Aktuell  |  04  |  03  |  02  |  01 

Cassandra Wilson:
Belly Of The Sun
Blue Note, 2002  

Cassandra Wilson hat in den letzten Jahren ein Reihe perfekt produzierter Alben herausgebracht. Die 47-jährige Sängerin mit der markanten dunkel gefärbten Stimme balanciert auch auf dieser Scheibe gekonnt zwischen den Genres: eine Prise Jazz, etwas Folk, ein bisschen Pop und diesmal eine ordentliche Portion Blues.
In einem ausrangierten Eisenbahn-Depot wurden die meisten der 13 Titel eingespielt. 
Sie hat sich auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit begeben und die Musik des Mississippi-Deltas zum Thema der Platte gemacht.Gut vorbereitet, die Gegend auf musikalischer Spurensuche bereist, Gespräche geführt die Atmosphäre des sonnigen Deltas auf sich wirken lassen und neben bewährten Mitspielern auch regionale Musiker wie den über 80-jährigen Boogaloo Ames zur Aufnahmesession geladen. Das Ergebnis ist eine in sich stimmige Produktion, auf der sich die Sängerin einmal mehr als ausdrucksstarke und beeindruckende Sängerin beweist.

fs

 

Jutta Glaser & Bernhard Sperrfechter
Little Girl Blue

Jazz'n'Arts Records, 2002


Gelegentlich, man sitzt in einem besonders anregendem Konzert eher lokal bekannter Größen, denkt man sich, daß es doch eigentlich eine recht sinnvolle Tätigkeit wäre, ein Plattenlabel zu gründen und diese schöne Musik auf CD zu bannen. So ging es mir vor etwa einem Jahr in einem Konzert im Mannheim Lagerhaus. Jutta Glaser, Bernhard Sperrfechter und Erwin Ditzner spielten ein exzellentes Konzert. Eine Handvoll Leute im Publikum und der Gedanke im Kopf des Rezensenten, daß so etwas Schönes einfach weiter verbreitet werden muß.

Wie gut, daß andere solch ein Projekt tatsächlich in Angriff nehmen und realisieren – höre da: auf einmal tönt aus den Boxen tatsächlich Jutta Glaser von einer CD mit dem Titel "Little Girl Blue", eingespielt als Duo-Platte mit Sperrfechter.

Wenn die eher pop-orientierte Beifahrerin neugierig fragt, was sich jetzt gerade im CD-Player dreht, dann muß natürlich gleich befürchtet werden, daß wir es hier möglicherweise nicht mit dem wahren und guten Jazz zu tun haben...

Ist es also das, was man sich selbst von so einer Einspielung erhofft hätte? Besser!

Jutta Glasers Stimme hat einen jugendlichen Charme, ist angenehm vibratoarm und sie ist in eher rockorientieren Stücken genauso zuhause wie im Blues oder klassischen Jazz-Balladen. Sperrfechter’s Gitarrenbegleitung ist eigenständig und unterstützt doch immer den Ausdruck der Stücke und von Jutta Glasers Gesang. Sein Spektrum reicht von drängenden akustischen Akkord Gewittern  bis zu zärtlich-lyrischen Melodielinien immer kommunikativ und immer einfallsreich.

Die beiden Musiker können tun – und sie nutzen diesen Freiraum – was auf den Platten etablierter Sängerinnen großer Labels längst nicht mehr möglich ist: Experimentierfreude ausleben und stilistische Grenzen fröhlich ignorieren. Das Spektrum reicht vom Van Morrison Klassiker "Moondance" über einen estnischen Tanz bis hin zum Blues, ein witziges Stückchen über einen Betonmischer oder die Entführung in einen imaginären Urwald mit allerlei Vogelstimmen inklusive. Kleine Studiotechnische Spielchen passen sich unauffällig positiv in die akustische Platte ein und der Gastauftritt von Deutschlands bestem Schlagzeuger  Erwin Ditzner (keine Protest-Mails bitte ;-) ist natürlich einer der Highlights dieser Platte.

