig geborener Sohn des Bandleaders.

www.poetic-jazz.com

Hans Kumpf
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Oz Almog & Shantel
Kosher Nostra – Jewish Gangsters Greatest Hits
Essay Recordings AY CD 13


Das jüdische Museum in Berlin widmete der Verbindung von jüdischer Musik und Jazz eine Ausstellung von Klezmer bis zum New York Underground rundum John Zorn. Unter „Radical Jewish Culture“ geht jüdische Musik eine Symbiose mit Jazz, Rock und Punk ein. Pitom aus Brooklyn/ NYC spielen eine Mischung aus unkonventionellem Rock und traditioneller jüdischer Musik. Das Quartett um den Jazzgitarristen Yoshie Fruchter definiert zwischen Post Hardcore, Jazz und Klezmer einen eigenen Sound. Auch bei David Krakauer und Giora Feidman sind Jazz-Einflüsse nicht zu überhören.
Doch die unterschiedlichsten Verknüpfungen reichen viel weiter zurück. In den 20er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kontrollierten Gangster-Syndikate in Amerika nicht nur das Geschäft mit dem verbotenen Alkohol und Glücksspiel, sondern auch das Music-Business von den Tanz-Revuen bis zum Jazz.
In jener Zeit existierte in den Staaten eine jüdische Verbrecherorganisation, die in Anlehnung an die berüchtigte „Cosa Nostra“ „Kosher Nostra“ genannt wurde. Der in Frankfurt lebende Musiker Stefan Hantel, bekannt als „Shantel“, ist dem Einfluss der Kosher Nostra auf die Musik jener Zeit nachgegangen und hat dabei Erstaunliches zutage gefördert. Der Sound der ausgewählten Stücke ist eine wilde Mixtur aus Swing, Jazz, Twist, Charleston mit jiddischer Folklore, Balladen und Gassenhauern.
Viele der Musikbeispiele, die Shantel zusammengetragen hat, faszinieren in der ungewohnten Kombination jiddischer Texte und swingendem Jazz. Es gibt ein Wiederhören mit Connie Francis, die ein ganzes Album jüdischer Musik aufgenommen hat, aber auch mit Tom Jones, den Andrew Sisters und Al Jolson, der es bis zu Bekanntschaft mit dem US-Präsidenten Calvin Coolidge gebracht hat.
Weniger bekannt, aber eng mit dem Jazz verbunden, sind das Yiddish Swing Orchestra oder Cleo Patra Brown, eine Vertreterin des Boogie-Piano-Stils.
Auf der CD wird geschluchzt, tremoliert, geswingt und gebluest, dass es eine Freude ist. Auch wenn das Ganze eher unter Jazz und Jazzverwandten zu rubrizieren wäre, hält die CD auch den Jazz-Fan gefangen.
Der audiophile Genuss dieser musikalischen Zeitreise wird in der Zusammenarbeit von Shantel mit dem österreichischen Künstler und Wiener Kurator Oz Almog durch ein dickes, prachtvolles und informatives Booklet literarisch ergänzt.

Klaus Mümpfer
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Leszek Kulakowski
Code Numbers
(Music Vox Records, Vertrieb: Fonografika, Polska)


Kein polnischer Pianist, auch wenn er sich wesentlich im Jazz-Metier betätigt, kommt ohne „Fryderyk“ Chopin aus. So hörte ich auch erstmals (von) Leszek Kulakowski. Er nahm mit eigenem Jazz-Trio und dem Kammerorchester der nordpolnischen Stadt Slupsk 1994 "live" die CD "Chopin And Other Songs" auf. Ein Stück dieser Compact-Disc ist mit "Preludium C" betitelt. Es handelt sich hierbei um das – beispielsweise auch vom französischen Geiger Jean-Luc Ponty verjazzte - Prélude Nr. 20 in c-moll, welches Kulakowski auf dem Klavier mit regentropfenden Tonrepetitionen beginnt, um dann immer mehr volle Orchesterkraft hinzuzufügen. Auch andere gecoverte Chopin-Werke erinnern an das progressive Power-Play eines Stan Kenton. Der seelenvolle und lyrische Chopin wurde hier zum musikalischen Kraftprotz mutiert.

Jetzt brachte eine CD heraus, die doch sehr viele filigrane Impressionismen beinhaltet: „Code Numbers“. Eine Leserabstimmung der in Warschau erscheinenden Zeitschrift „Jazz Forum“ setzte 2010 diese Platte in der Rubrik „Album des Jahres“ auf Platz zwei. Gemäß des Plattentitels heißen die Titel kryptisch „52552“, „7777“ oder „55255“. Kulakowski greift transparent in die Tasten und auch behutsam in das Flügelinnere. Eine klangfarbliche Abrundung (und nicht mehr!) schaffen Krzysztof Gradziuk am Schlagzeug und Piotr Kulakowski am Bass. „Free IV“ nennt sich der Opener und „Free I“ das Finalstück – und da meint man jeweils, das Meeresrauschen der von Kulakowskis Heimatort Slupsk (Stolp) 20 Kilometer entfernten Ostsee herauszuhören.

Wenn der auch als Klavierpädagoge tätige Leszek Kulakowski ganz eigene Theorien über die Gesetzmäßigkeiten seines Spiels haben mag, rein klanglich strahlt die Musik von seinem so genannten „Ensemble piccolo“ überwiegend Ruhe und Wohlbehagen aus. Keine normierte Funktionalharmonik zwar, aber tonale Zentren. Meist agogischer Gestus und getragene Tempi, kaum Motorik und „drive“.
 

Hans Kumpf
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The Dyani Project
Demo CD des Projektes „Kultur im Ghetto“, Frankfurt


Ich erinnere mich noch gut an J. E. Berendts New Jazz Meeting von 1983, als der Bassist Johnny Dyani während des einwöchigen Workshops oftmals lange Zeit nachdenklich, eine Zigarette rauchend, abseits saß. Drei Jahre später begründete Johnny Dyani eine Reihe, die bis heute zu Konzerten und Workshops führt und die sich „Jazz gegen Apartheid“ nannte. Zwar ist die Apartheid heute weitgehend überwunden, doch Jürgen Leinhos und seine Projektgruppe „Kultur im Ghetto“ pflegen das Andenken des im Oktober 1986 verstorbenen musikalischen Kämpfers gegen die politische Unterdrückung wie auch die Fortführung der Konzertreihe.

Das Dyani-Project widmet sich dem Leben und der Musik des südafrikanischen Künstlers und seiner Zeitgenossen. Mit dem Saxophonisten John Tchicai, dem Schlagzeuger Makaya Ntshoko, dem Trompeter Harry Beckett und dem Flügelhornisten Claude Deppa sind Weggefährten Dyanis zu hören. Seit den 90er Jahren erweitern der Vibraphonist Christopher Dell, der Saxophonist Daniel Guggenheim, der Posaunist Allan Jacobson und der Bassist John Edwards das Projekt.
Nun liegt als Live-Mitschnitt eines Konzertes in der Darmstädter Knabenschule eine Demo-CD vor, die zwar nicht zu kaufen ist, die aber Veranstalter dazu bewegen kann, jene Formation zu buchen, die die Intensionen ihres Vorbildes trifft und dabei mit unbändiger Spielfreude fasziniert.

„Kippieelogie“ hebt mit einem fulminanten Bass-Lauf an, der mit dem pulsierenden Schlagzeug die Basis für freie Interaktionen der Bläser bereitet – so wie ich es aus dem Meeting in Baden-Baden in Erinnerung habe. „Lady Lilian Ngoyi“, das Portrait einer der weiblichen Führungspersönlichkeiten im Kampf gegen die Apartheid wird im Mittelteil geprägt vom freien und ekstatischen Spiel des Saxophons auf einem Vibraphon-Teppich. Neben solchen hin und wieder ins Crescendo einmündende Free-Passagen bestimmen die Mehrstimmigkeit der Bläser, ihre Ruf-Antwort-Spiele, das Umranken von Melodielinien auf Saxophon und Trompete den Sound. „Song for Biko“, den Dyani dem von der Polizei zu Tode gefolterten Studenten- und Gewerkschaftsführer Steve Biko widmete, erklingt fast fröhlich, tänzerisch und hüpfend, swingt nahezu konventionell und könnte als Beispiel für Dyanis Ästhetik des Protestes gelten. In fast allen Kompositionen des Südafrikaners findet sich die typische hymnische Mehrstimmigkeit, die meist in der Intro oder dem Finale auftaucht. Ein von südafrikanischer Folklore geprägter Ohrwurm ist „Roots and Blues for Moyake“. Die Doppelbesetzung der Instrument erlaubt es, Melodiebögen afrikanischer Farbigkeit auszubreiten, heißt es im Promotionstext treffend.

Die Formation „The Dyani-Project – a quest for Freedom“ kann bei „Kultur im Ghetto“ (Tel. 069-621430, Mail: jleinhos@aol.com) gebucht werden.
 

Klaus Mümpfer
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Vein
Vein meets Glenn Ferris
(Die CD ist exklusiv auf der
Homepage www.vein.ch erhältlich)

Wer anders als der Posaunist Glenn Ferris mit seiner beweglichen und luftigen Spielweise, die ihm eine mit zwei Ventilen modifizierte Zugposaune ermöglicht, wäre ein sensibel kommunizierender Partner des Vein-Trios? Offene Kollektive, die die Tradition ebenso einbeziehen wie das freie Spiel und die Avantgarde, die Experimente nicht scheut, aber auch nicht durch chaotische Ausbrüche verschreckt, sind die Spezialität des Trios aus Basel, in dem der Pianist Michael Arbenz zwar buchstäblich den Ton angibt, in dem Bruder Florian pulsierend den Beat auflöst und Thomas Lähns am Bass meist marschierend, hin und wieder straight, im Hintergrund ebenso unverzichtbar wie unauffällig stützt.

In diese intensiven und traumhaft sicheren Interaktionen passt sich Ferris mit beweglichem und melodischem, oft auch expressivem und wuchtigem Posaunenspiel ein. Von nahezu ergreifender Lyrik erscheint die schlichte, volksliedhafte Melodie in „Rest in my peace“ zu einem verträumt wirkenden impressionistischen Spiel des Pianisten.

Aber es gibt auch Up-tempo-Interpretationen wie die Miles Davis-Komposition „Seven steps to heaven“ mit freien Passagen. Dann ist es fast immer Michael Arbenz, von dem in rasanten Läufen die befreiende Expression ausgeht – vergleichbar einer kreisförmigen Welle, die sich ausbreitet bis sie alle vier Musiker zu einem pulsierenden Kollektiv anregt, in dem Schlagzeug und Posaune sich vor einem rasanten Bass-Solo duellieren. In „Blue sun“ lässt Michael Arbenz sanfte und verspielte Notenlinien aus dem Flügel perlen, während Lähns mit einer harmonisch verzierten Melodie im Hintergrund den Bass zupft und Ferris das Thema mit warmem Posaunenton variiert.

Bei aller zur Freiheit drängender Expressivität sind die Brüder Arbenz im Grunde Romantiker. Dies gilt sicher auch für Ferris, der in „Travlin´ bone“ nach einer Trio-Passage mit freiem Piano-Lauf, einem pulsierenden Schlagzeug und marschierenden Bass mit seiner geschmeidigen Posaunen Ruhe ins Spiel bringt, die von einem gestrichenen Bass betont wird. Faszinierend ist die Bearbeitung des Traditionals „Oh happy day“ bei der in einem beeindruckenden Solo mit Mehrstimmigkeit auf der Posaune Stimme und Instrument verschmelzen, bevor das Trio und der Posaunist groovend fortfahren.

Spielwitz und Liebe zu Melodie, aber zugleich auch Offenheit für ungewohnte Klänge eigenwilliger Rhythmik kennzeichnen das Spiel von Vein und damit auch das des Gastes. Das macht die CD „Vein meets Glenn Ferris so hörenswert.
 

Klaus Mümpfer
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Alexander „Sandi“ Kuhn / Kuhnstoff
Being different
Personality records PR 08


Im Booklet erläutert der Saxophonist Alexander Kuhn wortreich und emotional Gefühle und Inspirationen, die den zehn Kompositionen seiner CD „Being different“ zu Grunde liegen. Das Spiel des jungen, aber reifen Künstlers ist erfüllt von der gleichen ehrlichen Emotionalität. Auf dem Saxophon pendelt er zwischen den Polen expressiver Bebop-Tradition und lyrischer Verträumtheit. Blues-Elemente, Jazz und Romantik verschmelzen zu einem flirrenden, zeitgenössischen Stil der „young urban musicians“ – geschmeidig, elegant und trotz mancher bewusster Gegenläufigkeit mit stets fließendem Spiel.

Gleichberechtigte Partner in diesem Quintett sind der Pianist Christoph Heckeler, Gitarrist Joachim Ribbentrop, Bassist Jens Loh und Schlagzeuger Axel Pape. Vor allem Heckeler und Ribbentrop kommunizieren mit Kuhn auf eine Weise, die von Seelenverwandtschaft zeugt. Da tupft Heckeler in „Verrückte Welt I“ suchende, tastende Single-Notes in die Tasten, verspielt und lyrisch, bevor er melodische Notenketten aus dem Flügel perlen lässt. Ribbentrop wiederum übernimmt in „Verrückte Welt II“ einen schnellen und zugleich ziselierten, filigranen Gitarrenlauf, mit dem er schließlich ein expressives Saxophon-Solo kommentiert. Dann wieder bläst Kuhn seelenvoll und sensibel ein Solo in „Geborgenheit“, baut lange Spannungsbögen, die von schlüssiger Logik gehalten werden. Bassist Loh erhält wie in „Different Woody´s daughter“ Gelegenheit zu melodischen Läufen, die mit sparsamen Single-Notes des Pianisten unterlegt werden, und überrascht in „Seneca“ mit verzwickten harmonischen Wendungen. Von ausgesprochen ästhetischem Reiz ist das Duo von Saxophon und Piano im Titelstück sowohl in langsamen wie in expressiv treibenden Passagen. Axel Pape ist ein flexibel stützender Drummer, der in „Being different“ sein melodisches Spiel im Duo mit dem Pianisten unter Beweis stellt.
Die Stücke der CD sind pfiffig arrangiert, abwechslungsreich in den Stimmungen und Tempi sowie vor Spielfreude sprühend. „Kuhnstoff“, so der Name des Quintetts, lässt aufhorchen.
 

Klaus Mümpfer
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Gee Hye Lee
Geenius monday
HGBS 20014 CD

Wenn die Rede auf die Pianistin Gee Hye Lee kommt gerät selbst Vincent Klink, der wortgewaltige Satiriker, Sterne-Koch und vorzügliche Jazzer mit der Basstrompete, ins Schwärmen. „Sie ist eine schöne Exotin und bedient die Tasten, als wäre sie unmittelbar aus Harlem oder Brooklyn in diese „Kiste“ gehüpft“, schreibt er im Booklet zu Lee´s Erstlings-CD „Geenius Monday“. Die Kiste ist in diesem Fall ein Stuttgarter Jazzclub, in dem die Künstlerin aus Korea montäglich Musiker aus der Stadt und Umgebung zum Spielen einlädt. Dabei bilden sich Formationen, die zumindest im weiten Feld des Mainstreams keine internationalen Vergleiche zu scheuen brauchen. Dem organisatorischen Talent und der Führungsqualität der inzwischen schwäbelnden Exotin ist es zu verdanken, dass nun eine CD mit 14 Titeln und ebenso vielen unterschiedlichen Formationen swingend und groovend dokumentiert, dass die Schwabenmetropole eine lebendige und kreative Jazzszene aufweist.

Gee Hye Lee als Dreh- und Angelpunkt dieses Ereignisses drängt sich nie in den Vordergrund, spielt sensibel angepasst mal perlend und leicht beschwingt, bei anderen Gelegenheiten mit sparsam eingesetzten Akkordeinwürfen oder Blockakkordschichtungen. Zu hören sind swingende Up-Tempo-Stücke wie „Memories“, sanfte Balladen wie der „Love Song“ des Trompeters Herbert Joos, die „Hohlwelt“ mit einem auch in den Höhen weichen Flügelhornsolo Martin Auers, das sich zu schnellen und rauen Stakkati steigert, die von Akkordakzenten auf dem Piano gegliedert werden, das expressive Saxophon-Stück „E.H.E.“ oder „My heart“ mit der Sängerin Fola Dada, leichtem Rap- sowie Bass & Drums-Touch und einem rockigen, glissandierenden Gitarrenlauf.

38 Sängerinnen und Musiker decken ein breites stilistisches Spektrum ab. Sie bleiben stets der Tradition verbunden, ohne auf erfrischende zeitgemäße Einflüsse zu verzichten. Auch wenn das Wortspiel „Gee-nius monday“ mit dem Hinweis auf Gee Hye Lee die üblichen Markting-Übertreibung sein mag, so zeugt die CD dennoch von der Kompetenz der Koreanerin als Pianistin und Bandleaderin sowie von der Qualität der Musiker, unter denen sich immerhin acht baden-württembergische Jazzpreisträger befinden. Die im traditionsreichen Studio von Brunner-Schwer produzierte Aufnahme birgt zwar keine Überraschungen, macht aber Lust, die Montags-Sessions der Pianistin zu besuchen.

Klaus Mümpfer
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Jazz Pistols
Superstring
Cherrytown records CD: CTR-006

„Energy-Jazz“ nennen der Gitarrist Ivan Schäfer, der Bassist Christoph Victor Kaiser und der Schlagzeuger Thomas Lui Ludwig des Trios Jazz Pistols ihre temporeiche und mitreißende Jazz-Rock-Fusion. Auf der neuen CD „Superstring“ verbinden sie in bewährter Weise Jazz und Rock mit Anleihen aus Funk sowie Psychodelic und Soul-Sounds. Zwischen die energiegeladenen Passagen packen die Drei auch mal langsame und besinnliche Parts wie das melodiöse, filigrane Single-Note-Solo Schäfers in „Rubicon“ oder eine Passage in „New One“, um gleich darauf mit Hochgeschwindigkeitsläufen auf der Gitarre mögliche Ruhepausen zu verdrängen.

Es findet sich kaum eine Komposition, in der nicht mehrfach Atmosphäre, Tempo und Stimmungen gewechselt werden. Sieben-Achtel, Fünf-Viertel und Neun-Achtel während eines Bass-Solos, bevor schließlich Drummer Thomas Lui Ludwig in „New One“, das beispielhaft für die Jazz Pistols steht, in Up-Tempo-Passagen knifflige und polymetrische Schlagfolgen mit verblüffender Leichtigkeit trommelt und der nachfolgenden Gitarre die Geschwindigkeit vorgibt. Kraftvoll und aggressiv ist Ivan Schäfer in seinen rasenden Power-Läufen, melodiös und verhalten beim Solo in „Three views of a secret“oder ziseliert im genannten Solo-Stück „Rubicon“. Auffällig ist die außergewöhnliche Spieltechnik des Bassisten Christoph Victor Kaiser, der seinen sechssaitigen Bass beidhändig mit Fingertapping schlägt. Dann groovt er mit der linken Hand, während die rechte spannungssteigernd gegenläufig zupft oder ostinat grundiert. In „Chick San“ zitiert die Gitarre ganz kurz Chick Coreas Spain“, in „Berns Rotation“ das Thema von America aus der Westside Story.

 
Eng verzahnt sind die Interaktionen der drei Musiker, doch bei aller Komplexität transparent und in sich schlüssig wie bei „SMBH“, das mit einem gradlinigen 4/4 startet, in afrikanische Rhythmen gleitet und wieder zum rockigen Viertel-Beat zurückkehrt. Elektronik wird sparsam und aufrauend sowie für Glissandi eingesetzt. Trocken und erdig sind die ostinaten Bass-Riffs, die „Sex in a pan“ antreiben.
Auch wenn einige der fast ausschließlich eigenkomponierten Stücke sich mal im Tempo zurückhalten, so bestimmen doch Groove und Dynamik den Gesamteindruck. Auf mich wirkt in diesem Kontext die Komposition „Old fart“ wie ein Durchhänger. Doch solche Momente sind die Ausnahme auf dieser insgesamt spannungsgeladenen Scheibe, für die „Superstring“ ein durchaus passender Titel ist.
 

Klaus Mümpfer
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Dirik Schilgen Jazz Grooves
Plenty of...
Jazz ´n Arts JnA 4810


Es ist wohl die Mischung aus Entspanntheit und Expressivität, aus Heiterkeit und Gelassenheit sowie aus stimmungsvollen Soli und komplexen Tutti, die die Musik des Sextetts um den Heidelberger Schlagzeuger Dirik Schilgen so unterhaltsam wirken lassen. Zu Recht hebt die Promotion die Reife der Kompositionen und Arrangements des Bandleaders hervor sowie dessen feines Gespür für Melodie und Rhythmus.
Eines der typischen, transparenten und klar strukturierten Stück ist „Encora“, das zugleich Zeugnis ablegt für die Liebe des Percussionisten und Drummers zur lateinamerikanischen Musik. Man hört keine platten Samba-Klischees, sondern rockige Grooves sowie fetzige und funky Jazz-Riffs, mit denen das Sextett den Latin-Sound souverän bearbeitet. „Encora“ ist außerdem Beleg für das luftig leichte Schlagzeugspiel in Verbindung mit dem Percussionisten Cris Cavazzoni.

Dass die Musik so stimmungsvoll und spannend bleibt, ist neben den Rhythmikern Matthias Debus am Bass, Daniel Prandl am Piano und den beiden Schlagwerkern auch den soundprägenden Bläsern Thomas Siffling mit der Trompete sowie Matthias Dörrsam mit Sopran- und Tenorsaxophon, zu verdanken. Vor allem Siffling besticht mit einfühlsamen Soli von impressionistischer Klangfärbung, bläst aber in den Duos mit dem Saxophonisten ebenso expressiv wie dieser. Oftmals unranken sich die Linien von Trompete und Saxophon oder verbinden sich in Zweistimmigkeit. So geschieht es in „Turtur“, wenn Pianist Prandl (der kürzlich mit Siffling die wunderschöne Duo-Einspielung „Ballads“ vorlegte) mit hingetupften Akkorden ein sanftes Unisono von Trompete und Saxophon unterlegt, um anschließend ein durchsichtiges Solo Sifflings mit Ostinati zu unterstreichen, und Debus ein melodiöses Bass-Solo zupft.

