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Christian Broecking.“Klang der Freiheit.“
Interviews mit Ornette Coleman, Don Cherry und Charlie Haden.
Broecking Verlag Berlin 2010, 124
Seiten, 19.90 Euro; (ISBN 978-3-938763-13-1
Ornette Coleman polarisierte, als er 1959/60 mit seinem Plastiksaxophon
die Jazzbühne betrat und die Musik grundlegend veränderte. Viele
renommierte Musiker, die ihn hörten oder mit ihm spielten, gestanden,
dass es ihnen schwer fiel, sein radikales improvisatorisches Konzept zu
verstehen. Der Jazzpublizist Christian Broecking hat mit dem Künstler
gesprochen, der 2007 mit einem Grammy für sein Lebenswerk ausgezeichnet
wurde und den Purlitzerpreis erhielt. In diesem März vollendet Ornette
Coleman sein 80. Lebensjahr.
Die ausführlichen Antworten auf Broeckings kompetente und sensible
Fragen weisen auf Charakterzüge des Künstlers hin, die für Leser, die
sich bislang nicht intensiv mit Coleman beschäftigten, teilweise
unerwartet zum Vorschein kommen. Auch wenn seine Musik politisch und
antirassistisch sei, so bestreitet Coleman, dass seine Biographie die
schwarze Rasse repräsentiere. Die Schönheit seiner Kompositionen habe er
„Tränen Traurigkeit und Einsamkeit“ zu verdanken, ist einer der
Schlüsselsätze der für das Buch überarbeiteten Gespräche.
Abgerundet wird das Bild Ornette Colemans durch zusätzliche Interviews
mit Musikern, die ihn viele Jahre begleitet haben - Don Cherry und
Charlie Haden - sowie mit Statements zahlreicher Jazzer und Produzenten
von Geri Allan bis David Murray. So ist für Manfred Eicher von ECM
Coleman „ein Lyriker, der freie Musik poetisch gestaltet“ hat.
Christian Broecking und den interviewten Künstlern gelingt es, den Leser
so sehr zu fesseln, dass er das Buch erst nach der letzten Seite aus der
Hand legt.
Klaus Mümpfer
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Chris Hirson Seta Tunes
Trivial things“
Meta-records, meta 043
Im Titel-Stück „Trivial Things“ belegt der Sopransaxophonist Chris
Hirson, dass seine Musik im eigentlichen Sinn von „trivial“ zwar
„allgemein zugänglich“, aber keineswegs „altbekannt“ ist. Sein Spiel
vermittelt in langsamen und singenden Linien exotische Stimmungen, was
wohl auch Charlie Mariano dazu animiert haben könnte, die
„Vielfältigkeit der Klangfärbung“ als „reinen Hörgenuss“ zu loben. In
anderen Passagen und Stücken pulsiert die Musik, bläst Hirson das
Instrument in expressiven Stakkati zum schnell gezupften und gradlinig
marschierenden Bass sowie rasanten Pianoläufen. „Who Too“ klingt zwar
zunächst vertraut und gleicht manchen anderen Kompositionen des modernen
Jazz. Dennoch behält die Interpretation des vorzüglichen Quartetts mit
Hirson, dem Pianisten Carsten Daerr, dem Bassisten Oliver Potratz und
dem Schlagzeuger Sebastian Merk eine eigenständige Note, die im
Zusammenklang mit der ausdrucksstarken und Emotionen weckenden Stimme
von Mithila Motaleb noch stärkeres Eigenleben entfaltet. „Small Talk“
steht für diese originelle Richtung, die Experiment und Expression auf
spannende Weise einbezieht. Mag sein, dass die fünf Künstler mit ihren
jeweiligen Eigenheiten befruchtend auf die vielfarbigen Stimmungen
gewirkt haben, sich ist aber auch, dass Chris Hirson mit seinem
Saxophonspiel dieser nuancenreichen, spannenden und ausdrucksstarken
Musik seinen Stempel aufdrückt
Klaus Mümpfer
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Christoph Busse Trio
Awaking
Laika-Records 3510251.2
Christoph Busse reiht sich mit seiner Einspielung „Awaking“ in die Reihe
der klassischen Piano-Trios ein. Seine Kompositionen swingen ungemein,
befriedigen melodisch das Wohlgefühl der Zuhörer. „Awaking“ ist eine
niveauvolle Form des „Bar-Jazz“, wie ihn auch berühmte Pianisten
gepflegt haben. Die Noten perlen aus den Tasten, der Bass marschiert ,
das Schlagzeug groovt. Da irritiert kein experimenteller Ausflug den
Zuhörer. Das Trio schwimmt im breiten Strom des modernen Jazz, der sich
entspannt genießen lässt. Pianist Christoph Busse, Bassist Sebastian
Hoffmann und Schlagzeuger Thomas Hempel werden in zwei Stücken von dem
Percussionisten Nené Vásquez unterstützt. Insgesamt herrscht eine
balladeske Stimmung vor, die in „Refuge“ besonders ausgeprägt zum
Klingen kommt. In dieses Konzept eingepackt ist auch ein „Triptychon“ „I.G.Y.“
von Donald Fagen mit Piano-Improvisationen, die an Keith Jarrett
erinnern, und einem mitreißenden Bass-Lauf sowie einem groovenden Part.
Zum Abschluss präsentiert das Trio „Goodbye“ von Pat Metheny. Alle
anderen Kompositionen sind aus der Feder des Pianisten.
Klaus Mümpfer
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Karl Seglem
NORSKjazz.no
Ozella, OZ 025 CD
„Norskjazz no“ – „norwegischer Jazz jetzt“ nennte der Saxophonist Karl
Seglem sein neues Projekt, das er gemeinsam mit dem Eple Trio
eingespielt hat. Die Frage, ob dies Jazz sei, amüsiert den Musiker und
Komponisten, der tief in der skandinavischen Folklore verwurzelt ist. So
lange der Zuhörer die Frage nach dem Jazz stelle, sei die Musik lebendig
und erweitere den Erfahrungsraum, sagt er. Seglem, der mit seiner
Urbs-Tour 2007 noch Goat Horns, Hardanger Fiddle und Elektronic in seine
Interpretationen einbaute, beschränkt sich dieses Mal auf eine
klassische, kammermusikalische Besetzung mit Tenorsaxophon, Bass, Piano
und Schlagzeug.
Die
Musik der CD steht ganz im Zeichen von Folklore und Ästhetik, in einer
träumerischen Grundstimmung und zurückhaltender Intimität. Die lang
gezogenen singbaren Saxophonläufe Seglems prägen den Sound, doch auch
die Soli des Bassisten Sigurd Hole faszinieren mit ihrer melodischen
Vielfalt und harmonischen Verzierungen. Hinzu kommt der Pianist Andreas
Ulvo, der mit perlenden Lyrismen und vereinzelt an den romantischen
Gestus von Keith Jarrett erinnernd, den Trio-Klang abrundet, der
wiederum von Jonas Howden Sjovaag vor allem auf den Becken
unaufdringlich rhythmisiert wird. Eine Komposition wir „Lull“ fällt mit
seinen expressiven, treibenden Passagen fast aus dem Rahmen und passt
dennoch in das Konzept. „Aret Hallar“ mit dem ausgedehnten gestrichenen
Bass-Intro und dem warmen Saxophon-Sound ist daneben eines jener
ohrwurmartigen Kleinode, bei denen jegliche Diskussion, ob Jazz oder
nicht Jazz überflüssig wird. Diese Musik dringt in die Selle ein, ohne
die Ration in Anspruch zu nehmen.
Klaus Mümpfer
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Kristjan Randalu
Desde Manhattan
Jazz ´n Arts, JnA4209
Die Kompositionen des Pianisten Kristjan Randalu vereinen Gegensätze:
Lyrik und Melancholie auf der einen Seite, treibende Rhythmen und
ostinate Percussion auf der anderen Seite. Diese Gegensätzlichkeit weiß
der aus Estland stammende und 2007 mit dem baden-württembergischen
Jazzpreis ausgezeichnete Musiker zur Spannungserzeugung zu nutzen. Von
zuhause aus zunächst klassisch ausgebildet, fand Randalu zum Jazz und
eine ganz originäre Tonsprache. Dies wird gefördert durch die
eigenwillige Besetzung – unter anderem mit dem aus Polen stammenden und
in New York lebenden Schlagzeuger Bodek Janke, aus dessen Feder auch die
herausragende Komposition dieser CD „Desde Manhattan“ stammt. Hier
verbinden sich polnische Folklore, sperriges Pianospiel, ein feuriges,
an avantgardistische Klangexperimenten und dennoch in osteuropäischer
Tradition verwurzeltes Cello-Spiel sowie eine vielschichtige Rhythmik.
