JazzPages - Jazz in Deutschland / CD-Besprechungen: Jazz
Jazz CD-Besprechungen

Aktuell  |  04  |  03  |  02  |  01 
 

 

Caroline Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches

Phonector LC 13752

So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt, leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.

Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD „Jazzscetches“ – verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso zuhause fühlt wie bei Gershwin und Jarrett.

In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden, manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die „Jazzscetches“ tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im positiven Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos unter www.caroline-wegener.de


 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Steffen Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff

Laika Records 3510239.2

„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt seinen Zweck.

Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers stammen.

Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr. Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape, überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.

Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel, Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag, der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in „Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Hops, Radtke, Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche

Radau Records 071125

Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich: carteblanche@freenet.de

Diese CD ist ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit gleichstellen darf. „Carte Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen Carsten Radtke, dem Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und Klarinettisten Christoph Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard Schilde sowie dem Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die Einspielung. Dabei swingt das Quintett mal im modernen Mainstream, pulsiert später im radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der zeitgenössischen E-Musik. Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme aus der Feder Schneiders, bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen auf, klingen teils melodisch und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch schwebend, können aber auch durch anarchische Kollektive erregen. Klangfärbend ist die zumeist die Gitarre, bei deren Spiel die Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in Erstaunen setzt – ganz gleich, ob er perlende Läufe oder suchende Single-Note-Kürzel zupft, akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow Klangflächen ausbreitet. Vom Free-Geschnatter auf Saxophon und Klarinette bis zu singbaren Linien reicht die Ausdrucksmöglichkeit Reiserers, wie auch Schilde auf den Tasteninstrumenten mit Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen oder wie im Opener mit einer hintergründigen elektronischen Soundfläche besticht. Peter Hops kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene. Nahezu klassisch ist ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er flexibel, aber Akzente setzend die rhythmische Basis oder lässt sein Percussions-Set in den freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten entdecken.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Jason Seizer
Time Being

Pirouet PIT 3027

Das ist eine jener Einspielungen, die das Zeug zum Klassiker haben. Kammermusikalischer Jazz von zeitloser Schönheit sowie sensibel-kommunikative Interaktionen von vier Musikern, die eine dichte, aber nuancierte Klangmalerei erlauben, kennzeichnen die neue Produktion „Time Being“ des Münchner Saxophonisten Jason Seizer. Klangprägend ist vor allem das Zusammenspiel des sich am Balladenmeisters John Coltrane orientierenden Seizer und des impressionistisch angehauchten und dennoch mit sperrigen Akkorden Spannung erzeugenden amerikanischen Pianisten Marc Copland, der bereits im Trio mit Gary Peacock und Billy Hart sowie an der Seite von Randy Brecker seine Kreativität beweisen konnte. Seizers Saxophonlinien sind von singhafter Eingängigkeit, Copland kann mit hingetupften Single-Notes begleiten oder in den Soli mit perlenden Läufen und hinhaltender Gegenläufigkeit. Hinzu kommen der Schlagzeuger Tony Martucci, der in Soli, etwa in „Corrections“ oder „All The Things...“, mit einem filigranen und austarierten Spiel überzeugt sowie der Bassist Matthias Pichler mit fundierten und harmonisch wendungsreichen Linien in „Time Being“ oder „Trip to the stars“ besticht. Die Kompositionen stammen aus den Federn von Seizer und Copland – mit Ausnahme des Kern-Hammerstein-Standards „All the things you are“. Sie betonen einmal die balladeske Sanftheit, im anderen Fall wiederum - wie in „Requiem“ eine ausdrucksstark-expressive Intensität. Die Promotion zur CD betont zu Recht ein „klangliches Feingewebe“, das das Quartett besonders ausgeprägt nicht nur in dem mitreißend swingenden Standard pflegt.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Sebstian Netta „Trio“
Autumn Letters

Musicom CD 011215

Das ist Jazz zum Verlieben – im doppelten Sinne: Musik für harmonische Stunden und ein swingendes Bilderbuch, das man mit der Seele aufblättert. „Autumn Letters“, der Titelsong der gleichnamigen Einspielung des Sebastian Netta-Trios erinnert in der Sensibilität und dem Wohlklang an den ähnlich lautenden Standard. Die Musik des Soft-Drummers Sebastian Netta (der auch in kraftvolleren Passagen geschmeidig differenziert), des Magiers der perlenden Notenketten am Piano, Sebastian Altekamp, und des feinfühligen Bassisten Ingo Senst mit dem warmen Klang seines Instruments verbreiten ein Gefühl der Wohligkeit, jedoch ohne langweilig oder gar kitschig zu werden.

Die Auswahl der Kompositionen von „And I Love Her“ über „Falling In Love With You“ und „Michelle“ bis zu „In A Sentimental Mood“ spricht schon für sich. Während Bandleader Netta und Bassist Senst die solide und zusammenbindende rhythmische Basis formen, prägt Altekamp mit seinem variationsreichen Klavierspiel den Klang des Trios. Seine Wandlungsfähigkeit unter Beibehaltung seines Personalstils ist enorm: von der zart hingetupften Untermalung des ästhetisch reinen Bass-Solos in der Ellington-Komposition bis zu seiner sperrig-gerechten Interpretation von „Blue-Monk“. Wie gesagt: „Autumn Letters“ bringen eher den Frühling als den Herbst ins Haus: einen zeitlosen Jazz so richtig zum Entspannen.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Christoph Stiefel
Inner Language Trio

Neuklang NCD 4025

Poesie und romantische Stimmungen prägen das Klangbild. Der Schweizer Pianist Christoph Stiefel lässt impressionistische Läufe aus dem Instrument perlen, baut weite Bögen mit repetitiven Jazzphrasen, die sich in das percussive Grundgerüst einbetten oder darüber verschoben werden. Solche Spannung erzeugende Wiederholungen rhythmischer und melodischer Teile sowie deren Überlagerung im Gleichlauf oder Verschiebung sind aus dem 14. und 15 Jahrhundert als Isorhythmie bekannt - eine Kompositions- und Spieltechnik, auf die sich der Pianist vor allem in schnellen Stücken der CD „Inner Language Trio“ ausdrücklich beruft. Daneben sind langsame Kompositionen wie „In this moment“ zu hören, in denen sich der Pianist gleichsam tastend dem Thema nähert, im Zwiegespräch mit dem Bassisten Patrice Moret und dem Perkussionisten Marcel Papaux den Kern harmonisch umspielt. Sowohl ins ruhige als auch ins swingende Konzept fügt sich bei einigen Stücken der Saxophonist und Klarinettist Reto Suhner ein. Exotische sowie neutönerische Klangfarben kommen bei „In & out of order – Isorhythm #15“ oder „In ferne Himmel – Isorhythm #20“ ins Spiel. „Travessia“ weckt Assoziationen an die hymnische Melodieführung eines Abdullah Ibrahim. So bewegt sich das Trio in einem eigenständigen Musikkosmos, der Ruhe und Spannung zugleich umfasst, der mal romantisch verklärt, dann wieder expressiv groovt – wie mit überblasener Bassklarinette und Akkordtrauben auf dem Piano in „Isorhythm #2.2“. Dazwischen gibt es höchst konventionelle Kompositionen, wie man sie schon vielfach bei anderen Gruppen hören konnte - etwa das swingende „Testsieger“ oder das verspielte, lyrische „Nao em Vao“. Dies alles geschieht ohne konzeptionelle Brüche, wirkt trotz spannungsreicher Abwechslung – auch dank der traumhaft sicheren Interaktionen der drei Musik wie auch einem Guss. Der Titel „Inner Language Trio“ könnte auch so ausgelegt werden.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Rabih Abou-Khalil
Songs For Sad Women

Enja ENJ 9494 2

Warum haben die armenische Duduk und der arabische Oud nicht schon längst zusammengefunden? Der näselnde und dennoch weiche, mit reichem Vibrato irgendwie Hilfe suchende Ton der zur Oboenfamilien gehörende armenischen Flöte und der ebenso weiche, aber beschützende Ton des kurzhalsigen Vorgängers der europäischen Lauten und Gitarren bilden ein Traumpaar, wenn es um melodische Ästhetik und reiz- sowie geheimnisvolle Exotik geht. Wenn dann noch das aus der mittelalterlichen Zinken-Familie stammende Serpent mit seiner ostinaten Bass-Grundierung sowie eine sensible Percussion hinzukommen, dann ist ein Grad der Vollkommenheit erreicht, den der aus dem Libanon stammende und in München lebende Kulturversöhner Rabih Abou-Khalil in seinen früheren hochkünstlerischen Einspielungen noch nicht erreicht hatte. Schönheit, Liebe, Zärtlichkeit und Lust sind vereint
Duduk-Virtuose Gevorg Dabaghyan, Rabih Abou-Khalil mit der Oud, Michel Godard mit Serpent und Jarrod Cagwin an der Percussion legen mit „Songs For Sad Women“ eine CD von zeitloser Schönheit vor. Sie steckt voll tiefer Emotionalität, optimistischer Melancholie sowie tänzerischer Leichtigkeit. Abou-Khalils Kompositionen entrücken den Zuhörer in eine andere Welt, verzücken Ohr und Gemüt gleichermaßen. Den vier Musikern gewähren die Stücke Zeit für ausladende, makellose Soloausflüge, aber auch für Duosund Kollektive, in denen die unterschiedlichen Klangfarben zu einem anrührenden Pastellgemälde zusammengeführt werden. Jazz ist dies nur in einem weit gefassten Sinn.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Eric Plandé
Between the lines

Cristal records CR CD 0707


Ein Konzert im Darmstädter Jazzinstitut Anfang 2008 mit dem Pianisten Bob Degen, dem Basisten Jürgen Wuchner und dem Schlagzeuger Janusz Stefanski hat bereits einen Eindruck davon vermittelt, zu welcher Hochform der französischer Tenorsaxophonist Eric Plandé auflaufen kann. Im Duo mit dem Pianisten Joachim Kühn kann Plandé seinem pulsierenden, ekstatischen und ungebundenen Spiel noch stärker und intensiver freien Lauf lassen. „Le Horla“ ist so ein aufwühlendes Stück. Seine Stakkati-Läufe, hochenergetisch mit einer Spur von Lyrik, mal sonor „hinausgerotzt“ oder im Duo mit dem Altsaxophon von Joachim Kühn nervös überblasen über dem „Pulse“ von Schlagzeug und Percussion, reißen mit. Plandé hat Charlie Parker zutiefst verinnerlicht, dann aber einen eigenständigen Weg gefunden. Auf der CD sind einige kurze Unisono-Passagen von melodischer Schönheit, die dann aber von eruptiven Saxophonläufen oder komplexen Akkordschichtungen auf dem Piano aufgebrochen wird. Joachim Kühn reduziert sich hin und wieder auf leise Single-Note-Sequenzen oder begleitet wie in „Für dich – wider dich“ die Sängerin Moina Erichson sowie den intensiv aufspielenden Plandé mit sparsamen Einwürfen, bevor er zu einem perlenden und zugleich widerspenstigen Soloausflug aufbricht. Auf „Between the lines“ ist in dieser Formation mit Kühn, Plandé, Erichson sowie dem Schlagzeuger Jacques Mahieux und dem Percussionisten Francois Verly eine ungeheuer emotionale und aufregende Musik zu hören. Zeitgemäßer Jazz zwischen Hardbop und Free in hoher Virtuosität dargeboten. Die Kompositionen, die alle von Plandé stammen, werden dem Können der Interpreten gerecht, fordern sie geradezu.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Olaf Schönborn`s Q4
Radio Jazz

