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Ron Carter
Jazz & Bossa
Blue Note Records 50999-2-28104-27
Mit 71 Jahren blickt auch ein Jazz-Gigant offensichtlich gerne zurück.
Nachdem der Bassist Ron Carter seinen früheren Bandleader Miles Davis
mit einem auserwählten Programm und einer glanzvollen Tournee gewürdigt
hat, ist Carter im Sommer 2009 mit einem Rückblick auf seine
Zusammenarbeit mit Antonio Carlos Jobim und einem Bossa-Nova-Repertoire
auf Reisen. Vorab hat der Senior am Kontrabass eine CD „Jazz & Bossa“
eingespielt, auf der er alte Bekannte versammelt. Mit von der Partie
sind neben dem in vielen Stücken klangdominanten Tenorsaxophonisten
Javon Jackson, dem Perkussionisten Rolando Morales-Matos und dem
Pianisten Stephen Scott der famose Drummer Portinho und der virtuose
brasilianische Gitarrist Guilherme Monteiro.
Unbeschwert und virtuos swingt das Ensemble in den tänzerischen
Latin-Rhythmen, belebt Klassiker wie Jobims „Chega de saudade“ und
„Wave“, aber auch frühere Kompositionen Carters wie „De Samba“ und „Ah
Rio“ mit neuem Feuer.
Hinzu kommt eine Besonderheit, die das Album aus der Reihe von Bossa
Nova-Einspielungen zum 50. Jahrestag des Durchbruchs dieser Musik
hervorhebt: Es sei das Konzept dieser CD, von einer größeren Gruppe und
einem vollen Sound – des Sextetts in „Salt Song“ zu immer kleineren
Besetzungen zu kommen, um schließlich mit einem Solo-Spiel des
Gitarristen Monteiro in „Saudade“ zu enden, schreibt Carter im Booklet.
In diesem Reigen genießt der Hörer faszinierenden Dialoge zwischen dem
Bassisten und dem Gitarristen, Ruf-Antwort-Spiele von Jackson und Scott
sowie beseelte Ausflüge Carters auf den Saiten seines singenden
Kontrabasses.
Die CD „Jazz & Bossa“ ist eine Preziose der zeitlosen und ästhetischen
Verbindung von brasilianischer Folklore und inzwischen klassischem Jazz
- ein wahrer Hörgenuss.
Klaus Mümpfer
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Thomas
Siffling Trio
Cruisen
Jazz`n`Arts /
Soulfood JnA 4109
Eigentlich ist es müßig, über den Trompeter Thomas Siffling und seine
Musik viele Worte zu verlieren. Sein warmer, melodiöser und beseelter
Ton prägt die Interaktionen des bewährten Trios mit dem Bassisten Jens
Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller auch dann, wenn er den Partnern
viel Freiraum lässt. Ein Genuss sind unter anderem die harmonisch
erfindungsreichen Bass-Soli. Auf seinem zweiten Konzeptalbum mit dem
Titel „Cruisen“ hat Siffling zusätzlich Xaver Fischer mit seiner
Wurlitzer und die Sängerin Veronica Harcsa eingeladen. Im Titelstück
verstärkt das Wurlitzer Keyboard mit perlenden Klängen den relaxten
Sound, der die gesamte Einspielung prägt. Und „One hand clapping“ verrät
deutlich, wie stark der frühe Miles Davis den jungen Trompeter aus der
Rhein-Neckar-Region beeinflusst hat.
„Cruisen“ wird erneut als Konzeptalbum angepriesen. Im Booklet empfiehlt
der bekennende Sportwagen-Fan Siffling neun romantische und
gourmet-gerechte Autorouten in Deutschland und den europäischen
Nachbarländen. Wenn auch musikalisch das Konzept etwas bemüht erscheint,
so kann man sich durchaus vorstellen, bei dieser loungigen und
groovenden Musik, die dem Pop nahesteht, ohne jedoch die Jazz-Wurzeln
außer Acht zu lassen, im offenen Cabrio die Routen abzufahren. So
entspannend fließen die Klänge dahin. Die dunkle und erotische Stimme
der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa steht dabei in reizvollem
Kontrast zu den meist hellen und transparenten Trompetentönen des
Bandleaders. Siffling ist es auch mit diesem Album gelungen, leicht
verdauliche und marktorientierte Musik zu machen, ohne am hohen
künstlerischen Niveau Abstriche zuzulassen
Klaus Mümpfer
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S:U:M
f-l-o-w
Vertrieb:
allofjazz.com
Die einleitenden, zugespielten 17 Sekunden „Switch on the Coffee-Machine“
sind eher ein Gag als ein musikalischer Beitrag dieser im Mainstream
schwimmenden Mixtur aus Jazz, Pop, Rock und Lounge-Sounds. Die Musik ist
gefällig und fließt – wenn auch über einige wirbelnde Stromschnellen.
Pianist und Produzent Sigi Dresen zeigt sich versiert in meditativen
Single-Notes ebenso wie in sperrigen Akkordläufen etwa in
„Mysteriums-Abteilung“, Bassist Arnd Geisen reißt die Saiten
knochentrocken und spielt den E-Bass flink in melodischen Läufen wie
eine Gitarre, während Niels-Henrik Heinsohn das Drum-Set pulsieren
lässt. Die Stücke leben von dynamisch gestuften Spannungsbögen mit
magisch wirkenden Ostinati, von gefühlvollen, anheimelnden Passagen wie
in „Feel“. „f-l-o-w“ ist alles in allem eine Einspielung, die keine
Überraschungen bereit hält, wobei Dresens Kompositionen „Glowing Cave“
und „Circles“ stärker in der Tradition verwurzelt sind als die
Bearbeitungen fremder Stück. Dennoch vermögen sie dank der
interpretatorischen Kreativität der Musiker alle mitzureißen, werden in
den Soli ebenso wie im sicheren und sensiblen Zusammenspiel dreier
gleichberechtigter Partner dem Anspruch der „Triokratie“ gerecht.
Klaus Mümpfer
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Chet Baker /
Wolfgang Lackerschmid
Artists Favor
Hipjazz 004
Wie unaufgeregt spannend Jazz auch nach gut drei Jahrzehnten klingen
kann, belegen die Aufnahmen aus der Zusammenarbeit des damals 50 und
fast 60-jährigen Trompeters Chet Baker mit dem beim ersten Treffen noch
jungen, gerade mal 23-jährigen, deutschen Vibraphonisten Wolfgang
Lackerschmid. Die Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1979 und
1987 dokumentieren eine musikalische Seelenverwandtschaft der so
ungleichen Musiker. Auf der einen Seite der typische fragile
lyrisch-melancholische Ton des Trompetenspiels, auf der anderen der
filigrane, gläserne und transparente Klang des Vibraphons. So entsteht
eine Musik von zeitloser Ästhetik, relaxed, beseelt und stimmungsvoll.
Sie vereint intellektuelle Logik und emotionale Tiefe.
Wie groß Vertrauen und Respekt des Älteren in die Interaktionen des
Jüngeren waren, belegt die Auswahl der Kompositionen, die bis auf zwei –
darunter natürlich eine Version von „Softly, as in the morning sunrise“
– aus der Feder Lackerschmids stammen, „Dessert“ ist sogar eine
Gemeinschaftsarbeit von Baker und Lackerschmid.
Bei den Aufnahmen vom August 1987 sind neben anderen auch die Bassisten
Günter Lenz und Rocky Knauer, bei einer Einspielung von 1979 der
Gitarrist Larry Coryell, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Tony
Williams zu hören. Die weiteren Aufnahmen aus diesem Jahr bestreiten der
Trompeter und der Vibraphonist in leisen und traumhaft schönen,
melodischen Duos, die die Seele einspinnen. „You don´t know what love is“
war eine spontane Aktion für den Soundcheck und erschien den Musikern so
gelungen, dass es für die Veröffentlichung behalten wurde. Es waren, so
Lackerschmid, die ersten Noten, die die beiden Musiker zusammen
spielten. Ein Glück, dass es nicht dabei diesem Versuch geblieben ist.
Klaus Mümpfer
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Meric
Yurdatapan
The Great Turkish Songbook
housemaster records LC 05699
Meric Yurdatapan, die bereits mit der Gruppe Mericimsi türkische Musik
und Jazz auf originelle Weise verknüpfte, ist konsequent einen Schritt
weiter gegangen: Auf ihrem zweiten Album interpretiert sie seelenvoll
und inspiriert die klassische türkische Musik, die auf alte osmanische
Hofmusik zurückgeht und verleiht ihr mit jazzigem Akkordgefüge sowie
Rhythmik Tiefe und Fülle, die die Lieder von der Einstimmigkeit der
osmanischen Kunstmusik befreien. So umranken sich der typische, etwas
schwermütig wirkende Gesang mit seinen koloraturähnlichen,
melismatischen Passagen und den wie Schleiftöne wirkenden
Minimalintervallen in der orientalischen Tonleiter sowie die jazzige
Instrumentalisierung mit einem perlenden Piano von Ulrich Bareiss, den
fesselnden, harmonisch reizvollen Basslinien von Florian Werther und dem
swingenden Schlagzeug von Axel Pape. Dass in der osmanischen Klassik
unter anderem neben arabischen auch jüdische Einflüsse verarbeitet
wurden, belegt die Komposition „Ben gamli hazan“. Viele der
traditionellen und zu neuem Leben erweckten Kompositionen sind
bittersüße oder sehnsuchtsvolle Lieder von der Liebe zu Personen oder
etwa zu dem Istanbuler Stadtteil Kalamis. (Alle Liedtexte sind im
Begleitheft im türkische und englischer Sprache nachzulesen.)
„The Great Turkish Songbook“, so der Titel der neuen CD, ist für die in
Wiesbaden lebende und in Istanbul aufgewachsene Türkin eine Zeitreise in
ihre Jugend, in der sie den Gesängen ihrer Großmütter lauschen durfte.
Diese Musik sei, wie Meric Yurdapan sagt, „die Heimat meines Herzens“.
Das hört man jedem Wort, jeder Silbe, an, die sie mit klarer und
ausdrucksreicher Kopfstimme vorträgt. Dass die Sängerin die
komplizierten Strukturen der Melodiebildung „makam“ und komplexer
Rhythmik „usul“ vereinfacht, macht die Musik trotz der exotischen
Klangfarben und Stimmungen für das westliche Ohr eingängig. Türkische
Vokal-Klassik und Instrumental-Jazz verbinden sich auf faszinierende
Weise, ohne dass eine der Seiten ihren Charakter aufgeben muss.
The Great Turkish Songbook“ ist kein World-Jazz im herkömmlichen Sinn,
sondern eine völlig eigenständige Musikausprägung, die von Mal zu Mal
mehr gefangen nimmt.
Klaus Mümpfer
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Ditzner
Lömsch Duo
Schwoine
fixcel records 001
Lehmann + Ditzner
Klingeltöne
fixcel records 000
Eigentlich fängt es ganz harmlos an: Ein fein swingendes kleines
Schlagzeug, eine melodisch klingende Klarinette – so richtig anheimelnd,
auch wenn das Instrument zwischendurch leicht überblasen wird. „Up from
the skies“, jene Nummer von Jimi Hendrix, eröffnet die CD „Schwoine“ des
Duos Erwin Ditzner und Bernd Lömsch Lehmann. Ein sanfter Ausklang.
Doch anschließend geht es zur Sache. Das Saxophon attackiert, das
Schlagzeug setzt akzentuiert den Beat. „Die Maske“ so auch der Titel,
wird gelüftet. Lömsch Lehmann lässt das Instrument aufschreien, während
der Rhythmus noch stupend durchläuft. In „Nguruwe“ ist die Maske dann
endgültig gefallen. Der Saxophonist malträtiert das Bariton, gurgelt,
kreischt, stöhnt, schnattert und seufzt in aggressiven Stakkatoläufen.
Ditzner setzt mit einem pulsierenden Drumspiel die Basis, auf der
Lehmann sich in Free-Explosionen austobt – paradoxerweise kontrolliert
und strukturiert – so wie man es etwa von Peter Brötzmann kennt.
Freier-Jazz ja – reiner Free-Jazz wie ihn Musiker in den 60er Jahren mit
der Negierung aller harmonischer und rhythmischer Bindungen gemeint
haben, ist dies dennoch nicht.
Die Musik des Duos ist auf faszinierende Weise doppelbödig: Treibender
Groove und raffinierte Melodiebearbeitungen wie in „In A Gadda Da Vida“
oder „Leon P.“ sind Belege für einen souveränen Umgang mit der freien
Improvisation und deren Einbindung in ein dialektisch geformtes Konzept
der dreifachen Aufhebung: Aufheben im Sinn der Auflösung überholter
Bindungen bei gleichzeitigem Bewahren von Bewährten und Aufheben des so
Gewonnen auf eine neue künstlerische Ebene.
Noch ausgeprägter ist dieses Konzept auf der CD „Klingeltöne“ mit seinen
erbaulichen und skurrilen Kurzmusikstücken. Nur jeweils wenige Takte
lang schnattern Saxophon und Klarinette, rhythmisiert Ditzner die
unterschiedlichsten Percussionsinstrumente. Zitate zwischen Neuem – ob
der Hörer der Empfehlung folgt und mit diesen Improvisationskürzeln als
Klingeltöne auf dem Handy die Welt beglückt, darf bei allem Witz und
Reiz dennoch bezweifelt werden.
Klaus Mümpfer
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Community
What´s your dream
Trion, LC 06878
Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Ökonomie. Er setzt selbst in
schnellen kruzen Stakkatoläufen auf dem Flügel keinen Ton zu viel, ist
immer ein nachdenklicher Spieler gewesen. Auch in dem neuen Quartett
„Community“ pflegt er diese Tugend. Ob im Duo mir dem mal sensiblen, mal
expressiven Trompeter Valentin Garvie (er bläst in Degens „Suite“ die im
Jazz selten eingesetzte hohe Bachtrompete) oder mit dem harmonisch
wendungsreichen und nie um Einfälle verlegenen Bassisten Ralf Cetto, mit
seinen locker perlenden Klaviereinlassungen drängt sich Degen nie in den
Vordergrund. In seiner Suite überschreitet der Pianist im Zwiegespräch
mit dem pulsierenden Schlagzeuger Uli Schiffelholz (auch im
absschließenden „Upstart 2“ die Grenze zu rhythmisch und harmonisch
freieren Jazzläufen, um im anschließenden „Herbstwind“ nach einer eher
lyrischen Passage vehement drivend mit Garvie zu swingen. „Universal
Language“ wiederum belegt, dass Degen und Garvie im Bebop verwurzelt
sind und Cetto zupft nach seinen begleitenden walking-Bass-Linien eines
jener melodischen Soli, die von ästhetischem Feingefühl zeugen. Ähnlich
melodische Ambitionen beweist Uli Schiffelholz beim Titel gebenden
„What´s your Dream“ in einem Solo mit einem sorgfältig abgestimmten
Drumset, bevor die Komposition mit einem sanft verwehenden
Trompetenspiel ausklingt. Die CD des Quartetts mit dem älteren Bob Degen
und seinen jungen Mitmusikern wird dem Gruppennamen gerecht. Dies ist
eine Einheit gleichberechtigter Partner, famos aufeinander eingestimmt,
jeder mit eigener Persönlichkeit und dennoch in kollektiven Spirit
aufgehend. Die Musik bewegt sich zwischen Bebop bis Free, über das
spanisch-inspirierte „Eso es“ in pulsierender Rhythmik bis zu sanfte
Balladen wie „Für E.S.“ und fesselt vom ersten bis zum letzten Ton.