Die Ostinati auf Piano und Bass wirken zuweilen geradezu hypnotisch. Die
Duos von Bass und Cello auf dem rhythmischen Drum-Teppich faszinieren in
ihrer harmonischen Zusammenstellung. Als „Multikulti“ lobt der PR-Text
zur CD diese musikalische Kombination aus europäischer Folklore und
amerikanischem Jazz zu Recht. Vokale Einlagen oder helle und leise
Cello-Klänge im Hintergrund werden geschickt platziert. Im
abschließenden „Teraz“ werden gar indische Rhythmik und Vokalisen
eingesetzt. Soweit es die Herkunft der Musiker angeht, treffen Estland
mit Randalu und Polen mit Janke auf Spanien mit dem Bassisten Antonio
Miguel und Deutschland mit dem außergewöhnlichen Berliner Cellisten
Stephan Braun. Das Ergebnis ist unterhaltsam, über weite Teile sogar
erregend und mitreißend.
Klaus Mümpfer
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Roland Neffe´s
Vibes Beyond
Jazzhaus Music JHM 183
„Sound of Äther“ – einen passenderen Titel hätte sich der Vibraphonist
und Komponist Roland Neffe für dieses ätherische Stück mit den
schwebenden Klängen und der zwar ostinaten, aber harmonisch reizvollen
Bass-Begleitung nicht ausdenken können. Selbst die glucksenden Einlagen
auf dem Vibraphon wirken völlig natürlich. Eine CD, auf der Vibraphon
und Marimbaphon nur von einem Kontrabass und einem zurückhaltend
eingesetzten Schlagzeug begleitet wird, ist sicher ein Wagnis. Roland
Neffe besteht dieses Risiko mit virtuosem Einsatz seiner Instrumente.
Nach dem bedächtigen „Sound of Äther“ lässt er die Marimba in „Line of
Restless“, ganz wie es der Titel verspricht, vehement temporeich tanzen.
„Vibes beyond“, so der Titel der CD, geht über eine reine
Klöppel-Präsentation hinaus. Bestechend sind vor allem die Duos mit dem
Bassisten Achim Tang – so in dem ausgedehnten „Heavy Line“ -, die der
Schlagzeuger Reinhardt Winkler in diesem sensibel agierenden,
kommunikativen Trio abrundet. So pendeln die Stücke auch binnenmetrisch
wie in „Visionary“ zwischen verhaltener Lyrik und treibenden Grooves
sowie mitunter einem Touch Avantgarde. Sie verraten Ideenreichtum und
Gestaltungskraft, ohne die eine solche Kombination sicher zu eintönig
wirken würde..
Klaus Mümpfer
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Engstfeld / Weiss-Quartett
Back to Blallads
Jazzsick-records / ESC 8001 JSS
„Was
soll´s?“, fragt man sich unwillkürlich beim Blick auf die Titelliste.
Muss man sich wirklich die xte Version von Gershwins „I loves you Porgy“
oder Ellingtons „Prelude to a kiss“ antun? Auch wenn zwei so renommierte
und exzellente Musiker wie der Saxophonist Wolfgang Engstfeld und der
Schlagzeuger Peter Weiss gemeinsam mit dem sensiblen Pianisten Hendrik
Soll und dem solide stützenden Bassisten Christian Ramond den oft
gehörten Standards neues Leben einhauchen? Spätestens nach dem ersten
Stück stellen sich diese Fragen als unbegründet heraus. Gewiss, es
bleibt ein Wagnis, eine ganze CD mit getragenen und lyrischen Balladen
zu füllen, aber wenn es mit so viel Gefühl und Geschmack geschieht, dann
lohnt es sich in der Tat, aufmerksam zuzuhören, um alle raffinierten
Feinheiten in diesen Interpretationen zu entdecken. Engstfeld und Soll
schaffen eine entspannte Atmosphäre, in der sich der warme Ton des
Tenorsaxophons in all seinen Tonfärbungen voll entfalten kann. Soll ist
mit seinen perlenden Linien ein kongenialer Partner, während Weiss und
Ramond dezent den Rhythmusteppich unter die pastellfarbenen Klanggemälde
legen. Bei aller Beseeltheit gleiten die Musiker nie in Kitschige ab.
„Back to Ballads“ ist eine CD die zwar zum Träumen verleiten, aber auch
außerhalb solch blauer Stunden jazzig genossen werden kann. Aufgenommen
wurden die Balladen im März 2009 in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede.
Klaus Mümpfer
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FUNjazzquartett & Jill Gaylord
Heinrich Heine: Auf den Flügeln des (Jazz-)Gesanges
Melisma 3067
Joachim Ernst Berendt hatte in den 60er Jahren die Reihe „Jazz und
Lyrik“ gepflegt, zunächst Rühmkorf Peter, später Gottfried Benn und
Heinrich Heine mit der Jazzmusik verbunden und dieses Genre zur
anerkannten Kunstform erhoben. „Poesie ist in Musik verwandelte
Sprache“, hatte schon früh auch der amerikanische Schriftsteller Leroi
Jones formuliert. Das Fun-Jazzquartett mit dem Flötisten und
Saxophonisten Paolo Fornara, dem Pianisten Jo Flinner, dem Bassisten
Markus Hofmann und dem Schlagzeuger Günter Gessinger hat im Wortsinn
dieser Definition von Jones gemeinsam mit der Sängerin Jill Gaylord die
Lyrik Heinrich Heines besser noch als ein Berendt in die Musik
integriert, weil „J.E.“ den Rezitator Gert Westphal und das Attila
Zoller Quartett lediglich, wenn auch vorzüglich aufeinander abgestimmt,
gegenüberstellte,. „Wir haben den urdeutschen Sprachstil Heines und
seine spezielle Syntax mit dem Jazz verbunden“ heißt es im Booklet, in
dem sämtliche Texte abgedruckt sind. Gaylord singt mit ausdrucksstarker
Stimme und Einfühlungsvermögen die Texte in sensibel angepasster
Jazzphrasierung. Eingebettet sind die „Lieder“ in „singende“ und
swingende Instrumental-Passagen, in denen vor allem Flöte und Saxophon
Fornaras sowie die Piano-Improvisationen Flinners tonangebend sind.
Die CD übernimmt aus Heines lyrischem Intermezzo um 1822 ihren passenden
Titel „Auf den Flügeln des Gesangs“, stellt zumeist die intimen,
persönlichen, weniger die politischen Texte des Dichters vor. Die
Produktion ist ein Genuss für die Jazzfreunde ebenso wie für die
Verehrer des Spätromantikers.
Klaus Mümpfer
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Tomas Sauter
Magic Carpet
Catwalk CW 070003-2
Das Projekt „Magic Carpet“, mit dem der Schweizer Gitarrist Tomas Sauter
und sein Quartett derzeit auf Tournee sind, ist nicht ganz neu. Aus der
Besetzung der CD-Einspielung des Jahres 2006 sind die beiden im wahrsten
Sinne tonangebenden Musiker Tomas Sauter und der
Saxophonist/Klarinettist Domenic Landolf auch in den gegenwärtigen
Konzerten dabei. Festzustellen ist, dass die Soundtüfteleien auf der CD
ausgeprägter, die kontemplativen Stücke häufiger und die
impressionistischen Klangfarben ausgeprägter sind. Die Klangflächen im
Titelstück „Magic Carpet“ klingen beispielsweise intensiver, die
Duo-Passagen von Klarinette und Gitarre dichter. In den Konzerten
überwiegen die schnelleren, sich zwischen Bebop und Modern Swing
bewegenden Stücke.
An
die Stelle der kontrastierenden, teils atonalen Duoklänge von Klarinette
und Saxophon mit der Gitarre sind oftmals Unisono-Passagen getreten. Mir
persönlich gefallen die experimentelleren Collagen der CD besser – was
allerdings eine Frage des Geschmacks und nicht der Qualität ist. Tomas
Sauter ist ein faszinierender Techniker und Improvisator, ein Landolf
ein beseelter Saxophonist. In den Konzerten ist zwar das Zusammenspiel
mit dem Bassisten Schläppi harmonischer, doch die Rhythmusgruppe auf der
CD mit dem Bassisten Patrice Moret und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer
erzeugt mehr Spannungen, die neue den stärkeren Groove.
Klaus Mümpfer
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Nicolas
Humbert & Werner Penzel
Brother Yusef
Air / jazzwerkstatt berlin, air
1001
Abgeschieden von der Welt lebt Yusef Lateef allein mit seinen
Instrumenten und Erinnerungen in einem Haus im Wald. Die Melancholie des
verschneiten Wintertages und der grauen Nebel unterstreichen die
Stimmungen, die die Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel im
musikalischen und optischen Porträt des Musikers eingefangen haben.