Das schönste zum Schluß: wenn Jutta Glaser und Bernhard Sperrfechter "Somewhere Over The Rainbow" im Duo spielen, dann wird aus einer tausendfach abgenudelten Ballade einfach wieder nur zauberhafte Musik.

fs

 

Scrooge
Scrooge

Noiseworks Cassiber

Vorsicht Jazzrock! ...ist jedenfalls meine Devise, wenn mir ein entsprechendes Scheibchen in den CD-Player flattert. Eigentlich schon seit 20 Jahren überholt. Endlose, fragwürdige Gitarrensoli drohen, das ganze in diesem Wischi-Waschi Stromgitarren-Sound mit reichlichst Hall. 
Ja, auch hier gibt es wohldosiert sphärische Sounds - aber es passt! Die Debüt-CD (?) der Gruppe Scrooge ist rundum hörenswert.  Das Quartett um den Saxophonisten Andy Großkopf, mit Oliver Schmidt (gt), Friedrich Kienle (b) und Alexander Beyer (dr) spielt intelligenten Jazzrock mit großen Bögen. Die vier interpretieren durchweg originelle Eigenkompositionen, vor allem von Andy Großkopf, und es fällt auf, wie behutsam die Musiker diese Stücke sich entwickeln lassen. Eine traumwandlerische Balance zwischen knackigem "zur Sache gehen" und ruhigen Grooves getragen vor allem von Friedrich Kienle's fettem E-Bass-Sound. Empfehlenswert.

fs

Übrigens: optisch sehr gelungene Website: http://www.psychoustic.de/

 

Jocelyn B. Smith
my christmas experience
Edel

Eine besonders gelungene Weihnachtsplatte präsentiert Jocely B. Smith. Bekannt als Sängerin ohne Berührungsängste (H. Juhnke, König der Löwen...) macht sie sich mit einem musikalischen Augenzwinkern an das Weihnachtrepertoire heran. Ob es die englische Version von "Herbei, oh ihr Gläubigen" im Reggea-Rhythmus ist, packende Gospelsongs, "We wish you a merry christmas" in einer Version, die Tom Waits sofort als eine eigene erkennen würde oder eine anrührende a-capella-Fassung von Amazing Grace - das ist alles gut gelungen und für einen breiten Hörerkreis kompatibel. Eine wirklich nette Platte, die niemanden aus der Familie unterm Weihnachtsbaum vertreibt.

fs

 

Wolfgang Mitschke
Sundance

TMK

Wolfgang Mitschke präsentiert sich auf seiner aktuellen CD als wahrer Allrounder. Das Repertoire reicht von Parker über Monk, Bill Evans und Miles Davis bis Wolfgang Mitschke. Die Platte ist komplett von ihm eingespielt, neben seinen Hauptinstrumenten Schlagzeug, Piano und Keyboard hat er sich auch die Baß-Parts nicht nehmen lassen und in "Some Day My Prince Will Come" greift er sogar zur harmonica. Mitschke erweist sich als einfallsreicher und improvisationsstarker Keyboarder. Die Coverversionen werden durch seine Piano-lines zu typischen "Mitschke-Arrangements" - ein Sound zum Wiedererkennen. Es wäre sicherlich ein interessanter Schritt, wenn Wolfgang Mitschke bei den nächsten Platten in einem Live-Umfeld mit Begleitmusikern spielen würde, die spontane Interaktion ist vielleicht das, was der Platte als I-Tüpfelchen fehlt.

fs

 

Gabriel Perez
Alfonsina / música argentina vol. 2

jazz4ever 4751

Eine der schönsten Platten, die mir in diesem Jahr untergekommen ist. Warum? Wunderbare Melodien und luftigleichte südamerikanische Rhythmen, das ganze mit größter Spielfreude von G. Pérez,sax,cl,fl; Jürgen Friedrich, p; Volker Heinze, ac b; Afra Mussawisade, perc und den Gästen Quiqe Sinesi, gt, Jürgen Neudert, tb und dem Arte String Quartet präsentiert. Genau das richtige Gegenmittel für trüb-kalte Herbsttage - da passt auch ein eingestreuter, etwas schwermütiger Tango Nuevo...
Viel mehr will ich gar nicht dazu sagen - die Soundclips seien wärmstens empfohlen ;-)

fs

 