Klaus Mümpfer
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Annedore
Wienert / Peter Wegele
Necessarily Two
Fluxx, LC10214
Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt
interpretiert auch die Oboistin Annedore Weinert die Wegele-Komposition
„Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den
Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte
tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo
arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den
Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue
Klangfarben ins Spiel.
Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George
Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles
fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch
beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen,
manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn.
Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It
Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten
durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante
Klangfarben.
Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen
von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der
Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer
Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht
gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht
damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der
in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen
Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet.
„Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche.
Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist
aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes
Hörerlebnis.
Klaus Mümpfer
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Charles
Davis & Captured Moments
Pathways
TSEE 408-0025
Die Flöte flirrt in „Blues for Saliba“, das der australische und am
Bodensee lebende Flötist Charles Davis dem libanesischen Maler Saliba
Douaihy gewidmet hat. Mal überblasen, mal in einem langen Lauf geradeaus
voraneilend, treibt Davis den straight marschierenden Kontrabass, auf
dem Steffen Hollenweger zwischendurch ein kurzes und harmonisch
ausgefeiltes Solo vorlegt, sowie die perlenden Linien der Gitarre von
Sven Götz in diesem Up-Tempo-Stück voran. Gleich darauf greift Davis zur
Kontrabassflöte, ein Instrument, das eher percussiv, denn als
Melodieinstrument eingesetzt wird, um mit überblasenen Harmonien,
pfeifenden Lauten und Schleiftönen sowie in grummelndem Bass in
„Flendrix“ dem Gitarristen Jimi Hendrix die Ehre zu erweisen. Im
Allgemeinen jedoch herrscht auf der CD „Pathways“ kammermusikalische und
getragene Stimmung vor – sanfte Lyrik und melodische Verspieltheit.
Charles Davis´ Vorliebe für indische Klassik sowie Balkan-Folklore ist
in den Einspielungen der Gruppe „Enchala“ ebenso unüberhörbar und
bestimmend wie in dieser neuen Aufnahme seines Trios „Captured Moments“.
„Almost a Raga“ steht für die eine Ausrichtung, „Balkan Dance“ für die
andere. Die Flötentöne verschmelzen mit der Gitarre, auf der Götz
die in „El Sheik“ Flamenco-Adaptionen mit arabischen Einflüssen
anreichert. Davis bläst die Flöten zwar meist in ruhigen und
langgezogenen Melodiebögen, setzt die Instrumente aber auch oftmals
percussiv akzentuierend ein. Das Fundament liefert mit einer fast zu
starken Zurückhaltung der Bass.
Das Spiel des Flötisten ist ebenso unverwechselbar wie seine
Kompositionen, die trotz der musikalischen Kontinuität über viele Jahre
hinweg, immer wieder gefangen nehmen.
Klaus Mümpfer
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Andreas
Hertel Quintett
My Kind of Beauty
Klangraum Records KRR 036
Andreas Hertel ist kein Revolutionär., doch man sollte seine
konventionell anmutenden Kompositionen nicht unterschätzen. Beim
genaueren Hinhören entdeckt der Zuhörer geschickt verarbeitete
Erfahrungen des freien Spiels, die vor allem in den Soli und Tutti mit
dem Bläser Steffen Weber am Saxophon und in den attackierenden
Bop-Läufen des Trompeters Heiko Hubmann, aber auch in n Kollktiven wie
in „Hallo Kind“ mitklingen. Zudem gelingt es dem Komponisten und den
Musikern im Unisono- sowie im mehrstimmigen Spiel reizvolle Klangfarben
zu zaubern, beeindruckend etwa in „Wellen“. Die Stücke pendeln zwischen
Straight-Ahead-Up-Tempo und verspielten, langsamen Balladen- so dem
Jazzwalzer „Snow Day“. Ein beseeltes Duo zwischen sparsamen
Pianoeinwürfen und dem harmonisch reizvollen Solo des Bassisten Florian
Werther wird abgelöst durch ein klangfarblich ansprechendes Solo des
Saxophonisten Weber, der dann in ein einander umspielendes Duo mit
Hubmann eintritt. Axel Pape liefert zu all diesen Stücken eine
unaufdringliche, aber stützende Percussionsbasis. So klingt moderner und
zugleich zeitloser Jazz mit Aussagekraft und Tiefgang.
Klaus Mümpfer
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Jürgen
Wölfer
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
Hannibal Verlag 2008
ISBN 978-3-85445-274-4
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ ist ein wahrhaft gewichtiges Werke. Es
enthält auf einer nicht angegebenen Seitenzahl immerhin 1 675 Einträge
von Michael Abene bis Walter Zwingemann, auch wenn das Versprechen des
Verlages, alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute zu nennen,
nicht eingehalten werden kann. So fehlen — um nur zwei Beispiele zu
nennen - der aus Mainz kommende und mit dem Henessey-Jazzpreis
ausgezeichnete Bassist Christian von Kaphengst oder der Mannheimer
Jazzpreisträger Steffen Weber, dafür werden recht neue Stars wie der
Trompeter Nils Wülker oder eher regional bekannte Jazztalente wie der
Posaunist Christoph Thewes vorgestellt. Die Zahl der professionellen
Musiker und Musikerinnen ist in den zurückliegenden Jahrzehnten
beträchtlich angewachsen — gefördert durch die Einrichtung von
Jazz-Studiengängen oder Hochschulen, so dass es in der Tat unmöglich
ist, alle Jazzer und mit der Jazzszene befassten Personen in Deutschland
nennen zu.
Autor Jürgen Wölfer, der seit mehr als 20 Jahren in der
Schallplattenbranche arbeitet hat eine immense Fleißarbeit geleistet. Er
ist bescheidener als der Verlag, wenn er von einem Versuch spricht, den
Jazz in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart in Lexikonform
darzustellen. Dabei hat er gerade bei der sorgfältigen Bearbeitung der
Jazzmusik in der früheren DDR zahlreiche Lücken geschlossen.
Da es um die Darstellung dieser Musik in Deutschland und nicht um
deutsche Jazzer geht, haben eine Reihe ausländischer Musiker , die
zeitweise oder für immer in Deutschland spielten, Aufnahme in das Werk
gefunden. An erster Stelle sind der Saxophonist Charlie Mariano, der
Pianist Mal Waldron oder der Posaunist Eje Thelin zu nennen. Ebenfalls
im lexikalischen Teil führt Wölfer Plattenfirmen, Einrichtungen wie das
Darmstädter Jazz-Institut und dessen Leiter Wolfram Knauer,
Jazz-Kritiker und Autoren, Jazzfestivals wie das Berliner Jazzfest sowie
Veranstaltungsreihen wie „Jazz at the Philharmonic“ (JatP) auf.
Im Anhang ist eine chronologische Diskografie der Jazz-Einspielungen des
Labels Amiga von 1947 bis 1991 zu finden.
Die 29,90 Euro für diese umfangreiche Fundgrube für Sammler und
Historiker sind gut angelegtes Geld. Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
aus dem Hannibal-Verlag sollte jeder Fan in seinem Bücherschrank stehen
haben.
Klaus Mümpfer
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Caroline
Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches
Phonector LC 13752
So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt,
leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden
sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen
Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie
Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen
filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener
pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem
klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark
in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.
Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative
harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel
und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht
der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD
„Jazzscetches“ – verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso
zuhause fühlt wie bei Gershwin und Jarrett.
In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden,
manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch
die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die
„Jazzscetches“ tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im
positiven Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos
unter
www.caroline-wegener.de
Klaus Mümpfer
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www.jazzpages.com/Muempfer
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Steffen
Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff
Laika Records 3510239.2
„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu
hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also
zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem
Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem
Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem
und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem
Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher
stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende
Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt
seinen Zweck.
Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den
ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers
stammen.
Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos
zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus
dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr.
Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen
Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape,
überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den
Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine
Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem
Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und
runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann
wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.
Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel,
Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum
Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag,
der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten
zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in
„Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.
Klaus Mümpfer
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Hops, Radtke,
Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche
Radau Records 071125
Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich:
carteblanche@freenet.de
Diese CD ist
ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit
gleichstellen darf. „Carte Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen
Carsten Radtke, dem Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und
Klarinettisten Christoph Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard
Schilde sowie dem Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die
Einspielung. Dabei swingt das Quintett mal im modernen Mainstream,
pulsiert später im radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der
zeitgenössischen E-Musik. Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme
aus der Feder Schneiders, bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen
auf, klingen teils melodisch und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch
schwebend, können aber auch durch anarchische Kollektive erregen.
Klangfärbend ist die zumeist die Gitarre, bei deren Spiel die
Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in Erstaunen setzt – ganz
gleich, ob er perlende Läufe oder suchende Single-Note-Kürzel zupft,
akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow Klangflächen ausbreitet. Vom
Free-Geschnatter auf Saxophon und Klarinette bis zu singbaren Linien
reicht die Ausdrucksmöglichkeit Reiserers, wie auch Schilde auf den
Tasteninstrumenten mit Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen
oder wie im Opener mit einer hintergründigen elektronischen Soundfläche
besticht. Peter Hops kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene.
Nahezu klassisch ist ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er
flexibel, aber Akzente setzend die rhythmische Basis oder lässt sein
Percussions-Set in den freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem
durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile
wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte
Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen
gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau
hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten
entdecken.
Klaus Mümpfer
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Jason Seizer
Time Being
Pirouet PIT 3027
Das ist eine jener Einspielungen, die das Zeug zum Klassiker haben.
Kammermusikalischer Jazz von zeitloser Schönheit sowie
sensibel-kommunikative Interaktionen von vier Musikern, die eine dichte,
aber nuancierte Klangmalerei erlauben, kennzeichnen die neue Produktion
„Time Being“ des Münchner Saxophonisten Jason Seizer. Klangprägend ist
vor allem das Zusammenspiel des sich am Balladenmeisters John Coltrane
orientierenden Seizer und des impressionistisch angehauchten und dennoch
mit sperrigen Akkorden Spannung erzeugenden amerikanischen Pianisten
Marc Copland, der bereits im Trio mit Gary Peacock und Billy Hart sowie
an der Seite von Randy Brecker seine Kreativität beweisen konnte.
Seizers Saxophonlinien sind von singhafter Eingängigkeit, Copland kann
mit hingetupften Single-Notes begleiten oder in den Soli mit perlenden
Läufen und hinhaltender Gegenläufigkeit. Hinzu kommen der Schlagzeuger
Tony Martucci, der in Soli, etwa in „Corrections“ oder „All The
Things...“, mit einem filigranen und austarierten Spiel überzeugt sowie
der Bassist Matthias Pichler mit fundierten und harmonisch
wendungsreichen Linien in „Time Being“ oder „Trip to the stars“
besticht. Die Kompositionen stammen aus den Federn von Seizer und
Copland – mit Ausnahme des Kern-Hammerstein-Standards „All the things
you are“. Sie betonen einmal die balladeske Sanftheit, im anderen Fall
wiederum - wie in „Requiem“ eine ausdrucksstark-expressive Intensität.
Die Promotion zur CD betont zu Recht ein „klangliches Feingewebe“, das
das Quartett besonders ausgeprägt nicht nur in dem mitreißend swingenden
Standard pflegt.
Klaus Mümpfer
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Sebstian Netta
„Trio“
Autumn Letters
Musicom CD 011215
Das ist Jazz zum Verlieben – im doppelten Sinne: Musik für harmonische
Stunden und ein swingendes Bilderbuch, das man mit der Seele
aufblättert. „Autumn Letters“, der Titelsong der gleichnamigen
Einspielung des Sebastian Netta-Trios erinnert in der Sensibilität und
dem Wohlklang an den ähnlich lautenden Standard. Die Musik des
Soft-Drummers Sebastian Netta (der auch in kraftvolleren Passagen
geschmeidig differenziert), des Magiers der perlenden Notenketten am
Piano, Sebastian Altekamp, und des feinfühligen Bassisten Ingo Senst mit
dem warmen Klang seines Instruments verbreiten ein Gefühl der
Wohligkeit, jedoch ohne langweilig oder gar kitschig zu werden.
Die Auswahl der Kompositionen von „And I Love Her“ über „Falling In Love
With You“ und „Michelle“ bis zu „In A Sentimental Mood“ spricht schon
für sich. Während Bandleader Netta und Bassist Senst die solide und
zusammenbindende rhythmische Basis formen, prägt Altekamp mit seinem
variationsreichen Klavierspiel den Klang des Trios. Seine
Wandlungsfähigkeit unter Beibehaltung seines Personalstils ist enorm:
von der zart hingetupften Untermalung des ästhetisch reinen Bass-Solos
in der Ellington-Komposition bis zu seiner sperrig-gerechten
Interpretation von „Blue-Monk“. Wie gesagt: „Autumn Letters“ bringen
eher den Frühling als den Herbst ins Haus: einen zeitlosen Jazz so
richtig zum Entspannen.
Klaus Mümpfer
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Christoph
Stiefel
Inner Language Trio
Neuklang NCD 4025
Poesie und romantische Stimmungen prägen das Klangbild. Der Schweizer
Pianist Christoph Stiefel lässt impressionistische Läufe aus dem
Instrument perlen, baut weite Bögen mit repetitiven Jazzphrasen, die
sich in das percussive Grundgerüst einbetten oder darüber verschoben
werden. Solche Spannung erzeugende Wiederholungen rhythmischer und
melodischer Teile sowie deren Überlagerung im Gleichlauf oder
Verschiebung sind aus dem 14. und 15 Jahrhundert als Isorhythmie bekannt
- eine Kompositions- und Spieltechnik, auf die sich der Pianist vor
allem in schnellen Stücken der CD „Inner Language Trio“ ausdrücklich
beruft. Daneben sind langsame Kompositionen wie „In this moment“ zu
hören, in denen sich der Pianist gleichsam tastend dem Thema nähert, im
Zwiegespräch mit dem Bassisten Patrice Moret und dem Perkussionisten
Marcel Papaux den Kern harmonisch umspielt. Sowohl ins ruhige als auch
ins swingende Konzept fügt sich bei einigen Stücken der Saxophonist und
Klarinettist Reto Suhner ein. Exotische sowie neutönerische Klangfarben
kommen bei „In & out of order – Isorhythm #15“ oder „In ferne Himmel –
Isorhythm #20“ ins Spiel. „Travessia“ weckt Assoziationen an die
hymnische Melodieführung eines Abdullah Ibrahim. So bewegt sich das Trio
in einem eigenständigen Musikkosmos, der Ruhe und Spannung zugleich
umfasst, der mal romantisch verklärt, dann wieder expressiv groovt – wie
mit überblasener Bassklarinette und Akkordtrauben auf dem Piano in
„Isorhythm #2.2“. Dazwischen gibt es höchst konventionelle
Kompositionen, wie man sie schon vielfach bei anderen Gruppen hören
konnte - etwa das swingende „Testsieger“ oder das verspielte, lyrische
„Nao em Vao“. Dies alles geschieht ohne konzeptionelle Brüche, wirkt
trotz spannungsreicher Abwechslung – auch dank der traumhaft sicheren
Interaktionen der drei Musik wie auch einem Guss. Der Titel „Inner
Language Trio“ könnte auch so ausgelegt werden.