Sämtliche Stücke sind so raffiniert und ausgefeilt arrangiert, dass die Musiker sie wie in „Back and Forth“ mit einem Trillerpfeifen-Gimmick offensichtlich auflockern oder wie in „Soccer“ mit freien Tutti aufbrechen, um schließlich zu einem abrupten Finale zu kommen. Ungestüme Spiellust, die auch in den sensiblen Passagen zu spüren ist, kann sich dann freispielen. „Plenty of...“ verspricht viel und kann das Versprechen dank der vorzüglichen Jazz-Grooves-Besetzung halten.

Klaus Mümpfer
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Esperanza Spalding
Junjo
Connector Records 59875-2


Dass die Bassistin Esperanza Spalding im Dezember 2009 bei der Nobelpreis Zeremonie für Barak Obama spielte, ist Beleg für die öffentliche Hochschätzung einer Künstlerin, die bereits mit 20 Jahren zur damals jüngsten Dozentin am Berklee College of Music in Boston avancierte. Ihre CD „Junjo“, die seit einigen Monaten in Deutschland vorliegt, zeigt, dass die Künstlerin zu Recht ausgezeichnet wurde, gerade weil die Aufnahme aus dem Jahr 2006 bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Souverän führt die Bassistin ein Trio mit Aruán Ortiz am Flügel und Francisco Mela am Schlagzeug.

Dieses Trio produziert einen leichten, tänzerischen Latin-Jazz, mit dem die Begleiter ihrer musikalischen Heimat Kuba eine Referenz erweisen. Ortiz lässt die Noten in ziselierten Ketten aus den Tasten perlen, setzt aber auch mit Blockakkorden harte Akzente oder verschleppt Takte. Mela trommelt flexibel in der Begleitung sanfter, melodischer Basslinien oder groovt treibend wie in Mompanuana“. Sensibel und in traumhaft sicheren Interaktionen kommunizieren die drei Künstler in „Two Bad“, wenn der Bass-Lauf von Piano-Akkorden ökonomisch kontrastiert wird oder im Duo mit dem Schlagzeug Akkorde schichtet.

Bestimmend, wenn auch sich nicht in den Vordergrund drängend, sind die geschmeidigen und flinken Bass-Läufe Spaldings mit langen melodischen und harmonisch reich verzierten Läufen. Ihr rhythmischer Drive ist stets in Bewegung. Eine Spezialität der Künstlerin, die in Portland als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, ist die enge Verzahnung von Gesang und Bass-Spiel. Spalding scattet mit einer warmen und klaren Stimme, die sinnlich und emotional anspricht. Mal verschmelzen Bass-Linien und Vokalisen in Unisonopassagen, meist aber werden sie parallel und unabhängig nebeneinander geführt.

Die neun Stücke von Komponisten wie Chick Corea und Egberto Gismonti sowie von Esmeralda Spalding und den beiden Mitmusikern bleiben mit Latin-Aromen und freien Momenten immer lyrisch und der Tradition verbunden. Das Trio produziert Musik, die nicht durch Experimente aufregt, sondern durch Leichtigkeit und Schönheit anregt und relaxed.

Klaus Mümpfer
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Gary Fuhrmann Quintett
L´existentialiste
KCD 5254 (Konnex Records) oder über www.garyfuhrmann.com


Verschleppungen, Akzentverschiebungen und überraschende kurzfristige Wechsel des Metrums, Einschübe im Dreivierteltakt, sonore und zugleich expressive Linien auf der Klarinette bis hin zu überblasenen High-Notes, Duos von Trompete und Saxophon vor ostinaten Akkorden auf dem Piano, Spannung durch Beharren und Treiben der Rhythmusgruppe – all dies hat der Gary Fuhrmann in seine Erinnerungen aus Paris gepackt. „L´existentialiste“ ist der Titel seiner neuen CD und des Openers auf der Scheibe, die er mit dem Trompeter Martin Auer, dem Pianisten Rainer Böhm, dem Bassisten Matthias Nowak und dem Schlagzeuger René Marx eingespielt hat.

Manche Stücke sind temporeich und treibend, andere lyrisch und balladesk wie „Lush Life“, was eigentlich mit „gesättigtem Leben“ zu übersetzen wäre und der gefühlvollen Interpretation widerspricht. Aber hintergründiger Humor prägt die meisten Stücke des Fuhrmanns, der für dieses Spiel „mit der Faszination des ersten Taktes“ sich den Wormser Jazzpreis verdient hat. Manchmal weist der Komponist mit einem Buchstaben-Puzzle sogar offen darauf in – wie in „sm-roW“, dem Namen seiner Heimatstadt rückwärts gelesen.

Spannend sind vor allem die Duette von Saxophon und Trompete, die Ruf-Antwort-Spiele, die in Unisono-Passagen oder Zweistimmigkeit münden, wie in „Interlude“ oder „sm-roW“. Verträumte und verspielte, perlende Notenketten reiht Böhm in „L´océan“ und „Little stone“, die wiederum von expressiven Saxophonläufen kontrastiert werden.

Das Quintett vermeidet mit seinem Spiel im Spannungsfeld von Bebop und Free jeglichen Durchhänger. Selbst in schlüssigen Mainstream-Passagen hat der Zuhörer nie das Gefühl, Ähnliches schon mal gehört zu haben. Sogar ein gestrichenes Bass-Solo mit harmonisch reizvollen Akkordlinien birgt in seiner vertrauten Melodie überraschende Wendungen. Bei Gary Fuhrmann verwundert es nicht, dass er seine Erinnerungen mit einem Titel „Heimat“ schließt, die musikalisch darauf hinweist, dass in der Brust des Komponisten zwei Seelen wohnen, die einerseits in Wohlklang und Tradition verwurzelt sind, andererseits nach freitonalen Experimenten drängen.

Klaus Mümpfer
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Bastian Stein
„Gravity Point“
Double Moon Records DMCHR 71086


Bastian Stein ist so etwas wie ein junger Shooting Star in der Jazzszene. Als Zehnjähriger war er Gasthörer an der Wiener Universität für Musik, als 15-Jähriger studierte er Trompete. Es folgte ein Stipendiat in New York, die Auszeichnung mit dem Hans-Koller-Jazzpreis und Privatunterricht in Schweden bei dem renommierten Trompeten-Dozenten Bo Nilsson. Nach so viel Ehre legt Stein mit „Gravity Point“ jetzt die CD „Grounded vor. Die Stücke stammen fast durchweg aus der Feder des Trompeters und verraten eine behutsame Liebe zum leicht gebrochenen Schönklang und zur heiteren Melancholie. Der Zusammenklang von Trompete und Flügelhorn mit den Saxophonen und Klarinetten von Christian Kronreif (auch er Koller-Preisträger) bewegt sich im Rahmen eines swingenden Bebop mit dichter Intensität und treibender Expressivität. Pianist Philipp Jagschitz baut Spannungsbögen mit ostinaten Akkordfiguren oder reiht fließende Melodielinien wie Perlen auf. Bassist Matthias Pichler lässt sein Instrument in der Regel stützend marschieren.

Es gibt keinen Gravitationspunkt in dieser Gruppe mit ihren sicheren und sensiblen Interaktionen. „Point of view“ besticht mit der klaren Schönheit des Trompetenspiels, „Towards to the middle“ und „Beginning of the end“ mit der Expression des Saxophons und den groovenden Schlägen des Schlagzeugers Peter Kronreif. „Quiet sympathy“ strahlt jene gelobte heiter Melancholie mit sanftem Trompetenklang und verspielten Piano-Läufen sowie einem harmonisch klaren Bass-Solo aus. Sanfte und transparente Klangfarben sowie schwebende Soundflächen und ein kammermusikalisch vertrautes Ambiente laden zur Entspannung ein. Diese Stimmung unterstreicht auch die Sängerin Angela Maria Reisinger mit ihren Vokalisen im abschließenden Space/Time mit seinen reizvollen Sounds. „Die CD Grounded“ lebt von unterschwelligen Spannungen und schöner Oberfläche.

Klaus Mümpfer
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Faustino, Roder, Eberhard, Neuser
„50“
JACC Records 005


Sie haben ihre Wurzeln im Bebop, ihre improvisatorische Liebe zieht sie jedoch mehr in die Gefilde des freien Jazz. Der seit 2000 in Berlin lebende portugiesische Schlagzeuger Rui Faustino hat in der Altsaxofonistin und Bassklarinettistin Silke Eberhard, dem Bassisten Jan Roder und dem Trompeter Nikolaus Neuser drei Partner gefunden, die mit ihm vorzüglich, traumhaft sicher kommunizieren und sich in den Soli in ein Konzept einfügen, das die wilden Zeiten des Free-Jazz aus der Mitte der 60er Jahre assoziiert. Das Quartett mit seinem Patchwork-Jazz kann sich kammermusikalisch, lyrisch und leise, aber auch ekstatisch aufbegehrend und laut ausdrücken.

Für die erstere Impression steht „Cancao da chuva“ mit teils harmonischen, teils geräuschhaften Passagen der Bläser und des Bassisten. Schwebende, nahezu hymnische Klänge werden vom gestrichenen Kontrabass unterlegt und durch das Schlagzeug strukturiert. Für die Expression typisch ist „Zero, Zero“ mit einem zweistimmigen Duo von Neuser und Eberhard, dem Ruf-Antwort-Spiel der Bläser, wilden Altsaxofon-Ausbrüchen und einem groovenden Schlagzeug. Harte Dynamik-Sprünge sorgen für Spannung und Tempo. Die Musik ist gleichermaßen abgeklärt und spontan drängend. Das abschließende „Freies Bier“ lässt die erste Minuten lautlos verstreichen, gefolgt von einem kurzen Bass-Perkussions-Duo, leichtem Bläser-Touch und einem diabolischen Gelächter. Demonstrativer Unernst.

Natürlich haben Musiker wie der Pianist Alexander von Schlippenbach das Bett für den Free Jazz in Berlin bereitet, doch kleine Formationen wie Eberhards Quartett „Elevator Music“ oder hier die freie Improvisationsgruppe Faustino-Roder-Eberhard-Neuser halten sie auch in der jüngeren Generation am Leben. Die Berliner Free-Jazz-Szene bleibt kreativ. Es lohnt sich, hinzuhören.

Klaus Mümpfer
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Ali Neander feat. Hellmut Hattler
Esc records ESC 3738


Wenn man nicht um die Integrität des Gitarristen Ali Neander wüsste, könnte der Verdacht aufkommen, dass das jemand die Vergangenheit ausgräbt, um allen Anhängern von Mahavishnu über Kraan bis Oregon etwas für die nostalgieverwöhnten Ohren zu bieten. Doch man nimmt es dem Mitbegründer der Rodgau-Monotones ab, dass er sich nach mehr als 50 CDs unter dem Kommando anderer Künstler wie Xavier Naidoo, Edo Zanki oder Sabrina Setlur endlich einen Jugendtraum erfüllt hat – und der beginnt nun mal nach seinen Worten für ihn beim Jazzrock der 70er Jahre mit dem Mahavishnu Orchestra, Weather Report oder Return to forever.

Für sein Projekt hat sich Neander mit dem Bassisten Hellmut Hattler zusammengetan und zusätzlich Paul McCandless von Oregon sowie das junge Schlagzeugtalent Moritz Müller gewinnen können. Auf zwei Stücken sind außerdem der Keyboarder Ingo Bischof sowie in je einer weiteren Komposition der Bassist Frowin Ickler und der Schlagzeuger Ollie Rubow zu hören.

Herausgekommen ist ein dichtes und komplexes Gebräu aus rasantem Jazzrock mit fetten Grooves, in dem Neander und Hattler tonangebend sind und deren Drive Müller bestimmt. Dazwischen gestreut sind aber auch atmosphärische und filigrane Klänge von exotischem Reiz, deren Farben von den Blasinstrumenten des Oboisten McCandless geprägt werden. „Sweet confusion“ ist der bezeichnende Titel einer Komposition mit verschachtelten Passagen. „Last train home“ nennt Neander das abschließende Stück seiner CD. Beides trifft für diese – vielleicht gerade deshalb noch immer erfrischende - Hommage an den Jazzrock zu.

Klaus Mümpfer
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Wolfram Knauer (Hrsg)
Albert Mangelsdorff -Tension / Spannung
Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 11


Albert Mangelsdorff, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Jazz ist trotz seines internationalen Ansehens stets ein bescheiden und seiner Heimatstadt Frankfurt treu geblieben. Der Posaunist, der das mehrstimmige Spiel auf seinem Instrument perfektioniert und die Posaune als Solo-Instrument etabliert hat, stand im Zentrum des 11. Darmstädter Jazzforums unter dem Titel „Tension / Spannung“. Das Motto war bewusst gewählt worden, denn mit Tension (1963) und auch Now Jazz Ramwong hat sich der deutsche Jazz vom amerikanischen Vorbild abgenabelt. Das damalige Albert Mangeldorff-Quintett wandte sich evolutionär dem neuen europäischen Jazz zu, denn der Posaunist war, wie Wolfgang Sandner in seinem biografischen Beitrag zu Recht betont, kein Revolutionär - während Gunter Hampels „Heartplants“ von 1964 vielen als erste deutsche (gemäßigte) Free-Jazz-Einspielung gilt.

In 13 Beiträgen beleuchteten Experten 2009 die verschiedenen Facetten und Einflüsse des Musikers Albert Mangelsdorff. Neben der Person des Künstlers und dessen Werk waren auch die Verzweigungen des neuen Jazz in Deutschland und Europa sowie seine Verknüpfungen mit der Soziologie, der (Plakat-)Kunst und der Historie Gegenstand der Betrachtungen. Da lag es zum Beispiel nahe, sich mit der vokalen Expressivität im instrumentalen Spiel zu befassen, wenn ein Musiker wie Albert Mangelsdorff mit seine Posaune Geschichten erzählt oder eine „Lerche“ singen lässt, wenn Vokalisten des Jazz von Norma Winston bis Al Jarreau ihre Stimme instrumental einsetzen. In einem anderen Beitrag liest man mit Interesse, wie Mangelsdorff und deutsche Jazzer der Musiktradition – in diesem Fall dem Volks- und Kunstlied- begegnen. „Der rote Faden des Forums von 2009 ist dabei letztlich die musikalische Offenheit, die Albert Mangelsdorff vorgelebt hat“, heißt es im Nachspann.

Der Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts, Wolfram Knauer, hat die Beiträge in einem immerhin mehr als 300 Seiten umfassenden Buch vorbildlich zusammengefasst und als Beitrag zur Jazzforschung, Band 11, veröffentlicht. Die Texte sowie die das Forum begleitenden Konzerte sind durch zahlreiche Bilder dokumentiert und ergänzt.
Das Buch ist beim Wolke Verlag in Hofheim erschienen und kostet 27 Euro (ISBN 978-3-936000-05-4)

Klaus Mümpfer
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Arturo Sandoval & WDR Big Band
 Mambo Nights
 Connector Records 59886-2


Es beginnt eigentlich ganz harmlos mit ein paar Akkorden auf dem Piano. Doch dann legt die WDR-Bigband mit einer Wucht und Präzision los, als sei sie mit den Latin-Rhythmen aufgewachsen. In den „Mambo Nights“ und im Verbund mit dem High-Note-Spezialisten Arturo Sandoval auf der Trompete verlegen die glanzvoll aufgelegten und technisch vorzüglichen Musiker aus Köln Süd- und Mittelamerika an den Rhein. Von Mambo bis Salsa spielen die Bläser vor einer kochend-brodelnden Rhythmusgruppe. Mit Mongo Santamarias „Sofrito“ gelingt ein bravouröser Einstieg, bevor in „Come Candela“ Oliver Peters die Flöte flirren lässt und Sandoval in die hohen Lagen steigt. In „Oye como va“ unterstreicht der „Stratosphärenbläser“ die Aussagen eines Kritikers, der einmal feststellte, dass Sandoval in der Höhe Töne blasen kann, von denen man glaube, dass es sie gar nicht gebe. Andererseits zeigt Sandoval in „Mayra“, dass er in Balladen sein Instrument auch geschmeidig und warm sowie sonor blasen kann – zumal er in Frank Chastenier einen sensiblen Pianisten an der Seite weiß.
Dass die Bigband des WDR gleichermaßen mit solchem Druck und tänzerischer Leichtigkeit spielen kann, ist sicher auch den überragenden Arrangements des Leiters Michael Philipp Mossmann zu verdanken, der zudem mit eigenen Kompositionen beweist, dass er ein besonderes Feeling für die afrokubanische Musik hat. Beispielhaft dafür steht sein percussives, latinisiertes Arrangement des Klassikers „Autumn Leaves“. In Anbetracht des Ergebnisses bleibt die Zusammenarbeit der WDR-Bigband mit Arturo Sandoval in Köln als eine Sternstunde in Erinnerung. Vorbildlich ist auch das Booklet gestaltet.

Klaus Mümpfer
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Christof Sänger Trio
Jazzsession Offenbach
Musikhaus André , Katalog-Nummer 1111


Dass Pianist Christof Sänger sich Art Tatum zum Vorbild auserkoren hat, verraten seine brillante Technik und sein kultivierter Anschlag, den der Wiesbadener Pianist auch in den für ihn typischen energetischen, präzisen und rasanten Läufen pflegt. Free-Jazz ist zwar nicht sein Ding, doch auch im breiten Mainstream lässt sich Sänger nicht eindeutig einordnen. Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern mit bravouröser Sicherheit über Stilgrenzen hinweg.
Noch das Spiel seiner CD „Reflections on Art Tatum“ im Ohr, überraschen der Pianist und sein Trio mit jazzkompatiblen Arrangements von Kompositionen der Klassiker Mozart und Chopin sowie Interpretationen von Standards wie Gershwins „The man I love“ und Body & Soul“. Nach einer eigenwilligen Solo-Einleitung von Arlen´s „Over the rainbow“, in der Sängers faszinierende Technik mit Verschleppungen, aber auch flüssig-perlenden Notenketten, Tempo- und Stimmungswechseln aufhören lassen, fallen Rudi Engel mit trockenen und harmonisch eleganten Läufen auf dem Kontrabass sowie Kay Lübke mit seinem dezent stützenden Schlagzeugspiel ein. Beachtenswert ist sein fantasievolles Schlagwerksolo in „Poinciana“. Chopins „Prelude e-Moll“ und Mozarts „Vogelfänger“ werden auf den harmonischen Kern reduziert und swingend transformiert. Dabei erhält Engel auch in der Chopin-Bearbeitung Gelegenheit für ein ausschweifendes Solo mit verzweigten harmonischen Variationen.
Auf der CD sind Stücke aus zwei Hofkonzerten des Musikverlags André und Offenbach vereint, die live auf der Hofbühne in Offenbach mitgeschnitten wurden. Mozart deshalb, weil der Offenbacher Musikverlag 1799 den gesamten handschriftlichen Nachlass Mozarts aufgekauft hatte. Zum 250 Geburtstag des Komponisten gewann der Musikverlag 2006 das Sänger-Trio für ein Konzert mit Mozart-Adaptionen sowie drei Jahre später erneut für ein weiteres „Jazztrio spielt Klassik bis Standards“.
Mit falscher Bescheidenheit bezeichnet Christof Sänger die Aufnahmen als Experiment, denn die Arrangements heben sich wohltuend frisch und unverkrampft von vielen Jazz-Klassik-Symbiosen ab. Beispielhaft soll die Piano-Einleitung und das anschließende swingende Trio-Spiel der Mozart-Komposition mit den rasanten Piano-Läufen und dem straight marschierenden Bass (mit einer überraschenden harmonischen Verzierung) genannt werden. Hier ist einem technisch virtuosen und inspirierten Trio eine mitreißende Aufnahmen gelungen.
Die CD ist über Musikhaus und Verlag André Offenbach zu bekommen. Infos auf www.jazzsession-offenbach.info

Klaus Mümpfer
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Darmstädter Bigband feat Herb Geller
Kentomania
Bezug über www.peterlinhart.de


Stan Kentons Musik war nie unumstritten. Auf der einen Seite sprach für ihn seine Risikofreude insbesondere bei der Erprobung unkonventioneller Instrumentierungen, auf der anderen Seite gegen ihn sein Hang zu pompös aufgeblasenen Orchestersounds und sein Credo, dass nicht alles swingen muss, um als Jazz definiert zu werden. Später stellte er dann doch das fast ausschließlich aus Studenten bestehende Jazz Orchestra in Residence vor, das vorzüglich zu swingen verstand.

In diese Tradition hat sich die Darmstädter Bigband mit ihrem künstlerischen Leiter und Saxofonisten Peter Linhart eingeklinkt. Ihre CD „Kentomania“ widmen die 15 Musiker dem Werk des stilbildenden amerikanischen Orchesterleiters. „Darunter ist auch `Indiana`, den das Ensemble seinerzeit nur live gespielt hat und der somit nie auf einen Tonträger gepresst wurde“, sagt Linhart. Zu den Stücken, die im Geiste Kentons gespielt werden, zählen Ohrwürmer, wie der James-Bond-Film-Song „Live and let die“ und „Malaguena“ oder das balladeske „Send in the clowns“ mit einem sensiblen Solo des Pianisten Steffen Stütz vor einem getragenen und sonoren Bläserteppich, der von gleißenden Trompeten aufgebrochen wird. In solche Klangfarben eingebettet sind auch die warmen und melodiösen, swingenden Soli des Altsaxofonisten Herb Geller etwa in „Django“ und „I remember you“. Spannungsreich wechseln sich auf der CD langsame Themen wie „Decoupage“ und Up-Tempo-Stücke wie „Works“ ab, volltönende und fast bombastische Arrangements wie das Kenton-Original „Artistry in rhythm“ mit einem treibenden und swingenden „Indiana“, in dem Geller ein bewegliches Solo bläst.

Insgesamt ist „Kentomania“ zwar ein Denkmal für den unkonventionellen amerikanischen Orchesterleiter, vor allem aber ein Dokument für die professionelle Stilsicherheit und Präzision der Darmstädter Bigband, in deren Reihe neben dem Chef Linhart selbst Musiker wie der Trompeter Ralf Nöske, der Bassist Udo Brenner oder Bassposaunist und Bigband-Leiter Chris Perschke spielen.
Die Darmstädter Bigband hat keinen offiziellen Vertreib und so ist die hörenswerte CD nur über die Website „www.peterlinhart.de“ zu beziehen.

