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Jazz-Neuerscheinungen

Aktuell  |  04  |  03  |  02  |  01 

 

Hans Koller Free Sound: The Lost Tapes Phoenix Foundation & Friends live
Ein Freund, ein guter Freund
Kontakt: Frank Reichert, mail@phoenixfoundation.de

 

Sich des Dadaisten Ernst Jandl und seiner Sprachmanipulationen mit der Neigung zum Grotesken anzunehmen, ist ein Wagnis. „Einige meiner Texte sind so angelegt, dass der Leser sie laut sprechen muss“, hat der Autor einmal selbst gesagt. So bietet es sich an, Jandl in einen lautmalerischen Kontext zu setzen. Was denn Frank Reichert mit der Phoenix Foundation getan hat. Vier Texte „Aus der Kürze des Lebens“ trägt Reichert vor, umspielt von den Musikern nach Kompositionen von Dieter Glawischnig. Der Zuhörer ist geneigt, gleich zwei Mal nachzuschauen, dass es sich tatsächlich um ein Jugendjazzorchester handelt. Was da auf der Scheibe geboten wird, erinnert in bestem Sinne an die stilbildenden und aufregenden „Jazz & Lyrik“-Produktionen von Joachim Ernst Berendt. Reichert – obwohl kein Rezitator – trägt überzeugend vor und die jungen Musiker unterstreichen die Texte mit sensiblen Soundtüfteleien und Klangfärbungen, Collagen aus freiem Spiel, wie sie manchen ausgebufften Profis zu Ehren gereichen würden.

Dass die Musiker des Landesjugendjazzorchesters Rheinland-Pfalz auch in ihrem eigentlichen Metier mit Bravour zu Hause sind, beweisen sie mit einer Reihe von Big-Band-Stücken. Runder und satter Sound, druckvolle und zupackende Bläsersätze, eine treibende Rhythmusgruppe. Die Phoenix Foundation legt hier keine Konzept-CD vor, sondern präsentiert mit Mitschnitten aus verschiedenen Konzerten in Mainz, Worms, Kaiserslautern, Montabaur und Zweibrücken einen Überblick über eine Big-Band-Arbeit, die aus dem Rahmen fällt. Da ist beispielsweise „Funky Sam“ mit den „Samulnori“ genannten koreanischen Trommlern, die ein atmosphärisches dichtes Trommelgeflecht entwickeln und die die Foundation zu einem Rhythmus-Feuerwerk antreiben. In „Miles away“ nähert sich der Jazzpreisträger und Solotrompeter der NDR-Big-Band Klaus Stötter als Gast in seiner Komposition mit der Big Band dem großen amerikanischen Star-Trompeter. Ein Paradestück des orchestralen Jazz ist Ellingtons „Things ain´t what they used to be”, in dem vor der groovenden Big Band als Gast der Trompeter  Terell Stafford brilliert. Ein weiterer Freund der Phoenix Foundation ist der Saxophonist Greg Abate, ein hochenergetischer Bebop-Saxophonist „Cookin´ at the continental“.

Dass die CD mit „Ein Freund, ein guter Freund“ mit einer historischen Aufnahme aus dem Film „Die Drei von der Tankstelle“ eingeleitet und abgeschlossen wird, ist ein netter Gag und zielt auf die Gastsolisten.

Bitte weitersagen: Das Orchester formiert sich gegenwärtig neu. Interessenten können sich ab sofort bewerben. Unterlagen gibt es im Internet unter www.phoenixfoundation.de. Posaunisten und Posaunistinnen sind besonders begehrt. Vorspieltermine sind am 14. und 17. April im Mainzer Peter Cornelius Konservatorium.

 

Klaus Mümpfer
K l a u s . M u e m p f e r @ t - o n l i n e . d e
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Take 2 (and guests)
So easy
(contact@beatricekahl.de)

“So Easy” hält, was der Titel verspricht: Die Saxophonistin Gaby Schenke und die Pianistin Beatrice Kahl präsentieren mit ihren Gästen einen leichten und beschwingten Jazz, unterhaltsam und entspannend. Typisch für dieses relaxte Spiel ist die einzige Eigenkomposition auf der Scheibe „27 Wishes“. Fast wäre der Zuhörer geneigt zu wünschen, mehr solcher Kompositionen zu hören, die ideenreich und hoch musikalisch keinesfalls gegenüber den Songs von Stevie Wonder, Phil Collins und Lennon / McCartney ins Hintertreffen geraten. 
Typisch für Schenke ist der singende Sound des Saxophons, für Kahl die verspielten und zugleich rhythmisch verzwickten Pianoläufe wie in dem schnellen „Tomorrow Today“. Manche Sax-Linie erinnert an das soul-erfüllte Spiel von King Curtis – etwa in der schmelzenden Interpretation der Phil-Collins-Komposition „Against All Odds“. Beseeltes Spiel mit überraschenden rhythmischen und harmonischen Wendungen charakterisiert auch das Saxophon in Irvin Berlins „Blue Skies“, verträumt und perlend ist das Piano-Solo in „Somewhere Over The Rainbow“. Bei allem Wohlklang gelingt den beiden Musikerinnen von „take 2“ glücklicherweise die Gratwanderungen zwischen Kitsch und Kunst.
Oliver Karstens zupft schöne gradlinige Läufe auf dem Kontrabass, Hilko Schomerus legt sensibel mit dem Schlagzeug die rhythmische Basis und Barbara Parzeczewski überzeugt mit Ausdrucksstärke vor allem in den Mittellagen bei „I Believe In Music“.
„Take 2“ belegt, dass Jazzer nicht immer auf Teufel komm raus experimentieren müssen, um gute Musik zu machen. Auch im Hauptstrom des Jazz können Künstler bekannten Standards durch Kreativität neue Reize abgewinnen. „So Easy“ ist ein ebenso entspannendes wie spannendes Album geworden.

Klaus Mümpfer
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Barrelhouse Jazzband
New Harlem Shout
FMS 2095


Wer traditionellen Jazz fernab jeglicher musealer Sentimentalität hören will, ist bei der Frankfurter Barrelhouse Jazzband bestens aufgehoben. Seit mehr als fünf Jahrzehnten pflegen hervorragende Musiker rund um den Klarinettisten und Saxophonisten Reimer von Essen die Tradition des alten Jazz, indem sie ihn mit zeitgenössischen Ideen aufbereiten, ohne zugleich den Ursprung zu verleugnen. Diese Gratwanderung gelingt der Barrelhouse Jazzband besser als den meisten Formationen dieser Stilrichtung.
Die Barrelhouse Jazzband – übrigens Ehrenbürger der Stadt New Orleans - verfügt nicht nur über intime und umfassende Kenntnisse der Jazzgeschichte, ihre Mitglieder sind zudem virtuose Instrumentalisten und spielen mit einem Feeling, das der Musik gerecht wird.
Die neue CD „New Harlem Shout“ belegt diese Fähigkeiten beeindruckend. Sie ist für mich die mitreißendste der bislang zahlreichen Einspielungen der Frankfurter Band. Dies belegen die verspielte und rhythmisch reizvolle Piano-Einleitung zu Ellingtons „Out South“, die harmonisch einfühlsame Stimmung, die dieFrontline mit Klarinette, Saxophon, Trompete und Posaune schafft, ohne den Ellington-Sound zu kopieren, die filigranen und traumhaft schönen, perlenden Gitarrenläufe, die kurzen, aber reizvollen Solo-Basslinien. Oder das rhythmisch zupackende „Jungle Drums“ mit seinen Soli sowie Ruf-Antwort-Spielen un d den typischen melodischen Trommelspiel. So entsteht ein Sound, der mit vollem Bigband-Klang geradezu aus dem brodelnden Jazzzentrum Harlem zu kommen scheint. 
Drei Eigenkompositionen von Bandmitgliedern passen sich nahtlos in die eigenständigen Bearbeitungen der Kompositionen von Ellington, Bechet und James P. Johnson ein.