Klaus Mümpfer
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Rabih
Abou-Khalil
Songs For Sad Women
Enja ENJ 9494 2
Warum haben die armenische Duduk und der arabische Oud nicht schon
längst zusammengefunden? Der näselnde und dennoch weiche, mit reichem
Vibrato irgendwie Hilfe suchende Ton der zur Oboenfamilien gehörende
armenischen Flöte und der ebenso weiche, aber beschützende Ton des
kurzhalsigen Vorgängers der europäischen Lauten und Gitarren bilden ein
Traumpaar, wenn es um melodische Ästhetik und reiz- sowie geheimnisvolle
Exotik geht. Wenn dann noch das aus der mittelalterlichen Zinken-Familie
stammende Serpent mit seiner ostinaten Bass-Grundierung sowie eine
sensible Percussion hinzukommen, dann ist ein Grad der Vollkommenheit
erreicht, den der aus dem Libanon stammende und in München lebende
Kulturversöhner Rabih Abou-Khalil in seinen früheren hochkünstlerischen
Einspielungen noch nicht erreicht hatte. Schönheit, Liebe, Zärtlichkeit
und Lust sind vereint
Duduk-Virtuose Gevorg Dabaghyan, Rabih Abou-Khalil mit der Oud, Michel
Godard mit Serpent und Jarrod Cagwin an der Percussion legen mit „Songs
For Sad Women“ eine CD von zeitloser Schönheit vor. Sie steckt voll
tiefer Emotionalität, optimistischer Melancholie sowie tänzerischer
Leichtigkeit. Abou-Khalils Kompositionen entrücken den Zuhörer in eine
andere Welt, verzücken Ohr und Gemüt gleichermaßen. Den vier Musikern
gewähren die Stücke Zeit für ausladende, makellose Soloausflüge, aber
auch für Duosund Kollektive, in denen die unterschiedlichen Klangfarben
zu einem anrührenden Pastellgemälde zusammengeführt werden. Jazz ist
dies nur in einem weit gefassten Sinn.
Klaus Mümpfer
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Eric Plandé
Between the lines
Cristal records CR CD 0707
Ein Konzert im Darmstädter Jazzinstitut Anfang 2008 mit dem Pianisten
Bob Degen, dem Basisten Jürgen Wuchner und dem Schlagzeuger Janusz
Stefanski hat bereits einen Eindruck davon vermittelt, zu welcher
Hochform der französischer Tenorsaxophonist Eric Plandé auflaufen kann.
Im Duo mit dem Pianisten Joachim Kühn kann Plandé seinem pulsierenden,
ekstatischen und ungebundenen Spiel noch stärker und intensiver freien
Lauf lassen. „Le Horla“ ist so ein aufwühlendes Stück. Seine
Stakkati-Läufe, hochenergetisch mit einer Spur von Lyrik, mal sonor
„hinausgerotzt“ oder im Duo mit dem Altsaxophon von Joachim Kühn nervös
überblasen über dem „Pulse“ von Schlagzeug und Percussion, reißen mit.
Plandé hat Charlie Parker zutiefst verinnerlicht, dann aber einen
eigenständigen Weg gefunden. Auf der CD sind einige kurze
Unisono-Passagen von melodischer Schönheit, die dann aber von eruptiven
Saxophonläufen oder komplexen Akkordschichtungen auf dem Piano
aufgebrochen wird. Joachim Kühn reduziert sich hin und wieder auf leise
Single-Note-Sequenzen oder begleitet wie in „Für dich – wider dich“ die
Sängerin Moina Erichson sowie den intensiv aufspielenden Plandé mit
sparsamen Einwürfen, bevor er zu einem perlenden und zugleich
widerspenstigen Soloausflug aufbricht. Auf „Between the lines“ ist in
dieser Formation mit Kühn, Plandé, Erichson sowie dem Schlagzeuger
Jacques Mahieux und dem Percussionisten Francois Verly eine ungeheuer
emotionale und aufregende Musik zu hören. Zeitgemäßer Jazz zwischen
Hardbop und Free in hoher Virtuosität dargeboten. Die Kompositionen, die
alle von Plandé stammen, werden dem Können der Interpreten gerecht,
fordern sie geradezu.
Klaus Mümpfer
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Olaf
Schönborn`s Q4
Radio Jazz
Jazz`n` Arts Records JnA 3808
Der in Mannheim lebende Sxophonist Olaf Schönborn hat den Spagat gewagt
und gemeistert. „Radio Jazz“ nennt er seine Debut-CD mit Musik, die nach
seinen eigenen Worten „im ganz normalen Radioprogramm auch im
Hintergrund laufen kann, ohne dass Nicht-Jazz-Fans abschalten, die aber
so interessant ist, dass auch Jazzhörer ihr etwas abgewinnen können“.
Dass Schönborn im Opener „Radioblabla“ gesprochene Textcollagen
verwendet, ist zwar ein durch den Titel gerechtfertigter Gag, wäre
musikalisch nicht notwendig, schadet aber auch nicht. Ansonsten fließt
die Musik, lädt zum Relaxen ein, ist mit ihren vielschichtigen
Latin-Rhythmen spannend, ohne zu komplex zu werden. Tilman Bruno trägt
als Percussionist einen wesentlichen Teil zu der Leichtigkeit bei, die
durch den singenden Ton und die melodischen Linien des Saxophons
unterstrichen wird. Perlende Soli und sensible Begleitung zeichnen den
Gitarristen Daniel Stelter aus, für das harmonische Fundament sorgt
außerdem Bassist Martin Simon. Eine kleine Preziose ist in diesem Sinn
„Mein kleiner Antoine“, mit einer ruhigen balladesken Einleitung auf
Saxophon und Gitarre, je einem kurzen, kraftvollen und erdigen Solo des
Gitarristen und des Bassisten sowie dem ostinaten Gitarrenspiel, das
nach und nach schwebend verweht. Die Gleichzeitigkeit von Ruhe und
Energie zeichnet das Spiel des Saxophonisten und des Quartetts aus, das
vor Tradition und Wohlklang nicht zurückschreckt, sich aber auch nicht
in Nostalgie verstrickt. In der Tat eine ausgesprochen schöne Musik, bei
der Zuhörer ohne Gefahr, sich zu langweilen, entspannen kann.
Klaus Mümpfer
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Grand Central
Perilous Night
Bestellung über die Website von Jörg
Heuser „www.docheuser.de“
„Grand Central“, die Band um den Mainzer Gitarristen Jörg Heuser,
besticht von den ersten Akkorden mit soulgetränktem und rauen
Saxophonläufen sowie flirrenden und glissandierenden Gitarrenlinien über
den treibenden Grooves von Bass und Schlagzeug. Auch wenn die Musik ohne
das rhythmische Fundament des Bassisten Rüdiger Weckbacher und des
Schlagzeugers Patrick Leussler nicht denkbar wäre, stimmungs- und
soundprägend sind Saxophonist Thomas Bachman sowie Bandleader und
Gitarrist Jörg Heuser, von dem auch die Kompositionen stammen. Zwar
assoziieren Teile mit den schwebenden und warmen Klängen die coolen
Gitarrenläufe von Pat Metheney, andererseits die hart auf en Saiten
angerissenen Akkordschichtungen eher Jimi Hendrix. Ein solch
eigenständiges und mitreißendes Solo präsentiert Heuser in der
bezeichnenden Komposition „Guitar“ – ein schier endloserund
ausschweifender Lauf mit rasanten Stakkati. Saxophonist Bachmann pendelt
zwischen Bebop, Funk und Soul – etwa in „How R U Doin“, kontrastierend
mit sonorem Saxophon gegen die helle Gitarrenlinie vor einem harmonisch
verzwickten Bass-Solo. Beide beziehen Funk und Rock mit ein, und so
entsteht insgesamt eine Fusion-Kost, die ansprechend melodisch sowie
leicht verdaulich, aber keineswegs einfach strukturiert ist. „Grand
Central“ hat sich mit dieser Mixtur so eigenständig entwickelt, dass man
vor einer einfachen Kategorisierung zurückschreckt. Der Mitschnitt eines
Konzertes vom 17. März 2007 ist technisch gut gelungen, so dass der
Zuhörer auch ohne die Live-Atmosphäre bis zur letzten Note gefesselt
wird.
Klaus Mümpfer
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Wolfgang
Schmid „Kick“
Let the groove begin
SKP 9070-2
Der Bassist Wolfgang Schmid bleibt sich treu, auch wenn er seine Band
neu zusammenstellt: groovender, funky, leicht soulerfüllter Fusion-Jazz
mit den typischen treibenden Bass-Linien und hämmerndem Schlagzeug. Dazu
kommen die knackigen Gitarrenläufe des bewährten Freundes Peter Wölpl.
Neu sind Perkussionist Oli Rubow, Keyboarder Benedikt Moser und der noch
junge Altsaxophonist Antonio Lucacio. Vor allem Letzterer bestimmt den
Sound mit singenden Linien auf dem Instrument, mal cool, mal rockig und
stets mit einem Schuss Memphis-Soul. Neuerdings wird auch ein wenig
computeranimierte Rap-Spreche eingeblendet. Freunde von Wolfgang Schmid
und seiner stets zeitlos zeitgemäßen Spielweise kommen voll auf ihre
Kosten, denn die Musik hält was der Titel der CD verspricht: „Let the
groove begin“. Die Rhythmen verlocken zum Fußwippen und Trance-Dance,
der Sound ist süffig mitreißend – eben ein „Kick“ von Wolfgang Schmid.
Klaus Mümpfer
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Richard
Bargel
Bones
Meyer Records no. 152
Richard Bargel, zweimal mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik
ausgezeichnet, widmet sich auch auf seiner CD „Bones“ dem ursprünglichen
Blues aus dem Mississippi-Delta in einer erdigen und bodenständigen
Spielweise, die dennoch den Meister des Slidegitarrespiels mit
raffiniertem Fingerpickíng verrät. Seine sparsames Spiel auf der
akustischen Gitarre und der metallenen Dobro passen vorzüglich zu der
rauen, markanten Stimme sowie der manchmal schnoddrig nonchalanten, dann
wieder akzentuierten und später wiederum schleppenden Vortragsweise.
Bargel selbst sieht sich mit seinem Sprechgesang – besonders prägnant in
„Lazy“ - zu Recht als Blues-Chansonnier.
Im Booklet zur vorzüglich abgemischten CD sind dankenswerterweise die
Texte der Songs abgedruckt, so dass sich der Zuhörer von den bissigen,
ironischen und pointierten Inhalten überzeugen kann. „Bones“ ist in
seiner Intensität ein Leckerbissen für die Freunde des authentischen,
und doch zeitlosen Blues.Die Konzerte jeweils am ersten Mittwoch im
Monat kosten keinen Eintritt. Finanziert werden sie über einen Direktor,
„der ein Herz für gute Musik“ hat - so Ewald Stromer - und
Firmen-Sponsoring. Der Reigen internationaler Künstler des Jahres 2007
lässt darauf schließen, dass auch 2008 eine spannende und entspannende
Konzertreihe auf die Fans wartet.
Klaus Mümpfer
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Randy Brecker,
Claus Reichstaller, Tony Lakatos u. a.
Wednesdays jazz night
Raffael´s jazzclub
Der Trompeter
Randy Brecker lobt die wundervollen Bands, das vorzügliche Ambiente und
das sachverständige Publikum. Brecker war auf Empfehlung des New Yorker
Schlagzeugers Adam Nussbaum ins Kempinski Hotel Falkenstein gekommen, wo
Nussbaum im März 2006 in der Gruppe um Fleischer und Jünnemann die Reihe
„Wednesday Jazz Night im Raffael´s“ eröffnet hatte. Jazz im First Class
Hotel weckt Assoziationen an Amerika, wo Künstler wie der Pianist Oscar
Peterson in Lounges die Gäste unterhielten, oder an verträumten
Bar-Jazz. Nichts davon bei Ewald J. Stromer, dem Organisator, Jazzfan
und Barchef im Kempinski. Bei ihm spielen Musiker wie Tony Lakatos, Axel
Schlosser, Claus Reichstaller, Ack van Rooyen, Marc Godfroid und Miles
Griffin - um nur einige der Stars zu nennen, die mit ihren eigenen
Formationen oder als Gäste befreundeter Gruppen mitten im Taunus
modernen Mainstream-Jazz mit Fünf-Sterne-Ambiente präsentieren. Einen
Querschnitt durch die Konzertreihe bietet nun eine CD, auf der das
Rainer Tempel-Trio mit dem Trompeter Axel Schlosser, das Randy Brecker
Quartet, Claus Reichstaller and friends, das Tony Lakatos Quintett, das
Martin Schrack Trio mit dem Vibraphonisten Dizzy Krisch sowie das Holger
Neil Lila Quartett zu hören sind. Auf zwei CDs kann der Fan einen teils
kammermusikalischen, groovenden zeitgenössischen, eleganten und zugleich
aufregenden Jazz von Modern-Swing bis Neo-Bebop genießen.
Die Einnahmen
des Michael-Brecker-Memorial-Konzertes mit Randy-Brecker im Sommer 2007
flossen übrigens komplett an Michael Breckers „time is of the essence
fund“, der die Neugewinnung von Knochenmark- und Blutzellen-Spendern
finanziert. Auch vom Erlös der Doppel-CD werden zwei Euro an den Fond
überwiesen. Die gehaltvollen Silberscheiben sind für 22 Euro nur direkt
über das Kempinski-Hotel Falkenstein bei Ewald J. Stromer, Debusweg
6-18, 61462 Königstein im Taunus,
www.kempinski-falkenstein.com, zu beziehen.
Die Konzerte
jeweils am ersten Mittwoch im Monat kosten keinen Eintritt. Finanziert
werden sie über einen Direktor, „der ein Herz für gute Musik“ hat - so
Ewald Stromer - und Firmen-Sponsoring. Der Reigen internationaler
Künstler des Jahres 2007 lässt darauf schließen, dass auch 2008 eine
spannende und entspannende Konzertreihe auf die Fans wartet.
Klaus Mümpfer
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Christof
Thewes Quintett
Plays the music of Charles Mingus
Zerozero 10277
Schon die ersten herrlich schrägen hymnischen Takte und die
anschließenden brodelnden chaotischen Kollektive bringen den Zuhörer auf
den Geschmack. Dass das Quintett anschließend wunderbar swingt, in dem
fast konventionell boppigen Solo des Trompeters einen straight
marschierenden Bass unterlegt und dann wiederum mit einem dissonanten
Gitarrensolo sowie gleichartigen Bläser-Einwürfen mitreißend groovt, all
dies belegt, auf welche erfrischende Weise der saarländische Posaunist
und Bandleader Christof Thewes das schwierige Projekt angeht, Charles
Mingus, dem Meilenstein setzenden Meister des freien Jazz, gerecht zu
werden und dennoch sein eigenes Profil zu schärfen.
Ein bewegendes Duo von Posaune und Trompete wird in „Goodbye pork pie
hat“ von einem pulsierenden Kollektiv abgelöst, das in hervorragender
Weise die typische Mingus-Stimmung trifft. Faszinierender noch ist die
Bearbeitung von „Better get hit in your soul“ mit seinen eigenwilligen
Rhythmen und schnatternden Bläsersätzen. Thewes und sein Quintett mit
dem Gitarristen Christoph Klein, dem Schlagzeuger Daniel Prätzlich, Jan
Oestreich am Bass sowie Daniel Schmitz mit Trompete und Flügelhorn haben
Mingus so sehr verinnerlicht, dass sie - wie in einem Solo des Bassisten
Oestreichs - die Seele des Altvaters zu treffen scheinen.
