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"Es
begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus
ausging, dass alle Welt sich schätzen ließe", so
lautet der Beginn der Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Daran
fühlte ich mich, mitten im Sommer, am vergangenen Wochenende
erinnert. Nur hieß der Kaiser nicht Augustus, sondern
"Stulle" (bürgerlich: Harald Thiel) und es ging nicht um eine
Volkszählung, sondern um das Zoom-15-Jubiläum.
Aber: Alle Welt kam oder aus aller Welt kamen welche. Unter anderen
auch ich, herbeigeeilt aus dem Hessenland, wohin es mich verschlagen
hat; andere konkurrierten mit Städten wie Hamburg, Berlin oder
Konstanz.
Zum 30. Jahrestag des Brandes des Jazzclubs Zoom 15 hatten wir, alles
Ehemalige, keine Mühen und Kosten gescheut - und ich habe es
auch nicht bereut. Ganz im Gegenteil, meine nostalgische Ader, die mich
immer wieder in mein Heimatstädtchen zurückholt, kam
voll auf ihre Kosten.
Am Freitagabend traf sich der harte Kern bereits in der
Michelsberggaststätte und beim ersten
erfreut-erstaunten Ausruf "die Löhners Rosi", war ich wieder
die und 35 Jahre jünger. Was bekam ich nicht alles
für Geschichten im Laufe des langen Abends aufgetischt!
Über mich selbst und andere Anwesende. Man riss sich schier um
die drei mitgebrachten Fotoalben, um alte Erinnerungen auch visuell
aufzufrischen
oder, wie in meinem Falle, sich nachweisen zu lassen, dass man nicht ab
der Geburtsstunde des Zoom 15 dabei war, sondern erst später
dazugestoßen war.
Man erzählte Anekdoten wie die, dass ich mir mit einem
Designerfeuerzeug von Michels Weihnachtsgabentisch, das ich
für einen Diagucker gehalten hatte und zum Reinschauen ans
Auge hielt, beinahe eine schlimme Verletzung zugezogen hätte,
wenn nicht ein Gruppenmitglied, das nicht wie die anderen dachte "so
blöd kann die doch gar nicht sein", mir das Ding rechtzeitig
aus der Hand geschlagen hätte, bevor ich die Flamme
auslöste. Einmal konfrontiert mit meiner damaligen(?)
Naivität waren die Schleusen geöffnet und es reihten
sich weitere Geschichten aneinander. Erstaunlich war es, zu entdecken,
welch unterschiedliche Speicher wir haben: man erzählte mir
Begebenheiten über mich, die mir völlig aus der
Erinnerung entschwunden waren und ich konnte anderen Erlebnisse mit
ihnen berichten, die ihnen nicht mehr bewusst waren. Anderen erging es
ebenso und wir genossen dieses Schwelgen in alten Erinnerungen auf
zweifache Art: einmal durch den Lustgewinn des Erzählens und
Zuhörens und zum zweiten durch das Basteln einer Art neuen
Selbstbildes, nach dem Motto "so war ich mal" oder "so bin ich?".
Am nächsten Tag, dem Samstag, sparte ich den anberaumten
Frühschoppen aus, zumal die Nacht in "Hemingways Bar", nicht
in Casablanca sondern in der Gartenstraße, spät
geendet hatte. Dass dieser Früh- zu einem
Spät-Schoppen ausgeartet war, konnte ich an einigen
schwankenden Personen unschwer erkennen, die mir begegneten als ich
nachmittags zum Scharrer nach Altensittenbach fuhr.
Da mir ein Nürnberger Auto die letzte Parklücke
ungeniert vor der Nase wegschnappte, konnte ich dem soeben abfahrenden
Gefährt mit der spielenden Jean Baptistes Jug Band nur
traurig-bedauernd nachschauen. Ein kleiner Trost war dann die
Begegnung mit den betreffenden Nürnbergern, die sich nicht als
aggressive Parkplatzraudis, sondern als liebe, alte Bekannte entpuppten
- alt halt auch in dem Sinne, als sie nicht einmal registriert hatten,
dass ich gleichzeitig hatte einparken wollen, wie sie
glaubwürdig versicherten.