Klaus Mümpfer
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Susan Weinert,
„running out of time”,
toughtone TTR 2302-2


Nach sechs instrumentalen Alben hat die Gitarristin Susan Weinert ihr Trio mit dem Ehemann und Bassisten Martin und dem Schlagzeuger Hardy Fischötter um einen Sänger ergänzt – und weil sie keine halben Sachen mag, prägt Francesco Cottone mit seinen Vocals den Sound ebenso wie Susans Gitarre. 
Bemerkenswert, wie sehr der eindringliche Gesang, der mehr als nur eine melodische Umsetzung der Lyrics ist, sich an die intensiven Gitarrenläufe anpasst und mit ihnen verschmelzend in Dialoge tritt. Groovend und pulsierend unterlegen der Bass und das Schlagzeug diesen fesselnden und aufregenden Zusammenklang.
Fast schon relaxed schiebt Martin Weinert in „Darkness“ ein Bass-Solo ein, das dann sogleich von flirrenden, aufgerauten Gitarrenglissandi abgelöst wird. Rock und Free-Funk bilden eine explosive Mischung, deren treibendes Drängen sich in den leicht gepressten, fast atemlosen, Vocals nur teilweise auflöst. Das schnappt der Zuhörer geradezu nach Luft, wenn das Quartett in „They only come out at night“ nahezu traditionell in zeitlos zeitgemäßem Jazzrock daherkommt. Oder wenn es in „sooner“ ein wenig getragener im Gesang und mit ziselierten akustischen Gitarrenlinien klingt.
Für Erholung beim Anhören der CD also kaum Zeit. Stets hält sich die Spannung im diesem dichten und komplexen Gewebe aus Instrumenten und Gesang auf dem Höhepunkt.

Klaus Mümpfer
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Martin Schrack
Mosaic
Frimfram ff01, LC-09041

„Mosaic“ ist in diesem Fall ein Puzzle verschiedenster Klangformen des zeitgenössischen Jazz – vom romantisch verklärten Lauf auf dem Piano, einer harmonisch reizvollen Basslinie sowie einem singenden Altsaxophon in „Fanny“ oder dem lyrisch verspielten, kurzen „Notturno“ bis zum Free-Crescendo mit voller Bigband-Wucht in den irritierenden Titel „Kleine Etude“. Der Pianist Martin Schrack spannt das Streichquartett des „Ensemble Plus“ ein, um sich in „Star Blues“ mit schrägem Streicherklang jenem Sound zu nähern, der in den Vocal-Summits des SWF-New Jazz Meeting unter J. E. Berendt kreiert wurde, um dann in einen hämmernden Bebop-Lauf auf dem Piano zu verfallen, der von einem straight gezupften Bass und einem swingenden Schlagzeug begleitet wird.

„Mosaic“ lässt aber auch Raum für eine eher ironische Interpretation der Komposition „Schuld war nur der Bossa Nova“, eine jazzig-freie und dennoch nahe am Original befindliche Bearbeitung der Lennon/McCartney-Komposition „She´s a woman“, eine Eigenkomposition „Prelude & Fugue“ mit einem getragenen Streicherteppich und zarten Violinen-Spitzlichtern und klassischem Timbre, die wippende, tänzerische Rhythmik in „Hillbilly“, der verquere, satirische „Music Box Waltz“ mit den experimentellen Bass-Figuren sowie eine eigenwillige Fassung von Ellington´s „Cottontail“.

Diese Verschmelzung von Jazz, Klassik, Avantgarde und Pop lässt keine Langeweile aufkommen, birgt eine ganze Reihe von Überraschungen, die sich beim mehrmaligen Hören nach und nach herausschälen.

Klaus Mümpfer
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Barbara Dennerlein
In a silent mood
Bebab 250971

„In a silent mood“ ist ein treffender Titel für diese Solo-CD der Organistin Barbara Dennerlein. Und „Reflections“ kennzeichnet die Stimmung: Verspielte Single-Note-Läufe auf dem Synthesizer spiegeln ein Piano vor, ganz dezent liegt ein Sound-Teppich unter den impressionistisch gefärbten und romantisch angehauchten Linien. Diese Reflexionen beschließen eine Einspielung, die ganz der meditativen Ruhe und Verinnerlichung der Künstlerin entsprechen – und die doch in Widerspruch zur Außenwirkung der Person stehen. Es ist keine traditionelle Hammond-Orgel, die Barbara Dennerlein mit den Händen und den Füßen bearbeitet, sondern ein technisches Kleinod, aus dem sich per Elektronik außergewöhnliche Klänge abrufen lassen.

Es ist, wie der Cover-Text sagt, ein endlos geflochtenes melodisches Band mit spannungsvoll wechselnden Stimmungen und erfüllter Ruhe in rastlose Zeit. Orgelpunkte mit lang anhaltendem oder in bestimmtem Ryhthmus wiederholtem Basston auf den Fußpedalen, über dem sich die Stimmen frei bewegen, wecken Assoziationen an fernöstliche Mystik oder sakrale Gebete. Treibender Swing ist selten. Perlende Pianoläufe über wellenförmig bewegten Sounds und orchestralen Klangfarben schon eher. Die Titel spiegeln eine Gemütslage wider, die sich in der Musik ausdrückt: „Home is where my heart is“, „Always remember“, oder „Lost friends“ – und eine insgeheime Widersprüchlichkeit, wenn etwa „Last Call“ ein insgesamt heiter swingendes Stück ist, „I miss You“ getragene Dramatik verheißt.

„In a silent mood“ ist eine CD, die beim wiederholten Anhören gewinnt. Dennoch: Manchmal – ihr Bild vor dem geistigen Auge – wünscht sich der Zuhörer, dass die virtuos spielende Künstlerin mit etwas wirklich Wildem und Aufrührendem herausplatzt

Klaus Mümpfer
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Saltacello
Rosenzeit
fin
etone 8012

"Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte" - gibt es Schüler, die nicht wenigstens die ersten zwei Zeilen des Mörike-Gedichtes im Gedächtnis behalten haben? 

Am 9. September kann Eduard Mörikes 200. Geburtstag gefeiert werden. 

Die Formation SaltaCello macht ihm mit ihrer CD "Rosenzeit" ein besonders schönes Geschenk. Vorwiegend die Liebesgedichte Mörikes wurden vom Cellisten Wolfgang Schindler neu vertont. Zu SaltaCello gehören neben Wolfgang Schindler, Peter Lehel (sxs,cls,fl), Mini Schulz (b), Herbert Wachter (dr), Peter Schindler (p), auf dieser Aufnahme ergänzt durch die Sängerin Sandra Hartmann und den Gitarristen Dieter Fischer. 

"Chansons nach Gedichten von Eduard Mörike" ist der Untertitel der CD und es liegt in der Natur der Sache, daß Gesang und Vortrag auf dieser CD eine überragende Rolle spielen. Mit Sandra Hartmann hat SaltaCello eine eine grandiose Interpretin der Gedichte gefunden. Sie lotet das Spektrum der Texte aus, singt mal mädchenhaft fröhlich, meist sensibel und behutsam, dann wieder voller Leidenschaft. Wolfgang Schindlers musikalische Umsetzung ist so gelungen, daß man eigentlich nur staunen kann, wie sich die moderne Musik den alten Texten anschmiegt. 

Von den weiteren Musikern mag ich keinen besonders herausheben, sie sind alle exzellent. Daß ich es mit Peter Lehel trotzdem tue mag man mir nachsehen. Er war der erste Musiker mit einer Site auf den Jazzpages und seine Entwicklung konnte ich seit 1997 daher etwas intensiver verfolgen. Es ist faszinierend, mit welcher scheinbaren Mühelosigkeit er sich mittlerweile alle Spielarten von Jazz bis zur Klassik erschlossen hat. Daß er genauso stilsicher lateinamerikanische (diese Platte ist BTW hervorragend ;-) oder ungarische Musik spielt, wie er Coltrane interpretiert oder eben auch glaubwürdig Mörike begleitet ist bemerkens- und vor allem hörenswert. Seine Website findet sich hier.

fs
j a z z @ j a z z p a g e s . c o m 

 

André Nendza Quartet feat. Thomas Heberer
Wild Open Rooms
CYM 08 (Crecycle Music)

Das Solo des Bassisten und Komponisten André Nendza in „Aero“ zählt neben den perlenden Pianoläufen von Hendrik Soll zu den dem Mainstream nahen Passagen in den aufregend dichten und komplexen Kompositionen dieser CD. Nendza und seine Mitmusiker malen mit Klangfarben flächige Sounds, von denen sich die Soli abheben – die aber auch als kollektive Kunst alleine stehen. Stilistisch bewegt sich das Quartett zwischen zeitgenössischem europäischem Jazz und Avantgarde, mit pulsierenden Metren, schwellender Intensität und harmonischen Reibungen. Die Kompositionen sind durchdacht in ihren Strukturen und der Dramaturgie, wirken aber nie kalt, sondern ausgesprochen emotional.