Klaus Mümpfer
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The Tigers of Love
„Un amour fou“
JazzHausMusik JHM 196


„Un amour fou“ ist ein treffender Titel für eine CD, die von der Liebe zu einem personalisierten Jazzstil zeugt, der von der melodischen und mehrstimmigen Tradition bis zur Einbeziehung von Geräuschcollagen im freien Spiel reicht. Der Verzicht auf das Klavier als Harmonieinstrument sowie das Ausleben des Duo-Spiels von Saxophon und Trompete verleihen den Kompositionen der „Tigers of love“ mit dem Saxohonisten Alexander Beierbach, dem Trompeter Steffen Faul, dem Bassisten Denis Jabusch und dem Schlagzeuger Uli Jennessen eben jenen besonderen Reiz, der vor allem aus einem kreativen Klangfarbenspiel der Bläser und der percussiven Energie von Bass und Schlagzeug resultiert.
Es gibt zarte und impressionistisch wirkende Soundmalereien wie im abschließenden „Very Goode“, zarte, getragene Kompositionen wie Beierbachs „Tu Luno“ mit melodischer Bläser-Ästhetik sowie einem magisch wirkenden Duo von ostinaten Bassfiguren und sensiblem Schlagzeug, aber auch kraftvolle und schnelle Stücke wie „Portasound“ oder das Titelstück Un Amour Fou“.
„Frei spielen, aber schon Stücke“ hat Beierbach vor Jahren das Konzept des Quartetts auf den Punkt gebracht. Rhythmische Präzision und polyphone Mehrstimmigkeit in einer klaren Struktur selbst bei freieren Improvisationen wie in „Die Allwissende“ lassen keine Langeweile aufkommen. Das Ausloten von Soundmöglichkeiten der Instrumente in der Geräuschhaftigkeit und das Setzen von Kontrasten in der Verbindung mit sich frei entwickelnden melodischen Linien bergen immer wieder Überraschungen und heben das Quartett über viele Formationen des zeitgenössischen Jazz hinaus. „Un amour fou“ glänzt darüber hinaus mit Spielwitz, Humor und Unberechenbarkeit. Eine wahrhaft verrückte, aber auch unwiderstehliche Liebe.

Klaus Mümpfer
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Joachim Staudt Quartett
„Drop in the ocean“
Personality records PR06


„Drop in the ocean“ mahnt zur Besinnung und Ruhe, in der die Kraft des Ausdrucks liegen kann, wie auf diesem Album des Saxophonisten Joachim Staudt. Man findet den Namen des Musikers auch unter den Stichworten „Nostalgia“ und „Dinnerjazz“, Ersteres mag zutreffen, das Zweite bestimmt nicht, denn bei aller Traditionsverbundenheit und Romantik ist die Musik des Quartetts mit dem gleichermaßen virtuosen Gitarristen Frank Kuruc, dem Bassisten Axel Kühn und dem Schlagzeuger Daniel Kartmann voller Tiefe, Seele und harmonischer Schönheit. Manche Passagen – so das filigrane Gitarrenintro in „Long way home“ klingen zwar vertraut, doch das nimmt ihnen nicht den ästhetischen Reiz. Der Bassist hält sich mit Ausnahme weniger Soli wie in „December Song“ ebenso dienlich im Hintergrund wie der flexible Schlagzeuger und bildet mit ihm ein elastisches Fundament für die weit geschwungenen Melodiebögen von Gitarre und Saxophon.

Unaufgeregt und unspektakulär sei die Musik heißt es in der Promotion. Aber gerade dies macht „Drop in the ocean“ so aufregend sowie zugleich melancholisch entspannend. Das Staudt-Quartett beweist, dass Kultiviertheit und kammermusikalische Disziplin eine gefangen nehmende Emotionaliät nicht ausschließen.

Natürlich darf der Jazz-Fan beim Joachim Staudt-Quartett keine neuen Sounds und experimentellen Klangfarben erwarten. Diese einfach scheinende und doch komplexe Musik ist ganz einfach „nur“ schön und wie in „Light on water“ von geradezu nordischer Ruhe.

Klaus Mümpfer
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Thomas Bachmann Group
Seiltänzer
Konnex KCD 5252


Der „Seiltänzer“ setzt mal bedächtig Fuß vor Fuß, springt ein anderes Mal keck auf dem Hochseil und landet dennoch immer wieder sicher. Ganz so geht es dem Saxophonisten Thomas Bachmann in dem gleichnamigen Titelstück der neuen CD seines Trios mit dem Bassisten Ralf Cetto sowie dem Schlagzeuger und Percussionisten Uli Schiffelholz. Die Musik der Eigenkompositionen pendeln zwischen getragenem Wohlklang und energiegeladener Up-Tempo-Expression. „Swith“ ist ein Titel, in dem der Saxophonist schnelle Läufe hinausrotzt, der Bassist mit komplexen Harmonieclustern seinen Bass bis ins Geräuschhafte führt und der Schlagzeuger mit ihm zwischen Rhythmusmustern hin- und herspringt. Bachmanns Sol mit überblasenen Stakkati erinnert an den Bassklarinettisten Eric Dolphy, dem er mit „Dolphy Dance“ später eine gesonderte Komposition widmet. Bachmann ist ein überaus emotionaler Spieler, was nicht nur in den beiden Soloimprovisationen erkennbar wird.

Manche Stück scheinen weitgehend notiert zu sein, andere lassen viel Freiraum für Improvisationen. In allen Stücken überzeugt das traumhafte Zusammenspiel sowie die sensiblen Interaktionen in den Zwie- und Tri-Gesprächen. „Twistin“ sowie „Wer hat Angst vor dem Schrammelblues“ sind mit nervösen und repetitiven kurzen Akkordfolgen typische Beispiel für die eigenwillige percussive Spielweise des Trios, während das nachfolgende „Seltsam still“ wiederum den bekannten klassisch geschulten Saxophonisten Bachmann mit weit schwingenden getragenenen Läufen präsentiert. Cetto begleitet dann die cantablen Linien mit einem gitarrengleichen Bass-Spiel zur flexiblen Trommel- und Beckenarbeit. „Ein hartes Stück Arbeit“ klingt durchaus leicht beschwingt mit dem bestechend schönen und harmonisch reich verzierten Bass-Solo, dem dezenten Schlagzeug-Hintergrund und den schnellen Saxophon-Läufen. Dies ist kein Trio mit einem Vormann und zwei Mitspielern, sondern ein Team gleichberechtigter Partner, auch in der musikalischen Aussagekraft.

Mit folkloristischem Klangfarben und tänzerischen Rhythmen windet sich zum Schluss „Reif für die (grüne) Insel“ in die Gehörgänge. Nach einer straight gezupften Bass-Basis folgt ein harmonisch raffinierter Lauf, während die schnellen Bläserlinien von genregerechtem Trommelspiel unterlegt werden.

Klaus Mümpfer
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Swing Kids
„Stella by Starlight“
(Bezug über die Immanuel Kant Schule Rüsselsheim, Evreuxring 25, 65428 Rüsselsheim, Tel- 06142 60339-0

Die lässig relaxte Einleitung des Pianisten Sebastian Groël trifft gut den Charakter des Moten-Swing, der in seiner reduzierten Form stark an den Klavierstil und die Riffs von Count Basie erinnert, der in seiner Frühzeit in der Moten- Bigband in die Tasten griff. Auch das anschließende „Bye-Bye Blackbird“ ist zwar nicht von kompositorischer Raffinesse geprägt, aber es bildet eine harmonische Grundlage für ein einfühlsames Solo des Posaunisten Moritz Wesp. Die IKS-Swing-Kids verfügen über eine Vielzahl von für ihr Alter erstaunlich eigenständigen und reifen Solisten, unter denen zweifellos die Altsaxophonistin Johanna Klein, der noch sehr junge Fabian Dudek am Tenorsaxophon, mit Monk´scher Anlehnung der Pianist Nico Hering in „Tristesse“, der Gitarrist Christian Peter in „Revelation“ sowie mit Billie Holidays „God Bless The Child“ die Sängerin Marina Galm hervorgehoben werden können. Ganz abgesehen vom Jan Peter Linay am Schlagzeug, der mit Groël die vorliegende CD „Swing Kids by Starlight“ produziert hat.

Die Big Band der Rüsselsheimer Immanuel Kant Schule erweckt auf ihrer jüngsten CD „Swing Kids at Starlight“ eine Reihe bekannter Standards mit eigenständigen Arrangements zu neuem Leben, auch wenn sich die Leiter Jens Hunstein, Heiko Hubmann und Horst Aussenhof wie beim Finale der Blues-Ballade „Stolen Moments“ durchaus an die Worte des Komponisten Oliver Nelson halten, der lapidar anwies „Das Stück endet ruhig.

Makellos sind die Präzision der Einsätze, die Geschlossenheit des kompakten und zugleich differenzierenden Bläser-Satzes in Unisono- wie in mehrstimmigen Tutti sowie die solide Unterstützung der Rhythmusgruppe, die mit Breaks kurze solistische Glanzlichter in den Big-Band-Sound setzen. Dirigent Hunstein hat die Big-Band in getragenen wie in Up-Tempo-Stücken fest im Griff. Dass die Band bei diesem technischen Vermögen sich erfolgreich mit humorvollen Einlagen versucht, kann der Hörer nachvollziehen, wenn die Swing Kids in „I Wanna Be Like You“ die Laute von Tieren der afrikanischen Steppe interpretieren.

Von besonderem Reiz ist in der Ballade „Stella by Starlight“ das Klangfarbenspiel, das das Saxophon von Markus Lihocky in einen ruhig fließenden Bläserteppich einbettet und später umspielt, sowie der von einem Drum-Break eingeleitete schnelle Mittelteil, nach dem die Band wieder zum getragenen Thema zurückkommt. Gelungen ist das tänzerisch beschwingt „Tristesse“ und vor allem das abschließende „Revelation“, das nahezu sakral und hymnisch beginnt, um dann treibend zu grooven.

Bewiesen haben die IKS Swing Kids ihr musikalisches Können in mehreren Wettbewerben. In diesem Jahr gewann die Band der Tom-Gaebel-Preis im bundesweiten Skoda-Wettbewerb des Deutschen Musikrates, in den Jahre 2006, 2008 und 2010 gleich dreimal an Schul-Big-Band-Wettbewerb des Hessischen Rundfunks. Lohn für dieses Triple waren Aufnahmen im Studio des „hr“, wo diese vorbildlich abgemischte CD „Swing Kids by Starlight“ entstanden ist.

Klaus Mümpfer
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Massoud Godemann Trio
 Open Letter
 Sena music Edition (LC10545)

Selbst Free-Interaktionen mit Bogenstrichen auf den Becken und hingetupften Single-Notes auf der Gitarre verraten den Hang des Komponisisten und Gitarristen Massoud Godemann zur ästhetisch geprägten Klangmalerei. Wenn dann noch wie in „OpenRange“ ein gestrichenes Bass-Solo Assoziationen an die europäische Romantik weckt, dann charakterisiert der oftmals lediglich als Klischee missbrauchte Begriff von „kammermusikalischem Jazz“ die Musik des Massoud Godemann Trios im besten Sinne des Wortes. Doch die Klangästhetik ist nur eine Seite des persischstämmigen Hamburger Künstlers Godemann. „Graviton Blues“ zeigt als schnelles, expressives und groovendes Stück die andere Seite der Seele eines Komponisten, der mit seinem Instrument zu den Poeten im zeitgenössischen Jazz zählt, der allerdings niemals die Tradition und Verwurzelung im Swing leugnet.

Reizvoll an der neuen CD des Trios mit dem Gitarristen Massoud Godemann, dem Bassisten Gerd Bauer und dem Schlagzeuger Michael Pahlich sind die Kontraste, die in Kompositionen etwa von „Shades of Colour“ stecken: die verspielte und transparente Leichtigkeit sowie der erdige und treibende Groove – Impressionen und Expressionen zugleich. Kontraste, die von den beiden Saiteninstrumenten getragen und vom gleichermaßen sensibel-flexiblen wie percussiven Schlagzeugspiel unterstrichen werden. Faszinierend sind in dem virtuos eingespielten Trio sowohl die filigranen Soli auf der Gitarre und die harmonisch abgerundeten Basslinien sowie die einfühlsamen Zwiegespräche Godemanns und Bauders. Das homogene Klangbild wäre auch undenkbar ohne die dienliche Untermalung und Unterstützung Pahlichs auf Trommeln und Becken.

Klaus Mümpfer
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Wolfgang Dauner solo
Tribute to the past
HGBS 20012 (CD und limitierte Vinylauflage)
Wolfgang Dauners „Et Cetera“
Knirsch
HGBS 20013


„Seikilos Lied“steht als Beispiel für spielerische Ökonomie und schlichte Schönheit. Ein paar Bassakkorde, singbare Single-Note-Linien und archetypische Melodiefragmente charakterisieren dieses nahezu 2000 Jahre alte Motiv, von dem der Pianist Wolfgang Dauner sagt, dass es eines der ältesten vollständig erhaltenen Musikstücke sei. „Tribute to the past“ nennt er aber nicht nur deshalb seine neue Solo-CD, die er auf dem legendären Bösendorfer Grand Imperial des früheren MPS-Studios im Schwarzwald eingespielt hat. Die perlenden, romantisch inspirierten, oftmals beschwörend repetitiven, manchmal offensichtlich suchenden und immer verspielten Tastenkünste des Musikers, der in diesem Jahr das 75. vollendet, zaubert jene Stimmungen herbei, die die Zuhörer überkamen, die vor Jahrzehnten die legendären Wohnzimmerkonzerte im Haus von Hans Georg Brunner-Schwer miterleben durften.


Mit „Tribute to the past“ verneigt sich ein Pianist, der sich in ungezählten Eigenkompositionen eigenständig und unverwechselbar verwirklich hat, vor den großen Komponisten der Vergangenheit – vor Jerome Kern, Richard Rogers und vor allem vor George Gershwin. „It ain´t necessarily so“ und „Summertime“ belegen beispielsweise, wie virtuos Wolfgang Dauner kreativ über ein Thema improvisieren kann, ohne das Original aus dem Auge und Ohr zu verlieren. Die Soloimprovisationen sind schlank und transparent und lassen vielleicht gerade deshalb die Schönheit der Musik voll zur Geltung kommen.


Natürlich lässt Dauner auch die eigene Vergangenheit nicht vergessen. „Wendekreis des Steinbocks“ bleibt - wie bei der jüngsten Tournee mit den German Jazzmasters - auch auf der Solo-CD selbst bei der x-ten Interpretation ein Erlebnis. Zum Schluss verneigt sich der Pianist mit „Blue Night“ vor seinem verstorbenen Mäzen Brunner-Schwer und dankt damit zugleich dessen Sohn Mathias, der neben der neuen Solo CD auch die unvergessene Aufnahme „Knirsch“ mit Wolfgang Dauners „Et Cetera“ aus dem Jahr 1972 wieder aufgelegt hat.

Klaus Mümpfer
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Echoes of Swing
Message from Mars
EOSP 4506 2


„Echoes of Swing“ ist ein treffender Name für ein Quartett, das sich ganz dem Jazz der Zwanziger bis Vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verpflichtet fühlt. Seine Musik ist gleichsam ein Echo des Swings aus jener Zeit – allerdings aufgefrischt und so mit großem Einfühlungsvermögen in die heutige Zeit gerettet. Dass den Zuhörer nicht das Gefühl überkommt, in einem musikalischen Museum zu sein, liegt unter anderem an der ungewöhnlichen Besetzung dieses Quartetts, das auf einen Bassisten verzichtet, dafür aber gleich zwei Bläser an die Front schickt: den Trompeter Colin T. Dawson und Chris Hopkins am Altsaxophon. Für den rhythmischen Part sorgen der sensibel-flexible Drummer Oliver Mewes und vor allem der vorzügliche Stride-Pianist Bernd Lhotzky mit seinen kunstfertigen beständigen Wechseln von Bass- und Akkordgriffen der linken Hand. Stimmungen des traditionellen Jazz unterstreichen die Bläser mit oftmals gestopften Instrumenten.

Für Abwechslung im Programm der gerade erschienenen neuen CD „Message from Mars“ sorgen Kontraste etwa von der Billie Holiday-Ballade „Don´t explain“ und dem nachfolgenden Up-Tempo-Stück „Butterfly-Chase“. In den Balladen erweist sich Dawson als beseelter Sänger, dem Hopkins mit ebenso sanften und singenden Linien auf dem Altsaxophon antwortet. Lhotzky, der in vielen Kompositionen, wie auch dem Titelstück, das Quartett mit der linken Hand vorantreibt, kann sich in „Odeon“ solistische voll ausspielen, zeigt aber in anderen Stücken mit wenigen eingestreuten Single-Notes, dass er mit der Ökonomie virtuos umzugehen weiß.

Mal liebäugelt „Echoes of Swing“ mit Duke Ellington, dann wiederum bearbeitet das Quartett humorvoll und frech die „Gavotte“ von Schostakowitsch. Mit ihren originellen Bearbeitungen selten gehörter Kompositionen aus der Jazzhistorie aber auch von so unterschiedlichen Künstlern wie Fritz Kreisler oder Frederic Chopin kreieren die Vier einen pointenreichen, feinsinnigen, leichtfüßigen und ungeheuer swingenden Jazz, der auch in der dynamischen Ausgewogenheit der Instrumente besticht. „Unser Anliegen ist es, gute Musik zu spielen und Spaß dabei zu haben“ sagt Hopkins. Das kann der Freund des traditionellen Jazz beim Zuhören nachvollziehen.

Klaus Mümpfer
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Papa Bue 80at80
Papa Bue Birthday Anniversary (4 CD Boxset)
Challenge Records / Storyville 1088610 (Vertrieb Sunny Moon)


1956 gründete der dänische Posaunist Arne Bue Jensen „Papa Bue´s Viking Jazzband“. Vier Jahre später spielte er mit dieser Formation seinen ersten großen Hit „Schlafe mein Prinschen“ (Schlafe mein Prinzchen“) ein. 1996 feierte der Künstler mit einem Gala-Konzert im Kopenhagener Tivoli das 40-jährige Bestehen der Band. Nun ist zum 80. Geburtstag des Posaunisten, Komponisten und Bandleaders am 8. Mai 2010 eine Kasette mit vier CDs erschienen, auf der fast alle bemerkenswerten Stücke der Viking Jazzband sowie einige Einspielungen aus dem Jahr 1954 zu hören sind, als Papa Bue in der Bohana Jazzband von Hans Borge Janson die Posaune blies.

Der Titel der Box „Papa Bue 80 at 80“ verrät bereits, dass Challenge Records / Storyville den Altersjubilar mit je einem Stück pro Lebensjahr ehrt. Allerdings sind mit den 80 Einspielungen lediglich die Jahre bis 1978 abgedeckt. Zu hören ist auf der ersten CD neben der genannten Bohana Jazzband, Papa Bue´s New Orleans Jazzband sowie die Viking Jazzband mit George Lewis. Auf den weiteren CDs trifft die Band auf Champion Jack Dupree, Wingy Malone, Edmond Hall, Wild Bill Davidson sowie den famosen Pianisten Art Hodes. Unter den 80 Hits sind natürlich „The Enterainer“, Creole Love Call“, Tailgate Ramble“, „Lazy River“und zahlreiche andere Standards, aber auch jene kommerziellen und von den Puristen gerügten Einspielungen von „O Sole Mio“, „Isle of Capri“ und das berühmte „Schlafe mein Prinschen“ aus dem Jahr 1960 zu hören.

Alle Aufnahmen wurden in Kopenhagen produziert, wobei die ältesten mit der Bohana Jazzband klanglich den technischen Stand der 50er Jahre widerspiegeln.
Papa Bue war zweifellos stark kommerziell ausgerichtet, hat vielleicht gerade wegen dieser publikumsorientierten Spielweise aber viel zum Erhalt des traditionellen Jazz und seiner Dixie-Revival-Variante beigetragen. Viel Wert legte der Bandleader auch trotz mancher personeller Wechsel auf den swingenden und nostalgischen Sound seine Wikinger. Dass er dies über Jahrzehnte konsequent durchhielt, davon zeugt die Kasette.

Klaus Mümpfer
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Jazzgems
By Chance
Mons Records MR 874482

Die Flötistin Stephanie Wagner ist eine vielseitige Künstlerin, die sich in mehreren Formationen wiederfindet und dabei in allen ihre Persönlichkeit unüberhörbar einbringt. Das gilt für das Trio „Jeeep“, das in diesem Frühjahr seine neue CD vorlegte. Dies gilt auch für ihr Duo-Projekt „Jazzgems“ mit der Pianistin und Sängerin Karmen Mikovic. „By Chance“ ist der Titel und in der Tat bieten die geschmackvoll ausgewählten Kompositionen den beiden Künstlerinnen eine große Chance, die Titel auf eine eigenständige Weise neu zu interpretieren. So entstehen „Jazzjuwelen“, die dem Namen des Duos gerecht werden.

Wagners Flötenkunst verleugnet auch im flirrenden, percussiven und leicht überblasenen Spiel zum ebenso percussiv angeschlagenen Piano und dem passenden Gesang etwa bei Scofields „Kool“ niemals ihren romantischen Hintergrund, der sich wie ein roter Faden durch alle Stücke zieht. Tastend, verspielt und verträumt eröffnet Mikovic die Ellis-Komposition „Variations for trumpet“, Wagner fügt schwebende Flötenklänge ein, bevor die beiden Künstlerinnen hymnisch-hypnotisch das Thema mit klarem Flötenklang zu ostinaten Pianogriffen variieren.

„By Chance“ ist eine CD für romantische Stunden, relaxend und dennoch aufregend („Leroy“ mit originellem Text der Sängerin), von natürlicher Schönheit und reifer Abgeklärtheit („Softly, as in a morning sunrise“). Ein wahrhafter Genuss

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Klaus Mümpfer
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Abdullah Ibrahim & Ekaya
Sotho Blue
Intuition INT 3433 2


Die Verbindung von Jazz und Folklore aus Südafrika ist untrennbar mit der Person Abdullah Ibrahims verbunden, der einst als Dollar Brand nach Europa kam, von Duke Ellington entdeckt wurde und sich heute diesem offenbar wieder nähert. Jedenfalls klingt seine CD „Sotho Blues“ mit Neuinterpretationen von Songs aus den zurückliegenden 25 Jahren jazziger und ist nicht mehr von jener überbordenden Hymnik und dem beschwörenden, repetitiven Spiel dominiert, die seine Trio-und Solo-Einspielungen so hypnotisch wirken ließen.