Jazz`n` Arts Records JnA 3808

Der in Mannheim lebende Sxophonist Olaf Schönborn hat den Spagat gewagt und gemeistert. „Radio Jazz“ nennt er seine Debut-CD mit Musik, die nach seinen eigenen Worten „im ganz normalen Radioprogramm auch im Hintergrund laufen kann, ohne dass Nicht-Jazz-Fans abschalten, die aber so interessant ist, dass auch Jazzhörer ihr etwas abgewinnen können“. Dass Schönborn im Opener „Radioblabla“ gesprochene Textcollagen verwendet, ist zwar ein durch den Titel gerechtfertigter Gag, wäre musikalisch nicht notwendig, schadet aber auch nicht. Ansonsten fließt die Musik, lädt zum Relaxen ein, ist mit ihren vielschichtigen Latin-Rhythmen spannend, ohne zu komplex zu werden. Tilman Bruno trägt als Percussionist einen wesentlichen Teil zu der Leichtigkeit bei, die durch den singenden Ton und die melodischen Linien des Saxophons unterstrichen wird. Perlende Soli und sensible Begleitung zeichnen den Gitarristen Daniel Stelter aus, für das harmonische Fundament sorgt außerdem Bassist Martin Simon. Eine kleine Preziose ist in diesem Sinn „Mein kleiner Antoine“, mit einer ruhigen balladesken Einleitung auf Saxophon und Gitarre, je einem kurzen, kraftvollen und erdigen Solo des Gitarristen und des Bassisten sowie dem ostinaten Gitarrenspiel, das nach und nach schwebend verweht. Die Gleichzeitigkeit von Ruhe und Energie zeichnet das Spiel des Saxophonisten und des Quartetts aus, das vor Tradition und Wohlklang nicht zurückschreckt, sich aber auch nicht in Nostalgie verstrickt. In der Tat eine ausgesprochen schöne Musik, bei der Zuhörer ohne Gefahr, sich zu langweilen, entspannen kann.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Grand Central
Perilous Night

Bestellung über die Website von Jörg Heuser „www.docheuser.de


„Grand Central“, die Band um den Mainzer Gitarristen Jörg Heuser, besticht von den ersten Akkorden mit soulgetränktem und rauen Saxophonläufen sowie flirrenden und glissandierenden Gitarrenlinien über den treibenden Grooves von Bass und Schlagzeug. Auch wenn die Musik ohne das rhythmische Fundament des Bassisten Rüdiger Weckbacher und des Schlagzeugers Patrick Leussler nicht denkbar wäre, stimmungs- und soundprägend sind Saxophonist Thomas Bachman sowie Bandleader und Gitarrist Jörg Heuser, von dem auch die Kompositionen stammen. Zwar assoziieren Teile mit den schwebenden und warmen Klängen die coolen Gitarrenläufe von Pat Metheney, andererseits die hart auf en Saiten angerissenen Akkordschichtungen eher Jimi Hendrix. Ein solch eigenständiges und mitreißendes Solo präsentiert Heuser in der bezeichnenden Komposition „Guitar“ – ein schier endloserund ausschweifender Lauf mit rasanten Stakkati. Saxophonist Bachmann pendelt zwischen Bebop, Funk und Soul – etwa in „How R U Doin“, kontrastierend mit sonorem Saxophon gegen die helle Gitarrenlinie vor einem harmonisch verzwickten Bass-Solo. Beide beziehen Funk und Rock mit ein, und so entsteht insgesamt eine Fusion-Kost, die ansprechend melodisch sowie leicht verdaulich, aber keineswegs einfach strukturiert ist. „Grand Central“ hat sich mit dieser Mixtur so eigenständig entwickelt, dass man vor einer einfachen Kategorisierung zurückschreckt. Der Mitschnitt eines Konzertes vom 17. März 2007 ist technisch gut gelungen, so dass der Zuhörer auch ohne die Live-Atmosphäre bis zur letzten Note gefesselt wird.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Wolfgang Schmid „Kick“
Let the groove begin

SKP 9070-2

Der Bassist Wolfgang Schmid bleibt sich treu, auch wenn er seine Band neu zusammenstellt: groovender, funky, leicht soulerfüllter Fusion-Jazz mit den typischen treibenden Bass-Linien und hämmerndem Schlagzeug. Dazu kommen die knackigen Gitarrenläufe des bewährten Freundes Peter Wölpl. Neu sind Perkussionist Oli Rubow, Keyboarder Benedikt Moser und der noch junge Altsaxophonist Antonio Lucacio. Vor allem Letzterer bestimmt den Sound mit singenden Linien auf dem Instrument, mal cool, mal rockig und stets mit einem Schuss Memphis-Soul. Neuerdings wird auch ein wenig computeranimierte Rap-Spreche eingeblendet. Freunde von Wolfgang Schmid und seiner stets zeitlos zeitgemäßen Spielweise kommen voll auf ihre Kosten, denn die Musik hält was der Titel der CD verspricht: „Let the groove begin“. Die Rhythmen verlocken zum Fußwippen und Trance-Dance, der Sound ist süffig mitreißend – eben ein „Kick“ von Wolfgang Schmid.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Richard Bargel
Bones

Meyer Records no. 152

Richard Bargel, zweimal mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, widmet sich auch auf seiner CD „Bones“ dem ursprünglichen Blues aus dem Mississippi-Delta in einer erdigen und bodenständigen Spielweise, die dennoch den Meister des Slidegitarrespiels mit raffiniertem Fingerpickíng verrät. Seine sparsames Spiel auf der akustischen Gitarre und der metallenen Dobro passen vorzüglich zu der rauen, markanten Stimme sowie der manchmal schnoddrig nonchalanten, dann wieder akzentuierten und später wiederum schleppenden Vortragsweise. Bargel selbst sieht sich mit seinem Sprechgesang – besonders prägnant in „Lazy“ - zu Recht als Blues-Chansonnier.

Im Booklet zur vorzüglich abgemischten CD sind dankenswerterweise die Texte der Songs abgedruckt, so dass sich der Zuhörer von den bissigen, ironischen und pointierten Inhalten überzeugen kann. „Bones“ ist in seiner Intensität ein Leckerbissen für die Freunde des authentischen, und doch zeitlosen Blues.Die Konzerte jeweils am ersten Mittwoch im Monat kosten keinen Eintritt. Finanziert werden sie über einen Direktor, „der ein Herz für gute Musik“ hat - so Ewald Stromer - und Firmen-Sponsoring. Der Reigen internationaler Künstler des Jahres 2007 lässt darauf schließen, dass auch 2008 eine spannende und entspannende Konzertreihe auf die Fans wartet.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Randy Brecker, Claus Reichstaller, Tony Lakatos u. a.
Wednesdays jazz night
Raffael´s jazzclub

Der Trompeter Randy Brecker lobt die wundervollen Bands, das vorzügliche Ambiente und das sachverständige Publikum. Brecker war auf Empfehlung des New Yorker Schlagzeugers Adam Nussbaum ins Kempinski Hotel Falkenstein gekommen, wo Nussbaum im März 2006 in der Gruppe um Fleischer und Jünnemann die Reihe „Wednesday Jazz Night im Raffael´s“ eröffnet hatte. Jazz im First Class Hotel weckt Assoziationen an Amerika, wo Künstler wie der Pianist Oscar Peterson in Lounges die Gäste unterhielten, oder an verträumten Bar-Jazz. Nichts davon bei Ewald J. Stromer, dem Organisator, Jazzfan und Barchef im Kempinski. Bei ihm spielen Musiker wie Tony Lakatos, Axel Schlosser, Claus Reichstaller, Ack van Rooyen, Marc Godfroid und Miles Griffin - um nur einige der Stars zu nennen, die mit ihren eigenen Formationen oder als Gäste befreundeter Gruppen mitten im Taunus modernen Mainstream-Jazz mit Fünf-Sterne-Ambiente präsentieren. Einen Querschnitt durch die Konzertreihe bietet nun eine CD, auf der das Rainer Tempel-Trio mit dem Trompeter Axel Schlosser, das Randy Brecker Quartet, Claus Reichstaller and friends, das Tony Lakatos Quintett, das Martin Schrack Trio mit dem Vibraphonisten Dizzy Krisch sowie das Holger Neil Lila Quartett zu hören sind. Auf zwei CDs kann der Fan einen teils kammermusikalischen, groovenden zeitgenössischen, eleganten und zugleich aufregenden Jazz von Modern-Swing bis Neo-Bebop genießen.

Die Einnahmen des Michael-Brecker-Memorial-Konzertes mit Randy-Brecker im Sommer 2007 flossen übrigens komplett an Michael Breckers „time is of the essence fund“, der die Neugewinnung von Knochenmark- und Blutzellen-Spendern finanziert. Auch vom Erlös der Doppel-CD werden zwei Euro an den Fond überwiesen. Die gehaltvollen Silberscheiben sind für 22 Euro nur direkt über das Kempinski-Hotel Falkenstein bei Ewald J. Stromer, Debusweg 6-18, 61462 Königstein im Taunus, www.kempinski-falkenstein.com, zu beziehen.

Die Konzerte jeweils am ersten Mittwoch im Monat kosten keinen Eintritt. Finanziert werden sie über einen Direktor, „der ein Herz für gute Musik“ hat - so Ewald Stromer - und Firmen-Sponsoring. Der Reigen internationaler Künstler des Jahres 2007 lässt darauf schließen, dass auch 2008 eine spannende und entspannende Konzertreihe auf die Fans wartet.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Christof Thewes Quintett
Plays the music of Charles Mingus
Zerozero 10277


Schon die ersten herrlich schrägen hymnischen Takte und die anschließenden brodelnden chaotischen Kollektive bringen den Zuhörer auf den Geschmack. Dass das Quintett anschließend wunderbar swingt, in dem fast konventionell boppigen Solo des Trompeters einen straight marschierenden Bass unterlegt und dann wiederum mit einem dissonanten Gitarrensolo sowie gleichartigen Bläser-Einwürfen mitreißend groovt, all dies belegt, auf welche erfrischende Weise der saarländische Posaunist und Bandleader Christof Thewes das schwierige Projekt angeht, Charles Mingus, dem Meilenstein setzenden Meister des freien Jazz, gerecht zu werden und dennoch sein eigenes Profil zu schärfen.