Fast vertrauten Klängen werden zerfasert, auseinander genommen und verdichten sich wieder wie etwa in dem bezeichnenden „Circulation“. Bemerkenswert sind die kurzen „transits“. Im vierten zeigt Nendza, was er an Klängen einem gestrichenen Kontrabass entlocken kann.

Das Schlagzeug von Christoph Hillmann treibt unaufdringlich voran, das Saxophon von Claudius Valk blubbert und schreit und immer wieder erhebt sich die Trompete von Thomas Heberer in die lichten Höhen eines stechend klaren High-Note-Spiel. Sonore Balladen-Linien sind in den Kompositionen ebenso zu finden, wie expressive überblasene Läufe. Eine solch dichte Musik ist in einem Quintett zu  realisieren, wenn sich alle auf gleichermaßen technisch und spirituell hohem Niveau finden. Und das ist bei Nendza, Valk, Hillmann, Soll und Heberer der Fall.

Klaus Mümpfer
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Daniela Nardi Trio
One True Thing
minerva road min002


Schublade auf: Schwierig - welche denn? Eine "richtige" Jazzplatte ist das Debutalbum der Kanadierin Daniela Nardi sicher nicht. Also gut - ich lege es in die Schublade "intelligentes Pop-Album". Intelligent, weil es jazzige, folkige, poppige Elemente und gelegentlich sogar ein gewisses Blues-Feeling in einer wohl ausbalancierten Weise mischt und weil Daniela Nardi mit ihren Mitmusikern, dem Bassisten Steve Bright und dem Drummer Larry Crowe eine CD eingespielt hat, die in jedem Stück ihre ganz eigene Handschrift als Komponistin, Texterin und Arrangeurin in die Musik trägt. Es ist erstaunlich, mit welch einer scheinbaren Mühelosigkeit Daniela Nardi ihre erste "offizielle" CD bereits als derart geschlossene, reife Einspielung vorlegt. Sie hat das Album selbst produziert und daß harte Arbeit in der Scheibe steckt, zeigt die Vorbereitungs- und Produktionszeit von einem Jahr. 
Aus dem Nichts kommt das Trio allerdings nicht. Die Musiker spielen schon seit 1998 zusammen und für die Aufnahmen wurden eine Reihe namhafter kanadischer Mitspieler engagiert. Besonders der Harp-Player Tortoise Blue gibt den meisten Titeln den letzten Schliff. Diese exzellente CD lässt für die nächsten Werke Daniela Nardis - egal in welche Richtung sie gehen mag - in jedem Fall hörenswertes erwarten.

fs
j a z z @ j a z z p a g e s . c o m 

 

Matthias Frey and friends
Oriental Voyage
Zyx Music NFX 20008


Die Liebe zur Romantik und Impressionismus, dem Wohlklang, zum Mystischen und Exotischen, aber auch die Lust am Experimentieren hat die Musik des Pianisten Matthias Frey schon immer geprägt. Das war bereits vor 25 Jahren im Trio mit Wolfgang Tiepold (Cello) und Michael Thierfelder (Percussion) (und im Quartett mit  Lang) so, das blieb später in den Begegnungen mit Trilok Gurtu sowie im Zusammenspiel mit Tiepold und Christoph Haberer, im experimentellen Treffen mit Bernd Konrad (Saxophon) und Ferdinand Försch (Percussion, Cello) oder aber mit Ramesh Shotham (Percussion) und Alexander Cherdrom (Keyboards).  Matthias Frey ist unverwechselbar, bleibt sich treu, ohne abgedroschen zu wirken.

Der Begriff „Weltmusik“ ist inzwischen der vielen misslungenen Versuche wegen, fast schon ein Schimpfwort. Glücklicherweise gibt es aber auch Musiker wie den Saxophonisten Charlie Mariano und eben Matthias Frey, der dieses Mal assoziierend und lautmalend sich von den Mythen des legendären Verbindungsweges zwischen Orient und Okzident inspirieren lässt. Diese Eingebungen schlagen sich in elf Kompositionen wieder, die dem Zuhörer seltsam vertraut vorkommen, aber dennoch fern jeglicher Klischees in ihren Klangfarben und Rhythmen faszinieren.

Die mal verträumt, mal flink perlenden Pianoläufe von Matthias Frey, das singende Spiel auf Flöten, Bambusflöten Saxophon und Klarinette von Büdi Siebert, der lyrische Klang der Oud von Basem Darwish-Schürmann, die tänzerischen und exotischen Rhythmen des Percussionisten Can Yoldas sowie das filigrane Gitarrenspiel Michael Lückers formen Klangkörper von fremdländischem Reiz und archetypischen, weltumspannenden Sounds. Einem langsamen und meditativen Stück wie „Taklan Makan“ folgt eine beschwingte Komposition wie „Market of Kashgar“ mit Oud-Solo.

Hier ist die Weltmusik eine globale Muse, die sich nicht anbiedert.

Klaus Mümpfer
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Misha Alperin
Blue Fjord
Jaro 4249-2

Die Musik sei Ausdruck einer unerklärlichen Nostalgie für die Zukunft, erklärt der Pianist Misha Alperin. Vielleicht habe er aber auch nur geträumt, wie er schon immer sein Leben geträumt habe. Jedenfalls passt diese Aussage vorzüglich zu „Poem“, der einleitenden Komposition auf der CD „Blue Fjord“, einer Sammlung pianistischer Preziosen, kammermusikalischer Kabinettstückchen aus den frühen 90er Jahren. Misha Alperin verbindet die Emotionen der ukrainischen Heimat mit der nordischen Folklore Norwegens, wo er ein zweites Zuhause fand. Unbekümmert  ist sein Umgang mit der Folk-Tradition und der Klassik, bruchlos pendelt er zwischen Keith Jarrett und Chick Corea, Mussorgsky und Strawinski.

Misha Alperin ist ein percussiver Pianist. Jeder Ton scheint präzise gesetzt und doch improvisiert er völlig frei. Mit präzisem Anschlag stuft er fein dynamisch ab. Suchende und hingetupfte Single-Note-Linien stehen neben wuchtigen Akkordschichtungen, lyrische Läufe neben ostinaten Melodiefragmenten. Furiose Toccaten neben schlichten Balladen. Insgesamt sind die Klangfarben impressionistisch getönt. In seinem letzten Stück der CD verrät der Pianist seine Verehrung für Bill Evans – was nicht in Gegensatz zu seinem percussiven Spiel steht. Andee Titel sprechen für sich: „Ostinato in 7/8“ und „Similar to Mazurka“.

Die Kompositionen des nordisch geprägten Russen sprechen von der Suche nach Schönheit, sind Widerspiegelung des Bemühens, sich selbst in Harmonie mit der Welt zu sehen. Intellekt und Intuition befinden sich in Balance.

Klaus Mümpfer
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Conny Kollet
Schieß mich auf den Mond
Rodenstein Records

 

"Fly me to the moon" wird zu "Schieß mich auf den Mond" -  so elegant übersetzt wie der titelgebende Song der CD sind alle neu betexteten Standards die Conny Kollet mit Ihrer Gruppe zum Besten gibt.  Sie dankt im Booklet Caterina Valente und Manfred Krug und tatsächlich atmet diese CD den Geist dieser Vorbilder: unaufdringliche Musik, im Vordergrund die klare Stimme.  Als "Easy listening" darf man diese CD wohl schon bezeichnen. Daß sie nicht ins Seichte abdriftet, dafür sorgen die hervorragenden Musiker, allen voran Conny Kollet, die ebenso makellos wie unprätentiös ihre ironischen Lieder singt. Gelungen ist die ganze Produktion, denn auch Cover, Typografie und Fotografie passen zum kleinen Zeitsprung in die 50er Jahre...

fs
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Gregor Hilden
Blue Hour
Acoustic Music


Seit 1994 überrascht der aus Münster stammende Gitarrist Gregor Hilden in regelmäßigen Abständen mit erstklassigen Blues-Jazz-Soul-Produktionen. Sein aktuelles Werk „Blue Hour“ liegt gerade im CD-Regal.

Die Blaue Stunde – Atmosphäre vor einem Sonnenaufgang und nach einem Sonnenuntergang.

