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Underkarl
Second Brain
ENJA CD 9143-2

Schon die ersten Takte sind verräterisch. Das ist typisch "Underkarl". Ein schneller stampfender Beat und eine kurze Melodielinie hinter dem Posaunenstakkato zerfasern, gehen in collagenhaften Vokaleinspielungen unter. "Party Pigs" ist der treffende Titel dieser Komposition. Dann taucht im Hintergrund das Thema wieder auf, das Kollektiv geht in freies Spiel über – und dies alles mit Druck, der plötzlich abbricht, das Stück mit ein paar fast unhörbaren Gitarrentönen ausklingen lässt. Klangcollagen, Kompositionen-Patchwork, satirisch verfremdete Zitate der Jazzgeschichte, Humor und Vitalität sind das Kennzeichen dieser Band mit Anführer Sebastian Gramss aus dem Kölner Raum. Schier grenzenlos ist die Kreativität. In jedem Stück, jeder Note, ist die Spielfreude hörbar, ist zu spüren, mit welcher Spitzbübigkeit die Musiker all das auf den Arm nehmen, was Jazz-Puristen heilig ist. So mag auch die Ringleuchte zu erklären sein, die in den Coverfotos wie ein Heiligenschein über jedem Musiker hängt.

Schönklang wie der Vokal-Part und die Saxophon-Stimme von Lömsch Lehmann in "Where Are The Fish?" ist nur vordergründig. Hymnische Stimmungen schlagen - inzwischen erwartet – plötzlich in frei pulsierende Jazzrock-Explosionen um. Zum Verlieben schön ist ein Duo von Saxophon und Nils Wograms Posaune, das in einem nahezu sicheren rhythmischen Rahmen des Schlagzeugers Dirk Peter Kölsch, des Gitarristen Frank Wingold und des Bassisten Sebastian Gramss, an Intensität und Tempo gewinnt. Geradezu balladesk wirkt "Ich kann Dich sehen" mit rundem Saxophonsound, fast klassischem Posaunenspiel und den Gitarreneinwürfen. In "Animal Farm" und "Paradox Chicken" schwenkt Underkarl dann wieder zu seinen pulsierenden Versatzstücken mit den schrägen Sounds zurück. Typisch das einleitende kurze Duo von Posaune und Saxophon in "Road Song", das in röhrende Rock-Riffs auf der Gitarre mündet. Die Musiker vertrauen zu Recht auf Überraschungsmomente und darauf, dass des Funke ihres Humors auf den Zuhörer überspringt. "Second Brain" ist eine stilistisch und musikalisch offene Musik, die ebenso offene Ohren und Unvoreingenommenheit verlangen darf.

Klaus Mümpfer
Klaus.Muempfer@t-online.de
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Balance
Elements
Double Moon DMCHR 71033

Es fängt eigentlich ganz harmlos an. Ein paar schwebende Flügelhornklänge vor einem spacigen Synthesizer-Hintergrund. Ruhig und getragen. Dann ein bisschen Drum und Bass. Doch nach knapp drei Minuten ist es vorbei mit der Ruhe. Dann dreht DJ Kaspar den Plattenteller. Die Band "Balance" ist in ihrem Element. Und weil sie ihre Musik aus verschiedenen Elementen des Jazz im weitesten Sinn zusammenmischen, nannten die Musiker wohl ihre jüngste CD "Elements".

Mit eingängigen Drum & Bass Grooves, mit Synthesizer-Wabern und jazzig schwebenden Trompetenlinien haben sich die Musiker inzwischen in der Nu-Jazz-Szene etabliert. "Cote d´Azur" featured die rappenden Sprechgesänge von Turbo B. zu den hüpfenden Klängen. Das Titelstück "Elements" hebt mit ostinaten Synthesizer-Figuren an, die von Trompetensounds überlagert werden. Turntable-Einspielungen, ein beständig hämmerndes Schlagzeug, treiben das Stück voran. Klangexperimente in der Balance zwischen techno-hip-hop-funky groovenden Rhythmen und jazzigen Linien von Blasinstrumenten und Keyboards. Dann plötzlich ein melodisches Thema "Rainfall". Die Wurzel im Mainstream, die CD in Balance. Diese Mixtur sollte man mögen, um sie zu genießen.