Ein bewegendes Duo von Posaune und Trompete wird in „Goodbye pork pie hat“ von einem pulsierenden Kollektiv abgelöst, das in hervorragender Weise die typische Mingus-Stimmung trifft. Faszinierender noch ist die Bearbeitung von „Better get hit in your soul“ mit seinen eigenwilligen Rhythmen und schnatternden Bläsersätzen. Thewes und sein Quintett mit dem Gitarristen Christoph Klein, dem Schlagzeuger Daniel Prätzlich, Jan Oestreich am Bass sowie Daniel Schmitz mit Trompete und Flügelhorn haben Mingus so sehr verinnerlicht, dass sie - wie in einem Solo des Bassisten Oestreichs - die Seele des Altvaters zu treffen scheinen.

Die ekstatische Intensität, die besondere Farbgebung in den Kollektivimprovisationen, die Ostinato-Technik und Tempowechsel, die abrupten Wechsel von zartem Bläser-Break und voranstürmendem Tutti in „fables of faubus“ sowie in „Pithecantropus erectus“ sowie geschmeidige Trompeten und raue Posaunensoli halten den Zuhörer bis zum letzten Ton gefangen. Ohne Übertreibung: Besser kann man einem großen Musiker wie Mingus kein Denkmal setzen.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche
Fotografiert und notiert von Baronesse Pannonica de Koenigswarter

320 S., 200 Abb., Reclam, 35,90 Euro, ISBN 978-3-15-010653-2


Von Miles Davis kommt die kürzeste Antwort: „Weiß zu sein“, sagt der Trompeter, der wegen seines genialen Spiels und seiner Innovationskraft, aber auch seiner Provokationen wie kaum ein anderer Jazzmusiker bei den Weißen zwar nicht unbedingt Verständnis, aber Anerkennung gefunden hat. Albert Mangelsdorff, der von der Persönlichkeitsstruktur her den Gegenpol verkörpern könnte, antwortet auf die Frage der legendären Mäzenin Baronesse Pannonica de Koenigswarter, welche drei Wünsche er denn hätte, dass er lange genug leben möchte, um sein Spiel so zu entwickeln, dass er damit zufrieden sein könne.

„Nica“, wie die Förderin von den Musikern liebevoll genannt wurde, hat all die Großen dieser Musik gekannt. Charlie Parker suchte bei ihr Zuflucht, Thelonious Monk fand bei ihr ein Zuhause.
„Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ ist der Titel einer Sammlung, die nach der im Jazz-Podium vom Juni 2007 ausführlich besprochenen französischen Ausgabe nun bei Reclam in deutscher Übertragung vorliegt. Wohl mehr als 300 Musikern hat „Nica“ die scheinbar unverfängliche Frage gestellt und es stellte sich heraus, dass die Anerkennung des Jazz, Liebe, Freiheit und Frieden, aber auch Wohlstand und bessere Arbeitbedingungen immer wieder in den Antworten zu finden sind.

Für einen Leser, der wie ich in der Jazzfotografie zuhause ist, sind die zahlreichen Bilder von Nica sowie von Nica mit den Jazzlegenden ebenso faszinierend wie der Text. Sie bestechen nicht durch künstlerischen Anspruch, sondern durch ihre dokumentarische Aussagekraft. Ihre Einmaligkeit liegt in der Intimität, die die Persönlichkeit des Fotografierten widerspiegelt, ohne dass der private Charakter die Würde verletzt.
Dieses Buch gehört in den Schrank eines jeden Jazzliebhabers, um es immer wieder durchblättern zu können, während man die Musik von Monk, Rollins, Davis, Roach oder Ellington hört.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Martin Sebastian Schmitt / Big Brazz Pack
Midsummernight moods - Suite für Jazzorchester

Rodenstein records LC 09132


„Midsummernight moods“ nennt Martin Sebastian Schmitt eine Suite, die er für sein Diplomkonzert an der Musikhochschule in Mainz geschrieben und die er nun mit der „Big Brazz Pack“ eingespielt hat. Es sei seine erste größere Komposition für ein Jazzorchester, sagt Schmitt. Das Ergebnis belegt, dass Ed Partyka, bei dem der Saxophonist Jazzarrangement und Komposition lernte, gute Arbeit geleistet hat.
Die Suite beginnt mit einem melancholischen Choral der Bläser, klingt insgesamt warm und voluminös sowohl in den getragenen Sätzen der Band mit sattem Blech und sonorem Holz, mit French Horn und Tuba wie in den zupackenden und kraftvollen Bigband-Passagen - etwa in „Seasight“.

Die Suite erfrischt dazwischen mit einem swingenden Saxophon-Solo von Andreas Pompe in „Peasant Dance“, mit einem filigranen Gitarrensolo von Stefan Kowollik und fasziniert einmal mehr mit der perlenden Piano-Poesie von Ernst Seitz in drei überleitenden Zwischenspielen der fünfsätzigen Suite. „Midsummernight moods“ ist der passende Titel für dieses assoziationsreiche kleine (24 Minuten kurze), aber feine Orchesterwerk ganz in der Tradition der sinfonischen Jazzkompositionen. Die gut eingespielte Big Brazz Pack zeigt ebenfalls keine Schwächen, spielt präzise in Time mit reizvollen, leicht romantischen bis lyrischen Klangflächen.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Claudio Puntin
Rot - Musik zum Hörbuch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk

Double Moon DMCHR 71901


Istanbul, die Metropole am Schnittpunkt zweier Kontinente und Kulturen, erhält in dem Roman „Rot ist mein Name“ des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk eine literarische Stimme, deren Klang der Komponist und Klarinettist Claudio Puntin mit östlicher Melodie und westlicher Harmonik unterlegt hat. 25 Miniaturen aus dem musikalischen Gesamtwerk zum Hörbuch des Romans hat Double Moon Records auf eine CD gepresst, Miniaturen voller intimer Emotionen und exotischer Schönheit. In dem vorzüglichen Begleitheft betont Puntin, dass die von ihm komponierten Themen nicht als Volksmusik oder Adaptionen traditioneller Musik verstanden werden sollten. Vielmehr sei es aktuelle Musik mit Einflüssen aus improvisierter Musik und zeitgemäßer Kunstmusik, versehen mit Farben traditioneller türkischer Volksmusik. In der Tat werden Puntin und seine Musiker so dem Roman wie seinem Autor gerecht, der im Bewusstsein der Geschichte und mit heutiger Schreibweise die (Kriminal-)Geschichte aus dem Winter des Jahres 1591 erfindet und erzählt.

Die kleinen Kunstwerke zwischen einer und maximal viereinhalb Minuten Länge ziehen ihren Reiz aus dem Klangfarbenspiel der unterschiedlichen Klarinetten, die mal frei überblasen wie in „Pub“ oder mit Percussion in „Olive´s Exposure“, in der Regeln aber mit nahöstlicher Stimmung geblasen werden, aus dem Sound bestimmenden Spiel des Kurden Taner Akyol auf dem lautenähnlichen Saiteninstrument Baglama, der Percussion Marcio Doctors mit Rahmentrommeln - vor allem in „Osman the Padishah“ und Taraboukaas sowie dem Spiel von Peter Herbert auf Kontrabass und dem gnawaianischen Bassinstrument Gjembre. Ebenso einfühlsame wie virtuose Improvisatoren sind Gerdur Gunnarsdottir mit Violine und vor allem ihrer Stimme, Rolf Marx mit Gitarre und Daniel Raabe mit Violoncello.

Durch das Fehlen des verbindenden Textes wirkt vereinzelt der Übergang zwischen zwei Stücken wie bei „Oheim´s Dead“ und „Seküre“ abrupt, zumeist aber wie bei „Hammam Sauna“ zu „Osman´s Palace“ harmonisch. Claudio Puntins teils notierte, teils improvisierte Musik bereitet auch Jenen Genuss, die den Roman nicht kennen, macht aber dennoch neugierig auf das Hörbuch.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Martin Reiter
Alma

Material Records MRE 018-2


Ob Martin Reiter mit „Alma“ in die Seele des Jazz eindringt oder nicht doch eher seine Seele als Jazzmusiker offen legt, darüber kann der Zuhörer diskutieren. Jedenfalls wandelt der österreichische Pianist mit seiner Musik abseits der Latin-Klischees, hat seinen persönlichen und durchaus eigenwilligen Stil gefunden. Die Kompositionen leben von tänzerischen, leichten Latin-Rhythmen und den pastellfarbenen Klangflächen vor allem aus Gesang, Harmonika und Flügelhorn. Diese transparenten, eingängigen Sounds - angereichert durch die Viola Judith Reiters fügen sich vorzüglich zum perlenden Piano - etwa in „Phenomenon“ mit seinen Inspirationen von Bach-Chorälen. Im solistischen Titelstück „Alma“, das Reiter nach eigenem Bekunden seinem Gitarristen und Percussionisten Allegre Correa gewidmet hat, versucht der Pianist in lyrisch verspielten, dahin fließenden Läufen den Gitarrenlinien nahe zu kommen.

Martin Reiter zeigt eine Vorliebe zum Spannungsaufbau durch ostinate Melodie- und Rhythmusfiguren auf dem Piano, die sich wie in dem Swing-Stück „Shabanac“ schließlich in einem Flügelhorn-Solo auflösen. In „Minas Waltz“ wiederum begleitet Reiter ein harmonisch reizvolles Solo des Bassisten Matthias Pichler mit sparsam hingetupften Single-Notes, bevor das sanfte und warme Flügelhorn von Matthieu Michel das Thema wieder aufnimmt.

Etwas aus der Reihe fällt das schnelle „Pra Frederic“ (für Frederic Chopin) mit drängender Percussion, der tonangebenden Harmonica Bertl Mayers und von Ana Paula da Silva, die mit heller und durchdringender Stimme singt und scattet. Mit steigender Intensität und Dichte reißt das Stück den Zuhörer mit, bevor Reiter mit einer verträumt wirkenden Einleitung in „Ana“ auf Gegenkurs geht. Den Abschluss findet der Komponist schließlich mit einem schönen Bossa Nova, der Gitarre, Percussion und Piano freien Lauf lässt.
Die Produktion lässt jedenfalls nachvollziehen, warum der erst 29-Jährige bereits mit dem Hans-Koller-Preis sowie Stipendien am Haager Konservatorium und in New York ausgezeichnet wurde.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Bernd Frank Jazz Quintett
Miss E-Little

Mons Records, MR 874425


Bernd Frank ist Komponist, Saxophonist - und Vater einer reizenden Tochter sowie von Zwillingen. Dann gibt es da noch die Katze mit dem bezeichnenden Namen „Grooveproof“. All diesen Familienangehörigen hat Bernd Frank Kompositionen gewidmet und neben bekannten Standards mit seinem Quintett in der klassischen Bebop-Besetzung eingespielt. Das Ergebnis ist in einem gefälligen und boppig pulsierenden, funkig klingenden Mainstream auf der CD „Miss E-Little“ zusammengefasst.

