Ein Bericht von Andy Großkopf
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Donnerstag, 12.10.2006 / 6:45h
Okay, das sind Berge, denke ich mir, als ich nach kurzem Schlaf aufwache,
aus dem Fenster des Flugzeugs sehe und im Landeanflug auf Kathmandu den
Himalaja in der Morgensonne sehen darf. Einer, wie ich, der im Voralpenland
aufwuchs und die Alpen als große Erhebungen kennt, wird vor Augen geführt,
wo das Wort „Erhebung“ seinen Ursprung hat! Was ich zu diesem Zeitpunkt noch
nicht weiß ist, dass vor mir sieben Tage voller solcher Eindrücke,
großartiger Musik und Zusammentreffen mit Musikern aus Nepal, Australien,
Frankreich, Israel, Norwegen, Venezuela, Kanada und den USA liegen.
Das seit
2002 stattfindende Festival gibt nicht nur uns Musikern die Möglichkeit
unseren Horizont zu erweitern und ein außergewöhnliches Festival miterleben
und mitgestalten zu können, sondern auch der nepalesischen Bevölkerung,
zumindest einmal im Jahr Jazzkonzerte besuchen zu können. Es gibt in Nepal
nur sehr wenige Jazz-, Rock- oder Pop-Konzerte. Vermutlich könnte sich auch
kaum einer die Tickets leisten. Ein Großteil der Menschen ist arm aber
dennoch voller Lebensfreude, Freundlichkeit und von überwältigender
Begeisterung für die Musik.
Diese Freundlichkeit und Freude schlägt sich auch sofort auf uns Musiker
nieder und ich fühle mich, nicht nur aufgrund des Spitzenhotels, in dem ich
untergebracht bin, pudelwohl in dieser Stadt, die man eigentlich nur als
riesengroßes buntes Chaos bezeichnen kann. Auf der Fahrt vom Flughafen zum
Hotel war ich froh, dass ich im Auto saß und eine Menge Blech um mich herum
hatte, nichts ahnend, dass ich am Abend durch diesen Verkehrsdschungel mit
dem Motorrad chauffiert werde!
Das erste Konzert fand am Nachmittag auf dem Durbar Square im Zentrum
Kathmandus statt. Der Durbar Square ist eingerahmt von diversen Tempeln und
historischen Gebäuden. Circa 3.000 Zuhörer nahmen ebenjene Tempel, bzw.
deren Treppen und die Dächer der umliegenden Häuser in Beschlag, um uns
Musikern bei der Arbeit zuhören, zusehen und frenetisch feiern zu können.
Hier traf ich auch die meisten meiner Kollegen zum ersten Mal, vor allem die
mich die ganze Woche über musikalisch begleitende Band „Cadenza“ aus
Kathmandu.
Nach dem Konzert blieb kurz Zeit für ein schnelles Abendessen im Hotel. Am
Abend bereits angesprochener Motorrad-Ritt durch Kathmandus Verkehrschaos
zum einzigen Jazzclub der Stadt, dem „Upstairs“. Eigentlich sieht das
Upstairs aus, wie jeder andere Jazzclub auch, nur dass dieser auch als
Proberaum, für die meist öffentlichen Proben meiner mich begleitenden Band
„Cadenza“ fungiert. Mit den Musikern (Pravin Chhetri – Bass, Navin Chhetri –
Drums und Rajat Rai – Gitarre) verstehe ich mich nicht nur musikalisch von
Anfang an blendend.
In Nepal gibt es keinerlei musikalische (Profi-) Ausbildung, was moderne
Formen der Musik, wie Jazz, Rock oder Pop anbelangt. Meine Mitmusiker haben
sich ihre Fähigkeiten, die denen hiesiger Profimusiker in nichts nachstehen,
komplett selbst, nur durch das Hören der entsprechenden Musik beigebracht.
Wahrscheinlich sind sie gerade deshalb mit so großem Enthusiasmus und Freude
bei der Sache. Wie so vieles in Nepal basiert das Festival ausschließlich
auf privater Initiative einiger Weniger, wie z.B. Navin Chhetri, der nicht
nur die Schlagzeugstöcke, sondern auch die komplette Organisation des
Festivals in der Hand hat.
Freitag, 13.10.2006
Der zweite Tag begann mit einer zweistündigen morgendlichen Busfahrt quer
durch die nepalesische Hauptstadt zum nächsten Veranstaltungsort, dem
„Gokarna Golf-Resort“. eine schnieke Hotelanlage, sicherheitstechnisch
hermetisch abgeriegelt.
Kaum angekommen, gab’s erstmal was zu essen. Denn das leibliche Wohl der
Musiker, war den Veranstaltern offensichtlich besonders wichtig, wogegen ich
natürlich nichts einzuwenden hatte!