Klaus Mümpfer
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Eddie "Lockjaw" Davis
The Eddie "Lockjaw" Davis Cookbook, Vol.2
Featuring Shirley Scott & Jerome Richardson
OJC 20 653-2

"Ich habe nicht experimentiert oder mich weiter entwickelt, sondern ich habe versucht, das Ohr des Publikums durch Einfachheit zu erreichen – mit Melodie, einer einfachen improvisierten Linie, in Auftritten, die nicht so lang sind." Dieses Eddie Lockjaw Davis zugeschriebene Zitat kennzeichnet seine Spielweise ebenso wie der explosive, vitale, röhrende und erdige Ton, mit der er den Balladen-Blues aus der Coleman Hawkins-Ben Webster-Schule entwickelte.

Eddie Lockjaw Davis ist ein außergewöhnlich gefühlsbetonter Spieler. Und diese Emotionen übertragen sich unmittelbar auf den Zuhörer. In diesem Sinne ist der Titel "Cookbook" aus dem Dezember 1958 auch doppelsinnig zu deuten. Diese Musik köchelt heiß, lässt die Seele sieden. Vor allem gilt dies für den soulträchtigen Eröffnungstitel "Rev". Niemand kann Lockjaw imitieren, hat Booker Ervin treffend festgestellt.

Der Saxophonist aus der Count-Basie-Truppe gilt als Begründer der Orgel-Saxophon-Kombination, bei der er in seiner zeitweiligen musikalischen und Lebens-Partnerin Shirley Scott eine ebenbürtige sowie seelenverwandte Ergänzung fand. Wie die Orgel als Königin der Instrumente genannt wird, so galt die zierliche Künstlerin mit dem kraftvollen Spiel für viele Jahre wiederum als ihre Königin. Sie war eine ebenso hervorragende Blues-Interpretin wie Davis. Dritter im Bunde und vom Sound ein wenig auf Kontrast getrimmt ist der Flötist Jerome Richardson. Für den groovenden Rhythmus sorgen Bassist George Duvivier und Schlagzeuger Arthur Edgehill.

Die inzwischen 45 Jahre alten Aufnahmen wurden vorzüglich remastered. Gegenüber der Originaleinspielung ist auf der CD "Willow weep for me" vom September desselben Jahres als Bonus-Track angehängt.

Gewiss, dieser Art Jazz ist nicht neu, aber ungeheuer aufregend und eben emotional. Sie hat mich süchtig gemacht.


Klaus Mümpfer
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Tim Berne
The Sevens
New World Records 80586-2

Seine Musik ziele darauf ab, Klänge zu musikalischen Ideen werden zu lassen, aus denen weitere Ideen erwachsen, sagte Tim Berne vor bereits immerhin zwei Jahrzehnten. Der Avantgardist aus der Schule von Ornette Coleman und Julius Hemphill mit Vorlieben für György Ligeti, bleibt bei aller Freiheit doch stets mit einem Rest Wohlklang verbunden. "The Sevens" mit dem Arte Saxophone Quartet ist dafür Beleg und kompositorisches Statement jenes Künstlers, der Komposition und Improvisation auf besondere Weise verschweißt. Improvisationen, auch das ist für Tim Berne ein Credo, müssen stets eine eindeutige Zuordnung zur kompositorischen Idee besitzen.

"The Sevens" charakterisiert Bernes kammermusikalisches freies Musizieren, die Verbindung von Pulse und Metrum, von Harmonie und Dissonanz. Marc Ducret mit hin und wieder sensibel eingeworfenen Single-Note-Figuren sowie David Torn mit elektrischer Gitarre unterbrechen den Fluss der auf- und abschwellenden Saxophonlinien nicht. Tim Berne spielt sein Altsaxophon virtuos solo, vor dem Sound des Arte Quartetts oder unisono mit ihm. Zu hören sind die typischen überblasenen Stakkati im Duo und Trio mit den Gitarristen, bevor schließlich das Arte-Quartet hinzutritt, die treibende Kraft in ruhigen Soundflächen ausklingt – wie in "Quicksand". Das ist das Yin-Yan-Prinzip der ausgewogenen Balance von Komposition und Improvisation. Faszinierend auch das mitreißende Gitarrensolo Ducrets in "Tonguefarmer" von akustischer und elektronischer Raffinesse.

Die sechs Stücke spielen mit Klangfarben und rhythmischen Bewegungen, Reibungen und Verbindungen, Experiment und Tradition. "Einheit durch Kontrast" formuliert der PR-Text völlig richtig. "The Sevens" ist eine zeitgemäße und zugleich zeitlose Aufnahme.