Die Eigenkompositionen fügen sich passend in die Reihe von Horace Silvers „Sister Sadie“ bis Duke Ellingtons „Don´t get around much anymore“ ein. Das Saxophon singt bei „In the wee small hours of the morning“ melodisch vor dem Background der gestopften Trompete von Heiko Quistorf, dem gradlinigen Spiel des Bassisten Johannes Huth, dem flexiblen Schlagzeug von Sebastian Harder und den perlenden Pianoläufen von Karsten Erdmann. In den meisten anderen Stücken swingt die Band lebhafter, schneller und kraftvoller. Wenn dann wie in „Grooveproof!“ die Fender Rhodes und ein attackierendes Schlagzeug die Trompeten und Saxophon-Soli aufmischen, dann wirkt dies richtig erfrischend. Dem Sound merkt man an, dass Bernd Frank auch Erfahrungen im Bigband-Arrangement gesammelt hat. „Miss E-Little“ unterhält auf eine gefällige und entspannende Weise, auch wenn Überraschungen ausbleiben.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Trio Derome - Guilbeault - Tanguay
„Etymologie“

AM 166 DVD

Manche Passagen erinnern an die Anfänge des Free Jazz mit ihrem drängenden Pulse, den ekstatischen Aufschreien des Saxophons mit überblasenen Spitzen und verschmierten Tönen. So fasziniert die Interpretationen von „Miss Ann“ und „245“, zweier Kompositionen des Klarinettisten Eric Dolphy, der sich einst zwar von den Bindungen der Tradition schrittweise löste, aber stets wusste, wo die Wurzeln sind. Gleiches kann von dem Saxophonisten und Flötisten Jean Derome gesagt werden, der sich auf dem DVD-Mitschnitt des „L´Off Festival de Jazz“ in Montreal vom Juni vergangenen Jahres einiger Kompositionen Dolphys annimmt, sich Misha Mengelberg widmet, aber auch Duke Ellington mit einem virtuosen, leicht überblasenen und sehr melodischen Flötensolo huldigt und Lennie Tristano nicht verschmäht.

Deromes expressives, stets ins freie Spiel drängende Saxophon kontrastiert zu dem meist gradlinigen, melodiösen sowie harmonisch reizvollen gezupften Spiel des Bassisten Normand Guilbeault, der wiederum im Arco-Spiel auf dem Kontrabass befreiter wirkt. Dritter im Bund ist der äußerst musikalische Schlagzeuger Pierre Tanguay meist mit durchlaufendem Metrum, hin und wieder aber frei pulsierend.
„Étymologie“, das aus der Feder Deromes stammende Titelstück der Konzert-DVD assoziiert nicht nur Charlie Parkers „Ornithology“, sondern bewegt sich auch musikalisch im Übergang vom aggressiven Hardbop zu Free.

Filmisch hat der Mitschnitt keinen Preis verdient, kommt über das Abfotografieren nicht hinaus, bringt aber zumindest stets rechtzeitig die Solisten ins Bild. Interessant sind dagegen die Zwischenmoderationen Deromes. Letztlich ausschlaggebend ist aber die Musik des Trios, die in ihren sanften und melodiösen Stücken mit faszinierenden Bass-Solo-Linien und sonorem Baritonsaxophon in Mengelbergs „A bit nervous“ ebenso gefangen nimmt, wie in den expressiven, rauen und energetischen Up-Tempo-Handbop-Nummern. Mehr als ein Gag ist der Sprechgesang Deromes im „Jitterbug Waltz“. Die Musik ist so interessant, dass es eigentlich reicht, nur hinzuhören.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Anne Haigis
Good Day For The Blues

Pläne 88947

"Ich möchte dem Publikum Emotionen entlocken. Die Leute sollen entweder heulen oder glücklich sein. Am besten beides." Die neue CD der Sängerin Anne Haigis ist geeignet, diesen Wunsch der aus Schwaben stammenden und in Köln lebenden Künstlerin Wirklichkeit werden zu lassen. Ihre raue, leicht heisere und ungeheuer ausdrucksstarke Stimme mit intensivem Blues-Feeling geht unter die Haut. „Good day for the Blues“ ist der Titel eines der Stücke auf der gleichnamigen Duo-Einspielung mit dem Gitarristen Jens Filser - ein Versprechen, das uneingeschränkt erfüllt wird.

Bei „Like a rock“ denkt der Zuhörer unwillkürlich an die unvergessene Janis Joplin, so emotional hat mich lange nicht mehr ein Blues-Song angesprochen -auch dank der glissandierenden Bottleneck-Begleitung von Filser sowie von Roman Metzner am Piano oder den keineswegs aufdringlichen Background-Vocals. Im Duett mit Haigis ist Jörg Hamers auf „When love comes to town“ zu hören.

Haigis und Filser sind ein ideales musikalisches Gespann, gehen sensibel aufeinander ein, verstehen sich blind. Gitarre und Gesang sind nicht nur in der Lautstärke gleichwertige Partner. Ob nun Fingerpicking oder Bottleneck-Spiel, auf der metallenen Dobro, der akustischen oder elektrischen Gitarre, Filser wird dem Blues und der Sängerin gerecht.

Anne Haigis, die vom Jazz über den Rock nun zu den Wurzeln im Blues zurückgekehrt ist, dürfte mit dieser Scheibe nicht nur ihre Fans begeistern, sondern auch viele neue Freunde gewinnen. Für „Good day for the Blues“ ist jeder Tag der richtige. Vorbildlich ist das beigefügte Textheft - etwas, das den pläne-Verlag schon immer auszeichnete.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Eugen Cicero
Swing with Cicero
FANCD 7003-2

Sein Spitzname war „Mr. Golden Hands“, seine kommerziellen Erfolge beeindruckend. Eugen Cicero verjazzte Klassiker, bewies als Bewunderer von Oscar Peterson zugleich ungemein swingende Fähigkeiten und übte sich wie Lennie Tristano auch in der Kunst sperriger Verschleppungen. Vor fast genau zehn Jahren verstarb der aus Rumänien stammende Pianist im Alter von 57 Jahren. Von Ragtime bis Swing perlten seine Läufe, teilweise in Hochgeschwindigkeit – wie in „Sunny“auf der ersten CD des vorliegenden Doppelalbums – aus den Tasten des Flügels. Zum zehnten Todestag, aber auch mit dem keineswegs dezenten Hinweis auf den im Swing erfolgreichen singenden Sohn Roger Cicero hat Zyx-Music Aufnahmen Ciceros in verschiedenen Formationen der Jahre 1973, 1976, 1984 und 1988 auf zwei CDs gepresst.

Da finden sich Standards wie „A Night in Tunesia“ von Gillespie neben Interpretationen von Bach, Chopin, Schubert und Schuhmann. Zu hören sind herrliche und mitreißende Stücke im Trio mit dem Bassisten J.A. Rettenbacher und dem Schlagzeuger Ronnie Stephenson, und etwas voluminöser mit den Posaunisten Ake Person und Bob Burges sowie Ack van Rooyen am Flügelhorn, aber auch schwülstige Arrangements mit Orchestern, von denen mir besonders das Jerry Man Orchestra – etwa in „Never Say No“ - missfällt, während das Arrangement von Rodrigos „Concerto Of Aranjuez“ mit dem Berliner Sinfonieorchester wieder ein wenig versöhnt. In allen Fällen aber besticht der Pianist Cicero mit überlegener Technik, atemberaubendem Tempo sowie überschäumendem Ideenreichtum

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Humphrey Lyttleton & Elkie Brooks
Trouble in Mind
5047 X C.S.T.

Humphrey Lyttleton zählt trotz seines hohen Alters nach wie vor zu den herausragenden Trompetern des traditionellen Jazz. Der Mann, der die englische Trad-Revival-Bewegung vom New Orleans bis zum Swing mitbestimmt hat, der auch Bebop-Elemente in sein Spiel integrierte, hat auf der vorliegenden CD mit der Sängerin Elkie Brooks den Blues wieder entdeckt. Er habe gedacht, der Blues sei tot, heißt es in Lyttletons „Mister Bad Penny Blues“, doch als er aufwachte, wartete der Blues schon neben seinem Bett. Das ist gut so, denn was der Trompeter mit seiner glänzend aufgelegten Band und der Sängerin präsentiert, geht unter die Haut. Das reicht von der inspirierten und sensibel geblasenen Intro zu „Trouble in Mind“ sowie dem mitreißenden Gesang bis zu schnellen Blues-Themen wie „Ev´ry day I have the Blues“ und dem stampfenden, pianogeprägten „Mister Bad Penny Blues“. Elkie Brooks hat ihre Stimme im Rock geschult, verfügt über die Aggressivität der Ghettomusik, die Rauigkeit des großstädtischen Blues und die Wandlungsfähigkeit des Jazz - sowie die passende Portion ordinären Blues-Feelings. In die Arrangements unter anderem mit Flöten, Saxophonen, Posaune und Trompeten ist die ausdrucksstarke und voluminöse Stimme wie etwa in „If you´re going to the city“ oder dem bekannten „Jelly Bean Blues“ vorzüglich eingebettet. Die CD belegt, dass der Blues und die Tradition des Jazz nach wie vor voller Leben stecken.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Frank Giebels Trio
...with a smile and a song

NL-Y39-001-10-06

Der Titel „With a smile and a song“ legt nahe, dass das Trio des Pianisten Frank Giebels den Jazz auf eine relaxte und liebenswerte Weise auffasst und präsentiert. Der gebürtige Holländer ist in der Tat ein Musiker der alten Schule, wie es das Booklet erläutert. Er swingt mit dem Schlagzeuger John Engels und dem Bassisten Gulli Gudmundsson im Mainstream auf einem künstlerisch hohen Niveau, mit auserwähltem Geschmack und viel Kreativität vor allem in den Details. Im Großen klingt die Musik wie die vieler gleichwertige swingender Mainstream-Trios in der klassischen Besetzung und birgt keine Überraschungen.
„With a smile“ genießt der Zuhörer die Standards wie „A child is born“, „Blues in the closet“ oder „Yesterdays“ sowie die Eigenkompositionen. Die Noten perlen geradezu aus den Saiten, der Bass marschiert im Solo straight mit wohlklingenden Harmonien etwa in „Yesterdays“ und das Schlagzeug stützt stets dezent. Bei so wunderschönen Balladen wie Giebels´ „It´s old news“ ist die Versuchung groß, die Augen zu schließen und zu träumen. Kammermusikalischer Easy-Listening-Jazz, der die Tradition pflegt und im Personalstil weiterführt, wäre wohl die beste Charakterisierung der Songs, die ein Lächeln auf die Lippen der Zuhörer zaubern.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Thomas Haag
Different Faces
Bezug über www.thomas-haag.de