Die ekstatische Intensität, die besondere Farbgebung in den
Kollektivimprovisationen, die Ostinato-Technik und Tempowechsel, die
abrupten Wechsel von zartem Bläser-Break und voranstürmendem Tutti in
„fables of faubus“ sowie in „Pithecantropus erectus“ sowie geschmeidige
Trompeten und raue Posaunensoli halten den Zuhörer bis zum letzten Ton
gefangen. Ohne Übertreibung: Besser kann man einem großen Musiker wie
Mingus kein Denkmal setzen.
Klaus Mümpfer
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Die
Jazzmusiker und ihre drei Wünsche
Fotografiert und notiert von Baronesse Pannonica de Koenigswarter
320 S., 200 Abb., Reclam, 35,90 Euro, ISBN 978-3-15-010653-2
Von Miles Davis kommt die kürzeste Antwort: „Weiß zu sein“, sagt der
Trompeter, der wegen seines genialen Spiels und seiner Innovationskraft,
aber auch seiner Provokationen wie kaum ein anderer Jazzmusiker bei den
Weißen zwar nicht unbedingt Verständnis, aber Anerkennung gefunden hat.
Albert Mangelsdorff, der von der Persönlichkeitsstruktur her den
Gegenpol verkörpern könnte, antwortet auf die Frage der legendären
Mäzenin Baronesse Pannonica de Koenigswarter, welche drei Wünsche er
denn hätte, dass er lange genug leben möchte, um sein Spiel so zu
entwickeln, dass er damit zufrieden sein könne.
„Nica“, wie die Förderin von den Musikern liebevoll genannt wurde, hat
all die Großen dieser Musik gekannt. Charlie Parker suchte bei ihr
Zuflucht, Thelonious Monk fand bei ihr ein Zuhause.
„Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ ist der Titel einer Sammlung,
die nach der im Jazz-Podium vom Juni 2007 ausführlich besprochenen
französischen Ausgabe nun bei Reclam in deutscher Übertragung vorliegt.
Wohl mehr als 300 Musikern hat „Nica“ die scheinbar unverfängliche Frage
gestellt und es stellte sich heraus, dass die Anerkennung des Jazz,
Liebe, Freiheit und Frieden, aber auch Wohlstand und bessere
Arbeitbedingungen immer wieder in den Antworten zu finden sind.
Für einen Leser, der wie ich in der Jazzfotografie zuhause ist, sind die
zahlreichen Bilder von Nica sowie von Nica mit den Jazzlegenden ebenso
faszinierend wie der Text. Sie bestechen nicht durch künstlerischen
Anspruch, sondern durch ihre dokumentarische Aussagekraft. Ihre
Einmaligkeit liegt in der Intimität, die die Persönlichkeit des
Fotografierten widerspiegelt, ohne dass der private Charakter die Würde
verletzt.
Dieses Buch gehört in den Schrank eines jeden Jazzliebhabers, um es
immer wieder durchblättern zu können, während man die Musik von Monk,
Rollins, Davis, Roach oder Ellington hört.
Klaus Mümpfer
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Martin Sebastian Schmitt / Big Brazz Pack
Midsummernight moods - Suite für Jazzorchester
Rodenstein records LC 09132
„Midsummernight moods“ nennt Martin Sebastian Schmitt eine Suite, die er
für sein Diplomkonzert an der Musikhochschule in Mainz geschrieben und
die er nun mit der „Big Brazz Pack“ eingespielt hat. Es sei seine erste
größere Komposition für ein Jazzorchester, sagt Schmitt. Das Ergebnis
belegt, dass Ed Partyka, bei dem der Saxophonist Jazzarrangement und
Komposition lernte, gute Arbeit geleistet hat.
Die Suite beginnt mit einem melancholischen Choral der Bläser, klingt
insgesamt warm und voluminös sowohl in den getragenen Sätzen der Band
mit sattem Blech und sonorem Holz, mit French Horn und Tuba wie in den
zupackenden und kraftvollen Bigband-Passagen - etwa in „Seasight“.
Die Suite erfrischt dazwischen mit einem swingenden Saxophon-Solo von
Andreas Pompe in „Peasant Dance“, mit einem filigranen Gitarrensolo von
Stefan Kowollik und fasziniert einmal mehr mit der perlenden
Piano-Poesie von Ernst Seitz in drei überleitenden Zwischenspielen der
fünfsätzigen Suite. „Midsummernight moods“ ist der passende Titel für
dieses assoziationsreiche kleine (24 Minuten kurze), aber feine
Orchesterwerk ganz in der Tradition der sinfonischen Jazzkompositionen.
Die gut eingespielte Big Brazz Pack zeigt ebenfalls keine Schwächen,
spielt präzise in Time mit reizvollen, leicht romantischen bis lyrischen
Klangflächen.
Klaus Mümpfer
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Claudio Puntin
Rot - Musik zum Hörbuch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk
Double Moon DMCHR 71901
Istanbul, die Metropole am Schnittpunkt zweier Kontinente und Kulturen,
erhält in dem Roman „Rot ist mein Name“ des türkischen Schriftstellers
Orhan Pamuk eine literarische Stimme, deren Klang der Komponist und
Klarinettist Claudio Puntin mit östlicher Melodie und westlicher
Harmonik unterlegt hat. 25 Miniaturen aus dem musikalischen Gesamtwerk
zum Hörbuch des Romans hat Double Moon Records auf eine CD gepresst,
Miniaturen voller intimer Emotionen und exotischer Schönheit. In dem
vorzüglichen Begleitheft betont Puntin, dass die von ihm komponierten
Themen nicht als Volksmusik oder Adaptionen traditioneller Musik
verstanden werden sollten. Vielmehr sei es aktuelle Musik mit Einflüssen
aus improvisierter Musik und zeitgemäßer Kunstmusik, versehen mit Farben
traditioneller türkischer Volksmusik. In der Tat werden Puntin und seine
Musiker so dem Roman wie seinem Autor gerecht, der im Bewusstsein der
Geschichte und mit heutiger Schreibweise die (Kriminal-)Geschichte aus
dem Winter des Jahres 1591 erfindet und erzählt.
Die kleinen Kunstwerke zwischen einer und maximal viereinhalb Minuten
Länge ziehen ihren Reiz aus dem Klangfarbenspiel der unterschiedlichen
Klarinetten, die mal frei überblasen wie in „Pub“ oder mit Percussion in
„Olive´s Exposure“, in der Regeln aber mit nahöstlicher Stimmung
geblasen werden, aus dem Sound bestimmenden Spiel des Kurden Taner Akyol
auf dem lautenähnlichen Saiteninstrument Baglama, der Percussion Marcio
Doctors mit Rahmentrommeln - vor allem in „Osman the Padishah“ und
Taraboukaas sowie dem Spiel von Peter Herbert auf Kontrabass und dem
gnawaianischen Bassinstrument Gjembre. Ebenso einfühlsame wie virtuose
Improvisatoren sind Gerdur Gunnarsdottir mit Violine und vor allem ihrer
Stimme, Rolf Marx mit Gitarre und Daniel Raabe mit Violoncello.
Durch das Fehlen des verbindenden Textes wirkt vereinzelt der Übergang
zwischen zwei Stücken wie bei „Oheim´s Dead“ und „Seküre“ abrupt,
zumeist aber wie bei „Hammam Sauna“ zu „Osman´s Palace“ harmonisch.
Claudio Puntins teils notierte, teils improvisierte Musik bereitet auch
Jenen Genuss, die den Roman nicht kennen, macht aber dennoch neugierig
auf das Hörbuch.
Klaus Mümpfer
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Martin
Reiter
Alma
Material Records MRE 018-2
Ob Martin Reiter mit „Alma“ in die Seele des Jazz eindringt oder nicht
doch eher seine Seele als Jazzmusiker offen legt, darüber kann der
Zuhörer diskutieren. Jedenfalls wandelt der österreichische Pianist mit
seiner Musik abseits der Latin-Klischees, hat seinen persönlichen und
durchaus eigenwilligen Stil gefunden. Die Kompositionen leben von
tänzerischen, leichten Latin-Rhythmen und den pastellfarbenen
Klangflächen vor allem aus Gesang, Harmonika und Flügelhorn. Diese
transparenten, eingängigen Sounds - angereichert durch die Viola Judith
Reiters fügen sich vorzüglich zum perlenden Piano - etwa in „Phenomenon“
mit seinen Inspirationen von Bach-Chorälen. Im solistischen Titelstück
„Alma“, das Reiter nach eigenem Bekunden seinem Gitarristen und
Percussionisten Allegre Correa gewidmet hat, versucht der Pianist in
lyrisch verspielten, dahin fließenden Läufen den Gitarrenlinien nahe zu
kommen.
Martin Reiter zeigt eine Vorliebe zum Spannungsaufbau durch ostinate
Melodie- und Rhythmusfiguren auf dem Piano, die sich wie in dem
Swing-Stück „Shabanac“ schließlich in einem Flügelhorn-Solo auflösen. In
„Minas Waltz“ wiederum begleitet Reiter ein harmonisch reizvolles Solo
des Bassisten Matthias Pichler mit sparsam hingetupften Single-Notes,
bevor das sanfte und warme Flügelhorn von Matthieu Michel das Thema
wieder aufnimmt.
Etwas aus der Reihe fällt das schnelle „Pra Frederic“ (für Frederic
Chopin) mit drängender Percussion, der tonangebenden Harmonica Bertl
Mayers und von Ana Paula da Silva, die mit heller und durchdringender
Stimme singt und scattet. Mit steigender Intensität und Dichte reißt das
Stück den Zuhörer mit, bevor Reiter mit einer verträumt wirkenden
Einleitung in „Ana“ auf Gegenkurs geht. Den Abschluss findet der
Komponist schließlich mit einem schönen Bossa Nova, der Gitarre,
Percussion und Piano freien Lauf lässt.
Die Produktion lässt jedenfalls nachvollziehen, warum der erst
29-Jährige bereits mit dem Hans-Koller-Preis sowie Stipendien am Haager
Konservatorium und in New York ausgezeichnet wurde.
Klaus Mümpfer
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Bernd Frank Jazz Quintett
Miss E-Little
Mons Records, MR 874425
Bernd Frank ist Komponist, Saxophonist - und Vater einer reizenden
Tochter sowie von Zwillingen. Dann gibt es da noch die Katze mit dem
bezeichnenden Namen „Grooveproof“. All diesen Familienangehörigen hat
Bernd Frank Kompositionen gewidmet und neben bekannten Standards mit
seinem Quintett in der klassischen Bebop-Besetzung eingespielt. Das
Ergebnis ist in einem gefälligen und boppig pulsierenden, funkig
klingenden Mainstream auf der CD „Miss E-Little“ zusammengefasst.
Die Eigenkompositionen fügen sich passend in die Reihe von Horace
Silvers „Sister Sadie“ bis Duke Ellingtons „Don´t get around much
anymore“ ein. Das Saxophon singt bei „In the wee small hours of the
morning“ melodisch vor dem Background der gestopften Trompete von Heiko
Quistorf, dem gradlinigen Spiel des Bassisten Johannes Huth, dem
flexiblen Schlagzeug von Sebastian Harder und den perlenden Pianoläufen
von Karsten Erdmann. In den meisten anderen Stücken swingt die Band
lebhafter, schneller und kraftvoller. Wenn dann wie in „Grooveproof!“
die Fender Rhodes und ein attackierendes Schlagzeug die Trompeten und
Saxophon-Soli aufmischen, dann wirkt dies richtig erfrischend. Dem Sound
merkt man an, dass Bernd Frank auch Erfahrungen im Bigband-Arrangement
gesammelt hat. „Miss E-Little“ unterhält auf eine gefällige und
entspannende Weise, auch wenn Überraschungen ausbleiben.
Klaus Mümpfer
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Trio Derome
- Guilbeault - Tanguay
„Etymologie“
AM 166 DVD
Manche Passagen
erinnern an die Anfänge des Free Jazz mit ihrem drängenden Pulse, den
ekstatischen Aufschreien des Saxophons mit überblasenen Spitzen und
verschmierten Tönen. So fasziniert die Interpretationen von „Miss Ann“
und „245“, zweier Kompositionen des Klarinettisten Eric Dolphy, der sich
einst zwar von den Bindungen der Tradition schrittweise löste, aber
stets wusste, wo die Wurzeln sind. Gleiches kann von dem Saxophonisten
und Flötisten Jean Derome gesagt werden, der sich auf dem DVD-Mitschnitt
des „L´Off Festival de Jazz“ in Montreal vom Juni vergangenen Jahres
einiger Kompositionen Dolphys annimmt, sich Misha Mengelberg widmet,
aber auch Duke Ellington mit einem virtuosen, leicht überblasenen und
sehr melodischen Flötensolo huldigt und Lennie Tristano nicht
verschmäht.
Deromes expressives, stets ins freie Spiel drängende Saxophon
kontrastiert zu dem meist gradlinigen, melodiösen sowie harmonisch
reizvollen gezupften Spiel des Bassisten Normand Guilbeault, der
wiederum im Arco-Spiel auf dem Kontrabass befreiter wirkt. Dritter im
Bund ist der äußerst musikalische Schlagzeuger Pierre Tanguay meist mit
durchlaufendem Metrum, hin und wieder aber frei pulsierend.
„Étymologie“, das aus der Feder Deromes stammende Titelstück der
Konzert-DVD assoziiert nicht nur Charlie Parkers „Ornithology“, sondern
bewegt sich auch musikalisch im Übergang vom aggressiven Hardbop zu
Free.
Filmisch hat der Mitschnitt keinen Preis verdient, kommt über das
Abfotografieren nicht hinaus, bringt aber zumindest stets rechtzeitig
die Solisten ins Bild. Interessant sind dagegen die Zwischenmoderationen
Deromes. Letztlich ausschlaggebend ist aber die Musik des Trios, die in
ihren sanften und melodiösen Stücken mit faszinierenden Bass-Solo-Linien
und sonorem Baritonsaxophon in Mengelbergs „A bit nervous“ ebenso
gefangen nimmt, wie in den expressiven, rauen und energetischen
Up-Tempo-Handbop-Nummern. Mehr als ein Gag ist der Sprechgesang Deromes
im „Jitterbug Waltz“. Die Musik ist so interessant, dass es eigentlich
reicht, nur hinzuhören.
Klaus Mümpfer
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Anne Haigis
Good Day For The Blues
Pläne 88947
"Ich möchte dem
Publikum Emotionen entlocken. Die Leute sollen entweder heulen oder
glücklich sein. Am besten beides." Die neue CD der Sängerin Anne Haigis
ist geeignet, diesen Wunsch der aus Schwaben stammenden und in Köln
lebenden Künstlerin Wirklichkeit werden zu lassen. Ihre raue, leicht
heisere und ungeheuer ausdrucksstarke Stimme mit intensivem
Blues-Feeling geht unter die Haut. „Good day for the Blues“ ist der
Titel eines der Stücke auf der gleichnamigen Duo-Einspielung mit dem
Gitarristen Jens Filser - ein Versprechen, das uneingeschränkt erfüllt
wird.
Bei „Like a rock“ denkt der Zuhörer unwillkürlich an die unvergessene
Janis Joplin, so emotional hat mich lange nicht mehr ein Blues-Song
angesprochen -auch dank der glissandierenden Bottleneck-Begleitung von
Filser sowie von Roman Metzner am Piano oder den keineswegs
aufdringlichen Background-Vocals. Im Duett mit Haigis ist Jörg Hamers
auf „When love comes to town“ zu hören.