Klaus Mümpfer
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Composer´s Voice
Wabi-Sabi
Nabel Drops 33

"Traumgestalten" heißt eine der Kompositionen, "Der Klang deiner Träume" eine andere. "Wabi sabi" ist der Titel der neuen CD des Mainzer Jazz-Quartetts "Composer´s Voice" – und all dies lässt Rückschlüsse auf die Musik zu, die Andreas Hertel, Komponist Leiter der Formation, Alexander Beierbach, Tenor- und Sopransaxophon, Uli Holz, Bass, sowie Jörg Fischer, Schlagzeug, spielen. Ein paar lyrische Saxophonlinien, einige Single-Note-Trauben, kurze hingeworfene Notenreihen – eine exotische Stimmung. So wird der Hörer mit der "Intro/Wabi-Sabi"in eine Musik eingeführt, die sich im weiteren Verlauf als eine intime und zugleich komplexe sowie intensiv-sinnliche, kammermusikalische und zeitgenössische Form aus der Bebop-Tradition entpuppt. Hertel wechselt im Spiel von romantischer Verklärtheit zu kraftvollem Drive, Beierbach bläst in den balladesken Themen ruhig und hymnisch, wirkt in schnelleren Themen nie aufgeregt, aber stets vital. Uli Holz zupft in einem längeren Solo in "Bassta" aufregende harmonische Verschränkungen, betont in der Begleitung den sonoren, knorrig-warmen Ton des Instruments. Schlagzeuger Jörg Fischer lässt sein Instrumentarium pulsieren und wissen, dass er auch im freien Jazz zu Hause ist - etwa in "Räume".

Die Stücke fließen in einem ständigen Wechsel von Tempi und Dynamik, überraschen mit immer neuen Klangfarben. Dieses Spiel mit Sounds bringt Spannung und Kurzweile. "Composer´s Voice" beweist mit "Wabi-Sabi" einmal mehr, dass es im Rahmen der Tradition einen originären schöpferischen und eigenständigen Ausdruck entwickelt hat – woran die Stimme des Komponisten, aber auch die Einfühlsamkeit der Musiker gleichermaßen Anteil haben.


Klaus Mümpfer
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Ull Möck Trio
Handling
Satin Doll Music SDP 1044-1

Musik von CD´s, die bereits beim ersten Hinhören und vom ersten Takt an gefallen, sind selten. Ull Möcks "handling" zählt zu den Ausnahmen. Die Kompositionen und das Spiel sind eingängig und dennoch nicht seicht. Das Trio swingt unbändig, während sich Ull Möck am Piano mit Pausen und Gegenläufigkeiten, mit Akkordgriffen innerhalb perlender Läufe, erfolgreich gegen einen zu glatten Fluss wehrt. "Prison Changes" ist dafür beispielhaft und lässt den Zuhörer zugleich in den kurzen Soli spüren, welch vorzügliche Techniker und vollblütige Musiker Karoline Höfler am Bass und Hans Fickelscher am Schlagzeug sind. Oder das harmonisch äußerst reizvolle Solo der Bassistin in "7/8ele" mit dem rhythmisch vertrackten Anschluss von Piano und dem flexiblen Schlagzeuggerüst. Ein Stück zum Immer-wieder-hören.

Ull Möck ist ein Hochgeschwindigkeitspianist, dessen Spiel glücklicherweise nie kalt und aufgesetzt wirkt. Dann wieder tastet er sich in hingetupften Noten durch Romantizismen. Das Trio ist auf dieser dritten CD nach "How high the moon" und "Drilling" endgültig zu einem Organismus mit traumhaften Interaktionen zusammengewachsen. Rhythmische Spannung und melodische Schönheit treffen zusammen, das bisschen Romantik schadet ebenso wenig wie eine Prise Soul-Farbe.


Klaus Mümpfer
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Daniel Messina Trio
El Sol Sale
Mulatina Records MR-3702

Er lässt die Becken unter zartem Besenstrich erklingen, treibt mit Double-Bass-Spiel den Groove voran, nutzt die Fülle der Felle zum beinharten Powerplay. Am faszinierendsten jedoch ist das flexible und percussive Spiel von Andreas Messina, wenn er mit federnder Leichtigkeit seinen Kompositionen Latin-Rhythmen unterlegt. Auf seiner neuen CD "El Sol Sale" ist der in Stuttgart lebende Argentinier sowohl als treibender Percussionist als auch als sensibler Schlagzeuger im klassischen Jazz-Trio mit dem Pianisten Uli Möck und dem Bassisten Thomas Bottler zu hören.