„Spring“ weckt in der Tat Assoziationen an den Frühling, leicht und tänzerisch die Komposition, ein perlendes Piano, eine wohlklingende Kontrabass-Improvisation, die kühle Jazz-Gitarre. Insgesamt sind hin und wieder latin-leichte Klänge, in wenig Pop-Jazz, Folklore-Elemente, jazzig angereicherter Rock, viel Elektronik samt Samples zu hören. All dies sind die „Different Faces“ des Gitarristen Thomas Haag mit seinen akustischen und elektrischen Saiteninstrumenten, Bouzouki, Okarina und Keyboards. Ihm zur Seite stehen in einzelnen Stücken Christian Maurer mit Keyboards, Percussion, Schlagzeug, Bass-Gitarre und Elektronik, Rolf Breyer mit Bass, Saxophon und Flöte sowie Uli Krug am Sousaphon. „Sometimes so sad“ ist eine reinrassige Jazz-Ballade mit filigranen Gitarren und Piano-Improvisationen. „Over the Years“ ist gar ein akustisches klassisches Kleinod, „Fun“ mit Sousaphon folkoristisch. In „Octodance“ blubbert die Elektronik, treibt ein stupender Beat das Stück voran, während die Gitarre leichtfüßig darüber tanzt. „Joy“ ist eine andere typische Komposition für diese Mixtur, von der Haag sagt, dass er jedem Stück ein charakteristisches Arrangement angepasst hat, die aber auch mit einem „Kessel Buntes“ verglichen werden kann.
Dennoch, die zwölf Kompositionen hören sich gefällig an, swingen ordentlich, unterhalten in bester Weise auf künstlerisch wie technisch hohem Niveau. Eine Reihe bekannter Künstler von der amerikanischen Westküste haben in gleicher Weise erfolgreich musiziert

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Lateralmusic
Timetables

Metropol 4260104 11005 0

Diese Musik kann polarisieren: Entweder man liebt die eigenwilligen Sounds und den getragenen Gesang oder lehnt diese Form konsequent ab. Lateralmusic, inzwischen im fünften Jahr um die Frontfrau und Vokalistin Nadja Dehn, die im südafrikanischen Johannisburg geboren wurde und aufwuchs, sowie mit dem aus Brasilien stammenden Gitarristen Gregor Zimball hat seine originäre Spielweise gefunden, die afrikanische Grooves und lateinamerikanische Rhythmen, Pop, Jazz, Singer/Songwriter-Assoziationen, Klänge aus akustischen und elektronischen Instrumenten zu etwas vermischen, das die Berliner Gruppe „Global Jazz“ nennt.
Diese breit angelegten, impressionistisch wirkenden Soundflächen mit pastellösen Klangfarben sind der passende Untergrund für die warme, ausdrucksvolle, ebenso melancholisch wie hoffnungsfreudig klingende Stimme der Sängerin mit ihren Sprüngen aus Mittellagen in die Höhen und den lang gezogenen Vokalisen. „Live is the endless effort of trying to live out of time“ singt Dehn treffend. „So dark inside“ und „waiting für sunlight“ ist einer der verträumt traurigen Liebeslieder, das nachfolgende „Wedding dance“ dynamisch und rhythmisch der Gegenpol. Vorzüglich wie die Sängerin und der Gitarrist sind auch die restlichen Mitglieder von Lateralmusic: Thomas Koch am Bass, Beni Reimann am Schlagzeug sowie Heiko Kulenkampf am Piano und mit Akkordeon. Ohrwurmqualitäten hat „bachiana de natal“ mit Bach-Anleihen, in dem Nadja Dehn singt, was übertragen auch für Kompositionen zutreffen könnte: „Momente wie diese, sind nicht für die Ewigkeit gedacht – wir sollten sie alle genießen.“
„Timetables“ ist eine CD, in die man sich hineinhören muss. „Or is it“ lautet der Titel einer jener Kompositionen, die mit eigenwilligen Metren und Harmonien offene Ohren erfordern. In der CD-Hülle sind dankenswerterweise die Texte zwölf Eigenkompositionen von Lateralmusic abgedruckt, denn es lohnt sich, sie beim Anhören mitzulesen.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Susan Weinert
Tomorrow´s Dream

Toughtone TTR 2304-2

2202 hatten Susan und Martin Weinert schon einmal mit dem akustischen Duo-Album „Synergy“ belegt, dass die intime Zwiesprache ebenso spannend sein kann, wie der groovende Elektrosound der Weinert-Bands. Auch mit „Dancing on the Water“ haben die Gitarristin und der Bassist gemeinsam mit dem Sänger Francesco Cottone filigrane und kontemplative Saitenspiele in den Vordergrund gerückt und mit intensiv sinnlichem Gesang verschmolzen. „Tomorrow´s Dream“, die neueste Einspielung des Saiten-Duos pflegt wiederum die intime Zwiesprache, die einerseits das traumhaft sichere Aufeinandereingehen der beiden Künstler dokumentiert, aber auch unbarmherzig die kleinste Langatmigkeit aufdeckt – die allerdings die Ausnahme bleibt.
Bereits die ersten Takte mit dem leicht kratzenden Bass und der kurzen Notenkette auf der Gitarre nehmen gefangen. Lange, melodiöse Single-Note-Linien perlen sanft aus der Gitarre, wunderschöne, manchmal fast minimalistische wirkende und harmonisch faszinierende Bass-Soli kommen der reinen Ästhetik nahe. Dazwischen Akkordreihen, die den stetigen Fluss aufbrechen. Der Sound ist durchsichtig und klar strukturiert, dezent und fast unhörbar der Hintergrund aus schwebenden Sounds der E-Gitarre und Keys in einigen Stücken. Die Klangfarben sind von pastellöser Transparenz und impressionistisch flirrendem Glanz. Mit betörender Leichtigkeit verleitet die Musik dazu, die Augen zu schließen, sich ganz den filigranen und doch von innerer Kraft zeugenden Saitenspielen hinzugeben. Die Titel der einzelnen Kompositionen aus der feder Susan Weinerts wie „Deep Blue Sky“, „Hope“, „Tiefe Stimme“ oder das Titelstück „Tomorrow´s Dream“ wecken in der Tat jene Assoziationen, die sie versprechen.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Gregor Huebner
New York – NRG Quartet

Niveau Records/Nuromusic

Die klassische Ausbildung ist unüberhörbar, ebenso die offensichtliche Liebe zur Balkan-Folklore. Beides leugnet der Geiger Gregor Huebner nicht, hebt indessen das Violinspiel unter dieser Bewahrung auf die Ebene des freien und pulsierenden Jazz. Erinnerungen an Zbigiew Seifert werden wach (den der Geiger nie erlebt hat), wenn Huebner mit virtuosem Strich in die höchsten Lagen streicht, Flageolett-Obertöne Mehrstimmigkeit vorspiegeln, das Instrument jubilieren, ekstatisch aufschreien oder sich in zarten Lyrismen mit unsentimentalem Schmelz dahinfließen lässt. Früher nannte man Virtuosen, als welcher sich Huebner schon im bekannten Up-Tempo-Stück „Snow Leopard“ von Richard Beirach erweist, „Teufelsgeiger“. Der 1967 in Baden-Württemberg geborene und in New York lebende Pianist-Geiger-Komponist Huebner fasziniert mit energetischem, vibrierendem Strich etwa in „Redemption“ ebenso wie mit sensiblen Melodielinien in der Intro von „Blue in Green“. Das Spiel des Quartetts mit dem Pianisten Luis Perdomo, dem Bassisten Hans Glawischnig und dem Schlagzeuger Billy Hart neben Huebner steht ständig unter Hochspannung, die in den langsamen Passagen nur geringfügig zurückgefahren wird. Und schließlich bindet der Geiger gar in „Lullaby Or Not“ das Sirius String Quartet ein, das sich zwischen Jazz und Crossover zuhause fühlt. Perdomo wechselt ebenso wie der Geiger zwischen zielstrebigen, gradlinigen Läufen und retardierenden, ausufernden freien Soundflächen. Glawischnig steuert einige wunderschön melodiöse und swingende Soli bei und Billy Hart zeigt erneut als ein Meister der motorischen Präzision bei gleichzeitiger einfühlsamer Flexibilität. Die Kompositionen sind komplex und zugleich klar strukturiert, was dazu beiträgt, dass die Musik vom ersten bis zum letzten Ton gefangen nimmt und nicht locker lässt.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Roger Hanschel
Heavy Rotation

Shaa-music 1019-0607

Mit flirrenden Gitarren-Sounds, pulsierendem Schlagzeug und Percussion, mal expressiv überblasenen, mal singenden Saxophonen, einem kontemplativ gestrichenen Kontrabass, stilistisch zwischen kammermusikalischer Avantgarde und Free-Jazz pendelnd, rotiert das Quartett des Saxophonisten Roger Hanschel heftig in einem Klangraum, der keine Grenzen zu kennen scheint. Hypnotisch repetitive Motive, orientalisch anmutende Stimmungen wie in „Inner vibes of love“, aber auch klare Drum-Passagen wie in „Years of the fifth period“ oder weit geschwungene Gitarren-Glissandi, die sich schließlich mit Saxophonläufen umschlingen und verweben, eine rein kammermusikalisch-melodiöse Intro, die von pulsierendem freien Spoiel abgelöst wird sowie gar Free Jazz pur wie in“Second hunt“ – all dies bieten der Saxophonist Hanschel, Gitarrist Markus Segschneider, Bassist Dietmar Fuhr sowie Schlagzeuger und Percussionist Daniel Schröteler. „Heavy Rotation“ ist eine aufregende und erregende Musik, bei der man nicht weghören kann. Sie lebt von plötzlichen Stimmungsumschlägen, dem ständigen Pulse auch in ruhigeren Passagen, dem nervösen Saxophonspiel sowie den komplexen Strukturen und vielfarbigen Klangflächen. Hanschels Kompositionen sind intensive Soundtüfteleien von packender emotionaler Wirkung - voller Energie und mit überraschenden Wendungen gespickt. Das ist Musik, in die man sich mehrfach versenken muss, um alle äußeren Verzweigungen und inneren Verknüpfungen zu begreifen.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Tobias Relenberg
The Nearness Of The Distance
Green Air Records gar 0128

Das EWI abgekürzte „Electric Wind Instrument“ hat den Saxophonisten Tobias Relenberg dazu verführt, mit neuen Sounds zu experimentieren und das Klangfarbenspektrum seiner Kompositionen auszuweiten. Mit dem EWI können Musiker durch Atem-, Lippen- und Berührungssensoren Effekte, Hall, Samples, Wärme und Tiefe modulieren. Relenberg nutzt diese Möglichkeiten bereits im Titelstück „The nearness of the distance“ für schwebende Sounds und impressionistische Klangfarben, die dann nahtlos in akustische Saxophonläufe übergehen. Tim Sund tupft verhaltene Akkordbegleitung sowie im Solo zarte und verspielte Single-Note-Linien auf dem Piano, Kai Schönburg legt flexibel und zurückhaltend den Rhythmus darunter. Dabei hatte die CD ganz anders begonnen: „Outline“ ist ein schnelles und pulsierendes Stück mit expressiven und rasenden Saxophonkaskaden wie auch „Mikesome“, in dem Ramani Krishnas Bass und Schönburgs Drums  den Rhythmus hüpfend pulsieren lassen, das EWI die Klangfarbe vorgibt, die das Tenorsaxophon dann mit schnellen und vibrierenden, teils überblasenen Läufen weiterführt. „Alles geht“ nennt Relenberg eine seiner ekstatisch gespielten Kompositionen auf der CD, und das trifft auch auf die Musik insgesamt zu. Zwischen Ballade bis Fusion pendeln die vier Musiker, präsentieren eine Musik, die zwar nicht allzu viel Überraschungen bietet, aber mit einem eigenständigen und ausgereiften Personalstil  emotional anspricht und mitreißen kann.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Nicole Metzger & Keith Copeland
Second Take
Nm5 – Rodenstein-Records ROD 32

 Diese Stimme geht unter die Haut. Ob sie nun eine leichtfüßige Samba scattet oder leicht verrucht und lasziv ein Liebeslied singt, Nicole Metzger besticht in den elf Songs der vorliegenden Einspielung mit stilgerechter Phrasierung, packender Ausdrucksstärke und beseelter Einfühlsamkeit. Man höre sich nur einmal die Intro von sanfter Stimme und perlendem Piano von „Summernight“ an, die dann in ein schnelles Up-Tempo der Band umschwenkt oder die girrend scattende Einleitung der „Summer Samba“. Der Facettenreichtum der Stimme scheint unbegrenzt, die Natürlichkeit und Kunstfertigkeit sind hier keine Gegensätze.