Lateef erzählt in Szenen, die nahezu statisch und ohne störende Schnitte
aufgenommen wurden. Er erinnert sich seine Begegnungen mit John Coltrane
kurz vor dessen Tod, an sein Engagement bei Dizzy Gillespie sowie an
andere Musiker. Die Erzählungen und Anekdoten zeigen Lateef als tief
religiösen Menschen, der über das Leben und das Sein nach dem Tod, die
Seele und das Herz sowie die eigene Stimme auf dem Instrument nachdenkt.
Die Worte kommen fast stockend, aber überlegt aus dem Mund eines
Künstlers, dessen „autophysiopsyic music“ aus dem eigenen geistigen,
spirituellen und intellektuellen Ich entstand.
Der Film wird der Person Lateefs gerecht, ist selbst ein fotografisches
Kunstwerk. Die Available-light-Technik zeigt das Profil des spielenden
und singenden Yusef wie ein Schattenriss. Die Großaufnahmen des Kopfes
und der Hände und die sparsame Lichtführung unterstreichen die grafische
Wirkung und erleichtern es dem Zuschauer, sich auf das Wesentliche zu
konzentrieren. Nichts lenkt von Sujet ab. Die einzige Fremdeinspielung
ist ein kurzer Mitschnitt eines Konzertes mit Cannonball Adderley. Die
Intimität des Wohnraumes, in dem Lateef gefilmt wird, betont die
Authentizität und strahlt wie der Musikers selbst innere Ruhe aus.
Niemand stellt „dumme Fragen“. Der Porträtierte bleibt stets der
Mittelpunkt. „Brother Yusef“ ist eines der eindringlichsten
Musikerporträts, die ich kenne.
Klaus Mümpfer
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Béatrice
Kahl & Gaby Schenke
99 / NDW meets JAZZ
MDL 200 152 CD
Kreuzworträtsel kennen nur eine „deutsche Pop-Sängerin“: Nena. Ihren
Song von den „99 Luftballons“ hatte einst die Neue Deutsche Welle ebenso
hochgespült wie „Ich will Spaß“ von Markus oder Rio Reisers „König von
Deutschland“. Die Saxophonistin Gaby Schenke und die Pianistin Béatrice
Kahl haben nun neun Lieder der NDW neu gefasst und zeigen, was souveräne
Jazzerinnen aus den vordergründig schlichten Original-Themen in neuen
Arrangements herauskitzeln können.
Den Bearbeitungen ist anzuhören, welchen Spaß dies den beiden
Musikerinnen und ihren Begleitern Frank Fiedler am Kontrabass sowie
Kristof Hinz am Schlagzeug und mit Elektronik bereitet hat. In Nenas „99
Luftballons“ überwiegt zunächst der Wiedererkennungseffekt, bevor sich
Saxophon und Piano vom Thema entfernen, neu harmonisieren und wieder
aufs Thema zurückkommen. Joachim Witts „Goldener Reiter“ galoppiert in
fast freien und pulsierenden Expressionen hinweg. „Das Blech“ groovt mit
treibenden Drum-Rhythmen und einem mitreißenden Rhodes-Solo sowie kurzen
stakkatohaften Akkord-Ostinati vor einem gradlinigen Schlagzeug-Solo.
Nahe am Original bleiben bei ihren originellen Improvisationen die
Musiker in „Carbonara“
Soundfärbend ist wie bei den früheren Ausnahmen des in jahrelanger
Freundschaft traumhaft eingespielten Duos das Saxophon mit seinen
singbaren Linien oder kurzen überblasenen Läufen sowie das perlende und
zugleich immer wieder sperrige Piano.
In drei Liedern setzt Gaby Schenke mit Coolness und spröder Erotik
durchaus NDW-gerecht ihre Stimme ein. Der unbekümmerte Charme der Neuen
Deutschen Welle findet sich in den anspruchsvolleren jazzigen
Arrangements wieder und zeugt von der erfrischenden Vitalität auch des
mainstreamigen Jazz. Herausgekommen ist eine Musik, die mit
überraschenden Wendungen ganz einfach Spaß bereitet.
Klaus Mümpfer
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Youssou
N´Dour
Rückkehr nach Goirée
Mouna / Alive 6410330
Blues, Jazz, Gospel, Spiritual – all diese Musik wäre nicht Bestandteil
der amerikanischen Kultur, wenn nicht die Afrikaner in Amerika ihre
eigenen musikalischen Traditionen mit denen ihrer Unterdrücker
verschmolzen hätten. Youssou N´Dour, 1959 im senegalesischen Dakar
geboren, hat die afrikanischen Wurzeln in seinen Songs zwar mit Jazz und
Pop angereichert, aber nie verleugnet, sondern überzeugend bewahrt. Zum
„Afrikanischen Künstler des Jahrhunderts“ hat ihn deshalb das Fachblatt
„Folk Roots“ ernannt.
In einer eindreiviertelstündigen Dokumentation hat der Schweizer
Regisseur Pierre-Yves Borgeaud den Sänger nun auf dessen Spurensuche
durch Amerika und Europa zurück in den Senegal und auf die frühere
Sklaveninsel Goirée begleitet. „Rückkehr nach Goirée“ ist kein
Musikvideo – auch wenn sich der Film um die Musik dreht und die Musik
stets präsent bleibt. Schon die Intro erinnert an das Leid der Sklaven,
ohne dass N´Dour den Zeigefinger hebt. „Rückkehr nach Goirée“ ist auch
keine bittere Abrechnung mit der Sklaverei, auch wenn der Sänger am Ende
dem Kurator des „Hauses der Sklaverei“ auf der Insel, Joseph Ndiaye,
dafür dankt, dass er wie vielen anderen zuvor, „die Wahrheit über viele
Dinge erzählt“ habe. „Rückkehr nach Goirée“ ist eine fröhliche Rückkehr
mit Musikern, die N´Dour bei seinen Stationen in Atlanta, New Orleans,
New York, Genf und Luxemburg eingesammelt hat. Der Kulturbotschafter
gewährt in diesem „Road-Movie ebenso Einblicke in die Historie der
Sklaverei wie in die faszinierende Welt des Jazz heißt es im PR-Text
treffend. N´Dour ist ein Griot, ein Erzähler, der in seinen Songs im
Sinne einer „oral history“ Traditionen weiterreicht.
Borgeaud ist es gelungen, eine an sich nüchterne Dokumentation mit
ergreifenden und rührenden Szenen lebendig werden lassen. Eine der
aufregenden Begegnungen ist die mit Amiri Baraka, der unter seinem
früheren Namen LeRoy Jones mit „Blues People“, die Musik der Schwarzen
im weißen Amerika, eine ebenso provozierendes wie lehrreiches Buch
geschrieben hat.
Authentizität gewinnt der Film durch das einfache Abfilmen bei
Außenaufnahmen, die Intimität der Drehorte bei Freunden, in Kneipen und
Studios., durch die Arbeitsatmosphäre, der Vorrang vor der Aufnahme
vollständiger Songs eingeräumt wird, sowie durch die Unbekümmertheit und
Natürlichkeit der Darsteller. Borgeaud hat dabei ganz bewusst auf
technischen Aufwand verzichtet.
Der DVD ist ein Plakat der Titel-Illustration beigefügt. Ein dünnes
Booklet mit den Künstlernamen und Reisestationen wäre nützlicher
gewesen. Man müsste nicht auf den flüchtigen Abspann warten oder immer
wieder im Film die Pausetaste drücken.
Klaus Mümpfer
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Kai
Schumacher spielt Frederic Rzewski
„The people united will never be defeated“
Wergo WER 6730 2
Es ist eine politische Proklamation: „The people united will never be
defeated“. Der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski ist
ein leidenschaftlicher Verfechter einer politischen Ästhetik. Kein
Wunder also, dass er das chilenische Protestlied „El pueblos unido jemás
será vencido“ in seinem Klavierwerk aufgegriffen hat, um die politische
Botschaft mit geradezu altmeisterlicher Vollendung in Thema und
Variationen zu verstärken.
Wenn auch der Einspielung mit dem jungen Pianisten Kai Schumacher das
Original fehlt, das dieser in seinen Konzerten einführend einspielen
lässt, so ist doch zu erkennen, dass Rzewski bei aller Freiheit nahe an
der metrischen und harmonischen Struktur des Originals bleibt. In den in
sechs Blöcken mit jeweils sechs Variationen taucht das Thea immer wider
auf, entwickelt der Komponist jedoch eine Vielfalt an Ausprägungen
höchster pianistischer Komplexität und gleichzeitiger Sensibilität, so
dass es besonderer Virtuosität bedarf, dem Anspruch Rzewskis gerecht zu
werden.