David S. Ware
Surrendered

Columbia CK 63618, rec. 2000

David S. Ware Quartet
corridors & parallels

AUM Fidelity, rec. 2001

David Spencer Ware ist vermutlich der Saxophonist, der das Coltrane'sche Erbe bis zum heutigen Tag am intensivsten weiterträgt. Mit seinen Mitmusikern im  Quartet Matthew Schipp, piano (synth. auf corridors & parallels) und William Parker (b) spielt er schon seit vielen Jahren zusammen, der Schlagzeuger Guillermo E. Brown gehört zwar noch nicht so lange zur Formation aber auch mit ihm  gelingt es dieser Gruppe wie kaum einer anderen ein aufeinanderbezogenes, dichtes Zusammenspiel zu entwickeln.  
Auf der CD "Surrendered" hören wird das akustische Quartett - natürlich den "freien" Ware, mit seinem offenen, oft überblasenen ekstatischen Ton. Die Stücke sind oft durchaus eingängig, ostinate patterns der Rhythmusgruppe geben das Spielfeld für die freien Eskapaden des Leaders, wie im  hymnischen "Surrendered" oder dem fidelen "Glorified Calypso". Das grandiose "African Drums" mag manchen Zuhörer allzu sehr an "My Favourite Things" erinnern....

Bei der AUM-Scheibe "corridors & parallels" geht das Quartet noch etwas freier zur Sache. Neu ist in dieser Besetzung die Verwendung des Synthesizers durch Matthew Shipp. Es gibt genügend schlechte Beispiele für den Ersatz eines ordentlichen Pianos durch elektronisches Spielzeug aber auf dieser Platte ist das Experiment mehr als geglückt. Weit davon entfernt die CD durch synthetische Sounds erstarren zu lassen wird hier der Synthesizer auf eine den Sound bereichernde, geradezu organische Weise in das Quartett integriert. Auf der Platte finden sich kurze freie Einsprengsel, dominiert von Synthesiver, drums und Bass -  gefolgt von freien und zugleich im Zusammenspiel extrem dichten Stücken.  Highlight der CD ist das Titelstück "corridors & parallels" - ein von schwebendem Synthesizer umfangenes Stück, unterlegt von einem dichten Rhythmusteppich - mit dem wunderbar kontrastierendem Ware-Saxophon gegen den elegisch gestrichenen Bass von William Parker. Toll.

fs

 

RIAS Big Band
German Folk Songs....Our Way

Mons Records/MR 874-334/43 Min.

Was haben wir uns nicht früher in der Schule mit dem sogenannten „Guten Alten Deutschen Liedgut" rumgequält.
Mußten wir doch Stücke wie „Am Brunnen vor dem Tore", „Sah ein Knab ein Röslein stehn´" oder „Horch was kommt von draußen rein" auswendig lernen und vor versammelter Klasse darbieten. Grausame Zeiten. Doch, wie heißt es so schön Alles kommt irgendwann wieder
Genau. So auch jetzt und in alle Ewigkeit.
Da hat sich doch die RIAS Big Band dem Deutschen Liedgut gewidmet und regelrecht verschrieben. Das bekannte Rundfunkorchester spielt auf seine alten Tage Geman Folk Songs in guter Jazztradition. Kein Swing, wie er den alten Titel gut zu Gesicht stehen würde. Nein, Mainstream angehauchter Jazz, mit einer Brise Moderne. Für diesen Tupfer sorgen keine geringeren Solisten wie Till Brönner (Trompete), Bandleader Jiggs Whigham (Posaune) und Gregoire Peters (Saxophon). Raritäten aus einem großen Liedgutschatz deutscher Volkskunst. Ein großes Lob gebührt Rob Pronk, der mit seinen speziellen Arrangements für frischen Wind sorgt. Ein Hauch von Count Basie schwirrt durch die Luft, wenn Stücke wie „Am Brunnen vor dem Tore" in neuem Kleid erklingen. Ungewöhnlich aber gut. So macht Musik hören wieder Spaß.

Fazit Manchmal hört man Dinge, die glaubt man nicht.

Rainer Molz
RainerMolz@aol.com

Chick Corea 
"Solo Piano Originals" 
Strech Records SCD-9029-2

"Solo Piano Originals" ist die erste von zwei Solo-Piano-CDs, die Chick Corea auf einer 1999er Tournee live aufgenommen hat. Die erste CD enthält typische Chick-Corea-Kompositionen, die zweite Standards ("Solo Piano Standards").