Das Konzert am Abend trug den Titel „Gokarna Jazz Bazaar“. Alle Musiker, die
am Festival teilnahmen traten hier auf. Darunter waren Musiker aus
Frankreich, Venezuela, Israel, Kanada, USA, Norwegen, Australien, eine
nepalesische Jazz-Rock-Band und eine nepalesische Band, die die
traditionelle Musik des Landes präsentierte. Stilistisch ein echter Basar,
der den ca. 1.000 Zuhörern zu gefallen schien. Wie die ganze Woche über und
bei jedem Konzert, wurde auch dieser Abend zu einer großen Party, die mit
einer Jam-Session endete. Das Medien-Interesse war hier, wie auch bei allen
anderen Konzerten riesig. In ganz Kathmandu gab es wohl auch keine
Werbefläche mehr, auf der das Plakat der „Biggest Jazz-Party in the
Himalayas“ fehlte.
Samstag, 14.10.2006
Auf dem Programm stand an diesem Tag die „Peace Parade“, denn das Festival
stand unter dem Motto „Music for Peace“. Treffpunkt war der Jazzclub
„Upstairs“. Da, wie immer, der Zeitplan schon nach kürzester Zeit nicht mehr
einzuhalten war, hatte ich die Gelegenheit, mich mit den anwesenden
buddhistischen Mönchen, die auch an der Parade teilnahmen über ihre Musik
und Instrumente zu unterhalten. Als mein kanadischer Saxofon-Kollege
Francois einem der Mönche sein Saxofon zum Ausprobieren anbot, nahm dieser
dankend an und brachte tatsächlich auf Anhieb einen Ton heraus. Sehr zur
Freude seiner Kollegen!
Die Strecke der „Peace Parade“ führte uns ca. einen Kilometer durch eine
Hauptstraße Kathmandus, vorbei an der Bevölkerung, deren Staunen binnen
Kürze in überschwängliche Freude umschwenkte. Beim anschließenden
Musiker-Gruppenfoto hatte plötzlich jeder Musiker auch irgendein Kind an
seiner Seite, dessen Eltern ihm wiederum irgendeine Tröte oder Trommel in
die Hand gedrückt hatten, um dann auch ein Erinnerungsfoto machen zu können.
Am Abend stand für mich eine Probe auf dem Programm. Zusammen mit Cadenza
und zwei traditionellen nepalesischen Musikern an Tabla und Esraj probten
wir für das Konzert „Jazz at Patan“ am Montagabend. Wir erarbeiteten eine
etwas andere Version des Duke Ellington-Klassikers „In a sentimental mood“.
Es war wie immer eine Freude, mit Musikern zusammen zu arbeiten, die
vorurteilsfrei und vor allem ohne Bedenken an eine neue Sache herangehen.
Wir haben uns getroffen, begrüßt, die Ohren geöffnet und gespielt.
Sonntag, 15.10.2006
Juhuuu … Sonntag … ausschlafen … dachte ich. Abin, mein persönlicher
Band-Supervisor versprach, mich pünktlich um 9:30 Uhr abzuholen. So war’s
dann auch und ich hatte wieder mal eine dieser Busfahrten vor mir: zunächst
alle Hotels abklappern, in denen sich ein Musiker gerade aus dem Bett quält
und dann zum „Nepal Music Center“.
„Jazz for the next generation“ eine Kombination aus Konzert und Workshop
stand an. Bei der Ankunft fragte mein australischer Saxofon-Kollege Nick
Aggs noch, ob denn die Tonanlage schon stünde … wenn’s denn nur diese
gewesen wäre. Ungefähr 10 Nepalesen sägten und hämmerten noch an der Bühne
rum, als wir eintrafen. Aber uns war’s egal, denn, wie immer: erst mal
essen!
Bühne: fast fertig…. …noch mal schnell drüberfegen…fertig!
Pünktlich um 15 Uhr trafen dann insgesamt rund 500 Schülerinnen und Schüler
der meisten Schulen Kathmandus ein. Mit großen Augen bestaunten sie unser
Instrumentarium und waren hellauf von der Musik begeistert. Anschließend
erzählten wir Musiker noch etwas über unsere Instrumente, unsere Musik und
natürlich waren die Kinder zwischen 10 und 15 Jahren auch daran interessiert
aus welcher Ecke der Welt wir kommen.
Montag, 16.10.2006
Patan ist eine historische Stadt, acht Kilometer vom Zentrum Kathmandus
entfernt. Der „Patan Museum Square“, den wir am Vormittag besichtigt hatten,
gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Es gibt dort unzählige buddhistische,
wie hinduistische Tempel, Stupas - ein massiver Bau, welcher buddhistische
Reliquien enthält - und den alten königlichen Palast. Der Hof des alten
Königs-Palastes bot am Abend die Kulisse für das Konzert „Jazz at Patan“,
welches, wie die anderen Konzerte auch, ausverkauft war.