Begleitet wird die Sängerin von vier famosen Musikern. Da ist der Schlagzeuger Keith Copeland mit seinem melodisch und sensibel agierenden Trommelspiel, der Gitarrist Wesley „G“ mit stets filigranen und transparenten Linien, die elegant und geschmeidig wirken, der Pianist Jean-Yves Young, der mal mit perlenden Läufen, dann wieder mit akzentuierenden Akkordfolgen und schließlich auf der Orgel mit swingenden Soul- und Gospelsounds besticht – und schließlich Bassist Rudi Engel, der straight unterstreicht sowie in Soli mit harmonischen Wendungen die Stücke abrundet.

Die CD lädt mit unaufgeregten, melodisch eingängigem und doch aufregendem Swing gleichzeitig zum Relaxen und intensiven Genießen ein.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Ekkehard Jost Ensemble
Cantos de Libertad

Fish Music FM 011

Wer wie der Musiker Ekkehard Jost bereits vor 25 Jahren erstmals umfassend die „Sozialgeschichte des Jazz“ in den USA wissenschaftlich aufgearbeitet und später fortgeschrieben hat, der kann es wagen, sich einem viel Sensibilität erfordernden Projekt wie die Umsetzung der Musik des spanischen Bürgerkrieges in eine adäquate Form des Jazz zu nähern. Jost und seinen hervorragenden Mitspielern ist es mit „Cantos de Libertad“ gelungen, die historische Dimension dieser Lieder zu bewahren und sie zugleich zeitgemäß zu interpretieren. Rein äußerlich kommt dies schon in der Integration ursprünglicher Melodien in jenen Arrangements zum Ausdruck, die bis weit in den freien – und befreiten – Jazz reichen.

Die „Cantos de Libertad“ sind ebenso suggestiv wie assoziativ. Die Klangfarben reichen vom schlichten Kinderlied bis zur orgiastischen Kollektivimprovisation, von der grummelnden Bassklarinette und der aggressiv schmetternden Trompete, vom dumpfen Paukenschlag und der wohlklingenden Kontrabasslinie, vom filigranen, Flamenco getränkten Gitarrenlauf und von einer kurzen Single-Note-Traube bis zur komplexen Soundcollage.

Angesichts dieser faszinierenden Interpretation ist es angezeigt, alle Musiker zu nennen, die dem Saxophonisten und Bassklarinettisten Jost einfühlsam zur Seite stehen: Trompeter Reiner Winterschladen, Posaunist Detlef Landeck, Saxophonist und Flötist Eugenio Colombo, Wollie Kaiser mit Flöten, Saxophonen und der Kontrabassklarinette, Gitarrist Gerd Stein, Pianist Dieter Glawiscshnig, Bassist Dieter Manderscheid sowie Joe Bonica Schlagzeug und Percussion. Zu Recht ist Marta de la Vega als Rezitatorin und nicht als Sängerin erwähnt, denn sie spricht die Texte mit warmer Altstimme.

Dank Jost´s wissenschaftlicher wie auch musikalischer Kompetenz ist eine den Sujet gerecht werdende Musik entstanden, die emotional mitreißt - so wie damals vor mehr als 70 Jahren die Hymnen und Gesänge des Kampfes und des Widerstandes es getan haben mögen. „Cantos de Libertad“ ist für mich eines der aufregendsten und beachtenswertesten Tondokumente der zurückliegenden Jahre.

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Jörg Seidel
Gipsy Jazz Connection

Swingland-Records 0009

Ines Reiger & Jörg Seidel Swing Trio
Teach me tonight
Swingland-Records 0007

Im Alter von zwölf Jahren stieß der 1967 in Bremerhaven geborene Jörg Seidel auf die Musik von Django Reinhardt. Vier Jahre später hatte der junge Gitarrist Gelegenheit mit deutschen Zigeunern zu spielen und war wiederum später fünf Jahre lang Mitglied im Quintett des Heidelberger Sinti-Geigers Wendeli Köhler. Zwischendurch entdeckte Seidel den Bebop und den Jazz der Westcoast-Musiker. Nach der Gipsy-Swing-Zeit gründete er deshalb mit dem Pianisten Joe Dinkelbach und dem Bassisten Gerold Donker das Jörg Seidel Swing Trio.
Jetzt liegen somit gleich zwei CD-Einspielungen vor, die beide Lieben des Norddeutschen wiederspiegeln. „Gipsy Jazz Connexion“ mit dem Geiger Hajo Hoffmann, Ottorino Freier an der Rhythmusgitarre, J.-L. Rassinfosse am Kontrasbass sowie dem Gast-Saxophonisten Frank Delle zeigt den Gitarristen als inspirierten Zigeuner-Swing-Interpreten, der mit diesen Aufnahmen sozusagen an die Quelle seiner jazzmusikalischen Erfahrungen zurückgeht. Ein Kleinod der Improvisationskunst sind exemplarisch die Soli des Bassisten und des Gitarristen in dem Duo-Stück „Wenn ich Dich seh´“. In Hawkins´ Komposition „Stuffy“ bestimmt Delles Saxophon den Sound, stützen die beiden Gitarristen dabei als Rhythmusgeber. Seine aus der Verwurzelung im Gipsy-Swing resultierende Kompetenz beweist der Geiger Hoffmann – ob er die Violine nun schnell „tanzen“ lässt oder wie in „With Love to Perm“ mit viel Schmelz streicht.
Die andere Seite Seidels zeigt sich bei der Aufnahme des klassischen Swing-Trios mit der österreichischen Sängerin Ines Reiger, die die Breite ihrer Ausdrucksstärke und Wandlungsfähigkeit mit Kompositionen von Sonny Rollins über ein Gershwin-Potpourri bis Jobim belegt. Sie besticht mit sicherer Phrasierung und weitem Tonumfang, sie scattet zur Gitarre und solo oder singt textgerecht – mit der Folge, dass manchmal - wie in „I fall in love too easily“ - ihre Interpretation fast zu dramatisch wirkt. Insgesamt sind die neun Stücke dank der swingenden Souveränität des Trios mit Dinkelbach am Piano, Donker am Bass und Seidel an der Gitarre sowie des schwarzen Jazz-Feeling der Wienerin ein Genuss für die Freunde des klassischen Mainstreams.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Marc Brenken - Christian Kappe Quartet
Eight Short Stories
marc brenken music, mbm 001

Eigentlich erstaunlich, wie unprätentiös „eight short stories“, die erste CD-Veröffentlichung des Marc Brenken – Christian Kappe Quartetts, daher kommt. Während anderenorts mit viel marktschreierischem Getöse die nächste langbeinige Reinkarnation von Ella Fitzgerald oder Billie Holiday gefeiert wird und jeder zu glauben scheint, dass sich Pop-Hits im moderaten Jazzgewand unbegrenzt verkaufen ließen wie warme Semmeln, hat das Quartett um den Pianisten Marc Brenken und den Trompeter Christian Kappe einfach ein verdammt gutes Jazzalbum eingespielt. Zu hören gibt es auf dem Debut-Album des Quartetts ehrlichen Jazz, in der Tradition verwurzelt, ohne diese unreflektiert zu zitieren.

Die acht Kompositionen von Marc Brenken, dessen Musik bereits zum Erfolg des Films Sonnenallee beigetragen hat, spielen lustvoll mit Bezügen und Querverweisen. Hier meint man einen Hauch von Richie Beirach zu vernehmen, da lugen mit breitem Grinsen Erroll Garner und Osacar Peterson aus den Noten, ebenso haben Wynton Kelly, John Taylor, aber auch Pat Metheney und John Scofield ihre Spuren hinterlassen. Und doch ist das, was da zu hören ist, immer unverkennbar Kappe-Brenken. Trompeter Christian Kappe - festes Mitglied der Barbara Dennerlein Band und Jasper van´t Hofs aktuellem Projekt „HotLips“ - bringt den unverkrampften Umgang mit den stilistischen Elementen der Großen des Jazz auf die griffige Formel der „wohl verdauten Tradition“. Was er meint, wird beim Anhören der „eight short stories“ klar. Natürlich beherrschen die Musiker sämtliche Ausdrucksformen des Main-Stream und nutzen sie ganz selbstverständlich als Gestaltungselemente ihres eigenständigen Stils.
Neben den beiden Namensgebern des Quartetts gehören der Kontrabassist Alexander Morsey, den man Kennern der jungen deutschen Jazzszene wahrlich nicht mehr vorstellen muss, und der Schlagzeuger Marcus Rieck zur Formation. Eine Rhythmusgruppe, die unterschiedlicher nicht sein könnte und vielleicht gerade darum aufs Beste miteinander harmoniert. Der zupackende Humor Morseys – berühmt-berüchtigt für seine gestrichenen Scat-Soli – trifft auf das feinnervige Schlagzeugspiel Marcus Riecks. Der Kölner Schlagzeuger beherrscht die Kunst, mit wohldosiertem, sparsamem Einsatz seiner enormen technischen Möglichkeiten die Musik zum Klingen zu bringen und dabei wie die Hölle zu swingen.