Schon im einleitenden "El concerolazo" zeigt sich die Seelenverwandtschaft der Musiker, wenn Rotter seinen E-Bass ebenso percussiv einsetzt, wie Messina sein vielfältiges Instrumentarium. Zwischen so schnellen Latin-Nummern sind geradezu klassische Kompositionen geschoben, die ein melodiös perlendes Pianospiel, einen in langen geraden Linien gezupften Bass und zurückhaltend einfühlsames Schlagzeug verbinden. Messina ist kein Revolutionär, was die Musik betrifft. Er komponiert eher als Ästhet, der in leichtfüßige Rhythmen und eingängige Harmonien verliebt ist.

Barbara Dennerlein, mit der Messina ein traumhaft sicheres Zusammenspiel in zahlreichen Duo-Konzerten verbindet, lobt zu Recht "diese positive und entspannte Stimmung" sowie die Trio-Musik aus einem Guss.


Klaus Mümpfer
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The door with no return
Rucilo Records LC 01160
www.rucilorecords.de.vu


Dieter Arnold; Jürgen Wuchner, Thomas Siffling feat. Joachim Kühn


Es ist ein Abenteuer, den Pianisten Joachim Kühn am Altsaxophon im Duo mit dem Trompeter Tomas Siffling zu erleben. Wenn dann noch der Darmstädter Bassist Jürgen Wuchner dazu kommt, der sowieso quer zu allen Stilrichtungen agiert, dann kann Initiator Dieter Arnold mit diesem Quartett eine Musik spielen, die souverän zwischen Balladen, schnellem Bebop und Free Jazz pendelt.

"The door with no return" ist ein treffender Titel für diese CD. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück. Das gilt für die balladeske Eröffnungsnummer "Bring the theme" mit den Unisono-Passagen auf Saxophon und Trompete über der durchlaufenden Basslinie und dem ruhig pulsierendenden Schlagzeug ebenso wie für das Titelstück mit den ekstatischen und überblasenen Aufschreien des Saxophons, den High-Note-Stakkati auf der Trompete und den rasenden Trommelwirbeln.

Dass diese Musik Konventionen überwinden und mit Hörgewohnheiten brechen will, zeigt sich deutlich in der kollektiven Intro zu "Skat", den intensiven Interaktionen von Saxophon und Trompete und dem knarzenden Con-Arco-Solo des Bassisten. Bei aller Freiheit swingt "Freedom ist there" – vielleicht ein verstecktes Glaubensbekenntnis. Sowohl im Saxophonspiel Kühns als auch in den Kompositionen lässt sich der Einfluss Ornette Colemans nicht verleugnen. Dennoch ist "The door with no return" kein Aufguss. Die Kompositionen stammen aus der Feder von Joachim Kühn – mit Ausnahme der Rolling-Stone-Nummer "Angi" und dem Drum-Solo "Easy Clolours" von Dieter Arnold – ein klangfarbenreiches und melodiöses, pulsierendes Stück. Wer Lust auf ein musikalisches Abenteuer hat, dem sei diese Scheibe empfohlen.

Klaus Mümpfer
Klaus.Muempfer@t-online.de
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Ansgar Striepens Quintet 
Dreams and Realities
Laika-Records Bremen, LAIKA 3510164.2

Besetzung Ansgar Striepens (tb), Uli Beckerhoff (tp), Hubert Nuss (b), Ingmar Heller (b), John Hollenbeck (dr), John Abercrombie (g)

Neulich hörte ich nachts im Bett, schon fast im Halbschlaf, im Deutschlandfunk (ich glaube, es war die Sendung "Klanghorizonte") eine wunderbare Aufnahme eines sehr sanften, dahinschwebenden Jazz, einer Musik wie "zwischen Traum und Tag". Es waren Auszüge aus der genannten CD. Ich war derart beeindruckt, daß ich in der Nacht gegen zwei Uhr extra aufstand, um mir den Namen "Ansgar Striepens" auf einen Zettel zu notieren.

Der Posaunist, Komponist und Arrangeur Ansgar Striepens www.ansgarstriepens.com war jahrelang Lehrer an der Kölner JazzHaus Schule, danach Professor für Posaune an der Musikhochschule Weimar. Hinzu kamen Lehraufträge an den Musikhochschulen Köln und Essen. Bekannt wurde Striepens durch seine Arbeit mit verschiedenen Großformationen, der HR-Big Band, der NDR-Big Band und dem Ed Partyka Jazz Orchestra. Mit "Dreams and Realities" stellt Striepens die erste CD seines neu gegründeuten eigenen Quintetts mit dem Gastmusiker John Abercrombie vor.