An diesem Abend durfte ich unter anderem mit den beiden Musikern Robin Lal
Shrestha an der Tabla und Santosh Bhakta an der Esraj, einer Art Geige, die
einer etwas zu klein geratenen Sitar ähnelt, spielen. Es war eine gute
Erfahrung, zu erleben, wie einfach es manchmal sein kann zusammenzuarbeiten,
obwohl die Musiker aus den verschiedensten Ecken der Welt kommen, denn die
Band für diesen Abend brachte Musiker aus Nepal, Frankreich, Kanada und
Deutschland zusammen. Auch nach dem Konzert unterhielt ich mich noch einige
Zeit mit Santosh, der zwar verwurzelt ist in der nepalesischen Volksmusik,
jedoch, wie er mir sagte immer offen ist für Neues. Das merkte man auch
seinem Spiel und seinen Improvisationen an.
Dienstag, 17.10.2006
Der Tag des letzten Konzerts. Das Abschlusskonzert für das Festival, denn am
Mittwoch machten sich die meisten Musiker auf die Heimreise.
„All-Star-Fever“ wurde der Abend genannt. Im Garten des Shangri-La-Hotels im
Herzen Kathmandus war schon alles fertig und zum Soundcheck bereit, als wir
Musiker eintrafen. Es schien so, als ob unsere Gastgeber uns sagen wollten:
wir schaffen’s auch in der vorgegebenen Zeit, aber jetzt habt ihr keine Zeit
mehr zum Essen! In der Tat, das gab’s erst hinterher. Im Vorfeld des
Konzerts wurde eine Ausstellung eröffnet mit Fotografien und Gemälden, die
Studenten der Kunstschule Kathmandus während, bzw. nach den Konzerten
gemacht hatten.
Ein letztes Mal spielte ich mit meinen Kollegen Rajat, Navin und Pravin
einige meiner Kompositionen. Rajat legte noch mal ein Solo auf der Gitarre
hin, dass mir hören und Sehen verging. Der Junge mit seinen knapp 20 Jahren
würde in unseren Breiten so manchen alten Hasen an die Wand spielen. Wie die
meisten anderen nepalesischen Musiker auch, spielt er völlig unbekümmert und
höchst energie- und druckvoll.
Bevor die letzte Band die Bühne betrat wurde den freiwilligen Helfern, wie
z.B. meinem Band-Supervisor Abin, die während des Festivals und schon Wochen
davor Tag und Nacht an dieser Veranstaltung gearbeitet hatten, ein kleines
Geschenk überreicht. Das komplette Team arbeitete völlig unentgeltlich und
gab sein Bestes, um das Festival zu einem besonderen Ereignis, nicht nur für
uns Musiker werden zu lassen.
Das Abschluss-Konzert, bei dem noch einmal die meisten Musiker spielten,
gipfelte schließlich wieder in einer Jam-Session und das Publikum tanzte
ausgelassen, bis das Festival schließlich offiziell vom Erfinder, Gründer
und Leiter Navin Chhetri für beendet erklärt wurde.
Sax-Überschuss beim All-Star-Jam
Mittwoch 18.10.2006
Der letzte Tag. Nun blieb kurz Zeit, die Hotelanlage genauer in Augenschein
zu nehmen und auch mal den Pool zu testen, bevor es ans Koffer packen ging.
Dann noch mal durch Kathmandus Verkehrsdschungel zum Flughafen.
Bevor ich ins Terminal verschwand, erhielt ich von Abin noch ein
Abschiedsgeschenk in Form diverser CDs, Festival-T-Shirts und einem
Erinnerungs-Gruppenfoto, sowie einem Dankesschreiben der Festivalleitung.
Um 19 Uhr ging meine erste Flugetappe nach Bahrain. Meine Bordkarte sagte
mir „Gate 2“. Auf einigen Schildern war dies auch ausgewiesen. Doch dann
gab’s nur noch einen großen Warteraum mit der Nummer 3. Mir wurde
versichert, dass ich hier vollkommen richtig bin. Dann hieß es der Flug
startet um 20 Uhr. Auch kein Problem, dann muss ich in Bahrain nur 4 Stunden
auf meinen Weiterflug nach Frankfurt warten.
Dann ging eine Tür auf und alle im Wartesaal Anwesenden, ca. 300 Fluggäste,
drückten gleichzeitig durch diese eine schmale Tür … und ich natürlich
mittendrin. Ob das jetzt der Flug nach Bahrain oder Delhi war konnte mir
zunächst niemand beantworten. Anzeigetafeln waren Fehlanzeige. Endlich vorne
angekommen hieß es: „Delhi, Delhi…“.
Gut dann gegen den Strom zurück und noch mal warten. Dann öffnete sich die
Tür ein zweites Mal und siehe da „Bahrain, Bahrain…“ … bye-bye Kathmandu,
vielleicht bis zum nächsten Jahr.
Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich beim Leipziger Kulturamt bedanken. Das Kulturamt hat mir mit seiner schnellen und unbürokratischen
Arbeit die Reise zum Kathmandu Jazzfestival „Jazzmandu“ ermöglicht und meine
Reiskosten in voller Höhe übernommen.