Mit "Solo Piano Originals" präsentiert Corea seinen typischen Stil virtuos, klar und brilliant, "frech" mit einem Schuß kindlicher Naivität, spanisch angehaucht, von der Jazztradition ebenso geprägt wie von der Klassik. Komposition und Improvisation gehen nahtlos ineinander über und lassen sich nur schwer unterscheiden. Sehr bemerkenswert sind seine Interpretationen der beiden Scrijabin-Kompositionen "Prélude op.11 Nr.4" und "Prélude op.11 Nr.2". Die Originalkompositionen sind nur zwischen einer und zwei Minuten lang. Chick Corea dehnt sie improvisatorisch in einer Weise auf vier bis fünf Minuten aus, die dem Hörer den Eindruck vermittelt, alles sei durchkomponiert und notengetreu. Improvisationen über Klassik des 20.Jahrhunderts, die "wie komponiert" aber dennoch jazzmäßig wirken, scheinen eine besondere Stärke Coreas zu sein. Der Jazz ist aber in diesen klassischen Stücken dennoch unüberhörbar. Ein Klassikmusiker sagte mir einmal, Chick Corea höre sich an wie jemand, der "trotzig auf dem Klavier herumhaut". Der Klassikmusiker hat es in seinem Sinne erfaßt, es ist die unverkennbare Handschrift Coreas, die Individualität und persönliche Freiheit, die Klassikmusiker einem allgemeinen Klang- und Interpretationsideal opfern müssen. Coreas Scrijabin-Interpretationen sind absolut persönlich und in diesem Sinne jazzgemäß. Dem ähnlich sind Coreas Interpretationen seiner eigenen, ursprünglich durchkomponierten "Children s Songs", die er im Jahre 1983 für ECM erstmals in strenger Form notengetreu eingespielt hatte. Auf "Solo Piano Originals" interpretiert er sie sehr frei und improvisatorisch. In "Children s Song Nr.12" bearbeitet Corea in der Einleitung die Eingeweide seines Klavers, zupft und schlägt die Saiten und den gußeisernen Rahmen. Es klingt im ersten Moment wie "Neue Musik", swingt aber, was das Zeug hält.

Otwin Skrotzki
o.skrotzki@t-online.de
home.t-online.de/home/o.skrotzki/Jazz

Horst Faigle's JAZZKREMENT
Gans normal


So "Gans normal" ist eine CD nicht, auf der Titel wie "Peter und der Golf", "The Chick From Ipanema" oder "Hangover in Hannover" zu hören sind. Oder Beatles- und Elvis-Cover-Versionen neben skurrilen Eigenkompositionen des Leaders Schlagzeuger Horst Faigle zu hören sind. Dargeboten wird das ganze von einer großen Besetzung von Septett bis Tentett. Moderner Jazz, mit mehr als einem Schuß Humor. Ein exzellentes Hörvergnügen - solche Produktionen dürfen sich gerne des öfteren in meinen CD-Player verirren...

fs

Barbara Thompson & Paraphernalia
Thompson's Tangos


Barbara Thompson hat sich nach einer etwas weniger gelungenen Produktion mit "Thompson's Tangos" eindrucksvoll zurückgemeldet. Natürlich lebt diese CD von der rhythmischen Prägnanz des Tango. Barbara Thompson und vor allem Billy Thompson an der Violine gelingt es eindrucksvoll sich auf diese Rhythmen einzulassen und trotzdem den improvisatorischen Freiraum zu nehmen, der das ganze zu einer gelungenen Jazz-Rock-Tango-Produktion macht.

fs

Birth
Birth


Eigenverlag, Kontakt:digitalburrito@hotmail.com
Aus Cleveland stammt die Gruppe Birth, die sich selbst in die Kategorie "live drum 'n' bass and experimental music" einordnen. Die "drum and bass"-Elemente geben der Aufnahme das groovende Fundament, mit dem fetten Bass von Jeremy Bleich und dem differenziertem Joe Tomino an den drums. Die beiden geben dem Saxophonisten Joshua Smith die Freiräume für abgedrehte, oft elektronsch verfremdete Saxophon-Eskapaden. Die Platte dürfte Freunde progressiven Jazz ebenso ansprechen wie Hörer, die ansonsten eher auf Jungle und drum and bass stehen

fs

Christian Eckert Quartet
Double You



Laut Jazzthing ist Eckert einer 10 talentiertesten Gitarristen der Jazzszene und mit seiner neuen CD hat er in der Tat eine ausgesprochen gelungene Scheibe abgeliefert. Das Quartet ist an den Keyboards gelungen neu besetzt: Jo Bartmes liefert mit seinen wummernden Hammond-Sounds die groovige Würze, unterstützt von Johannes Schaedlich am Bass und Dirik Schilgen am Bass. Über allem die Themen von Eckert - ein Hauch von Seventies, trotzdem Jazz auf der Höhe der Zeit.