Dies liegt nicht nur, aber auch daran, dass er die Ekaya-Gruppe aus dem Beginn der 80er Jahre wiederentdeckt hat und vier Bläser den Sound des Trios mit Bass, Schlagzeug und ihm am Flügel ausweiten lässt. Das Titelstück weckt in seinen Klangfarben Assoziationen an den Duke. In “Abide“ wiederum greift der inzwischen legendäre und in seiner Art unerreichte Künstler wie bislang in die Tasten – meditativ, poetisch und hymnisch. Insgesamt jedoch präsentiert Ibrahim mit Ekaya einen Sound, der minimalistischer, ja fast nüchterner anmutet, stärker swingt, Choräle, Gospel und Blues hintergründig einbezieht und vor allem in den Soli von Posaune und Saxophonen aber auch des Bassisten wie in Nisa eher am Jazz als an der Afrika-Folklore orientiert ist. Ganz anders wiederum in „Mountain“ mit dem Flötisten Cleave Guyton oder in „Glass Enclosure“.

Ekaya bedeutet für Abdullah Ibrahim „Heimat“ im mehrfachen Sinn – Verwurzelung in der Tradition Südafrikas und der von New Orleans. Insofern ist „Sotho Blue“ musikalisch abwechslungsreicher als zurückliegende Einspielungen, was aber nicht bedeutet, dass jene im Vergleich an Spannung und Emotionalität geringer zu achten wären. „Sotho Blue“ist eben nur ein bißchen anders – vielleicht auch ein wenig „jünger“.

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Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling / Daniel Prandl
Ballads
Jazz´n´Arts JnA 5010

Der Bassist Dieter Ilg hat Dieter mit seinen grandiosen Bearbeitungen deutscher Volkslieder auf der 1997 erschienen Trio-CD „Folksongs“ eine Vorreiterrolle übernommen und mit jener Einspielung höchstes Lob geerntet. Nun hat der Mannheimer Trompeter und Flügelhornspieler Thomas Siffling im Duo mit dem Pianisten Daniel Prandl seine CD „Ballads“ vorgelegt, auf der er ebenfalls Volksliedern neuen Atem einhaucht und mit Sicherheit gleichermaßen Lorbeeren einheimsen wird.
Der Trompeter, der sich bisher vor allem dem Nu-Jazz verschrieben hatte, konzentriert sich dieses Mal voll und ganz auf den „reinen“ Jazz. Diese ruhige und entspannte Musik harmoniert vorzüglich mit dem warmen und sensiblen Ton und den meist schwebenden Klängen auf den Blasinstrumenten sowie den verspielten und verträumten Linien auf dem Flügel.

Die Motive von „Lalelu“, von „Alle Vögel sind schon da“ oder „Hänschen klein“ klingen vertraut und anheimelnd, werden im Verlauf des Spiels variiert und aufgelöst, ohne aber ihre Grundstimmung zu verlieren. Reizvoll sind zudem die Tempi, in denen das Duo die Themen neu formt. Ohne Bruch und stimmig integriert in dieses Konzept sind außerdem Eigenkompositionen der beiden Künstler wie „Remember“, „Abendlied“oder „Elegie“.

„Ballads“ zählt ohne Zweifel in ihrer Reife und Abgeklärtheit zu einer der ästhetischsten und schönsten Einspielungen der zurückliegenden Zeit. Sie ist gerade wegen ihrer Verwurzelung in der Tradition und der Intimität des Zusammenspiels ungeheuer aufregend.

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Cécile Verny Quartet
„keep som secrets within“
Minor Music MM 801139


Cécile Verny hat eine originäre Art entwickelt, ihren Jazzgesang zu präsentieren. Gefühlvoll, aber nie sentimental. Reif und aus ihren persönlichen Erlebnissen resultierend, sind ihre Texte, abwechslungsreich und ausdrucksstark ihre Interpretationen. In dieser Eigenständigkeit ist sich die Sängerin, deren familiären Wurzel in Frankreich und der afrikanischen Elfenbeinküste liegen, treu geblieben, hat sich wechselnden souverän „Moden“ entzogen.

Auch die neue CD mit dem treffenden Titel „keep som secrets within“ steht in dieser Tradition. So hat Cécile Verny selbstverständlich wieder ein paar französische Texte eingestreut und wie in „J´en ai bien assez“ den Chanson-Touch mit der Jazz-Phrasierung verschmolzen. Ihre Stimme reicht von der lebhaften Extrovertiertheit bis zum sanft-melancholischen Blick nach innen. „Herzerwärmend und kitschfrei“ lobt die Plattenpromotion ihre Kunst zu Recht.

Nuancen- und abwechslungsreich, aber ohne große Überraschungseffekte ist „keep som secrets within“. Das gilt auch für die solide Begleitband, in der der Bassist einige harmonisch reizvolle Soli zupft. Das Cécile Verny Quartet bietet niveauvolle und herzerwärmende Unterhaltung, die sich wohltuend von vielen gleichartigen Produktionen im Hauptstrom des Jazz abhebt – für ein wohliges Erschauern reicht es, nicht aber für Herzklopfen, wie beispielhaft „Song for the loved ones“ belegt.
 

Klaus Mümpfer
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Susan Weinert
„Thoughts and Memories“
Toughtone TTR 2305-2

Die Gitarristin Susan Weinert ist eine Meisterin des filigranen Klangfarbenspiels. Dies zeigt sich besonders in den rein akustischen Aufnahmen wie auf ihrer neuesten CD „Thoughts and Memories“, zu der sie den Duo-Sound mit einem impressionistischen Rhythmusgeflecht des Percussionisten David Kuckhermann unterlegt und zugleich abrundet.

Mit der elektrischen Gitarre kann Susan Weinert in groovendem Spiel aggressiv treiben, auf dem akustischen Instrument wirkt ihr Spiel stärker introvertiert und selbst in den schnelleren Stücken wie in „A Week in June“ relaxed. Ihr Personalstil ist so ausgeprägt, dass man sie bereits bei den ersten Single-Notes identifizieren kann. Die Gitarre mit den Nylon-Saiten klingt warm und so verschmilzt ihr Klang geradezu mit dem melodiösen und fast sanften Sound des Kontrabasses ihres Ehemannes und musikalischen Partners Martin Weinert. Er ist ein Künstler, dessen entscheidenden Beitrag zum Klangbild man wohl erst registrieren würde, wenn er fehlte. Wie kreativ sein Spiel ist, zeigt sich in den Soli wie in dem schnellere „Go on“ und vor allem sowohl gestrichen als auch gezupft in finalen „Liftime Duo“. In die sonstigen sensiblen Interaktionen fügt sich Kunckhermann mit fein abgestimmtem Hand- und Fingerdrumming ein.

„Thoughts and Memories“ ist – wie der Titel vermuten lässt – eine besinnliche und vor allem ästhetisch wunderschöne Einspielung, die zur „inneren Ruhe“ (so einer der Titel) einlädt, ohne zugleich einlullend oder eintönig zu sein. Es ist vielmehr ein „an- und aufregender“ Genuss dem ausfeilten und raffinierten Spiel des Trios vom ersten bis zum letzten Ton zuzuhören.



 
 

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Alexander von Schlippenbach
Live in Berlin
Jazzwerkstatt jw 2003


Die Improvisationen des Pianisten Alexander von Schlippenbachs gleichen einem stetigen Energiefluss. Mit mühsam gebändigter Kraft meißelt der 1938 in Berlin Geborene die Akkorde in die Tasten. In rasenden Läufen wie in leisen suchenden Single-Notes entwickelt von Schlippenbach ungestüme Energie, die sich auf die Mitspieler überträgt – sei es das Trio mit dem Saxophonisten Evan Parker und dem Schlagzeuger Paul Lovens oder gar die Großformation des 1966 gegründeten und bis heute weiterentwickelten Globe Unity Orchestras.

Mit einer im September 2008 in Ton und Bild aufgenommenen DVD werden auf fast zwei Stunden komprimiert die drei im deutschen Free-Jazz seit 1964 stilbildenden Facetten des vielfach geehrten Pianisten, Bandleaders und Komponisten live dokumentiert: Alexander von Schlippenbach solo, im Trio und mit dem Globe Unity-Orchestra.

Über die Musik mehr zu schreiben, bedeutete, die Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb sei die bildhafte Umsetzung auf einer DVD in den Vordergrund gestellt. Der Film intensiviert zwar das akustische Erlebnis, doch zur adäquaten Umsetzung der Musik in Bilder reicht ein Abfilmen der Musiker nicht aus. Vielleicht war ein solcher Film gar nicht angestrebt. Weil die Musik aber so aufregend und emotional attackierend über die gesamte Zeit die Spannung, aufrecht erhält, sieht der Zuschauer über die Immobilität der Kameraführung hinweg. Mehr Schnitte und Abwechslung zwischen Totalen und Großaufnahmen würden schon befriedigen – ganz abgesehen davon, dass etwa in der Trio-Passage nicht der Schlagzeuger oder Pianist gezeigt werden sollten, wenn gerade der Saxophonist seine bekannten endlosen Zirkular-Läufe bläst und Großaufnahmen könnten die Spannung im Gesicht des Pianisten bei seinen energetischen Explosionen unterstreichen. Mehr Bewegung erfasst der Kameramann naturgemäß bei den Stücken des Globe Unity Orchestras und seiner Solisten.

Die DVD aus der Berliner Jazzwerkstatt ist deshalb vor allem als Dokumentation und akustischer Überblick zuempfehlen. Interessant ist auch das Interview Christian Broeckings im Booklet – vor allem wegen der klugen und informativen Antworten von Schlippenbachs, die oftmals weit über die eigentliche Frage hinausweisen.
 

Klaus Mümpfer
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Daniel Schenker
Jardim Botanico
Musiques Suisses MGB Jazz 2


Der botanische Garten des Schweizer Trompeters Daniel Schenker ist mit viel Kreativität angelegt und sorgfältig gepflegt. Im Neo-Bop beheimatet, pflanzt der 1963 geborene Musiker mit auserlesenem Geschmack geschmückte Klang-Beete, die zugleich dekorativ und sensibel ausgestaltet sind. Schenker ist ein Poet und Lyriker auf seinem Instrument. Seine Einfühlsamkeit geht selbst in den schnellen Stücken wie „Cascade“ und „Leaving the post“ nicht verloren – auch wenn er wie im Letzteren die Stakkati mit spitzem und kraftvollem Ansatz bläst. Typisch für ihn und sein Quartett mit dem Schlagzeuger Elmar Frey, dem Bassisten Dominique Girod und dem mitreißenden Pianisten Stefan Aeby ist jedoch eher „KL blue“, in dem er lyrisch und licht mit der gestopften Trompete an den frühen Miles Davis oder Chet Baker erinnert. Eine klassische Ballade im klassischen Quartett ist „Moon Palace“, das Schenker getragen und warm auf dem Flügelhorn eröffnet, während ihn Aeby mit einigen hingetupften Single Notes begleitet, bevor der Pianist zu einem verspielten Solo mit perlenden Melodieläufen kommt. Im Titelstücke baut das Quartett über verzwickten Rhythmen mit ostinaten Harmoniegriffen auf dem Bass weite Spannungsbögen, in die sich Drummer Frey organisch mit einem vielschichtigen Solo einfügt.


Die Musik des Schenker-Quartetts swingt elegant und raffiniert, ohne dass Emotionen darunter leiden. Der Zuhörer kann sich entspannen und genießen. Gewiss, das ist alles nicht neu, aber langweilt dank der Virtuosität und Spielfreude keinen Moment.


 

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Eric Schaefer
Henosis
Traumton 4536


Der Schlagzeuger, Elektroniker und Komponist Eric Schaefer belegt mit seinem Kammermusik-Zyklus „Henosis“, dass die Innovationen auf dem weiten Feld des zeitgenössischen Jazz vor allem in den Grenzbereichen zu entdecken sind. Die Frage, ob die 13 Stücke für ein Kammermusikensemble noch dem Jazz oder eher der E-Avantgarde zuzuordnen sind, stellt sich beim Anhören nicht mehr. Hier treffen sich ein frei improvisierendes Quintett, „free“ bis hin zum Geräuschhaften, und das Athena Streichquartett mit notierten Passagen; also zwei Welten, die bei aller Freiheit durch die innere Logik der Kompositionen zusammengehalten werden – was vor allem in „Vilnius Antiphon“, dem neunten der 13 Stücke, deutlich wird.


Das Ergebnis konnte gelingen, weil alle Musiker sich mit größtmöglicher Offenheit aufeinander zu bewegen und sensibel kommunizieren. Michael Thieke und Uwe Steinmetz lassen Saxophone und Klarinetten jubilieren und tanzen, Carsten Daerr unterlegt auf dem Piano die Streicher mit Akkordeinwürfen und Single-Notes.Die oftmals pointilistischen Klanggemälde verklingen mal leise in gestrichenen Bass-Sounds und Glöckchenklang oder brechen sich wie in „Geogramma“ eruptiv in Kollektiven beider Gruppen Bahn.


Eric Schaefer selbst nimmt die Gelegenheit zu einem eher konventionellen und melodiösen Solo erst in „Doppelstern“, dem zehnten Satz des suitenartig angelegten Werkes wahr. Anschließend darf bei „Sphaira“ Bassist Oliver Portratz sich im Solo harmonisch verrenken, um in Altered Perspective“ dem Streichquartett mit einer geradezu klassischen getragenen Stimmung Platz zu machen, die dann doch tonal ungebunden von gezupften und angerissenen Saiten aufgebrochen wird.
„Henosis“erzwingt intensives Zuhören, was dank der Spannungsbögen und des Klangfarbenreichtums sowie des reizvoll kontrastierenden Instrumentariums leicht fällt. Diese 13 Stücke für Kammerensemble (und frei improvisierende Jazzer) hat auch die Jury des SWR-Jazzpreises überzeugt, die Eric Schaefer in diesem Jahr die Auszeichnung zukommen lassen.

Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
Ossicles
NORCD10100, OZ 034 CD ozella


„Norskjazz no“ oder „norwegischer Jazz“ hatte der Saxophonist Karl Seglem eine frühere CD genannt. Der Künstler, der auch Goat Horns (Ziegenhörner) spielt und in seinen Gruppensound die Hardanger Fiddle integriert, weitet den Klangkosmos ständig aus, überschreitet Stilgrenzen und bleibt in allem doch in der Folklore seiner norwegischen Heimat tief verwurzelt.
Auf seiner neuesten CD „Ossicles“ verbindet er die skandinavische Folk-Tradition mit der verwandten gälischen Melodik und Rhythmik etwa in „Det Siste Norske Trolet“, bezieht aber auch fernöstliche Motive und Harmonien mit ein, wenn er eine Komposition den pakistanischen Musikern Saghir Ali und Mohammad Ashger widmet, oder er nimmt Anleihen in Westafrika auf bei „The Ornes Song“. Dazu hat Der Bandleader zu seinem eh schon außergewöhnlichen Instrumentarium rundet die Klangfarben mit der westafrikanischen Ngoni und dem Antilopenhorn ab und hat gleich drei Percussionisten geholt.
In dieser Melange aus Reggae-Rhythmen, pakistanischen und afrikanischen Metren, allesamt auf der Grundlage skandinavischer und gälischer Folklore und eingebettet in Elektronik, wirkt nichts aufgesetzt oder fremd. Alles ist stimmig zu einem Gesamtklang verschmolzen, der ins Ohr geht – ganz so wie es der Titel Ossicles oder „Gehörknöchelchen“ verspricht. Ohne diese drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers im Mittelohr wäre der Mensch kaum zum Hören fähig. Dass Seglem paradoxerweise in der nordischen Kühle Emotionen glühen lässt, ist wohl das Geheimnis der assoziativen Kraft und Direktheit, mit der seine Musik anspricht. Er habe bei den Aufnahmen magische Momente erlebt, sagt Seglem. Diese Magie und Mystik teilt sich dem Zuhörer mit und lässt ihn nicht wieder los.
 

Klaus Mümpfer
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Norbert Stein „Pata Horns & Drums“
Silent Sitting Bulls
Pata Music 20


Das Saxophon schreit schrill, das Euphonium grummelt in den Tiefen, die Flöte sirrt und flirrt, das Schlagzeug füllt den musikalischen Raum der drei Bläser, die umeinander spielen und parlieren mit einem treibenden Pulse. Der Komponist und Musiker Norbert Stein folgt auch mit seinem neuen Quartett „Pata Horns & Drums“ der surrealen und irrealen Logik des Dada-Philosophen Alfred Jarry im weiten Feld der paranormalen Pataphysik.


Die Mehrstimmigkeit der in den Klangfarben kontrastierenden Instrumente Tenorsaxophon, Flöte und Euphonium mündet hin und wieder in kreisenden Unisonopassagen, die treibenden wilden Klänge einer „Nondual Action“ in sanfte, Passagen zur Eröffnung von „Paradise Lost“, bevor dieser scheinbare Wohlklang zerfasert und wieder zusammengeführt wird oder in ein tänzerisches Solo des Euphoniums mündet. In „Schleuderhonig“ assoziiert die Flöte das Summen von Bienen. Ob nun freitonal oder in klassischer Harmonie, archaisch oder kunstvoll, immer ist die Musik berstend lustvoll und erfüllt von abgründigem Humor.
Der Komponist spielt mit Klangfarben, die die Musiker ausweiten und auskosten. Gleiches gilt für die vielfältigen Metren, mit denen erfrischende Abwechslung geschaffen wird, wenn die Interaktionen mal in die Gefahr der Routine geraten. Verspieltheit kennzeichnet ein Duo des Percussionisten und Flötisten in „This is you“, verdeckter Swing“ Teile von „Quantum Mechanics“, umspielendes Geschnatter und traditionelle Ästhetik sowie ein faszinierendes Trommelsolo Passagen von „Miao & Chiao“.


Mit „Silent Sitting Bulls“ schaffen Stein und seine „Pata Horns & Drums“ eine vielschichtige und vor allem unterhaltsame Melange aus Avantgarde und Tradition, die mehrfaches Anhören samt Klangforschung erfordert und lohnt.
 

Klaus Mümpfer
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Barrelhouse Jazzband
Live in Concert BR
alpha Video-DVD

Bezug und Info: Musikagentur Dieter Nentwig

Der Senior der deutschen Konzertveranstalter, Fritz Rau, lobt die Stilsicherheit und Authentizität sowie die technische Souveränität der Frankfurter Barrelhouse Jazzband. Die langlebigste Band des frühen Jazz in Deutschland hält die Tradition der schwarzen Musik aus New Orleans am Leben, schenkt ihr neue Vitalität, indem sie sich neben der erfrischenden Aufbereitung von Klassikern von Jelly Roll Morton über Paul Barbarin bis Duke Ellington zu eigenen und eigenständigen Kompositionen inspirieren lässt, ohne das Erbe zu verleugnen. Nun kann die Barrelhouse Jazzband und ihre Musik in Bild und Ton bei einem „Hauskonzert“ (so Fritz Rau) erlebt werden.

Ein Live-Mitschnitt von der 40. Internationalen Jazzwoche in Burghausen macht dies möglich. Nach einem liebevollen Vorwort von Fritz Rau beginnt das Konzert mit der mitreißenden Luley-Komposition „Boogie für Mr. H.H.“, die den Solisten Raum für ihre musikalischen Ausflüge einräumt. Stargast im zweiten Teil des Konzertes ist die hervorragende Sängerin Harriet Lewis unter anderem mit dem Traditional „I´m on my Way“. Das Repertoire des Band in dieser Aufzeichnung reicht von Mortons „Pearls“ bis Ellingtons Gospel „Out South“ oder Barbarins „Bourbon Street Parade“ sowie einer Reihe Kompositionen der Bandmitglieder. Charmant wie gewohnt moderiert Band-Leader Reimer von Essen das Programm und lehrt amüsant die Jazzgeschichte anhand von Anekdoten.

Neben dem musikalischen bietet der Mitschnitt auch einen optischen Genuss. Nicht immer wird die Kamera bei Konzert-Aufzeichnungen so sachkundig geführt wie hier, wechselt der Blick zwischen Nahaufnahmen und Totalen. Insofern erlebt der Zuschauer die Künstler näher als oftmals im Konzert selbst. Auch der Ton der Techniker des Bayerischen Rundfunks ist ohne Fehl und Tadel. Als „Zugabe“ finden die Fans auf der DVD eine Show mit Fotos in Schwarzweiß und Farbe aus den Jahrzehnten der Bandgeschichte. Die DVD „Barrelhouse Jazzband Live in Concert“ ist ein Highlight. Sie kann uneingeschränkt empfohlen werden und sollte nicht nur bei Fans der Frankfurter Band im Regal stehen.
 

Klaus Mümpfer
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David Orlowsky + Singer Pur
Jeremiah
SONY 88697757372


Nach Jan Garbareks „Officium“ mit dem Hilliard Ensemble, kombiniert nun auch der Klarinettist David Orlowsky sein Einfachrohrblasinstrument mit antiken Klerikalgesängen. In den heiligen Hallenräumen (Himmelfahrtskirche in München) verschmilzt akustisch das althergebrachte Vokale mit mehr oder weniger Improvisiertem – ohne stilistische Divergenzen, gediegene Homogenität herrscht vor. Auf feierliche Palestrina- und Gesualdo-Kompositionen setzt Orlowsky dezente Klezmer-Kantilenen, die sich nie egozentrisch und vorlaut über das historische Material erheben. Ein Crossover-Manöver, welches keineswegs ins Schleudern kommt. Und wenn bei dem zeitgenössischen Opus „Lux aeterna“ von Matan Porat (Israel) gehäuft Dissonanzen und Clusterliches auftauchen, entsteht trotzdem ein gefühlter Wohlklang. Diszipliniert und intonationsreinst agiert das aus Regensburg stammende Sextett „Singers Pur“, mit Akkuratesse und Subtilität spielt der 1981 in Tübingen geborene David Orlowsky seine Klarinetten.
 