Treffend! Die Bandbreite von „Blue Hour“ zeichnet genau dieses Bild. Eine Mischung aus jazzigem Blues, souligem Jazz und bluesigem Soul. Also, eine bunte Palette frischer Songs. An stilistischer Vielfalt kaum zu überbieten. Unverfälschtes Gitarrenspiel, mal belebend mal entspannt, mal groovy und pulsierend.

Soviel als Einstieg. Nun geht’s ins Detail. 11 Titel, u.a. Cover-Versionen von Miles Davis (Milestones), Benny Goodman (Flying Home), Marvin Gayes „Inner City Blues“ und Al Greens „I Loved Another Woman” konkurrieren mit Eigenkompositionen aus der Feder Hildens. Dabei stechen jedoch fraglos die Titel mit den beiden Sängern Johnny Rogers und Stevie Woods hervor. Gut geölt und geschmiert dreht sich das vocale Räderwerk. Ohne Kompromisse steuert Hildens bewährte Rhythmustruppe, bestehend aus Thomas Hufschmidt (Gitarre), Sascha Oeing (Bass) und Dirk Brand (Drums) den nötigen und unverzichtbaren Groove bei. Gastmusiker: u.a. Tommy Schneller (Saxophone), Christian Kappe (Trumpet) und Horst Bergmayer (Organ)

Fazit: Alles in allem ein ausgewogenes Album. Besonders geeignet für Liebhaber des Jazz, Soul und Blues.

Rainer Molz
RainerMolz@aol.com 

 

Nils Langren Funk Unit – Funky Abba
ACT/Edel Contraire

 

Man nehme: eine Handvoll Abba-Songs, mische diese einmal kräftig durch, knete den Sound-Teig ordentlich von links nach rechts, setze hier und da noch ein wenig Jazz und Funk als Geschmacksverstärker zu und fertig ist ein Album-Kuchen der Spitzenklasse.

Nils Landgren gehört seit Jahren zur ersten Garde des europäischen Jazz. Der Weltklasse Posaunist versteht es nicht nur mit Sounds unterschiedlicher couleur zu jonglieren, er beweist auch ein gefühlvolles Händchen in Sachen Interpretation. Seiner freundschaftlichen Verbindung zu Abba-Gründungsmitglied und Pianist Benny Andersson ist es zu verdanken, das 30 Jahre Abba-Mania nun in eine neues Licht gerückt wird.

„Funky Abba“ – schon wieder ein Cover-Album? Weit gefehlt!  Andere mögen in den letzten Jahren sang- und klanglos an Abba-Klassikern gescheitert sein; man erinnere sich an geistlose Dance-Versionen der A-Teens. Nils Landgren dagegen vermag unvergessenen Songs Würze zu verleihen. Er würde seinem Namen keine Ehre erweisen, Abba-Songs einfach nur pur nachzuspielen. Vielmehr stattet Nils Landgren die Welthits der schwedischen Formation völlig neu aus. Er versteht es, den Meilensteinen des Pop seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Dies geht sogar soweit, dass man erst nach längerem hören das Original erkennt.

Kein Fall von Retorten-Täuschung! Ein Tribut neuester Zeitrechnung. Funkige Groove-Elemente ziehen sich durch die 12 Songs der Kult-Formation von einst. Hier und da spielt etwas Retro mit, Rap-Einlagen verfeinern, Jazzharmonien versüßen die Mischung. Erfrischend anders!

Ein Highlight: Bonus-Track „When All Is Said And Done“ – mit Benny Andersson am Piano – Tempotaschentuch Nummer. 

Fazit: Bauchschmerzen ade! Wer Lust und Laune verspürt, sich der Abba-Mania mal von einer anderen Seite zu nähern, dem sei „Funky Abba“ ans Herz gelegt. Eine würdige Referenz an zeitlose Pop-Songs der vier unvergessenen Schweden. Thank You For The Music!

Rainer Molz
RainerMolz@aol.com 

 

Julia Hülsmann
Come Closer
ACT


Seit 1994 überrascht der aus Münster stammende Gitarrist Gregor Hilden in regelmäßigen Abständen mit erstklassigen Blues-Jazz-Soul-Produktionen. Sein aktuelles Werk „Blue Hour“ liegt gerade im CD-Regal.

Mr. Newman – Zyniker vor dem Herrn, Das böse Genie, Der Understandmen Gentleman – is back!

Diesmal stellen wir jedoch kein eigenes neues Werk des Künstlers vor, sondern vielmehr eine Hommage an den unvergessenen amerikanischen Songwriter. Das dies ohne weiteres im improvisierten Jazz-Style möglich ist, dafür sorgt die in Berlin lebende Pianistin Julia Hülsmann. Schon in frühester Jugend, quasi in der Klavier-Lern-Periode, vielen Julia Hülsmann zufällig Noten dieser seltsamen Type Randy Newman in die Hände, von denen sie bis heute nicht mehr lassen konnte. Anstatt sich klassischen Konzerten zu widmen, sog sie Randys Songs vorbehaltlos ein. Der Beginn einer langen Liebesgeschichte.

Mit „Come Closer“ veröffentlicht Julia Hülsmann nun ihre persönliche Lovestory. Mit im Gepäck Marc Muellbauer am Bass, sowie Heinrich Köbberling am Schlagzeug. Das Projekt vervollkommnt Anna Lauvergnac – Vienna Art Orchestra – am Gesang. Unvergleichlich ihre Stimme; rau, rockig, mit sanftem, kratzigem Timbre impliziert. Dies wirkt sich exzellent aufs Gesamtbild aus. Auch wenn wir eher die Jazzschiene befahren, so finden sich, trotz gepflegtem improvisiertem Spielwitz, immer mal wieder Elemente aus Folk-Rock und Boogie, ferner eine Reihe Balladen. Dank Julia Hülsmanns galantem Spiel am Fender Rhodes Piano, werden nicht nur die Geschmacksnerven wahrer Jazzpuristen gekitzelt, auch Liebhaber anderer Genres finden einen hervorragenden Einstieg ins Jazzfach.

Ein kleines Manko: Die Eigenkomposition „Come Closer“ wäre nicht nötig gewesen. Undiskutabler Text etc. pp.

Fazit: Julia Hülsmann führt Regie und hält das Script in Händen; an den Kameras zwei weitere exzellente Musiker; im Scheinwerferlicht, ohne jedoch erstgenannte vergrämen zu wollen, Anna Lauvergnac. Des Meisters berühmte Songs gehen unter die Haut. „Keep The Spirit Of Randy Newman´s Music”.

Rainer Molz
RainerMolz@aol.com 

 

Giuseppe Pino – Love My Jazz
ear BOOKS / edel CLASSICS

 

Ein Augen- und Ohrenschmaus zugleich ist “Love My Jazz”. In erster Linie ein Photobildband, fest gebunden und ordentlich gedruckt im Format 29x29 cm und zudem finden sich in der ersten Umschlagsseite vier Sampler-CDs, thematisch geordnet nach Blues & Classics, Swing & Joy, Bop & More und Soft & Cool, alles Musik aus dem Katalog von ZYX. Also aus verschiedenen Quellen, vieles im Original von Fantasy oder Pablo. Durchweg exzellente Musik bekannter (im Bildband abgebildeter) Jazzmusiker, überwiegend Klassiker in eher unbekannten (Live-)Versionen.

Die Bandbreite der Musik – und ja, das Konzept geht auf: CD in den Player, gemütlich hinsetzen und die Photos genießen – entspricht dem photographischen Ansatz Pinos. Im Buch finden sich Bilder über rund drei Jahrzehnte von Mitte der 60er Jahre bis in das Jahr 2000. Der Schwerpunkt liegt bei Aufnahmen aus den 70ern. Die Namen der Abgelichteten aufzuzählen ist müßig, es sind unzählige von Rang und Namen dabei. 

Phototechnisch scheint Giuseppe Pino keine Vorlieben zu haben: Schwarz-Weiß-Aufnahmen neben Farbbildern – Kleinbild vorwiegend aber auch Mittelformataufnahmen – Bildgrößen und Formate bunt gemischt - „komponierte Portraits“ wenige, Schnappschüsse viele. Die Vielfalt des Jazz auch ein Grundprinzip in der Gestaltung dieses Photobandes.