Auf dem starken Fundament dieser Rhythmusgruppe lassen sich musikalische Gedanken vortrefflich entwickeln. So etwa, wenn die Vier beim „Toy Train Song“ die als Kind so geliebte Holzeisenbahn des Pianisten noch einmal abfahren lassen und man das Geratter des Zuges förmlich zu vernehmen meint. Oder der Zuhörer eingeladen wird, dem improvisatorischen Mäandern der elegischen Melodieanlage eines kleinen polnischen Flüsschens, „Strumyk“, zu folgen, um kurz darauf mit nervösem, hektischem Puls ins „Wespennest“ zu stechen. Die Kompositionen Marc Brenkens erzählen dem Zuhörer kleine Geschichten. Selten einmal stimmen Titel einer CD und das, was auf ihr zu hören ist, so ideal überein. Die „eight short stories“ des Marc-Brenken – Christian Kappe Quartetts nehmen den aufmerksamen Zuhörer mit auf eine spannende musikalische Reise, auf der es so manche Entdeckung zu machen gibt.


Stefan Herkenrath

 

Uwe Oberg, Jörg Fischer, Georg Wolf, Frank Gratkowski
After All

Konnex KCD 5172

Der Text des Booklets beschreibt treffend, worauf sich der Hörer einlässt: „Ein Klavier geht auf die Suche. Formt sprunghafte Melodiebögen, die sich akkordisch verdichten und wieder lockern. Die weniger eine Richtung angeben, als Möglichkeiten andeuten.“ Nach einiger Zeit gesellen sich Schlagzeug und Bass hinzu. Es entsteht ein Gewebe pulsierender Klänge und freier Interaktionen. „Starting al“ ist der Titel dieses Stückes, das dennoch den Weg weist durch die sieben folgenden spontanen Kompositionen, die alle als Väter jeweils die drei oder vier agierenden Musiker ausweisen: den Pianisten Uwe Oberg, den Schlagzeuger Jörg Fischer und den Bassisten Georg Wolf sowie den Klarinettisten Frank Gratkowski.

Mal tastend und suchend mit hingetupfte Einzelnoten auf dem Piano, gezupft und gestrichen mit kurzen Harmoniefiguren sowie Verzierungen der Bass, pulsierendes Schlagzeug mit zischenden Beckenschlägen, kurzen Wirbeln und Reibungen auf den Fellen, die den Ton mitbestimmen, gackernde Stakkati sowie mal hingehauchte, dann wieder überblasene kurze Läufe auf der Klarinette – all dies spannt den Bogen zwischen lyrischen Single-Note-Reihen bis zum nervös-gehetzten Lagato-Läufen, sensiblen Soli und ungeheuer dichten Kollektiven. Es ist wie ein Gespinst, aus dem es kein Entrinnen gibt.

„After All“ ist hoffentlich nicht das Ende jenes freien Agierens, mit dem das Trio/Quartett beweist, dass der Free-Jazz sich noch lange nicht überlebt hat. Diese musikalische Präsentation ist ausgereift im traumhaft sicheren Zusammenspiel und dennoch voller Spontanität, Vitalität und mit immer wieder überraschenden Wendungen.


 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Silke Hauck
Frozen Tears

Strafish Music CD 33342-3

Melodie ist fast zu lieblich für den Text von „Frozen Tears“, ein Lied über die Schneeflocken, die die Autorin liebt und die Menschen, deren Herzen und Gesichter kälter sind als die Eiskristalle. Denn in der gleichen Stimmungslage singt Silke Hauck das auf der CD folgende optimistische Liebeslied „You make me smile“. Die Sängerin aus Mannheim hat eine sanfte, einnehmende Stimme. Schmeichelnd und passend zu den sanften Besenstrichen von Cay Rüdiger auf den Fellen des Schlagzeuges, den gehauchten Trompeten-Sounds des Jazz-Preisträgers Thomas Siffling, dem lyrischen Piano von Michael Quast und den souligen Sounds der Saxophonisten. Bitter-süß wiederum sind Melodie und Text von „Don´t ask for more“. Und rhythmisch wagt Hauck in „Day by day“ sogar eine Samba.

In ihrem Spektrum vermag Silke Hauck in Ausdruck, Stimmung und Expressivität differenzieren. Darin gleicht sie den skandinavischen Kolleginnen von Rebekka Bakken oder Silje Nergaard. Süffige Balladen und schwebender Swing kennzeichnen diesen Pop-Jazz mit Soul-Touch. Welche Ausdrucksfähigkeit in der jungen Sängerin steckt, zeigt sich ausgerechnet bei sensibler Pianobegleitung in einem Standard, nämlich Gershwins von Melancholie und Blues-Tonalität geprägten „The man I love“. Da wünscht man sich, dass Silke Hauck auch in ihren Liedern mit den vorzüglichen Texten mehr aus sich herausgehen dürfte.

Eingebettet ist ihre Stimme in eine souveräne Formation mit Musikern, die sich auch im Jazz einen guten Namen gemacht haben – neben Siffling, Quast und Rüdiger etwa der Gitarrist Michael Koschorreck. Dass auch das Booklet mit den Texten aller zwölf Lieder das ansprechende (Klang)-Bild abrundet, sollte nicht unerwähnt bleiben.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Ensemble Chanchala
The Day the Swallows came

Klangräume 3085

Mit „Spirit of the house“ haben der Flötist Charles Davis und das Ensemble Chanchala einen Weg eingeschlagen, den sie nun mit „The Days the Swallows came“ konsequent fortsetzen. Die Verbindung des multiphonen Jazz mit der arabischen Rhythmik und den indischen Stimmungen. So beginnt die CD natürlich mit einer Raga und der Titel „Almost Raga“ zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Einspielung. Ob nun rein percussiv auf den Tablas und Tonkrügen wie in „Banjaran“, das Sandip Bhattacharya mit einem Sprechgesang einleitet, ob melodiös swingend wie in „Mein Hang zum Elfter“ oder mit der im Vibrato schwebenden Bassflöte in „Waiting“ – die fernöstliche Exotik bestimmt die Stimmung der Stücke, wobei die Jazzimprovisation die strenge Formensprache der indischen Ragas aufbricht. Ein steter Wechsel zwischen ruhiger Melancholie und drängender Vitalität belebt die Musik des Ensembles. Buba Davis-Sproll sorgt mit dem feinen Saitenklang der Tanpura, der bundlosen Langhalslaute, für einen durchlaufenden Grundton. So entsteht eine vielfarbige Tonwelt mit kammermusikalischem Timbre und fernöstlicher Tiefe, die Charles Davis mit seinen Flöten grenzüberschreitend auslotet. „Chanchala“ bedeutet in der Hindu-Sprache so viel wie hüpfen, springen, flackern, aber auch rastlos, wie die Suche nach neuen Klangerfahrungen. Dies gilt für „Tuva Hang“, wenn der Percussionist Andieh Merk im OM-Tradition die Bass-Stimme grummeln lässt oder für „Kiwani, wenn Davis seine sanften Flötenlinien über der Tanpura-Basis entfaltet – leicht wie der Flug der Schwalben - und die Mitmusiker mit steigender Intensität und Tempo einsteigen.
„The Day the Swallows came“ fasziniert mit einem insgesamt meditativen und rhythmischen sowie melodischen Charakter von nicht beschreibbarer Eindringlichkeit. Das ist eine Musik, in die sich der Zuhörer völlig versenken kann.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Thomas Siffling
Kitchen Music

Jazz `n` Arts JnA 3407

Siffling-Knödel, Perlhuhnbrüstchen, Blue Note Gumbo – Das Begleitheft zur neuen CD des Trompeters Thomas Siffling enthält statt Texten zur Musik Rezepte für feine Kost. So hat der Siffling-Fan gegenüber seiner Partnerin eine gute Ausrede, wenn er die Silberscheibe kauft. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten von guter Küche und guter Musik. Beide erhalten ihren Reiz von auserlesenen Zutaten, seien es nun die Gewürze oder die Musiker. Und beides fügt sich voller Harmonie, scheinbar leicht und vollkommmen, wenn die Zubereitung stimmt.
Auf „Kitchen Music“ trifft dies alles zu. Das eingespielte Trio mit dem Trompeter und Flügelhornisten, dem Bassisten Jens Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller präsentiert Gourmet-Kost für den Freund des modernen Jazz zwischen Cool und Bebop, in einigen Stücken gewürzt mit Elektronik, ein wenig Wah-Wah, Loop und Hall, Scratches und Geräusch-Einspielungen – unterstützend, aber nicht aufdringlich.

Es mutet fast wie Ironie an, dass ausgerechnet die Komposition „die Leichtigkeit des Seins“ eben nicht so leicht und schwebend erklingt wie etwa die „Entspannung im Dampfbad“ oder die Loh-Komposition „Jakob´s world“. “Er ist sich treu geblieben“, kommentiert ein befreundeter Musiker und Bigband-Leader spontan. In der Tat färbt Thomas Siffling sein Spiel mit der Poesie, die so typisch für ihn ist. Loh zupft auf seinem Bass spannungssteigernde, raffinierte, harmonische Linien und Faller ist derjenige, der immer wieder für groovenden Drive sorgt. Das alles klingt so leicht und elegant und ist doch voller Dichte und Intensität.
Dass diese Mixtur sich gut verkaufen lässt, weiß Siffling. Dass zudem Xavier Naidoo in „Kugelblids“ einen deutschen Text dazu rappt, dient sicher auch der Verkaufsförderung. Künstlerisch zwingend ist dieser Einsatz aber nicht. Von diesem Einwand abgesehen, darf die Kitchen-Music nicht nur zum marinierten Lamm auf Couscous aus dem Siffling-Rezeptbuch uneingeschränkt empfohlen werden.

 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Peter Bolte
Keeping

JazzHausMusik JHM 155 CD

Wie Sheets flattern die Tonkaskaden in rasenden Läufen aus dem Altsaxophon, überblasen und expressiv. Dann wiederum fließen singende Linien, lyrisch fast, aus dem Instrument. Peter Bolte ist ein technisch virtuoser und künstlerisch äußerst kreativer Musiker. Kongenialer Partner ist ihm bei seinen Ausflügen im zeitgenössischen Jazz der SWR-Jazzpreisträger Achim Kaufmann am Piano mit seinen mal perlenden, dann wiederum in Akkordreihungen frei pulsierenden Läufen. Eher im Hintergrund, aber solide stützend und immer wieder treibend bilden die beiden Amerikaner Paul Imm am Bass und Alan Jones am Schlagzeug die rhythmische Basis. „Köln 100“ ist eines der Up-Tempo-Stücke mit den attackierenden Stakkati auf dem Saxophon und schnellen Piano-Läufen aus flirrenden Tontrauben, das folgende „Keeping“ dagegen eher relaxed im melodischen Bereich.
Bolte scheint in im trügerischen Titel „Sweetness in the dark“ geradezu vor Energie zu bersten, bläst intensiv und zupackend. Kaufmanns Finger gleiten mit schneller Eleganz im filigranen Spiel über die Tasten. Das Stück enthält verhaltene und retardierende Passagen eingebettet in den voraneilenden Fluss. „3rd ending“ wiederum eröffnet nahezu balladesk, um später in den höchsten Tonlagen des Saxophons zu verweilen und zu einem verspielten Pianolauf überzuwechseln. Ein abwechslungsreiches Spiel über acht Eigenkompositionen belegt die Eigenständigkeit und künstlerische Reife Boltes und seiner Mitmusiker. „Keeping“ ist eine hörenswerte CD, die auch bei mehrmaligem intensiven Anhören immer wieder überrascht und nie langweilt.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Bernd Lhotzky & Chris Hopkins
Tandem

EOSP 4504 2

Im pulsierenden Leben des New Yorker Stadtteils Harlem hatte sich während der Mittzwanziger des vorigen Jahrhunderts in der Nachfolge des Ragtime der Harlem Stride als ein Piano-Stil entwickelt, bei dem während der Improvisation über einer harmonischen Basis die linke Hand beständig zwischen Basston und Akkord wechselt. James P. Johnson, Willi „The Lion“ Smith und Fats Waller zählen zu den bekanntesten Vertretern des Stride Pianos.