Kai Schumacher gelingt dies mit Bravour. Er pendelt mit bewundernswertem
Gespür zwischen verklärten Melodien und wuchtigen Akkordexplosionen,
tastet suchend nach Single-Notes, um dann wiederum in einen rasenden
Lauf zu verfallen. In den „Variationen 4“ nimmt Schumacher die Dynamik
bis fast zur Unhörbarkeit zurück, schließt einen perlenden Lauf an,
lässt das Piano in den „Variationen 6“ ausgeprägt swingen und erinnert
in zarten Melodiebögen an die folkloristischen Wurzeln, bevor er wieder
zu einem geradezu aus der Klassik entnommenen Lauf ansetzt. In den
folgenden „Variationen 5“ zeigt sich Schumacher als ein flinkfingriger
Läufer in den höchsten Lagen des Flügels, um dann plötzlich
innezuhalten, um mit zarten, sparsam gesetzten Noten und Akkorden das
Thema im Marschrhythmus kraftvoll drängend aufzubauen.
Es mag dem Pianisten zugute kommen, dass er mit Jazz und Rockmusik
Erfahrungen gesammelt hat. So spürt der Zuhörer auf der CD – wenn auch
nicht so intensiv wie in den Konzerten – dass Schumacher die Freiräume
des riesigen Klavierwerkes auszuschöpfen vermag und weit mehr als nur
reproduziert.
Klaus Mümpfer
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Vandermark,
Nagl, Thomas, Reisinger
c.o.d.e.
crack 062008020
„Free Jazz“ ist der Titel eines Stückes, das wie die anderen der CD
„c.o.d.e.“ Erinnerungen an die Geburt des freien Jazz Anfang der 60er
Jahre weckt. Ken Vandermarks Bassklarinetten-Spiel nähert sich den
Akkord-Stakkati des 1964 gestorbenen Eric Dolphy, Max Nagls Altsaxophon
den Eruptionen Ornette Colemans. Vor dem pulsierenden Schlagzeug von
Wolfgang Reisinger und einem variablen, teil verfremdet gestrichenen
Bass des Australiers Clayton Thomas umspielen die beiden Blasinstrumente
einander, duellieren sich, explodieren überblasen oder vibrieren in
anscheinend sanften Soli. Soundfetzen vernetzten sich in freien Passagen
folgen swingenden, mehrstimmigen Duos, die der Bassist mit sparsamen
Akkordeinwürfen unterlegt und die Reisinger mit „pulse“ akzentuiert.
„c.o.d.e.“ ist ein Tribut an zwei Zentralgestirne der Jazzgeschichte: an
Ornette Coleman und Eric Dolphy, die beide die stilbildende Einspielung
„Free Jazz“ aus dem Jahr 1960 mit geprägt haben. Von Anarchie und Chaos,
die damals mit dem Begriff Free Jazz verbunden waren, kann bei
„c.o.d.e.“ nicht die Rede sein. Von Freiheit und Subjektivität dagegen
viel. Einige Soli, wie das des Bassisten in „something sweet, something
tender“ wirken geradezu klassisch, die mehrstimmigen Duos der Bläser wie
in „miss ann“ klingen sehr
Die schnellen, explosiven und ungebundenen sowie die sanften
kammermusikalischen Interaktionen belegen, dass das Quartett mitreißend
aufregenden freien Jazz spielen kann, indem es den Free Jazz von damals
dialektisch bewahrt, überwindet und auf eine neue Stufe hebt – siehe
„researching has no limits“, dessen Interpretation allein schon den Kauf
dieser CD lohnt. Nagl, Vandermark, Reisinger und Thomas werden den
Kompositionen, die alle von Coleman und Dolphy stammen, überzeugend
gerecht.
Klaus Mümpfer
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Frank
Sackenheim Quintett
Eurotrash
Laika Records, Kat.Nr. 3510254.2
Als „Eurotrash“ werden aus amerikanischer Sicht abfällig europäische
Musik-Produktionen wie Eurodance oder Eurodisco bezeichnet. Warum sollte
nicht auch europäischer Jazz nach Meinung einiger US-Jazzer Abfall sein.
Der deutsche Saxophonist und Klarinettist Frank Sackenheim stellte sich
dieser Herausforderung augenzwinkernd und ironisierend mit einer
Einspielung, die eine solche abwertende Einstufung Lügen straft.
Zwar in der Mainstream-Tradition des Bebop verwurzelt, aber doch oft die
Grenzen fließend erweiternd, bürgt Sackenheim mit seinem eingespielten
Quintett für ein weites Spektrum von melancholischen, weit schwingenden
Saxophonlinien bis zu nervös pulsierenden, schnellen Läufen.
Faszinierend sind vor allem aber seine teils pastellartigen Klangbilder,
die zweistimmigen und Unisono-Soundflächen, die er mit Saxophonen oder
Bassklarinette im Duo mit Matthias Bergmann am Flügelhorn malt. „Day
One“ ist ein Beispiel für diesen Personalstil eines modernen Mainstreams
jenseits aller Klischees.
Eine lyrische Single-Note-Intro auf dem Piano, impressionistische Sounds
über dem gestrichenen Bass von Christoph Devisscher, dann nervöse
Bläserläufe vor dem pulsierenden Schlagzeug Jens Düppes stehen für
musikalische Vielfalt. Lars Duppler an Piano und Fender Rhodes sorgt für
melodische Soli ebenso wie im Titelstück für kratzenden Trash. Ein
ausgeprägt ästhetisches Saxophon-Solo erbaut „Touch her soft lips...“.
Ebenso mit Streichern und sinfonischem Touch sowie tänzerischer
Leichtigkeit hat danach Dupplers Komposition „Mezzanine“ wenig mit dem
gleichnamigen, düster wirkenden Hip-Hop-Klassiker der Gruppe „Massive
Attack“ zu tun. Da höre ich doch lieber Eurotrash.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
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Florian
Poser Vibes Trio plus Cezary Paciorek
Celestial Encounter
Acoustic Music Records Best.Nr.
319.1412.2
Die Liebe des deutschen Vibraphonisten Florian Poser zur
lateinamerikanischen Musik ist seit vielen Jahren ungebrochen. Nach dem
Erfolg mit „Brazilian Experience“ schien es unvermeidlich, dass jemand
auf die Idee kam, Poser mit einem Akkordeonisten zu verbandeln.
Verwunderlich ist es eher, dass der Vibraphonist nach eigenen Worten
erst durch Christian Schröder, den Veranstalter der Konzertreihe „Jazz
im Himmelreich“ zu dieser musikalischen Kombination angeregt werden
musste.
Der junge, aus Danzig stammende Pole Cezary Paciorek ist zwar kein
Südamerikaner, doch sein Spiel auf dem Akkordeon ist durch und durch
latingetränkt. In der seltenen Kombination von Vibraphon und Akkordeon
entsteht so in swingender und beschwingten Mainstream aus Jazz und
Latin, der zwischen virtuosen, rasenden Läufen und sensiblen, beseelten
Balladen auf den beiden Hauptinstrumenten pendelt.
Neben Poser und Paciorek sind am Bass Oliver Karstens und am Schlagzeug
Thomas Hempel zu hören. In der Abmischung des Live-Mitschnitts aus
Münster im März vergangenen Jahres stört mich allein das zu aufdringlich
im Vordergrund stehende Schlagzeug. Da werden die kurzen nahezu
perfekten Unisono- und mehrstimmigen Passagen von Akkordeon und
Vibraphon zu leicht dominiert. Reiner Wohlklang ist das sanfte und
getragene Titelstück am Ende des Konzertes – ein Duett, das eines
Himmelreichs würdig ist.
Klaus Mümpfer
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Fraucontrabass
Saal 3
Klangraum KRR 046
Duos sind mit ihrer sensiblen Kommunikation besonders anfällig für
jeglich Form des musikalischen Missverständnisses. Es bedarf also
besonderer Einfühlsamkeit, um bestehen zu können. Eine weibliche Stimme
und ein männlicher Kontrabass (so die Promotion) verdienen in dieser
Kombination wegen ihrer Alleinstellung besondere Aufmerksamkeit. Das Duo
„Frau Contra Bass“ hat diese Beachtung verdient.
Katharina Debus und Hanns Höhn durchforsten die Songwelt des Jazz, Soul
und Pop und interpretieren die Kompositionen in neuer, mit
Überraschungen durchsetzter Form. Virtuos moduliert die Sängerin ihre
helle und klare Kopfstimme. Sie setzt sie instrumental ein wie in „Too
high“ oder mit sanftem Balladenton wie im nachfolgenden „Shake off“. Sie
kann aber auch „schmutzig rau“ wie in „Joker“ intonieren oder gar
näselnd sirren. Hanns Höhn ist ihr in all diesen Experimenten ein
einfühlsamer Duo-Partner, der seinen Bass mal swingend gradlinig
marschieren lässt oder mit sparsamen Akkorden wie in „Take me home“
sowie mit harmonischen Wendungen und Verzierungen die Melodielinien
variiert. Die Intro zu „As if you read my mind“ steht für dieses Können
ebenso wie das Solo in „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ – ein Lied,
das dank der Emotionalität und Ausdruckskraft der Sängerin hervorzuheben
ist . Das Duo bringt, wie Höhn zu Recht sagt, die anderen Seiten der
Songs zum Funkeln.