fs

Clemens Orth Trio
Silhouette Ascending

Mons Records

Das Trio um den Pianisten Clemens Orth mit Dietmar Fuhr am Bass und Matthias Kornmaier an den drums präsentiert nach vier Jahren seine zweite CD "Silhouette Ascending". Klassischer Trio-Jazz, eher lyrisch und romantisch. Und das funktioniert erstaunlich gut sogar mit dem Nirvana-Klassiker "Smells Like Teen Spirit", der ein gutes Beispiel dafür ist, wie es Orth und seinen Mitmusikern gelingt zur Quintessenz der Themen durchzudringen und Standards auf diese Weise neu leben zu lassen.

fs

Claudia Carbo
Moods
Eigenverlag, Kontakt: www.claudiacarbo.de

A sultry voice" - also eine temperamentvolle, glutvolle Stimme wird Claudia Carbo nachgesagt. Zurecht. Die Sängerin erfreut mit einem ausdrucksstarkem Debütalbum. 1997, sechzehn Jahre nach ihren ersten Gesangstunden begann sie ernsthaft wieder zu singen. Ein lange schlummerndes Talent; heute zeigt sie in kleinen Besetzungen facettenreichen Jazz-Gesang zwischen Latin, klassischem Jazzgesang und Eigenkompositionen. Den Wermutstropfen am Ende: die CD ist zu kurz. Leider nur knapp unter 20 Minuten, reichlich Platz verschenkt - schade...

fs

Michael Blake
Drif
t

Am Anfang könnte es fast die Titelmusik von "Twin Peaks" sein, später hört man afrikanisch geprägte Trommel-Eskapaden, fröhlich angeswingte Passagen einer "Little Big Band". Ironischer Piano-Bar Jazz und im nächsten Stück großstädtische "Street Sounds". Stimmungswechsel zwischen gepflegt melancholischem Trompetensolo in der "Duty Free Suite" und angesäuseltem Marching Band Schmelz in "Dry Socket".
Michael Blake's zweite CD unter seinem Namen zeichnet die zukünftige Karriere außerhalb seine früheren musikalischen Heimat (Lounge Lizards, Jazz Passengers) vor: das Beste aus dem Lurie'schen Erbe mitnehmen, die Ohren für alle möglichen aktuellen musikalischen Einflüsse offenhalten und das Ganze zu einem neuen, leckeren Musik-Kuchen zusammenbacken...

fs

Handwerkliche Solidität

Die CD "Time Makes The Tune" des Pianisten Ralf Schmid

"Ich bin vor kurzem von New York nach Esslingen umgezogen und bin somit Neu-Esslinger", meint Ralf Schmid, der 1969 in Konstanz geboren wurde - und bittet um gefällige Beachtung seiner CD auch in der lokalen Presse. Seine Scheibe nennt er "Time Makes The Tune", und der Zeitgeist bestimmt auch bei ihm, welche Ton-Art angeschlagen wird.
Revolutionär in musik-materieller Sicht ist heutzutage der Stil der neuen Jazzer-Generation beileibe nicht. Gleichwohl heißt der Opener, den Schmid seinem Lehrer Horst Jankowski widmete, "Revoluzzer". Da klingt die Musik doch recht konformistisch und hat den guten alten Blues als bestimmende Basis. Knackig und kernig zupft hier Veit Hübner seinen Kontrabass, und Torsten Krill empfiehlt sich als geschmackvoller Schlagzeuger. Sampling (vom Piano) kommt zwar beim vierten Track zum Einsatz, doch Ralf Schmid geht hier ganz bedächtig mit der digitalen Speichertechnik um - keine Spur von Techno-Maschinenhaftigkeit. Die anderen Eigenkompositionen von Schmid und Veit Hübner bewegen sich zwischen Impressionismen und Behändigkeit, zwischen Kinderliedhaftem und blockakkordischer sowie blueshafter Festigkeit. Ein Gag zum Finale: George Gershwins "Ain't Got Rhythm" erhält im Arrangement von Ralf Schmid neue Rhythmen und Changes.
So bietet die CD eigentlich nichts Spektakuläres - aber handwerkliche Solidität. Das Trio "schmid/hübner/krill" gewann 1999 in Köln den Wettbewerb "Hennesy Jazz Search". Ralf Schmid, der an der Stuttgarter Musikhochschule, an der Ludwigsburger Filmakademie Baden-Württemberg und am Mannes College
in New York studierte, konnte zuvor andere Auszeichnungen erringen, beispielsweise beim Contest Klavierimprovisation von "Grotrian-Steinweg".
Doch der Schwerpunkt der künstlerischen Arbeit von Ralf Schmid liegt im Kompositorischen. Und hier interessiert er sich für Musicals und Symphonieorchester ebenso wie für Gebrauchsmusik im Dienste von Theatern sowie Filmen. Schließlich liegt ihm die Liaison von Klassik und Jazz am Herzen.