Von Smith stammt denn auch die Komposition „Finger Buster“ mit jenen typischen hüpfenden Passagen, die stets von schnellen, perlenden, kurzen Läufen unterbrochen werden und mit der die Pianisten Bernd Lhotzky sowie Chris Hopkins den Stride-Stil weiterhin pflegen. Wenn auch diese Form des Klaviersolospiels für Zuhörer, die kein Faible dafür haben, auf Dauer ein wenig eintönig klingt, Lhotzky und Hopkins bringen Abwechslung ins Programm, indem sie zwischen schnellen Stücken wie Richard Rogers „Everything I´ve Got Belongs To You“ und einer langsamen, dunkel timbrierten sowie von typischen Verschleppungen und Moods Duke Ellingtons geprägten „Black Tan Fantasy“ wechseln. Wobei insbesondere im letzteren Stück durch das Duo-Spiel zusätzliche Reize entstehen.
Insgesamt fehlt der Aufnahme trotz der einfühlsamen stilistischen Sauberkeit und dem sicheren Gespür für Swing die notwendige Club-Atmosphäre. Die CD wirkt klinisch gereinigt und ist wohl eher etwas für die gepflegte Sammlung des Piano-Jazz-Fans.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Buchbesprechung:

Ernst Burger
Erroll Garner

Leben und Kunst eines genialen Pianisten
ConBrio-Verlag, Regensburg, 220 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 3932 5818 14


„Erroll Garner war ein Gigant unter den Jazzpianisten“, sagt ganz ohne Neid ein Kollege, der Pianist Billy Taylor. „Es gibt kaum einen, der Errolls Level erreichen konnte, vielleicht Tatum, aber Erroll war eine Klasse für sich“,urteilt auch Dave Brubeck über die Tastenkünstler, dessen Spiel mit den unglaubliche rhythmischen Spannungen und melodischen Feelings legendär geblieben sind. Über diesen Erroll Garner ist jetzt erstmalig in deutscher Sprache eine Biografie erschienen, die vor allem wegen ihrer großformatigen, prachtvollen Bilddokumentation ins Auge fällt.

Ernst Burger, ein Münchner Musikschriftsteller und Pianist, hat äußerst penibel und detailversessen recherchiert, die Archive von Zeitungen und Fachzeitschriften geplündert und nicht gezählte Platten gehört, bevor er die Lebensgeschichte des Pianisten mit dem orchestralen Sound von 1921 bis 1942 in Blöcken sowie anschließend Jahr für Jahr bis zu Garners Tod 1977 ausführlich beschreibt. Wie eingehend Burger sich mit dem musikalischen Wirken befasst hat, belegt etwa die Aussage, dass der Künstler am 6. Februar 1957 im Columbia Studio 16 Stücke eingespielt hat, von denen ein Drittel bis heute unveröffentlicht ist. Das macht den Leser und Garner-Fan neugierig auf (hoffentlich) noch zu erwartende, technisch aufbereitete Pressungen. Unterhaltsam ist das Kapitel über „Garner als Mensch“, einschließlich der bekannten Tatsache, dass der Künstler ein begabter Zeichner und beidhändig tätiger Virtuose war.

Die ausführliche und trotz aller Genauigkeit keineswegs langweilige Lebensbeschreibung wird illustriert durch 215 Fotos, auf denen dem Betrachter neben Garner natürlich eine ganze Reihe weiterer Größen des Jazz begegnen. Bei der Fülle ließ es sich jedoch nicht vermeiden, dass eine Reihe Konzertaufnahmen vom Motiv her wie Doubletten wirken.

Interessanter fast als der Lebenslauf, der in gröberem Raster auch in Lexika nachzulesen ist, sind die Bemerkungen des Autors über Garners Spielweise und Klaviertechnik, die in manchen Passagen musiktheoretische Kenntnisse voraussetzen. Damit die Bewertung des Klavier-Giganten mit der prägnanten Linken nicht zu sehr aufs Subjektive beschränkt bleibt, fügt Burger auf gut 30 Seiten die Urteile anderer Musiker, Kritiker und Jazzimpressarios an und ergänzt das Ganze durch eine ausführliche Discographie – auch diese konsequenterweise mit Abbildungen der Plattenhüllen samt Titeln.

Zuguterletzt ist dem vorzüglichen Buch noch eine CD beigefügt, die ausgewählte Aufnahmen aus den Jahren 1946 bis 1955 enthält – darunter Interpretationen, die der Autor zu seinen Lieblingsstücken zählt.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Lajos Dudas
Artistry In Duo

Jazz sick records 0005014 JS

Kritiker nannten den 1941 in Budapest geborenen Lajos Dudas einst den „Innovator der Klarinette im modernen Gewand“. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe exzellenter junger Klarinettisten, die die Klangsuche auf dem Instrument weiter getrieben haben. Doch Dudas ist mit seinem eigenständigen, stilüberschreitenden Spiel unter ihnen allen stets herauszuhören. Der inzwischen 65-Jährige hat nie die klassische Schulung verleugnet und auf eine ebenso überzeugende wie geschmacksichere und emotionale Weise die Klassik mit dem Jazz verbunden und das Instrument dabei zugleich von den formalen Zwängen beider Musikkulturen befreit.

Duos verlangen in ihrer Intimität und Transparenz eine besondere Qualität der Kommunikation. Dudas hat stets die kleinen Formationen vom Duo bis zum Quartett gepflegt. Zu seinem Geburtstag blickt er nach eigenen Worten zurück und legt eine CD auf, die ihn im Jahr 1985 in musikalischen Interaktionen mit dem Vibraphonisten Tommy Vig, zehn Jahre später im Duo mit dem Bassisten Balazs Berges und schließlich 2005 mit dem Gitarristen Philipp van Endert präsentiert. In allen Aufnahmen faszinieren das filigrane Zusammenspiel, die klaren und transparenten Klänge, der Wechsel von nervösen, schnellen Läufen und langsamen, sanften Passagen sowie die Geschlossenheit der Improvisationen. Bei aller Freiheit wirken die Stücke stets melodiös, flüssig, gelöst sowie elegant – eben zeitlos schön.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Julie Spencer / Gernot Blume
Out Of The Stillness

Klangwelt Musikverlag SBP8

Gernot Blume / Julie Spencer and Colored Fish
Lost And Found

SBP CD 002

Die Kompositionen der heiligen Hildegard von Bingen entstanden aus ihrem Glauben, dass die Musik die wahre Brücke zur himmlischen Harmonie sei. Getragene Melodien überzeugen durch reine Frauenstimmen auf einem Fundament instrumentaler Grundakkorde ¬ so wie es die amerikanische Marimbaphon-Spielerin und Sängerin Julie Spencer sowie der Multi-Instrumentalist Gernot Blume bereits im einleitenden „The Seer“ der CD

„Out Of The Stillness“ nachvollziehen. In kühnen Kompositionen gibt es eine vollendete Symbiose von meditativ-tänzerischen und percussiven Interpretationen sowie den flächig-folkloristschen Sounds der beiden in Bingen lebenden Künstler. Notenketten perlen aus dem Marimbaphon, es entstehen mystische und exotische Stimmungen mit Mandoline, Sitar und Violine zur rhythmischen Untermalung der Tablas. Wahrhaft engelsgleiche Vokalisen und ein vergeistigter Sprechgesang erzeugen getragen und schwebend sakrale Impressionen, tänzerisch beschwingt assoziieren Instrumentalparts mit Dudelsack oder Akkordeon gälische und verwandte Folklore sowie mittelalterliche Musik. Fast immer werden die Melodien über einem Bassfundament geführt, das mit exotischen Instrumenten wie dem Didgeridoo oder der Shruti-Box erzeugt wird.

Harmonieverfremdungen kennzeichnen die „Stätten der Läuterung“. Das Treffen des Balafon genannten afrikanischen Holzxylophons, von Bass-Trommel, Kuhglocken, Tambourin sowie bolivianischer Flöte und Kontrabass malen das musikalische Bild von der Erschaffung der Welt. Inspiriert von den Visionen der Hildegard von Bingen und den Miniaturen zu ihren theologischen Schriften haben Julie Spencer und Gernot Blume einen Dialog über die Grenzen der Zeit und musikalischen Kategorien hinweg geschaffen. World-Jazz in weiten Sinn.
Ebenfalls alle Kategorien sprengend, spielen Gernot Blume und Julie Spencer mit dem Duo „Colored Fish“, dem Drummer Dan Morris sowie Pedro Eustache an Flöten, Tenorsaxophon und Bassklarinette, auf der CD „Lost And Found“.

Der Zuhörer stößt auf ein schönes melodisches und swingendes „Affirmation“, aber auch auf einen Harmonien aufbrechenden freien und pulsierenden „Black Box Blues“: im ersten die singende Bassklarinette zu Synthesizer und elektronischem Bass, im Letzteren mit Tenorsaxophon, Percussion und Akkordeon. Dazwischen präsentiert Blume „Images“, eine Impression auf einer Kirchenorgel, die mit Vogelzwitschern Sommer assoziiert, oder Spencer „Green Second Flashing“ ein Solostück auf dem Marimbaphon, dem Hauptinstrument der „Ausnahmekünstlerin“, und wiederum Blume mit einer folkloristischen Solokomposition „Anjou“ auf der Konzertgitarre. In „Being“ schließlich verschmilzt Blume die modalen Klangfarben der Nordindischen Sitar mit westlichen Harmonien – mit Bassflöte, Percussion, Sitar, Synthesizer und Marimba. Das Überraschende ist, dass diese Zusammenstellung keineswegs beliebig wirkt, sondern in ihrer musikalischen Vielfalt eine logische Einheit bewahrt.
 

Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer

 

Steve Coleman and Five Elements
Weaving Symbolics

Label Bleu (rough trade)


Das Erstaunlichste an Steve Colemans Musik waren zunächst die hoch komplexen, dennoch groovenden Rhythmen und die Kunst, zu diesen rhythmischen Geflechten mit solcher Leichtigkeit und Schlüssigkeit zu improvisieren. Mittlerweile enthält seine Musik immer wieder auch äußerst vielschichtige, sich s