Photographisch steht für Pino immer der Augenblick im Vordergrund. Ausdruck ist ihm wichtiger als Bildschärfe und wenn der entscheidende Moment stimmt, stören auch keine ins Bild ragende Mikrophone. Die Zusammenstellung der Bilder besticht spätestens auf den zweiten Blick mit ihrer sorgfältigen Anordnung. Meist korrespondieren die Bilder der Doppelseiten in manchmal fast schon surrealistisch anmutenden Kombinationen. Wenn Duke Ellington und Dexter Gordon in zwei ansonsten völlig unterschiedlichen Bildern durch einen gemeinsame Geste eine Brücke zwischen den Seiten schlagen zeigen sich Regie und skurriler Humor des „Art Directors“ Pino.

Oft fängt er „seine“ Musiker in heiteren Momenten ein (klappt natürlich nicht immer, es gibt auch notorisch mürrisch blickende Musiker...) in denen auch die Kommunikation zwischen Musiker und Photographen Teil des Bildes ist. Der Titel „Love my Jazz“ spiegelt sich allerdings in allen Aufnahmen wider, denn Pino gelingt es, die Konzentration und die (Lebens-)Freude der Musiker aber auch die Flüchtigkeit von Momenten in seinen Bildern einzufangen. Sein wacher Blick für kleinste Details und die Magie des Moments in seinen Bildern lassen mehr als erahnen warum Jazz die lebendigste aller Musikformen ist.

fs
j a z z @ j a z z p a g e s . c o m 

 

Laura Fygi
„Live At North Sea Festival” DVD
Emarcy / Universal 06024 – 9811207 6

Laura Fygi zählt zu jener Generation von Jazz-Sängerinnen, die mit Hingabe, Einfühlungsvermögen und einer ausdrucksstarken Stimme in die Fußstapfen der großen Jazz-Ladies Ella Fitzgerald, Peggy Lee und Julie London getreten sind. Mit Erfolg, wie die gelungene Aufzeichnung eines Konzertes beim North Sea Festival 2003 belegt. Das Konzert war mit 1 700 Zuhörern ausverkauft. „Das hat mir einen Wahnsinns-Kick gegeben“, sagt die holländische Sängerin Laura Fygi im Interview. Das ist selbst in dem Mitschnitt zu spüren, der von guter Bild- und Tonregie zeugt.

Laura Figy hat ihr Publikum vom ersten Ton an im Griff, animiert es unaufdringlich zum Mitschnalzen, begeistert an wahre Diva im extravaganten Designer-Outfit.

Ein Glück, dass die Stimme mit dem äußeren Erscheinungsbild mithalten kann. Perfekte Phrasierung, großes Volumen, raffinierte Eleganz und Ausdrucksstärke kennzeichnen die Interpretation von Standards wie „Les Feuilles Mortes“ (Autumn Leaves), „Diamonds Are A Girl´s Best Friends“ oder „I Get A Kick“ sowie von brasilianischen Jobim-Kompositionen wie „Triste“ und „Corcovado“, zu denen die Holländerin, die einige Jahre in Uruguay gelebt und dort die prägende Begegnung mit dem Jazz erlebt hatte, eine besondere Beziehung pflegt. 18 Lieder singt sie in diesem Konzert, bezaubert das Publikum mit Small Talk, flirtet mit der Kamera und tanzt ausgelassen auf der Bühne.

Sie bereite sich nicht sonderlich auf Konzerte vor, sagt Laura Fygi im Interview. Schließlich arbeite sie mit dem Pianisten und musikalischen Leiter Hans Vroomans, dem Bassisten Aram Kersberger, dem Gitarristen Maarten van der Grinten, dem Schlagzeuger Marcel Serierse und dem Saxophonisten Jan Menu schon seit zehn Jahren zusammen. Dass dennoch das Spiel der Band nicht zur Routine erstarrt ist, dazu trägt wohl auch die Sängerin bei.

Vorbildlich sind die Möglichkeiten der DVD genutzt. Neben der Konzertaufzeichnung und dem Titel-Verzeichnis gibt es eine Fotogalerie, eine unplugged Version von „Rhythm Is Our Business“ in der Garderobe, Szenen Backstage, von denen allerdings die eine odere andere etwasaufgesetzt wirkt, sowie ein informatives Interview.

Klaus Mümpfer
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Frank Spaniol Quartett
Acoustic Jazz
Rodenstein-Records Weinheim, ROD 11

„Acoustic Jazz“ nennt der Saxophonist Frank Spaniol seine neue CD im Quartett mit Markus Bodenseh am Bass, Sebastian Merk am Schlagzeug sowie dem Pianisten Ulf Kleiner – sowie in zwei Trio-Stücken ohne Piano. Die Musiker beweisen mit dieser akustischen Einspielung in bester Bebop-Tradition, dass Jazz auch ohne elektronischen Schnickschnack zeitgemäß sein kann.

Die Kompositionen von Spaniol, Bodenseh, Merk und Kleiner bewegen sich zwischen balladesker Kammermusik und nervöser Energie. Der Sound ist kompakt, das Saxophon zwar tonangebend, aber nicht vordrängend. Das Schlagzeug lässt die Musik grooven – wie in der Merk-Komposition „Lost Highway“ im Wettstreit mit dem näselnden Sopransaxophon vor einem perlenden Geschwindigkeitslauf auf dem Piano. Der Bass läuft solide an der Basis, belegt aber in der Einleitung von „Akurstik“, dass Bodenseh solistische Qualitäten mit reizvollen harmonischen Wendungen besitzt. Das Piano besticht mit unauffälliger Melodieführung sowie –begleitung.

Die Musik des Quartetts und Trios baut rhythmisch dichte Spannungsfelder auf, kann aber auch wie in „Searching“ mit gehauchter Sanftheit auf dem Saxophon einherschreiten – im lyrischer Verträumtheit mit dem Single-Note-Spiel auf den Tasten und einem melodischen Solo-Lauf auf dem Kontrabass. Eine hörenswerte Einspielung.

Klaus Mümpfer
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Matthias Daneck´s N.O.W.
Das Narrenschiff
Factory Outlet Records,Vertrieb Jazz-Network 2004-1

 

So klingt es, wenn das 15. und das 21. Jahrhundert zusammentreffen. Da geht es tänzerisch beschwingt und eigensinnig zu, da schleppen sich Sounds träge dahin, buhlt die Musik im Balladenfeeling, schreien Gitarre und Saxophon schrill wie Spottvögel.

Sebastian Brant´s „Narrenschiff” aus dem Jahr 1494, ein satirisch-typologisches Versgedicht, zählte zu den beliebtesten Bücher seiner Zeit. Der Dichter und Jurist klagte mit seinen Figuren, die auf dem Schiff und der Suche nach einem Paradies für Narren durch ihre Laster und Torheiten ums Leben kommen, die Dummheit, Boshaftigkeit und Gotteslästerlichkeit mittelalterlicher Stände an.

Auf ebenso eindringliche wie einfühlsame Weise hat der Komponist und Schlagzeuger Mattias Daneck die Verse in Musik umgesetzt. Und trotz des engen Korsetts der Programm-Musik finden Daneck, der Gitarrist Norbert Scholly, Bassist Henning Sieverts und Saxophonist Matthias Erlewein ausreichend Freiraum für Soloausflüge.

Das Quartett N.O.W. und Sprecher Norbert Küber erinnern in bestem Sinn an die Jazz-und-Lyrik-Produktionen von J.E. Berendt und anderen, die neben den deutschen Expressionisten bereits die Barockdichtung entdeckt hatten. Auch manche klanglichen Stimmungsbilder knüpfen an jene Produktionen an.

So entstehen musikalische Gedichte, in denen Saxophon und Gitarre sich duellieren, das Schlagzeug stupenden Rhythmusteppich webt oder und ungeraden Metren vorantreibt, der Bass in einem sonoren Lauf  begleitet. Sanfte Lyrismen wie in „Von Buhlschaft“ stehen neben expressiven, ungebundenen Ausbrüchen und mit einem spannenden Schlagzeugsolo – wie in „Eigensinn“. Vielseitig wie die Laster ist die Musik und dennoch wiederum so ansprechend, dass der Zuhörer in Versuchung geraten könnte, selbst zu sündigen. Diese CD ist mehr als eine Sünde wert.