Klaus Mümpfer
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the
norwegian wind ensemble (Leitung: Maria Schneider, Solist: Arve
Henriksen)
Sketches of Spain / one night at he opera
Norwind records 2009 (DVD)
Im ersten Moment mag es verwegen anmuten, sich als Trompeter der
„Sketches of Spain“ anzunehmen, da jeder Jazzfan die Aufnahme mit Miles
Davis und dem Orchester von Gil Evans von 1959/1960 für immer im Ohr
hat. Doch es verbietet sich, Miles Davis mit dem 1968 geborenen
Trompeter Arve Henriksen zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind die
Personalstile. Zudem haben sich Zeit und Musikauffassung fortentwickelt.
Henriksen bläst seine Soli brüchiger, zärtlicher, heiserer, ja
emotionaler als der legendäre coole Miles. Im direkten Vergleich spricht
mich die Interpretation des Norwegers stärker an.
Die zweifache Grammy-Gewinnerin Maria Schneider leitet „the norwegian
wind ensemble“, eigentlich ein Klassik-Orchester mit vorzüglichen
Edvard-Grieg-Einspielungen, mit sicherer Hand und lässt ihm so weit die
Zügel, dass es den höchst komplizierten und dennoch fließenden
Evans-Arrangements neue Facetten hinzufügen kann. Wie Henriksen, unter
anderem Mitglied der international renommierten Gruppe Supersilent,
Erfahrungen im freien Spiel und der Avantgarde sammelte, arbeitete das
Norwegian Wind Ensemble bereits mit Jazzern wie Bobby McFerrin und Nils
Landgren zusammen.
Der
DVD-Mitschnitt vom Konzert anlässlich des Jazzfestivals in Oslo ist
aufnahmetechnisch akustisch im Multistereo-Sound einwandfrei, stößt aber
bei der Kameraführung an Grenzen, wenn ein Solist so stark vor dem
Orchester hervorgehoben werden muss. Kurzweiliger ist sie bei der
fünfminütigen Spontan-Improvisation Arve Henriksens, bei der die
kreative Potenz dieses Musikers übrigens stärker noch als bei den
vorhergehenden „Sketches“ zu faszinieren vermag. Ergänzt wird diese
uneingeschränkt empfehlenswerte Aufzeichnung durch ein Interview mit
Maria Schneider vom 13. April 2008 in New Nork, in dem sie unter anderem
erzählt, wie sie von dem Gesang der Vögel im Central Park inspiriert
wird.
Klaus Mümpfer
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Phoenix
Foundation & Lars Reichow:
„Lachst Du noch oder swingst Du schon“
Kontakt und Bestellung:
www.larsreichow.de,
www.phoenixfoundation.de
Der Big Band Sound ist kompakt und rund, der Bläsersatz druckvoll und
zupackend, die Rhythmusgruppe legt ein swingendes und stützendes
Fundament. Wer „Funky Sea, Funky Dew“, „High Maintenance“, „Ellingtons
„C-Jam Blues“ oder gar Parkers „Au Privave“ hört, wird nicht vermuten,
dass da ein Jugendjazzorchester spielt. Die „Phoenix Foundation“ hat
unter der Leitung des Komponisten, Arrangeurs und Trompeters Frank
Reichert einen Reifegrad erreicht, der Bewunderung abfordert.
Auf der neuen CD, die das Jugendjazzorchester Rheinland-Pfalz gemeinsam
mit dem „Klaviator“ unter dem Titel „Lachst Du noch oder swingst Du
schon“ eingespielt hat, lässt die rhetorische Frage des Pianisten und
Kabarettisten Lars Reichow nur eine Antwort zu: Beides ist in dieser
Kombination selbstverständlich. Coole und lässige Unterhaltung
verspricht der Covertext dieses Live-Mitschnitts aus Mainz völlig zu
Recht.
Die Zwischenmoderationen Reichows sind gespickt mit hintergründiger
Ironie. Die Mitglieder der Bigband bestechen mit ausgereiften und
technisch tadellosen Soli. Das gilt für die High-Note-Ausflüge der
Trompeter ebenso wie für die groovenden Läufe der Bassisten und
Gitarristen – oder das Piano-Solo in Parkers „Privave“. Die routinierte
Satzarbeit lässt keine Mängel im „time“-Spiel erkennen. Es ist wohl auch
der Spielfreude zu verdanken, dass die komplexen und teils schwierigen
Arrangements so leicht klingen. Mit seinem optimistischen Vokalstück
„Glücklich in Deutschland“ aus der eigenen Feder beschließt Lars Reichow
diese uneingeschränkt empfehlenswerte Einspielung.
Klaus Mümpfer
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Ron Carter
Jazz & Bossa
Blue Note Records 50999-2-28104-27
Mit 71 Jahren blickt auch ein Jazz-Gigant offensichtlich gerne zurück.
Nachdem der Bassist Ron Carter seinen früheren Bandleader Miles Davis
mit einem auserwählten Programm und einer glanzvollen Tournee gewürdigt
hat, ist Carter im Sommer 2009 mit einem Rückblick auf seine
Zusammenarbeit mit Antonio Carlos Jobim und einem Bossa-Nova-Repertoire
auf Reisen. Vorab hat der Senior am Kontrabass eine CD „Jazz & Bossa“
eingespielt, auf der er alte Bekannte versammelt. Mit von der Partie
sind neben dem in vielen Stücken klangdominanten Tenorsaxophonisten
Javon Jackson, dem Perkussionisten Rolando Morales-Matos und dem
Pianisten Stephen Scott der famose Drummer Portinho und der virtuose
brasilianische Gitarrist Guilherme Monteiro.
Unbeschwert und virtuos swingt das Ensemble in den tänzerischen
Latin-Rhythmen, belebt Klassiker wie Jobims „Chega de saudade“ und
„Wave“, aber auch frühere Kompositionen Carters wie „De Samba“ und „Ah
Rio“ mit neuem Feuer.
Hinzu kommt eine Besonderheit, die das Album aus der Reihe von Bossa
Nova-Einspielungen zum 50. Jahrestag des Durchbruchs dieser Musik
hervorhebt: Es sei das Konzept dieser CD, von einer größeren Gruppe und
einem vollen Sound – des Sextetts in „Salt Song“ zu immer kleineren
Besetzungen zu kommen, um schließlich mit einem Solo-Spiel des
Gitarristen Monteiro in „Saudade“ zu enden, schreibt Carter im Booklet.
In diesem Reigen genießt der Hörer faszinierenden Dialoge zwischen dem
Bassisten und dem Gitarristen, Ruf-Antwort-Spiele von Jackson und Scott
sowie beseelte Ausflüge Carters auf den Saiten seines singenden
Kontrabasses.
Die CD „Jazz & Bossa“ ist eine Preziose der zeitlosen und ästhetischen
Verbindung von brasilianischer Folklore und inzwischen klassischem Jazz
- ein wahrer Hörgenuss.
Klaus Mümpfer
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Thomas
Siffling Trio
Cruisen
Jazz`n`Arts /
Soulfood JnA 4109
Eigentlich ist es müßig, über den Trompeter Thomas Siffling und seine
Musik viele Worte zu verlieren. Sein warmer, melodiöser und beseelter
Ton prägt die Interaktionen des bewährten Trios mit dem Bassisten Jens
Loh und dem Schlagzeuger Markus Faller auch dann, wenn er den Partnern
viel Freiraum lässt. Ein Genuss sind unter anderem die harmonisch
erfindungsreichen Bass-Soli. Auf seinem zweiten Konzeptalbum mit dem
Titel „Cruisen“ hat Siffling zusätzlich Xaver Fischer mit seiner
Wurlitzer und die Sängerin Veronica Harcsa eingeladen. Im Titelstück
verstärkt das Wurlitzer Keyboard mit perlenden Klängen den relaxten
Sound, der die gesamte Einspielung prägt. Und „One hand clapping“ verrät
deutlich, wie stark der frühe Miles Davis den jungen Trompeter aus der
Rhein-Neckar-Region beeinflusst hat.