"Dreams and Realities" ist ein traditionsgebundener, bop-orientierter, swingender, aber dennoch moderner Jazz, besonders hinsichtlich der Kompositionen. Trotz des dahintreibenden swing und dem zum Teil recht zupackenden Zusammenspiel der beiden Bläser haben die Stücke einen sehr pastelligen und leicht kühlen Charakter. Auch Klangästhetik scheint eine große Rolle zu spielen. Die Kompositionen sind ausgeprägt melodisch, bereits das Eingangsmotiv des ersten Stückes "Zoe" ist hierfür ein typisches Beispiel. Im Ausdruck sind die Stücke zum Teil sehr verträumt und etwas melancholisch (im positiven Sinn), und für mein Empfinden haben sie eine leicht romantisch-impressionistische Tendenz. Sehr schön harmoniert mit dieser Konzeption der Trompetenstil von Uli Beckerhoff, der dem des "coolen" Miles Davis der 50er und 60er Jahre sehr ähnelt, aber dennoch eine augeprägt eigene unverkennbare Handschrift trägt. John Abercrombie unterstreicht mit seinem schwebenden Gitarrensound die "Leichtigkeit" dieser Musik. Ein wenig erinnert mich "Dreams and Realities" an Kenny Wheelers "Deer Wan" aus den 70er Jahren. Möglicherweise ist das eine von den Musikern beabsichtigte Anknüpfung, denn ein Stück ("Waltz for Wheeler") ist Kenny Wheeler gewidmet. "Dreams and Realities" liegt vollkommen auf meiner Wellenlänge, für mich ist sie die beste Neuerscheinung des Jahres 2002. Auch die hervorragende Covergestaltung der CD sei hervorgehoben, sie wird der Musik hundertprozent gerecht und setzt den Charakter der Musik sehr gut ins Optische um. Allerdings gibt es einen kleinen Wermuthstropfen Das letzte Stück "Zoe (reprise)" ist eine ältere Aufnahme aus dem Jahre 1999 mit dem Ed Patyka Jazz Orchestra. Das darin enthaltene lange Solo des Altsaxophonisten Lee Konitz paßt wegen seiner Spröde meiner Meinung nach nicht so recht in die Gesamtkonzeption der CD. Man hätte dieses Stück ruhig weglassen können.

Otwin Skrotzki
o.skrotzki@t-online.de
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Barbara Dennerlein - Spiritual Movement No. 1 Barbara Dennerlein
Spiritual Movement No. 1

Bebab Records

Eine ungewöhnliche Platte hat Barbara Dennerlein eingespielt. Anstatt sich an die gewohnte Hammond-Orgel zu setzen, hat sie sich diesmal an die vielen Pfeifen der Goll-Orgel in der Martinskirche in Memmingen heran getraut. Auf den ersten Blick ein kleiner Schritt von der Hammond-Orgel zur Kirchenorgel: Bässe über die Fußpedale und vier statt zwei Manuale. Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Die Mechanik einer Kirchenorgel ist nicht mit der spontanen Ansprache der Hammond zu vergleichen, denn die Kirchenorgel ist im Vergleich zum direkten attacca der Hammond-Orgel behäbig. Der Weg von den Tasten über die Mechanik zum Klappendeckel der Labial- und Zungenpfeifen ist weit und der Schall hat einen ordentlichen Weg durch die mächtige Orgel und das Kirchenschiff in den Gehörgang des geneigten Hörers oder eben auch zum Aufnahmegerät. Die spezifische Akustik muss durch Repertoire und Spielweise berücksichtigt werden. Dies gelingt Barbara Dennerlein ganz vorzüglich in einem Spektrum vom schnarrenden "Rankett Blues", der einen in die 20er Jahre versetzt bis hin zum freien "Pychedelic Cluster", der gänzlich der akustischen Gewalt und dem Klangreichtum des Instruments entspricht. Manche ihrer Kompositionen, wie das sich dynamisch aufbauende "Pendel der Zeit" - schon früher auf der Hammondorgel eingespielt - scheinen hier gehört wie maßgeschneidert für die Kirchenorgel komponiert zu sein. Die mit Geschmack gewählten Registrierungen und die Klangfülle des Instruments sind  exzellent genutzt und loten den weitgespannten Bogen dieser Komposition aus. 

  fs 

 

Jazz und Gesellschaft - Sozialgeschichtliche Aspekte des Jazz
Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 7
Herausgegeben von Wolfram Knauer
Wolke-Verlag Hofheim 2002, 19 Euro

„Wer eine Kritik liest und danach dümmer ist als zuvor, hat eine miserable Kritik in den Händen gehalten." Dieser Schüsselsatz in einem Beitrag des Jazz-Publizisten Wolfgang Sandner über die Probleme der Jazzkritik, darf auch auf das Buch insgesamt angewendet werden, in dem er erschienen ist. Und es kann schon im Voraus gesagt werden, dass jeder nach der Lektüre dieser Sammlung von Vorträgen zum 7. Darmstädter Jazzforum erheblich mehr Wissen über die Zusammenhänge von Jazz und Gesellschaft besitzt, als zuvor. Gewiss, manches haben die Forumsteilnehmer zuvor auch schon in Büchern geschrieben, doch die Konzentrate - etwa Ekkehard Jost´s Reflexionen über die Soziologie des Jazz - weiten sich aus zu einer Tour d´horizon, die wiederum Anregungen zur weiteren Lektüre vermittelt.