Hans Kumpf
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Brasilianisches im Kaisersaal
Saxofonist Jochen Feucht spielte auf der Comburg eine CD ein
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Nicht zum ersten Mal wurde im altehrwürdigen Kaisersaal der Comburg eine CD aufgenommen. Der Saxofonist Jochen Feucht zeigte sich nach einem seiner dortigen Auftritte von Raum, Ruhe und Ambiente so begeistert, dass er an Ort und Stelle unbedingt eine geplante CD einspielen wollte.

Schwäbisch Hall. In mittelalterlichem Gemäuer, in welchem schon der Kaiser (und vielleicht auch Mozart) zu Gast war, erklang Ende August letzten Jahres zunächst ganz „unöffentlich“ Brasilianisches. Allesamt Kompositionen des Pianisten Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim (1927 – 1994), der ja durch “The Girl from Ipanema“, „Desafinado“, „One Note Samba“ und „Água de beber“ weltberühmt und reich wurde. Diese Hits präsentiert Jochen Feucht zwar gerne in Konzerten, doch auf dem Silberling sind diese nicht zu hören. Also kein gieriges Schielen auf kommerziellen Erfolg mittels unausweichlicher Ohrwürmer. Stattdessen wurden Titel wie „Só Tinha De Ser Com Você“, „Chora Coração“, „Por Toda Minha Vida“, „O Grande Amor“ und “Anos Dourados“ bearbeitet, interpretiert und improvisatorisch abgerundet.

Der ebenfalls aus der Region Stuttgart kommende Gitarrist Boris Kischkat vollführt mit dem Holzbläser Feucht ein bestens eingespieltes Duo mit dem Namen „Bossa Libre“, doch für ihre Digitalproduktion auf der Comburg konnten die beiden Schwaben noch zwei originale Brasilianer gewinnen, nämlich die – an Astrud Gilberto erinnernde – Vokalistin Viviane de Farias mit dem typischen Timbre einer fein gehauchten Mädchenstimme und den stets dezent agierenden Perkussionisten Mauro Martins. Die diversen Quartett-Variationen sorgen für reichliche Klangfarben und für viel Abwechslung.

Bossa Nova entstand ja vor einem halben Jahrhundert aus der Verbindung mit Samba und Cool Jazz und bestach von Anfang an durch Leichtigkeit des Seins, durch graziles Feeling und durch Transparenz. Zu Markennamen hierfür wurden der Komponist Antônio Carlos Jobim und der US-amerikanische Saxofonist Stan Getz, der jedoch keineswegs von Jochen Feucht imitiert wird.

Überragende und munter improvisierende Figur auf der CD mit dem Titel „Por Toda Minha Vida“ („Für mein ganzes Leben“) ist Jochen Feucht (41) auf Tenor- und Sopransaxofon, Querflöte und Bassetthorn, einer Tenorklarinette also. Weltmusikalisch erfahren ist Feucht schon, bereiste er doch bereits als Mitglied vom Landesjugendjazzorchester wiederholt Südostasien und war so auch 1990 auf der indonesischen Insel Bali. Als kongenialer Gitarren-Begleiter fungiert bei Konzerten und auf dieser Compact-Disc der einfühlsame Boris Kischkat, der ansonsten seine Brötchen als Musikschullehrer verdient.

Auf der Plattenhülle bedankt sich Jochen Feucht extra bei „Hans-Reiner Soppa, der uns spontan und unbürokratisch die Räume in der Comburg, einem wunderschönen romanischen Kloster bei Schwäbisch Hall, zur Verfügung gestellt hat“. Als Tonmeister fungierte übrigens Adrian von Ripka, bekannt durch die renommierten „Bauer Studios“ in Ludwigsburg.

Jochen Feucht hat seine CD im Eigenvertrieb heraus gebracht, und bei ihm direkt kann man diese auch bestellen: info@jochen-feucht.de. Weitere Informationen über diese Scheibe und mp3-Hörbeispiele sind im Internet unter www.bossalibre.com abzurufen.
 

Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm 

Mina Agossi
Just like a Lady
naïve

Es ist stets doof, sich von Vorurteilen leiten zu lassen. Mir ist der Lapsus gerade mit Madam Agossis neuer CD „Just like a lady“ passiert, die doch einige Tage unbeachtet in einer Ecke ungehört vor sich hin dämmerte. Mina Agossi hörte ich vor einigen Jahren einmal live: die Jazz-Legende Archie Shepp hatte sie 2007 beim Eröffnungskonzert des Enjoy Jazz Festivals im Schlepptau und mein Eindruck war seinerzeit „na ja“ – hätte es nicht unbedingt gebraucht…

Sehr erfreulich ist ihr aber ihre aktuelle CD geraten. Auch weil sie so einigen „Jazz-Ballast“ einfach über Bord geworfen hat und damit der Gefahr entgangen ist, zum x-ten Billie-Ella-Abbey - Klon zu werden. Was Mina Agossi tatsächlich präsentiert ist eine Mischung von Pop, Chanson, schrägem Sprechgesang und doch – glücklicherweise – einer großen Prise Jazz, was Phrasierung, Improvisation und „Spielfreude“ angeht. Perfekt abgerundet wird das Musik-Gericht mit fein abgestimmten Gewürzen: mit einer manchmal herzerwärmend störrischen E-Gitarre und Steeldrums spielen mit, als wär’s ein anständiges Instrument.

Trotz aller Varianten und bei aller Verschiedenheit der Stile gibt Minas markante Stimme der Platte den einheitlichen Guss. Und so passt das eben aufs Schönste zusammen:  überaus originelle Interpretationen von wahrlich unterschiedlichen, bekannten Standards (And I Love Her, When The Saints…) und weniger Bekannten, ebenso wie manchmal erfreulich gegen den Strich gebürstete Eigenkompositionen.

Am Ende der Aufnahmen gräbt sie dann doch ganz tief zu den Jazz Wurzeln, im herrlich federleicht daher swingenden Rope-A-Dope . Klasse.

Würde ich Sterne vergeben, es wäre eine Handvoll.
 

Frank Schindelbeck
jazz@jazzpages.com
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Klangfahrer
Humanity
Mons Records MR 874 496


„Klangfahrer“ ist in der Tat ein treffender Name für die vier Soundtüftler Thomas Berndt (Piano), Johannes Flamm (Saxophone), Berd Kistemann (Bass) und Gerd Breuer (Schlagzeug) aus der Region Aachen. Charakteristisch für die Klangfahrer ist der süffige Sound, der von den selbst in Stakkati sangbaren Läufen auf dem Saxophon und den oftmals perlenden Notenketten auf dem Piano geprägt und von dem stets präsenten, vorwärtstreibenden Schlagzeug sowie einem marschierenden Bass in rhythmischem Fluss gehalten wird.

Neben schnelleren Stücken in bester Bebop-Tradition wie „Norwegian Elks“ mit einem kraftvollen Saxophon- und dem griffigen Piano-Solo stehen kammermusikalische Preziosen wie „Soundscape“mit einem sanften, reizvollen Duo von melodiöser Bass-Linie und verspielten Single-Notes-Schnüren, dem ein lyrisches Saxophon-Solo folgt. Das Stück assoziiert mehr die Atmosphäre einer pastellfarbenen nordischen Landschaft als die kraftvolle Elch-Komposition. So grooven die Vier mal mit eruptivem und überblasenem Saxophon über einer hymnischen Piano-Passage, mal becircen sie den Zuhörer in „Abschied“ mit hingetupften Tönen sowie einem beseelten Saxophonlauf, ein wenig Melancholie und Trotz.

Die Geräusch-Einspielungen von Schritten auf Kies oder Kinderstimmen sind nette Gags, die zwar nicht aus dem Rahmen fallen, aber nicht notwendig wären, denn die Musik spricht durchaus für sich selbst. Stilistisch schwimmen die Klangfahrer im breiten Bett des Mainstreams, aber ihre Präsentation ist originell und unterhält mit niveauvoller Reife. Die Musik rührt an, ist tief emotional und setzt sich in den Gehörgängen fest.
 

Klaus Mümpfer
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Heinz-Peter Timmer
In Between
JazzSick JSA 7001/In Akustik


Ruhe und Entspannung können vom ersten bis zum letzten Ton fesseln, wenn sie im Spannungsfeld von klassischer Gitarre und Jazz bekannte Melodien, die eigentlich für größere Formationen geschrieben wurden, in der Transkription für das akustische Solo-Instrument neue klangliche Räume öffnen und Farben schaffen. Dazu hat der Gitarrist Heinz-Peter Timmer auf seiner neuen CD mit dem bezeichnenden Titel „In Between“ lediglich Keith Jarretts „My song“ durch Overdub quasi zum Duo und den Soundtrack des Films „Babel“ gar zum Quartett erweitert, im Grundsatz jedoch die Songs von Jarrett, Gismonti, Metheney durch seine Solo-Interpretationen auf den musikalischen Kern reduziert. Darüber hinaus hat der Künstler die sowieso schon für Solo-Gitarre geschriebenen „Folk-Jazz Ballads“ des Fingerpicking-Spezialisten Fabian Payr in seine Spielwiese integriert. Die Bearbeitung für die akustische Gitarre habe für ihn besonderen Reiz gehabt, sagt der klassisch ausgebildete Saitenkünstler. Zwar hätte man sich in manchen Interpretationen ein wenig mehr Experimentierfreude und Eckigkeit gewünscht, dennoch ist Heinz-Peter Timmer mit seiner Solo-Einspielung das Kunststück gelungen, beseelte Lyrik mit weiten Spannungsbögen zu versehen und den klassisch interessierten Zuhörer ebenso zufrieden zu stellen wie den Fan der Jazzgitarre
 

Klaus Mümpfer
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Triologic
Seasons
Mons Records MR 874481

Die Hitze des Sommers spiegelt sich in einem rasend schnellen, fingerfertigen und zugleich licht-transparenten Gitarrensolo von Thomas Andelfinger wider sowie in einem anschließenden leicht überblasenen und heißen Solo des Saxophonisten Steffen Weber. Unterstrichen wird diese Stimmung durch das pulsierende Rhythmusgeflecht des Drummers und Komponisten Rüdiger Ruppert. Getragen und sanft melancholisch eröffnet Weber den Prolog auf den Herbst, bevor das Quartett, zu dem noch unauffällig , aber stets im Hintergrund präsent, der Bassist Christoph Niemann gehört, lebhafter zu swingen anfängt. Kühle und Melancholie charakterisieren die Komposition „Winter“, in der auch der Bassist Raum für ein harmonisch passendes Solo erhält, um dann einen perlenden Gitarrenlauf zu unterlegen.


Begonnen hatte die Musik der neuen CD „Seasons“ mit einem hellen und vibrierenden Duo von Saxophon und Gitarre im Frühlingsprolog, um mit leichter Klangmalerei der Gitarre und filigranen Saxophonläufen in „Spring“ fortgeführt zu werden. Selten haben Kompositionen die Stimmungen der Jahreszeiten besser und assoziativer umgesetzt als dies „Triolgic“ mit dem einfühlsamen Gast am Saxophon vermag. In drei zusätzlichen Kompositionen kommt es wie im Up-Tempo-Stück „Bebobaluba“ zu aufregenden Duos des Gitarristen und des Saxophonisten, die überwiegend die Klangfarben bestimmen. Im langsameren „Kulala“ besticht Bassist Niemann mit einem lyrischen Solo sowie in „Not quiet“ knarrend con arco.
 

Den Begriff „Melodic Groove Jazz“ hat das Berliner Trio für seine Musizierweise kreiert. Rein intuitiv scheint dies eine treffende Beschreibung dieses insgesamt leichten und lichten, eingängig melodischen und flexibel perkussiven Spiels zu sein.
 

Klaus Mümpfer
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Martin Auer Quintet
Reflections
CARE 0198884 GLA


Die Unisono-Passagen von Trompete und Saxophon, die spannungsgeladenen Dynamiksprünge, die Wechsel von Lyrik und Ekstase sowie die Verwurzelung im Bebop mit Ausflügen ins expressive freie Spiel sind seit Jahren charakteristisch für das Spiel des Martin Auer Quintets. Spannungsbögen bauen die fünf Musiker zudem immer wieder durch geschickt eingesetzte Ostinati wie in „Wen Wen“ auf Piano und Schlagzeug. Im Laufe der Jahre sind der Trompeter Martin Auer; Saxophonist Florian Trübsbach, Pianist Jan Eschke, Bassist Andreas Kurz und Schlagzeuger Bastian Jütte stärker zusammengewachsen und haben ihren unverwechselbaren intensiven Band-Sound verdichtend ausgeprägt.

Auf der neuen CD „Reflections“ wechseln sich Up-Tempo-Stücke wie „JIB“ ausgewogen mit Balladen wie „Kassiopeia Reflektion“ (beide von Trübsbach) ab oder kraftvolles Quintett-Spiel und getragene Duos wie das von Bass und Saxophon finden sich kontrastierend in einer Komposition wie in Auers „Snir“. „El Patron“ zeichnet sich durch kraftvolle Akkordläufe auf dem Piano aus, das durch pulsierendes Drumspiel verstärkt wird, bevor Jütte im Solo polyrhythmisch brilliert und das Stück in einem expressiven Bläserduo endet. Den anderen Pol markiert eine lyrische und sanfte Intro auf dem Saxophon im Duo mit verspielten und perlenden Single-Notes auf dem Piano (Kassiopeia) oder ein melancholisch lyrisches Trompetenspiel neben einem harmonisch reizvollen Bass-Solo, das wiederum von hingetupften Tönen auf dem Piano in „Traurige Geschichte“ begleitet wird. Stimmungsmäßig dazwischen liegt ein hymnische Komposition „Ri Tan“.

„Reflections“ reflektiert die Ausdrucksbreite des modernen Jazz. Stärker als früher behaupten sich oftmals gegen- oder querläufige Piano-Power-Läufe neben den beiden Bläsern. Ein vorzüglich eingespieltes Team zeichnet originelle Stimmungsbilder, bewahrt seinen originären Klang ohne auf der Stelle zu treten.

 

Klaus Mümpfer
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Peter Bolte
The world as we knew it in 1980
merfadéz music mmcd 08


Jazzmusiker entdecken offensichtlich den Reiz von Sounds, die sich aus der Verbindung von Elektronik und dem Naturklang von Instrumenten entlocken lassen. Die Klangkünstlerin Kirsten Reese komponiert für elektronische Medien und Instrumente, der Wormser Saxophonist Gary Fuhrmann kooperiert mit dem DJ Philipp Barth, der Hamburger Saxophonist Peter Bolte mit Jim Cambell, der für die neue Bolte-CD „The World as we knew in 1980“ mit Tape-Manipulationen und elektronischem Live-Processing die Sounds zu den Klängen von Flöte, Bassflöte und Altsaxophon beisteuert. Herausgekommen ist überraschend fremdartige und zugleich vertraute Collage, die das gesamte Spektrum der Klänge und Geräusche von Maschinensounds bis fernöstliche Meditation abdeckt. Der Beipackzettel zur CD weist ausdrücklich darauf hin, das Knistern und Knacken Teil des Klangs der verwendeten Live-Elektronik sind.

Das kurze Eröffnungsstück „Gate“ ist mit seinen maschinenhaften Geräuschen das Tor zu jener engen Verzahnung von Intrumentalklängen mit elektronischen Soundflächen und Beats, die wie in „Side Two“ auch Jahrmarktsmusik, Gurgelgeräusche oder Akkordeonklänge assoziieren. Bolte bläst seine Intrumente in spitzen High-Note-Stakkati ebenso wie schwebend in sanfter fernöstliche Stimmung, sonor expressiv oder lässt seine Instrumente quietschen, knallen und schreien. Manchmal wie in „Blues“ verklingt der ruhige Fluss der Musik fast unhörbar. Dabei baut der Saxophonist mit ostinaten Klang- und Rhythmusfiguren weite Spannungsbögen. Diese Musik ist aufregend und für mich bislang einzigartig.

Für das Duisburger Festival „Traumzeit 2010“ wird Bolte das Duo mit 19 Streichern erweitern. Diesem Erlebnis darf man mit Spannung entgegensehen.
 

Klaus Mümpfer
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Sigi Schwab & Ramesh Shotham
On Stage
MelosMusik 0000802 GSM


Sigi Schwab zaubert mit seiner Gitarre ferne Welten in einen Klangkosmos, der auf der neuen CD „On Stage“ im Duo von dem aus dem südindischen Madras stammenden Ramesh Shotham vollendet wird. Der Gitarrist und der Percussionist scheinen zu klanglich verschmelzen. Der eine spielt seine Gitarren percussiv, der andere sein vielfältiges Instrumentarium mit mehreren indischen Trommeln, Schellen, Gong und Glöckchen melodisch. Und so können sie unauffällig die Rollen in der Melodieführung und im Rhythmus wechseln. Es entstehen dichte Duos, die hin und wieder nahezu unisono erklingen oder oftmals in ein aufregendes Ruf-Antwort-Spiel münden. Sigi Schwab war schon immer ein faszinierender Erzähler mit assoziativen Klanggemälden. In Ramesh Shotham hat er einen Partner gefunden, der seine Trommeln parlieren lässt und so die Geschichten Schwabs subtil und unaufdringlich ausmalt.

Seit 1994 spielen die beiden Künstler mit Unterbrechungen zusammen. Sigi Schwab, der sich schon immer von der Folklore ferner Länder von Südamerika bis Indien gefangen nehmen ließ, und Ramesh Shotham, der sich mit dem Jazz eingelassen hat, ohne jemals seine musikalischen Ursprünge aus den Augen zu verlieren, präsentieren eine rhythmisch vielschichtige Klangfülle, die keines weiteren Instrumentes bedarf und selbst in langen Stücken wie den Suitesätzen „Memento – Kalkutta-Blues“ oder „African Colours“ bis zum letzten Akkord die Spannung hält.

Sigi Schwab vermag in seinen rasenden Akkordfolgen und flirrenden Läufen ebenso wie in meditativen Single-Note-Einwürfe Kraft und Emotion, Zorn und Rücksicht, Wehmut und Freude auszudrücken. Sein Spiel ist selbst in den hart angerissenen Saiten stets filigran und sensibel. Ramesh Shotham trifft mit seinem Handspiel auf der südindischen „dholak“ und der „mridangam“ die Stimmung Indiens ebenso wie die Afrikas. Dass er in „Parvati“ der hinduistischen Göttin und Gattin Shivas mit instrumental scattender Kehlkopfakrobatik huldigt, liegt in der Natur der Sache und darf in keinem Konzert fehlen. Das Publikum des live mitgeschnittenen Konzertes belohnt die beiden musikalischen Weltenbummler mit reichem Applaus.
 

Klaus Mümpfer
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Vladyslav Sendecki
Solo Piano at Schloss Elmau
9485-2 ACT


„Ich will Farben und Klänge hören“, sagt der polnische Pianist Vladyslav Sendecki. Dass er auf seiner ersten Solo-CD Marc Chagall eine Suite widmete, unterstreicht die Seelenverwandtschaft des älteren Malers und des jüngeren Musikers. Transparent und schwebend in der Darstellung, frei in der Form und tief in der Symbolik sind die Interpretationen Sendeckis, der bereits bei meinem ersten Zusammentreffen anlässlich des New Jazz Meetings 1988 in Baden-Baden mit seiner ausschweifenden Fantasie und der Offenheit gegenüber freiem Jazz sowie zugleich der Folklore seiner polnischen Heimat beeindruckte. Seine neue Solo-CD ist eine logische Fortführung des Konzeptes, Gedanken und Gefühle direkt in Musik umzusetzen. Sendecki meistert mit der Virtuosität des klassischen Konzertpianisten und der Kreativität des Jazzimprovisators pianistische Hürden mit wahrhaft spielerischer Leichtigkeit.

 Wuchtige Anschläge kontrastieren zu schlichter Liedhaftigkeit, ein „Karparten-Blues“ zum verträumten „Wiegenlied“. Rasende Ostinati und Themenvariationen wechseln sich mit suchenden Single-Note-Linien ab, perlende Notenketten mit kraftvollen Akkordschichtungen. Skizzen meditativer Momente in „Blackbird“ entstehen während des Spielens. Sie assoziieren wie andere Stücke Schönheit, Licht und Leichtigkeit, Melancholie und drängende Leidenschaft. Und so nebenbei hebt er die Grenze zwischen Klassik und Jazz auf. „Ich möchte vor allem meine Wurzeln leben“ sagte Sendecki vor geraumer Zeit in einem Interview. Weil er diese Erfahrung offenbar mit dem Publikum teilen will, hat der Pianist für seine Einspielung dieses Mal nicht das sterile Studio, sondern den Live-Mitschnitt eines Konzertes in Schloss Elmau gewählt. Doch auch im heimischen Wohnzimmer kann man die Improvisationen uneingeschränkt genießen.
 

Klaus Mümpfer
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Espen Eriksen Trio
You had me at goodbye
RCD 2096, EAN: 703366202066

Skandinavien hat im Jazz Hochkonjunktur. Vor allem Sängerinnen und Pianisten reisen derzeit von Konzert zu Konzert. Soziologen und Psychologen mögen sich die Köpfe darüber zerbrechen, warum die sanften, melodischen und oftmals popinspirierten Klänge so viel Zuspruch finden. Ist es eine gelungene Marketingstrategie, ein derzeit verbreitetes Bedürfnis der Menschen nach Harmonie oder beides.

In diesem breiten Nordland-Fluss schwimmt jetzt auch der Pianist Espen Eriksen ein, der zwar in einer Reihe Aufnahmen als Solist und Begleiter zu hören war, dieses Mal aber mit einem Trio unter seinem eigenen Namen debütiert. Die Musik des norwegischen Musikers und seiner Kollegen ist lyrisch und melodisch, eingängig und relaxed. Insgesamt typisch skandinavisch mit seinen Folk-Elementen und einem Anflug von Melancholie. So steht er in der Tradition eines Tord Gustavsen, der derzeit in Deutschland tourt, oder des verstorbenen Esbjörn Svensson, ohne diese nachzuahmen. Allerdings birgt die Musik des Trios mit Eriksen, dem Bassisten Lars Tormod Jenset und dem Schlagzeuger Andreas Bye auch keine Überraschungen. Löblich ist dagegen das künstlerische Niveau und das sensible Zusammenspiel des Espen Eriksen Trios. Perlendes Piano, harmonisch reizvolle Bassläufe und ein zurückhaltendes Schlagzeug wirken entspannend. Wer musikalischen Balsam für die Seele benötigt, wird bestens bedient.
 