Haigis und Filser sind ein ideales musikalisches Gespann, gehen sensibel
aufeinander ein, verstehen sich blind. Gitarre und Gesang sind nicht nur
in der Lautstärke gleichwertige Partner. Ob nun Fingerpicking oder
Bottleneck-Spiel, auf der metallenen Dobro, der akustischen oder
elektrischen Gitarre, Filser wird dem Blues und der Sängerin gerecht.
Anne Haigis, die vom Jazz über den Rock nun zu den Wurzeln im Blues
zurückgekehrt ist, dürfte mit dieser Scheibe nicht nur ihre Fans
begeistern, sondern auch viele neue Freunde gewinnen. Für „Good day for
the Blues“ ist jeder Tag der richtige. Vorbildlich ist das beigefügte
Textheft - etwas, das den pläne-Verlag schon immer auszeichnete.
Klaus Mümpfer
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Eugen Cicero
Swing with Cicero
FANCD 7003-2
Sein Spitzname
war „Mr. Golden Hands“, seine kommerziellen Erfolge beeindruckend. Eugen
Cicero verjazzte Klassiker, bewies als Bewunderer von Oscar Peterson
zugleich ungemein swingende Fähigkeiten und übte sich wie Lennie
Tristano auch in der Kunst sperriger Verschleppungen. Vor fast genau
zehn Jahren verstarb der aus Rumänien stammende Pianist im Alter von 57
Jahren. Von Ragtime bis Swing perlten seine Läufe, teilweise in
Hochgeschwindigkeit – wie in „Sunny“auf der ersten CD des vorliegenden
Doppelalbums – aus den Tasten des Flügels. Zum zehnten Todestag, aber
auch mit dem keineswegs dezenten Hinweis auf den im Swing erfolgreichen
singenden Sohn Roger Cicero hat Zyx-Music Aufnahmen Ciceros in
verschiedenen Formationen der Jahre 1973, 1976, 1984 und 1988 auf zwei
CDs gepresst.
Da finden sich
Standards wie „A Night in Tunesia“ von Gillespie neben Interpretationen
von Bach, Chopin, Schubert und Schuhmann. Zu hören sind herrliche und
mitreißende Stücke im Trio mit dem Bassisten J.A. Rettenbacher und dem
Schlagzeuger Ronnie Stephenson, und etwas voluminöser mit den
Posaunisten Ake Person und Bob Burges sowie Ack van Rooyen am
Flügelhorn, aber auch schwülstige Arrangements mit Orchestern, von denen
mir besonders das Jerry Man Orchestra – etwa in „Never Say No“ -
missfällt, während das Arrangement von Rodrigos „Concerto Of Aranjuez“
mit dem Berliner Sinfonieorchester wieder ein wenig versöhnt. In allen
Fällen aber besticht der Pianist Cicero mit überlegener Technik,
atemberaubendem Tempo sowie überschäumendem Ideenreichtum
Klaus Mümpfer
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Humphrey
Lyttleton & Elkie Brooks
Trouble in Mind
5047 X C.S.T.
Humphrey Lyttleton zählt trotz seines hohen Alters nach wie vor zu den
herausragenden Trompetern des traditionellen Jazz. Der Mann, der die
englische Trad-Revival-Bewegung vom New Orleans bis zum Swing
mitbestimmt hat, der auch Bebop-Elemente in sein Spiel integrierte, hat
auf der vorliegenden CD mit der Sängerin Elkie Brooks den Blues wieder
entdeckt. Er habe gedacht, der Blues sei tot, heißt es in Lyttletons
„Mister Bad Penny Blues“, doch als er aufwachte, wartete der Blues schon
neben seinem Bett. Das ist gut so, denn was der Trompeter mit seiner
glänzend aufgelegten Band und der Sängerin präsentiert, geht unter die
Haut. Das reicht von der inspirierten und sensibel geblasenen Intro zu
„Trouble in Mind“ sowie dem mitreißenden Gesang bis zu schnellen
Blues-Themen wie „Ev´ry day I have the Blues“ und dem stampfenden,
pianogeprägten „Mister Bad Penny Blues“. Elkie Brooks hat ihre Stimme im
Rock geschult, verfügt über die Aggressivität der Ghettomusik, die
Rauigkeit des großstädtischen Blues und die Wandlungsfähigkeit des Jazz
- sowie die passende Portion ordinären Blues-Feelings. In die
Arrangements unter anderem mit Flöten, Saxophonen, Posaune und Trompeten
ist die ausdrucksstarke und voluminöse Stimme wie etwa in „If you´re
going to the city“ oder dem bekannten „Jelly Bean Blues“ vorzüglich
eingebettet. Die CD belegt, dass der Blues und die Tradition des Jazz
nach wie vor voller Leben stecken.
Klaus Mümpfer
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Frank Giebels
Trio
...with a smile and a song
NL-Y39-001-10-06
Der Titel „With a smile and a song“ legt nahe, dass das Trio des
Pianisten Frank Giebels den Jazz auf eine relaxte und liebenswerte Weise
auffasst und präsentiert. Der gebürtige Holländer ist in der Tat ein
Musiker der alten Schule, wie es das Booklet erläutert. Er swingt mit
dem Schlagzeuger John Engels und dem Bassisten Gulli Gudmundsson im
Mainstream auf einem künstlerisch hohen Niveau, mit auserwähltem
Geschmack und viel Kreativität vor allem in den Details. Im Großen
klingt die Musik wie die vieler gleichwertige swingender
Mainstream-Trios in der klassischen Besetzung und birgt keine
Überraschungen.
„With a smile“ genießt der Zuhörer die Standards wie „A child is born“,
„Blues in the closet“ oder „Yesterdays“ sowie die Eigenkompositionen.
Die Noten perlen geradezu aus den Saiten, der Bass marschiert im Solo
straight mit wohlklingenden Harmonien etwa in „Yesterdays“ und das
Schlagzeug stützt stets dezent. Bei so wunderschönen Balladen wie
Giebels´ „It´s old news“ ist die Versuchung groß, die Augen zu schließen
und zu träumen. Kammermusikalischer Easy-Listening-Jazz, der die
Tradition pflegt und im Personalstil weiterführt, wäre wohl die beste
Charakterisierung der Songs, die ein Lächeln auf die Lippen der Zuhörer
zaubern.
Klaus Mümpfer
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Thomas Haag
Different Faces
Bezug über
www.thomas-haag.de
„Spring“ weckt in der Tat Assoziationen an den Frühling, leicht und
tänzerisch die Komposition, ein perlendes Piano, eine wohlklingende
Kontrabass-Improvisation, die kühle Jazz-Gitarre. Insgesamt sind hin und
wieder latin-leichte Klänge, in wenig Pop-Jazz, Folklore-Elemente,
jazzig angereicherter Rock, viel Elektronik samt Samples zu hören. All
dies sind die „Different Faces“ des Gitarristen Thomas Haag mit seinen
akustischen und elektrischen Saiteninstrumenten, Bouzouki, Okarina und
Keyboards. Ihm zur Seite stehen in einzelnen Stücken Christian Maurer
mit Keyboards, Percussion, Schlagzeug, Bass-Gitarre und Elektronik, Rolf
Breyer mit Bass, Saxophon und Flöte sowie Uli Krug am Sousaphon.
„Sometimes so sad“ ist eine reinrassige Jazz-Ballade mit filigranen
Gitarren und Piano-Improvisationen. „Over the Years“ ist gar ein
akustisches klassisches Kleinod, „Fun“ mit Sousaphon folkoristisch. In
„Octodance“ blubbert die Elektronik, treibt ein stupender Beat das Stück
voran, während die Gitarre leichtfüßig darüber tanzt. „Joy“ ist eine
andere typische Komposition für diese Mixtur, von der Haag sagt, dass er
jedem Stück ein charakteristisches Arrangement angepasst hat, die aber
auch mit einem „Kessel Buntes“ verglichen werden kann.
Dennoch, die zwölf Kompositionen hören sich gefällig an, swingen
ordentlich, unterhalten in bester Weise auf künstlerisch wie technisch
hohem Niveau. Eine Reihe bekannter Künstler von der amerikanischen
Westküste haben in gleicher Weise erfolgreich musiziert
Klaus Mümpfer
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Lateralmusic
Timetables
Metropol 4260104 11005 0
Diese Musik kann polarisieren: Entweder man liebt die eigenwilligen
Sounds und den getragenen Gesang oder lehnt diese Form konsequent ab.
Lateralmusic, inzwischen im fünften Jahr um die Frontfrau und Vokalistin
Nadja Dehn, die im südafrikanischen Johannisburg geboren wurde und
aufwuchs, sowie mit dem aus Brasilien stammenden Gitarristen Gregor
Zimball hat seine originäre Spielweise gefunden, die afrikanische
Grooves und lateinamerikanische Rhythmen, Pop, Jazz,
Singer/Songwriter-Assoziationen, Klänge aus akustischen und
elektronischen Instrumenten zu etwas vermischen, das die Berliner Gruppe
„Global Jazz“ nennt.
Diese breit angelegten, impressionistisch wirkenden Soundflächen mit
pastellösen Klangfarben sind der passende Untergrund für die warme,
ausdrucksvolle, ebenso melancholisch wie hoffnungsfreudig klingende
Stimme der Sängerin mit ihren Sprüngen aus Mittellagen in die Höhen und
den lang gezogenen Vokalisen. „Live is the endless effort of trying to
live out of time“ singt Dehn treffend. „So dark inside“ und „waiting für
sunlight“ ist einer der verträumt traurigen Liebeslieder, das
nachfolgende „Wedding dance“ dynamisch und rhythmisch der Gegenpol.
Vorzüglich wie die Sängerin und der Gitarrist sind auch die restlichen
Mitglieder von Lateralmusic: Thomas Koch am Bass, Beni Reimann am
Schlagzeug sowie Heiko Kulenkampf am Piano und mit Akkordeon.
Ohrwurmqualitäten hat „bachiana de natal“ mit Bach-Anleihen, in dem
Nadja Dehn singt, was übertragen auch für Kompositionen zutreffen
könnte: „Momente wie diese, sind nicht für die Ewigkeit gedacht – wir
sollten sie alle genießen.“
„Timetables“ ist eine CD, in die man sich hineinhören muss. „Or is it“
lautet der Titel einer jener Kompositionen, die mit eigenwilligen Metren
und Harmonien offene Ohren erfordern. In der CD-Hülle sind
dankenswerterweise die Texte zwölf Eigenkompositionen von Lateralmusic
abgedruckt, denn es lohnt sich, sie beim Anhören mitzulesen.
Klaus Mümpfer
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Susan Weinert
Tomorrow´s Dream
Toughtone TTR 2304-2
2202 hatten Susan und Martin Weinert schon einmal mit dem akustischen
Duo-Album „Synergy“ belegt, dass die intime Zwiesprache ebenso spannend
sein kann, wie der groovende Elektrosound der Weinert-Bands. Auch mit
„Dancing on the Water“ haben die Gitarristin und der Bassist gemeinsam
mit dem Sänger Francesco Cottone filigrane und kontemplative
Saitenspiele in den Vordergrund gerückt und mit intensiv sinnlichem
Gesang verschmolzen. „Tomorrow´s Dream“, die neueste Einspielung des
Saiten-Duos pflegt wiederum die intime Zwiesprache, die einerseits das
traumhaft sichere Aufeinandereingehen der beiden Künstler dokumentiert,
aber auch unbarmherzig die kleinste Langatmigkeit aufdeckt – die
allerdings die Ausnahme bleibt.
Bereits die ersten Takte mit dem leicht kratzenden Bass und der kurzen
Notenkette auf der Gitarre nehmen gefangen. Lange, melodiöse
Single-Note-Linien perlen sanft aus der Gitarre, wunderschöne, manchmal
fast minimalistische wirkende und harmonisch faszinierende Bass-Soli
kommen der reinen Ästhetik nahe. Dazwischen Akkordreihen, die den
stetigen Fluss aufbrechen. Der Sound ist durchsichtig und klar
strukturiert, dezent und fast unhörbar der Hintergrund aus schwebenden
Sounds der E-Gitarre und Keys in einigen Stücken. Die Klangfarben sind
von pastellöser Transparenz und impressionistisch flirrendem Glanz. Mit
betörender Leichtigkeit verleitet die Musik dazu, die Augen zu
schließen, sich ganz den filigranen und doch von innerer Kraft zeugenden
Saitenspielen hinzugeben. Die Titel der einzelnen Kompositionen aus der
feder Susan Weinerts wie „Deep Blue Sky“, „Hope“, „Tiefe Stimme“ oder
das Titelstück „Tomorrow´s Dream“ wecken in der Tat jene Assoziationen,
die sie versprechen.
Klaus Mümpfer
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Gregor Huebner
New York – NRG Quartet
Niveau Records/Nuromusic
Die klassische Ausbildung ist unüberhörbar, ebenso die offensichtliche
Liebe zur Balkan-Folklore. Beides leugnet der Geiger Gregor Huebner
nicht, hebt indessen das Violinspiel unter dieser Bewahrung auf die
Ebene des freien und pulsierenden Jazz. Erinnerungen an Zbigiew Seifert
werden wach (den der Geiger nie erlebt hat), wenn Huebner mit virtuosem
Strich in die höchsten Lagen streicht, Flageolett-Obertöne
Mehrstimmigkeit vorspiegeln, das Instrument jubilieren, ekstatisch
aufschreien oder sich in zarten Lyrismen mit unsentimentalem Schmelz
dahinfließen lässt. Früher nannte man Virtuosen, als welcher sich
Huebner schon im bekannten Up-Tempo-Stück „Snow Leopard“ von Richard
Beirach erweist, „Teufelsgeiger“. Der 1967 in Baden-Württemberg geborene
und in New York lebende Pianist-Geiger-Komponist Huebner fasziniert mit
energetischem, vibrierendem Strich etwa in „Redemption“ ebenso wie mit
sensiblen Melodielinien in der Intro von „Blue in Green“. Das Spiel des
Quartetts mit dem Pianisten Luis Perdomo, dem Bassisten Hans Glawischnig
und dem Schlagzeuger Billy Hart neben Huebner steht ständig unter
Hochspannung, die in den langsamen Passagen nur geringfügig
zurückgefahren wird. Und schließlich bindet der Geiger gar in „Lullaby
Or Not“ das Sirius String Quartet ein, das sich zwischen Jazz und
Crossover zuhause fühlt. Perdomo wechselt ebenso wie der Geiger zwischen
zielstrebigen, gradlinigen Läufen und retardierenden, ausufernden freien
Soundflächen. Glawischnig steuert einige wunderschön melodiöse und
swingende Soli bei und Billy Hart zeigt erneut als ein Meister der
motorischen Präzision bei gleichzeitiger einfühlsamer Flexibilität. Die
Kompositionen sind komplex und zugleich klar strukturiert, was dazu
beiträgt, dass die Musik vom ersten bis zum letzten Ton gefangen nimmt
und nicht locker lässt.