Der vorliegende Band beschreibt in den Vorträgen der Darmstädter Tagung grob umrissen die Themenkomplexe Jazz und Gesellschaft, Jazz und Politik, Jazz und Kritik, Jazz und Frauen sowie Jazz und statistische Empirie sowie den kulturellen Zwiespalt, der sich in einer äußerst interessanten Abhandlung über den Streit von Adorno und Berendt widerspiegelt. Dass der Jazz immer wieder als Musik des Widerstands, der politischen Linken und der Bürgerrechtsbewegung - gleichermaßen in Amerika wie in Deutschland - verstanden wurde, beleuchten gleich mehrere Autoren. Lewis Erenberg berichtet davon, dass die amerikanischen Linken bereits in den 1930er und 1940er Jahren mit dem Jazz warben, Ingrid Monson berichtet von den Bürgerrechtsbewegungen der 1950er und 1960er Jahren und ihrem Einfluss auf den Jazz. Ralf-Peter Fuchs ordnet die Musik in das politische Klima der Nachkriegszeit ein. Tobias Richtsteig und Wolfram Knauer stellen die Ergebnisse von Forschungsprojekten über das Jazzpublikum und von regelmäßigen Erhebungen der deutschen Jazz-Szene vor. Anmerkung Seit 1993 publiziert das Darmstädter Jazzinstitut, dessen Leiter Knauer ist, einen Überblick über Spielorte, Festivals, Initiativen, Literatur, Workshop, Redaktionen, Fördermöglichkeiten in seinem „Wegweiser Jazz" - zuletzt in der Ausgabe 2002/2003.

Die vorliegende kritische Bestandsaufnahme soziologischer Forschungen im Bereich des Jazz kann uneingeschränkt empfohlen werden. Oder besser gesagt, mit der kleinen Einschränkung, dass sich der Leser zuweilen mit einem grässlichen Soziologen-Deutsch abfinden muss.

Klaus Muempfer 

 

Martin Müller
Rua Baden Powell

Musikverlag Burger-Müller, CKM 080

Baden Powell, der brasilianische "Meistergitarrist" ist eine der Inspirationsquellen für den Karlsruher Gitarristen Martin Müller. Bei einem Gastspiel auf der Insel Madeira fand sich gleich um die Ecke des Hotels eine Straße dieses Namens - benannt nach dem Namensvetter des Gitarristen, dem Begründer der britischen Pfadfinderbewegung...
Das gekachelte Namensschild war trotzdem ein kreativer Funke und so komponierte Müller im Laufe einer Woche die Suite "Rua Baden Powell". Latinorientierte Musik, heiter und gelassen. Eingespielt wurde die CD im Frühjahr 2002 innerhalb einer Woche, u.a. mit dem Bassisten Markus Bodenseh und dem Schlagzeuger Dirik Schilgen. "Keine große Proben, Kommunikation ... Zusammentreffen..." - das sind die Eckpunkte dieser Einspielung, die Martin Müller selbst im Booklet nennt und das Resultat stimmt den Hörer heiter - was will man mehr in diesen regnerischen Herbsttagen.  

fs 

 

Johnny Cash
The Man Comes Around

Island Mercury, 2002

Als wäre er gerade noch einmal vom Totenbett aufgestanden, so klangen seine letzten Aufnahmen auf "Solitary Man". "Der stilvolle Abgang eines einsamen alten Manns" - so war eine der Rezensionen betitelt. Es wäre tatsächlich ein würdiges letztes Werk gewesen – persönlich und eindringlich. Ein Vermächtnis und ein Bollwerk gegen allen überproduzierten Trallalla-Schwachsinn und 0815-Popgeseiche. Und dann kommt am 4.11. im Jahre des Herren 2002 doch wieder eine Silberscheibe in die Läden – mittlerweile die vierte Ausgabe der von Jack Rubin produzierten "America"-Reihe: "The Man Comes Around".