Klaus Mümpfer
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Dieter Ilg
Otello
Full Fat 09

Marschrhythmen, fernes Stimmengewirr und Möwengeschrei stimmen auf das Werk ein. Seit seinem Kontrabass-Studium faszinierte die berühmte Kontrabass-Stelle im IV. Akt von Giuseppe Verdis Oper „Otello“ den deutschen Künstler, der schon einmal grenzüberschreitend deutsche Volkslieder für den Jazz umgeschrieben hatte. Dieses Mal wagte sich der Bassist an Verdis orchestrales Monumentalwerk und reduzierte es auf ein Jazz-Trio.

Das Wagnis ist gelungen. Den berühmten Feuerchor „Fuoco die gioia“ verwandeln Ilg, der Pianist Rainer Böhm und der Schlagzeuger Patrice Heral in einen mit Ostinati rhythmisch groovenden Satz. Gleiches gilt für „Inaffia l´ugola“, das Spannung durch Steigerung von Intensität und beschwörende Bass-Figuren baut, um in eine swingenden Trio-Passage sowie später in kraftvolle Tutti einzumünden.
Doch Verdis Musik ist für Ilg nur Ideengeber. Die Harmonien tauchen in jazzig abgewandelter Form auf, doch die Emotionen des tödlichen Dramas von gekränkter Eitelkeit, Eifersucht, Rache und hilfloser Liebe stecken auch in den Interpretationen des Trios. Das Trio springt dabei ständig in dynamischen Abstufungen. Böhm greift mal tastend mit Single-Notes, mal schichtet er Akkordblöcke, Heral streichelt mit den Besen die Felle oder treibt die Melodieführer drängend vor sich her. Ilg selbst zeigt bereit im Eröffnungssatz „M´ascolta“ in Duo mit Böhm raffinierte Harmonielinien und markante Akkordgriffe. Zwischendurch streicht er die Saiten geradezu klassisch. Zärtlichkeit spiegelt das Duo von Bass und Piano in „A questa Tua“ wider.

Dass der Bösewicht „Jago“ mit einem fesselnden Solo Ilgs, expresiven Clustern auf dem Piano, mit Herals heiseren Scatbeiträgen sowie gescratchten Sampels in einem treibenden Groove charakterisiert wird, ist ein weiterer Beleg für die einfühlsame Bearbeitung des Dramas. Ilgs „Otello“ hat die Messlatte für mögliche Nachfolge-Projekte hoch gelegt.

Klaus Mümpfer
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Ekkehard Jost

Gesänge gegen den Gleichschritt
Fish Music 012

November Songs
Fish Music F 013


Mitte der 70er Jahre wurde Ekkehard Jost bekannt durch das Buch „Free Jazz. Stilkritische Untersuchungen zum Jazz der 60er Jahre“. Damals war freilich nicht so sehr bekannt, dass der Musikwissenschaftsprofessor an der Justus-Liebig-Universität Gießen auch as beherzter Jazzinstrumentalist auftritt. Inzwischen ist der 1938 in Breslau Geborene emeritiert, doch zur Ruhe gesetzt hat sich Ekki Jost überhaupt nicht. Als Theoretiker bleibt er aktiv, und erst recht „in alter Frische“ als Praktiker am Baritonsaxophon. Daneben führt er sein eigenes Label „Fish Music“ weiter.



Seine beiden letzten CD-Produktionen beziehen sich auf Historisches, ohne die Gegenwart auszublenden. Da greift er erneut politisches Liedgut auf. Die „Gesänge gegen den Gleichschritt“ kommen zumeist artig im Viervierteltakt daher, doch revolutionäre Ungeduld artikuliert sich da in rotzigen Soloimprovisationen. Keine leichte Kost – und damit dem Leitthema angemessen. Mit Jost musizieren die Saxofonkollegen Wollie Kaiser und Friedhelm Schönfeld, der Posaunist Christof Thewes, der Trompeter Reiner Winterschladen sowie Dieter Manderscheid und Joe Bonica an Bass und Schlagzeug. Semantische Klarheit schafft immer wieder Dietmar Mues mit emotional aufwühlendem Textvortrag. Bei der unter die aufmüpfige Jazzmangel genommenen Musik aus fünf Jahrhunderten finden sich vertraute Hits wie „Ca ira“ und „Bella Ciao“, aber auch Eigenkompositorisches.

Gemütlicher geht es bei den „November Songs“ zu. Avantgardist Ekkehard Jost erinnert sich an seine „coolen“ Zeiten Ende der 50er Jahre in Hamburg, als Gerry Mulligan als das große Idol am Baritonsax fungierte. Neben dem CD-Opener „Lonesome Boulevard“ wurde von Meister Mulligan auch „Summer’s Over“ übernommen. Mit von der Partie sind Josts langjährige Mitspieler Dieter Manderscheid (Kontrabass) und Janusz Stefanski (Schlagzeug). Am Klavier sitzt der „Amerikaner in Frankfurt“ Bob Degen, der in seinen Improvisationen gerne in die Zitatenschatztruhe greift. Stilistisch bewegt man sich bis zum Hard Bop, wobei das Wissen um den Free Jazz nicht negiert wird. Ganz glatt kommen diese „November Songs“ keineswegs daher, eine gewisse Sprödigkeit verleiht ihnen – wie ohnehin die Anti-Gleichschritt-Gesänge - Jostsche Authentizität. Einschmeicheln gilt nicht. Von „easy listening“ kann beide Mal keineswegs die Rede sein. Gefordert ist ein emanzipierter Rezipient – ganz nach dem Wunschbild des alten Adornos…
 

Hans Kumpf
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Christian Broecking.“Klang der Freiheit.“
Interviews mit Ornette Coleman, Don Cherry und Charlie Haden.
Broecking Verlag Berlin 2010, 124 Seiten, 19.90 Euro;
(ISBN 978-3-938763-13-1

Ornette Coleman polarisierte, als er 1959/60 mit seinem Plastiksaxophon die Jazzbühne betrat und die Musik grundlegend veränderte. Viele renommierte Musiker, die ihn hörten oder mit ihm spielten, gestanden, dass es ihnen schwer fiel, sein radikales improvisatorisches Konzept zu verstehen. Der Jazzpublizist Christian Broecking hat mit dem Künstler gesprochen, der 2007 mit einem Grammy für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und den Purlitzerpreis erhielt. In diesem März vollendet Ornette Coleman sein 80. Lebensjahr.


Die ausführlichen Antworten auf Broeckings kompetente und sensible Fragen weisen auf Charakterzüge des Künstlers hin, die für Leser, die sich bislang nicht intensiv mit Coleman beschäftigten, teilweise unerwartet zum Vorschein kommen. Auch wenn seine Musik politisch und antirassistisch sei, so bestreitet Coleman, dass seine Biographie die schwarze Rasse repräsentiere. Die Schönheit seiner Kompositionen habe er „Tränen Traurigkeit und Einsamkeit“ zu verdanken, ist einer der Schlüsselsätze der für das Buch überarbeiteten Gespräche.


Abgerundet wird das Bild Ornette Colemans durch zusätzliche Interviews mit Musikern, die ihn viele Jahre begleitet haben - Don Cherry und Charlie Haden - sowie mit Statements zahlreicher Jazzer und Produzenten von Geri Allan bis David Murray. So ist für Manfred Eicher von ECM Coleman „ein Lyriker, der freie Musik poetisch gestaltet“ hat.


Christian Broecking und den interviewten Künstlern gelingt es, den Leser so sehr zu fesseln, dass er das Buch erst nach der letzten Seite aus der Hand legt.

Klaus Mümpfer
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Chris Hirson Seta Tunes
Trivial things“
Meta-records, meta 043

Im Titel-Stück „Trivial Things“ belegt der Sopransaxophonist Chris Hirson, dass seine Musik im eigentlichen Sinn von „trivial“ zwar „allgemein zugänglich“, aber keineswegs „altbekannt“ ist. Sein Spiel vermittelt in langsamen und singenden Linien exotische Stimmungen, was wohl auch Charlie Mariano dazu animiert haben könnte, die „Vielfältigkeit der Klangfärbung“ als „reinen Hörgenuss“ zu loben. In anderen Passagen und Stücken pulsiert die Musik, bläst Hirson das Instrument in expressiven Stakkati zum schnell gezupften und gradlinig marschierenden Bass sowie rasanten Pianoläufen. „Who Too“ klingt zwar zunächst vertraut und gleicht manchen anderen Kompositionen des modernen Jazz. Dennoch behält die Interpretation des vorzüglichen Quartetts mit Hirson, dem Pianisten Carsten Daerr, dem Bassisten Oliver Potratz und dem Schlagzeuger Sebastian Merk eine eigenständige Note, die im Zusammenklang mit der ausdrucksstarken und Emotionen weckenden Stimme von Mithila Motaleb noch stärkeres Eigenleben entfaltet. „Small Talk“ steht für diese originelle Richtung, die Experiment und Expression auf spannende Weise einbezieht. Mag sein, dass die fünf Künstler mit ihren jeweiligen Eigenheiten befruchtend auf die vielfarbigen Stimmungen gewirkt haben, sich ist aber auch, dass Chris Hirson mit seinem Saxophonspiel dieser nuancenreichen, spannenden und ausdrucksstarken Musik seinen Stempel aufdrückt

Klaus Mümpfer
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Christoph Busse Trio
Awaking
Laika-Records 3510251.2

Christoph Busse reiht sich mit seiner Einspielung „Awaking“ in die Reihe der klassischen Piano-Trios ein. Seine Kompositionen swingen ungemein, befriedigen melodisch das Wohlgefühl der Zuhörer. „Awaking“ ist eine niveauvolle Form des „Bar-Jazz“, wie ihn auch berühmte Pianisten gepflegt haben. Die Noten perlen aus den Tasten, der Bass marschiert , das Schlagzeug groovt. Da irritiert kein experimenteller Ausflug den Zuhörer. Das Trio schwimmt im breiten Strom des modernen Jazz, der sich entspannt genießen lässt. Pianist Christoph Busse, Bassist Sebastian Hoffmann und Schlagzeuger Thomas Hempel werden in zwei Stücken von dem Percussionisten Nené Vásquez unterstützt. Insgesamt herrscht eine balladeske Stimmung vor, die in „Refuge“ besonders ausgeprägt zum Klingen kommt. In dieses Konzept eingepackt ist auch ein „Triptychon“ „I.G.Y.“ von Donald Fagen mit Piano-Improvisationen, die an Keith Jarrett erinnern, und einem mitreißenden Bass-Lauf sowie einem groovenden Part. Zum Abschluss präsentiert das Trio „Goodbye“ von Pat Metheny. Alle anderen Kompositionen sind aus der Feder des Pianisten.

Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
NORSKjazz.no
Ozella, OZ 025 CD

„Norskjazz no“ – „norwegischer Jazz jetzt“ nennte der Saxophonist Karl Seglem sein neues Projekt, das er gemeinsam mit dem Eple Trio eingespielt hat. Die Frage, ob dies Jazz sei, amüsiert den Musiker und Komponisten, der tief in der skandinavischen Folklore verwurzelt ist. So lange der Zuhörer die Frage nach dem Jazz stelle, sei die Musik lebendig und erweitere den Erfahrungsraum, sagt er. Seglem, der mit seiner Urbs-Tour 2007 noch Goat Horns, Hardanger Fiddle und Elektronic in seine Interpretationen einbaute, beschränkt sich dieses Mal auf eine klassische, kammermusikalische Besetzung mit Tenorsaxophon, Bass, Piano und Schlagzeug.
 

Die Musik der CD steht ganz im Zeichen von Folklore und Ästhetik, in einer träumerischen Grundstimmung und zurückhaltender Intimität. Die lang gezogenen singbaren Saxophonläufe Seglems prägen den Sound, doch auch die Soli des Bassisten Sigurd Hole faszinieren mit ihrer melodischen Vielfalt und harmonischen Verzierungen. Hinzu kommt der Pianist Andreas Ulvo, der mit perlenden Lyrismen und vereinzelt an den romantischen Gestus von Keith Jarrett erinnernd, den Trio-Klang abrundet, der wiederum von Jonas Howden Sjovaag vor allem auf den Becken unaufdringlich rhythmisiert wird. Eine Komposition wir „Lull“ fällt mit seinen expressiven, treibenden Passagen fast aus dem Rahmen und passt dennoch in das Konzept. „Aret Hallar“ mit dem ausgedehnten gestrichenen Bass-Intro und dem warmen Saxophon-Sound ist daneben eines jener ohrwurmartigen Kleinode, bei denen jegliche Diskussion, ob Jazz oder nicht Jazz überflüssig wird. Diese Musik dringt in die Selle ein, ohne die Ration in Anspruch zu nehmen.
 

Klaus Mümpfer
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Kristjan Randalu
Desde Manhattan
Jazz ´n Arts, JnA4209

Die Kompositionen des Pianisten Kristjan Randalu vereinen Gegensätze: Lyrik und Melancholie auf der einen Seite, treibende Rhythmen und ostinate Percussion auf der anderen Seite. Diese Gegensätzlichkeit weiß der aus Estland stammende und 2007 mit dem baden-württembergischen Jazzpreis ausgezeichnete Musiker zur Spannungserzeugung zu nutzen. Von zuhause aus zunächst klassisch ausgebildet, fand Randalu zum Jazz und eine ganz originäre Tonsprache. Dies wird gefördert durch die eigenwillige Besetzung – unter anderem mit dem aus Polen stammenden und in New York lebenden Schlagzeuger Bodek Janke, aus dessen Feder auch die herausragende Komposition dieser CD „Desde Manhattan“ stammt. Hier verbinden sich polnische Folklore, sperriges Pianospiel, ein feuriges, an avantgardistische Klangexperimenten und dennoch in osteuropäischer Tradition verwurzeltes Cello-Spiel sowie eine vielschichtige Rhythmik.


Die Ostinati auf Piano und Bass wirken zuweilen geradezu hypnotisch. Die Duos von Bass und Cello auf dem rhythmischen Drum-Teppich faszinieren in ihrer harmonischen Zusammenstellung. Als „Multikulti“ lobt der PR-Text zur CD diese musikalische Kombination aus europäischer Folklore und amerikanischem Jazz zu Recht. Vokale Einlagen oder helle und leise Cello-Klänge im Hintergrund werden geschickt platziert. Im abschließenden „Teraz“ werden gar indische Rhythmik und Vokalisen eingesetzt. Soweit es die Herkunft der Musiker angeht, treffen Estland mit Randalu und Polen mit Janke auf Spanien mit dem Bassisten Antonio Miguel und Deutschland mit dem außergewöhnlichen Berliner Cellisten Stephan Braun. Das Ergebnis ist unterhaltsam, über weite Teile sogar erregend und mitreißend.

Klaus Mümpfer
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Roland Neffe´s
Vibes Beyond
Jazzhaus Music JHM 183


„Sound of Äther“ – einen passenderen Titel hätte sich der Vibraphonist und Komponist Roland Neffe für dieses ätherische Stück mit den schwebenden Klängen und der zwar ostinaten, aber harmonisch reizvollen Bass-Begleitung nicht ausdenken können. Selbst die glucksenden Einlagen auf dem Vibraphon wirken völlig natürlich. Eine CD, auf der Vibraphon und Marimbaphon nur von einem Kontrabass und einem zurückhaltend eingesetzten Schlagzeug begleitet wird, ist sicher ein Wagnis. Roland Neffe besteht dieses Risiko mit virtuosem Einsatz seiner Instrumente. Nach dem bedächtigen „Sound of Äther“ lässt er die Marimba in „Line of Restless“, ganz wie es der Titel verspricht, vehement temporeich tanzen. „Vibes beyond“, so der Titel der CD, geht über eine reine Klöppel-Präsentation hinaus. Bestechend sind vor allem die Duos mit dem Bassisten Achim Tang – so in dem ausgedehnten „Heavy Line“ -, die der Schlagzeuger Reinhardt Winkler in diesem sensibel agierenden, kommunikativen Trio abrundet. So pendeln die Stücke auch binnenmetrisch wie in „Visionary“ zwischen verhaltener Lyrik und treibenden Grooves sowie mitunter einem Touch Avantgarde. Sie verraten Ideenreichtum und Gestaltungskraft, ohne die eine solche Kombination sicher zu eintönig wirken würde..

Klaus Mümpfer
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Engstfeld / Weiss-Quartett
Back to Blallads
Jazzsick-records / ESC 8001 JSS
 

„Was soll´s?“, fragt man sich unwillkürlich beim Blick auf die Titelliste. Muss man sich wirklich die xte Version von Gershwins „I loves you Porgy“ oder Ellingtons „Prelude to a kiss“ antun? Auch wenn zwei so renommierte und exzellente Musiker wie der Saxophonist Wolfgang Engstfeld und der Schlagzeuger Peter Weiss gemeinsam mit dem sensiblen Pianisten Hendrik Soll und dem solide stützenden Bassisten Christian Ramond den oft gehörten Standards neues Leben einhauchen? Spätestens nach dem ersten Stück stellen sich diese Fragen als unbegründet heraus. Gewiss, es bleibt ein Wagnis, eine ganze CD mit getragenen und lyrischen Balladen zu füllen, aber wenn es mit so viel Gefühl und Geschmack geschieht, dann lohnt es sich in der Tat, aufmerksam zuzuhören, um alle raffinierten Feinheiten in diesen Interpretationen zu entdecken. Engstfeld und Soll schaffen eine entspannte Atmosphäre, in der sich der warme Ton des Tenorsaxophons in all seinen Tonfärbungen voll entfalten kann. Soll ist mit seinen perlenden Linien ein kongenialer Partner, während Weiss und Ramond dezent den Rhythmusteppich unter die pastellfarbenen Klanggemälde legen. Bei aller Beseeltheit gleiten die Musiker nie in Kitschige ab. „Back to Ballads“ ist eine CD die zwar zum Träumen verleiten, aber auch außerhalb solch blauer Stunden jazzig genossen werden kann. Aufgenommen wurden die Balladen im März 2009 in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede.
 

Klaus Mümpfer
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FUNjazzquartett & Jill Gaylord
Heinrich Heine: Auf den Flügeln des (Jazz-)Gesanges
Melisma 3067

Joachim Ernst Berendt hatte in den 60er Jahren die Reihe „Jazz und Lyrik“ gepflegt, zunächst Rühmkorf Peter, später Gottfried Benn und Heinrich Heine mit der Jazzmusik verbunden und dieses Genre zur anerkannten Kunstform erhoben. „Poesie ist in Musik verwandelte Sprache“, hatte schon früh auch der amerikanische Schriftsteller Leroi Jones formuliert. Das Fun-Jazzquartett mit dem Flötisten und Saxophonisten Paolo Fornara, dem Pianisten Jo Flinner, dem Bassisten Markus Hofmann und dem Schlagzeuger Günter Gessinger hat im Wortsinn dieser Definition von Jones gemeinsam mit der Sängerin Jill Gaylord die Lyrik Heinrich Heines besser noch als ein Berendt in die Musik integriert, weil „J.E.“ den Rezitator Gert Westphal und das Attila Zoller Quartett lediglich, wenn auch vorzüglich aufeinander abgestimmt, gegenüberstellte,. „Wir haben den urdeutschen Sprachstil Heines und seine spezielle Syntax mit dem Jazz verbunden“ heißt es im Booklet, in dem sämtliche Texte abgedruckt sind. Gaylord singt mit ausdrucksstarker Stimme und Einfühlungsvermögen die Texte in sensibel angepasster Jazzphrasierung. Eingebettet sind die „Lieder“ in „singende“ und swingende Instrumental-Passagen, in denen vor allem Flöte und Saxophon Fornaras sowie die Piano-Improvisationen Flinners tonangebend sind.

Die CD übernimmt aus Heines lyrischem Intermezzo um 1822 ihren passenden Titel „Auf den Flügeln des Gesangs“, stellt zumeist die intimen, persönlichen, weniger die politischen Texte des Dichters vor. Die Produktion ist ein Genuss für die Jazzfreunde ebenso wie für die Verehrer des Spätromantikers.


 

Klaus Mümpfer
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Tomas Sauter
Magic Carpet
Catwalk CW 070003-2


Das Projekt „Magic Carpet“, mit dem der Schweizer Gitarrist Tomas Sauter und sein Quartett derzeit auf Tournee sind, ist nicht ganz neu. Aus der Besetzung der CD-Einspielung des Jahres 2006 sind die beiden im wahrsten Sinne tonangebenden Musiker Tomas Sauter und der Saxophonist/Klarinettist Domenic Landolf auch in den gegenwärtigen Konzerten dabei. Festzustellen ist, dass die Soundtüfteleien auf der CD ausgeprägter, die kontemplativen Stücke häufiger und die impressionistischen Klangfarben ausgeprägter sind. Die Klangflächen im Titelstück „Magic Carpet“ klingen beispielsweise intensiver, die Duo-Passagen von Klarinette und Gitarre dichter. In den Konzerten überwiegen die schnelleren, sich zwischen Bebop und Modern Swing bewegenden Stücke.

An die Stelle der kontrastierenden, teils atonalen Duoklänge von Klarinette und Saxophon mit der Gitarre sind oftmals Unisono-Passagen getreten. Mir persönlich gefallen die experimentelleren Collagen der CD besser – was allerdings eine Frage des Geschmacks und nicht der Qualität ist. Tomas Sauter ist ein faszinierender Techniker und Improvisator, ein Landolf ein beseelter Saxophonist. In den Konzerten ist zwar das Zusammenspiel mit dem Bassisten Schläppi harmonischer, doch die Rhythmusgruppe auf der CD mit dem Bassisten Patrice Moret und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer erzeugt mehr Spannungen, die neue den stärkeren Groove.


 

Klaus Mümpfer
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Nicolas Humbert & Werner Penzel
Brother Yusef
Air / jazzwerkstatt berlin, air 1001


Abgeschieden von der Welt lebt Yusef Lateef allein mit seinen Instrumenten und Erinnerungen in einem Haus im Wald. Die Melancholie des verschneiten Wintertages und der grauen Nebel unterstreichen die Stimmungen, die die Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel im musikalischen und optischen Porträt des Musikers eingefangen haben. Lateef erzählt in Szenen, die nahezu statisch und ohne störende Schnitte aufgenommen wurden. Er erinnert sich seine Begegnungen mit John Coltrane kurz vor dessen Tod, an sein Engagement bei Dizzy Gillespie sowie an andere Musiker. Die Erzählungen und Anekdoten zeigen Lateef als tief religiösen Menschen, der über das Leben und das Sein nach dem Tod, die Seele und das Herz sowie die eigene Stimme auf dem Instrument nachdenkt. Die Worte kommen fast stockend, aber überlegt aus dem Mund eines Künstlers, dessen „autophysiopsyic music“ aus dem eigenen geistigen, spirituellen und intellektuellen Ich entstand.