In dem herrlich eingewachsenen und daher schattigen Biergarten der
Scharrerschen Gaststätte herrschte bereits ein lebhaftes
Treiben. Das Ausschauhalten nach bekannten Gesichtern fiel nicht schwer
und alsbald war ich mit verstrickt in die gängigen W-Fragen
: Wer bist du? (falls jemand sich stark
verändert hatte). Wo lebst du? Wie
lebst du (solo oder liiert)? Was machst/arbeitest
du? Wie viele Kinder hast du? Nicht fragen brauchte
man, warum jemand gekommen war und genau das bot die gemeinsame Basis,
auf der die alte Vertrautheit schnellstens aufblühte.
Bei mir bedeutete dies, dass ich mit einer ehemaligen
Nachhilfeschülerin deren verstorbener Mutter gedachte, die mir
öfter während solcher Unterrichtsstunden ein kleines
Glas Sherry hingestellt hatte. Ob sie mir dadurch die Arbeit
versüßen oder durch den Alkohol
erträglicher machen wollte, das kann ich sie leider nicht mehr
fragen. Ihre Tochter jedenfalls bezeugte mir noch heute Dankbarkeit,
obgleich ich mir keinen Verdienst an dem anmaße, was aus ihr
geworden ist (Lehrerin!).
Großen Lacherfolg erzielte ein alter Bekannter, als er
beschrieb, wie seinerzeit er und sein Freund nachts mit einer
Obstleiter durch Hersbruck geschlichen waren, um nach bayrischer Sitte
zu fensterln und dass sie erfolglos von dannen ziehen mussten, da sie
versäumt hatten mein Zimmerfenster zu erkunden. Bei einer
Brigitte hätten sie mehr Glück gehabt - aber wohl
auch nur im Finden des rechten Fensters. Ich fühlte mich
dadurch an ein nächtliches Gesangsduett erinnert, das ich mit
Jean Baptiste, der damals noch der Hummer war, über den Teich
vor dem Jazzkeller auf der Ostbahn schmetterte: "In der Nacht um halbe
ze-ehne, schleicht der Hintertupfer Be-ene kammerfesterlnd zu der
Ma-a-a-ari und der Mond scheint bleich und kasig..."
Ein ehemaliger Klassenkamerad verwickelte mich in ein Gespräch
über die Philosophie (die auch sein Metier geworden ist) des
Epikur und deren Weiterwirken bis zu Thomas von Aquin, über
die Wirkung von Emotionen in Belangen wie Umweltbelastung und das
vermeintliche Versagen der Psychologie (mein Metier) in diesem
Zusammenhang und schließlich über die
Entstehungsgeschichte unseres eigenen Jazzclubs im Spittaltorkeller.
Wir eruierten gemeinsam die Musiker der damaligen Band, mokierten uns
über die dortigen Strom- und Wasserverhältnisse und
über andere Verhältnisse, sprich
Beziehungsgeschichten. Da ich seinerzeit mit für die Bar im
Jazzkeller zuständig gewesen war, oblag mir auch die
Säuberung der Gläser und Aschenbecher.
Fließendes Wasser gab es dort unten nicht, so schleppte ich
alles zu mir nach Hause in die Schulgasse, was bald auf Protest bei
meiner Mutter stieß, die sich "des ganze stinkerte Zeich"
verbat. Erst als ich mir angewöhnte, im Spitalbrunnen einen
Vorwaschgang der abgestandenen Gläser einzulegen, hatte sie
nichts mehr einzuwenden.
Mit unserem Abitur 1966 endete diese Ära und ging für
mich, die ich bereits besuchsweise dort aufgetaucht war und in meiner
jüngeren Schwester eine Vorhut hatte, nahtlos in den
Zoomkeller am Unteren Markt über.