Klaus Mümpfer
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Bernd Frank
Just Beatles – Variationen von Bach bis Reggae
Merkton, Vertrieb BMG, Best.Nr. 828 766 01262


Viele junge Pianisten würden gerne Jazz, Pop und Rock nicht nur nach Noten spielen, sondern auch über die Themen improvisieren wollen, sagt Bernd Frank. Der Musik-Professor der Mainzer Gutenberg-Universität bietet deshalb – so im Herbst an der Martin-Luther-Universität in Halle – Improvisationskurse von Barock bis Rock an. Interessenten können schon jetzt anhören, was sie erwartet: Von Bach bis Reggae – so der Untertitel – reichen die Stilvariationen, mit deren Hilfe Frank zehn ausgesuchte Beatles-Songs neu interpretiert hat. „Hey Jude“ klingt klassisch von Johann Sebastian Bach inspiriert, „Can´t buy my love“ swingt mit ostinaten Figuren in bester Boogie-Manier, „When I´m sixty-four“ mit seinen Bass-Akkord-Wechseln ist typisch für den Stride-Piano-Stil. „The long and winding road“ kommt ganz pop-inspiriert daher, „I feel fine” grooved so richtig in Funk-Jazz-Manier.

Dass die Beatles-Kompositionen für solche Stilverwandlungen geeignet sind, ist schon in den Originalen mit ihren klassischen, jazzigen und rockigen Elementen unüberhörbar.  Da Bernd Frank, Jahrgang 1949, zudem in seiner Jugend mit dieser Musik aufgewachsen ist, boten sie sich geradezu zur Demonstration für Solo-Improvisationen auf dem Flügel an.

Der Mainzer Jazz-Professor improvisiert einfallsreich und eigenwillig, kurzweilig und themengerecht. Der Text des CD-Heftchens ist so treffend, dass sich jede weitere Beschreibung erübrigt. Wer sich für die Beatles und Pop, Jazz und Boogie sowie Reggae und Latin begeistern kann, der wird an diesen Variationen viel Freude haben.

 

Klaus Mümpfer
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Autschbach Projekt
Under The Surface Live 2003
Rockjazz


Peter Autschbach erobert sich nicht nur gern musikalisch neues Terrain, sondern stürzt sich auch mit Begeisterung auf die vielfältigen Möglichkeiten der elektronischen Medien. Im Web demonstriert er das unter http://www.autschbach.com.  Dort findet sich die wahrscheinlich immer noch einzige deutsche Jazzmusiker-Website, die über eine Milliarde potentieller Musikhörer Chinas in ihrer Landessprache anspricht. 

Mit seiner DVD-Veröffentlichung ist er als Jazzmusiker wiederum ein Pionier, allzuviele Musiker haben sich dieses Mediums noch nicht angenommen.

Für manchen weiblichen Fan mag es ein bitteres Erwachen sein, daß Peter A. auf diesen 2003er Live-Aufnahmen gegenüber seinen wohl-nicht-mehr-ganz-aktuellen verbreiteten Fotos reichlich kurzhaarig geworden ist. Diese optischen Marginalien interessieren musikinteressierte Menschen natürlich eher weniger ;-)

Die Live-Musik auf dieser CD ist jedenfalls exzellent. Es ist vor allem das Material seiner aktuellen CD "Under The Surface", daß er für diese Aufnahmen in den Jazzclubs LYZ (Siegen - Heimspiel!) und beim Jazzclub in Kelkheim mit seiner aktuellen Band eingespielt hat. 

Originelle Kompositionen, manche mit wunderbar vertrackten Themen - so kennt man es von den Studioaufnahmen. Erfreulicherweise bringen Autschbach, Hendrichs, Fenwick & Bussi diese Musik auch lebendig und mit Spielwitz auf die Bühnen. Auch mit dieser DVD stellt Autschbach unter Beweis, daß er zur ersten Garde der Spezies "Rockjazz" - einem manchmal totgeglaubtem Genre - hier allerdings eindeutig mal wieder quicklebendig - gehört.

Die filmische Qualität der DVD ist durchwachsen. Hollywoodreife Kameratechnik und Regiearbeit sollte man und kann man nicht erwarten. So sind auch die beiden auf der DVD eingefangenen Sessions  von unterschiedlicher Qualität. Ausgerechnet beim Opener und Titelstück sind hektische Schnitte und nicht unbedingt vorteilhafte Kamerapositionen zu sehen. Die Aufnahmen aus dem Jazzclub in Kelkheim wirken deutlich gefälliger  - sowohl was die Beleuchtung als auch den etwas mutigeren Einsatz der Handkameras angeht. Als Dokumente des Weges eines Musikers, von dem man noch einige interessante Projekte erwarten darf, ist die DVD allemal ein lohnenswerter Kauf. Speziell für für Gitarristen dürften allerdings einige close-up Einstellungen des Griffbretts von besonderem Interesse sein, die optisch eindrucksvoll Autschbachs brilliante Technik vor Augen führen, das bemerkt sogar ein Gitarrenlaie wie der Rezensent.

fs

 

Oscar Klein
PICK-A-BLUES live
DVD jp 1071


Klein ganz groß mit einer kernigen Kern... 

Blues fürs Auge auf DVD – absolut live

 Bassist Jan Jankeje tat sich mit Oscar Klein und Katie Kern zusammen

 Pressfrisch liegt die erste DVD des in Weinsberg ansässigen Labels „jazzpoint records“ vor. Nach Vinyls und CDs gibt es jetzt Blues, Country und Jazz zum Sehen: „Oscar Klein - Pick-A-Blues - live“ nennt sich der fetzige Datenträger. Es handelt sich hierbei um einen von dem in Köln studierenden Felix Hassenfratz gefertigten Konzertmitschnitt am 11. Juli 2003 an der Kaufmännischen Schule in Öhringen. Dort feierten nämlich die „Wirtschaftsjunioren Heilbronn-Franken“eine musikalisch höchst unterhaltsame Geburtstagsparty.

Authentisch und „live“ ist nun nachzuerleben, wie der 1930 in Graz geborene Trompeter, Gitarrist und Mundharmonika-Spieler Oscar Klein lässig und souverän als Ansager und Musikant agiert. Klein kommt auf dieser DVD mal wieder ganz groß 'raus. Seit 1948 ist der Herr im feinen Marine-Look auf der europäischen Jazzszene aktiv, spielte bei der "Dutch Swing College Band" und beispielsweise mit Klaus Doldinger, Barbara Dennerlein und Romano Mussolini. Heute noch hat der Grandseigneur stets ein offenes Ohr für aufstrebende Talente.

Als Überraschung entpuppt sich so die junge Wienerin Katie Kern, die sich expressiv als von der Country-Music geprägte Gitarristin und als versierte Vokalistin präsentiert. Der gewitzte Heini Altbart, der dritte Österreicher im Bunde der Band, fasziniert durch ein fast zwanzigminütiges, geradezu atemberaubendes Schlagzeugsolo über den Ellington-Hit „Caravan“.

Seiner neuen Wahlheimat widmet der umtriebige, aus der Slowakei stammende Bassist (und Produzent) Jan Jankeje die beschwingte Komposition „Weinsberg, Dance With Me“. Bei „Mood“ brilliert der ungarisch-jugoslawische Pianist Chris Nemet als gewandter Komponist und kunstfertiger Improvisator.

Als Zusatzangebot enthält die DVD noch aufschlussreiche Interviews, die der hier auch als Standfotograf tätige Klarinettist Hans Kumpf mit dem im August 2001 gegründeten Quintett führte.

Zu erhalten ist die DVD – genauso wie die zuvor eingespielte gleichnamige CD – bei jazzpoint records, Postfach  1314, 74185 Weinsberg. Bestellmöglichkeiten bestehen auch im Internet über die Homepage www.jazzpoint.de.

 

Hans Kumpf
www.jazzpages.com/hkumpf.htm

 

Fessor´s Big City Band
Final Call
Storyville 101 4255


Mit dieser Einspielung aus den Jahren 2002 und 2003 hat Ole „Fessor“ Lindgreen sich und seiner Big City Band nach 35 Jahren Bandgeschichte ein hörenswertes Denkmal gesetzt. „Final Call“ nennt er die Aufnahmen, mit denen der dänische Posaunist seine Band Ende 2003 aufgelöst hat. Es ist ein Ruf, bei dem in seiner Endgültigkeit ein bisschen Bedauern mitschwingt, denn diese Form eines „modernen“ traditionellen Jazz kann begeistern.