„Cruisen“ wird erneut als Konzeptalbum angepriesen. Im Booklet empfiehlt
der bekennende Sportwagen-Fan Siffling neun romantische und
gourmet-gerechte Autorouten in Deutschland und den europäischen
Nachbarländen. Wenn auch musikalisch das Konzept etwas bemüht erscheint,
so kann man sich durchaus vorstellen, bei dieser loungigen und
groovenden Musik, die dem Pop nahesteht, ohne jedoch die Jazz-Wurzeln
außer Acht zu lassen, im offenen Cabrio die Routen abzufahren. So
entspannend fließen die Klänge dahin. Die dunkle und erotische Stimme
der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa steht dabei in reizvollem
Kontrast zu den meist hellen und transparenten Trompetentönen des
Bandleaders. Siffling ist es auch mit diesem Album gelungen, leicht
verdauliche und marktorientierte Musik zu machen, ohne am hohen
künstlerischen Niveau Abstriche zuzulassen
Klaus Mümpfer
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S:U:M
f-l-o-w
Vertrieb:
allofjazz.com
Die einleitenden, zugespielten 17 Sekunden „Switch on the Coffee-Machine“
sind eher ein Gag als ein musikalischer Beitrag dieser im Mainstream
schwimmenden Mixtur aus Jazz, Pop, Rock und Lounge-Sounds. Die Musik ist
gefällig und fließt – wenn auch über einige wirbelnde Stromschnellen.
Pianist und Produzent Sigi Dresen zeigt sich versiert in meditativen
Single-Notes ebenso wie in sperrigen Akkordläufen etwa in
„Mysteriums-Abteilung“, Bassist Arnd Geisen reißt die Saiten
knochentrocken und spielt den E-Bass flink in melodischen Läufen wie
eine Gitarre, während Niels-Henrik Heinsohn das Drum-Set pulsieren
lässt. Die Stücke leben von dynamisch gestuften Spannungsbögen mit
magisch wirkenden Ostinati, von gefühlvollen, anheimelnden Passagen wie
in „Feel“. „f-l-o-w“ ist alles in allem eine Einspielung, die keine
Überraschungen bereit hält, wobei Dresens Kompositionen „Glowing Cave“
und „Circles“ stärker in der Tradition verwurzelt sind als die
Bearbeitungen fremder Stück. Dennoch vermögen sie dank der
interpretatorischen Kreativität der Musiker alle mitzureißen, werden in
den Soli ebenso wie im sicheren und sensiblen Zusammenspiel dreier
gleichberechtigter Partner dem Anspruch der „Triokratie“ gerecht.
Klaus Mümpfer
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Chet Baker /
Wolfgang Lackerschmid
Artists Favor
Hipjazz 004
Wie unaufgeregt spannend Jazz auch nach gut drei Jahrzehnten klingen
kann, belegen die Aufnahmen aus der Zusammenarbeit des damals 50 und
fast 60-jährigen Trompeters Chet Baker mit dem beim ersten Treffen noch
jungen, gerade mal 23-jährigen, deutschen Vibraphonisten Wolfgang
Lackerschmid. Die Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1979 und
1987 dokumentieren eine musikalische Seelenverwandtschaft der so
ungleichen Musiker. Auf der einen Seite der typische fragile
lyrisch-melancholische Ton des Trompetenspiels, auf der anderen der
filigrane, gläserne und transparente Klang des Vibraphons. So entsteht
eine Musik von zeitloser Ästhetik, relaxed, beseelt und stimmungsvoll.
Sie vereint intellektuelle Logik und emotionale Tiefe.
Wie groß Vertrauen und Respekt des Älteren in die Interaktionen des
Jüngeren waren, belegt die Auswahl der Kompositionen, die bis auf zwei –
darunter natürlich eine Version von „Softly, as in the morning sunrise“
– aus der Feder Lackerschmids stammen, „Dessert“ ist sogar eine
Gemeinschaftsarbeit von Baker und Lackerschmid.
Bei den Aufnahmen vom August 1987 sind neben anderen auch die Bassisten
Günter Lenz und Rocky Knauer, bei einer Einspielung von 1979 der
Gitarrist Larry Coryell, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Tony
Williams zu hören. Die weiteren Aufnahmen aus diesem Jahr bestreiten der
Trompeter und der Vibraphonist in leisen und traumhaft schönen,
melodischen Duos, die die Seele einspinnen. „You don´t know what love is“
war eine spontane Aktion für den Soundcheck und erschien den Musikern so
gelungen, dass es für die Veröffentlichung behalten wurde. Es waren, so
Lackerschmid, die ersten Noten, die die beiden Musiker zusammen
spielten. Ein Glück, dass es nicht dabei diesem Versuch geblieben ist.
Klaus Mümpfer
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Meric
Yurdatapan
The Great Turkish Songbook
housemaster records LC 05699
Meric Yurdatapan, die bereits mit der Gruppe Mericimsi türkische Musik
und Jazz auf originelle Weise verknüpfte, ist konsequent einen Schritt
weiter gegangen: Auf ihrem zweiten Album interpretiert sie seelenvoll
und inspiriert die klassische türkische Musik, die auf alte osmanische
Hofmusik zurückgeht und verleiht ihr mit jazzigem Akkordgefüge sowie
Rhythmik Tiefe und Fülle, die die Lieder von der Einstimmigkeit der
osmanischen Kunstmusik befreien. So umranken sich der typische, etwas
schwermütig wirkende Gesang mit seinen koloraturähnlichen,
melismatischen Passagen und den wie Schleiftöne wirkenden
Minimalintervallen in der orientalischen Tonleiter sowie die jazzige
Instrumentalisierung mit einem perlenden Piano von Ulrich Bareiss, den
fesselnden, harmonisch reizvollen Basslinien von Florian Werther und dem
swingenden Schlagzeug von Axel Pape. Dass in der osmanischen Klassik
unter anderem neben arabischen auch jüdische Einflüsse verarbeitet
wurden, belegt die Komposition „Ben gamli hazan“. Viele der
traditionellen und zu neuem Leben erweckten Kompositionen sind
bittersüße oder sehnsuchtsvolle Lieder von der Liebe zu Personen oder
etwa zu dem Istanbuler Stadtteil Kalamis. (Alle Liedtexte sind im
Begleitheft im türkische und englischer Sprache nachzulesen.)
„The Great Turkish Songbook“, so der Titel der neuen CD, ist für die in
Wiesbaden lebende und in Istanbul aufgewachsene Türkin eine Zeitreise in
ihre Jugend, in der sie den Gesängen ihrer Großmütter lauschen durfte.
Diese Musik sei, wie Meric Yurdapan sagt, „die Heimat meines Herzens“.
Das hört man jedem Wort, jeder Silbe, an, die sie mit klarer und
ausdrucksreicher Kopfstimme vorträgt. Dass die Sängerin die
komplizierten Strukturen der Melodiebildung „makam“ und komplexer
Rhythmik „usul“ vereinfacht, macht die Musik trotz der exotischen
Klangfarben und Stimmungen für das westliche Ohr eingängig. Türkische
Vokal-Klassik und Instrumental-Jazz verbinden sich auf faszinierende
Weise, ohne dass eine der Seiten ihren Charakter aufgeben muss.
The Great Turkish Songbook“ ist kein World-Jazz im herkömmlichen Sinn,
sondern eine völlig eigenständige Musikausprägung, die von Mal zu Mal
mehr gefangen nimmt.
Klaus Mümpfer
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Ditzner
Lömsch Duo
Schwoine
fixcel records 001
Lehmann + Ditzner
Klingeltöne
fixcel records 000
Eigentlich fängt es ganz harmlos an: Ein fein swingendes kleines
Schlagzeug, eine melodisch klingende Klarinette – so richtig anheimelnd,
auch wenn das Instrument zwischendurch leicht überblasen wird. „Up from
the skies“, jene Nummer von Jimi Hendrix, eröffnet die CD „Schwoine“ des
Duos Erwin Ditzner und Bernd Lömsch Lehmann. Ein sanfter Ausklang.
Doch anschließend geht es zur Sache. Das Saxophon attackiert, das
Schlagzeug setzt akzentuiert den Beat. „Die Maske“ so auch der Titel,
wird gelüftet. Lömsch Lehmann lässt das Instrument aufschreien, während
der Rhythmus noch stupend durchläuft. In „Nguruwe“ ist die Maske dann
endgültig gefallen. Der Saxophonist malträtiert das Bariton, gurgelt,
kreischt, stöhnt, schnattert und seufzt in aggressiven Stakkatoläufen.
Ditzner setzt mit einem pulsierenden Drumspiel die Basis, auf der
Lehmann sich in Free-Explosionen austobt – paradoxerweise kontrolliert
und strukturiert – so wie man es etwa von Peter Brötzmann kennt.
Freier-Jazz ja – reiner Free-Jazz wie ihn Musiker in den 60er Jahren mit
der Negierung aller harmonischer und rhythmischer Bindungen gemeint
haben, ist dies dennoch nicht.