Das Erfolgsrezept kennt man aus den letzten Jahren, mit John Lee Hooker wurde es beispielsweise vorexerziert: man nehme einen unbestrittenen Meister und schare exzellente Musiker um ihn herum, die Synergie-Effekte werden es schon richten und am Ende steht das geniale Produkt im Plattenregal. Das funktioniert recht gut aber meist klappt es so richtig nur bei der ersten Scheibe, danach wird jeder Versuch ein leicht müderer Abklatsch der vorherigen Aufnahmen.

Nicht so in dieser Reihe. The Man Comes Around ist von gleicher exzellenter Qualität wie seine Vorgänger. Wieder covert sich Cash durch eine ganze Reihe von Klassikern der Pop- und Rockmusik, von U2 über Paul Simon bis hin zu den Beatles oder Depeche Mode. Das ist an sich nichts besonderes aber Cash entkernt die Musik, es bleibt die Reduktion auf das Allerwesentlichste, es bleibt der Text und es bleibt – natürlich - seine Stimme: Markant und eher brüchig als kraftvoll eignet sie sich die Lieder an und läßt sie klingen, als ob sie  nie für jemand anderen geschrieben worden wären.

fs 

   
BILL EVANS – 
Big Fun 
ESC Records

Der Soul Insider ist wieder zurück. Bill Evans präsentiert sich mit viel Schwung und Elan in toller Spiellaune.

Da versammelt sich das Who-Is-Who der internationalen Jazzszene. Unterstützung für seine aktuelle CD fand Bill Evans mit Vinnie Colaiuta (Drums), Ricky Peterson (Hammond B-3), Hiram Bullock (Guitar), Randy Brecker (Trumpet), Robben Ford (Guitar), Les McCann (Voice) und sogar Countrylegende Willie Nelson, um nur einige zu nennen. Schon aus dieser Warte betrachtet eine absolute Kaufverpflichtung.

"Big Fun" nennt der Tenor- und Sopransaxophonist Bill Evans sein schwungvolles Werk. Eine Mischung aus Funk, Soul und Blues, knackigen Grooves und eingängigen Melodien. Coole Typen, die eine große Party zelebrieren. Den Spaß an der Arbeit ist allen anzumerken. Das kesselt! Ob "Road To Bilbao", "Houdou Basin" oder "Midnight Creeper" - fantastische Bläsersätze, erstklassiges Drumming, ein tolles lebhaftes Zusammenspiel aller Akteure, kraftvoll und spannungsgeladen. Man kommt regelrecht ins Schwärmen. Dezente Improvisationen mischen sich mit ausgereiften Song-Ideen. Bill Evans, der Jazz-Rock Spezialist erneut auf schwungvollen Soul-Insider Pfaden. Ein musikalisch, lyrisches Notenalbum voller raffinierter Melodien. Ein ungemein frisches Qualitätsprodukt.

Ach ja. Bill Evans kommt mit seinen Soulinsidern auf Deutschlandtour. Mit dabei: Tom Custer (Keyboards), Poogie Bell (Drums), Mitch Stein (Guitar) und Ron Jenkins (Bass). Die Tourdaten: 23.10. Ludwigsburg/Scala, 24.10. Karlsruhe/Tollhaus, 26.10. Neuwied/Jazzfestival, 27.10. Bonn/Harmonie, 28.10. Berlin/Quasimodo, 06.11. Leverkusen/Jazztage (ESC Groovenight mit Hiram Bullock Trio und Les McCann Allstars), 07.11. Trier/Tuchfabrik.

Rainer Molz
RainerMolz@aol.com

 

Peter Lehel / Kalman Olah
Hungarian Rhapsody

Good International, 2002

Saxophonist Peter Lehel hat zwei "spezielle geographische" Bezüge die sich auf seiner neuen Doppel-CD perfekt ergänzen. Sein Vater stammt aus Ungarn und musikalische Bezüge auf seines Vaters Vaterland fanden sich stets schon auf seinen früheren CDs. Für diese Aufnahmen vertiefte er sich stärker als je zuvor in dieses musikalische Erbe; er begab sich nach Budapest und tat sich mit dem Pianisten Kalman Olah, János Egri am Bass und Elemér Balázs an den Drums zusammen. Den besonderen Touch bekommen diese Aufnahmen jedoch durch die Zusammenarbeit mit dem "Budapest Chamber Symphony". CD I des Sets trägt den Namen "Ancient Songs" und besteht vorwiegend aus traditionellen ungarischen Melodien, arrangiert von Lehel und Olah. Typisch das Stück "Egy Gyenge Kismadár": getragene Streicherpassagen, fast düster zu Beginn, gehen im Verlauf in ein getragenes Volkslied (gesungen von Irén Lovász) über. Die Musik wird tänzerisch - Peter Lehel kann gerade in solchen Passagen besonders mit seinem leichtfüssigen, perlenden Saxophonspiel glänzen - und bleibt doch auf eine unbestimmte Art von einem tiefen Ernst.