Hans Kumpf (haku)
http://www.jazzpages.com/hkumpf.htm

LESZEK KULAKOWSKI
KATHARSIS
Music Vox MV 708-2

"Katharsis" - bei diesem CD-Titel mag man zunächst seichtesten Romantik-Kitsch argwöhnen, zumal das allerletzte Stück des Silberlings ausgerechnet die sentimentale "Love Story" von Francis Lai ist. Doch der polnische Pianist Leszek Kulakowski, der sich ausgiebig mit der Folklore der Kaschuben auseinandersetzte und Absolvent einer ordentlichen Musikschule ist, legt eine beträchtliche stilistische Spannweite vor. Auch das dem Klaviertrio zugetane Streichquartett schleimt nicht bloß süßlich. Freilich klingt dieses zuweilen mit seinen von Kulakowski entworfenen homophonen Einsprengseln wie das simple harmolodische Konzept von Ornette Coleman, der ja einst bei seiner LP "Skies Of America" ein ganzes Sinfonieorchester bemühte. Die vier "klassischen" Saiteninstrumente verbünden sich jedoch hier "schlag"-artig mit dem gezupften Kontrabass von Jacek Niedzela oder unterstreichen auch die Rhythmik des Drummers Marcin Jahr. Zudem entwickelt Kulakowski bei seinen Arrangements vielfach das zwiespältige Gefühl einer heilen Welt voller Morbidität, wenn das Streichquartett zerbrechliche Flageoletts erzeugt und die Saiten derb angekratzt werden.

Die Leser der renommierten Warschauer Fachzeitschrift "Jazz Forum", die es früher sogar in englischer und deutscher Sprache gab, setzten bei der Umfrage "Jazz Top '99" die Katharsis-CD auf Platz 2 der polnischen Jazzproduktionen. In der Kategorie Komponist kam Kulakowski auf Rang 3, bei den Pianisten ist er die Nummer 4. Aufgenommen wurde die Platte 1998 im Studio Radio Gdansk. Kontakt zu Leszek Kulakowski ist über seine eMail-Adresse "musicvox@kki.net.pl" möglich.

Hans Kumpf
http://www.jazzpages.com/hkumpf.htm

SLOW POKE 
REDEMPTION

Michael Blake; ts,ss, mel, handclaps, fingersnaps / David Tronzo; sl-gt, br-gt, dobro, waste basket / Tony Scherr; bass-gt, dobro, gt / Kenny Wollesen; dr, perc, samples
rec. 1998
Intuiton 3260-2


Die vier Herren tummeln sich im Umfeld der Knitting Factory, New York.
Michael Blake, Tony Scherr und David Tronzo sind dem einen oder anderen von ihrer Zusammenarbeit mit John Lurie's Lounge Lizards bekannt. Der Drummer Wollesen ist mit John Zorn, Marc Ribot und verschiedenen Popgrößen wie z.B. Tom Waits zugange. Hört sich nach einer Gruppe von Leuten der zweiten Reihe an? Weit gefehlt...
Den Geheimtipstatus in New York werden sie mit dieser Platte wohl endgültig verloren haben. Blake  zeigt sich als höchst eigenständiger Saxophonist. Ausdruck und individueller Ton im Gegensatz zu virtuosen Spielerein. Tronzo gibt an der Gitarre die schärferen Kanten. Wollesen beherrscht das Schlagwerk vom "straight-forward" bis zu verschleppten Rhythmen, an denen sich die die Mitspieler prächtig reiben können. Brillianz der einzelnen Musiker allein ist es aber nicht. Die besondere Klasse dieser CD liegt im extrem dichten Zusammenspiel, im Aufeinanderhören und im *gemeinsamen* Umsetzen der musikalischen Gedanken.

fs

EKKEHARD JOST & Div.
SOME OTHER TAPES
Fish Music FM 009/010 CD (Vertrieb: JazzHausMusik Köln)