Mittlerweile war die ambulante Zoomband von ihrer Stadtrundfahrt
zurückgekehrt und ich bedauerte, dass die versprochene
Nostalgietour zu den ehemaligen Stätten ihres Wirkens nicht
mehr stattfand. Verband mich doch zur letzten, leider 1972 abgebrannten
Heimstätte des Zoom 15 weit mehr als dieser allein: In dem
betreffenden Anwesen, nahe am Ostbahnhof, war meine beste Freundin
beheimatet und ich hatte dort viele Schulnachmittage verbracht,
offiziell immer zum gemeinsamen Lernen, wofür uns Gerdas
Mutter Honigbrote und Limo in die
Veranda
brachte, wenn uns bei Mathe die Köpfe rauchten. Oft hatten wir
uns aber lieber zu den Johannisbeeren in den Gemüsegarten oder
zum Entspannen in den antikisierten Pavillon im sogenannten Park
verzogen. Vielleicht war es deshalb besser für mich, diesen
dem Erdboden gleich gemachten Ort meiner Erinnerungen nicht mehr
aufzusuchen, weil Wehmut meine fröhlich-aufgekratzte Stimmung
getrübt hätte.
Beim
Scharrer war mittlerweile noch mehr Betrieb, ständig trafen
neue Leute ein, der Bürgermeister, Wolfgang Plattmeier, allen aus alten Zeiten wohl
vertraut, sprach Grußworte und die Band formierte sich zu
größt möglicher Besetzung. Alle ehmaligen
Bandmitglieder gesellten sich zu denen der aktuellen Jean Baptistes Jug
Band, so dass die "Bühne" schier barst und
alle spielten mit Inbrunst und Spaß. Per kleiner
Zwischeneinlagen erfuhren wir, wie es
zu
der Namensgebung der Band gekommen war, nämlich durch die
Übernahme des Namens "Jean Baptiste" von einer Hausinschrift
in in einem Ort in der Oberpfalz, den man während einer
Radtour begeistert für den Jug Bläser (obwohl der
Hermann Hummer heißt) und dann auch für die Band
übernahm. Es scheint sich keiner gewehrt zu haben und so blieb
dieser Name.
Souverän
eine Polizeikontrolle passierend, fuhr ich spät aber
nüchtern in mein Quartier und lieferte neue, alte Bekannte im
"Adler" ab, die dort Zimmer hatten.
Zum Ausklang dieses prall gefüllten Wochenendes versammelten
sich so Unersättliche in Sachen Nostalgie wie ich sonntags um
11 Uhr am Plärrer, um im Konvoi nach Arzloe zu
fahren und von dort nach Waizenfeld zum "Taubers Hans", der Stammkneipe
des Zoom 15, zu wandern. Trotz angeregter Gespräche nahm ich
die herrliche Landschaft wahr und die Hitze gern in
Kauf. Die lange nicht mehr gesehenen Hopfengärten
ließen ganz alte Kindheitsbilder wach werden, als im Hof
meines Elternhauses die Hopfenzupfer saßen und von den
angefahrenen Ranken die Dolden in aufgespannte Säcke zupften
und mich Dreikäsehoch auf den Schoß nahmen, wenn sie
sich zum Vespern an die aufgestellten Tische setzten. Wenn ich meine,
dass damals im Hof auch gesungen wurde, kann das wahr sein oder meinem
Wunschdenken entspringen.
In der Wirtschaft in Waizenfeld konnte die Küche kaum der
angeforderten Menge an Klößen gerecht werden
-
ein aus Hamburg angereister Unersättlicher war erst nach
dreien zufrieden.
Als es gegen vier Uhr ans Abschiednehmen ging, wurde Aufschub
erzwingend darüber philosophiert, wie hart es uns ankomme, aus
der wohltuenden, Schutz vermittelnden Gemeinschaft wieder
hinausgestoßen zu werden in das Einzelschicksal in einer
feindlichen Welt. Fällt Ihnen dabei auch, wie mir, "die
Vertreibung aus dem Paradies" ein?
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