Klaus Mümpfer
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Roger Hanschel
Heavy Rotation
Shaa-music 1019-0607
Mit flirrenden Gitarren-Sounds, pulsierendem Schlagzeug und Percussion,
mal expressiv überblasenen, mal singenden Saxophonen, einem kontemplativ
gestrichenen Kontrabass, stilistisch zwischen kammermusikalischer
Avantgarde und Free-Jazz pendelnd, rotiert das Quartett des
Saxophonisten Roger Hanschel heftig in einem Klangraum, der keine
Grenzen zu kennen scheint. Hypnotisch repetitive Motive, orientalisch
anmutende Stimmungen wie in „Inner vibes of love“, aber auch klare
Drum-Passagen wie in „Years of the fifth period“ oder weit geschwungene
Gitarren-Glissandi, die sich schließlich mit Saxophonläufen umschlingen
und verweben, eine rein kammermusikalisch-melodiöse Intro, die von
pulsierendem freien Spoiel abgelöst wird sowie gar Free Jazz pur wie
in“Second hunt“ – all dies bieten der Saxophonist Hanschel, Gitarrist
Markus Segschneider, Bassist Dietmar Fuhr sowie Schlagzeuger und
Percussionist Daniel Schröteler. „Heavy Rotation“ ist eine aufregende
und erregende Musik, bei der man nicht weghören kann. Sie lebt von
plötzlichen Stimmungsumschlägen, dem ständigen Pulse auch in ruhigeren
Passagen, dem nervösen Saxophonspiel sowie den komplexen Strukturen und
vielfarbigen Klangflächen. Hanschels Kompositionen sind intensive
Soundtüfteleien von packender emotionaler Wirkung - voller Energie und
mit überraschenden Wendungen gespickt. Das ist Musik, in die man sich
mehrfach versenken muss, um alle äußeren Verzweigungen und inneren
Verknüpfungen zu begreifen.
Klaus Mümpfer
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Tobias
Relenberg
The Nearness Of The Distance
Green Air Records gar 0128
Das EWI
abgekürzte „Electric Wind Instrument“ hat den Saxophonisten Tobias
Relenberg dazu verführt, mit neuen Sounds zu experimentieren und das
Klangfarbenspektrum seiner Kompositionen auszuweiten. Mit dem EWI können
Musiker durch Atem-, Lippen- und Berührungssensoren Effekte, Hall,
Samples, Wärme und Tiefe modulieren. Relenberg nutzt diese Möglichkeiten
bereits im Titelstück „The nearness of the distance“ für schwebende
Sounds und impressionistische Klangfarben, die dann nahtlos in
akustische Saxophonläufe übergehen. Tim Sund tupft verhaltene
Akkordbegleitung sowie im Solo zarte und verspielte Single-Note-Linien
auf dem Piano, Kai Schönburg legt flexibel und zurückhaltend den
Rhythmus darunter. Dabei hatte die CD ganz anders begonnen: „Outline“
ist ein schnelles und pulsierendes Stück mit expressiven und rasenden
Saxophonkaskaden wie auch „Mikesome“, in dem Ramani Krishnas Bass und
Schönburgs Drums den Rhythmus hüpfend pulsieren lassen, das EWI
die Klangfarbe vorgibt, die das Tenorsaxophon dann mit schnellen und
vibrierenden, teils überblasenen Läufen weiterführt. „Alles geht“ nennt
Relenberg eine seiner ekstatisch gespielten Kompositionen auf der CD,
und das trifft auch auf die Musik insgesamt zu. Zwischen Ballade bis
Fusion pendeln die vier Musiker, präsentieren eine Musik, die zwar nicht
allzu viel Überraschungen bietet, aber mit einem eigenständigen und
ausgereiften Personalstil emotional anspricht und mitreißen kann.
Klaus Mümpfer
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Nicole Metzger
& Keith Copeland
Second Take
Nm5 – Rodenstein-Records ROD 32
Diese Stimme
geht unter die Haut. Ob sie nun eine leichtfüßige Samba scattet oder
leicht verrucht und lasziv ein Liebeslied singt, Nicole Metzger besticht
in den elf Songs der vorliegenden Einspielung mit stilgerechter
Phrasierung, packender Ausdrucksstärke und beseelter Einfühlsamkeit. Man
höre sich nur einmal die Intro von sanfter Stimme und perlendem Piano
von „Summernight“ an, die dann in ein schnelles Up-Tempo der Band
umschwenkt oder die girrend scattende Einleitung der „Summer Samba“. Der
Facettenreichtum der Stimme scheint unbegrenzt, die Natürlichkeit und
Kunstfertigkeit sind hier keine Gegensätze.
Begleitet wird
die Sängerin von vier famosen Musikern. Da ist der Schlagzeuger Keith
Copeland mit seinem melodisch und sensibel agierenden Trommelspiel, der
Gitarrist Wesley „G“ mit stets filigranen und transparenten Linien, die
elegant und geschmeidig wirken, der Pianist Jean-Yves Young, der mal mit
perlenden Läufen, dann wieder mit akzentuierenden Akkordfolgen und
schließlich auf der Orgel mit swingenden Soul- und Gospelsounds besticht
– und schließlich Bassist Rudi Engel, der straight unterstreicht sowie
in Soli mit harmonischen Wendungen die Stücke abrundet.
Die CD lädt mit
unaufgeregten, melodisch eingängigem und doch aufregendem Swing
gleichzeitig zum Relaxen und intensiven Genießen ein.
Klaus Mümpfer
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Ekkehard Jost
Ensemble
Cantos de Libertad
Fish Music FM 011
Wer wie der Musiker Ekkehard Jost bereits vor 25 Jahren erstmals
umfassend die „Sozialgeschichte des Jazz“ in den USA wissenschaftlich
aufgearbeitet und später fortgeschrieben hat, der kann es wagen, sich
einem viel Sensibilität erfordernden Projekt wie die Umsetzung der Musik
des spanischen Bürgerkrieges in eine adäquate Form des Jazz zu nähern.
Jost und seinen hervorragenden Mitspielern ist es mit „Cantos de
Libertad“ gelungen, die historische Dimension dieser Lieder zu bewahren
und sie zugleich zeitgemäß zu interpretieren. Rein äußerlich kommt dies
schon in der Integration ursprünglicher Melodien in jenen Arrangements
zum Ausdruck, die bis weit in den freien – und befreiten – Jazz reichen.
Die „Cantos de Libertad“ sind ebenso suggestiv wie assoziativ. Die
Klangfarben reichen vom schlichten Kinderlied bis zur orgiastischen
Kollektivimprovisation, von der grummelnden Bassklarinette und der
aggressiv schmetternden Trompete, vom dumpfen Paukenschlag und der
wohlklingenden Kontrabasslinie, vom filigranen, Flamenco getränkten
Gitarrenlauf und von einer kurzen Single-Note-Traube bis zur komplexen
Soundcollage.
Angesichts dieser faszinierenden Interpretation ist es angezeigt, alle
Musiker zu nennen, die dem Saxophonisten und Bassklarinettisten Jost
einfühlsam zur Seite stehen: Trompeter Reiner Winterschladen, Posaunist
Detlef Landeck, Saxophonist und Flötist Eugenio Colombo, Wollie Kaiser
mit Flöten, Saxophonen und der Kontrabassklarinette, Gitarrist Gerd
Stein, Pianist Dieter Glawiscshnig, Bassist Dieter Manderscheid sowie
Joe Bonica Schlagzeug und Percussion. Zu Recht ist Marta de la Vega als
Rezitatorin und nicht als Sängerin erwähnt, denn sie spricht die Texte
mit warmer Altstimme.
Dank Jost´s wissenschaftlicher wie auch musikalischer Kompetenz ist eine
den Sujet gerecht werdende Musik entstanden, die emotional mitreißt - so
wie damals vor mehr als 70 Jahren die Hymnen und Gesänge des Kampfes und
des Widerstandes es getan haben mögen. „Cantos de Libertad“ ist für mich
eines der aufregendsten und beachtenswertesten Tondokumente der
zurückliegenden Jahre.
Klaus Mümpfer
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Jörg Seidel
Gipsy Jazz Connection
Swingland-Records 0009
Ines Reiger & Jörg Seidel Swing Trio
Teach me tonight
Swingland-Records 0007
Im Alter von zwölf Jahren stieß der 1967 in Bremerhaven geborene Jörg
Seidel auf die Musik von Django Reinhardt. Vier Jahre später hatte der
junge Gitarrist Gelegenheit mit deutschen Zigeunern zu spielen und war
wiederum später fünf Jahre lang Mitglied im Quintett des Heidelberger
Sinti-Geigers Wendeli Köhler. Zwischendurch entdeckte Seidel den Bebop
und den Jazz der Westcoast-Musiker. Nach der Gipsy-Swing-Zeit gründete
er deshalb mit dem Pianisten Joe Dinkelbach und dem Bassisten Gerold
Donker das Jörg Seidel Swing Trio.
Jetzt liegen somit gleich zwei CD-Einspielungen vor, die beide Lieben
des Norddeutschen wiederspiegeln. „Gipsy Jazz Connexion“ mit dem Geiger
Hajo Hoffmann, Ottorino Freier an der Rhythmusgitarre, J.-L. Rassinfosse
am Kontrasbass sowie dem Gast-Saxophonisten Frank Delle zeigt den
Gitarristen als inspirierten Zigeuner-Swing-Interpreten, der mit diesen
Aufnahmen sozusagen an die Quelle seiner jazzmusikalischen Erfahrungen
zurückgeht. Ein Kleinod der Improvisationskunst sind exemplarisch die
Soli des Bassisten und des Gitarristen in dem Duo-Stück „Wenn ich Dich
seh´“. In Hawkins´ Komposition „Stuffy“ bestimmt Delles Saxophon den
Sound, stützen die beiden Gitarristen dabei als Rhythmusgeber. Seine aus
der Verwurzelung im Gipsy-Swing resultierende Kompetenz beweist der
Geiger Hoffmann – ob er die Violine nun schnell „tanzen“ lässt oder wie
in „With Love to Perm“ mit viel Schmelz streicht.
Die andere Seite Seidels zeigt sich bei der Aufnahme des klassischen
Swing-Trios mit der österreichischen Sängerin Ines Reiger, die die
Breite ihrer Ausdrucksstärke und Wandlungsfähigkeit mit Kompositionen
von Sonny Rollins über ein Gershwin-Potpourri bis Jobim belegt. Sie
besticht mit sicherer Phrasierung und weitem Tonumfang, sie scattet zur
Gitarre und solo oder singt textgerecht – mit der Folge, dass manchmal -
wie in „I fall in love too easily“ - ihre Interpretation fast zu
dramatisch wirkt. Insgesamt sind die neun Stücke dank der swingenden
Souveränität des Trios mit Dinkelbach am Piano, Donker am Bass und
Seidel an der Gitarre sowie des schwarzen Jazz-Feeling der Wienerin ein
Genuss für die Freunde des klassischen Mainstreams.
Klaus Mümpfer
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Marc Brenken -
Christian Kappe Quartet
Eight Short Stories
marc brenken music, mbm 001
Eigentlich erstaunlich, wie unprätentiös „eight short stories“, die
erste CD-Veröffentlichung des Marc Brenken – Christian Kappe Quartetts,
daher kommt. Während anderenorts mit viel marktschreierischem Getöse die
nächste langbeinige Reinkarnation von Ella Fitzgerald oder Billie
Holiday gefeiert wird und jeder zu glauben scheint, dass sich Pop-Hits
im moderaten Jazzgewand unbegrenzt verkaufen ließen wie warme Semmeln,
hat das Quartett um den Pianisten Marc Brenken und den Trompeter
Christian Kappe einfach ein verdammt gutes Jazzalbum eingespielt. Zu
hören gibt es auf dem Debut-Album des Quartetts ehrlichen Jazz, in der
Tradition verwurzelt, ohne diese unreflektiert zu zitieren.
Die acht Kompositionen von Marc Brenken, dessen Musik bereits zum Erfolg
des Films Sonnenallee beigetragen hat, spielen lustvoll mit Bezügen und
Querverweisen. Hier meint man einen Hauch von Richie Beirach zu
vernehmen, da lugen mit breitem Grinsen Erroll Garner und Osacar
Peterson aus den Noten, ebenso haben Wynton Kelly, John Taylor, aber
auch Pat Metheney und John Scofield ihre Spuren hinterlassen. Und doch
ist das, was da zu hören ist, immer unverkennbar Kappe-Brenken.
Trompeter Christian Kappe - festes Mitglied der Barbara Dennerlein Band
und Jasper van´t Hofs aktuellem Projekt „HotLips“ - bringt den
unverkrampften Umgang mit den stilistischen Elementen der Großen des
Jazz auf die griffige Formel der „wohl verdauten Tradition“. Was er
meint, wird beim Anhören der „eight short stories“ klar. Natürlich
beherrschen die Musiker sämtliche Ausdrucksformen des Main-Stream und
nutzen sie ganz selbstverständlich als Gestaltungselemente ihres
eigenständigen Stils.
Neben den beiden Namensgebern des Quartetts gehören der Kontrabassist
Alexander Morsey, den man Kennern der jungen deutschen Jazzszene
wahrlich nicht mehr vorstellen muss, und der Schlagzeuger Marcus Rieck
zur Formation. Eine Rhythmusgruppe, die unterschiedlicher nicht sein
könnte und vielleicht gerade darum aufs Beste miteinander harmoniert.
Der zupackende Humor Morseys – berühmt-berüchtigt für seine gestrichenen
Scat-Soli – trifft auf das feinnervige Schlagzeugspiel Marcus Riecks.
Der Kölner Schlagzeuger beherrscht die Kunst, mit wohldosiertem,
sparsamem Einsatz seiner enormen technischen Möglichkeiten die Musik zum
Klingen zu bringen und dabei wie die Hölle zu swingen.
Auf dem starken Fundament dieser Rhythmusgruppe lassen sich musikalische
Gedanken vortrefflich entwickeln. So etwa, wenn die Vier beim „Toy Train
Song“ die als Kind so geliebte Holzeisenbahn des Pianisten noch einmal
abfahren lassen und man das Geratter des Zuges förmlich zu vernehmen
meint. Oder der Zuhörer eingeladen wird, dem improvisatorischen Mäandern
der elegischen Melodieanlage eines kleinen polnischen Flüsschens,
„Strumyk“, zu folgen, um kurz darauf mit nervösem, hektischem Puls ins
„Wespennest“ zu stechen. Die Kompositionen Marc Brenkens erzählen dem
Zuhörer kleine Geschichten. Selten einmal stimmen Titel einer CD und
das, was auf ihr zu hören ist, so ideal überein. Die „eight short
stories“ des Marc-Brenken – Christian Kappe Quartetts nehmen den
aufmerksamen Zuhörer mit auf eine spannende musikalische Reise, auf der
es so manche Entdeckung zu machen gibt.
Stefan Herkenrath
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Uwe Oberg, Jörg Fischer, Georg Wolf, Frank
Gratkowski
After All
Konnex KCD 5172
Der Text des Booklets beschreibt treffend, worauf sich der Hörer
einlässt: „Ein Klavier geht auf die Suche. Formt sprunghafte
Melodiebögen, die sich akkordisch verdichten und wieder lockern. Die
weniger eine Richtung angeben, als Möglichkeiten andeuten.“ Nach einiger
Zeit gesellen sich Schlagzeug und Bass hinzu. Es entsteht ein Gewebe
pulsierender Klänge und freier Interaktionen. „Starting al“ ist der
Titel dieses Stückes, das dennoch den Weg weist durch die sieben
folgenden spontanen Kompositionen, die alle als Väter jeweils die drei
oder vier agierenden Musiker ausweisen: den Pianisten Uwe Oberg, den
Schlagzeuger Jörg Fischer und den Bassisten Georg Wolf sowie den
Klarinettisten Frank Gratkowski.