Die Musik des Duos ist auf faszinierende Weise doppelbödig: Treibender
Groove und raffinierte Melodiebearbeitungen wie in „In A Gadda Da Vida“
oder „Leon P.“ sind Belege für einen souveränen Umgang mit der freien
Improvisation und deren Einbindung in ein dialektisch geformtes Konzept
der dreifachen Aufhebung: Aufheben im Sinn der Auflösung überholter
Bindungen bei gleichzeitigem Bewahren von Bewährten und Aufheben des so
Gewonnen auf eine neue künstlerische Ebene.
Noch ausgeprägter ist dieses Konzept auf der CD „Klingeltöne“ mit seinen
erbaulichen und skurrilen Kurzmusikstücken. Nur jeweils wenige Takte
lang schnattern Saxophon und Klarinette, rhythmisiert Ditzner die
unterschiedlichsten Percussionsinstrumente. Zitate zwischen Neuem – ob
der Hörer der Empfehlung folgt und mit diesen Improvisationskürzeln als
Klingeltöne auf dem Handy die Welt beglückt, darf bei allem Witz und
Reiz dennoch bezweifelt werden.
Klaus Mümpfer
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Community
What´s your dream
Trion, LC 06878
Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Ökonomie. Er setzt selbst in
schnellen kruzen Stakkatoläufen auf dem Flügel keinen Ton zu viel, ist
immer ein nachdenklicher Spieler gewesen. Auch in dem neuen Quartett
„Community“ pflegt er diese Tugend. Ob im Duo mir dem mal sensiblen, mal
expressiven Trompeter Valentin Garvie (er bläst in Degens „Suite“ die im
Jazz selten eingesetzte hohe Bachtrompete) oder mit dem harmonisch
wendungsreichen und nie um Einfälle verlegenen Bassisten Ralf Cetto, mit
seinen locker perlenden Klaviereinlassungen drängt sich Degen nie in den
Vordergrund. In seiner Suite überschreitet der Pianist im Zwiegespräch
mit dem pulsierenden Schlagzeuger Uli Schiffelholz (auch im
absschließenden „Upstart 2“ die Grenze zu rhythmisch und harmonisch
freieren Jazzläufen, um im anschließenden „Herbstwind“ nach einer eher
lyrischen Passage vehement drivend mit Garvie zu swingen. „Universal
Language“ wiederum belegt, dass Degen und Garvie im Bebop verwurzelt
sind und Cetto zupft nach seinen begleitenden walking-Bass-Linien eines
jener melodischen Soli, die von ästhetischem Feingefühl zeugen. Ähnlich
melodische Ambitionen beweist Uli Schiffelholz beim Titel gebenden
„What´s your Dream“ in einem Solo mit einem sorgfältig abgestimmten
Drumset, bevor die Komposition mit einem sanft verwehenden
Trompetenspiel ausklingt. Die CD des Quartetts mit dem älteren Bob Degen
und seinen jungen Mitmusikern wird dem Gruppennamen gerecht. Dies ist
eine Einheit gleichberechtigter Partner, famos aufeinander eingestimmt,
jeder mit eigener Persönlichkeit und dennoch in kollektiven Spirit
aufgehend. Die Musik bewegt sich zwischen Bebop bis Free, über das
spanisch-inspirierte „Eso es“ in pulsierender Rhythmik bis zu sanfte
Balladen wie „Für E.S.“ und fesselt vom ersten bis zum letzten Ton.
Klaus Mümpfer
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Annedore
Wienert / Peter Wegele
Necessarily Two
Fluxx, LC10214
Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt
interpretiert auch die Oboistin Annedore Weinert die Wegele-Komposition
„Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den
Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte
tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo
arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den
Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue
Klangfarben ins Spiel.
Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George
Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles
fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch
beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen,
manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn.
Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It
Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten
durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante
Klangfarben.
Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen
von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der
Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer
Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht
gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht
damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der
in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen
Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet.
„Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche.
Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist
aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes
Hörerlebnis.
Klaus Mümpfer
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Charles
Davis & Captured Moments
Pathways
TSEE 408-0025
Die Flöte flirrt in „Blues for Saliba“, das der australische und am
Bodensee lebende Flötist Charles Davis dem libanesischen Maler Saliba
Douaihy gewidmet hat. Mal überblasen, mal in einem langen Lauf geradeaus
voraneilend, treibt Davis den straight marschierenden Kontrabass, auf
dem Steffen Hollenweger zwischendurch ein kurzes und harmonisch
ausgefeiltes Solo vorlegt, sowie die perlenden Linien der Gitarre von
Sven Götz in diesem Up-Tempo-Stück voran. Gleich darauf greift Davis zur
Kontrabassflöte, ein Instrument, das eher percussiv, denn als
Melodieinstrument eingesetzt wird, um mit überblasenen Harmonien,
pfeifenden Lauten und Schleiftönen sowie in grummelndem Bass in
„Flendrix“ dem Gitarristen Jimi Hendrix die Ehre zu erweisen. Im
Allgemeinen jedoch herrscht auf der CD „Pathways“ kammermusikalische und
getragene Stimmung vor – sanfte Lyrik und melodische Verspieltheit.
Charles Davis´ Vorliebe für indische Klassik sowie Balkan-Folklore ist
in den Einspielungen der Gruppe „Enchala“ ebenso unüberhörbar und
bestimmend wie in dieser neuen Aufnahme seines Trios „Captured Moments“.
„Almost a Raga“ steht für die eine Ausrichtung, „Balkan Dance“ für die
andere. Die Flötentöne verschmelzen mit der Gitarre, auf der Götz
die in „El Sheik“ Flamenco-Adaptionen mit arabischen Einflüssen
anreichert. Davis bläst die Flöten zwar meist in ruhigen und
langgezogenen Melodiebögen, setzt die Instrumente aber auch oftmals
percussiv akzentuierend ein. Das Fundament liefert mit einer fast zu
starken Zurückhaltung der Bass.
Das Spiel des Flötisten ist ebenso unverwechselbar wie seine
Kompositionen, die trotz der musikalischen Kontinuität über viele Jahre
hinweg, immer wieder gefangen nehmen.
Klaus Mümpfer
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Andreas
Hertel Quintett
My Kind of Beauty
Klangraum Records KRR 036
Andreas Hertel ist kein Revolutionär., doch man sollte seine
konventionell anmutenden Kompositionen nicht unterschätzen. Beim
genaueren Hinhören entdeckt der Zuhörer geschickt verarbeitete
Erfahrungen des freien Spiels, die vor allem in den Soli und Tutti mit
dem Bläser Steffen Weber am Saxophon und in den attackierenden
Bop-Läufen des Trompeters Heiko Hubmann, aber auch in n Kollktiven wie
in „Hallo Kind“ mitklingen. Zudem gelingt es dem Komponisten und den
Musikern im Unisono- sowie im mehrstimmigen Spiel reizvolle Klangfarben
zu zaubern, beeindruckend etwa in „Wellen“. Die Stücke pendeln zwischen
Straight-Ahead-Up-Tempo und verspielten, langsamen Balladen- so dem
Jazzwalzer „Snow Day“. Ein beseeltes Duo zwischen sparsamen
Pianoeinwürfen und dem harmonisch reizvollen Solo des Bassisten Florian
Werther wird abgelöst durch ein klangfarblich ansprechendes Solo des
Saxophonisten Weber, der dann in ein einander umspielendes Duo mit
Hubmann eintritt. Axel Pape liefert zu all diesen Stücken eine
unaufdringliche, aber stützende Percussionsbasis. So klingt moderner und
zugleich zeitloser Jazz mit Aussagekraft und Tiefgang.
Klaus Mümpfer
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Jürgen
Wölfer
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
Hannibal Verlag 2008
ISBN 978-3-85445-274-4
Das Lexikon „Jazz in Deutschland“ ist ein wahrhaft gewichtiges Werke. Es
enthält auf einer nicht angegebenen Seitenzahl immerhin 1 675 Einträge
von Michael Abene bis Walter Zwingemann, auch wenn das Versprechen des
Verlages, alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute zu nennen,
nicht eingehalten werden kann. So fehlen — um nur zwei Beispiele zu
nennen - der aus Mainz kommende und mit dem Henessey-Jazzpreis
ausgezeichnete Bassist Christian von Kaphengst oder der Mannheimer
Jazzpreisträger Steffen Weber, dafür werden recht neue Stars wie der
Trompeter Nils Wülker oder eher regional bekannte Jazztalente wie der
Posaunist Christoph Thewes vorgestellt. Die Zahl der professionellen
Musiker und Musikerinnen ist in den zurückliegenden Jahrzehnten
beträchtlich angewachsen — gefördert durch die Einrichtung von
Jazz-Studiengängen oder Hochschulen, so dass es in der Tat unmöglich
ist, alle Jazzer und mit der Jazzszene befassten Personen in Deutschland
nennen zu.