 „Elith´s Farm“, ein ryhthmisch reizvolles Stück, vereint so alles, was ins Herz und den Unterleib zielt: eine percussive Eröffnung wie beim frühen Dave Brubeck, eine schöne warme Klarinette, elegant und swingend, einen spannenden Pianolauf, ein herrlich trockenes Posaunensolo, den satten Sound des Baritonssaxophons und den scharfen Trompetenklang sowie ein Orgelspiel voller Rhythm ´n´Blues und Memphis-Soul. Mitreißend auch die Ballade „Ferdinand“ – wie so vieles andere auf dieser Scheibe.  Zwölf Stücke, allesamt in der Tradition verwurzelt, aber offen für moderne Einflüsse  vom Blues bis Bebop, von karibischer Rhythmik bis zum heutigen New Orleans.

 Neben seinen exzellenten Bandmitgliedern hat Fessor drei Musiker, die erheblich zu dem interessanten Sound beitragen: den Violinspieler Kristian Jorgensen, den Klarinettisten Elith „Nulle“ Nykjaer und den Organisten Kjeld Lauritsen. Wer für untraditonellen traditionellen Jazz etwas übrig hat, sollte auf jeden Fall zu dieser CD

 

Klaus Mümpfer
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Christof Lauer
Heaven
Act 9420-2

Der Bassist Dieter Ilg hat alte Volkslieder auf überzeugende Weise in ein kammermusikalisch freies Jazzkleid gesteckt. Auf gleiche Weise ist nun dem Saxophonisten Christof Lauer gelungen, deutsche Lieder zu Weihnachten sowie nordische Volksweisen mit dem norwegischen Bläserensemble und seinen Tenor- sowie Sopransaxophonen neu zu interpretieren. „Kommet ihr Hirten“ swingt jazzig und gurgelt free. In „Joseph, lieber Joseph mein“ legt die Posaune einen rhythmischen Teppich unter die weit schwingenden, teileise überblasenen Saxophonlinien und die übrigen Bläser.  Elf Lieder erscheinen in ihren neuen Gewändern mit bizarren und zugleich vertrauten Klangfarben. Insgesamt meditativ und aufregend, lyrisch und herb, folkoristisch und sakral, ergreifend, aber nie kitschig fesselt diese Musik vom ersten bis zum letzten Akkord. Sondre Bratland und Rebekka Bakken passen sich in jeweils zwei Stücken (aus ihrer Heimat) vokal in die getragene, liturgische Choralstimmung ein. Klangbilder und Stimmungen, die auch nach dem Weihnachtsfest nicht von ihrer Faszination einbüßen.

Klaus Mümpfer
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The Louis Bellson Drum Explosion
Matterhorn
Pablo OJCCD-1096-2


Eifrige Konzertbesucher registrieren ein Phänomen. Den meisten Szenenapplaus erhält regelmäßig der Drummer während und nach einem ausgedehnten Schlagzeugsolo – selbst wenn die anderen Musiker viel besser sind. Auf der vorliegenden CD indessen trommelt ein Mann mit Händen und Füßen technisch und musikalisch so perfekt, dass er nicht nur den Applaus, sondern auch vollste Bewunderung verdient: Louie (oder Louis) Bellson.

In der „Matterhorn suite for drums and four movements“ treibt er mit höchster Energie zusätzliche Schlagzeuger und eine Big Band von 21 Musikern vor sich her, die mit  sattem Sound und präziser Satzarbeit seinem Schlagzeugspiel entsprechen.
Der Jazz in bester Mainstream-Pre-Bebop-Manier belegt, dass Bellson auch ein guter Komponist ist.

Natürlich lassen die Stücke dem Meister des Double-Bass-Drum-Spiels, aber auch sensibler Stick- und Besenarbeit reichlich Freiheit für seine unvergleichlichen Soli, die er denn auch weidlich nutzt. Auch dass er seinerzeit von Kollegen neidlos als der wohl schnellste Trommler anerkannt wurde, kann Bellson ebenso belegen.

Das zusätzliche „War Bird“ macht offenkundig, dass die Zeit bei Duke Ellington nicht ohne Spuren an dem Komponisten Bellson vorüber gegangen ist.

Technisch ist die Einspielung von 1978 vorzüglich remastered. Wer diese Musik und insbesondere Bellson mag, ist also bestens bedient.

Klaus Mümpfer
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Cannonball Adderley
75th Birthday Celebration
FANCD 6087-2  (3 CD volume set)


Musiker-Kollegen sprachen in den 50er Jahren von Cannonball Adderley als „einem neuen Charlie Parker“. In der Tat war der Saxophonist ein brillant und expressiv phrasierender Bebop-Spieler. Kritiker schrieben von vitalen und vituosen Improvisationen, lobten den Humor und das Feuer seines Spiels gleichermaßen. Auch als Entertainer bei seinen Live-Auftritten hatte Adderley unbestreitbare Fähigkeiten.

Ohne das Jazzcharakteristische zu verleugnen, hatte Adderley in seiner Nach-Miles-Davis-Phase auch bei einem jungen rockorienterten Publikum Erfolg mit einem funky sowie späteren soul-erfüllten Spiel.

All dies kann der Jazz-Fan in dem vorliegenden Dreier-Set  mit Einspielungen aus den Jahren 1957 bis 1960, aus den Jahren 1960 und 1961 sowie aus der Zeit 1962 bis 1975 nachvollziehen. Dazu gibt es ein 30 Seiten starkes Booklet mit einer informativen Lebensgeschichte des Künstlers sowie einer ausführlichen Discographie der 36 Stücke aus Pablo, Milestone, Jazzland und Fantasy Recordings.

Es beginnt mit „A Foggy Day“ vom 5. Juli 1957 (mit Nat Adderley an der Trompete) und endet mit einer offensichtlich nicht genau datierbaren Einspielung des Zawinul-Hits „Mercy, Mercy, Mercy“ aus dem März oder April 1975 (dem Todesjahr Adderleys), in der zwar immer noch Bruder Nat Adderley dabei ist, nicht aber der Komponist an den Keyboards sitzt, sondern Nach-Nachfolger Mike Wolf. Zawinul spielte 1961 bis 1970 im Quintett und ist in der mitreißenden „Jive Samba“ vom 15. Juli 1963 (neben einem virtuosen High-Note-Stakkato Nats und dem überblasenen Flöten-Solo Yusef Lateefs) zu hören.

Die inwzischen historischen Aufnahme sind sehr gut „remastered“. Das Dreier-Set ist ein Muss, an der dritten CD konnte ich mich bislang nicht satthören.

Klaus Mümpfer
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Jan Luley
Talking Solo
Guthoff Music, Best.Nr. 30083 (Luleymusic)


Seit 1999 ist Jan Luley Pianist der Barrelhouse Jazzband,  Deutschlands renommiertester Formation im traditionellen Jazz. Wenn er dann in deren Konzerten seine Komposition „Louisiana Café“ spielt, kürt das faszinierte  Publikum den schlacksigen jungen regelmäßig zum Liebling des Abends. Die rollenden Bässe des Linken und die verspielten Melodiefiguren der Rechten, der kreolische Rhythmus sowie das mitreißende Tempo reißen zu Beifallstürmen hin. Auf seiner neuen Solo-CD hat er - die Ausnahme unter den Soli - eine eher besinnliche Version mit dem Gitarristen Roman Klöcker eingespielt: Kreolisches Flair und der Geist von New Orleans, charakterisiert Luley zu Recht das Stück.

Ansonsten belegen die 14 Stücke die Vielseitigkeit des Pianisten. Boogie und Gospel, Swing und Stride-Piano – Luley ist ein Hans Dampf in allen Gassen von New Orleans. „Larry´s Groove“ wird seinem Titel ebenso gerecht wie der „Hurricane Boogie“. Der Sängerin Angela Brown, die Luley in früheren Jahren neben Mighty Flea Conners, Big Jay McNeely, Little Willie Littlefield, Louisiana Red oder Leroy Jones begleitet hat, widmete der Pianist ein sensibles Gospel-Medley. Und den Klassiker „Summertime“ versetzt er in eine völlig neue Stimmung.

In einigen wenigen Stücken wie „I´m walking“ singt Luley mit akzeptabler Stimme. Persönlich würde ich aber auf den Gesang verzichten. Als Pianist ist der Tastenkünstler um Klassen besser.

Klaus Mümpfer
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Enzo Rocco, Giancarlo Schiaffini & Ettore Fioravanti
Tuba Trio's Revenge
Caligola Records

rec./rel. 2003

Es gibt den Typ CD, den man gar nicht erst in den Player einlegen muss, um zu wissen, daß genau dies zu einem besondern Vergnügen werden wird. Die CD von Tuba Trio`s Revenge gehört in diese Kategorie. Das Vergnügen beginnt mit einem graphisch besonders schön gestalteten Cover und entpsrechendem Innenleben, farblich und graphisch gelungen und mit guten Fotos komplettiert. 