CD II, mit dem Titel "Hungarian Moods" ist eine Sammlung von Eigenkompositionen Lehels und seiner Mitmusiker, umrahmt von dem ungarischen Stück, das im Jazz ein Standard wurde: "Gloomy Sunday" (welcher Jazzliebhaber hat da nicht sofort Billie Holiday im Ohr...);  zu Beginn in einer Vokal-Version mit Gábor Winand und zum Abschluss in einer Quartet-Version. Dazwischen die Eigenkompositionen in einer exquisiten Balance zwischen  Wehmut und musikalischer Eleganz die sich schon in den "Ancient Songs" vermittelt. 

Der zweite "geographische Bezug" ist für Peter Lehel mittlerweile Südkorea. Seit einigen Jahren gibt er dort mit großem Erfolg Gastspiele und sein Erfolg in dem Land hat zu einer stabilen Zusammenarbeit mit dem Label Good International geführt. Die Ausstattung dieser Doppel-CD ist außergewöhnlich und edel. Geschmackvoll gestaltet, hervorragend gedruckt - man merkt, daß sich die Gestalter mit Liebe zur Sache an die Arbeit gemacht haben. Wenn das "Drumherum" aller CDs von dieser Qualität wäre, dann wäre die Trauer um den Verlust der LPs kleiner und der Kampf gegen Raubkopien leichter.

Mit Hungarian Rhapsody ist Peter Lehel eine ganz außergewöhnliche DCD gelungen.

fs 

 

Sprinkhuisen, Fennis & Didderen
hip, hip

snuf 1003

"...einfach ist es nicht. Der eine Club denkt, daß es zuviel Rock ist der nächste sagt "zuviel Jazz". Aber wo wir gespielt haben, dürfen wir eigentlich immer zurück kommen..." so Rik Fennis, der Gitarrist der Gruppe. Der jubilierende Titel der CD gründet sich auf das 10-jährige Bestehen der Gruppe. Immer noch in Urbesetzung mit dem E-Gitarristen Rik Fennis, dem E-Bassisten Jo Didderen und dem Schlagzeuger Rob Sprinkhuisen (ansonsten müssten sie ja auch gleich den Namen wechseln...) sind sie sich über die Jahre stilistisch treu geblieben. Es ist "some kind of  Fusion" aber auch hier gibt es ein passendes Zitat von Rik: "Ich mag glatte Fusion überhaupt nicht, wenn ich das Wort höre wird mir schlecht." Und so spielen sie eben ihre Fusion. Eine anregende, swingende Musik. Originelle Kompositionen, mal voller Witz und skurriler Einfälle, mal eine schöne, ruhig swingende Ballade. Das ganze höchst eigenwillig mit hohem Wiedererkennungswert - SF&D eben.

fs 

 

Stefan Stoppok:
W.E.L.L.N.E.S.S.
Grundsound, 2002


Stoppok macht keinen Jazz. Wer das nicht mag sollte nicht weiterlesen.
Die anderen kennen den Herrn Stoppok vielleicht schon und wenn sie die aktuelle Scheibe hören, dann werden sie vieles wiedererkennen. Wiedererhören besser gesagt. Musikalische Themen genauso wie Themen der Texte. Stoppoks neue Platten zu hören ist immer irgendwie wie der Besuch einer Stammkneipe. Man geht gerne hin, weiß in etwa was einen erwartet und freut sich trotzdem auf die Neuigkeiten und die kleinen Überraschungen, die auf einen lauern können. Musikalisch grundsolider Rock mit kleinen Nettigkeiten wie den Griff zu Banjo oder Zither und textlich - Stoppok halt - kleine Geschichten mit Bezug zum Alltag normaler Menschen. Das treue Stoppok-Publikum weiß das seit Jahren zu schätzen. Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Sängern, die entweder peinlich durch Abenteuerländer lallen, sich bemüht um Weltpolitik kümmern oder im Armani-Anzug den wilden Rocker mimen, wirkt Stoppok authentisch. So richtig dick Karriere wird er damit nicht mehr machen aber vermutlich wird er gemütlich mit seinen treuen Fans alt.

fs 

fs=Frank Schindelbeck

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