Autor Jürgen Wölfer, der seit mehr als 20 Jahren in der
Schallplattenbranche arbeitet hat eine immense Fleißarbeit geleistet. Er
ist bescheidener als der Verlag, wenn er von einem Versuch spricht, den
Jazz in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart in Lexikonform
darzustellen. Dabei hat er gerade bei der sorgfältigen Bearbeitung der
Jazzmusik in der früheren DDR zahlreiche Lücken geschlossen.
Da es um die Darstellung dieser Musik in Deutschland und nicht um
deutsche Jazzer geht, haben eine Reihe ausländischer Musiker , die
zeitweise oder für immer in Deutschland spielten, Aufnahme in das Werk
gefunden. An erster Stelle sind der Saxophonist Charlie Mariano, der
Pianist Mal Waldron oder der Posaunist Eje Thelin zu nennen. Ebenfalls
im lexikalischen Teil führt Wölfer Plattenfirmen, Einrichtungen wie das
Darmstädter Jazz-Institut und dessen Leiter Wolfram Knauer,
Jazz-Kritiker und Autoren, Jazzfestivals wie das Berliner Jazzfest sowie
Veranstaltungsreihen wie „Jazz at the Philharmonic“ (JatP) auf.
Im Anhang ist eine chronologische Diskografie der Jazz-Einspielungen des
Labels Amiga von 1947 bis 1991 zu finden.
Die 29,90 Euro für diese umfangreiche Fundgrube für Sammler und
Historiker sind gut angelegtes Geld. Das Lexikon „Jazz in Deutschland“
aus dem Hannibal-Verlag sollte jeder Fan in seinem Bücherschrank stehen
haben.
Klaus Mümpfer
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Caroline
Wegener Acoustic Trio
Jazzscetches
Phonector LC 13752
So klingt Musik zum Träumen und Relaxen. Heiter, beschwingt,
leichtfüßig, perlend und immer ungeheuer swingend. Andererseits finden
sich ostinate, hymnische Passagen mit verschleppten Takten und sperrigen
Gegenläufigkeiten, die fast unumgänglich Assoziationen an Pianisten wie
Keith Jarrett wecken. Der Anschlag ist auch in kräftigeren Passagen
filigran und nuancenreich. Die Berliner Pianistin Caroline Wegener
pendelt zwischen Klassik und Jazz, wobei die Einspielungen mit dem
klassischen Jazztrio in der Besetzung Piano, Bass und Schlagzeug stark
in der mainstreamigen Jazztradition verwurzelt sind.
Serge Radke zupft seinen Bass straight und beweist in den Soli kreative
harmonische Raffinesse, Denis Stilke trommelt stets stützend, flexibel
und eher zurückhaltend. Caroline Wegeners Kompositionen – es sind acht
der elf auf der vorliegenden nicht mehr ganz taufrischen CD
„Jazzscetches“ – verraten, dass sie sich bei Debussy und Grieg ebenso
zuhause fühlt wie bei Gershwin und Jarrett.
In einigen Stücken singt die Pianistin mit einer einschmeichelnden,
manchmal brüchig klingenden Stimme – das klingt sehr ansprechend, doch
die reinen Instrumentalstücke faszinieren stärker. Wie gesagt, die
„Jazzscetches“ tragen ihren Namen zu Recht. Diese CD regt nicht auf (im
positiven Sinn), sondern an - eignet sich so ideal zum Entspannen. Infos
unter
www.caroline-wegener.de
Klaus Mümpfer
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Steffen
Weber Trio (feat. Norbert Scholly)
Lockstoff
Laika Records 3510239.2
„Lockstoff“ sei ein Mittel, Menschen dazu zu bringen, gute Musik zu
hören, sagt der Saxophonist Steffen Weber. „Lockstoff“ ist also
zwangsläufig der Opener seiner neuen gleichnamigen CD mit dem
Gitarristen Norbert Scholly, dem Bassisten Matthias Debus und dem
Schlagzeuger Axel Pape. Ein süffiger Sound mit intensivem, expressivem
und zugleich sensiblem Spiel auf dem Saxophon. Singbare Läufe auf dem
Blasinstrument, ein melodisch und gradlinig gezupfter Bass, ein eher
stützendes als treibendes Schlagzeug und eine den Sound abrundende
Gitarre prägen den Charakter. Mit anderen Worten, „Lockstoff“ erfüllt
seinen Zweck.
Der Hörer schwimmt im Post-Bop-Mainstream mit, erfreut sich an den
ausgefeilten Kompositionen, die alle aus der Feder des Jazzpreisträgers
stammen.
Im Verlaufe der neun Stücke entfalten sich lyrisch-verspielte Duos
zwischen Saxophon und Gitarre, hin und wider bricht Weber dann doch aus
dem Harmoniegerüst aus und rotzt ein aggressives Solo aus dem Rohr.
Scholly reiht wie in „Nachtschwärmer“ Noten wie Perlen in melodischen
Linien auf. Und der Youngster des Quartetts, der Schlagzeuger Axel Pape,
überrascht und überzeugt immer wieder mit einem flexiblen, stets den
Intentionen der Solisten gerecht werdenden Trommelspiel. Seine
Besenarbeit gleicht in der traumhaft schönen Ballade „Ahamay“ dem
Rauschen des Regens, vor dem sich ein sonores Saxophon mit warmem und
runden Ton mit den lyrischen, zurückhaltenden Singlenotelinien und dann
wieder verspielten Akkordeinwürfen der Gitarre vereint.
Die CD „Lockstoff“ besticht durch Reife, bruchloses Zusammenspiel,
Emotionalität und Spielfreude. Das ist Musik die erregt und zugleich zum
Relaxen einlädt, die vertraut klingt und dennoch zu überraschen vermag,
der Schönheit verpflichtet ist und dennoch immer wieder Ecken und Kanten
zeigt, wenn sie vor allem mit dem Saxophon und Gitarre wie in
„Interlude“ in expressives Spiel ausbricht.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer
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Hops, Radtke,
Reiserer, Schilde, Schneider
Carte Blanche
Radau Records 071125
Die CD ist direkt über folgende E-mail erhältlich:
carteblanche@freenet.de
Diese CD ist
ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit
gleichstellen darf. „Carte Blanche“ nennt die Gruppe mit dem Gitarristen
Carsten Radtke, dem Bassisten Peter Hops, dem Saxophonisten und
Klarinettisten Christoph Reiserer, dem Pianisten und Keyboarder Leonard
Schilde sowie dem Schlagzeuger-Percusionisten Jürgen Schneider die
Einspielung. Dabei swingt das Quintett mal im modernen Mainstream,
pulsiert später im radikalen Free-Jazz oder experimentiert in der
zeitgenössischen E-Musik. Die Kompositionen stammen mit einer Ausnahme
aus der Feder Schneiders, bauen auf komplexen rhythmischen Strukturen
auf, klingen teils melodisch und wie in „Realisation VII“ fast ätherisch
schwebend, können aber auch durch anarchische Kollektive erregen.
Klangfärbend ist die zumeist die Gitarre, bei deren Spiel die
Wandlungsfähigkeit Radtkes immer wieder in Erstaunen setzt – ganz
gleich, ob er perlende Läufe oder suchende Single-Note-Kürzel zupft,
akustisch oder elektronisch mit dem E-Bow Klangflächen ausbreitet. Vom
Free-Geschnatter auf Saxophon und Klarinette bis zu singbaren Linien
reicht die Ausdrucksmöglichkeit Reiserers, wie auch Schilde auf den
Tasteninstrumenten mit Blockakordschichtungen, rasend schnellen Läufen
oder wie im Opener mit einer hintergründigen elektronischen Soundfläche
besticht. Peter Hops kommt (zurückhaltend) hörbar aus der M-Base-Szene.
Nahezu klassisch ist ein Drum-Solo Schneiders, zumeist aber stützt er
flexibel, aber Akzente setzend die rhythmische Basis oder lässt sein
Percussions-Set in den freien Stücken nervös pulsieren.
Die unterschiedlichen Charaktere der Kompositionen leben unter anderem
durch die wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Quintett. Ruhige Teile
wechseln sich mit aggressiven Explosionen ab. Die Musik von „Carte
Blanche“ ist unverwechselbar, eigenwillig und stets für Überraschungen
gut. Es ist nichts für den relaxen Hintergrund. Man muss schon genau
hinhören – wird dann aber immer wieder neue Nuancen und Eigenheiten
entdecken.
Klaus Mümpfer
M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e
www.jazzpages.com/Muempfer
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