Dazu eine ungewöhnliche Besetzung mit Gitarre, Tuba und Drums und Titel wie "Il Paese dei Nasi", "Schrippentrappenkrantz" oder das warnende "Animali pericolosi" als hörappetitanregende Ankündigungen. Die Musik ist nicht weniger einfallsreich als die Titel - drei Individualisten, von denen jeder seinen Freiraum und alle klanglichen Möglichkeiten seines Instruments auslotet. Schiafiini an Tuba und Posaune nutzt dazu noch die Hilfe der "electronics". Kaum zu glauben, was an Witz, Ideen und Energie auf dem flachen silbernen Scheibchen namens Tuba Trio's Revenge zu finden ist

fs

 

Bartmes
Me We
fante records
www.bartmes.de
rel. 2003

Me We einlegen, die Lavalampe einschalten, schummriges Licht und tanzen. Psychedelische Muster im Rhythmus der Musik an die Wände projeziert - das dürfte das angemessene Ambiente für den angemessenen Hörgenuss der aktuellen Scheibe des Heidelberger Organisten Jo Bartmes sein. Aktuell? Auf jeden Fall, zwar ist hier der Sound der 70er immer präsent (erinnert ihr euch noch an die großflächig bunten Farmuster auf den Tapeten?) aber Bartmes und seine Musiker, unter denen sich z.B. Frank Spaniol (DePhazz), Dave The Eheik (Audiopharm) oder der Gitarrist Kalle Kalima befinden lassen es nicht bei Anklängen an die 70er. Das Ganze wird mit gemixt mit zeitgemäßem Drum'n'Bass, HipHop und Clubsounds, abgedrehte Soundcollagen inklusive. 

Außer dem groovigen Sound des Orgelmeisters selbst, ist dafür vor allem der einfallsreiche und druckvoll-federnde Bass von Sebastian Gramss (ja klar, der Underkarl-Gramss) verantwortlich. Mit Gramss hat sich Jo Bartmes schon vor zwei Jahren in dessen Tonstudio in Köln getroffen, die damaligen Aufnahmen waren der Grundstock für die nun vorliegenden Aufnahmen. Das Tüfteln über zwei Jahre hat sich jedenfalls gelohnt und knüpft mühelos an die schon bewiesene Klasse der vorherigen zwei Scheiben von Bartmes an (bartmes / organic). Wer bei dieser Musik ruhig sitzenbleiben kann, hat statt Blut Kühlmittel in den Adern .

fs

 

Hank Roberts & Wiggy Dog Boy
The Truth and Reconciliation Show
ITown Records
www.hankrobertsmusic.com
rec. 2002, rel. 2003

Tatsächlich, schon fast 20 Jahre alt ist eine der besonders geschätzten und gehüteten CD-Scheibchen in der Sammlung. 1984 erschien beim Label  JMT, immer für hervorragende und daher oft schwer verkäufliche CDs gut, die Aufnahme "Black Pastels" des Cellisten Hank Roberts. Hank Roberts war damals einer der einfallsreichsten Musiker der New Yorker Szene und auf dieser einen Platte hatte er so geniale Musiker wie Bill Frisell, Ray Anderson oder Joey Baron um sich versammelt. In jenen Jahren war er auch mehrfach live in Deutschland präsent, mit dem Arcado String Trio oder - besonders kurzweilige und beeindruckende Konzerte - als Solist. Und dann war er plötzlich mehr oder weniger verschwunden. Aus Deutschland sowieso aber auch in Amerika hatte er sich aus dem großstädtischen Musikbetrieb aufs Land verzogen. Sporadisch kamen zwar einige CD-Aufnahmen heraus, im großen und ganzen jedoch war er nicht mehr präsent. Trotzdem schaut man gelegentlich natürlich was denn die Jungs aus der "guten alten Zeit" ;-) so unternehmen und siehe da, der letzte Besuch auf der Website von Hank Roberts ist ein erfolgreicher. Ein witziges Cover und praktischerweise gleich 4 komplette Soundclips machen Appetit auf die komplette Scheibe ...

In die Jazzschublade ließ sich Hank Roberts schon vor 20 Jahren nicht stecken. Dazu war zuviel undefinierbarer Gesang, rockiges und dazu noch eine Prise Folk in seiner Musik. Mit  keiner mir bekannten Scheibe hat Roberts über die Jahre so konsequent an diese frühen Konzepte angeknüpft wie mit "The Truth and Reconciliation Show". Mit Cello, Bläsern, Gitarre, Keyboard, drums bass und Gesang, Hank als Sänger und Cellist selbst und einigen Sängerinnen hat er eine größere Besetzung zusammengestellt. Das ergibt in einigen Stücken den wuchtien Sound einer Mini-Big-Band, die allerdings eher nach Zappa als nach klassischem Jazz klingt. Eine CD für Jazz-Puristen ist The Truth and Reconciliation Show ohnehin nicht, dafür ist Hank Roberts zu vielseitig. 

Hat man sich gerade am fetten Sound der kompletten Truppe erfreut, überrascht er im nächsten Song nur mit Gitarre und Stimme. Freie Soundcollagen wechseln mit elegischen Cellopassagen und im folgenden Stück klingt gospelartiges aus Frauenkehlen. "This Quietness" groovt so lässig entspannt daher, als wäre es auf einem träge dahinfließendem Floß auf dem Mississippi aufgenommen und wie selbstverständlich wird ein Duo zwischen Cello und Koraspieler Diabate  eingeflochten. Hört sich alles nach einem ziemlichen Sammelsurium an? Ist es auch, und trotzdem klingt es nicht wie ein Patchwork, weil Roberts bei aller Bandbreite seinen ganz eigenen Stil, "hankrobertsmusic" eben, verwirklicht. 

Schön, einen alten musikalischen Freund wieder und neu zu entdecken. Welcome back Hank Roberts!

fs

 

FRAZZ
Annuals
Erhältlich übers Internet: post@cdpost.de und heidiaydt@web.de

Klagelieder, Liebeslieder, Kinderlieder. Wie eng liegt doch alles beisammen. Wie vertraut und zugleich fremdartig. Getragen und nachdenklich das "Wiegenlied für eine alte Katze", lebhaft und expressiv "Nöle", eine Komposition für eine pfiffige und nölende Katze. "Kosovo", die Klage über Krieg und Flüchtlinge auf dem Balkan ist ebenso traurig wie aufrührerisch. "Tasane maa", ein estnisches Tanzlied mit einer kindlich einfachen Melodie, fasziniert durch die Rhythmen.

Was die Pianistin Heidi Aydt und die Sängerin Jutta Glaser aus all diesen Material machen, ist so emotional anrührend und aufregend, weil die technische Vituosität dahinter so selbstverständlich wirkt.

Heidi Aydts Piano-Spiel besitzt die hymnische Kraft und Ausstrahlung, die auch bei Abdullah Ibrahim gefangen nimmt. Mal perlen die Läufe gradlinig aus den Tasten, dann stockt plötzlich der Fluss, die Melodie wird in ein paar Akkordgriffen aufgebrochen. Bruchlose Tempowechsel wie in "Tasane maa", spannungsreiche Ostinati und ein selbst im vertrackten "37" stets äußerst transparentes Spiel sind Beleg für eine gewachsene und gereifte Kunstfertigkeit. Und Jutta Glaser geht mit ihrer Stimme um, wie ein Künstler mit seinem Instrument. Sie nölt und faucht wie eine Katze, schleift die Töne, artikuliert in zerdehnten Vokalisen, reibt sich an Worten. Mit einer im Grund samten warmen Tonfärbung haucht und seufzt sie, zirpt oder schnattert. Diese Stimme verfügt auch ohne Worte über eine unbeschreibliche Ausdruckskraft – wie beim instrumentalen Einsatz im Verbund mit der Gitarre in "Golf", der Klage über die Not flüchtender Kurden nach dem Golfkrieg 1991.

Kraftvoll und treibend fügen sich der Schlagzeuger Erwin Ditzner und/oder der Gitarrist Jochen Seiterle ein – letzterer mit fulminanten Solo auch in "Why". Da wird die Frage zur Provokation.

Diese Scheibe kann süchtig machen.

Klaus Mümpfer
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fs=Frank Schindelbeck

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