Mal tastend und suchend mit hingetupfte Einzelnoten auf dem Piano,
gezupft und gestrichen mit kurzen Harmoniefiguren sowie Verzierungen der
Bass, pulsierendes Schlagzeug mit zischenden Beckenschlägen, kurzen
Wirbeln und Reibungen auf den Fellen, die den Ton mitbestimmen,
gackernde Stakkati sowie mal hingehauchte, dann wieder überblasene kurze
Läufe auf der Klarinette – all dies spannt den Bogen zwischen lyrischen
Single-Note-Reihen bis zum nervös-gehetzten Lagato-Läufen, sensiblen
Soli und ungeheuer dichten Kollektiven. Es ist wie ein Gespinst, aus dem
es kein Entrinnen gibt.
„After All“ ist hoffentlich nicht das Ende jenes freien Agierens, mit
dem das Trio/Quartett beweist, dass der Free-Jazz sich noch lange nicht
überlebt hat. Diese musikalische Präsentation ist ausgereift im
traumhaft sicheren Zusammenspiel und dennoch voller Spontanität,
Vitalität und mit immer wieder überraschenden Wendungen.
Klaus Mümpfer
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Silke Hauck
Frozen Tears
Strafish Music CD 33342-3
Melodie ist fast zu lieblich für den Text von „Frozen Tears“, ein Lied
über die Schneeflocken, die die Autorin liebt und die Menschen, deren
Herzen und Gesichter kälter sind als die Eiskristalle. Denn in der
gleichen Stimmungslage singt Silke Hauck das auf der CD folgende
optimistische Liebeslied „You make me smile“. Die Sängerin aus Mannheim
hat eine sanfte, einnehmende Stimme. Schmeichelnd und passend zu den
sanften Besenstrichen von Cay Rüdiger auf den Fellen des Schlagzeuges,
den gehauchten Trompeten-Sounds des Jazz-Preisträgers Thomas Siffling,
dem lyrischen Piano von Michael Quast und den souligen Sounds der
Saxophonisten. Bitter-süß wiederum sind Melodie und Text von „Don´t ask
for more“. Und rhythmisch wagt Hauck in „Day by day“ sogar eine Samba.
In ihrem Spektrum vermag Silke Hauck in Ausdruck, Stimmung und
Expressivität differenzieren. Darin gleicht sie den skandinavischen
Kolleginnen von Rebekka Bakken oder Silje Nergaard. Süffige Balladen und
schwebender Swing kennzeichnen diesen Pop-Jazz mit Soul-Touch. Welche
Ausdrucksfähigkeit in der jungen Sängerin steckt, zeigt sich
ausgerechnet bei sensibler Pianobegleitung in einem Standard, nämlich
Gershwins von Melancholie und Blues-Tonalität geprägten „The man I
love“. Da wünscht man sich, dass Silke Hauck auch in ihren Liedern mit
den vorzüglichen Texten mehr aus sich herausgehen dürfte.
Eingebettet ist ihre Stimme in eine souveräne Formation mit Musikern,
die sich auch im Jazz einen guten Namen gemacht haben – neben Siffling,
Quast und Rüdiger etwa der Gitarrist Michael Koschorreck. Dass auch das
Booklet mit den Texten aller zwölf Lieder das ansprechende (Klang)-Bild
abrundet, sollte nicht unerwähnt bleiben.
Klaus Mümpfer
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Ensemble Chanchala
The Day the Swallows came
Klangräume 3085
Mit „Spirit of the house“ haben der Flötist Charles Davis und das
Ensemble Chanchala einen Weg eingeschlagen, den sie nun mit „The Days
the Swallows came“ konsequent fortsetzen. Die Verbindung des multiphonen
Jazz mit der arabischen Rhythmik und den indischen Stimmungen. So
beginnt die CD natürlich mit einer Raga und der Titel „Almost Raga“
zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Einspielung. Ob nun
rein percussiv auf den Tablas und Tonkrügen wie in „Banjaran“, das
Sandip Bhattacharya mit einem Sprechgesang einleitet, ob melodiös
swingend wie in „Mein Hang zum Elfter“ oder mit der im Vibrato
schwebenden Bassflöte in „Waiting“ – die fernöstliche Exotik bestimmt
die Stimmung der Stücke, wobei die Jazzimprovisation die strenge
Formensprache der indischen Ragas aufbricht. Ein steter Wechsel zwischen
ruhiger Melancholie und drängender Vitalität belebt die Musik des
Ensembles. Buba Davis-Sproll sorgt mit dem feinen Saitenklang der
Tanpura, der bundlosen Langhalslaute, für einen durchlaufenden Grundton.
So entsteht eine vielfarbige Tonwelt mit kammermusikalischem Timbre und
fernöstlicher Tiefe, die Charles Davis mit seinen Flöten
grenzüberschreitend auslotet. „Chanchala“ bedeutet in der Hindu-Sprache
so viel wie hüpfen, springen, flackern, aber auch rastlos, wie die Suche
nach neuen Klangerfahrungen. Dies gilt für „Tuva Hang“, wenn der
Percussionist Andieh Merk im OM-Tradition die Bass-Stimme grummeln lässt
oder für „Kiwani, wenn Davis seine sanften Flötenlinien über der
Tanpura-Basis entfaltet – leicht wie der Flug der Schwalben - und die
Mitmusiker mit steigender Intensität und Tempo einsteigen.
„The Day the Swallows came“ fasziniert mit einem insgesamt meditativen
und rhythmischen sowie melodischen Charakter von nicht beschreibbarer
Eindringlichkeit. Das ist eine Musik, in die sich der Zuhörer völlig
versenken kann.
Klaus Mümpfer
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Thomas Siffling
Kitchen Music
Jazz `n` Arts JnA 3407
Siffling-Knödel, Perlhuhnbrüstchen, Blue Note Gumbo – Das Begleitheft
zur neuen CD des Trompeters Thomas Siffling enthält statt Texten zur
Musik Rezepte für feine Kost. So hat der Siffling-Fan gegenüber seiner
Partnerin eine gute Ausrede, wenn er die Silberscheibe kauft. Doch es
gibt auch Gemeinsamkeiten von guter Küche und guter Musik. Beide
erhalten ihren Reiz von auserlesenen Zutaten, seien es nun die Gewürze
oder die Musiker. Und beides fügt sich voller Harmonie, scheinbar leicht
und vollkommmen, wenn die Zubereitung stimmt.
Auf „Kitchen Music“ trifft dies alles zu. Das eingespielte Trio mit dem
Trompeter und Flügelhornisten, dem Bassisten Jens Loh und dem
Schlagzeuger Markus Faller präsentiert Gourmet-Kost für den Freund des
modernen Jazz zwischen Cool und Bebop, in einigen Stücken gewürzt mit
Elektronik, ein wenig Wah-Wah, Loop und Hall, Scratches und
Geräusch-Einspielungen – unterstützend, aber nicht aufdringlich.
Es mutet fast wie Ironie an, dass ausgerechnet die Komposition „die
Leichtigkeit des Seins“ eben nicht so leicht und schwebend erklingt wie
etwa die „Entspannung im Dampfbad“ oder die Loh-Komposition „Jakob´s
world“. “Er ist sich treu geblieben“, kommentiert ein befreundeter
Musiker und Bigband-Leader spontan. In der Tat färbt Thomas Siffling
sein Spiel mit der Poesie, die so typisch für ihn ist. Loh zupft auf
seinem Bass spannungssteigernde, raffinierte, harmonische Linien und
Faller ist derjenige, der immer wieder für groovenden Drive sorgt. Das
alles klingt so leicht und elegant und ist doch voller Dichte und
Intensität.
Dass diese Mixtur sich gut verkaufen lässt, weiß Siffling. Dass zudem
Xavier Naidoo in „Kugelblids“ einen deutschen Text dazu rappt, dient
sicher auch der Verkaufsförderung. Künstlerisch zwingend ist dieser
Einsatz aber nicht. Von diesem Einwand abgesehen, darf die Kitchen-Music
nicht nur zum marinierten Lamm auf Couscous aus dem Siffling-Rezeptbuch
uneingeschränkt empfohlen werden.
Klaus Mümpfer
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Peter Bolte
Keeping
JazzHausMusik JHM 155 CD
Wie Sheets flattern die Tonkaskaden in rasenden Läufen aus dem
Altsaxophon, überblasen und expressiv. Dann wiederum fließen singende
Linien, lyrisch fast, aus dem Instrument. Peter Bolte ist ein technisch
virtuoser und künstlerisch äußerst kreativer Musiker. Kongenialer
Partner ist ihm bei seinen Ausflügen im zeitgenössischen Jazz der
SWR-Jazzpreisträger Achim Kaufmann am Piano mit seinen mal perlenden,
dann wiederum in Akkordreihungen frei pulsierenden Läufen. Eher im
Hintergrund, aber solide stützend und immer wieder treibend bilden die
beiden Amerikaner Paul Imm am Bass und Alan Jones am Schlagzeug die
rhythmische Basis. „Köln 100“ ist eines der Up-Tempo-Stücke mit den
attackierenden Stakkati auf dem Saxophon und schnellen Piano-Läufen aus
flirrenden Tontrauben, das folgende „Keeping“ dagegen eher relaxed im
melodischen Bereich.
Bolte scheint in im trügerischen Titel „Sweetness in the dark“ geradezu
vor Energie zu bersten, bläst intensiv und zupackend. Kaufmanns Finger
gleiten mit schneller Eleganz im filigranen Spiel über die Tasten. Das
Stück enthält verhaltene und retardierende Passagen eingebettet in den
voraneilenden Fluss. „3rd ending“ wiederum eröffnet nahezu balladesk, um
später in den höchsten Tonlagen des Saxophons zu verweilen und zu einem
verspielten Pianolauf überzuwechseln. Ein abwechslungsreiches Spiel über
acht Eigenkompositionen belegt die Eigenständigkeit und künstlerische
Reife Boltes und seiner Mitmusiker. „Keeping“ ist eine hörenswerte CD,
die auch bei mehrmaligem intensiven Anhören immer wieder überrascht und
nie langweilt.
Klaus Mümpfer
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Bernd Lhotzky & Chris Hopkins
Tandem
EOSP 4504 2
Im pulsierenden Leben des New Yorker Stadtteils Harlem hatte sich
während der Mittzwanziger des vorigen Jahrhunderts in der Nachfolge des
Ragtime der Harlem Stride als ein Piano-Stil entwickelt, bei dem während
der Improvisation über einer harmonischen Basis die linke Hand beständig
zwischen Basston und Akkord wechselt. James P. Johnson, Willi „The Lion“
Smith und Fats Waller zählen zu den bekanntesten Vertretern des Stride
Pianos.
Von Smith stammt denn auch die Komposition „Finger Buster“ mit jenen
typischen hüpfenden Passagen, die stets von schnellen, perlenden, kurzen
Läufen unterbrochen werden und mit der die Pianisten Bernd Lhotzky sowie
Chris Hopkins den Stride-Stil weiterhin pflegen. Wenn auch diese Form
des Klaviersolospiels für Zuhörer, die kein Faible dafür haben, auf
Dauer ein wenig eintönig klingt, Lhotzky und Hopkins bringen Abwechslung
ins Programm, indem sie zwischen schnellen Stücken wie Richard Rogers
„Everything I´ve Got Belongs To You“ und einer langsamen, dunkel
timbrierten sowie von typischen Verschleppungen und Moods Duke
Ellingtons geprägten „Black Tan Fantasy“ wechseln. Wobei insbesondere im
letzteren Stück durch das Duo-Spiel zusätzliche Reize entstehen.
Insgesamt fehlt der Aufnahme trotz der einfühlsamen stilistischen
Sauberkeit und dem sicheren Gespür für Swing die notwendige
Club-Atmosphäre. Die CD wirkt klinisch gereinigt und ist wohl eher etwas
für die gepflegte Sammlung des Piano-Jazz-Fans.
Klaus Mümpfer
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Buchbesprechung:
Ernst Burger
Erroll Garner
Leben und Kunst eines genialen Pianisten
ConBrio-Verlag, Regensburg, 220 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 3932 5818 14
„Erroll Garner war ein Gigant unter den Jazzpianisten“, sagt ganz ohne
Neid ein Kollege, der Pianist Billy Taylor. „Es gibt kaum einen, der
Errolls Level erreichen konnte, vielleicht Tatum, aber Erroll war eine
Klasse für sich“,urteilt auch Dave Brubeck über die Tastenkünstler,
dessen Spiel mit den unglaubliche rhythmischen Spannungen und
melodischen Feelings legendär geblieben sind. Über diesen Erroll Garner
ist jetzt erstmalig in deutscher Sprache eine Biografie erschienen, die
vor allem wegen ihrer großformatigen, prachtvollen Bilddokumentation ins
Auge fällt.
Ernst Burger, ein Münchner Musikschriftsteller und Pianist, hat äußerst
penibel und detailversessen recherchiert, die Archive von Zeitungen und
Fachzeitschriften geplündert und nicht gezählte Platten gehört, bevor er
die Lebensgeschichte des Pianisten mit dem orchestralen Sound von 1921
bis 1942 in Blöcken sowie anschließend Jahr für Jahr bis zu Garners Tod
1977 ausführlich beschreibt. Wie eingehend Burger sich mit dem
musikalischen Wirken befasst hat, belegt etwa die Aussage, dass der
Künstler am 6. Februar 1957 im Columbia Studio 16 Stücke eingespielt
hat, von denen ein Drittel bis heute unveröffentlicht ist. Das macht den
Leser und Garner-Fan neugierig auf (hoffentlich) noch zu erwartende,
technisch aufbereitete Pressungen. Unterhaltsam ist das Kapitel über
„Garner als Mensch“, einschließlich der bekannten Tatsache, dass der
Künstler ein begabter Zeichner und beidhändig tätiger Virtuose war.
Die ausführliche und trotz aller Genauigkeit keineswegs langweilige
Lebensbeschreibung wird illustriert durch 215 Fotos, auf denen dem
Betrachter neben Garner natürlich eine ganze Reihe weiterer Größen des
Jazz begegnen. Bei der Fülle ließ es sich jedoch nicht vermeiden, dass
eine Reihe Konzertaufnahmen vom Motiv her wie Doubletten wirken.
Interessanter fast als der Lebenslauf, der in gröberem Raster auch in
Lexika nachzulesen ist, sind die Bemerkungen des Autors über Garners
Spielweise und Klaviertechnik, die in manchen Passagen musiktheoretische
Kenntnisse voraussetzen. Damit die Bewertung des Klavier-Giganten mit
der prägnanten Linken nicht zu sehr aufs Subjektive beschränkt bleibt,
fügt Burger auf gut 30 Seiten die Urteile anderer Musiker, Kritiker und
Jazzimpressarios an und ergänzt das Ganze durch eine ausführliche
Discographie – auch diese konsequenterweise mit Abbildungen der
Plattenhüllen samt Titeln.
Zuguterletzt ist dem vorzüglichen Buch noch eine CD beigefügt, die
ausgewählte Aufnahmen aus den Jahren 1946 bis 1955 enthält – darunter
Interpretationen, die der Autor zu seinen Lieblingsstücken zählt.
