Neuburg
(DK) Nun also doch: Heinz
Sauer in Neuburg. Um einen der wirklich raren
Auftritte der Sphinx der deutschen Jazzszene muß
man als Veranstalter buchstäblich kämpfen. Kein
Musiker verweigert sich seit geraumer Zeit so
kategorisch den Gesetzmäßigkeiten des Business,
keiner hat aber auch der modernen Musik in diesem
Land zu mehr Prägung verholfen, als der
65jährige Frankfurter.
Schon seine Ansage verheißt
Ungewöhnliches. Auf den üblichen CD-Bazar
müssen die Gäste des
"Birdland"-Jazzclub heute verzichten,
weil Sauer meint, daß Konzerte nicht als
Verkaufsveranstaltungen mißbraucht werden
dürfen. "Hören Sie einfach zu," rät
der Tenorsaxophonist und spielt drauflos. Töne
abseits aller Klischees, Blues, Bebop, Neues,
Altbekanntes, Vergeistigtes, Emotionales,
Sonderbares, Wunderbares. Seit den Tagen der
legendären Albert-Mangelsdorff-Combo agiert er
schon nach dem Prinzip des Nonkonformisten, sucht
fortwährend unbesetzte Nischen, in denen seine
Saat keimen darf.
Am besten gelingt dem Eigenbrötler so etwas in
der Nähe von Freunden, wie denen in Neuburg.
Seit 1962 kennt man sich. Damals durfte der
skurille Soundkonstrukteur im Verbund mit seinem
Männerfreund Mangelsdorff die inzwischen
40jährige Jazzgeschichte in der Ottheinrichstadt
mit einem aufsehenerregenden Konzert im
Stadttheater einläuten. Der Unterschied zum
jüngsten Gastspiel liegt allenfalls in der
Besetzung und in der Jahreszahl; denn einen Heinz
Sauer verbiegen zu wollen, hieße dem Jazz ein
Stück seines Herzens und einen Teil seines
Gehirns zu entfernen.
Perfekter Energieleiter für die vielen
musikalischen Atome: das Trio mit dem
amerikanischen Pianisten Bob Degen und dem
Kontrabassisten Stephan Schmolck. Da driftet
nichts auseinander, nichts bleibt im luftleeren
Raum stehen. Es ist die Kultur des subtilen
Hinhörens, des gegenseitigen Erahnens, in dem
Konsens nicht im Widerspruch zum unverminderten
persönlichen Ausdruck steht, in dem sich Stücke
nicht nach Tonarten wie F-Minor, sondern nach
Farben wie braun, rot, orange oder blau
definieren.
Gleichberechtigter Bestandteil dieses
Mikrokosmos: Heinz Sauers Tenor- und
Sopransaxophon. Manchmal, bei Billie Holidays
"Don`t explain", oder Monks
"Awareness", klingt sein Horn, als
wolle er innerhalb eines einzigen Atemzuges,
alles, was in ihm steckt, umreißen. Seine
globale Vorstellung von Jazz. Oder seinen
Tonraum. Für Sauer bedeutet dies keinesfalls,
alle Töne wirklich zu spielen. Er deutet nur an,
was zu sagen ist und läßt weg, was verzichtbar
erscheint. In seinem Spiel feiert eine alte
Tugend Auferstehung: Lakonie, keine Licks, keine
Formalitäten, kein Repertoire- und
Bildungsballast. Dafür Melodie, Ausdruck und
Formstrenge.
Das Frappierendste an diesem Musiker ist jedoch
sein einzigartiger schreiend - zerrender Ton im
Überblasbereich, im Jazz normalerweise ein
Ausdruck von Ekstase oder das von vielen so
gehaßte Free-Chaos. Doch wann hat man je so
beiläufige, gläsern spröde, hauchzarte,
verlorene, menschliche Klänge, so viele heisere,
leise, dringliche, in fließende Bewegungen ohne
Eile übergehende Fragen gehört? Auch wenn die
Resonanz im "Birdland" für den
Künstler beinahe verletzend dürftig ausfiel:
Heinz Sauers Darbietung bleibt in ihrer Tiefen-
und Langzeitwirkung konkurrenzlos.
Reinhard Köchl,
April 1998


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