Der Film wird der Person Lateefs gerecht, ist selbst ein fotografisches Kunstwerk. Die Available-light-Technik zeigt das Profil des spielenden und singenden Yusef wie ein Schattenriss. Die Großaufnahmen des Kopfes und der Hände und die sparsame Lichtführung unterstreichen die grafische Wirkung und erleichtern es dem Zuschauer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nichts lenkt von Sujet ab. Die einzige Fremdeinspielung ist ein kurzer Mitschnitt eines Konzertes mit Cannonball Adderley. Die Intimität des Wohnraumes, in dem Lateef gefilmt wird, betont die Authentizität und strahlt wie der Musikers selbst innere Ruhe aus. Niemand stellt „dumme Fragen“. Der Porträtierte bleibt stets der Mittelpunkt. „Brother Yusef“ ist eines der eindringlichsten Musikerporträts, die ich kenne.

 

Klaus Mümpfer
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Béatrice Kahl & Gaby Schenke
99 / NDW meets JAZZ
MDL 200 152 CD

Kreuzworträtsel kennen nur eine „deutsche Pop-Sängerin“: Nena. Ihren Song von den „99 Luftballons“ hatte einst die Neue Deutsche Welle ebenso hochgespült wie „Ich will Spaß“ von Markus oder Rio Reisers „König von Deutschland“. Die Saxophonistin Gaby Schenke und die Pianistin Béatrice Kahl haben nun neun Lieder der NDW neu gefasst und zeigen, was souveräne Jazzerinnen aus den vordergründig schlichten Original-Themen in neuen Arrangements herauskitzeln können.

Den Bearbeitungen ist anzuhören, welchen Spaß dies den beiden Musikerinnen und ihren Begleitern Frank Fiedler am Kontrabass sowie Kristof Hinz am Schlagzeug und mit Elektronik bereitet hat. In Nenas „99 Luftballons“ überwiegt zunächst der Wiedererkennungseffekt, bevor sich Saxophon und Piano vom Thema entfernen, neu harmonisieren und wieder aufs Thema zurückkommen. Joachim Witts „Goldener Reiter“ galoppiert in fast freien und pulsierenden Expressionen hinweg. „Das Blech“ groovt mit treibenden Drum-Rhythmen und einem mitreißenden Rhodes-Solo sowie kurzen stakkatohaften Akkord-Ostinati vor einem gradlinigen Schlagzeug-Solo. Nahe am Original bleiben bei ihren originellen Improvisationen die Musiker in „Carbonara“
Soundfärbend ist wie bei den früheren Ausnahmen des in jahrelanger Freundschaft traumhaft eingespielten Duos das Saxophon mit seinen singbaren Linien oder kurzen überblasenen Läufen sowie das perlende und zugleich immer wieder sperrige Piano.

In drei Liedern setzt Gaby Schenke mit Coolness und spröder Erotik durchaus NDW-gerecht ihre Stimme ein. Der unbekümmerte Charme der Neuen Deutschen Welle findet sich in den anspruchsvolleren jazzigen Arrangements wieder und zeugt von der erfrischenden Vitalität auch des mainstreamigen Jazz. Herausgekommen ist eine Musik, die mit überraschenden Wendungen ganz einfach Spaß bereitet.

 

Klaus Mümpfer
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Youssou N´Dour
Rückkehr nach Goirée
Mouna / Alive 6410330

Blues, Jazz, Gospel, Spiritual – all diese Musik wäre nicht Bestandteil der amerikanischen Kultur, wenn nicht die Afrikaner in Amerika ihre eigenen musikalischen Traditionen mit denen ihrer Unterdrücker verschmolzen hätten. Youssou N´Dour, 1959 im senegalesischen Dakar geboren, hat die afrikanischen Wurzeln in seinen Songs zwar mit Jazz und Pop angereichert, aber nie verleugnet, sondern überzeugend bewahrt. Zum „Afrikanischen Künstler des Jahrhunderts“ hat ihn deshalb das Fachblatt „Folk Roots“ ernannt.

In einer eindreiviertelstündigen Dokumentation hat der Schweizer Regisseur Pierre-Yves Borgeaud den Sänger nun auf dessen Spurensuche durch Amerika und Europa zurück in den Senegal und auf die frühere Sklaveninsel Goirée begleitet. „Rückkehr nach Goirée“ ist kein Musikvideo – auch wenn sich der Film um die Musik dreht und die Musik stets präsent bleibt. Schon die Intro erinnert an das Leid der Sklaven, ohne dass N´Dour den Zeigefinger hebt. „Rückkehr nach Goirée“ ist auch keine bittere Abrechnung mit der Sklaverei, auch wenn der Sänger am Ende dem Kurator des „Hauses der Sklaverei“ auf der Insel, Joseph Ndiaye, dafür dankt, dass er wie vielen anderen zuvor, „die Wahrheit über viele Dinge erzählt“ habe. „Rückkehr nach Goirée“ ist eine fröhliche Rückkehr mit Musikern, die N´Dour bei seinen Stationen in Atlanta, New Orleans, New York, Genf und Luxemburg eingesammelt hat. Der Kulturbotschafter gewährt in diesem „Road-Movie ebenso Einblicke in die Historie der Sklaverei wie in die faszinierende Welt des Jazz heißt es im PR-Text treffend. N´Dour ist ein Griot, ein Erzähler, der in seinen Songs im Sinne einer „oral history“ Traditionen weiterreicht.

Borgeaud ist es gelungen, eine an sich nüchterne Dokumentation mit ergreifenden und rührenden Szenen lebendig werden lassen. Eine der aufregenden Begegnungen ist die mit Amiri Baraka, der unter seinem früheren Namen LeRoy Jones mit „Blues People“, die Musik der Schwarzen im weißen Amerika, eine ebenso provozierendes wie lehrreiches Buch geschrieben hat.

Authentizität gewinnt der Film durch das einfache Abfilmen bei Außenaufnahmen, die Intimität der Drehorte bei Freunden, in Kneipen und Studios., durch die Arbeitsatmosphäre, der Vorrang vor der Aufnahme vollständiger Songs eingeräumt wird, sowie durch die Unbekümmertheit und Natürlichkeit der Darsteller. Borgeaud hat dabei ganz bewusst auf technischen Aufwand verzichtet.
Der DVD ist ein Plakat der Titel-Illustration beigefügt. Ein dünnes Booklet mit den Künstlernamen und Reisestationen wäre nützlicher gewesen. Man müsste nicht auf den flüchtigen Abspann warten oder immer wieder im Film die Pausetaste drücken.
 

Klaus Mümpfer
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Kai Schumacher spielt Frederic Rzewski
„The people united will never be defeated“
Wergo WER 6730 2

Es ist eine politische Proklamation: „The people united will never be defeated“. Der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski ist ein leidenschaftlicher Verfechter einer politischen Ästhetik. Kein Wunder also, dass er das chilenische Protestlied „El pueblos unido jemás será vencido“ in seinem Klavierwerk aufgegriffen hat, um die politische Botschaft mit geradezu altmeisterlicher Vollendung in Thema und Variationen zu verstärken.
Wenn auch der Einspielung mit dem jungen Pianisten Kai Schumacher das Original fehlt, das dieser in seinen Konzerten einführend einspielen lässt, so ist doch zu erkennen, dass Rzewski bei aller Freiheit nahe an der metrischen und harmonischen Struktur des Originals bleibt. In den in sechs Blöcken mit jeweils sechs Variationen taucht das Thea immer wider auf, entwickelt der Komponist jedoch eine Vielfalt an Ausprägungen höchster pianistischer Komplexität und gleichzeitiger Sensibilität, so dass es besonderer Virtuosität bedarf, dem Anspruch Rzewskis gerecht zu werden.
Kai Schumacher gelingt dies mit Bravour. Er pendelt mit bewundernswertem Gespür zwischen verklärten Melodien und wuchtigen Akkordexplosionen, tastet suchend nach Single-Notes, um dann wiederum in einen rasenden Lauf zu verfallen. In den „Variationen 4“ nimmt Schumacher die Dynamik bis fast zur Unhörbarkeit zurück, schließt einen perlenden Lauf an, lässt das Piano in den „Variationen 6“ ausgeprägt swingen und erinnert in zarten Melodiebögen an die folkloristischen Wurzeln, bevor er wieder zu einem geradezu aus der Klassik entnommenen Lauf ansetzt. In den folgenden „Variationen 5“ zeigt sich Schumacher als ein flinkfingriger Läufer in den höchsten Lagen des Flügels, um dann plötzlich innezuhalten, um mit zarten, sparsam gesetzten Noten und Akkorden das Thema im Marschrhythmus kraftvoll drängend aufzubauen.
Es mag dem Pianisten zugute kommen, dass er mit Jazz und Rockmusik Erfahrungen gesammelt hat. So spürt der Zuhörer auf der CD – wenn auch nicht so intensiv wie in den Konzerten – dass Schumacher die Freiräume des riesigen Klavierwerkes auszuschöpfen vermag und weit mehr als nur reproduziert.
 

Klaus Mümpfer
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Vandermark, Nagl, Thomas, Reisinger
c.o.d.e.
crack 062008020

„Free Jazz“ ist der Titel eines Stückes, das wie die anderen der CD „c.o.d.e.“ Erinnerungen an die Geburt des freien Jazz Anfang der 60er Jahre weckt. Ken Vandermarks Bassklarinetten-Spiel nähert sich den Akkord-Stakkati des 1964 gestorbenen Eric Dolphy, Max Nagls Altsaxophon den Eruptionen Ornette Colemans. Vor dem pulsierenden Schlagzeug von Wolfgang Reisinger und einem variablen, teil verfremdet gestrichenen Bass des Australiers Clayton Thomas umspielen die beiden Blasinstrumente einander, duellieren sich, explodieren überblasen oder vibrieren in anscheinend sanften Soli. Soundfetzen vernetzten sich in freien Passagen folgen swingenden, mehrstimmigen Duos, die der Bassist mit sparsamen Akkordeinwürfen unterlegt und die Reisinger mit „pulse“ akzentuiert.

„c.o.d.e.“ ist ein Tribut an zwei Zentralgestirne der Jazzgeschichte: an Ornette Coleman und Eric Dolphy, die beide die stilbildende Einspielung „Free Jazz“ aus dem Jahr 1960 mit geprägt haben. Von Anarchie und Chaos, die damals mit dem Begriff Free Jazz verbunden waren, kann bei „c.o.d.e.“ nicht die Rede sein. Von Freiheit und Subjektivität dagegen viel. Einige Soli, wie das des Bassisten in „something sweet, something tender“ wirken geradezu klassisch, die mehrstimmigen Duos der Bläser wie in „miss ann“ klingen sehr

Die schnellen, explosiven und ungebundenen sowie die sanften kammermusikalischen Interaktionen belegen, dass das Quartett mitreißend aufregenden freien Jazz spielen kann, indem es den Free Jazz von damals dialektisch bewahrt, überwindet und auf eine neue Stufe hebt – siehe „researching has no limits“, dessen Interpretation allein schon den Kauf dieser CD lohnt. Nagl, Vandermark, Reisinger und Thomas werden den Kompositionen, die alle von Coleman und Dolphy stammen, überzeugend gerecht.
 

Klaus Mümpfer
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Frank Sackenheim Quintett
Eurotrash
Laika Records, Kat.Nr. 3510254.2
Als „Eurotrash“ werden aus amerikanischer Sicht abfällig europäische Musik-Produktionen wie Eurodance oder Eurodisco bezeichnet. Warum sollte nicht auch europäischer Jazz nach Meinung einiger US-Jazzer Abfall sein. Der deutsche Saxophonist und Klarinettist Frank Sackenheim stellte sich dieser Herausforderung augenzwinkernd und ironisierend mit einer Einspielung, die eine solche abwertende Einstufung Lügen straft.

Zwar in der Mainstream-Tradition des Bebop verwurzelt, aber doch oft die Grenzen fließend erweiternd, bürgt Sackenheim mit seinem eingespielten Quintett für ein weites Spektrum von melancholischen, weit schwingenden Saxophonlinien bis zu nervös pulsierenden, schnellen Läufen. Faszinierend sind vor allem aber seine teils pastellartigen Klangbilder, die zweistimmigen und Unisono-Soundflächen, die er mit Saxophonen oder Bassklarinette im Duo mit Matthias Bergmann am Flügelhorn malt. „Day One“ ist ein Beispiel für diesen Personalstil eines modernen Mainstreams jenseits aller Klischees.

Eine lyrische Single-Note-Intro auf dem Piano, impressionistische Sounds über dem gestrichenen Bass von Christoph Devisscher, dann nervöse Bläserläufe vor dem pulsierenden Schlagzeug Jens Düppes stehen für musikalische Vielfalt. Lars Duppler an Piano und Fender Rhodes sorgt für melodische Soli ebenso wie im Titelstück für kratzenden Trash. Ein ausgeprägt ästhetisches Saxophon-Solo erbaut „Touch her soft lips...“. Ebenso mit Streichern und sinfonischem Touch sowie tänzerischer Leichtigkeit hat danach Dupplers Komposition „Mezzanine“ wenig mit dem gleichnamigen, düster wirkenden Hip-Hop-Klassiker der Gruppe „Massive Attack“ zu tun. Da höre ich doch lieber Eurotrash.
 

Klaus Mümpfer
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Florian Poser Vibes Trio plus Cezary Paciorek
Celestial Encounter
Acoustic Music Records Best.Nr. 319.1412.2

Die Liebe des deutschen Vibraphonisten Florian Poser zur lateinamerikanischen Musik ist seit vielen Jahren ungebrochen. Nach dem Erfolg mit „Brazilian Experience“ schien es unvermeidlich, dass jemand auf die Idee kam, Poser mit einem Akkordeonisten zu verbandeln. Verwunderlich ist es eher, dass der Vibraphonist nach eigenen Worten erst durch Christian Schröder, den Veranstalter der Konzertreihe „Jazz im Himmelreich“ zu dieser musikalischen Kombination angeregt werden musste.

Der junge, aus Danzig stammende Pole Cezary Paciorek ist zwar kein Südamerikaner, doch sein Spiel auf dem Akkordeon ist durch und durch latingetränkt. In der seltenen Kombination von Vibraphon und Akkordeon entsteht so in swingender und beschwingten Mainstream aus Jazz und Latin, der zwischen virtuosen, rasenden Läufen und sensiblen, beseelten Balladen auf den beiden Hauptinstrumenten pendelt.

Neben Poser und Paciorek sind am Bass Oliver Karstens und am Schlagzeug Thomas Hempel zu hören. In der Abmischung des Live-Mitschnitts aus Münster im März vergangenen Jahres stört mich allein das zu aufdringlich im Vordergrund stehende Schlagzeug. Da werden die kurzen nahezu perfekten Unisono- und mehrstimmigen Passagen von Akkordeon und Vibraphon zu leicht dominiert. Reiner Wohlklang ist das sanfte und getragene Titelstück am Ende des Konzertes – ein Duett, das eines Himmelreichs würdig ist.
 

Klaus Mümpfer
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Fraucontrabass
Saal 3
Klangraum KRR 046

Duos sind mit ihrer sensiblen Kommunikation besonders anfällig für jeglich Form des musikalischen Missverständnisses. Es bedarf also besonderer Einfühlsamkeit, um bestehen zu können. Eine weibliche Stimme und ein männlicher Kontrabass (so die Promotion) verdienen in dieser Kombination wegen ihrer Alleinstellung besondere Aufmerksamkeit. Das Duo „Frau Contra Bass“ hat diese Beachtung verdient.

Katharina Debus und Hanns Höhn durchforsten die Songwelt des Jazz, Soul und Pop und interpretieren die Kompositionen in neuer, mit Überraschungen durchsetzter Form. Virtuos moduliert die Sängerin ihre helle und klare Kopfstimme. Sie setzt sie instrumental ein wie in „Too high“ oder mit sanftem Balladenton wie im nachfolgenden „Shake off“. Sie kann aber auch „schmutzig rau“ wie in „Joker“ intonieren oder gar näselnd sirren. Hanns Höhn ist ihr in all diesen Experimenten ein einfühlsamer Duo-Partner, der seinen Bass mal swingend gradlinig marschieren lässt oder mit sparsamen Akkorden wie in „Take me home“ sowie mit harmonischen Wendungen und Verzierungen die Melodielinien variiert. Die Intro zu „As if you read my mind“ steht für dieses Können ebenso wie das Solo in „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ – ein Lied, das dank der Emotionalität und Ausdruckskraft der Sängerin hervorzuheben ist . Das Duo bringt, wie Höhn zu Recht sagt, die anderen Seiten der Songs zum Funkeln.
 

Klaus Mümpfer
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the norwegian wind ensemble (Leitung: Maria Schneider, Solist: Arve Henriksen)
Sketches of Spain / one night at he opera
Norwind records 2009 (DVD)


Im ersten Moment mag es verwegen anmuten, sich als Trompeter der „Sketches of Spain“ anzunehmen, da jeder Jazzfan die Aufnahme mit Miles Davis und dem Orchester von Gil Evans von 1959/1960 für immer im Ohr hat. Doch es verbietet sich, Miles Davis mit dem 1968 geborenen Trompeter Arve Henriksen zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind die Personalstile. Zudem haben sich Zeit und Musikauffassung fortentwickelt. Henriksen bläst seine Soli brüchiger, zärtlicher, heiserer, ja emotionaler als der legendäre coole Miles. Im direkten Vergleich spricht mich die Interpretation des Norwegers stärker an.
Die zweifache Grammy-Gewinnerin Maria Schneider leitet „the norwegian wind ensemble“, eigentlich ein Klassik-Orchester mit vorzüglichen Edvard-Grieg-Einspielungen, mit sicherer Hand und lässt ihm so weit die Zügel, dass es den höchst komplizierten und dennoch fließenden Evans-Arrangements neue Facetten hinzufügen kann. Wie Henriksen, unter anderem Mitglied der international renommierten Gruppe Supersilent, Erfahrungen im freien Spiel und der Avantgarde sammelte, arbeitete das Norwegian Wind Ensemble bereits mit Jazzern wie Bobby McFerrin und Nils Landgren zusammen.

Der DVD-Mitschnitt vom Konzert anlässlich des Jazzfestivals in Oslo ist aufnahmetechnisch akustisch im Multistereo-Sound einwandfrei, stößt aber bei der Kameraführung an Grenzen, wenn ein Solist so stark vor dem Orchester hervorgehoben werden muss. Kurzweiliger ist sie bei der fünfminütigen Spontan-Improvisation Arve Henriksens, bei der die kreative Potenz dieses Musikers übrigens stärker noch als bei den vorhergehenden „Sketches“ zu faszinieren vermag. Ergänzt wird diese uneingeschränkt empfehlenswerte Aufzeichnung durch ein Interview mit Maria Schneider vom 13. April 2008 in New Nork, in dem sie unter anderem erzählt, wie sie von dem Gesang der Vögel im Central Park inspiriert wird.

 

Klaus Mümpfer
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Phoenix Foundation & Lars Reichow:
„Lachst Du noch oder swingst Du schon“
Kontakt und Bestellung: www.larsreichow.de, www.phoenixfoundation.de

Der Big Band Sound ist kompakt und rund, der Bläsersatz druckvoll und zupackend, die Rhythmusgruppe legt ein swingendes und stützendes Fundament. Wer „Funky Sea, Funky Dew“, „High Maintenance“, „Ellingtons „C-Jam Blues“ oder gar Parkers „Au Privave“ hört, wird nicht vermuten, dass da ein Jugendjazzorchester spielt. Die „Phoenix Foundation“ hat unter der Leitung des Komponisten, Arrangeurs und Trompeters Frank Reichert einen Reifegrad erreicht, der Bewunderung abfordert.
Auf der neuen CD, die das Jugendjazzorchester Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem „Klaviator“ unter dem Titel „Lachst Du noch oder swingst Du schon“ eingespielt hat, lässt die rhetorische Frage des Pianisten und Kabarettisten Lars Reichow nur eine Antwort zu: Beides ist in dieser Kombination selbstverständlich. Coole und lässige Unterhaltung verspricht der Covertext dieses Live-Mitschnitts aus Mainz völlig zu Recht.
Die Zwischenmoderationen Reichows sind gespickt mit hintergründiger Ironie. Die Mitglieder der Bigband bestechen mit ausgereiften und technisch tadellosen Soli. Das gilt für die High-Note-Ausflüge der Trompeter ebenso wie für die groovenden Läufe der Bassisten und Gitarristen – oder das Piano-Solo in Parkers „Privave“. Die routinierte Satzarbeit lässt keine Mängel im „time“-Spiel erkennen. Es ist wohl auch der Spielfreude zu verdanken, dass die komplexen und teils schwierigen Arrangements so leicht klingen. Mit seinem optimistischen Vokalstück „Glücklich in Deutschland“ aus der eigenen Feder beschließt Lars Reichow diese uneingeschränkt empfehlenswerte Einspielung.

 

Klaus Mümpfer
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Ron Carter
Jazz & Bossa
Blue Note Records 50999-2-28104-27

Mit 71 Jahren blickt auch ein Jazz-Gigant offensichtlich gerne zurück. Nachdem der Bassist Ron Carter seinen früheren Bandleader Miles Davis mit einem auserwählten Programm und einer glanzvollen Tournee gewürdigt hat, ist Carter im Sommer 2009 mit einem Rückblick auf seine Zusammenarbeit mit Antonio Carlos Jobim und einem Bossa-Nova-Repertoire auf Reisen. Vorab hat der Senior am Kontrabass eine CD „Jazz & Bossa“ eingespielt, auf der er alte Bekannte versammelt. Mit von der Partie sind neben dem in vielen Stücken klangdominanten Tenorsaxophonisten Javon Jackson, dem Perkussionisten Rolando Morales-Matos und dem Pianisten Stephen Scott der famose Drummer Portinho und der virtuose brasilianische Gitarrist Guilherme Monteiro.
Unbeschwert und virtuos swingt das Ensemble in den tänzerischen Latin-Rhythmen, belebt Klassiker wie Jobims „Chega de saudade“ und „Wave“, aber auch frühere Kompositionen Carters wie „De Samba“ und „Ah Rio“ mit neuem Feuer.