Klaus Mümpfer
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Lajos Dudas
Artistry In Duo
Jazz sick records 0005014 JS
Kritiker nannten den 1941 in Budapest geborenen Lajos Dudas einst den
„Innovator der Klarinette im modernen Gewand“. Inzwischen gibt es eine
ganze Reihe exzellenter junger Klarinettisten, die die Klangsuche auf
dem Instrument weiter getrieben haben. Doch Dudas ist mit seinem
eigenständigen, stilüberschreitenden Spiel unter ihnen allen stets
herauszuhören. Der inzwischen 65-Jährige hat nie die klassische Schulung
verleugnet und auf eine ebenso überzeugende wie geschmacksichere und
emotionale Weise die Klassik mit dem Jazz verbunden und das Instrument
dabei zugleich von den formalen Zwängen beider Musikkulturen befreit.
Duos verlangen in ihrer Intimität und Transparenz eine besondere
Qualität der Kommunikation. Dudas hat stets die kleinen Formationen vom
Duo bis zum Quartett gepflegt. Zu seinem Geburtstag blickt er nach
eigenen Worten zurück und legt eine CD auf, die ihn im Jahr 1985 in
musikalischen Interaktionen mit dem Vibraphonisten Tommy Vig, zehn Jahre
später im Duo mit dem Bassisten Balazs Berges und schließlich 2005 mit
dem Gitarristen Philipp van Endert präsentiert. In allen Aufnahmen
faszinieren das filigrane Zusammenspiel, die klaren und transparenten
Klänge, der Wechsel von nervösen, schnellen Läufen und langsamen,
sanften Passagen sowie die Geschlossenheit der Improvisationen. Bei
aller Freiheit wirken die Stücke stets melodiös, flüssig, gelöst sowie
elegant – eben zeitlos schön.
Klaus Mümpfer
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Julie Spencer / Gernot Blume
Out Of The Stillness
Klangwelt Musikverlag SBP8
Gernot Blume / Julie Spencer and Colored Fish
Lost And Found
SBP CD 002
Die Kompositionen der heiligen Hildegard von Bingen entstanden aus ihrem
Glauben, dass die Musik die wahre Brücke zur himmlischen Harmonie sei.
Getragene Melodien überzeugen durch reine Frauenstimmen auf einem
Fundament instrumentaler Grundakkorde ¬ so wie es die amerikanische
Marimbaphon-Spielerin und Sängerin Julie Spencer sowie der
Multi-Instrumentalist Gernot Blume bereits im einleitenden „The Seer“
der CD
„Out Of The Stillness“ nachvollziehen. In kühnen Kompositionen gibt es
eine vollendete Symbiose von meditativ-tänzerischen und percussiven
Interpretationen sowie den flächig-folkloristschen Sounds der beiden in
Bingen lebenden Künstler. Notenketten perlen aus dem Marimbaphon, es
entstehen mystische und exotische Stimmungen mit Mandoline, Sitar und
Violine zur rhythmischen Untermalung der Tablas. Wahrhaft engelsgleiche
Vokalisen und ein vergeistigter Sprechgesang erzeugen getragen und
schwebend sakrale Impressionen, tänzerisch beschwingt assoziieren
Instrumentalparts mit Dudelsack oder Akkordeon gälische und verwandte
Folklore sowie mittelalterliche Musik. Fast immer werden die Melodien
über einem Bassfundament geführt, das mit exotischen Instrumenten wie
dem Didgeridoo oder der Shruti-Box erzeugt wird.
Harmonieverfremdungen kennzeichnen die „Stätten der Läuterung“. Das
Treffen des Balafon genannten afrikanischen Holzxylophons, von
Bass-Trommel, Kuhglocken, Tambourin sowie bolivianischer Flöte und
Kontrabass malen das musikalische Bild von der Erschaffung der Welt.
Inspiriert von den Visionen der Hildegard von Bingen und den Miniaturen
zu ihren theologischen Schriften haben Julie Spencer und Gernot Blume
einen Dialog über die Grenzen der Zeit und musikalischen Kategorien
hinweg geschaffen. World-Jazz in weiten Sinn.
Ebenfalls alle Kategorien sprengend, spielen Gernot Blume und Julie
Spencer mit dem Duo „Colored Fish“, dem Drummer Dan Morris sowie Pedro
Eustache an Flöten, Tenorsaxophon und Bassklarinette, auf der CD „Lost
And Found“.
Der Zuhörer
stößt auf ein schönes melodisches und swingendes „Affirmation“, aber
auch auf einen Harmonien aufbrechenden freien und pulsierenden „Black
Box Blues“: im ersten die singende Bassklarinette zu Synthesizer und
elektronischem Bass, im Letzteren mit Tenorsaxophon, Percussion und
Akkordeon. Dazwischen präsentiert Blume „Images“, eine Impression auf
einer Kirchenorgel, die mit Vogelzwitschern Sommer assoziiert, oder
Spencer „Green Second Flashing“ ein Solostück auf dem Marimbaphon, dem
Hauptinstrument der „Ausnahmekünstlerin“, und wiederum Blume mit einer
folkloristischen Solokomposition „Anjou“ auf der Konzertgitarre. In
„Being“ schließlich verschmilzt Blume die modalen Klangfarben der
Nordindischen Sitar mit westlichen Harmonien – mit Bassflöte,
Percussion, Sitar, Synthesizer und Marimba. Das Überraschende ist, dass
diese Zusammenstellung keineswegs beliebig wirkt, sondern in ihrer
musikalischen Vielfalt eine logische Einheit bewahrt.
Klaus Mümpfer
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Steve Coleman and Five Elements
Weaving Symbolics
Label Bleu (rough trade)
Das Erstaunlichste an Steve Colemans Musik waren zunächst die hoch
komplexen, dennoch groovenden Rhythmen und die Kunst, zu diesen
rhythmischen Geflechten mit solcher Leichtigkeit und Schlüssigkeit zu
improvisieren. Mittlerweile enthält seine Musik immer wieder auch
äußerst vielschichtige, sich ständig wandelnde harmonische Gewebe, die
durch ein Zusammenspiel mehrerer Improvisatoren entstehen. Auf seiner
neuesten CD „Weaving Symbolics“ ist seine Musik in vielfacher Hinsicht
hoch komplex und kunstvoll "gewoben". Sie schillert in großartiger
Vielfalt und erreicht eine außerordentliche Klarheit.
Die CD beginnt mit Steve Colemans allererster Kunst der Gestaltung: mit
seiner Kunst der Improvisation, die bereits in jungen Jahren wegen
seines besonderen Geschicks hervorstach, in sich verschränkte,
„drehende“ Melodie-Linien mit verblüffendem Bewegungsgefühl und großer
Eleganz hervorzubringen. Die Solo-Improvisation des ersten Stückes der
CD „Weaving Symbolics“ gibt einen ersten Eindruck davon, wie sehr diese
Kunst nun ausgereift ist: Mit der Natürlichkeit eines Liedes und der
Helligkeit und Wärme von Sonnenstrahlen entwickelt sich seine
Improvisation, bis sie bei einer Melodie anlangt, die das Thema des
Stückes bildet – eine einfache Melodie mit einer durchdringenden
Wirkung, wie sich später in weiteren Versionen dieses Stückes mit dem
Titel „Ritual“ zeigt. Dieses „Ritual“ taucht nämlich 5 Mal (jeweils mit
anderer Besetzung) auf und teilt das gesamte (auf 2 CDs verteilte) Werk
in 5 Abschnitte.
Eine weitere Komposition ist in 3 Versionen enthalten: „Triad Mutations“
– jede Version voller berauschender Lebensfreude, getragen von einem
Sound, der an die sonnige Atmosphäre Brasiliens denken lässt, wo die
Musik aufgenommen wurde. Gerade dieses Stück macht deutlich, wie sehr in
Steve Colemans Musik Komplexität ein Ergebnis gesteigerter Lebendigkeit
ist.
Bei 2 Titeln spielt Steve Coleman in einem ungewöhnlich traditionellen
Jazz-Kontext: im Trio mit Jeff „Tain“ Watts, der als ausgezeichneter
Schlagzeuger einer früheren Wynton-Marsalis-Band bekannt wurde. Diese
Trio-Aufnahmen ergeben jedoch in keiner Weise einen Bruch, sondern
repräsentieren eine der Verbindungen der Steve-Coleman-Musik zu
verschiedenen Musik-Traditionen, die zum Teil auch weit außerhalb des
Jazz liegen. In „Tehu Six“ sind Elemente des „freies“ Spiels zu hören,
in „Gregorian“ europäische Einflüsse und in „Li Bai“ asiatische. All
diese Verbindungen zu unterschiedlichen Stilen und Musik-Kulturen sind
aber nur Facetten und Erweiterungen der stets unverkennbar
eigenständigen Musik Steve Colemans.
Eine spezielle Art der Stimmung, die seit seinen frühen Aufnahmen immer
wieder in einzelnen Stücken auftaucht, gibt dem Stück „Trigrams“ einen
besonderen Reiz: ein gebremstes, entspanntes Dahin-Fließen in gedämpften
Farben mit starkem Groove. - Noch langsamer fließt „Circle Weaving
Thirteen“, in vielen einzelnen Strängen, die sich überschneiden,
zeitweise vereinen, sich wieder teilen und insgesamt einen Strom aus
teils ziemlich schrägen, spannungsvollen, aber auch wohltuenden Klängen
bilden. In „Numerology“ ist das (primär improvisierte) Spiel mit einer
großen Vielfalt von Harmonien noch extremer, oft voller Reibung, aber
immer wieder auch (gerade durch den Kontrast) wohlklingend und durch
eine meditative, sakrale Atmosphäre berührend.
Die CDs „Weaving Symbolics“ brauchen wohl häufiges Hören über längere
Zeit, um den besonderen Reiz dieser Musik in ihren vielen Räumen und
Winkeln zu entdecken. Diese Musik ist eben nicht einfach und es ist eine
gewisse Toleranz gegenüber Schrägem erforderlich, um auch den Zauber der
schwierigen Stücke zu entdecken. Z.B. beginnt „Tetragramm“ mit einem
irritierenden Gesang (als würde er die verrückt gewordene Orphelia in
„Hamlet“ darstellen), gleich darauf setzt jedoch ein massiver Groove ein
und gibt den abgehobenen, ätherischen Klängen eine stabile Basis, über
der Steve Coleman dann einen coolen Tanz am Saxofon hinlegt – bis das
irritierende Thema zurückkommt, nun schon ein wenig vertrauter …
„Weaving Symbolics“ enthält überwiegend eine hochgradig abstrakte,
komplexe Musik, die aber gleichzeitig immer wieder bestechend natürlich,
stimmig und klar ist. Ihre Abstraktheit bedeutet nie Gefühlsarmut,
sondern verstärkt vielmehr den Ausdruck eindringlicher Stimmungen.
Allerdings sind das kaum Stimmungen, die man in einem
erholungsbedürftigen Zustand aufsucht oder die als Hintergrund bei
anderen Tätigkeiten angenehm wären. Es braucht eine geistige Verfassung,
die Lust auf eine mitunter wirklich abenteuerliche Entdeckungsreise
zulässt – auf eine Entdeckungsreise, die sich jenseits verwirrender
Momente lohnen kann, denn hinter dem, was sie einem abverlangt, hält sie
eine besondere Schönheit bereit. Eine Schönheit, die in Form von
Rhythmen, Bewegungsgefühl, Sound, bezaubernden Strukturen und Verläufen
… tatsächlich existiert – im Gegensatz zu manch anderer Musik, hinter
deren Schwierigkeit solche Qualitäten nicht zu finden sind.
Beide CDs sind auf der Rückseite DVDs mit Video-Aufnahmen. Auf einer ist
nach einem kurzen Gespräch zu sehen, wie Steve Coleman nur mit
Schlagzeug-Begleitung über „Little Willie Leaps“ (Miles Davis) lang und
intensiv improvisiert. Es wird die Verbindung zur Jazz-Tradition
deutlich und ihn spielen zu sehen, bringt einem seine
Improvisations-Weise näher. - Auf der anderen DVD spricht er über die
Musik der „Weaving Symbolics“-CDs.
ZUR SYMBOLIK:
Die Gliederung der CDs in 5 Abschnitte und in 2er und 3er Gruppen
ergeben die Zahlenverhältnisse des „Goldenen Schnitts“. Aus den Titeln
der Stücke und den Erläuterungen Steve Colemans wird deutlich, dass
diese Musik zu einem guten Teil von Zahlen-„Magie“, Astrologie, Esoterik
usw. inspiriert ist. - Steve Coleman weist im Begleitheft der CD jedoch
darauf hin, dass es nicht so etwas wie ein „Verstehen“ der musikalischen
Symbolik gibt. Es sei in dieser Musik nichts Tiefer-Gehendes zu finden
als das Erleben des Hörers selbst. Zum In-sich-Gehen wolle die Musik
anregen. - Für einen Zugang zu dieser Musik ist eine Beschäftigung mit
den Ideen, die Steve Coleman inspirieren, also genauso unwesentlich wie
etwa eine Beschäftigung mit christlichen Lehren für einen Zugang zur
Musik von Johann Sebastian Bach.
THEORETISCHE GEDANKEN ZUR SYMBOLIK:
Mathematik und Naturwissenschaften konstruieren gedankliche Regelwerke
(Modelle), um die Natur zu erfassen, was aber immer nur ansatzweise
gelingt. Denn unsere geistigen Möglichkeiten sind zu begrenzt. Die
gedanklichen Modelle haben zwangsläufig immer die typischen Strukturen
der menschlichen Art zu denken. Darüber kommt man nicht hinaus. Auf
diese Weise spiegeln all die mathematischen und naturwissenschaftlichen
Gedanken zugleich die menschliche Art des Denkens wider – und nicht nur
die Art des Denken: der enorme Einsatz, der zu den Erkenntnissen geführt
hat, stammt aus Faszination, also aus intensiven Gefühlen, mit denen all
diese Ideen verbunden sind.
Schönheit ist
ein wesentlicher Motor und das ergibt eine Verbindung zur Kunst. Ein
Wissenschaftspublizist sagt: Mathematiker hätten offenbar ein besonderes
Verständnis für die mathematischen Zeichen. „Wahrscheinlich entdecken
sie darin Symbole. Und das Symbolische regt nicht nur ihren Verstand an,
sondern ihr ganzes Wesen, ihr Gefühl … Kriterien für Schönheit in den
Naturwissenschaften sind zum Beispiel Symmetrie oder Einfachheit.
Einsteins E=mc2
ist allein dadurch ästhetisch, dass es nur fünf Symbole hat … Oder
nehmen Sie die Doppelhelix-Struktur: unser Erbgut in Form einer
symmetrischen Spirale! … Ich denke, dass man ohne Sinn für die
Naturschönheit kein Naturforscher wird.“
http://www.arte-tv.com/de/wissen-entdeckung/Expedition_20ins_20Gehirn/Ernst_20Peter_20Fischer/1123002.html
Mit diesem
wissenschaftlichen Streben scheint Steve Colemans Weg eng verwandt zu
sein. Dass manches, was ihn inspiriert, als „irrational“ erscheint, sich
also naturwissenschaftlich nicht bewährt, ist unwesentlich, denn es geht
ja um Musik und in musikalischer Hinsicht bewährt sich sein Zugang zur
„Natur“ sehr wohl. Vor allem, weil die Musik die „Natur“ des
menschlichen Erlebens abbildet, noch überzeugender als es auch die
Naturwissenschaften tun.
Manfred Mayer |