Hirn, Herz und Humor verbindet der 1938 in Breslau geborene Musikprofessor Ekkehard Jost in seiner Jazz-Praxis: der multiple tieftönige Saxophonist und Klarinettist legt nun in seinem Doppelalbum "Some Other Tapes" bisher meist unveröffentlichte Aufnahmen von 1987 bis 1997 vor. Jost präsentiert sich dabei mit festen Formationen (Amman Boutz, Chromatic Alarm) und ad-hoc-Ensembles sowohl szenisch-neutönerisch (beispielsweise mit dem slowenisch-französischen Posaunisten Vinko Globakar) als auch traditionsgebunden ("Nun ruhen alle Wälder", "Lover Man" und "Bella Ciao"). Die meisten Titel entstanden in Gießen - im eigenen Studio, im Musikwissenschaftlichen Institut oder in Clubs. Aber auch in Italien und der damaligen DDR wurden interessante Mitschnitte gefertigt. Verbunden mit disziplinierten bis eruptiven Improvisationen ergibt dies auf zwei CDs eine kurzweilige Dokumentation. Man hört allenthalben, dass der renommierte Theoretiker beim musikalischen Handwerk viel Spaß hat. Informativ ist das Beiheft, in dem Ekkehard Jost prägnante Angaben über die Genese der einzelnen Stücke macht. Als prominente Gast-Stars sind vor allem Schlagwerker Baby Sommer und Saxophonist Peter Brötzmann zu nennen. Verlegt hat Jost seine tönende Dokumentation im eigenen Label "Fish Music", die Kölner "JazzHausMusik" fungiert als Distributor.

Hans Kumpf

UNDERKARL 
JAZZESSENCE

Nils Wogram; tb / Lömsch Lehmann; sxs, cl / Frank Wingold; g, noisetable / Sebastian Gramss; b, klischee-o-phon / Dirk Peter Kölsch; dr
rec. 1997
TCB
99102

Wie respektlos darf man die Jazz-Klassiker "verbraten"? Die Herren von Underkarl machen sich darüber keine Gedanken und ohne Hemmungen über alles her, was dem geneigten Jazzhörer als Klassiker vielleicht schon allzu eingefahren in den Ohren steckt.  
Das ganze mit einer Prise Hendrix gewürzt, kräftig
durchgeschüttelt, in Fragmente zerlegt und zu einem dyanmischen Jazzcocktail wieder zusammengeschüttet. 
Ellingtons "Caravan" hört sich an als ob Nirvana eher Pate gestanden
hätte als Duke, "All the things you are" mutiert zu "All you are" und wird auf das Wesentliche (?) verkürzt und reduziert.
Eine tolle Platte für Jazzkenner allemal, hinter jeder musikalischen Ecke lauern die AHA Erlebnisse (einfach köstlich die Aebersold-Nummer zu Beginn oder die exzellente Mangelsdorff-Imitation/Hommage
von Wogram...) - empfohlen sei die Platte aber jedem der Spaß an abwechslungsreichem, lebendigen Jazz hat. 

fs

Friedman / Cox / Matinier
Other Worlds

Friedman, David; marimba, vib, perc / Cox, Anthony; b / Matinier, Jean-Louis; acc / Very, Francois; perc
Intuition
rec. 1997

Man möchte gar nicht glauben, daß diese Musik in einem Studio aufgenommen wurde. Ein Stück wie "Gold/Alchemy" scheint geradezu Teil einer südlichen Landschaft zu sein und man kann sich die vier Musiker eher entspannt auf einer sonnenüberfluteten Terasse als mit Kopfhörer im Studio vorstellen.
Schon von der Instrumentierung her wird man kaum wilde Bebopphrasen erwarten und so kommt die Musik denn auch samtweich daher, Friedman's warmes, rhythmisches Vibraphon in Zusammenspiel mit der dezenten aber immer präsenten Percussion von Francois Verly kontrastiert reizvoll mit dem leicht schneidendem Klang des Akkordeon-Virtuosen Jean-Louis Matinier. Eine schöne, entspannte Produktion und das leise Mitpfeifen in "Fleure de l'Eau" eines der Musiker ist vielleicht das beste Zeichen für eine Musik die Zuhörern *und* Musikern Freude bereitet.

fs

SPRINKHUIZEN, FENNIS & DIDDEREN
NIEUW
Sprinkhuizen, Rob; dr,syncussion,voc / Fennis, Rik; g, voc / Didderen, Jo; b,voc
rec. 1998
Fan Jazz / SNUF 1002