Hinzu kommt eine Besonderheit, die das Album aus der Reihe von Bossa Nova-Einspielungen zum 50. Jahrestag des Durchbruchs dieser Musik hervorhebt: Es sei das Konzept dieser CD, von einer größeren Gruppe und einem vollen Sound – des Sextetts in „Salt Song“ zu immer kleineren Besetzungen zu kommen, um schließlich mit einem Solo-Spiel des Gitarristen Monteiro in „Saudade“ zu enden, schreibt Carter im Booklet. In diesem Reigen genießt der Hörer faszinierenden Dialoge zwischen dem Bassisten und dem Gitarristen, Ruf-Antwort-Spiele von Jackson und Scott sowie beseelte Ausflüge Carters auf den Saiten seines singenden Kontrabasses.

Die CD „Jazz & Bossa“ ist eine Preziose der zeitlosen und ästhetischen Verbindung von brasilianischer Folklore und inzwischen klassischem Jazz - ein wahrer Hörgenuss.
 

Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling Trio
Cruisen
Jazz`n`Arts / Soulfood JnA 4109

Eigentlich ist es müßig, über den Trompeter Thomas Siffling und seine Musik viele Worte zu verlieren. Sein warmer, melodiöser und beseelter Ton prägt die Interaktionen des bewährten Trios mit dem Bassisten Jens Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller auch dann, wenn er den Partnern viel Freiraum lässt. Ein Genuss sind unter anderem die harmonisch erfindungsreichen Bass-Soli. Auf seinem zweiten Konzeptalbum mit dem Titel „Cruisen“ hat Siffling zusätzlich Xaver Fischer mit seiner Wurlitzer und die Sängerin Veronica Harcsa eingeladen. Im Titelstück verstärkt das Wurlitzer Keyboard mit perlenden Klängen den relaxten Sound, der die gesamte Einspielung prägt. Und „One hand clapping“ verrät deutlich, wie stark der frühe Miles Davis den jungen Trompeter aus der Rhein-Neckar-Region beeinflusst hat.
„Cruisen“ wird erneut als Konzeptalbum angepriesen. Im Booklet empfiehlt der bekennende Sportwagen-Fan Siffling neun romantische und gourmet-gerechte Autorouten in Deutschland und den europäischen Nachbarländen. Wenn auch musikalisch das Konzept etwas bemüht erscheint, so kann man sich durchaus vorstellen, bei dieser loungigen und groovenden Musik, die dem Pop nahesteht, ohne jedoch die Jazz-Wurzeln außer Acht zu lassen, im offenen Cabrio die Routen abzufahren. So entspannend fließen die Klänge dahin. Die dunkle und erotische Stimme der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa steht dabei in reizvollem Kontrast zu den meist hellen und transparenten Trompetentönen des Bandleaders. Siffling ist es auch mit diesem Album gelungen, leicht verdauliche und marktorientierte Musik zu machen, ohne am hohen künstlerischen Niveau Abstriche zuzulassen


 

Klaus Mümpfer
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S:U:M
f-l-o-w
Vertrieb: allofjazz.com

Die einleitenden, zugespielten 17 Sekunden „Switch on the Coffee-Machine“ sind eher ein Gag als ein musikalischer Beitrag dieser im Mainstream schwimmenden Mixtur aus Jazz, Pop, Rock und Lounge-Sounds. Die Musik ist gefällig und fließt – wenn auch über einige wirbelnde Stromschnellen. Pianist und Produzent Sigi Dresen zeigt sich versiert in meditativen Single-Notes ebenso wie in sperrigen Akkordläufen etwa in „Mysteriums-Abteilung“, Bassist Arnd Geisen reißt die Saiten knochentrocken und spielt den E-Bass flink in melodischen Läufen wie eine Gitarre, während Niels-Henrik Heinsohn das Drum-Set pulsieren lässt. Die Stücke leben von dynamisch gestuften Spannungsbögen mit magisch wirkenden Ostinati, von gefühlvollen, anheimelnden Passagen wie in „Feel“. „f-l-o-w“ ist alles in allem eine Einspielung, die keine Überraschungen bereit hält, wobei Dresens Kompositionen „Glowing Cave“ und „Circles“ stärker in der Tradition verwurzelt sind als die Bearbeitungen fremder Stück. Dennoch vermögen sie dank der interpretatorischen Kreativität der Musiker alle mitzureißen, werden in den Soli ebenso wie im sicheren und sensiblen Zusammenspiel dreier gleichberechtigter Partner dem Anspruch der „Triokratie“ gerecht.


 

Klaus Mümpfer
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Chet Baker / Wolfgang Lackerschmid
Artists Favor
Hipjazz 004

Wie unaufgeregt spannend Jazz auch nach gut drei Jahrzehnten klingen kann, belegen die Aufnahmen aus der Zusammenarbeit des damals 50 und fast 60-jährigen Trompeters Chet Baker mit dem beim ersten Treffen noch jungen, gerade mal 23-jährigen, deutschen Vibraphonisten Wolfgang Lackerschmid. Die Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1979 und 1987 dokumentieren eine musikalische Seelenverwandtschaft der so ungleichen Musiker. Auf der einen Seite der typische fragile lyrisch-melancholische Ton des Trompetenspiels, auf der anderen der filigrane, gläserne und transparente Klang des Vibraphons. So entsteht eine Musik von zeitloser Ästhetik, relaxed, beseelt und stimmungsvoll. Sie vereint intellektuelle Logik und emotionale Tiefe.
Wie groß Vertrauen und Respekt des Älteren in die Interaktionen des Jüngeren waren, belegt die Auswahl der Kompositionen, die bis auf zwei – darunter natürlich eine Version von „Softly, as in the morning sunrise“ – aus der Feder Lackerschmids stammen, „Dessert“ ist sogar eine Gemeinschaftsarbeit von Baker und Lackerschmid.
Bei den Aufnahmen vom August 1987 sind neben anderen auch die Bassisten Günter Lenz und Rocky Knauer, bei einer Einspielung von 1979 der Gitarrist Larry Coryell, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Tony Williams zu hören. Die weiteren Aufnahmen aus diesem Jahr bestreiten der Trompeter und der Vibraphonist in leisen und traumhaft schönen, melodischen Duos, die die Seele einspinnen. „You don´t know what love is“ war eine spontane Aktion für den Soundcheck und erschien den Musikern so gelungen, dass es für die Veröffentlichung behalten wurde. Es waren, so Lackerschmid, die ersten Noten, die die beiden Musiker zusammen spielten. Ein Glück, dass es nicht dabei diesem Versuch geblieben ist.

 

Klaus Mümpfer
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Meric Yurdatapan
The Great Turkish Songbook
housemaster records LC 05699

Meric Yurdatapan, die bereits mit der Gruppe Mericimsi türkische Musik und Jazz auf originelle Weise verknüpfte, ist konsequent einen Schritt weiter gegangen: Auf ihrem zweiten Album interpretiert sie seelenvoll und inspiriert die klassische türkische Musik, die auf alte osmanische Hofmusik zurückgeht und verleiht ihr mit jazzigem Akkordgefüge sowie Rhythmik Tiefe und Fülle, die die Lieder von der Einstimmigkeit der osmanischen Kunstmusik befreien. So umranken sich der typische, etwas schwermütig wirkende Gesang mit seinen koloraturähnlichen, melismatischen Passagen und den wie Schleiftöne wirkenden Minimalintervallen in der orientalischen Tonleiter sowie die jazzige Instrumentalisierung mit einem perlenden Piano von Ulrich Bareiss, den fesselnden, harmonisch reizvollen Basslinien von Florian Werther und dem swingenden Schlagzeug von Axel Pape. Dass in der osmanischen Klassik unter anderem neben arabischen auch jüdische Einflüsse verarbeitet wurden, belegt die Komposition „Ben gamli hazan“. Viele der traditionellen und zu neuem Leben erweckten Kompositionen sind bittersüße oder sehnsuchtsvolle Lieder von der Liebe zu Personen oder etwa zu dem Istanbuler Stadtteil Kalamis. (Alle Liedtexte sind im Begleitheft im türkische und englischer Sprache nachzulesen.)

„The Great Turkish Songbook“, so der Titel der neuen CD, ist für die in Wiesbaden lebende und in Istanbul aufgewachsene Türkin eine Zeitreise in ihre Jugend, in der sie den Gesängen ihrer Großmütter lauschen durfte. Diese Musik sei, wie Meric Yurdapan sagt, „die Heimat meines Herzens“. Das hört man jedem Wort, jeder Silbe, an, die sie mit klarer und ausdrucksreicher Kopfstimme vorträgt. Dass die Sängerin die komplizierten Strukturen der Melodiebildung „makam“ und komplexer Rhythmik „usul“ vereinfacht, macht die Musik trotz der exotischen Klangfarben und Stimmungen für das westliche Ohr eingängig. Türkische Vokal-Klassik und Instrumental-Jazz verbinden sich auf faszinierende Weise, ohne dass eine der Seiten ihren Charakter aufgeben muss.

The Great Turkish Songbook“ ist kein World-Jazz im herkömmlichen Sinn, sondern eine völlig eigenständige Musikausprägung, die von Mal zu Mal mehr gefangen nimmt.
 

Klaus Mümpfer
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Ditzner Lömsch Duo
Schwoine
fixcel records 001

Lehmann + Ditzner
Klingeltöne
fixcel records 000

Eigentlich fängt es ganz harmlos an: Ein fein swingendes kleines Schlagzeug, eine melodisch klingende Klarinette – so richtig anheimelnd, auch wenn das Instrument zwischendurch leicht überblasen wird. „Up from the skies“, jene Nummer von Jimi Hendrix, eröffnet die CD „Schwoine“ des Duos Erwin Ditzner und Bernd Lömsch Lehmann. Ein sanfter Ausklang.

Doch anschließend geht es zur Sache. Das Saxophon attackiert, das Schlagzeug setzt akzentuiert den Beat. „Die Maske“ so auch der Titel, wird gelüftet. Lömsch Lehmann lässt das Instrument aufschreien, während der Rhythmus noch stupend durchläuft. In „Nguruwe“ ist die Maske dann endgültig gefallen. Der Saxophonist malträtiert das Bariton, gurgelt, kreischt, stöhnt, schnattert und seufzt in aggressiven Stakkatoläufen. Ditzner setzt mit einem pulsierenden Drumspiel die Basis, auf der Lehmann sich in Free-Explosionen austobt – paradoxerweise kontrolliert und strukturiert – so wie man es etwa von Peter Brötzmann kennt. Freier-Jazz ja – reiner Free-Jazz wie ihn Musiker in den 60er Jahren mit der Negierung aller harmonischer und rhythmischer Bindungen gemeint haben, ist dies dennoch nicht.

Die Musik des Duos ist auf faszinierende Weise doppelbödig: Treibender Groove und raffinierte Melodiebearbeitungen wie in „In A Gadda Da Vida“ oder „Leon P.“ sind Belege für einen souveränen Umgang mit der freien Improvisation und deren Einbindung in ein dialektisch geformtes Konzept der dreifachen Aufhebung: Aufheben im Sinn der Auflösung überholter Bindungen bei gleichzeitigem Bewahren von Bewährten und Aufheben des so Gewonnen auf eine neue künstlerische Ebene.

Noch ausgeprägter ist dieses Konzept auf der CD „Klingeltöne“ mit seinen erbaulichen und skurrilen Kurzmusikstücken. Nur jeweils wenige Takte lang schnattern Saxophon und Klarinette, rhythmisiert Ditzner die unterschiedlichsten Percussionsinstrumente. Zitate zwischen Neuem – ob der Hörer der Empfehlung folgt und mit diesen Improvisationskürzeln als Klingeltöne auf dem Handy die Welt beglückt, darf bei allem Witz und Reiz dennoch bezweifelt werden.
 

Klaus Mümpfer
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Community
What´s your dream
Trion, LC 06878

Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Ökonomie. Er setzt selbst in schnellen kruzen Stakkatoläufen auf dem Flügel keinen Ton zu viel, ist immer ein nachdenklicher Spieler gewesen. Auch in dem neuen Quartett „Community“ pflegt er diese Tugend. Ob im Duo mir dem mal sensiblen, mal expressiven Trompeter Valentin Garvie (er bläst in Degens „Suite“ die im Jazz selten eingesetzte hohe Bachtrompete) oder mit dem harmonisch wendungsreichen und nie um Einfälle verlegenen Bassisten Ralf Cetto, mit seinen locker perlenden Klaviereinlassungen drängt sich Degen nie in den Vordergrund. In seiner Suite überschreitet der Pianist im Zwiegespräch mit dem pulsierenden Schlagzeuger Uli Schiffelholz (auch im absschließenden „Upstart 2“ die Grenze zu rhythmisch und harmonisch freieren Jazzläufen, um im anschließenden „Herbstwind“ nach einer eher lyrischen Passage vehement drivend mit Garvie zu swingen. „Universal Language“ wiederum belegt, dass Degen und Garvie im Bebop verwurzelt sind und Cetto zupft nach seinen begleitenden walking-Bass-Linien eines jener melodischen Soli, die von ästhetischem Feingefühl zeugen. Ähnlich melodische Ambitionen beweist Uli Schiffelholz beim Titel gebenden „What´s your Dream“ in einem Solo mit einem sorgfältig abgestimmten Drumset, bevor die Komposition mit einem sanft verwehenden Trompetenspiel ausklingt. Die CD des Quartetts mit dem älteren Bob Degen und seinen jungen Mitmusikern wird dem Gruppennamen gerecht. Dies ist eine Einheit gleichberechtigter Partner, famos aufeinander eingestimmt, jeder mit eigener Persönlichkeit und dennoch in kollektiven Spirit aufgehend. Die Musik bewegt sich zwischen Bebop bis Free, über das spanisch-inspirierte „Eso es“ in pulsierender Rhythmik bis zu sanfte Balladen wie „Für E.S.“ und fesselt vom ersten bis zum letzten Ton.

Klaus Mümpfer
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Annedore Wienert / Peter Wegele
Necessarily Two
Fluxx, LC10214

Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt interpretiert auch die Oboistin Annedore Weinert die Wegele-Komposition „Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue Klangfarben ins Spiel.

Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen, manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn. Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante Klangfarben.

Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet. „Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche. Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes Hörerlebnis.

Klaus Mümpfer
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Charles Davis & Captured Moments
Pathways
TSEE 408-0025

Die Flöte flirrt in „Blues for Saliba“, das der australische und am Bodensee lebende Flötist Charles Davis dem libanesischen Maler Saliba Douaihy gewidmet hat. Mal überblasen, mal in einem langen Lauf geradeaus voraneilend, treibt Davis den straight marschierenden Kontrabass, auf dem Steffen Hollenweger zwischendurch ein kurzes und harmonisch ausgefeiltes Solo vorlegt, sowie die perlenden Linien der Gitarre von Sven Götz in diesem Up-Tempo-Stück voran. Gleich darauf greift Davis zur Kontrabassflöte, ein Instrument, das eher percussiv, denn als Melodieinstrument eingesetzt wird, um mit überblasenen Harmonien, pfeifenden Lauten und Schleiftönen sowie in grummelndem Bass in „Flendrix“ dem Gitarristen Jimi Hendrix die Ehre zu erweisen. Im Allgemeinen jedoch herrscht auf der CD „Pathways“ kammermusikalische und getragene Stimmung vor – sanfte Lyrik und melodische Verspieltheit.

Charles Davis´ Vorliebe für indische Klassik sowie Balkan-Folklore ist in den Einspielungen der Gruppe „Enchala“ ebenso unüberhörbar und bestimmend wie in dieser neuen Aufnahme seines Trios „Captured Moments“. „Almost a Raga“ steht für die eine Ausrichtung, „Balkan Dance“ für die andere.  Die Flötentöne verschmelzen mit der Gitarre, auf der Götz die in „El Sheik“ Flamenco-Adaptionen mit arabischen Einflüssen anreichert. Davis bläst die Flöten zwar meist in ruhigen und langgezogenen Melodiebögen, setzt die Instrumente aber auch oftmals percussiv akzentuierend ein. Das Fundament liefert mit einer fast zu starken Zurückhaltung der Bass.
Das Spiel des Flötisten ist ebenso unverwechselbar wie seine Kompositionen, die trotz der musikalischen Kontinuität über viele Jahre hinweg, immer wieder gefangen nehmen.

 

Klaus Mümpfer
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Andreas Hertel Quintett
My Kind of Beauty
Klangraum Records KRR 036

Andreas Hertel ist kein Revolutionär., doch man sollte seine konventionell anmutenden Kompositionen nicht unterschätzen. Beim genaueren Hinhören entdeckt der Zuhörer geschickt verarbeitete Erfahrungen des freien Spiels, die vor allem in den Soli und Tutti mit dem Bläser Steffen Weber am Saxophon und in den attackierenden Bop-Läufen des Trompeters Heiko Hubmann, aber auch in n Kollktiven wie in „Hallo Kind“ mitklingen. Zudem gelingt es dem Komponisten und den Musikern im Unisono- sowie im mehrstimmigen Spiel reizvolle Klangfarben zu zaubern, beeindruckend etwa in „Wellen“. Die Stücke pendeln zwischen Straight-Ahead-Up-Tempo und verspielten, langsamen Balladen- so dem Jazzwalzer „Snow Day“. Ein beseeltes Duo zwischen sparsamen Pianoeinwürfen und dem harmonisch reizvollen Solo des Bassisten Florian Werther wird abgelöst durch ein klangfarblich ansprechendes Solo des Saxophonisten Weber, der dann in ein einander umspielendes Duo mit Hubmann eintritt. Axel Pape liefert zu all diesen Stücken eine unaufdringliche, aber stützende Percussionsbasis. So klingt moderner und zugleich zeitloser Jazz mit Aussagekraft und Tiefgang.
 

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Jürgen Wölfer
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
Hannibal Verlag 2008
ISBN 978-3-85445-274-4

Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ ist ein wahrhaft gewichtiges Werke. Es enthält auf einer nicht angegebenen Seitenzahl immerhin 1 675 Einträge von Michael Abene bis Walter Zwingemann, auch wenn das Versprechen des Verlages, alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute zu nennen, nicht eingehalten werden kann. So fehlen — um nur zwei Beispiele zu nennen - der aus Mainz kommende und mit dem Henessey-Jazzpreis ausgezeichnete Bassist Christian von Kaphengst oder der Mannheimer Jazzpreisträger Steffen Weber, dafür werden recht neue Stars wie der Trompeter Nils Wülker oder eher regional bekannte Jazztalente wie der Posaunist Christoph Thewes vorgestellt. Die Zahl der professionellen Musiker und Musikerinnen ist in den zurückliegenden Jahrzehnten beträchtlich angewachsen — gefördert durch die Einrichtung von Jazz-Studiengängen oder Hochschulen, so dass es in der Tat unmöglich ist, alle Jazzer und mit der Jazzszene befassten Personen in Deutschland nennen zu.

Autor Jürgen Wölfer, der seit mehr als 20 Jahren in der Schallplattenbranche arbeitet hat eine immense Fleißarbeit geleistet. Er ist bescheidener als der Verlag, wenn er von einem Versuch spricht, den Jazz in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart in Lexikonform darzustellen. Dabei hat er gerade bei der sorgfältigen Bearbeitung der Jazzmusik in der früheren DDR zahlreiche Lücken geschlossen.

Da es um die Darstellung dieser Musik in Deutschland und nicht um deutsche Jazzer geht, haben eine Reihe ausländischer Musiker , die zeitweise oder für immer in Deutschland spielten, Aufnahme in das Werk gefunden. An erster Stelle sind der Saxophonist Charlie Mariano, der Pianist Mal Waldron oder der Posaunist Eje Thelin zu nennen. Ebenfalls im lexikalischen Teil führt Wölfer Plattenfirmen, Einrichtungen wie das Darmstädter Jazz-Institut und dessen Leiter Wolfram Knauer, Jazz-Kritiker und Autoren, Jazzfestivals wie das Berliner Jazzfest sowie Veranstaltungsreihen wie „Jazz at the Philharmonic“ (JatP) auf.

Im Anhang ist eine chronologische Diskografie der Jazz-Einspielungen des Labels Amiga von 1947 bis 1991 zu finden.

Die 29,90 Euro für diese umfangreiche Fundgrube für Sammler und Historiker sind gut angelegtes Geld. Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ aus dem Hannibal-Verlag sollte jeder Fan in seinem Bücherschrank stehen haben.


 

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Caroline Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches
Phonector LC 13752

So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt, leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.

Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD „Jazzscetches“ – verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso zuhause fühlt wie bei Gershwin und Jarrett.

In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden, manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die „Jazzscetches“ tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im positiven Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos unter
www.caroline-wegener.de


 

Klaus Mümpfer
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Steffen Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff
Laika Records 3510239.2

„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt seinen Zweck.

Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers stammen.

Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr. Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape, überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.

Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel, Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag, der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in „Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.

 

Klaus Mümpfer
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Hops, Radtke, Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche
Radau Records 071125

Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich: carteblanche@freenet.de

Diese CD ist ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit gleichstellen darf. „Carte Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen Carsten Radtke, dem Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und Klarinettisten Christoph Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard Schilde sowie dem Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die Einspielung. Dabei swingt das Quintett mal im modernen Mainstream, pulsiert später im radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der zeitgenössischen E-Musik. Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme aus der Feder Schneiders, bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen auf, klingen teils melodisch und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch schwebend, können aber auch durch anarchische Kollektive erregen. Klangfärbend ist die zumeist die Gitarre, bei deren Spiel die Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in Erstaunen setzt – ganz gleich, ob er perlende Läufe oder suchende Single-Note-Kürzel zupft, akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow Klangflächen ausbreitet. Vom Free-Geschnatter auf Saxophon und Klarinette bis zu singbaren Linien reicht die Ausdrucksmöglichkeit Reiserers, wie auch Schilde auf den Tasteninstrumenten mit Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen oder wie im Opener mit einer hintergründigen elektronischen Soundfläche besticht. Peter Hops kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene. Nahezu klassisch ist ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er flexibel, aber Akzente setzend die rhythmische Basis oder lässt sein Percussions-Set in den freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten entdecken.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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