In irgendwelche Schubladen lassen sich die drei Herren nicht ablegen. Ausgetretenen Jazzpfaden wollen sie nicht folgen: "I don't want to play your regular Bebop" - um dann ausgiebigst ein "Salt Peanuts Thema" im gleichen Stück zu verbraten. Immer lässig, immer mit einem musikalischen Augenzwinkern aber auch auf scheinbar holprigem Weg glänzen die Drei in virtuosem Zusammenspiel.

fs

DER ROTE BEREICH
III
Mahall, Rudi; bcl / Möbus, Frank; g / Schröder, John; dr
rec. 1997
jazz4ever records


"schleckereien auf der flucht" oder "eine kleine sekunde vor 4" sind die schrägen Titel dieser CD und so eigenwillig wie Namen ist die Besetzung und die Musik des Trios.Mit Baßklarinette, Gitarre und Baß machen sie sich an die Arbeit und produzieren eine kantige, eigenwillig kreative Musik.  

fs

BIRELI LAGRENE / VIC JURIS / JAN JANKEJE / DIZ DIZLEY / GAITI LAGRENE
A Tribute to Django Reinhardt / Live at the Carnegie Hall & Freiburg Jazz Festival
Bireli Lagrene, g / Vic Juris, g / Jan Jankeje, b / Diz Dizley, g, Gaiti Lagrene, g
jazzpoint records
rec. 1984 / 1985

Jazz aus der "Ecke Django Reinhardt", "Zigeunerjazz", ist mein Fall nicht. Trotzdem - die Platten von Bireli Lagrene von Anfang der 80er Jahre sind so voller Virtuosität und Musikalität, daß die selbstgesteckten musikalischen Zäune einfach weggespielt werden. 
Als dreizehnjähriges "Jazz-Wunderkind" an der Gitarre Anfang der 80er Jahre ist der Gitarrist Bireli Lagrene in der Jazzszene aufgetaucht und hat in diesem Alter mit seinen Platten "Routes to Django" und  "Bireli Swing" die Jazzfachwelt schon als 13-jähriger in Erstaunen versetzt. Der aus einer Zigeunerfamilie stammende Lagrene ist ein echter "natural musician". Ein Musiker mit einem gegebenen Talent, unbändiger Spielfreude und eine wunderbar leicht erscheinenden Improvisationsfähigkeit. 
Hier sind zwei Live-CDs gebündelt worden. "Live at the Carnegie Hall" und "Live at the Freiburg Jazz Festival". Auf beiden Scheiben widmen sich Lagrene und Mitmusiker vorwiegend Klassikern der Jazzgeschichte, natürlich aus dem Django Reinhard Erbe, 
daneben finden sich aber auch Perlen wie Ornithology (auf beiden CDs, im New Yorker Konzert in einer hinreissenden Kombination mit "How Hight The Moon") oder Spain von Chick Corea. 

fs

MICHAEL RAY & THE COSMIC KREWE
funk if I know

Ray, Michael; tp, synth, voc / Dejean, Eddie; dr, voc / Gulotti, Bob; dr / O'Day, Kevin; dr, voc, rap / Starkweather, Stacy; b / Walsh, Jimbo; b / Klipple, Adam; p, synth / Paxton, Joshua Q.; p, synth, org / Green, Tim; ts / Johnson, Clarence; as, ts / Grippo, Dave; as / Krushe, Martin; ts / Skinkus, Michael; perc, voc / Ferraris, Steve; perc / Zuchowski, Rob; gt / Castrillo, Ricky; gt / et al.
Monkey Hill Records
rec. 1997


Michael Ray ist ein ehemaliger Mitspieler und treuer Jünger von SUN RA, und der war ein prägender Lehrer. Vom bunten CD-Cover bis zu den abgedrehten Live-Auftritten erinnert vieles an die Performances des verehrten Meisters. "Jazz Funk of the Future" ist das selbst erdachte Label Rays. Funk, Hip-Hop, kubanische Rhythmen...das alles mit dem "Hochdruck"-Tromper Michael Ray aber zudem einer ganzen Reihe spielfreudiger Mitmusiker. Ray spielt auf diesen CDs mit zwei verschiedenen "Cosmic Krews" und einigen Gastmusikern, wie Ricky Castrillo von Phish. Abwechslungsreiche und spaßige Musik 

fs

fs=Frank Schindelbeck

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